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Full text of "Germania"

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GERMANIA. 


VIERTELJAHRSSCHRIFT 


DEUTSCHE  ALTERTHUM8KUNDE 


HEUAUSGEGEHEN 


FRANZ    PFEIFFER 


ZEHNTER  JAHRGANG. 


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WIEN. 

VEKLAG  VON  CAKL  GEKOLD'Ö  SOHN. 
1865. 


Buchdruckern   von   Carl   Geiold'>   Solm  in  Wien 


INHALT. 


Seite 
Der   mythische  Gehalt   der   Teilsage.    Ein   Beitrag   zur  deutsehen   Mythologie   von 

Heino  Pfannenschmid 1 

Beiträge  zur  Geschichte  und  Kritik  der  Kudrun.  I.  II.  Von  K.  Bartsch....     41 

Zur  Kunde  altdeutscher  Personennamen.  Von  Franz  Stark 92 

Zeugnisse  zur  Heldensage.  Von  F.  P 94 

Das  westfälische  Bauernhaus  —  ein  altdeutsches  Stallgebäude.  Von  Moritz  Heyne     95 

Getaufte  Thiere.  Von  A.  Lütolf 100 

Zum  Cato.  Von  Adolf  Mussafia 101 

Mailand.  Von  A.  Lütolf 102 

Zur  Frau  'Selten'  (Sselde).  Von  Demselben 103 

Beiträge  zur  Sittengeschichte  des  Mittelalters.  Von  Rudolf  Hildebrand    ....    129 

Antonius  von  Pforr.  Von  K.  A.  Barack 145 

Rosengarten.  Von  A.  Lütolf 147 

Beiträge  zur  Geschichte  und  Kritik  der  Kudrun.  III.  Von  K.  Bartsch 148 

Über  den  handschriftlichen  Text   der    gothischen  Übersetzung    des  Briefes    an    die 

Römer.  Von  Leo  Meyer 225 

Neues  Bruchstück  von  Albrecht  von  Halberstadt.  Von  A.  Lübben 237 

Ein  Engel  flog  durchs  Zimmer.  Von  Reinhold  Köhler 245 

Inschriften  mit  deutschen  Runen    auf   den    hannoverschen  Goldbracteaten   und  auf 

Denkmälern  Holsteins  und  Schleswigs,  entziffert  von  Franz  E.  Chr.  Dietrich  257 
Kleine  Mittheilungen.  Von  C.  W.  M.  Grein. 

1.  Das  Reimlied  des  Exeterbuchs ,   305 

2.  Zu  den  Räthseln  des  Exeterbuchs 307 

3.  Das  Wessobrunner  Gebet 310 

Das  Spiel  von  den  zehen  Jungfrauen.  Herausgegeben  von  Max  Rieger Sil 

Zum  Hildebrandsliede.  Von  J.  La m bei 338 

Zu  Freidank.  Von  Demselben 339 

Zum  Märchen  „Der  Gaudieb  und  sein  Meister".  Von  K.  Schenkl 342 

Erdichtete    Liebesbriefe    des    15.    Jahrhunderts    in    niederdeutscher    Sprache.    Von 

Gustav  Schmidt 305 

Kleine  Beiträge  von  Fedor  Bech 395 

Zur  Virgiliussage.  Von  Felix  Liebrecht.        40ß 

Zur  Textkritik  der  angelsächsischen  Dichter.  Von  C.  W.  M.  Grein ||<i 

Die  ungleichen  Kinder  Adam's  und  Eva's.   Von  Franz  llwof 42!) 

Zur  Wiener  Meerfahrt.  Von  Adolf  Mussafia I.;i 

Caspar  Lewenhagen  1443.  Von  Beinhold  Bechstein 1.,  • 

Fiölsvinnsmäl.  Von  Theophil  llupp.    .    . .    .' 433 

Die  Legende  von  den  beiden  treuen  Jacobsbrüdern.  Von  Reinhold  Köhler  .    .    .447 


Seite 

Heimal  and  Dichter  des  Helmbrecht.  Von  Carl  Schröder 455 

Deutsche   Predigten  des   l_.  Jahrhunderts.  Von  K.  A.  Barack 464 

Volkssagen  aus  dem  Ober- Wallis.  Von  Franz  Leibing 473 

Zu  Kudrun.  Von  I.  V.  Zingerle 475 

LITTERATÜR. 

Schriften  über  Mythologie  (von  Schwartz,  Baumgarten,  Grolnnann,  Simroek).    Von 

Th.  Vernaleken  und  Felix  Liebrecht 103 

K.  F.  A.  Mahn,    über   den  Ursprung   und   die  Bedeutung   des  Namens  Germanen. 

Von  A.  Holtzraann 113 

W.  A.  Jütting,  biblisches  Wörterbuch.  Von  Reinhold  Bechstein 115 

Barlaam  und  Josaphat ,    ein    altfranzösisches    Gedicht    aus    dem    13.   Jahrhundert, 

herausgegeben  von  II.  Zotenberg  und  P.  Meyer.  Von  A.  Mussafia    ....   115 

Deutsche  Bibliothek  von  H.  Kurz.  Bd.  3—7.  Von  J.  Lambel 24b' 

Zur  Geschichte  der  Isländischen  Litteratur.  1.  Neu  aufgefundene  Bruchstücke  des 
Hauksbök.  2.  Eyrbyggjasaga,  herausgegeben  von  Gudbrandr  Vigfüssou.  Von 
K.  Maurer 476 

BIBLIOGRAPHIE. 

Bibliographische  Übersicht  der  Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Phi- 
lologie im  Jahre  1864.  Von  Karl  Bartsch..... 343 

MISCELLEN. 

J.  G.  L.  Kosegarten's   handschriftliches   niederdeutsches   Wörterbuch.    Von   Albert 

Hoefer 121 

Andreas  Uppströin  f.  Von  Leo  Meyer 125 

Aufruf  zur  Einsendung  biographischer  Notizen.  Von  Fr.  Pfeiffer 126 

Übersicht  der  Vorlesungen  über  deutsche  Sprache  und  Litteratur,  welche  auf  den 
Universitäten  Deutschlands  und  der  Schweiz  im  Jahre  1864— 1S65  sind  ge- 
halten worden 253 

Möhlmanns  Liedersammlung 256 

Bericht  über  die  Sitzungen  der  germanistischen  Section  der  XXIV.  Versammlung 
deutscher  Philologen  und  Schulmänner  zu  Heidelberg ,  27. — 30.  Sept.  1865. 
VouK.  Bartsch 49S 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE. 

EIN  BEITRAG  ZUR  DEUTSCHEN  MYTHOLOGIE 

VON 

HEINO  PFANNENSCHMID. 


Die  Forschungen  über  den  Urner  Teil  haben  durch  die  verdienst- 
liehen  Untersuchungen  des  Lucerner  J.  E.  Kopp  (namentlich  im  1.  und 
2.  Bande  der  Geschichtsblätter,  Lucern  1854,  1856)  vom  historischen 
Standpunkte  aus  ihren  relativen  Abschluß  erhalten.  Teil  ist  keine  ge- 
schichtliche Person,  er  hat  mit  dem  Entstehen  der  eidgenössischen 
Freiheit  gar  nichts  zu  schaffen.  Nach  Kopp's  Untersuchungen  war 
ein  Teil,  den  gewöhnlichen  Angaben  gemäß,  weder  zu  Ende  des  drei- 
zehnten ,  noch  zu  Anfang  des  vierzehnten  Jahrhunderts  möglich ;  hier 
waren  alle  Verhältnisse  so  sehr  geschichtlich  erhellt,  daß  für  Teil  und 
seine  angeblichen  Thaten,  für  die  Vögte  und  deren  Frevel,  kein  Raum 
mehr  vorhanden  war.  Der  Teil  war  somit  aus  dem  Gebiete  der  Ge- 
schichte ein  für  allemal  ausgewiesen  und  dem  der  Sage  überantwortet 
worden.  Darin  war  das  Urtheil  aller  wahrhaft  Geschichtskundigen 
einstimmig.  Was  aber  sollte  man  nun  mit  diesem  verstoßenen  früheren 
Lieblingskinde  der  Geschichte  anfangen  ?  War  das  alles  nur  Sage, 
war  das  alles  nur  erdichtet  und  erfunden,  was  man  vom  Teil  bis- 
lang geglaubt  hatte?  Das  konnte  unmöglich  so  sein.  Stand  das  doch 
alles  wohlbeglaubigt  in  alten  Schriften ,  und  ihnen  sollte  man  nicht 
mehr  glauben  dürfen?  Das  war  zu  viel.  Am  Vierwaldstättersee 
antworteten  einige  Fanatiker  auf  jenen  ihren  vermeintlichen  Patriotis- 
mus verletzenden  Urtheilsspruch  redlicher  und  mühsamer  Geschichts- 
forschung durch  ein  Autodafe,  das  in  Wirklichkeit  auf  dem  Rütli  gegen 
Ende  der  fünfziger  Jahre  stattfand.    Kopp  wurde  in  effigie  verbrannt, 

GERMANIA  x.  1 


2  II  KINO  PFANNKNS0HM1D 

der  Teil  durch  Machtspruch  gerettet.  Auch  auf  den»  Papiere  wurden 
die  Angrifl'e  und  Machtsprüche  gegen  Kopp's  Forschungen  oft  mit 
kindischem  Trotz  und  in  nicht  sehr  geziemender  Weise  fortgesetzt. 
Jetzt  scheinen  die  Waffen  der  Gegner  stumpf  geworden  zu  sein.  Alle 
Trümpfe  sind  ausgespielt,  und  das  Spiel  ist  jedesmal  verloren  worden. 
Trotzdem  haben  einzelne  Versuche,  den  Teil  zu  retten,  noch  immer 
nicht  aufgehört.  Den  jüngsten  Beitrag  hiezu  hat  Herr  Dr.  v.  Liebenau 
zu  Lucern  gemacht.  Doch  hat  auch  er  in  vielen  nicht  unwichtigen 
Punkten  die  alte  Position  als  unhaltbar  aufgegeben.  Er  stellt  sich  auf 
einen  andern  Standpunkt:  er  verlegt  den  Hergang  der  Sage  in  eine 
frühere  Zeit.  Denn  unmöglich,  so  meint  er,  könne  die  Sage  vom 
Teil  eines  gewissen  historischen  Grundes  entbehren ;  wenn  auch  nicht 
Alles,  so  sei  doch  die  Hauptsache  gewiss  geschichtlich.  Da  nun  die 
bisherigen  Zeitangaben  über  Tell's  angebliches  Leben  und  Wirken 
nicht  passten,  so  schien  es  nicht  unmöglich,  ihn  dennoch  retten  zu 
können,  wenn  man  eine  solche  Zeit  auffinden  würde,  wo  er  sich,  ohne  mit 
der  beglaubigten  Geschichte  in  Widerspruch  zu  gerathen  und  bei  Um- 
gehung und  Beseitigung  der  bisherigen  Einwände,  besser  und  sicherer 
unterbringen  ließe.  Gern  wollte  man  sich  dabei  um  diesen  Preis  zu 
einigen  Concessionen  herbeilassen.  Die  allergröbsten  und  handgreif- 
lichsten Unmöglichkeiten  opferte  man,  so  die  bisherigen  Zeitangaben 
über  den  Aufstand  der  drei  Waldstätte,  den  Geßler  und  Landenberg, 
die  unverständliche  Stange  mit  dem  Hut,  die  Fahrt  nach  Küssnacht. 
Anderes  dagegen  mußte  man  mit  versessener  Hartnäckigkeit  zu  schir- 
men suchen ,  sonst  gab  man  alles  verloren ,  so  den  berühmten  Apfel- 
schuß, den  Sprung  auf  die  Platte  und  die  Tödtung  des  Vogtes:  das 
erste,  weil  die  Unmöglichkeit  eines  solchen  Schusses  nicht  bezweifelt 
werden  konnte;  das  zweite,  weil  es  ein  Wunder  war;  das  dritte,  weil 
es  den  Sitten  einer  früheren  Zeit  so  angemessen  und  zugleich  so  alter- 
thümlich  und  menschlich  erschien.  Aber  Niemand  wird  doch  aus  der 
bloßen  Möglichkeit  auch  die  Wirklichkeit  folgern;  Niemand,  der  die 
Felsplatte  am  Fuße  des  Axenberges  je  sah,  wird  die  Realität  eines 
Sprunges  unter  den  Umständen,  wie  ihn  die  Sage  schildert,  behaupten 
(vgl.  Lütolf,  Germ.  9,  219);  Niemand  wird,  weil  eine  Erzählung  so 
romantisch  ist,  sie  um  deswillen  für  buchstäblich  wahr  nehmen  wollen. 
Wie  aber,  wenn  man  einen  Namen  auffand,  der  etwa  wie  Geßler  lau- 
tete, ja  dessen  Träger  sogar  ein  tyrannischer  habsburgischer  Untervogt 
über  Schwyz  und  Uri  war?  Wie,  wenn  man  nachweisen  konnte,  daß 
wirklich  Burgen  gebrochen  und  zerstört  waren?  Würde  hiermit  nicht 
der  Teil  besser  beglaubigt,  dessen  Existenz  als  historische  Person  man 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  3 

einmal  nicht  beweisen  konnte,  aber  doch  so  gern  der  Schweiz  retten 
wollte?  Herr  Dr.  v.  Liebenau  hat  in  einer  kleinen  Schrift  „Die  Tell- 
sao-e  zum  Jahre  1230"  diesen  Beweis  so  eben  zu  fuhren  gesucht. 
Allein  sein  Beweisverfahren  ist  in  allen  Punkten  verfehlt  (vgl.  meinen 
Aufsatz  „Der  gegenwärtige  Stand  der  Teilsage"  in  der  Allg.  Ztg.  1864, 
Beilage  Nr.  140,  141,  und  Alois  Lütolf  in  der  Germania  9,  217  ff.), 
und  lässt  unzweideutig  erkennen,  daß  er  von  dem,  was  eine  historische 
Sage  ist,  gar  keine  wissenschaftliche  Vorstellung  hat.  Kopp's  Zweifel 
an  der  Existenz  des  Teil  als  einer  historischen  Person  bleiben  also 
auch  für  diese  frühere  Zeit  in  voller  Kraft.  Um  die  Erzählung  vom 
Teil  zu  begreifen,  hat  man  sich  daher  einzig  und  allein  nur  noch  auf 
den  Standpunkt  der  Sage  und  Mythologie  zu  stellen.  Von  diesen 
Dingen  scheint  Hr.  v.  Liebenau  freilich  nichts  zu  wissen,  sonst  hätte 
er  nicht  mit  beinahe  völligem  Schweigen  über  alle  andern  Tellsagen 
so  leicht  hinwegschlüpfen  können.  Ich  hoffe  in  folgender  Auseinander- 
setzung ein  für  alle  Mal  denen  die  Lust  zu  benehmen,  welchen  es  in 
ihrer  naiven  Unwissenheit  noch  einfallen  sollte,  angesichts  des  heutigen 
Standes  der  Sagen-  und  Mythenforschung  nur  vom  historischen  Stand- 
punkte aus  jemals  wieder  eine  Rettung  des  Teil  zu  versuchen. 

Bei  der  nachfolgenden,  sich  in  gemessenen  Grenzen  bewegenden 
Untersuchung  habe  ich  die  Kenntniss  des  gesamraten  hier  einschla- 
genden  Materials,  namentlich  auch  der  verschiedenen  Sagen,  welche 
den  Apfel-  und  Meisterschuß  zum  Inhalt  haben,  voraussetzen  zu  dürfen 
geglaubt.  Die  betreffende  Litteratur  ist  mit  ausreichender  Genauigkeit 
bei  Huber  (die  Waldstätte  etc.  mit  einem  Anhang  über  Wilhelm  Teil 
Innsbr.  1861)  gegeben,  und  die  neu  hinzugekommene  von  mir  im  oben 
angeführten  Aufsatze  der  Allg.  Ztg.  Daselbst  hätte  ich  noch  nennen 
können  die  von  Henne  1861  besorgte  Ausgabe  der  über  die  Teilsage 
keinerlei  Ausbeute  gewährenden  „Klingenberger  Chronik",  über  die  mir 
noch  vor  der  Publication  derselben,  soweit  es  den  Teil  betraf,  Herr 
Decan  Pupikofer  zu  Bischofszell  am  23.  April  1861  bereits  dankens- 
werthe  Mittheilung  gemacht  hatte.  Zur  Kritik  dieser  vielberufenen 
Chronik  vgl.  Waitz  in  den  Nachrichten  von  der  G.  A.  Universität 
und  der  kgl.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Göttingen  1862  Nr.  5, 
S.  73 — 90,  und  Gustav  Scherer  in:  Mittheilungen  zur  vaterl.  Geschichte, 
herausgegeben  von  dem  bist.  Verein  in  St.  Gallen  1862,  1,  65 — 109. 
In  Betracht  kommen  hier  nur  die  Notizen,  welche  Henne  auf  S.  44 
unter  Anm.  rr  zusammengestellt  hat,  und  worin  er  seinen  bekannten 
traditionstreuen  Standpunkt  festzuhalten  sucht.  Hinzugekommen  sind 
seitdem  noch    folgende  Aufsätze:    „Eine  religiöse  Erklärung  der  Tell- 

1* 


4  HEINO  PFANNENSCHMID 

sa-^c"  unter  dein  Zeichen  C  in  der  Allg.  Ztg.  1864,  Beil.  Nr.  174; 
„Ein  historischer  Gesichtspunkt  bei  der  Tellsage"  in  derselben  Zeitung 
1864,  Beil.  Nr.  206  von  A.  Heusler  in  Basel;  ferner:  „Ist  der  Versuch 
einer  mythologischen  Erklärung  der  Tellsage  unstatthaft"  von  Alois 
Lütolf,  und  eine  Notiz  von  mir:  „Die  Tellsage  bei  den  Persern",  beide 
letzteren  Arbeiten  in  der  Germania  9,  217  ff',  u.  das.  234  ff".  Genannt 
zu  weiden  verdient  noch  eine  populäre  Darstellung  von  Dr.  Wilhelm 
Zimmermann  „Der  Teil  des  deutschen  Nordens",  in  der  Illustr.  Welt 
1864.  4.  Hft.  S.  145 — 148.  Endlich  mögen  noch  zwei  Abhandlungen 
erwähnt  sein,  die  sich  mit  der  dramatischen  Tell-Litteratur  vor  Schiller 
beschäftigen,  und  von  denen  die  letztere  die  bedeutendste  und  ausfähr- 
liebste  ist :  „Die  Vorläufer  von  Schiller's  Teil"  von  Aug.  Kahlert  in 
Prutz,  d.  Mus.  1862  Nr.  3,  S  101—111,  und  „die  Teilenschauspiele 
in  der  Schweiz  vor  Schiller",  von  E.  L.  Rochholz,  in  den  Grenzboten 
1864,  Nr.  30—33. 

Die  nachfolgende  Abhandlung,  die  es  sich  zum  Vorwurf  genom- 
men hat,  den  mythischen  Gehalt  der  Teilsage  zu  erforschen,  wird  von 
der  durch  den  Gang  der  Untersuchung  selbst  gerechtfertigten  Annahme 
ausgehen,  daß  sämmtliche  Tellsagen  zusammengehören  und  aus  gemein- 
samer arischer  Wurzel  stammen.  Die  Folgerung,  die  sich  daraus  er- 
gibt,  ist  die,  daß  sich  alle  einzelnen  Teilsagen  gegenseitig  ergänzen 
und  auf  einander  aufklärendes  Licht  wrerfen.  Dies  thun  sie  aber  nicht 
nur  in  den  verschiedenen  Relationen,  welche  über  die  verschiedenen 
und  sich  von  einander  unabhängig  entwickelt  habenden  Localisationen 
der  Sage  vorliegen,  sondern  auch  in  den  Sprösslingen,  die  sie  später 
getrieben  haben.  Aus  dem  gesammten  Teilsagenkreise  treten  nun  ins- 
besondere vier  Erzählungen  bedeutsamer  hervor:  die  persische,  die 
isländische,  die  dänische  und  die  schweizerische.  Unter  diesen  hat  aber 
die  letztere  alle  Elemente  der  Tellsage  in  reinster  Gestalt  bewahrt. 
Diese  nehmen  wir  deshalb  zum  Zettel,  jene  und  alle  übrigen  zum  Ein- 
schlag. Doch  wird  nicht  die  Reihenfolge  der  Begebenheiten,  wie  sie 
die  Urner  Tellsage  bietet,  eingehalten  werden.  Zweckmäßigkeitsgründe 
empfehlen  eine  andere  Ordnung  Diese  ist  bedingt  durch  den  Nach- 
weis über  die  Natur  und  die  Identität  des  Schützen  Eigil-Toko-Tell 
mit  dem  Pfeilkönig  und  Schützengott  Indra  -  Odhin  -  Wodan.  Dieser 
Nachweis  bildet  die  Hauptuntersuchung;  alles  Andere  schließt  sich 
wie  von  selbst  an. 

Die  Teilsage  findet  sich  bei  verschiedenen  Völkern  indo-germani- 
schen  Stammes,    bei   den    Schweizern    bei   weitem    noch   nicht   einmal 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  5 

zuerst.  Der  Apfelschuß  bildet  das  gemeinsame  Charakteristicum  aller 
Tellsagen.  Er  findet  sich  in  Persien ,  Westphalen ,  Island ,  Norwegen 
und  später  in  Schweden  (Kaßmann,  deutsche  Heldensage  2,  XXXII  und 
S.  261),  in  Dänemark,  in  England,  Holstein,  am  Oberrhein  und  in  der 
Schweiz ;  Verwandtes  bei  den  Ehsten  auf  der  Insel  Osel  im  Busen  von 
Riga,  sogar  der  Apfelschuß,  Felsensprung  und  Tyrannenmord  bei  den 
uns  nicht  stammverwandten  Finnen  und  Lappen  (Eduard  Pabst,  Hamb. 
litt.  krit.  Blätter  1856,  Nr.  82).  Die  älteste  litterarische  Aufzeichnung 
der  Sage  vom  Apfelschuß  ist  die  persische;  sie  fällt  schon  um  1175 
unserer  Zeitrechnung  (s.  Germania  9,  224);  dann  folgt  in  Europa 
die  dänische  des  Saxo,  der  um  1204  starb.  Die  beiden  norwegischen 
Sagen  wie  die  isländische  vom  Eigil  sind  gegen  und  um  die  Mitte 
des  dreizehnten  Jahrhunderts,  die  schweizerische  vom  Teil  um  mehr  als 
zweihundert  Jahre  später,  im  Jahre  1471,  aufgezeichnet  worden.  Die 
übrigen  Sagen  sind  noch  jüngeren  Datums.  Der  Schuß  des  Toko  beim 
Saxo  soll  um  986,  der  der  beiden  Norweger  beziehungsweise  50  Jahre 
vor  und  nach  1000,  der  des  Eigil  sogar  um's  Jahr  500  in  Jätland, 
der  des  Teil  um  1308  gefallen  sein.  Man  sieht,  welche  gewaltigen 
Zeiträume  überall  zwischen  dem  angeblich  wirklichen  Vorgefallensein 
des  Schußes  und  der  schriftlichen  Aufzeichnung  liefen.  Die  Wurzel 
sämmtlicher  nordischen  Tellsagen  lässt  sich  aber  bis  in  das  graueste 
germanische  Alterthum  hinein  verfolgen.  Der  Ursitz  derselben  ist 
Westphalen.  Es  ist  bekannt,  daß  sich  der  Bericht  über  den  Schützen 
Eigil  (oder  in  nordischer  Schreibweise  Egil)  und  seiner  Kunstfertigkeit 
im  Bogenschießen  in  der  Saga  von  Welent  dem  Schmied  vorfindet. 
Diese  Saga  gehört  zu  dem  großen  Sagenkreise  der  Thidreksaga  oder 
wie  sie  die  Schweden  seit  dem.  17.  Jahrhundert  nennen,  der  Wilkina- 
saga  (Raßmann,  a.  a.  O.  2,  XXVIII).  Diese  wird  gegen  die  Mitte 
des  13.  Jahrhunderts  (das.  2,  XXIII)  in  Island  von  einem  unbekann- 
ten Isländer  in  altnordischer  Sprache  abgefasst,  geht  von  Island  nach 
Norwegen,  1449  nach  Schweden  und  wird  seit  1476  von  schwedischen 
Chronisten  benutzt.  Der  Ursitz  dieser  Saga,  zu  der  die  Sage  von 
Welent  und  Egil  gehört,  ist  Deutschland,  insonderheit  Sachsenland. 
Die  Heimat  Welents  war  das  Land  südlich  der  oberen  Eder  bei  Siegen 
in  Westphalen.  Schon  im  sechsten  Jahrhundert  muß  diese  Sage  von 
hier  aus  über  die  jütische  Halbinsel  nach  dem  Norden  ausgewandert 
sein.  Daselbst  localisiert  sie  sich  und  dehnt  sich  aus  auf  Jütland, 
Seeland  und  Fühnen,  die  dänischen  Inseln,  den  Norden  und  die  Ost- 
seeländer. Im  Prolog  zur  Thidreksaga  erzählt  der  unbekannte  Ver- 
fasser, daß  seine  Sage,  und  somit  auch  die  Sage  von  Welent  und  Egil, 


HEINO  PFANNEN8CHMID 

aus  dem  Munde  deutscher  Männer  stamme  (Ausführliches  bei  Kaßmann 
2,  213.  214.  264  fi'.).  Die  Kunde,  welche  also  seit  den  Zeiten  ihrer 
Auswanderung  aus  Deutschland  die  Isländer  von  dieser  Sage  noch 
hatten,  wie  das  aus  der  ältesten  Nachricht  über  Wieland  und  Eigil, 
in  dem  eddischen  Völundsliede  hervorgeht  (s.  unten  S.  8) ,  wurde 
aus  Deutschland  her  wieder  aufgefrischt.  Zugleich  sehen  wir  hier- 
aus, daß  dieselbe  Sage,  die  schon  so  früh  nach  dem  Norden  aus- 
gewandert, noch  im  13.  Jh.  in  Deutschland  lebendig  geblieben  war. 
Diese  Auffrischung  aus  der  Urheimat  haben  die  beiden  norwegischen 
Aufzeichnungen  über  Eindride  und  Hemming  in  der  großen  Olav 
Tryggvasonsaga  und  die  dänische  des  Toko  beim  Saxo  nicht  erlitten. 
Sie  haben  sich  eigenartiger  erhalten,  jene  freilich  nicht  ohne  Spuren 
christlicher  Einwirkung,  diese  in  vollständigster  Gestalt,  die  der 
Schweizersage  am  nächsten  kommt.  Die  Sage  von  dem  Schützen  Eigil 
muß  allen  Stämmen  der  Germanen  bekannt  gewesen  sein,  wie  dies  das 
so  überaus  häufige  Vorkommen  des  Namens  Eigil  beweist*).  Die  mit 
dieser  nachweislich  identische  ursprüngliche  Form  dieses  Namens  ist 
Agila,  Agilo.  Seit  dem  vierten  Jahrhundert  finden  wir  sie  bei  den 
Gothen,  Langobarden,  Quaden,  Alamannen;  dann  die  daraus  durch 
Umlaut  entwickelten  Formen  Aigil ,  Eigil,  Aegil,  Egil  bei  fast  allen 
anderen  germanischen  Stämmen.  Sämmtliche  Formen  gehen  zurück 
auf  die  Wurzel  A  G  (Förstemann ,  altd.  Namenbuch  1  ,  9  u.  22  ff.), 
welche  etwas  Scharfes,  Schneidiges,  Spitzes  bedeutet. 

Diese  auf  Förstemann's  Auctorität  sich  stützende  Annahme  bedarf 
einer  weiteren  Ausführung.  Einmal  kommt  es  auf  die  Identität  jener 
Formen  an,  sodann  auf  die  Erklärung  des  Umlautes,  endlich  auf  die 
Deutung  der  Wurzel. 

Die  Identität  jener  Formen  ergibt  sich  erstens  aus  Paul.  Diac. 
lib.  IV.  init. ,  wo  es  heißt:  Aigilolfus  qui  et  Ago  dicitur  (Förstemann 
a.  a.  O.  1,  31).  Hier  liegt  es  klar  vor,  daß  der  Stamm  Agil  von  der 
Wurzel  A  G  herzuleiten  ist.  Ferner  findet  sich  bei  Greg.  Tour,  (f  594), 
dem  ältesten  Geschichtsschreiber  der  Franken,  die  Form  des  Genitivs 
Agilanis  neben  Aegilanis  in  verschiedenen  Handschriften  (Förstemann 
1,  23.  Mone,  Heldensage  138):  also  Agil  =  Aegil.  Endlich  beweisen 
dies  unter  anderen  folgende  bei  Förstemann  (a.  a.  O.)  angeführte  iden- 
tische Formen:  Agilpert,  Aegilperht,  Aegilbert,  Aigelüert,  Aigilbert,  Eigil- 


*)  Über  die  weite  Verbreitung  des  Namens  Eigil  in  Orts-  und  Eigennamen  bei 
allen  germanischen  Stämmen,  über  alle  sonstigen  Beziige  des  Eigil  zu  der  deutschen 
Sage,   insbesondere  über  die  sogen.  Eigilsteine,  soll  ein  anderes  Mal  gehandelt  werden. 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  7 

berht,  Eigilbert,  Egilpert;  Agilbure,  Egilburc;  Agilfrid,  Eigilfrid,  Egil- 
frid;  Agilmar,  Eigilmar,  Egilmar ;  Agilmund,  Egilmund;  Agilward,  Eigil- 
xoard,  Egilward ;  Agilolf,  Eigdolf,  Egilolf  u.  a.  m. 

Aus  diesen  Formen  ersieht  man,  daß  AG  die  Wurzel,  und  ferner 
daß  Agil  eine  Weiterbildung  dieser  Wurzel  ist  (Förstemann  a.  a.  O.  1,  22). 
Aus  dem  Stamme  Agil  haben  sich  nun  die  Formen  Aigil,  Eigil,  Aegil, 
Egil  durch  Umlaut  entwickelt.  Der  Umlaut  von  kurz  a  ist  kurz  e 
(J.  Grimm,  d.  Gram.  3.  Aufl.  1,  72);  er  wird  durch  ein  in  der  Flexion 
oder  Ableitung  folgendes  i  verursacht,  das  auf  die  Reinheit  des  in  der 
Wurzelsilbe  vorangehenden  a  wirkt  und  sie  trübt  (das.  S.  74).  Der  Um- 
1  aut  e  entsteht  aber  aus  ä  durch  folgende  Zwischenstufen.  Hierüber  sagt 
J.  Grimm  (Gram.  1,  555;  vgl.  auch  dens.  in  Aufrecht  u.  Kuhn,  Ztschr. 
],  438):  Der  Umlaut  e  müsse  auf  a  -f-  i  zurückgeführt  werden,  d.  h. 
auf  di,  das  zwar  diphthongisch,  nur  qualitativ  kurz  zu  nehmen  sein 
werde.  Aus  Agil  erhalten  wir  also  zunächst  durch  Umlaut  die  Form 
Aigil,  wobei,  ai  (ei)  kurz  ist  wie  der  Wurzelvocal  a  (vgl.  auch  Mone, 
a.  a.  O.  149).  Aber  das  dem  a  der  Wurzel  nun  unmittelbar  folgende  i 
bewirkt  auch  ferner,  daß  das  a  zu  e  wird:  so  entsteht  aus  ai  das  ei 
in  Eigil  (J.  Grimm,  Gram.  1,  106).  Somit  entwickelt  sich  aus  dem 
ahd.  ai  (=  goth.  di,  Grimm  das.  103,  104)  das  ahd.  ei.  Förstemann 
(in  Aufrecht  u.  Kuhn,  Zeitschr.  2,  340)  hat  in  Bezug  auf  unseren  spe- 
cialen Fall  dargethan,  daß  ai,  ei  in  Aigil,  Eigil,  ahd.  Umlaut  aus  a 
in  Agil  vor  dem  mit  i  auch  sonst  so  befreundeten  g  sei.  Derselbe 
weist  ferner  nach  (das.  2,  348),  daß  ae  ebenfalls  als  Umlaut  von  a 
auftritt  (z.  B.  Agilperht,  Aegilperht) ;  dieses  ae  stehe  dem  unorganischen 
späteren  ei  gleich.  Wir  erkennen  demnach  in  allen  jenen  Formen  neben 
der  historischen  Entwickelung  des  Umlautes  von  ä  durch  äi,  ei,  äe  zu 
e  zugleich  die  Identität  derselben. 

Mit  diesem  Beweise  über  die  Entstehung  der  ahd.  Formen  Aigil, 
Eigil,  Aegel,  Aegil,  Egil  (angels.  Aegel,  altn.  Egil  oder  Egill)  aus  dem 
Stamme  Agil,  der  auf  die  Wurzel  AG  zurückweist,  verbindet  sich  nun 
die  Frage  nach  der  Bedeutung  derselben.  Man  hat  zur  Erklärung  von 
AG  das  ahd.  ekka,  ecke  in  dem  Sinne  von  Schwertesschärfe,  heran- 
gezogen (Förstemann,  Namenb.  1,  9),  dagegen  eine  Beziehung  zu  ahd. 
egel  (hirudo)  abgewiesen  (Mone,  a.  a.  O.  147.  Förstemann  das.  1,  22 
Pott,  Personennamen,  1.  Aufl.  204).  Auch  das  nordische  egg,  Eisenspitze, 
Bergspitze,  ist  hier  anzuführen  (Chr.  Andr.  Holmboe,  det  norske  Sprogs 
Wien  1852,  S.  121).  Grimm  (Wörterb.  3,  33;  vgl.  Myth.  353)  stellt 
den  alten  Mannesnamen  Egill,  dat.  Agit,  vergleichend  zu  Egel,  f.,  aristo, 
palea,  festuca  (das  e  in  Egel  =  ä  aus  a  entstanden),  ags.  egle,  arisia 


> 


HEINO  PFANNENSCHMID 


ahd.  agaleia,  rhamnus,  Aglei.  Einen  Zusammenhang  zwischen  Egel,  m., 
ericiw,  erinaceus  für  Igel,  ahd.  igil,  ags.  igil,  altn.  igull*),  und  Egel 
festuca  weist  auch  Grimm  ab  (Wörterb.  3,  33").  Mone  (a.  a.  O.  150) 
denkt  an  Age,  Aegel,  Aegnen,  Ährenspitzen  und  leitet  diese  Wörter 
von  dem  alten  Diebsgotte  Age*  ab,  in  welchem  Worte  der  Begriff  des 
Spitzigen  und  Schneidigen  liege.  Konrad  Schwenck  (Deutsch.  Wörterb. 
s.  v.  Ähre)  stellt  zu  der  Wurzel  Ar,  Ag  das  griechische  axtg  und  das 
lateinische  ac-ies,  angs.  egh.  altn.  und  dän.  ax.  Nach  Zyro  (Aufrecht 
u.  Kuhn,  Zeitsch.  2,  447)  ist  im  Berner  Oberlande  agla,  agne  =  Granne 
der  Ähre,  die  kleinen  Dingelreste  im  Gespinnst,  gleich  Nadeln  (vgl. 
über  agna  Aufrecht  in  Aufrecht  u.  Kuhn,  Zeitschr.  1,  353);  schwäbisch: 
<iege,  achel,  der  spitzige  Abfall  vom  Flachs,  vgl.  lat.  aculeus.  Die 
Wurzel  ist  nach  ihm  ag,  griechisch  an  (axpog)  =  das  Aufwärtsstrebende, 
Zugespitzte.  Zu  dieser  Wurzel  ac,  die,  wie  H.  Schweizer  (Aufrecht 
u.  Kuhn,  Zeitschr.  1,  152)  bemerkt,  im  Griechischen  und  Lateinischen 
frisch  und  kräftig  in  axgog,  caxvg ,  acer,  acuo,  aqua,  aquilu ,  auch  in 
eguus  treibe,  biete  das  Sanskrit  noch  ein  lebendiges  Verbum  ac  mit  dem 
unendlich  häufigen  Wechsel  von  c  in  p  dar;  ap  heiße  „durchdringen, 
hingelangen,  erreichen".  Ähnlich  vergleicht  Holmboe  (a.  a.  O.)  zu  dem 
nordischen  egg  das  sanskr.  agra,  n. ,  Spitze  und  asri,  f.,  Schwertes- 
schneide, wie  das  bengalische  dg,  Spitze. 

Hiernach  dürfte  es  wohl  feststehen,  daß  die  Wurzel  A  G  den  Be- 
griff des  Scharfen,  Schneidigen,  Spitzigen  enthält,  womit  sich  vielleicht 
der  weitere  Begriff  des  Schnelldurchdringenden  verbinden  mag.    Weiter 

O  DO 

unten  wird  sich  zeigen,  wie  diese  etymologische  Deutung  des  Namens 
Eigil  der  mythischen  Natur  desselben  entspricht. 

Auf  diese  Ausführungen  gestützt  dürfen  wir  mit  Sicherheit  an- 
nehmen, daß  einmal  der  älteste  Name  des  Schützen  überall  bei  den 
germanischen  Völkern  ursprünglich  Agila,  Aigil,  Eigil  u.  s.  w.  geheißen 
hat,  und  daß  zweitens  der  Name  selbst  mythisch  ist  wie  sein  Träger. 
Das  letztere  erhellt  mit  vollkommener  Evidenz  aus  dem,  was  wir  vom 
Schützen  Eigil  und  seinem  noch  berühmteren  Bruder  Wieland  wissen. 
Über  beide  und  den  dritten  Bruder,  Slagfidr,  besitzen  wir  zwei  ver- 
schiedene Überlieferungen,  die  sich  gegenseitig  ergänzen.  Die  eine,  die 
älteste,  gibt  ein  altes  Volkslied,  das  eddische  Wölundslied  (die  Völundar- 
Quida),  welches  dem  sechsten  Jahrhundert  angehört  (in  der  Edda  Sae- 
mundar  T.  II,  S.  3 — 24);  die  andere,  die  jüngere,  erzählt  die  Sage  von 


*)  l'l>er  <1 1 « -  Ableitung  von  ahd,  igil  (echinus)  egala  (sanguisuga)  und  äl  (anguilla) 
f-irli  Adolphe  Pictel   in  Aufrecht  u.  Kuhn,  Zeitschr.  (j,  185  ff. 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  9 

„Welent  dem  Sehmied"  in  der  Thidrecksaga  (s.  Raßmann,  d.  Heldensage 
2,  212  bis  272).  Alle  drei  Brüder,  Wölundr  (Welent,  Wieland),  Eigil 
und  Slagfidr  waren  mit  drei  Walkyren  oder  Schwanjungfrauen  vermählt, 
und  waren  Söhne  des  Riesen  Wade,  eines  Sohnes  des  Königs  Wilkinus 
und  eines  Meerweibes.  Sämmtlicbe  Glieder  der  Sippe  Eigils  sind 
Wesen  göttlicher  Art,  göttliche  und  heroische  Gestalten  der  germani- 
schen Mythologie.  Sie  alle  sind  auf  die  vielfachste  Weise  tief  mit  der 
nordischen  und  deutschen  Mythologie  und  Sage  verflochten  und  lassen 
sich  meistens  und  vorzugsweise  als  odhinisch -wodanische  Wesen  er- 
weisen. Bevor  dies  aber  geschehe,  wird  es  zweckmäßig  sein,  diejenigen 
Eigenschaften  des  üdhin- Wodan  ans  Licht  zu  stellen,  welche  haupt- 
sächlich zur  Feststellung  der  Identität  des  Eigil  mit  jener  Gottheit 
erforderlich  sind.  Dabei  werden  wir  uns  zunächst  an  die  indische 
Mythologie  und  insbesondere  an  diejenigen  göttlichen  Figuren  der- 
selben halten  müssen,  welche  dem  Odhin-Wodan  selbst  zur  Grundlage 
gedient  haben; 

Die  Vorstellung  von  Wodan  als  göttlichen  Bogenschützen  ist 
uralt,  aber  später  verdunkelt  worden.  Das  zeigt  sowohl  eine  Verglei- 
chung  mit  dem  Indra  als  auch  mit  dem  Rudra  der  indischen  Mytho- 
logie, die  beide  dem  germanischen  Wodan  zu  Grunde  liegen  (Mannhardt, 
Götterwelt  1,  183).  Indra,  der  Gott  des  blauen  Himmels,  führt  zur 
Vernichtung  der  feindlichen  Dämonsgewalt  den  Donnerkeil.  Dieser 
hatte  die  Gestalt  eines  aus  den  Wolken  geschleuderten  Keiles,  Streit- 
hammers oder  Speeres,  und  er  kehrte  stets  in  die  Hand  des  Gottes 
zurück.  Aber  Indra  führte  auch  Bogen  und  Pfeile.  Sein  heilbringender 
Bogen,  der  zahllose  Schüsse  thut,  ist  mit  Kunst  geformt;  sein  gol- 
dener Pfeil  ist  sicher  treffend  (Mannhardt,  Germ.  Mythen  105.  107). 
Rudra,  der  Sturmesgott,  heißt  wie  Indra,  der  Donnerkeilträger,  und 
ist  mit  dem  verderbenbringenden  Speer  wie  Odhin  und  Pallas  ausge- 
stattet, nämlich  mit  dem  Blitze  (Kuhn,  Herabkunft  des  Feuers  202). 
Oben  vom  Himmel  herab  schleuderte  er  den  glänzenden  Pfeil  zur  Erde 
(H.  Leo.  in  Wolf,  Zeitschr.  1,  57).  Aus  der  Sturmeswolke  sandte  er 
Pfeile  von  starkem  Bogen,  bald  den  Speer,  bald  den  Donnerkeil  her- 
nieder (Mannhardt,  Götterw.   1,  66). 

Die  Begleiter  beider  Götter  sind  sowohl  die  Maruts  als  die  Ribhus. 
Ursprünglich  sind  diese  Geisterscharen  selig  verstorbener  Menschen 
ganz  identisch;  im  vedischen  Glauben  erscheinen  sie  schon  getrennt, 
und  man  dachte  sie  sich  in  allem  Leben  der  Natur  als  Elementar- 
geister thätig  (Kuhn,  Zeitschr.  f.  vgl.  Sprachf.  4,  102  ff.,  bes.  S.  115. 
Mannhardt,  Genn.  Mvth.  43).    Waffengesehmückt    fahren  die  Marutjä 


10  II KINO  PFANNENSCHMID 

durch  die  Luft,  ihr  lauter  Gesang,  das  Sturmgebraus,  macht  Himmel 
und  Erde  erbeben,  Berge  erzittern,  Bäume  stürzen  und  die  Wolken 
zerstieben  (Mannhardt  das.  38  ff.).  Von  ihren  ferntreffenden  Bogen 
heißen  sie  Sudhanvanäs,  d.  i.  Bogenschützen  (Kuhn,  das.  4,  103).  Die 
Maruts  entsprechen  in  der  deutschen  Sage  den  Geistern  der  Gestor- 
benen, die  im  wüthenden  Heer  oder  in  der  wilden  Jagd  mit  Wodan 
einherfahren  (Kuhn,  in  Haupt's  Zeitschr.  f.  d.  d.  Alterth.  5,  488  ff.).  Als 
Personificationen  der  Sturmwinde  heißen  sie  Söhne  (der  l'ricni,  ihrer 
Mutter,  s.  Benfey,  Übers,  des  Rig-Veda  in  Orient  und  üeeident  2, 
252  Anm.  911;  sie  ist  im  Naturmythus  =  Wolke,  der  sie  als  Blitz 
entflieht,  das.  1,  388  Anm.  334,  und)  des  Rudra,  und  deshalb 
stehen  sich  in  dieser  Hinsicht  Rudra  und  Wodan  gleich  (Mann- 
hardt, Germ.  Myth.  44).  —  Wie  den  Rudra,  so  begleiten  sie  aber 
auch  den  Indra  (Mannhardt,  das  38  ff.).  Der  furchtbare  und  gewal- 
tige Widersacher  des  Indra  (in  älterer  Zeit  des  Trita)  ist  der  verhül- 
lende Wolkendämon  Vritra.  Dieser  raubt  die  himmlischen  Kühe,  d.  i. 
die  lichtweißen  Regenwolken  und  die  Lichtstrahlen,  den  reichen  Schatz 
der  Regennässe  und  des  Sonnengoldes  und  birgt  dies  in  seiner  finsteren 
Höhle,  der  schwarzen  Gewitterwolke  (Mannhardt,  Germ.  Myth.  75  ff., 
154  ff).  Während  des  Winters  hält  der  Dämon  die  geraubten  Him- 
melskühe (Wolken  und  Sonnenstrahlen)  und  Wasserfrauen  oder  Jung- 
frauen in  seiner  Höhle,  seinem  Berge  oder  seiner  Burg,  worin  sie  wie 
verzaubert  liegen,  zurück.  Statt  einer  Burg  werden  auch  sieben  oder 
mehrere  genannt.  Die  sieben  Burgen  entsprechen  dann  den  sieben 
Wintermonaten,  während  welcher  die  Wasser,  die  Wasserfrauen,  der 
Schatz  des  Goldes,  die  Lichtstrahlen,  eingeschlossen  und  gefangen  gehal- 
ten werden  (Mannhardt,  Germ.  Myth.  153,  160.  Götterwelt  1,55.56). 
Gegen  diesen  Wolkendämon  kämpft  Indra  mit  Pfeil  und  Bogen  (Kuhn, 
Haupt's  Zeitschr.  5,  488  Anm.*)  unter  dem  Beistande  seiner  Maruts. 
Blitze  sind  die  Waffen  beider  Feinde.  Von  allen  Göttern  verlassen  steht 
Indra  allein  in  diesem  Kampfe  gegen  Vritra  und  seine  Dämonen,  und 
nur  die  Maruts  leisten  ihm  Beistand  und  helfen  und  folgen  ihm  zum 
Siege  (vgl.  Schwarz,  Naturansch.  1,  222);  d.  h.  durch  Blitz  und  Sturm 
wird  der  Gewitter-  oder  Wolkendämon  verjagt,  seine  Burgen  gebro- 
chen, sein  Raub  ihm  abgenommen,  er  selbst  erlegt :  die  Gewitterwolke 
wird  vertrieben.  Indra's  Macht,  der  blaue  Himmel,  wiederhergestellt 
und  der  Sommer  ist  da  (Kuhn,  Zeitsch.  4,  115;  vgl.  auch  dens.  in 
Haupt's  Zeitschr.  5,  485). 

In    ähnlich   nahem  Verhältniss   wie   die   Maruts    stehen    auch    die 
Ribhus  (d.  i.  „die  Künstler"  Benfey,  Übers,  des  Rig-Veda,  in  Orient 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  ]  1 

und  Occident  1,  27,  Anm.  103)  zu  Indra,  die  ebenfalls  im  griechischen 
und  germanischen  Mythus  nachgewiesen  sind.  Die  Verrichtungen  der 
Maruts  und  der  Ribhus  sind  häufig  vertauscht,  in  so  naher  Verwandt- 
schaft stehen  sie  miteinander  (Kuhn,  in  Haupt's  Zeitschr.  5,  490; 
Mannhardt,  Germ.  Myth.  41,  44).  Die  Ribhus  walten  wie  jene  auch 
im  Winde  und  ihr  Gesang  ist  das  brausende  Sturmlied  (Mannhardt, 
Götterwelt  1 ,  49).  Doch  scheint  ihr  Element  mehr  das  Gebiet  der 
Sonnenstrahlen  und  des  Blitzes  zu  sein  (Mannhardt,  G.  M.  41).  Sie 
sind,  wie  Kuhn  (Zeitschr.  f.  vgl.  Spracht".  4, 120)  bemerkt,  bereits  von  Yäska 
für  die  Sonnenstrahlen  erklärt,  wie  auch  Säyana  (in  R.  6,  3,  8)  das  Wort 
rbhuh  geradezu  durch  sürya  deute  (vgl.  auch  Mannhardt,  G.  M.  141). 
Sürya  ist  aber  der  Sonnengott  Savitar  (Benfey,  Übers,  des  Rig-Veda, 
in  Orient  und  Occident  1,  29,  Anm.  114),  Tvashtar  (d.  i.  „Bildner, 
Schöpfer",  Benfey  a.  a.  O.,  Anm.  116).  Selbst  mit  Agni  stehen  die 
Ribhus  im  Zusammenhange  (Kuhn,  das.  4,  108).  Als  berühmte  Schmiede- 
künstler, die  den  Göttern  wunderbare  Kleinode,  so  dem  Indra  den 
Donnerkeil,  verfertigt  haben,  stehen  die  Ribhus  auch  unter  der  Herr- 
schaft des  Tvashtar.  Sachlich  und  etymologisch  entsprechen  die  Ribhus 
den  germanischen  Eiben  (Kuhn,  Zeitschr.  4,  110;  Schweitzer  das. 
I,  562;  Mannhardt,  G.  M.  46).  Hier  liegt  ihre  Verwandtschaft  mit 
den  Zwergen;  denn  diese  und  die  Eiben  sind  ursprünglich  dasselbe 
(Grimm,  Myth.  412:  Kuhn,  das.  4,  110;  vgl.  Mannhardt,  G.  M.  472  ff.). 
Doch  gleichen  die  Eiben  mehr  den  Maruts,  die  Zwerge  mehr  den  Ribhus 
(Kuhn,  das.  4,  109).  Als  treffliche  Bogenschützen  heißen  die  Ribhus 
Söhne  des  Angirasen  Sudhanvan,  d.  i.  dessen  mit  dem  trefflichen  Bogen 
(Kuhn,  das.  4,  111).  Aus  der  Schaar  der  Ribhus  ragen  nun  durch 
ihre  Thaten  besonders  drei  hervor  (vgl.  Benfey  in  Orient  und  Occident 
1,  106,  Anm.  440),  die  deshalb  in  die  unmittelbare  Gemeinschaft  der 
Götter  aufgenommen  wurden :  „  Väja  wurde  der  Künstler  der  Götter, 
Ribhuxäs  des  Indra,  Vibhvan  des  Varuna"  (Kuhn,  das.  4,  111).  Aus- 
drücklich werden  diese  drei  Brüder  nach  demselben  Forscher  (das. 
4,  103)  Ribhus,  Vibhvä  und  Väjas  genannt  oder  mit  allgemeiner  Be- 
zeichnung der  älteste,  jüngere  und  jüngste;  der  mittlere  der  Brüder 
werde  nur  selten  erwähnt.  Daß  diese  drei  Brüder  in  der  germanischen 
Mythologie  genau  Wieland,  Slagfidr  und  Eigil  sind,  hat  Kuhn  zur  Evi- 
denz nachgewiesen  (das.  4,  95  ff.,  bes.  S.  110  ff.).  Weiter  unten  wird 
der  Ort  sein,  hierauf  zurückzukommen. 

Aus  vorstehenden  Bemerkungen  ergibt  sich  nebenbei  für  unseren 
Zweck  soviel,  daß  wir  es  hier  jedenfalls  mit  den  ältesten  Elementen 
alles    mythischen    Empfindens    und    Anschauens    zu   thun    haben.    Die 


12  HEINO  PFANNENSCHMID 

Bilder  sind  noch  außerordentlich  flüssig;  deshalb  können  sie  auch  im 
weiteren  Process  der  Verdichtung  in  der  germanischen  Mythologie  bald 
dem  Thor-Donar,  bald  dem  Odhin-Wodan  zugeschrieben  werden.  Hier 
kommt  es  nur  darauf  an,  wie  ferner  noch  erhellen  wird,  die  Beziehung 
zu  Wodan  hervorzukehren.  In  der  unserer  germanischen  zu  Grunde 
liegenden  indischen  Mythologie  befinden  wir  uns  in  Betreff  obiger  my- 
thischen Anschauungen  auf  dem  Boden  des  Sturmes ,  des  Gewitters, 
des  Kampfes  zwischen  zwei  feindlichen  Naturgewalten,  aus  welchem 
die  eine,  deren  Repräsentant  der  Himmelsgott  Indra  ist,  siegreich  her- 
vorgeht. Seine  Waffen  sind  Blitz  und  Sonnenstrahlen,  seine  Gehülfen 
Sturm-,  Blitz-  und  Sonnen wesen.  Daß  hiernach  neben  dem  Gewitter, 
Blitz  und  Sturm,  auch  die  Gestirne  des  Himmels,  namentlich  die  Sonne, 
der  mythenbildenden  Phantasie  den  ersten  physikalischen  Stoff  boten, 
dürfte  kaum  abzuweisen  sein.  Aber  diese  Naturvorgänge  konnte  man 
nur  nach  menschlicher  Art  und  Weise  denken:  man  übertrug  die 
nächstliegenden  menschlichen  Verhältnisse  mit  den  Na- 
turvorgängen vergleichend  auf  diese.  Aus  der  Verschmel- 
zung dieser  beiden  Elemente  entstehen  durchweg  die 
verschiedenen  ältesten  Mythen.  Dabei  spielen  hervorragende 
Menschen  und  ihre  Thaten  eine  wichtige  Rolle ,  wie  wir  das  an  den 
mit  den  Maruts  ursprünglich  identischen  Ribhus  sehen ,  die  aus  sterb- 
lichen Menschen  zu  göttlichen  Wesen  erhoben  und  von  denen  besonders 
drei  unter  die  Zahl  der  Götter  aufgenommen  wurden.  Unter  diesen 
Dreien  erkennen  wir  den  Einen  als  den  göttlichen  Bogenschützen: 
dieser  war  also  ursprünglich  ein  Mensch.  Wir  brauchen  gar  nicht 
ausdrücklich  zu  lesen,  welches  seine  Thaten  gewesen;  sie  spiegeln  sich 
ab  in  den  großen  Naturkämpfen.  Der  von  allen  Göttern  verlassene,  fast 
schon  besiegte  Indra  erlegt  mit  sicher  treffendem  Geschoß  im  Sturm- 
gebraus den  Wolken-  oder  Gewitterdämon:  der  menschliche  Schütz 
erlegt,  fast  schon  überwunden,  durch  sichern  Schuß  seinen  Gegner. 
Das  ist  der  menschlich-sagengeschichtliche  Gehalt  der  Mythe.  Mensch- 
licher Zweikampf  wird  das  Bild  für  den  Naturvorgang;  aus  diesen  bei- 
den Elementen  setzt  sich  der  Urmythus  zusammen.  Auf  dieser  Stufe 
liegt  demnach  auch ,  um  dies  hier  gleich  anzudeuten ,  die  Urform  der 
Tellsage:  der  Meisterschuß  und  die  Tödtung  des  Tyrannen.  Die  Be- 
rechtigung aber  statt  von  jenem  Ribhu-Schützen  von  Indra  zu  sprechen, 
liegt  darin,  daß,  obwohl  sich  die  Anschauung  von  jenem  Naturkampfe 
aus  ursprünglich  verschiedenen  Elementen  zusammensetzt,  der  Natur- 
vorgang selbst  als  ein  Ganzes  gefasst  werden  muß.  Was  die  Maruts 
und  die  Ribhus,    die    heulenden  Sturmwinde    und  die   sichertreffenden 


DEB  MYTHISCHE  GEHALT  DEE  TELLSAGE.  13 

Bogenschützen  im  Kleinen  thun,  das  verrichten  ihre  Väter,  der  Rudra 
und  Indra,  im  Großen  (vgl.  Schwarz,  Näturansehauungen  1,  224).  Im 
Verfolg  des  auf  anthropologischer  Grundlage  sich  weiter  entwickelnden 
mythischen  Processes  sind  Rudra  und  Indra  der  Inbegriff  aller  jener, 
diese  hinterher  so  zu  sagen  Personificationen  jener  beiden  Götter  gewor- 
den. Auch  sind  beide  in  Betrefi  des  Pfeiles  und  des  Bogens,  welches  sie 
führen,  identisch:  ihr  gemeinsamer  Feind  ist  der  Wolken-  oder  Ge- 
witterdämon, den  der  zu  höherer  Bedeutung  gelangte  Indra  erlegt. 

Was  sind  aber  des  Rudra  und  des  Indra  Pfeile?  Es  sind  so- 
wohl Blitze  als  Sonnenstrahlen.  Sind  die  Pfeile  in  Rudra's  Hand  nur 
die  Blitze,  so  sind  sie  als  Indra's  Geschoß  beides,  entweder  Blitze 
oder  Sonnenstrahlen.  Jenes  ist  unzweifelhaft;  dieses  bedarf  noch  einer 
kurzen  Bemerkung.  Indra  ist  Gott  des  blauen  Himmelsgewölbes,  also 
zunächst  nicht  Sonnengott.  Doch  berührt  er*  sich  mit  diesem  auf's 
engste.  Es  wurde  schon  angedeutet,  daß  die  Ribhus,  deren  Herr- 
scher Indra  ist,  auch  als  Sonnenstrahlen  gelten.  Heißt  es  doch  vom 
Indra,  daß  er  seine  Feinde,  des  Vritra  Vasallen,  durch  das  Sonnen- 
licht überwunden  habe  (Rigv.  Rosen  XXXIII,  8  bei  Mannhardt,  G.  M. 
141,  Anm  1).  Deshalb  wird  auch  Indra  bisweilen  mit  der  Sonne  selbst 
identificiert,  wras  auch  seine  häufige  Verbindung  mit  dem  Sonnengotte 
Vlshnu  ausdrückt  (die  Beweisstellen  des  Sämaveda  bei  Mannhardt  das. 
S.  141,  Anm.  2  u.  ff.).  Auch  ist  der  Wagen  oder  das  Falbengespann, 
auf  welchem  Indruh  sthätd  (für  Dyaush  pitä  sthätä  =  Juppiter  stutor') 
steht,  die  Sonne  selbst  (Benfey,  Orient  und  Occident  1,  200  u.  S.  414, 
Anm.  513).  Die  Sonnenstrahlen  hängen,  wie  oben  ebenfalls  gesagt 
wurde,  mit  dem  Sonnengotte  Süry<i  oder  Savitar  zusammen.  Und  ist 
es  nicht  Indra,  welcher  der  feindlichen  Dämonenwelt  das  ihm  geraubte 
Sonnengold  wieder  abzwingt?  Im  Gewitter  geschieht  dies  durch  Donner 
und  Blitz',  bei  finsterem  Regen  durch  die  Sonnenstrahlen.  Indra  muß 
also  nach  dieser  Seite  hin  mit  dem  Savitar  identisch,  er  muß  als  Him- 
melsgott auch  Sonnengott  sein.  Es  sind  aus  ganz  verschiedenen  und 
sich  von  einander  ursprünglich  völlig  selbstständig  entwickelt  haben- 
den Vorstellungskreisen,  dem  des  Rudra  und  dem  des  Savitar,  die 
sich  auf  den  Kampf  mit  dem  Gewitter-  und  Wolkendämon  bezüglichen 
Seiten  in  die  Gestalt  des  mächtigen  Indra  zusammengeflossen.  Als 
solcher  ist  er  denn  auch  der  Urschütz,  der  Blitz  und  Sonnenstrahlen 
von  seinem  Bogen,  der  zuweilen  auch  als  Regenbogen  erscheint,  ab- 
sendet. Daß  man  aber  „die  Strahlen  der  Sonne,  des  Mondes,  der  Ge- 
stirne als  Geschütz  und  Waffen,  insbesondere  als  Pfeile  dachte,  ist 
ein    altes    und  in    der  Mythologie    weitverbreitetes    Biid"    (Prellcr,   gr. 


u 


1IKINO  PFANNENSCHMID 


Myth.  1,  222;  Welcker,  gr.  Götterlehre  1,  537;  Schwarz,  Natur- 
anschauungen 1,  93.  94.  —  Über  das  Geschrniedetwerden  des  Blitzes 
s.  das.  104).  Auch  des  Apollon  Pfeile  sind  ebensowohl  Sonnenstrahlen 
als  Blitze  (s.  Preller  u.  Welcker  a.  a.  O. ,  Pott  in  Kuhn's  Zeitschrift 
7,  95,  Schwarz,  Ursp.  der  Myth.  101  ff.).  Wie  nun  die  Sonne  sich 
in  den  Mythus  von  Indra  einflicht,  ja  mit  ihm  identificiert  werden 
konnte,  so  gelten  auch  Blitze  wie  Sonnenstrahlen  als  seine  Waffen  unter 
dem  bereits  bezeichneten  Bilde  des  Pfeiles. 

Nach  diesen  Ausführungen  wird  es  gewiss  nicht  mehr  befremden, 
wenn  wir  schließen  dürfen,  daß  auch  der  mit  dem  Indra  in  mehr  als 
einer  Hinsicht  (vgl.  Kuhn  in  Haupt's  Zeitschrift  5,  487  ff.)  identische 
Odhin  -  Wodan  Pfeil  und  Bogen  geführt  habe.  Diese  Meinung  wird 
denn  auch  wirklich  bestätigt.  Kuhn  hat  in  Haupt's  Zeitschr.  5,  474  ff. 
u.  S.  488)  bereits  den  Nachweis  geliefert,  daß  Odhin  einst  durch  Pfeil 
und  Bogen  berühmt  war  (vgl.  Menzel,  Odin  161).  Simrock  (Myth.  1.  Aufl. 
567),  Felix  Liebrecht  (Gervasius  v.  Tilbury  176,  Anm.  7)  und  Mannhardt 
(Götterwelt  1,  183)  stimmen  zu.  Nur  Wolf  (Beiträge  z.  d.  Myth.  1,  12, 
Anm.  2)  kann  ich  nicht  beipflichten ,  wenn  er  unter  Bezugnahme  auf 
Kuhn's  so  eben  citierten  Aufsatz  meint,  daß  Wodan's  Speer  in  Eng- 
land erst  zum  Pfeile  geworden  zu  sein  scheine.  Beide  Vorstellungen, 
meine  ich,  sind  gewiss  gleich  alt.  Als  Robin  Hood  kämpft  Wodan 
mit  Bogen  und  Pfeil  gegen  die  Macht  des  bösen  Winters  (Mannhardt, 
Götterw.  1,  144.  156).  Wodan's  Pfeil  ist  aber  dasselbe  wie  sein  Speer, 
und  dieser  ist  ein  Symbol  des  Blitzes  (vgl.  Wilh.  Müller,  Gesch.  und 
System  d.  altd.  Rel.  193,  Anm.  3.  Schwarz,  Ursprung  der  Myth.  68 
u.  a.  a.  Stellen).  Der  Pfeil  bedeutet  aber  hinwieder  soviel  wie  Sonnen- 
strahl; denn  der  einäugige  Odhin -Wodan  ist  auch  die  Sonne  (vergl. 
Mannhardt,  Götterw.  1,  133  u.  156;  Schwarz,  Volksglaube  S.  103), 
er  ist  Himmelsgott  wie  der  griechische  Apollon,  und  auch  in  der  ger- 
manischen Mythologie  werden  überhaupt  die  Sonnenstrahlen  häufig  als 
Pfeile  gedacht  (Mannhardt,  Götterw.  1,  258.  263).  Wann  aber  des 
Wodan  Pfeile  als  Blitze  oder  Sonnenstrahlen  zu  fassen  sind,  lässt  ganz 
einfach  die  Scenerie  des  jedesmaligen  Mythus  erkennen.  Bei  Gewitter- 
mythen wird  man  vorzugsweise  an  Blitze,  bei  Mythen,  die  es  nur  mit 
der  Regenwolke  zu  thun  haben,  an  Sonnenstrahlen  denken  müssen. 
Wodan  ist  nicht  nur  Gewittergott,  wie  Simrock  (Myth.  241,  286)  und 
Schwarz  (der  heutige  Volksglaube  S.  31)  nachgewiesen;  er  ist  auch 
der  Sonnengott  (Simrock,  Myth.  255).  Sein  Widersacher  und  finsterer 
Feind  ist  der  Gewitter-  oder  Wolkendämon  oder  auch  der  Winterriese. 
Diesen  erlegt  er  durch  seine  Pfeile,  sei  es  im  Gewitter,  im  Sturm  und 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  15 

Regen  oder  in  den  Frühlingswettern.  Als  Pfeilkönig  sind  dem  Odhin- 
Wodan  von  den  germanischen  Göttern  Hoenir  (Schwenk,  Myth.  der. 
Germanen  117  ff.,  vgl.  Weinhold  in  Haupt,  Zeitschr.  7,  24;  W.  Müller 
in  Schambach  u.  Müller,  Nieders.  Sagen  416,  Anm.  2;  Mannhardt, 
Götterw.  1,  257)  und  Ullr  identisch  (Simrock,  Myth.  336  ff.;  Weinhold 
a.  a.  O.  S.  26;  Mannhardt  das.  1,  258).  Wie  Indra  in  den  Maruts  und 
Ribhus  Gehülfen  in  diesem  Kampfe  hat,  so  gewiss  werden  auch  in 
demselben  Kampfe  Eiben  und  Zwerge  dem  Odhin-  Wodan  Beistand 
geleistet  haben,  obwohl  diese  Beziehung  später  sehr  verblasst  ist  (vgl. 
Grimm,  Myth.  432).  Aber  sie  erhält  neues  Licht,  wenn  wir  erwägen, 
daß  jener  Ribhu-Schütz  mit  dem  germanischen  Eigil  wesensgleich  ist: 
beide  sind  Schmiedekünstler,  der  indische  Väja- Teil  als  Ribhu,  der 
germanische  Eigil-Tell  als  Bruder  des  Alfenfürsten  Welent.  Und  wie 
jener  Ribhu-Schütz  mit  Indra,  so  ist  dieser  germanische  Schütz  Eigil 
mit  Odhin-Wodan  identisch.  Es  wird  nöthig  sein,  dies  näher  darzuthun. 
Die  Urahnmutter  Eigils  des  Schützen  ist  Frau  Wächilt  (Käm- 
pferin der  Wogen),  ein  Meerweib,  eine  Wasserfrau  (W.  Grimm, 
d.  Heldens.  209;  Raßmann  a.  a.  O.  2,  157),  im  Naturmythus  nichts 
anderes  als  die  Wolke  (Mannhardt,  G.  M  726;  Schwarz,  Natur- 
anschauungen 1,  117).  Ihr  Gemahl,  der  mythische  König  Wilkinus, 
ist  eine  Hypostase  des  Gottes  Wodan.  Denn  Wodan  ist  es,  der  auf 
der  Insel  Moen  als  Grönjette  sieben  Jahre,  d.  i.  die  sieben  Winter- 
monate lang  die  Meerfrau  jagt,  und  auf  Fühnen  als  Palnajäger  mit 
Köcher  und  Bogen  bewaffnet ,  ein  Weib  hetzt  und  erlegt  (Grimm, 
Myth.  896;  Mannhardt,  Götterw.  1,  154;  Schwarz,  Volksglaube  24). 
Der  mit  dem  Eigil  ohne  Frage  identische  dänische  Meisterschütz  heißt 
Toko,  der  Sohn  des  Paine,  woraus  Palnatoke  geworden  ist.  Dieser 
Palnajäger  der  späteren  Sage  ist  aber  wie  der  bärtige  Riese  Grönjette 
anerkanntermaßen  Gott  Wodan.  Das  Weib  oder  die  Meerfrau,  welche 
er  jagt,  ist  seine  Gattin,  die  Göttin  Freyja-Frigg,  d.  i.  ursprünglich 
die  Wolkenfrau,  die  Wolke,  welche  (vom  W'interdämon)  sieben  Winter- 
monate eingefroren  war,  durch  Wodan  den  Sturmgott  aber  im  Früh- 
ling erreicht  und  zerrissen,  und  der  Erde  ihren  Segen  zu  spenden  ge- 
zwungen whd  (Mannhardt,  G.  M.  291;  Schwarz,  Urspr.  der  Myth.  5; 
der  Volksglaube  22  ff.  u.  25).  Auch  des  Schützen  Eigil  Weib  ist  eine 
Walkyre  oder  Schwanjungfrau ,  im  Naturmythus  soviel  wie  Wolke 
(Mannhardt  a.  a.  O.  564).  Es  sind  demnach  Eigil  und  sein  Weib  iden- 
tische Figuren  mit  ihren  Ureltern,  alle  diese  aber  Hypostasen  des 
Wodan  und  der  Frigg.  Da  nun  der  Sturmgott  Wodan  durch  die  Ge- 
stalt  des   Palnajägers,    der   als    Meisterschütz    mit  dem    Meisterschütz 


16 


MKINO  PFANXENSCHMID 


Eigil  wesensgleich  ist,  Daher  als  göttlieber  Bogenschütz  charakterisiert 
wird ,  so  gelangen  wir  dadurch  einlach  und  folgerichtig  zu  dem  Ge- 
danken: des  Sturm-  und  Sonnengottes  Wodan  Strahlen  oder  Pfeile 
treffen  die  Wolke,  die  nun  im  Regen  das  Erdreich  befruchtet.  Hier 
liegt  demnach  auch  der  ursprünglich  physikalische  Gehalt  des  Eigil- 
mythus  klar  vor  Augen.  Eigil ,  der  heroisierte  göttliche  Bogenschütz, 
ist  Gott  Wodan  selbst.  —  In  ähnlicher  Weise  dürfte  die  Figur  des 
Schützen  Eigil  beleuchtet  werden  durch  den  mythischen  König  Eigil 
von  Trier,  dessen  Sohn  Orendel  identisch  ist  mit  dem  nordischen  Or- 
vandill  (d.  i.  Strahl),  der  mit  der  Groa  (d.  i.  Saaten-  oder  Pflanzengrün) 
den  Frühlingschmuck  der  Pflanzenwelt  erzeugt  (Mannhardt,  Götterw. 
1,261;  vgl.  dagegen  Simrock,  Orendel,  Einl.  XI  ff. ,  Ettmüller,  Oren- 
del 147  ff.).  Was  nun  vom  Sohne  gilt,  darf  auch  mythologisch  vom 
Vater  ausgesagt  werden. 

Ein  helleres  Licht  auf  die  Wesensgleichheit  des  Eigil  mit  Wodan 
wirft  die  Identität  seines  Bruders  Wieland  mit  Wodan.  Eigils  weit- 
berühmter Bruder,  Wieland  der  Schmied  (die  Welentsage  s.  b.  Raß- 
mann,  Heldensage  2,  212  ff.)r  ist  schon  längst  als  eine  göttliche  Heroen- 
gestalt in  der  germanischen  Mythologie  anerkannt*);  ebenso  der  Riese 
Wade,  der  Vater  beider.  Der  letztere  trägt  freilich  neben  seinen  un- 
verkennbar wodanischen  Zügen  (W.  Müller,  in  Schambach  u.  Müller, 
Nieders.  Sagen  412,  Anm.  4)  auch  unleugbar  thunarisches  Gepräge 
(s.  Mannhardt  in  seiner  ausgezeichneten  Abhandlung  über  Wato  in 
Wolf,  Zeitschrift  f.  d.  Myth.  2,  296  ff.,  3,  1 17  u.  394,  Germ.  Myth.  147), 
jener  dagegen  entschieden  odhinisch-wodanische  Natur  an  sich.  Denn 
Wielaud  war  ebenfalls  wie  seine  zwei  andern  Brüder  mit  einer  Walkyre 
vermählt;  später  nahm  er  eine  andere  Gattin:  er  erscheint  als  Odhin 
in  seiner  Verbannung,  als  winterlicher  und  sommerlicher  Gott  (die 
weitere  Ausführung  s.  b.  W.  Müller  a.  a.  O.  389  ff.).  Er  bringt,  da 
er  bei  den  Zwergen  (im  Naturmythus  =  Gewitterwesen,  WTolkendämonen) 
die  Schmiedearbeit  gelernt  hat,  auch  die  künstlichsten  Gebilde  (=  Pflan- 
zenreichthum)  hervor  (Unland,  Mythus  vom  Thor  S.  18.  77;  Mannhardt, 
G,  M.  472.  473).  „Er  ist  der  göttliche  Knecht,  der  unter  der  Erde  die 
Hufeisen  des  weißen  Lichtrosses,  die  Sonnenpfeile,  das  Sonnenschwertj 
den  Hammer  des  Blitzes,  die  Rüstung  des  künftigen  Frühlings  schmie- 
det, oder  auch  zierliche  Kleinode  arbeitet,    den  Schmuck  der  Saaten, 

*)  Über  seine  Verwandtschaft  mit  Prometheus,  Hephästos,  Erichthonius  und  Dä- 
dalus,  s.  Grimm,  Myth.  351.  W.  Müller,  Gesch.  der  altd.  Rel.  314.  Welcker,  gr.  Götter- 
lehre 1,  6Gö.  Raßmann  a.  a.  O.  2,  272.  Kuhn,  Zeitschr.  f.  Tgl.  Sprachf.  4,  95  ff. 
Vgl.  Jul.  Braun,  Naturgesch.  der  Sage.  1,  360,  370. 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  IT 

des  Laubes  und  der  Blumen,  endlich  den  Zauberring  der  ewig  sich 
wiedergebärenden  Zeit  selbst"  (Menzel,  Odin  S.  87.  88).  Die  Zwerge 
oder  Alfen,  deren  Fürst  Wieland  heißt  (Völundar-Quida  in  der  Edda 
Saem.  Th.  II  Strophe  X  u.  XXX),  stehen  aber  im  Dienst  des  Odhin- 
Wodan,  der  ihr  Vater  ist  (Menzel,  Odin  150),  wie  die  Ribhus  im 
Dienste  ihres  Vaters  und  Herrn  des  Indra,  und  Wielands  Lehrer 
in  der  Schmiedekunst  ist  der  alte  Naturgott  Mimir,  der  sich  wiederum 
mit  Odhin  in  engster  Beziehung  befindet  (W.  Müller,  ßel.  183).  Seine 
Identität  mit  Wieland  findet  auch  Kuhn  wahrscheinlich  (Zeitschrift 
f.  vgl.  Sprachf.  4,  117),  und  Schwarz  (Naturansch.  1,  127)  setzt  Mimir 
mit  dem  wilden  Jäger,  also  mit  Wodan  gleich.  Der  Hengst  Skemming 
(d.  i.  der  Schimmel),  den  Wieland  reitet  (Raßmann  a.  a.  O.  2,  237), 
und  den  wir  später  in  seines  Sohnes  W  ittichs  Besitz  sehen  (Raßmann, 
das.  2,  378.  379),  macht  mit  diesem  den  gewaltigen  Felsensprung  über 
einen  Fluß,  so  daß  die  Eindrücke  der  Hufeisen  zu  sehen  waren  (Raß- 
mann,  das.  2,  388).  Dadurch  verräth  sich  der  Schimmelreiter  als 
Odhin- Wodan,  und  der  Schimmel  als  dessen  Ross  Sleipnir,  der  durch 
die  Luft  wie  über  die  Wellen  sprengte  (Wolf,  Beiträge  z.  d.  Myth, 
2,  24.  Über  den  Sleipnir  als  Donnerross  s.  Schwarz,  Ursp.  der  Myth. 
216  fi. ,  als  Sonnenross  in  deutscher  Myth.  s.  dens.  in  Naturansch. 
I,  125  ff.,  über  das  weiße  Ross  des  Indra  s.  Kuhn  in  Haupt,  Zeitschr. 
5,  489).  Demnach  ist  auch  Wieland  als  derselbe  Schimmelreiter  = 
Odhin-Wodan  erwiesen.  Um  es  kurz  zu  sagen,  wir  haben  in  Wieland 
eine  etwas  andere  Auffassung  des  Wodan  als  im  Eigil:  beide  ergänzen 
sich  zu  einer  volleren  Wodansmythe.  Eine  dritte  Beziehung  zu  Wodan, 
wie  sie  in  dem  dritten  Bruder  Slagfidr,  d.  i.  der  Beflügelte,  hat  vor- 
liegen müssen,  entzieht  sich  der  Betrachtung,  weil  wir  über  ihn  so  gut 
wie  gar  nichts  wissen  (doch  s.  Simrock,  Orendel ,  Einl.  XVII).  Er 
theilt  darin  das  Loos  seines  indischen  Vorbildes. 

Diese  drei  Brüder  erscheinen  nun  wie  in  der  indischen  Mytho- 
logie so  auch  in  der  germanischen  als  drei  göttliche  Gestalten ,  mit 
Indra- Wodan  identisch,  von  denen  sie  verschiedene  Seiten  darstellen. 
In  der  deutschen  Sage  kommen  sie  einige  Male  als  drei  Zwerge  vor 
(vgl.  Mone,  Heldens.  143),  ihre  Gattinnen,  die  drei  Walkyren,  nach 
dem  Wölundsliede  Hladgut  Svanhvit,  Hervor  Alvit  (gewöhnlich  als 
„allwissend"  gedeutet)  und  Ölrun  (Mone  a.  a.  O.  S.  103  verbessert 
scharfsinnig:  Hl.  Svanhvit,  Schwanenweiß;  II.  Snähvit,  Schneeweiß; 
()  Alvit,  Allweiß)  erscheinen  ebenso  als  Schwanjungfrauen  (s.  Hocker 
in  Wolf,  Zeitschr.  1,  307;  Raßmann  a.  a.  O.  255,  Anm.  6  u.  S.  265 
bis  267 ;    Mone  a.  a.  O).    Besonders    auffallend   hat    sich  die  Dreizahl 

CEUMANIA  X.  2 


]g  II KINO  PFANNENSCHMID 

außer  in  der  eben  angegebenen  indischen  nnd  isländischen  «auch  in  der 
englischen,  öselschen  nnd  schweizerischen  Tellsage  erhalten  In  crsterer 
haben  wir  Adam  Bell,  Clym  ot'  the  Clough  nnd  William  of  Clondesly, 
in  zweiter  die  drei  Riesenbrüder  Toll,  Tolle  oder  Teil  (Rußwurm,  Sagen 
ans  Hapsal  etc..  S.  11),  in  der  letzten  die  drei  Teile  (Kopp,  Geschichts- 
blätter 2,  356;  Jos.  Schneller,  Geschichtsfreund,  Einsiedlen  1861,  XVII, 
147.  148;  Henne,  die  Klingenberger  Chronik  S.  44;  Rochholz,  die 
Tellenschanspiele:  in  d.  Grenzboten  1864,  Nr.  31,  S.  194).  Daß  wir 
aber  in  diesen  Sagenfiguren  eine  freilich  immer  auf  anthropologischer 
Grundlage  ruhende  Heroen-  ja  Götter -Dreiheit  anzuerkennen  haben, 
möchte  sehr  wahrscheinlich  sein  (Wolf,  Beiträge  z.  d.  Myth.  2,  70). 
Auch  glaube  ich  gestützt  auf  die  merkwürdige  Verwandtschaft  meh- 
rerer Züge  der  Tellsage  mit  den  ähnlichen  der  uns  nicht  stammver- 
wandten Finnen  und  Lappen*)  es  aussprechen  zu  dürfen,  daß  das 
Alter  der  Teilsage  noch  weit  über  das  arische  Alterthum  hinauszu- 
reichen und  einer  Zeit  anzugehören  scheint,  wo  jene  und  die  Arier 
noch  geographisch  näher  zusammenwohnten  (vgl.  Ed.  Pabst ,  in  den 
Hamb.  Litt.  -  krit.  Blättern  1856,  Nr.  62).  Auf  einen  solchen  ursach- 
lichen Zusammenhang  der  Schützensagen  aller  Völker  hat  neuerdings 
von  einem  dem  unsrigen  ganz  verschiedenen  Standpunkte  aus  auch 
Julius  Braun  mit  vielem  Scharfsinn  aufmerksam  gemacht  (Naturgesch. 
der  Sage  1 ,  26  ff.).  Vom  Teil  ist  in  diesem  Bande  schon  öfter  die 
Rede  (so  S.  26,  354,  426);  der  zweite  Band  wird  unter  dem  Artikel 
„Teil"  ein  Mehreres  bringen.  —  In  der  germanischen  Heldensage  hat 
nun  unter  den  drei  Brüdern  Wieland  den  weitaus  vornehmsten  Platz 
erhalten ;  wie  es  denn  in  der  germanischen  Mythologie  häufig  vorkommt, 
daß  Einem  der  drei  „die  größere  Kraft  des  Gelingens"  zugeschrieben 
wird.  Ja,  man  wird  nicht  sehr  fehlgehen,  wenn  man  behauptet,  daß 
die  Figur  des  Wieland  im  Laufe  der  Zeit  gar  manche  Züge,  die  dem 
Eigil  und  Slagfidr  zugehören,  in  sich  aufgenommen  hat.  Wird  doch 
Wieland  in  einer  jüngeren  schwedischen,  dem  Anfang  des  18.  Jahrh. 
angehörigren  Erzähluno;  selbst  mit  dem  Eisfil  in  Betreff  seines  Bogens 
und  seiner  nimmer  fehlschießenden  Pfeile  geradezu  identificiert  (nach 
Hylten-Cavallius  bei  Raßmann  a.  a.  O.  2,  262  u.  263)!  Um  so  mehr 
wirft  das,  was  wir  von  Wieland  wissen,  auf  die  Natur  seines  mit  ihm 
identischen  Bruders  Eigil  ein  desto  helleres  Schlaglicht,  und  stellt  des 


*)  Ich  denke  dabei  auch  unter  Anderem  an  den  merkwürdigen  finnischen  Mythus 
vom  Weltei,  der  sich  bei  den  Indiern,  Persern,  Ägyptiern,  Chinesen,  Phöniziern,  Grie- 
chen u.  a.  Völkern  vorfindet.  Castren,  Finnische  Myth.  289  ff.  Jul.  Braun,  Naturgesch. 
der  Sage  1,  32. 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  19 

letzteren  Göttlichkeit  und  die  Art  seines  odhinisch-wodanischen  Wesens 
außer  Zweifel.  Insbesondere  ist  der  Meisterschütz  Eigil  mit  dem  Pfeil- 
könig Oclhin  -  Wodan  wesensgleich.  Eigil  ist  seinem  ursprünglichen 
Wesen  nach  der  Sonnenstrahl  unter  dem  Bilde  des  Pfeiles.  Darauf 
führt  auch  die  etymologische  Bedeutung  des  Wortes  Eigil ,  dessen 
Wurzel  AG  das  Scharfe,  Spitzige  bedeutet,  Die  Spitze  ist  am  Pfeil 
das  Wichtigste;  sie  bedingt  die  Schnelligkeit  des  Fluges.  Eigil  muß 
demnach  im  eminenten  Sinne  für  Spitze,  d.  i.  Pfeilspitze,  im  Gebrauch 
gewesen  sein. 

Der  Eigil  ist  also  nach  obigen  Ausführungen  identisch  mit  der 
Sturm-  und  Regengottheit,  dem  Wodan,  wie  mit  der  Sonnengottheit, 
die  ebenfalls  Odhin  -  Wodan  ist.  Es  fehlt  noch  ein  drittes  Moment, 
seine  Beziehung  auf  den  Gewittergott  Wodan.  Dürfte  man  sie,  was 
den  Eigil  betrifft,  auch  aus  seiner  Verwandtschaft  mit  dem  Wato  und 
dem  Wieland  folgern,  so  ergibt  sie  sich  doch  unmittelbarer  aus  zwei 
anderen  mythologischen  Figuren,  die  mit  dem  Eigil  identisch  sind,  aus 
dem  dänischen  Toko  und  dem  Urner  Teil.  Beide  erlegen  den  Tyran- 
nen, der  den  Schützen  knechten  und  vergewaltigen  will,  durch  das 
sicher  treffende  tödtliche  Geschoß.  Dieser  Umstand  ist  in  der  Eigil- 
sage  und  den  übrigen  Tellsagen  nur  angedeutet;  der  bestimmt  indicierte 
Vorsatz  (durch  das  Nehmen  noch  anderer  Pfeile),  den  Tyrannen  zu 
tödten,  kommt  nicht  zur  Ausführung:  die  Sage  hat  die  That  selbst 
fallen  gelassen.  Der  Gewittergott  Wodan  bekämpft  nun  wie  sein  Ur- 
typus  Indra  den  Gewitterdämon,  den  Gewitterriesen,  den  feindlichen 
Tyrannen;  er  erlegt  ihn  durch  seinen  nur  diesem  Zwecke  dienenden 
Blitz.  Dasselbe  thun  auch  Toko  und  Teil  durch  ihre  Pfeile,  mittelbar 
auch  der  nordische  Heming.  Dürfte  man  in  der  Schweizertradition 
Gewicht  legen  auf  die  erst  durch  Tschudi  fixierte  Zeitbestimmung,  so 
führte  die  Weihnachtszeit  auf  Wodans  Kampf  mit  dem  Winterriesen, 
den  er  ja  auch  sonst  erwiesenermaßen  siegreich  besteht. 

Somit  erweitert  sich  der  mythische  Gehalt  der  Sage  vom  Eigil 
durch  die  Toko-  und  Tellsage  zur  Schützensage,  zum  Mythus  von 
dem  Schützen  überhaupt.  Der  Ursch ütz  ist  Indra- Wodan,  sein  Feind 
der  Gewitter-  oder  Winterriese,  sein  Geschoß  in  dieser  Beziehung  der 
Blitz.  Der  Blitz  aber  wird  unter  dem  Bilde  des  Pfeiles  vorgestellt.  — 
Von  verschiedenen  Seiten  her,  von  denen  des  Sturmes,  des  Regens  und 
des  Gewitters  in  Verbindung  mit  der  bei  allen  diesen  Erscheinungen 
unzertrennlich  zu  denkenden  Sonne  (vgl.  Dr.  Sonne  in  Kulm,  Zeitschr. 
10,  169),  erkennen  wir  also  in  dem  Sonnenstrahl  oder  dem  Blitz,  deren 
Natursymbol  der  Pfeil  ist,    das    älteste    mythische  Element  aller  Teil- 

2* 


20  IIKINO  PPANNENSCHMID 

sagen.    Als  Waffe  in  der  Hand  des  Gottes   richtet  er  sich  gegen  den 
finsteren  Widerpart,  den  er  nach  schwerem  Kampfe  überwindet. 

Dali  aber  die  Erschießung  des  Tyrannen  sowohl  in  der  Schweiz 
als  auch  in  Dänemark  auf  einen  Mythus  zurückzuführen  ist,  beweisen 
beide  Sagen  selbst.  In  der  Schweiz  ist  niemals  ein  kaiserlicher  Land- 
vogt oder  herzoglich  österreichischer  Vogt  erschossen  worden.  Das 
ist  das  zuverlässige  Resultat  gründlicher  Geschichtsforschung  (s.  Huber, 
a.  a.  O.  S.  74  u.  114  ff1.).  Neuerdings  hat  Herr  von  Liebenau  (die 
Tellsage,  S.  113  ff",  bes.  S.  117)  die  Meinung  aufgestellt,  der  habsbur- 
gische  Untervogt  über  Schwyz  und  Uri,  Namens  Kesseler,  sei  etwa 
um  1230  vom  Teil  durch  Pfeilschuß  getödtet  worden.  Doch  hat  Herr 
von  Liebenau  dies  nur  errathen  (vgl.  das.  S.  118);  bewiesen  hat  er 
es  nicht  und  wird  auch  niemals  in  diese  Lage  kommen.  Außer  meh- 
reren sehr  erheblichen,  dem  Gebiete  der  Geschichtsforschung  zuge- 
hörigen Gründen  steht  dem  auch  dieser  entgegen ,  daß  um  diese  Zeit 
von  einem  solchen  Vorfall  durchaus  gar  nicht  das  Allergeringste  be- 
richtet wird.  Und  das  wäre  doch  ein  auf  jeden  Fall  sehr  wichtiges 
und  sehr  bemerkenswerthes  Ereigniss  gewesen.  Der  spätere  Bericht 
über  die  Erschießung  des  Vogtes  ist  also  eine  Sage.  Aber  die  Sage 
selbst  deutet  auf  einen  Naturmythus  zurück.  Es  bleibt  nämlich  die 
Tödtung  des  Tyrannen  nach  der  Schilderung  der  Sage  stets  ein  Mord. 
Wie  hat  man  nun  diesen  Zug  glorificieren  und  bewundern  können, 
zumal  gerade  in  den  frühesten  und  mittleren  Zeiten  germanischer  Ge- 
schichte dem  keuschen  und  sittlich-ernsten  germanischen  Volksgeist 
nichts  verhasster  und  strafwürdiger  war  als  ein  Mord?  Denn  von  Blut- 
rache, wie  Liebenau  (a.  a.  O.  S.  144)  will,  kann  man  hier  nicht  reden, 
weil  ja  nirgends  das  Kind  tödtlich  getroffen  wird.  Der  Mord,  den 
Teil  begeht,  ist  eine  Folge  seiner  Rache  (vgl.  unter  anderen  Waitz  in 
den  Gott.  gel.  Anz.  1857,  S.  742).  Und  auch  der  mögliche  Einwand, 
Toll  habe,  um  das  eigene  Leben  zu  erhalten,  aus  Furcht  den  Tyrannen 
getödtet,  nimmt  dem  Morde,  der  sogar  ein  recht  feiger  ist,  seinen 
Stachel  nicht.  Wäre  er  überhaupt  je  wirklich  vorgekommen,  er  würde 
gewiss  ebenso  gebrandmarkt  sein,  wie  alle  ähnlichen  Morde  jener  Zei- 
ten ;  ja,  er  würde  gewiss  seine  Sühne  gefunden  haben.  Aber  von  beiden 
weiß  Niemand  etwas  zu  berichten.  Das  Erlegtwerden  des  Tyrannen 
weist  deshalb  auf  einen  Naturmythus  zurück.  Auf  den  hier  zu  Grund 
liegenden  Wodansmythus,  wo  der  Teil  der  rächende,  blitzschleudernde 
göttliche  Bogenschütz  ist,  der  den  Landesfeind,  den  Tyrannen  erlegt, 
reflectiert  die  allcrroheste  Vorstellung  von  einem  Zweikampfe,  von 
einem  Morde.    Denn  in  den  urältesten   Zeiten,  „die  jeder  Sitte  fremd, 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  21 

nur  den  Naturtrieb  kannten" ,  galt  der  Mord ,  selbst  der  Vatermord, 
noch  als  natürliche  That  (s.  Schwarz,  Urspr.  der  Myth.  Einl.  XIX. 
J.  G.  v.  Hahn,  Über  Bildung  und  Wesen  der  mythischen  Form,  in: 
Zeitschr.  f.  Philosophie  u.  phil.  Kritik,  Bd.  40,  S.  84).  Aus  dieser 
vielleicht  vorarischen  Urzeit  stammt  auch  der  vorliegende  Mythus. 
Auf  dieser  Stufe  ist  das  Erschießen  kein  Mord;  wohl  aber  unwider- 
legbar im  Sinne  des  Mittelalters.  Was  die  Schweiz  betrifft,  so  erkennen 
wir  leicht  in  der  späteren  Sage  von  dem  Schusse  auf  den  Landesfeind 
den  mythischen  wie  sagengeschichtlichen  Bestandteil  heraus.  Jener 
wurde  so  eben  angezeigt;  dieser  reduciert  sich  auf  irgend  eine  kühne 
That  gegen  irgend  einen  tyrannischen  Großen,  vielleicht  auch  auf  einen 
rechtlichen  Zweikampf,  in  welchem  der  Übermüthige  erlegt  wird. 
Nachdem  sich  auf  dieses  einer  sehr  frühen  Zeit  angehörige  historische 
Substrat  der  schon  vorhandene  und  in  der  Erinnerung  des  Volkes 
lebende,  mehrfach  besprochene  Mythus  herabgesenkt  hatte  und  die 
Sagenbildung  bereits  vor  sich  gegangen  war,  kam  in  die  so  ent- 
standene, ursprünglich  in  Liedern  besungene  Sage  durch  den  Geist 
der  ältesten  Schweizer  Chronisten  neue  sittliche  Beziehung:  man  suchte 
die  schwarze  That  des  Mordes  abzuschwächen.  Die  auf  allerdings 
edler  Vaterlandsliebe  beruhende,  aber  das  rechte  Maß  überschreitende 
Leidenschaft  soll  recht  menschlich  entschuldigt  werden  durch  die  über- 
menschliche Forderung  des  Landvogtes,  den  Apfelschuß  zu  vollziehen. 
Dadurch  soll  das  Verbrecherische  der  Mordthat  beseitigt  werden.  Wie 
sehr  aber  auch  die  dem  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  angehörende 
Fassung  der  Sage  sich  bemüht  hat,  diesen  Mord  in  ethisch  günsti- 
gerem Lichte  erscheinen  zu  lassen:  das  Gehässige,  welches  ihm  ein- 
mal anklebt,  hat  sie,  hat  selbst  im  neunzehnten  Jahrhundert  der  ge- 
priesene Dichter  des  Teil  nicht  zu  überwinden  vermocht,  da  die  ur- 
sprüngliche Naturmythe  in  einer  Zeit  voll  glühenden  Hasses  gegen  das 
Haus  Habsburg  sich  nicht  zu  reiner  sittlicher  Ausprägung  ausgestal- 
ten konnte. 

Auf's  klarste  wird  die  eben  ausgesprochene  Annahme  von  dem 
mythischen  Gehalt  des  Schußes  auf  den  Tyrannen  durch  die  dänische 
Sage  illustriert,  welche  ebenfalls  erzählt,  Toko  habe  später  den  König 
Harald  Blaatland,  der  jenen  zum  Apfelschuß  gezwungen  hatte,  hinter- 
listiger Weise  erlegt  (Konrad  Maurer,  Bekehrung  des  norwegischen 
Stammes  1,  246,  Anna.  10).  Allein  dies  ist  unhistorisch:  Harald  ver- 
liert sein  Leben  im  Kampfe  gegen  seinen  Sohn  Svein  im  Jahre  985 
oder  986  (s.  Dahlmann,  dän.  Gesch.  1,  83;  Genaueres  hat  Maurer  a.  a.  O. 
S.  245  fl').    Ja,    Maurer   sagt  (das.  S.  244)    über  den  „Palnatoki",    er 


22  HEINO  PFANNENSCIfMID 

scheine  eine  durchaus  ungeschichtliche  Person  zu  sein,  welche,  bereits 
der  älteren  Sage  angehörig,  mit  den  Vorgängen  der  Zeit  König  Haralds 
erst  später  in   Verbindung  gebracht  wurde. 

In  Betreff  des  Schusses  auf  den  Landesfeind  kommen  wir  also  zu 
diesem  Resultat:  Weder  ein  kaiserlicher  Landvogt,  noch  herzoglich 
österreichischer  Vogt,  noch  gräflich  habsburgischer  Untervogt  ist  jemals 
in  Schwyz  vom  Teil,  noch  ist  der  dänische  König  Harald  von  Toko 
erschossen  worden.  Die  Erzählung  von  diesen  Vorgängen  ist  eine 
Sage,  die  aber  ein  sagengeschichtliches  und  ein  mythisches  Element 
in  sich  birgt. 

In  dieselbe  Scenerie  des  oben  entwickelten  Mythus  von  Indra- 
Wodan  ordnet  sich  nunmehr  auch  die  nicht  mehr  unverständliche 
Wasserfahrt  Teils  ein.  Ist  Teil  identisch  mit  Odhin- Wodan,  so 
darf  man  auch  die  Wasserfahrt  Teils  auf  denselben,  der  als  ein  wahrer 
Sturmesgott  durch  die  Wogen  fährt,  beziehen.  Odhin  heißt  aber  auch 
ausdrücklich  Herr  des  Meeres  (W.  Müller,  Rel.  185,  Anm.  4),  und 
durch  seine  Identität  mit  Wieland  wird  er  auch  Erfinder  der  Schiff- 
fährt (s.  die  Welentsage  bei  Raßmann  a.  a.  O.  S.  220.  Vgl.  Simrock, 
Myth.  274).  Wie  das  Schiff  nun  unzählige  Male  das  Naturbild  für 
die  Wolke  ist,  so  ist  auch  Odhin  der  himmlische  Wolkenschifier, 
ebenso  wie  Indra  (Mannhardt,  G.  M.  147).  Doch  ist  jener  hier  nicht 
als  Todtenschiffer  (vgl.  Grimm,  Myth.  790  ff.;  Schwarz,  Ursp.  der 
Myth.  273)  zu  fassen,  wie  dies  Silberschlag  versucht  (in  Gutzkow, 
Unterhaltungen  1862,  dritte  Folge  2.  Bd.  Nr.  26,  S.  503);  auch  bezieht 
sich  die  Seefahrt  nicht  „auf  einen  in  vielen  alten  Überlieferungen  er- 
wähnten sacrificalen  Gebrauch  seebewohnender  Völkerschaften ,  daß 
nämlich  von  denselben  zu  gewissen  Zeiten,  besonders  gelegentlich  all- 
gemeiner Missgeschicke  und  Landplagen,  ein  dem  Tode  geweihter 
Mann  in  leichtem  Nachen  auf  die  stürmische  See  hinausgestoßen  wurde 
als  Opfer  für  die  zürnende  Gottheit,  deren  Gnade  es  nun  auch  kraft 
seiner  eigenen  Kunst  und  Kühnheit  überlassen  blieb,  ob  er  untergehen 
oder  sich  retten  werde  (Beilage  zu  Nr.  174  der  Allg.  Ztg.  1864),  — 
eine  Erklärung,  wobei  die  Einzelheiten  der  Wasserfährt  gar  nicht  ge- 
deutet werden:  der  innige  Zusammenhang,  in  welchem  Teils  Schiff- 
fahrt mit  der  Erschießung  des  Tyrannen  steht,  führt  auf  Näherliegendcs. 
In  seinem  Kampfe  mit  dem  Gewitter-  oder  Winterdämon  scheint  Indra- 
Wodan  anfangs  zu  unterliegen;  ebenso  der  mit  jenen  identische  Teil. 
Durch  das  Wolkcnmeer  soll  er  gefesselt  in  die  Wolkenburg  des  Ty- 
rannen geführt  werden:  des  Gottes  Blitze  haben  allein  keine  Wirkung 
mehr  in   den  Wolkenwassern,  welche  sie  durchfahren.    Da  erheben  sich 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  23 

die  Sturmesgeisterschaaren ,  die  Maruts  und  Ribhus,  die  Geister  der 
wilden  Jagd,  in  dem  Sturmes-  und  Gewitterkampfe  zu  rettender  Hülfe : 
der  Seesturm  bricht  los.  Teil  wird  entfesselt;  als  kühner  und  sicherer 
Schiffer  durchschneidet  er,  ein  furchtbarer  Feind,  wieder  die  Wogen, 
und  plötzlich  wie  durch  einen  Sprung  steht  er  da  mit  Bogen  und  Pfeil 
auf  festem  Gestein,  ein  gefährlicher  Schütz,  das  Fahrzeug  zurücksto- 
ßend und  den  Todespfeil  in  die  Brust  des  Tyrannen  sendend:  die  Wolke 
zerreißt  in  einem  Nu;  daraus  hervor  springt  Indra- Wodan,  der  blaue 
Himmelsgott  auf  sicherem  Wolkenfels  dastehend,  spannt  seinen  (Re- 
gen-) Bogen  und  sendet  den  tödtlichen  Blitzstrahl  nach  der  zurück- 
geschleuderten Wolke,  in  welcher  der  Gewitter-  oder  Winterriese,  der 
Tyrann,   verborgen  ist  und  nun  erlegt  wird*). 

Nach  dieser  Auflassung  gehört  ersichtlichermaßen  eng  zusammen 
die  Gefangennehmung  des  Schützen  durch  den  Tyrannen,  dessen  Fes- 
selung und  Fortführung  auf  dem  Fahrzeuge  über  den  See,  der  gewal- 
tige Sturm,  des  Teil  Befreiung  und  Sprung  auf  die  Felsplatte,  das 
Fortstoßen  des  Nachens  und  die  Erschießung  des  Todfeindes  mittelst 
eines  Pfeilschußes.  Die  Erzählung  des  Melchior  Ruß  hat  diese  Auf- 
einanderfolge der  Einzelheiten  treu  bewahrt;  bei  anderen  Chronisten 
erscheint  sie  auseinander  gerissen.  Dasselbe  findet  auch  in  Betreff  des 
Tyrannenmordes  in  der  dänischen  Toko-  und  auch  unter  oben  ange- 
gebener Einschränkung  in  der  norwegischen  Hemingsage  statt.  Das 
Schneeschuhlaufen  des  Toko  und  was  daran  hängt  besagt  übrigens 
im  wesentlichen  ganz  dasselbe  wie  die  ursprünglicher  gehaltene  Schwei- 
zer-Relation von  Teils  Fahrt  über  den  See;  nur  ist  die  Scenerie  in 
der  dänischen  Sage  local  umgeformt  und  der  nördlichen  Natur  ange- 
passt.  Weshalb  aber  alle  anderen  Teilsagen  die  Wasserfährt  des  Schützen 
vergessen  konnten ,  lässt  sich  daraus  erklären ,  weil  sämmtlichc  Ort- 
lichkeiten ,  wo  die  verschiedenen  übrigen  Teilsagen  spielen  ,  keine 
Seen  aufzuweisen  haben.  Der  Anblick  des  Vierwaldstättersees  konnte 
hingegen  die  alte  Erinnerung  an  den  Wolkenschifi'er  wieder  wecken, 
neu  beleben  und  localisieren :  der  Mythus  konnte  sich  hier  leicht  mit 
einer  historischen  Persönlichkeit  verbinden.  Und  einen  solchen  sagen- 
geschichtlichen  Gehalt  haben  wir  dem  Begriffe  der  historischen  Sage 
zufolge  auch  hier  vorauszusetzen.  Der  Meisterschütz  wird  also  auch 
zugleich  ein  kühner ,  unerschrockener  und  in  manchem  Seesturm  er- 
probter wackerer  Steuermann  gewesen  sein. 


*)   Über  die  jüngere  Loealisation  der  Sage,  Teil  habe  den  Landvogt  in  der  hohlen 
Gasse;  erschossen,  soll  ein  anderes  Mal  gehandelt  werden. 


24 


1IEIN0  TFANNENSCIIMIb 


Nachdem  nun  durch  vorstehende  Ausführungen  der  eigentliche 
Kern  aller  Schützensagen  dargelegt  ist,  so  können  wir  uns  jetzt  von 
der  so  gewonnenen  Basis  aus  zu  dem  viel  besprochenen  Apfel  schuß 
wenden  (s.  die  früheren  Ansichten  b.  Ilisely,  Guillaume  Teil  S.  588  ff.). 

Die  Sage,  daß  ein  Vater  gezwungen  wird,  von  dem  Haupte  seines 
Sohnes  einen  Apfel  zu  schießen,  findet  sich  in  Westphalen,  Island, 
Dänemark,  Holstein  und  der  Schweiz.  Der  englische  Schütz  thut 
den  Apfelschuß  freiwillig,  und  in  den  beiden  norwegischen  Fassungen 
ist  an  die  Stelle  des  Apfels  (aus  örtlichen  Gründen)  eine  Schachfigur 
und  eine  Nuß,  in  einer  der  beiden  holsteinischen  Localisationen  eine 
Birne  (Genn.  VIII,  213),  in  der  oberrheinischen  ein  Denar  getreten, 
Vertauschungen,  die  ebensowenig  von  Gewicht  sind,  als  wenn  bei  den 
Finnen  der  Sohn  vom  Haupte  des  Vaters  den  Apfel  schießt.  Die 
persische  Sage  vom  Apfelschuß  ist  die  litterarisch  älteste,  und  ihr  Vor- 
handensein beweist,  daß  die  Sage  vom  Apfelschuß  bereits  vor  der 
Auswanderung  der  germanischen  Völker  ihre  bestimmte  Ausprägung 
erhalten  haben  muß.  Aus  der  dänischen  und  schweizerischen  Teilsage 
ersehen  wir  aber  zugleich,  daß  die  Sage,  wie  sie  bereits  von  uns  be- 
sprochen ist,  ganz  eng  mit  der  Sage  vom  Apfelschuß  zusammenhängt. 
Wenn  aber  auch,  wie  gezeigt,  der  Schuß  auf  den  Tyrannen  die  Haupt- 
sache bei  der  Tellsage  bildet  und  nicht,  wie  hier  gleich  bemerkt  werden 
mag,  der  Apfelschuß,  so  ist  doch  dieser  im  Verlauf  der  weiteren  Sagen- 
bildung der  eigentliche  Magnet  geworden,  der  alles  Übrige  angezogen 
hat.  Und  das  kommt  daher,  weil  bei  der  Sage  vom  Apfelschuß  der 
pikante  sagengeschichtliche  Gehalt  den  mythischen  fast  absorbiert  hat. 

Bevor  wir  jedoch  diesen  Nachweis  liefern,  müssen  wir  den  neuesten 
Versuch  ,  den  Tellschuß  auf  einen  „uralten  Erntegebrauch"  zurückzu- 
führen, als  gänzlich  verfehlt  zurückweisen.  Der  auf  einen  kleinen  Be- 
zirk Arabiens  beschränkte  heutige  Gebrauch ,  worauf  der  Verfasser 
eines  mit  dem  Buchstaben  C  signierten  Artikels  in  der  Beilage  zu 
Nr.  174  der  Allg.  Ztg.  vom  22.  Juli  1864  seine  „religiöse  Erklärung 
der  Tellsage"  baut ,  ist  dieser :  „Jährlich  bei  der  Dattelernte  wird  ein 
fünf-  bis  sechsjähriger  Knabe  hart  unter  eine  steinerne  Scheibe  gestellt, 
und  nach  dieser  auf  vierzig  Schritt  von  einem  oder  zwei  der  besten 
Schützen  --  gegenwärtig  mit  Feuergewehr,  früher -mit  Bogen  —  ge- 
zielt und  geschossen.  Das  -  -  gewöhnlich  beim  ersten  Schuß  gelin- 
gende —  Treffen  der  Scheibe  wird  dann  von  der  umstehenden  Bevöl- 
kerung mit  lautem  Jubel  begrüßt,  und  der  Knabe  wie  der  Schütz  mit 
einem  Geldgeschenk  belohnt." 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  25 

Ich  stelle  diesem  arabischen  Gebrauche  aus  der  Gegenwart  einen 
ähnlichen  aus  dem  heutigen  Leben  der  amerikanischen  Indianer,  einen 
wirklich  modernen  Tellschuß,  zur  Seite.  Th.  Bade  erzählt  wahrschein- 
lich nach  Keid's  amerikanischen  Schilderungen  in  seinem  Buche  „Der 
Scalpjäger"  (1857.  S.  91.  92),  daß  ein  Indianer  Amerika's  einer  In- 
dianerin, einem  Mädchen  in  malerischer  Tracht,  einen  kleinen  Prärie- 
Kürbis  von  der  Größe  einer  Citrone  auf  sechzig  Schritt  Entfernung 
mit  seiner  Büchse  so  vom  Haupte  geschossen  habe,  daß  er  in  Stücken 
umhergeflogen  sei,  während  die  Kugel  in  den  Baum  fuhr,  an  welchen 
sich  das  Mädchen  angelehnt  hatte. 

Ein  Meisterschuß  allerneuesten  Datums  ist  der  folgende,  über 
welchen  die  Kölner  Zeitung  vom  24.  Januar  1859  berichtet.  Sie  schreibt: 
Vor  dem  Polizeigericht  zu  Speyer  wurde  unlängst  ein  neuer  Teil  ver- 
urtheilt.  Ein  dortiger  Leinweber,  der  sich  immer  rühmte,  „ein  aus- 
gezeichneter Schütz  zu  sein",  suchte  endlich  seiner  Meisterschaft  die 
Krone  aufzusetzen.  Zu  diesem  Behuf  nahm  er  sein  Geschoß  zur  Hand 
und  begab  sich ,  in  Begleitung  seines  etwa  zwölfjährigen  Söhnchens, 
in  den  Garten.  Dort  angekommen ,  befahl  er  dem  Knaben,  eine  Kar- 
toffel auf  den  Kopf  zu  legen  und  sich  in  einer  Entfernung  von  etwa 
15  Schritten  vor  ihm  aufzustellen.  Der  Sohn  thut  willig,  wie  ihm  ge- 
heißen wird;  mit  der  größten  Kaltblütigkeit  macht  sich  inzwischen 
der  Vater  schußfertig,  legt  an,  feuert  —  und  „der  Knabe  lebt!  Der 
Apfel  ist  getroffen!"  Die  Kartoffel  war  mitten  durchgeschossen.  Die 
Nachbarn,  denen  er  den  Meisterschuß  zeigte,  schüttelten  jedoch  un- 
gläubig den  Kopf;  um  sie  zu  überzeugen,  mußte  er  den  kühnen  Schuß 
noch  einmal  wagen.  Auf  desfallsige  Einladung  hatten  sich  Abends 
wirklich  einige  Zuschauer  eingefunden;  der  Knabe  mußte  der  Dunkel- 
heit wegen  eine  Laterne  halten,  und  —  abermals  flog  das  Ziel  vom 
Kopfe  des  Kindes,  die  Kugel  hatte  nur  dessen  Mütze  gestreift.  Die 
Nachbarn  giengen  in  Verwunderung  darüber  nach  Hause.  Inzwischen 
aber  wurde  die  Sache  in  weiteren  Kreisen  ruchbar;  der  neue  Teil, 
gerichtlich  belangt,  gab  auf  die  Frage:  „Ob  er  ein  Narr  sei?"  ein 
kurzes  „Bisweilen"  zur  Antwort.  Die  erste  Cur  zur  Heilung  seiner 
Narrheit  bestand  in  einer  Geldstrafe  und  fünf  Tagen  Gefängniss. 

Abgesehen  von  sonstigen  Unähnlichkeiten  mit  der  Tellsage,  con- 
statieren  die  beiden  zuletzt  gegebenen  Erzählungen,  daß  Tellschüße 
nicht  nur  vorkommen  können,  sondern  neuerdings  wirklich  vorgekommen 
eind.  Aber  zur  Erklärung  des  Apfelschusses  in  der  indo-germanischen 
Sage  werden  diese  modernen  Tellschüsse  ebensowenig  dienen  können, 
als  der  arabische  Schuß  nach  —  der  Scheibe.    Denn  weiter  besagt  die 


26  HEINO  PFANNENSCHMID 

arabische  Erzählung  nichts:  dem  Knaben  wird  weder  eine  Dattel,  noch 
ein  Kürbis,  noch  ein  Apfel,  noch  überhaupt  irgend  etwas  vom  Haupte 
geschossen.  Und  gerade  dies  ist  ein  wesentliches  Charakteristicum 
der  indo-germanischen  Tellsagen.  Dieser  Punkt  ist  geradezu  entschei- 
dend.  Und  außerdem  —  seit  wann  ist  es  erlaubt,  eine  so  weitver- 
breitete arische  Sage,  wie  die  Tellsage  ist,  auf  semitische  Wurzel 
zurückzuführen,  die  arische  durch  semitische  Sage  zu  deuten?  Zudem 
ist  die  Deutung  jenes  arabischen  Schusses  auf  einen  Erntegebrauch 
durch  weiter  gar  nichts  motiviert  als  durch  eine  geistreiche  Com- 
bination,  die  aber  allen  Haltes  und  Nachweises  entbehrt.  Endlich  ist 
auch  das  Heranziehen  des  semitischen  Schusses  zur  Erklärung  der  ari- 
schen Sage  deshalb  abzuweisen,  weil  der  mythische  arische  Bogen- 
schütz  schon  in  so  frühen  Zeiten  hervortritt,  daß  von  einem  sesshaften, 
ackerbautreibenden  Volke,  mithin  von  Erntegebräuchen,  noch  gar  keine 
Rede  sein  kann.  Damit  wird  denn  auch  die  Deutung  jenes  arabischen 
Gebrauches  als  „eines  Ersatzes  für  wirkliche  Opferung",  die  im  Alter- 
thum  überall  gebracht  sei,  hinfällig.  Wir  haben  demnach  eine  andere 
Erklärung  der  Sage  vom  Apfelschuß  aufzusuchen. 

Wir  finden  sie,  wenn  wir  uns  an  die  älteste  Fassung  derselben, 
an  die  persische  Sage,  halten.  Vergleicht  man  diese  (s.  Germ.  9,  225) 
mit  den  übrigen  germanischen  Sagen ,  so  ergibt  sich ,  daß  dort  der 
namenlose  König,  wie  es  scheint  zum  Vergnügen,  den  Apfelschuß  voll- 
führt, daß  er  hierzu  von  Niemandem  gezwungen  wird,  daß  er  nicht 
seinem  Sohne,  sondern  seinem  Lieblingssclaven  das  Ziel  vom  Haupte 
schießt  und  endlich,  daß  dies  Ziel  ein  Apfel  ist.  Es  fehlt  also  der 
Tyrann,  der  den  nach  heutigen  Begriffen  unnatürlichen  Schuß  verlangt, 
und  ein  Untergebener,  der  den  Schuß  auf  Befehl  wagen  muß.  Statt 
des  Sohnes  haben  wir  hier  einen  Lieblingssclaven  oder,  allgemein  aus- 
gedrückt, eine  geliebte  Person.  Nur  den  Apfel  treffen  wir  hier,  wie 
in  den  wichtigsten  germanischen  Sagen.  Es  fragt  sich  nun,  ob  dem 
Apfel  eine  mythische  Bedeutung  zuzuschreiben  ist.  Und  da  ist  von 
vorn  herein  zu  sagen,  daß  die  mythische  Natur  des  Apfels  durch  nichts 
aus  der  indo  -  germanischen  Mythologie  aufgehellt  werden  kann.  Die 
scharfsinnige  Erklärung,  welche  Schwarz  (Ursprung  d.  Myth.,  s.  Index) 
über  die  Bedeutung  des  Apfels  in  der  griechischen  und  germanischen 
Mythologie  gegeben  hat,  lässt  sich  wenigstens,  so_  weit  ich  sehe,  in 
keine  Verbindung  bringen  mit  meiner  Auflassung  der  Tellsage.  Es 
bleibt  also  weiter  nichts  übrig  als  anzunehmen,  daß  die  persische  Sage 
ihre  Fassung  in  einer  Zeit  erhalten  hat,  welche  ihre  rohe  Sitte  und 
Gewohnheit   in  jener  Sage   treu    widerspiegelt,    und    daß    sie    zugleich 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  27 

auch  deshalb  in  die  grauesten  Urzeiten  des  arischen  Alterthums  hin- 
aufreichen muß.  Und  hier  einen  wirklichen  Apfelschuß  anzunehmen, 
hat  nichts  Widersprechendes;  er  ist  hier  im  Gegentheil  ganz  natürlich. 
Dies  ist  der  sagengeschichtliche  Kern  des  Apfelschusses.  Der  mythische 
Gehalt  desselben  ergibt  sich  dagegen  einmal  aus  der  Verbindung,  in 
welcher  er  mit  dem  Ganzen  der  germanischen  Teilsage  steht,  und  so- 
dann insbesondere  aus  dem  Umstände,  daß  der  Apfelschuß  überall 
ein  unfehlbarer  ist.  Dadurch  wird  aus  dem  menschlichen  königlichen 
Schützen  der  göttliche  mit  Indra- Wodan  identische,  von  dem  man  aber 
noch  mehr  zu  sagen  wusste.  Dieses  Mehr  hängt  sich  deshalb  auch 
ganz  richtig  dem  sich  nunmehr  gebildet  habenden  verwandten  Mythus 
vom  Apfelschuß  an.  Im  Fortgange  des  den  Mythus  zur  Sage  umbil- 
denden Processes  wird  dann  aus  der  geliebten  Person  der  leibhaftige 
Sohn  des  Schützen,  und  der  nun  als  grausam  erscheinende  Apfelschuß 
ethisches  Motiv  zur  Erschießung  des  Tyrannen.  Dieser  Abschluß  der 
Sage  fällt  demnach  in  die,  freilich  immerhin  noch  sehr  alte  Vorzeit 
germanischen  Lebens,  wo  die  ersten  Regungen  einer  erhöhteren  Cultur 
sich  zeigen.  Alle  Localisationen  der  Tellsage  tragen  entweder  nur 
andeutungsweise  oder  bestimmt  ausgesprochen  diesen  Charakter  an 
sich.  Weil  sich  aber  so  der  Apfelschuß  als  eine  ganz  besonders 
alle  edleren  menschlichen  Gefühle  empörende  Handlung  hinstellt,  so 
trat  er  als  das  wichtigste  Glied  in  den  Einzelheiten  der  Tellsage  her- 
vor, dem  alles  Andere  gleichsam  mythisch  angewachsen  erscheint. 

Dieser  Nachweis  über  den  sagengeschichtlichen  und  kosmischen 
Gehalt  des  Apfelschusses  lässt  nun  über  die  Natur  aller  Meisterschüsse 
überhaupt  keine  Zweifel  mehr  aufkommen.  Die  germanischen  Meister- 
schüsse sind  durchaus  unhistorisch,  nirgends  als  wirklich  vorgefallen 
nachgewiesen  worden.  Schon  das  vielfache  Vorkommen  derselben  weist 
auf  ihren  mythischen  Gehalt  zurück.  Ja,  sollte  es  je  gelingen,  die 
Wirklichkeit  eines  jener  Schüsse  daizuthun,  so  würde  das  an  der  durch- 
aus fest  begründeten  mythischen  Auffassung  derselben  gar  nichts  zu 
ändern  vermögen.  Nur  das  eine  stellt  sich  bei  den  germanischen 
Meisterschüssen  als  sagengeschichtliches  Factum  heraus,  daß  die  Sage 
überall  einen  leibhaftigen  Schützen  voraussetzt,  der  in  seiner  Kunst 
ganz  besonders  vor  anderen  excellierte.  Ein  solcher  Schütz  muß  auch 
am  Vierwaldstättersee  gelebt  haben.  Und  als  solcher  besaß  er  dann 
auch  die  Eigenschaft,  die  ältere  schon  lange  vor  ihm  vorhandene  Sage 
von  dem  göttlichen  Urschützen  auf  sich  herabzuziehen. 

Mit  dem  Nachweise  des  mythischen  und  sagengeschichtlichen 
Gehaltes  des  Apfelschusses,  der  Seefahrt  und   des  Tyianncnmordes  ist 


28  HKINO  PFANNENSCHMID 

im  Wesentlichen  die  Teilsage  erklärt.  Der  Urschütz  ist  Indra- Wodan, 
in  der  Schweiz  heißt  er  Teil.  Doch  hat  hiermit  die  schweizerische 
Sagcnbildung  sieh  nicht  begnügt.  Sie  weiß  vom  Teil  noch  mehr  zu 
berichten:  sie  meldet  Tell's  Tod  im  Schächenbach,  seinen  Schlaf  in 
tiefer  Felshöhle  am  Vierwaldstättersee,  seine  dereinstige  Wiederkunft; 
sie  erzählt  von  einer  mit  Tell's  Apfelschuß  in  Verbindung  gebrachten 
Stange  mit  einem  Hut  und  von  einer  zu  Tell's  Andenken  stattfindenden 
Wallfahrt  zu  der  nach  ihm  benannten  Capelle  an  der  Platte  im  Vier- 
waldstättersee. Betrachten  wir  diese  Einzelheiten  näher:  sie  werden 
uns  sämmtlich  an  Wodan  erinnern  und  unsere  Annahme ,  daß  der 
Schütz  Teil  mit  dem  germanischen  Urschütz  Odhin- Wodan  identisch 
sei,  von  Neuem  bestätigen. 

Über  Tell's  Tod  im  Schächenbach  berichtet  die  jüngere 
Schweizersage  (s.  Hisely,  Guill.  Teil  S.  669;  Simrock,  Geschichtliche 
deutsche  Sagen  S.  389),  ebenso  über  seinen  Schlaf  in  der  Fels- 
grotte und  seine  dereinstige  Wiederkunft  (Grimm,  Sagen 
Nr.  297;  Myth.  2,  906;  Menzel,  Odin  340;  Simrock,  das.  S.  392). 
Es  bedarf  kaum  der  Bemerkung,  daß  auch  diese  von  der  Schweizer- 
sage treu  aufbewahrten  Züge  auf  Wodan  gehen.  Sie  beweisen  ebenso 
wie  der  Wolf  oder  der  Hund,  welcher  als  der  Begleiter  des  Schützen 
in  der  holsteinischen  abbildlichen  Überlieferung  erscheint  (Müllenhoff, 
Sagen  S.  57),  daß  in  dem  Meisterschütz  der  Wodan  steckt.  Teil  stirbt 
als  Greis  im  Wasser,  entspricht  dem  Mythus,  daß  Wodan  als  Greis 
d.  i.  Wodan  auf  der  Neige  der  sommerlichen  Jahreshälfte,  von  den 
Herbstgewittern  und  Regenwettern,  überwunden  wird.  Anders  gewandt 
wird  derselbe  Gedanke  ausgedrückt,  wenn  es  heißt,  Teil  schlafe,  ähn- 
lich dem  öselschen  Toll,  den  Winterschlaf  mit  seinen  zwei  anderen 
•Genossen.  Er  ist  der  schlafende  Held,  der  einst  wiederkehren  will, 
um  das  Vaterland  aus  seiner  Noth  zu  befreien  (vgl.  Schwrarz,  Volks- 
glaube 102  ff.),  wie  Barbarossa  und  alle  die  anderen  schlafenden  Wodans- 
helden, obenan  nach  jüngerer  faroeischer  Sage  des  Eigils  Bruder  Wie- 
land der  Schmied  (Raßmann,  a.  a.  O.  1,  49).  Als  solcher  ist  Wodan- 
Teil  der  winterliche  Gott,  der  im  Winter  schläft,  zur  Zeit  der  Früh- 
lingssonnenwende aber  erwacht,  um  den  Kreislauf  des  Jahres  von  Neuem 
zu  beginnen  (vgl.  auch  Schwarz,  Naturanschauungen   1,   174). 

Was  nun  den  auf  die  Stange  aufgesteckten  Hut  anbetrifft, 
worüber  uns  von  allen  Schweizerchroniken  zuerst  die  des  „weißen 
Buches"  zu  Samen  belehrt  (Geschichtsfreund,  1857,  XIII,  72),  so  er- 
weist sich  die  Deutung,  die  Grimm  (Rechtsalterthümer  2.  Ausg.  151) 
darüber  gegeben    hat,    als  durchaus    unzutreffend.    Nach    ihm  war  der 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  29 

Hut,  gleich  der  Fahne,  Feldzeichen;  wer  ihn  aufsteckte,  forderte  das 
Volk  zur  Heer-  und  Gerichtsfolge  auf,  und  hatte  die  Gewalt  dazu. 
Und  so  sei  auch,  meint  Grimm,  des  Gesslers  aufgesteckter  Hut  in  der 
Schweizersage  ein  Symbol  der  Obergewalt  zu  Gericht  und  Feld.  Allein 
die  Sage  meldet  gar  nicht,  daß  hier  von  Gericht-  oder  Heerfolge  die 
Rede  ist.  Sehen  wir  uns  deshalb  in  den  germanischen  Gebräuchen 
nach  einem  anderen  Analogon  um.  Und  da  bietet  sich  zur  Erklärung 
weiter  nichts  als  die  Maistauge ,  die  bei  Frühlingsferien  vorkommt. 
Karl  Silberschlag  (Gntzkow's  Unterhaltungen  1862,  3.  Folge  2.  Bd. 
Nr.  26  S.  503)  denkt  an  die  Irminsäulen,  die  zuweilen  von  Stein  ge- 
wesen, öfters  aber  aus  hölzernen  Pfählen  bestanden  hätten,  auf  denen 
die  Abbildung  eines  Hutes  angebracht  gewesen  sein  möchte.  Er  er- 
innert dabei  an  König  Erich's  Wetterhut,  einen  Baumstamm  mit  einem 
Hute  darauf,  der  namentlich  bei  Stockholm  gestanden  haben  soll,  wo 
der  Standpunkt  desselben  noch  jetzt  gezeigt  werde.  Silberschlag  meint 
ohne  Zweifei  einen  schroffen  Felsen  im  Mälarsee,  welcher  Königshut 
heißt  und  der  auf  einer  eisernen  Stange  einen  gewaltigen  Hut  trägt 
(Rochholz ,  Naturmythen  209).  Dies  ist  eine  Erinnerung  an  den  be- 
hüteten Wettergott  Wodan.  Lieber  denke  ich  dagegen  an  die  eben- 
falls an  Wodan  (Liebrecht,  Gerv.  v.  Til.  177  ff.)  erinnernde  Beschrei- 
bung einer  nach  menschlicher  Weise  aufgeputzten  schwedischen  Mai- 
stange, die  Felix  Liebrecht  (Germania  4 ,  374)  mitgetheilt  hat,  nament- 
lich wenn  man  damit  die  ebenfalls  um  Pfingsten  stattfindende  Wall- 
fahrt in  Verbindung  bringt.  Jedesfalls  haben  wir  in  der  Stange  mit 
dem  Hut,  vor  der  sich  der  Sage  zufolge  ein  Jeder  hätte  neigen  müssen, 
eine  Erinnerung  an  eine  alte  heidnische  Festfeier  zu  sehen,  die  wahr- 
scheinlich zu  Ehren  des  Frühlingsgottes  Wodan  stattfand.  Wird  doch 
in  manchen  Gegenden  derjenige  zum  Pfingstkönig  erkoren,  welcher  in 
einem  Wettlauf  oder  Wettreiten  siegt,  wobei  mit  Stecken  nach  einem 
auf  eine  Stange  gesteckten  Hut  gestochen  wird  (Mannhardt,  Götter- 
welt 1,  146).  Erst  später  wird  die  Stange  mit  dem  Hut  zu  dem  Schusse 
des  Teil  in  Beziehung  gesetzt  und  dient  nun  mittelbar  als  Motiv  zur 
Vollführung  desselben  und  in  Folge  davon  zur  Gefangennahme  des 
trotzigen  Schützen. 

Die  heute  noch  stattfindende  Wallfahrt  nach  der  Tells- 
kapelle  an  der  Platte  am  Fuße  des  Axenberges  im  Vierwaldstättersee 
beruht  in  ähnlicher  Weise  auf  einer  alten  heidnischen  festlichen  Sitte. 
Außer  dieser  gibt  es  noch  zwei  andere  Tellskapellen,  welche  hier 
indes  aus  bekannten  Gründen  nicht  in  Betracht  kommen,  die  zu  Bür- 
geln,  Teils  angeblichem  Geburtsorte   und  bei  Küßnacht  an  der  hohlen 


;{,l  IIEINO  PFANNENSCHMID 

Gasse  (s.  Kopp,  Geschichtsblätter  1,  317 ff.;  Ruber  a.  a.  O.  123  u.  124)*)' 
Die  über  die  Wallfahrt  nach  der  Capelle  am  See  ausgesprochene  An- 
sicht wird  durch  zahlreiche  analoge  Fälle  unterstützt.  Es  ist  bekannt, 
wie  schon  in  den  ältesten  Zeiten  „zur  Bewachung  der  Feld-  und  Wald- 
mark  gegen  jede  Beeinträchtigung  Grenzumzüge,  Hubengänge,  Flur- 
gänge, Marken-  und  Schnadgänge  und  die  Grenzumritte  eingeführt 
wurden"  (Maurer,  Einleitung  in  die  Gesch.  der  Mark-  etc.  Verfass. 
S.  224).  Grenzumzüge  und  Flurumgänge  oder  Flurumritte  hängen  aber 
aufs  engste  zusammen.  Ans  letzteren  werden  nun  später  die  kirch- 
lichen Bittgänge  und  Processionen ,  entweder  zu  Fuß ,  zu  Pferde  oder 
zu  Schifte.  „Unsere  heidnischen  Vorfahren  trugen  nun  in  altheiliger 
Erinnerung  an  die  glückspendenden  Umzüge  der  Gottheiten  Bildnisse 
ihrer  Götter  um  die  Felder  in  feierlichem  Gepränge  mit  Jubel  und 
Gesang"  (Quitzmann,  die  heid.  Rel.  der  Baiwaren  254).  Aus  den 
Bildern  der  Götter  wurden  naturgemäß  später  Bilder  der  Heiligen. 
In  der  Schweiz  finden  nun  auf  Christi  Himmelfahrt  an  mehreren  Orten 
noch  heute  solche  berittene  Kirchenprocessionen  statt,  so  vom  Chor- 
herrenstift von  Beromünster  im  Canton  Lucern,  und  von  den  benach- 
barten Orten  Hitzkirch,  Sempach,  Großwangen  und  Ettiswil- Schütz. 
Zu  diesen  Processionen  zu  Pferde  stellen  sich  die  zu  Schiffe:  die  eine 
geht  zur  Tellenkapelle  auf  dem  Vierwaldstättersee,  die  andere  findet 
alljährlich  auf  dem  Zugersee  statt  (Rochholz,  Naturmythen  S.  17  ff.  bes. 
S.  20).  Die  Fahrt  nach  der  Platte  fällt  in  die  Bittwoche,  in  die  Woche, 
in  welcher  das  Fest  der  Himmelfahrt  gefeiert  wird.  Insbesondere  lallt 
die  Fahrt  nach  der  Platte  auf  den  Freitag  nach  der  Auffahrt.  An  dem- 
selben Tage  finden  zu  Schaddorf  und  zu  Silinen  ebenfalls  Kreuzgänge 
statt,  zur  Abwendung  von  Hagel  und  Ungewitter  von  den  Ackern 
(Kopp,  Geschichtsblätter  1,  318).  Kopp  folgert  nun  ganz  richtig,  daß 
die  Fahrt  nach  der  Tellsl<apelle  denselben  Zweck  gehabt  habe.  Freilich 
macht  Hidber  (Allg.  Ztg.  1860  Beilage  zu  Nr.  201)  dagegen  geltend, 
hier  seien  am  See  keine  Felder,  die  eingesegnet  werden  könnten. 
Allein  das  ist  auch  gar  nicht  nothwendig.  Konnte  man  nicht  an  dieser 
Stätte  doch  um  den  Segen  der  Felder  daheim  bitten,  konnte  man  nicht 
die  Gewalt  und  die  schädlichen  Wirkungen  des  Wasserelementes  und 
die  Wüth  des  Föhns  abwenden  wollen?  Doch  ist  es  im  Grunde  gleich - 


*)  Die  Erbauung  dieser  Capellen  fällt  nach  der  vollständigen  Ausbildung  der 
Teilsage;  aber  an  den  Plätzen,  wo  sie  stehen,  sind  von  Alters  her  urgermanische  Erin- 
nerungen und  Traditionen  haften  geblieben,  wie  denn  auch  das  Zusammentreffen  der 
drei  Capellen  mit  den  drei  Teilen  (s.  oben  S.   17,    18)  gewiss  nicht  zufällig  ist 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  31 

gültig,  welchen  Zweck  die  kirchliche  Procession  nach  der  Platte  hatte. 
Sicher  ist  ohne  Frage ,  daß  die  jener  christlichen  Feier  zu  Grunde 
liegende  germanische  älter  ist,  als  die  daselbst,  wie  es  scheint,  erst 
zn  Tschudi's  Zeiten  erbaute  Capelle  (Huber  a.  a.  O.  124).  Wichtiger 
ist  die  Frage,  weshalb  die  Fahrt  gerade  nach  der  Platte  sich  wandte. 
Hatte  hier  Gott  Wodan  einst  seinen  Umzug  gehalten,  war  hier  eine 
uralte  Opferstatt  gewesen  —  das  steht  dahin.  Ich  entscheide  mich 
dafür,  daß  der  Felsensprung  des  Gottes  Indra-Wodan  hier  localisiert 
und  auf  Teil  übertragen  wurde,  weil  die  Platte  in  irgend  einer  Weise 
schon  ein  heiliger  Ort  hat  sein  müssen.  Die  Localisation  geschah,  als 
die  Sage  anfieng  feste  Gestalt  zu  bekommen,  wahrscheinlich  um  die  Mitte 
des  fünfzehnten  Jahrhunderts.  —  Steht  aber  die  Stange  mit  dem  Hut, 
der  Meisterschuß,  die  Wasserfahrt,  der  Sprung  auf  die  Platte,  die  Er- 
schießung des  Tyrannen  mit  der  Wallfahrt  nach  der  Tellskapelle  in  ur- 
altem, genauem  Zusammenhange,  so  dürften  hier  die  Reste  einer  alten 
heidnischen  Maifeier  vorliegen ,  die  wahrscheinlich  später  dramatisch 
vorgestellt  und  besungen  wurde,  und  die  sich  auf  Wodan  bezog  (vgl. 
Kuhn  in  Haupt's  Zeitschr.  5,  478  ff.). 

Nachdem  nun  so  die  wesentlichen  Elemente,  aus  denen  sich  die 
Tellsage  zusammensetzt,  besprochen  sind,  lässt  sich  leicht,  um  noch 
einmal  rückwärts  zu  schauen,  die  Erzählung  vom  Meisterschützen  vom 
Naturmythus  an  durch  alle  Stadien  der  Mythusentwicklung  und  Sagen- 
bildung verfolgen.  Die  ursprüngliche  Basis  ist  überall  eine  anthro- 
pologische. Menschliche  Verhältnisse ,  Gewohnheit  und  Sitte ,  werden 
auf  kosmische  Vorgänge  am  Himmel  übertragen  und  in  sie  hinein- 
gedichtet. Aus  der  Verschmelzung  dieser  beiden  Grundfactoren  ent- 
steht der  Mythus.  Der  physikalische  Gehalt  unseres  Naturmythus  ist 
der  Sonnenstrahl  oder  der  Blitz,  deren  Natursymbol  der  Pfeil.  Der 
Begriff  des  Pfeiles  ergänzt  sich  nach  bekannten  mythologischen  Ge- 
setzen naturgemäß  leicht  zu  dem  erweiterten  Begriffe  des  Schützen, 
des  pfeilschießenden  göttlichen  Schützen,  des  Himmels-  und  Sonnen- 
gottes, der  mit  seiner  Waffe  ein  ihm  ebenbürtiges  göttliches  Wesen 
im  Kampfe  siegreich  besteht.  Wie  nun  dieser  göttliche  Urschütz  aus 
der  Schaar  vieler  Schützen  (=  Sonnenstrahlen,  Blitze)  heraus  mit  fort- 
schreitender Cultur  zum  Vater  derselben,  zum  Schützen-  und  Sonnen- 
gott erhoben  war,  so  sinkt  derselbe  Gott  Indra-Odhin-Wodan  in  ab- 
steigender Linie  hinwieder  später  zum  göttlichen  Heros,  in  der  ger- 
manischen Mythologie  zu  dem  Agilo,  dieser  endlich  zum  menschlichen 
Schützen  der  Sage  herab,  der  nun  bei  verschiedenen  germanischen 
Stämmen    verschiedene    Namen    trägt,    in  Westphalen    und  Island    als 


32  HHINO  PFANNENSCHMID 

Ei<>il  und  Egil,  in  Norwegen  als  Eindride  und  Ilemming,  in  Dänemark 
als  Toko,  in  England  als  William  of  Clondesly,  in  Holstein  als  Henneke 
Wulf,  am  Oberrhein  als  Pnneker,  in  der  Schweiz  als  Teil,  auf  der 
Insel  Ösel  als  Toll  erscheint,  Sagengestalten,  die  sämmtlich  im  Spiegel 
der  Zeit,  welcher  sie  angehören,  mehr  oder  minder  ethisches  Gepräge 
an  sich  tragen  und  einigemale  ausdrücklich  als  Rächer  tyrannischer 
Willkür  gekennzeichnet  sind.  Alle  diese  Figuren  bergen  neben  dem 
mythischen  Bestandtheil  auch  einen  sagengeschichtlichen  in  sich.  Für 
die  Urner  Tellsage  haben  wir  dies  speciell  nachgewiesen.  Bringen  wir 
den  Mythus  in  Abzug,  so  müssen  wir  anerkennen,  daß  einst  ein  kühner 
Mann  in  der  Centralschweiz  gelebt  habe,  der  durch  seine  Bogenkunst 
eben  so  berühmt  war,  wie  durch  seine  Steuermannskunst  und  nicht 
minder  durch  seinen  Trotz  gegen  einen  Übermüthigen,  den  er  viel- 
leicht in  rechtlichem  Zweikampfe  erlegt  haben  mag.  Dies  ist  der  ganze 
sagengeschichtliche  Inhalt  der  Teilsage,  ein  Minimum  zwar,  aber  ein 
tranz  geeigneter  Stoff,  alle  vorhandenen,  verwandten  mythischen  Ele- 
mente  in  sich  aufzusaugen.  Aus  der  innigen  Verbindung  und  gegen- 
seitigen Durchdringung  dieser  beiden  Grundelemente,  des  angegebenen 
historischen  Residuums  (des  Sagengeschichtlichen)  und  jener  schon 
vorher  daseienden  mythischen  Bestandteile,  erwächst  nun  der  Teil 
der  Sage,  der  später  im  Fortgang  des  sagenbildenden  Processes  noch 
mehr  historisiert  und  in  Heldengestalt  ah  Befreier  der  Schweiz  uns 
vorgeführt  wird.  Es  sind  also  in  der  schweizerischen  Tellsage  zu 
unterscheiden:  ein  mythischer  Bestandtheil;  eine  wirkliche  historische 
oder  lieber  sagengeschichtliche  Basis;  und  eine  aus  beiden  Elementen 
hervorgehende  sagenhafte  weitere  Entwicklung,  oder  mit  anderen 
Worten:  ein  mythischer  Teil,  ein  wirklich  historischer  (sagengeschicht- 
licher) Teil  der  ältesten  Zeit,  und  ein  sagenhafter  Teil  jüngerer  Zeit, 
der  dann  gegen  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  sich  litterarisch 
zuerst  in  dem  Gewände  als  Schweizerbefreier  zeigt.  Aber  schon  um 
die  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  (s.  Lütolf,  Germania  9,  222) 
brachte  man  die  im  Volke  seit  Alters  und  ohne  alle  Frage  in  Liedern 

lebende  Sage  vom  Tall  in  Verbindung  mit  der  Entstehung  der  Sehwei- 
te ry  ö 

zerfreiheit.  Diese  wurde  hervorgerufen  durch  eine  Reihe  heute  noch 
klar  erkennbarer  historischer  Ursachen,  durch  die  allgemeinen  politischen 
Verhältnisse  des  heiligen  römischen  Reiches  deutscher  Nation,  durch 
die  eigenartige  Entwicklung  der  alten  Markverfassung  der  drei  Länder 
und  durch  verschiedene  Ereignisse,  welche  die  Thalbewohner  klug  und 
ausdauernd  zur  endlichen  Begründung  ihrer  Freiheit  benutzten  (vgl. 
G.  v.  Wyß,  Gesch.  der  drei  Länder,  S.  1  — 14;  G.  L.  v.  Maurer,  Ein- 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  33 

leitung   zur  Gesch.   der   Mark-,  Hof-,  Dorf-  und  Stadt -Verf.  304  ff.; 
Huber  a.  a.  O.  S.  24 — 88).    Der   wirklich    historische  Hergang   dieser 
sehr  mannigfaltigen  und  sehr  verwickelten  Ereignisse   hat  niemals  von 
dem  Volke  als  solchem  erfasst  werden  können,  so  gut  wie  das  gegen- 
wäitig  noch  nicht  der  Fall  ist.   Heute  wie  damals  kannten  nur  wenige 
Kundige  den  wirklichen  Verlauf  der  Begebenheiten  genau.    Und  selbst 
diese   Kenntniss   schwand    in   jener   Zeit   nach    ein   paar    Generationen 
mehr  und  mehr    aus  dem  Gedächtniss  der  Kinder  und  Enkel.     Allein 
die   Thatsache   des   Bestehens   der    eidgenössischen    Freiheit   seit   dem 
Abschluß  des  ewigen  Bundes  zu  Brunnen  im  Jahre  1315  (Huber  S.  85) 
verlangte  für  das  spätere  Geschlecht  eine  Erklärung   ihres  Ursprungs, 
und    so   entstand    eine   volksmäßige,    vom    Volke    völlig    ver- 
ständliche,  romantische  und  sagenhafte  Darstellung,  wie 
sie    uns    zuerst    in    allgemeinster   Fassung    der   Berner    Stadtschreiber 
Konrad  Justinger  um   1420,    detaillierter  der  Züricher.^Chorherr  Felix 
Hemmerlin  um  1450,  dem  Faber  und  Mutius  folgen,  berichten  (s.  Huber 
S.  91—94  u.  S.  102).    In  allen  diesen  Erzählungen  ist  aber  noch  keine 
Rede  von   Teil    und   seinen    Thaten    (vgl.  Huber   a.  a.  O.,    namentlich 
S.  93).   Etwa  erst  um  das  zuletzt  genannte  Jahr  1450  und  später  wird 
nun  die  Sage  vom  Teil  mit  in  diese  sagenhaften,  volksmäßigen  Erzählun- 
gen über  die  Entstehung  der  eidgenössischen  Freiheit  durch  das  Weiße 
Buch,  Etterlin  und  Ruß  hereingezogen  und  verflochten  (s.  Wyß  a.  a.  O. 
S.  15  ff.;  Huber  S.  94  ff.).    Dies  geschah  etwa  160  Jahre  nach  Kaiser 
Albrechts  Ermordung,    in  welche   Zeit   man    nach    ziemlich    allgemein 
gewordener  Annahme  Teils  That  setzen  zu  müssen  geglaubt  hatte  (vgl. 
Böhmer,    Reg.  Albrechts    S.   195).     Die   Sage  vom   Teil   tritt   nun    als 
geglaubte  wirkliche  Geschichte  in  den  Vordergrund;  denn  in  ihr  cul- 
minierte  ja  der  höchste  Frevel,  der  durch  nichts  mehr  überboten  werden 
konnte:    eine  grausamere  und  empörendere  Handlung  hatte  der  Land- 
vogt  nicht   zu   begehen  vermocht.    Sie   bildet   deshalb   den    Kern,    um 
welchen  man  Alles,  was  man  sonst  über  die  Erhebung  der  drei  Thälcr 
wußte,    so  gut  es  eben  angieng,    gruppierte.    Die  Chronisten    suchten 
nun    diese    Sage    mit   der   bereits  vorhandenen    sagenhaften  Geschichte 
von  dem  frevelhaften  Walten  der  Vögte,  das  aber,  wenn  auch  nur  in 
geringem   Maße,    wirkliche   geschichtliche  Vorgänge*)    zur   Unterlage 


*)  Ich  will  hier  nur  an  zwei  Beispiele  erinnern,  und  zwar  zuerst  an  die  empö- 
renden Bedrückungen  der  Freien  von  Rothenburg  im  Canton  Lucern ,  deren  gleich- 
namige Burg  1335  gestört  wurde  (Rochholz,  Naturmythen  S.  70).  Ein  sehr  auffallendes 
Beispiel  von  tyrannischer  Willkür  eines  Rothenburgers  berichtet  Kopp  (Gesch.  der  eidgen. 
Bünde,  II,  2,  137)  zu  dem  Jahre   [257.    Vielleicht  ist's  auch  dieser,  von  dem  die  spä- 

GEUlVl\NIA     X.  3 


34  HEINO  PPANNENSCHMID 

hat,  fortgehend  auszugleichen,  die  vielfachen  Widersprüche  zu  besei- 
tigen, bis  endlich  die  ganze  Erzählung  durch  Tschudi  ihren  relativen 
Abschluß  findet. 

Somit  hat  es  also  einen  Teil  der  Sage,  oder  was  dasselbe  ist, 
einen  historischen  Teil  im  Sinne  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  oder 
noch  anders  ausgedrückt,  einen  Teil,  wie  ihn  Schillers  Drama,  das 
meist  dem  Tschudi  folgt,  zeichnet,  niemals  gegeben;  wohl  aber  einen 
historischen  oder  sagengeschichtlichen  Tall  der  ältesten  Zeit  und  einen 
mythischen  Wodan-Tall.  Es  drängt  sich  nun  wie  von  selbst  die  Frage 
auf,  wann  denn  jener  leibhaftige  Tall,  der  treffliche  Schütz,  der  uner- 
schrockene Steuermann  und  trotzige  Gesell  gelebt  haben  mag. 

Man  kann  nun  entweder  annehmen,  daß  die  eben  bezeichneten 
und  dem  einen  Tall  zugeschriebenen  Eigenschaften  sich  auf  ebenso 
viele  verschiedene  Personen  vertheilen,  die  auch  verschiedenen  Zeiten 
angehören  könnten ;  oder  auch  daß ,  wenn  man  nur  von  einer  Person 
reden  will,  diese  doch  eine  andere  als  der  Tall  geAvesen  sei,  die  erst 
später  mit  dem  mythischen  Tall  identificiert  worden  wäre.  Beides 
könnte  möglich  sein.  Doch  halten  wir  uns  lieber  an  die  Sage,  die 
alle  jene  Thaten  nur  einer  Person  zuschreibt.  Im  ungünstigsten  Falle 
dürfte  ihr  doch  eine  der  erwähnten  Eigenschaften  zufallen.  Nimmt 
man  nun  an,  daß  diese  Person  mit  dem  Tall  der  ältesten  Zeit  identisch 
ist,  so  dürfen  wir  folgende  Vermuthung  wagen. 

Der  Name  Tallo  kommt  in  der  Schweiz  urkundlich  zuerst  seit 
der  Mitte  des  achten  Jahrhunderts  vor,  einige  Jahrzehnte  später  auch 
schon  die  Form  Tello  (s.  Förstemann,  Altd.  Namenbuch  1,  330  u.  ff., 
Lütolf  in  der  Germania  8,  214;  v.  Liebenau,  die  Tellsage  S.  10).  Die 
Identität  der  Formen  Tall  und  Teil  ergiebt  sich  aus  der  litterarisch 
ältesten  über  Teil  redenden  Chronik,  der  des  „Weißen  Buches"  aus 
dem  Jahre  1471,  in  der  vorzugsweise  die  Form  Tall  im  Gebrauch  ist. 
Nicht  von  Gewicht  ist  es,  wenn  in  derselben  Chronik  der  Name  ein- 
mal „Thäll"  und  zweimal  „Thall"  geschrieben  wird.  Die  urkundlich 
beglaubigte  Form  „Tallo"  giebt  die  Entscheidung.  Seit  dem  Jahre  1471 
begegnet  nur  die  bekannte  Form  Teil.    Bis  wann  nun  Träger  des  Na- 


tere  Sage  so  Unmenschliches  zu  erzählen  weiß  (Rochholz,  das.  S.  69).  Sodann  denke 
ich  an  den  Ritter  von  Küssenach,  der  auf  der  gleichnamigen  Burg  saß  und  seit  1291 
(Blumer,  Staats-  und  R.-Gcsch.  1,  27)  herzoglich  österreichischer  Vogt  war.  In  den 
ersten  Jahren  des  14.  .llis.  hatten  zwischen  ihm  und  den  Dorfleuten  arge  Zerwürfnisse 
stattgefunden.  Die  Dorfleute  überfielen  den  Vogt  auf  seiner  Burg;  dieser  aber  schlug 
die  Bauern  zurück  und  es  kam  später  zu  einem  Vergleich  'Kopp,  Urk.  II,  38.  .">(),  im 
Archiv  f.   K.   ü.   GQ.    1851J. 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  35 

mens  Tall  in  der  Schweiz  gelebt  haben,  darüber  könnte  wahrscheinlich 
ein  genauer  Nachweis  über  das  früheste  Vorkommen  dieses  Wortes 
als  Eigennamen  und  in  Ortsnamen,  in  denen  der  Name  Tall  oder  Teil 
steckt,  wie  Tellingen,  Teilewiese,  Tellenpfad  u.  a.  (Lütolf  a.  a.  O. 
214.  215;  v.  Liebenau,  a.  a.  O.  S.  10.  Vgl.  auch:  Telligletscher,  Telli- 
stock,  Tellernsee  b.  Berlepsch,  Schweizerkunde,  Braunschw.  1864, 
S.  60,  73  u.  190)  Auskunft  geben.  Wir  müssen  uns  vorläufig  damit 
begnügen,  anzunehmen,  dass  der  historische  Tall  schon  sehr  früh,  cl.  i. 
bis  zu  dem  neunten  Jahrhundert  gelebt  haben  mag,  da  seit  dieser  Zeit 
ein  Träger  dieses  Namens,  so  viel  bekannt,  urkundlich  nicht  mehr  er- 
scheint. Ja  vielleicht  ist  der  zuerst  genannte  älteste  Tall  auch  der  histo- 
rische gewesen. 

Wie  verhält  sich  nun  dieser  historische  oder  sagengeschichtliche 
Tall  zu  dem  mythischen  Wodan-Tall?  Hat  man  den  Mythus  vom  Agilo 
auf  ihn  übertragen  oder  war  Tall  schon  eine  selbstständige  mythische 
Figur  bei  den  Älamannen?  Beides  scheint  der  Fall  gewesen  zu  sein. 
Das  erste  darf  man  aus  dem  ursprünglich  nahen  räumlichen  Zusammen- 
wohnen der  Älamannen  mit  den  Westphalen  und  der  weiten  Verbrei- 
tung des  Namens  Eigil  auch  in  der  Schweiz,  das  andere  aus  der  sehr 
wahrscheinlichen   mythischen   Bedeutung   des   Namens  Tall    schließen. 

Nach  Raßmanns  Untersuchung  über  die  deutsche  Heldensage  steht 
es  fest,  daß  die  Eigilsage  ursprünglich  unter  allen  germanischen  Völ- 
kern in  Westphalen  ihren  ältesten  Sitz  gehabt  hat.  Die  den  West- 
phalen benachbarten  Älamannen  konnten  mithin  von  ihr  Kunde  be- 
sitzen, wie  das  der  bei  ihnen  in  den  frühesten  Zeiten  vorkommende 
Gebrauch  des  ebenfalls  mythischen  Namens  Agilo  beweisen  dürfte 
(s.  oben),  ein  Name,  der  sich  heute  vielerwärts  als  Eigil,  in  der  Schweiz 
in  dem  ersten  Theile  des  Namens  Egilolf  oder  Eglolf  seit  Alters  her 
erhalten  hat*).  Als  nun  die  Älamannen  in  der  ersten  Hälfte  des  fünften 
Jahrhunderts  in  die  Schweiz  vordrangen,  haben  sie  gewiss  noch  vom 
Agilo  gesunken.    Im  Laufe  von  vielleicht  drei    bis  vier  Jahrhunderten 


:,:;  Ich  überlasse  es  den  betreffenden  Forschern  in  der  Schweiz  zu  untersuchen, 
ob  der  Name  Eigil  sich  unter  anderen  auch  in  folgenden  Ortsnamen  findet:  Egelshofen, 
Pl'arrdorf  im  thurg.  Amt  Gottlieben,  und  Egelshofen,  Weiler  bei  Altenklingen,  im  thurg. 
Amt  Weinfelden;  am  Egelsee  oder  Aegelsee,  ein  fruchtbarer  Wiesenbezirk,  eine  halbe 
Stunde  von  Basel  am  rechten  Rheinufer;  Eglisau ,  Stadt  am  Rhein;  Eglisehwyl,  Dorf 
im  aargauischen  Bezirk  Lenzburg;  Egolzwyl,  Dort'  im  ('.  Luzern,  au  einem  kleinen 
See  gleichen  Namens;  Aegelsee,  Weiler  im  Berner  Oberamte  Thun;  Aegelsee,  sein- 
kleine]-  See  in  der  Pfarre  Brienz;  ein  anderer  gleichnamiger  Orl  liegt  in  der  Pfarre 
Knonau   im   ('.  Zürich. 

3* 


36  TIEINO  PFANNENSCHMID 

mag  dann  auf  jenen  leibhaftigen  Tallo  die  Sage  des  mythischen  Agilo 
übertragen  worden  sein.  Doch  muß  es  vor  diesem  historischen  Tall 
schon  einen  mythischen  Tall  gegeben  haben,  dessen  Natur  geeignet 
war,  jenen  Mythus  vom  Agilo  anzuziehen.  Über  diese  mythische  Natur 
giebt  vielleicht  die  Erklärung  des  Namens  Tall  als  eines  mythischen 
nähere  Auskunft.  Die  Berechtigung  wenigstens,  den  Namen  Tall  für 
mythisch  zu  halten,  dürfte  wohl  kaum  bezweifelt  werden  können. 

Die  früheren  Versuche  (s.  Hisely,  Guill.  Teil  S.  568  ff.;  Huber 
S.  122.  123)  den  Namen  Teil  zu  erklären,  sind  sämmtlich  verfehlt, 
meistens  deshalb,  weil  sie  nicht  auf  die  älteste  urkundliche  Form  des 
Namens  zurückgehen,  die  freilich  erst  seit  der  Auffindung  der  Chronik 
des  Weißen  Buches  (1854)  bekannt  ist.  Die  unter  allen  scheinbar  beste 
Annahme,  der  Name  Teil  sei  ein  Beiname  und  bedeute  soviel  wie  der 
Tolle  oder  ein  thörichter,  unbesonnener  Mensch  —  eine  Meinung,  die 
sich  auf  den  bekannten  Ausspruch  Teils  selbst  stützt:  „wäre  ich  witzig 
und  ich  hießi  anders  und  nit  der  Tall"  (Chron.  des  weiß.  Buchs  a.  a.  O. 
S.  72  und  ähnlich  die  anderen  Chroniken),  beruht  lediglich  auf  einen 
volksmäßigen  Erklärungsversuch,  den  Namen,  dessen  Bedeutung  man 
nicht  mehr  verstand,  zu  deuten.  Es  ist  nichts  weiter  als  eine  ety- 
mologische Umdeutung,  wie  sie  hundertfach  begegnet,  wozu  der  Gleich- 
klang der  Wörter  „Tall"  und  „toll"  verführte.  Komisch  nimmt  sich 
die  neueste  Erklärung  des  Namens  Teil  als  „Steuermann"  aus,  die 
sich  darauf  beruft,  daß  jedes  Kind  am  Vierwaldstättersee  heute  noch 
wisse,  teilen  heiße  soviel  als  steuern  (Dr.  Wilh.  Zimmermann,  in  der 
Illustr.  Welt,  1864,  4.  Hft.  S.  146).  Herrn  Zimmermann,  der,  obwohl 
viel  schreibend,  sich  nicht  viel  um  neuere  Forschungen  kümmert,  war 
natürlich  die  älteste  Form  des  Namens  Teil  noch  nicht  bekannt  ge- 
worden *).  —  Unter  Berücksichtigung  des  Gesetzes  der  Lautverschie- 
bung glaube  ich  eine  doppelte  Erklärung  des  Namens  Tall  vorschlagen 
zn  können.  Förstemann  (Altd.  Namensb.  1,  330)  erinnert  bei  der  Wurzel 
Dali,  zu  welcher  er  Tall  rechnet,  an  das  doli  in  dem  Namen  des  alt- 
nordischen Gottes  Heimdall  (ursprünglich  Heimthallr),  nach  Simrock 
(Myth.  326)  und  Mannhardt  (Götterw.  1,  258)  soviel  als  Weltglänzer, 

*)  Kaum  kann  ich  mich  der  Vermuthung  entschlagen,  daß  Hrn.  Zimmermann 
hierbei  nicht  ein  kleines  Unglück  passiert  sein  sollte.  Da  sich  kein  einziger  Schweizer 
Schriftsteller  je  auf  die  Bedeutung  des  „teilen"  im  Sinne  von  „ein  Schiff  lenken  oder 
steuern"  beruft,  so  ist  Hrn.  Z.  hier  gewiss  eine  arge  Verwechslung  untergelaufen.  In 
der  Schweiz  heißt  teilen  allerdings  soviel  wie  steuern,  ital.  tagliare,  d.  h.  Steuer  zahlen, 
aber  nichts  anders  (s.  Dan.  Sanders,  Wörterbuch  der  deutsch.  Sprache  II,  1296).  Herr 
Z.  hat  vermuthlich  beide  sehr  verschiedenen  Begriffe  mit  einander  confundiert! 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  37 

wie  an  das  angelsächsische  <leal,  clarus,  superbus.  Bimsen  (Gott  in 
der  Gesch.  3,  484)  meint  die  Wurzel  des  altnordischen  dall  (in  Heim- 
dall)  in  dem  griechischen  ftähk-co  wiederzuerkennen.  Sprossen  und 
Glänzen  sind  aber  sich  nahe  berührende  Begriffe.  Tall  dürfte  hiernach 
den  Sprossen-  und  Wachsenmachenden  bedeuten ,  eine  Bezeichnung, 
die  auf  den  strahlenden  Sonnengott  gehen  würde  (s.  Beil.  zu  Nr.  141 
der  Allg.  Ztg.  1864).  Dabei  verhehle  ich  mir  die  Schwierigkeiten,  die 
dieser  Ableitung  entgegenstehen  könnten,  keineswegs.  Erst  eine  ein- 
gehende Untersuchung  über  die  Natur  des  sehr  schwierig  zu  bestim- 
menden Gottes  Heimdall  würde  alle  Zweifel  zu  beseitigen  vermögen. 
Doch  glaube  ich  es  hier  aussprechen  zu  dürfen,  daß  sich  zwischen 
dem  mythischen  Wodan -Teil  und  dem  mit  dem  Odhin  in  mehr  als 
einer  Beziehung  identischen  Heimdall  vielfache  Berührungspunkte  werden 
nachweisen  lassen,  die  mit  meiner  Auflassung  des  Teilmythus  stimmen. 
Auf  andere  Gesichtspunkte  der  Ähnlichkeit  zwischen  Heimdall  und 
Teil  hat  bereits  Lütolf  (Germania  8,  208  ff.)  aufmerksam  gemacht. 
Ich  verweise  betreffs  des  Heimdall  vorläufig  hauptsächlich  auf  das  Lex. 
Myth.  Th.  III  der  Edda  Saem.  S.  417  ff.;  Grimm,  Myth.  1,  213  ff.; 
W.  Müller,  System  227-233  u.  a.  a.  St.;  Schwenk,  Myth.  der  Germ. 
1  .6—134.;  Simrock,  Myth.  324  fl'.;  Mannhardt,  Germ.  Myth.,  s.  Index.; 
Zeitschrift  f.  d.  Myth.  II,  309,  Anm.  5,  III,  117;  Götterwelt  1,  258; 
Bunsen  a.  a.  O.;  Schwarz,  Ursprung  d.  Myth.  117.  210;  Quitzmann, 
die  heid.  Rel.  d.  Baiw.  104.  201.  202.  und  Holmboe,  det  norske  Sprogs 
S.  108-  —  Die  andere  Erklärung  des  Namens  Tall  verdanke  ich  einer 
gefälligen  Mittheilung  des  hiesigen  Lyceal-Directors  Herrn  Dr.  H.  L. 
Ahrens.  Derselbe  glaubt  „den  mythischen  Namen  Tall  mit  der  grie- 
chischen WTurzel  &ul  (die  übrigens  mit  dem  Verbum  ftoiklco  nahe  ver- 
wandt ist)  in  der  Bedeutung  wärmen,  die  in  &ccXvxQog,  ftuknco, 
dccAvtl'cu  erscheint,  in  Verbindung  bringen  zu  können."  Ahrens  fügt 
hinzu ,  „da  aber  im  kretischen  Dialekte  mehrfach  t  für  &  stehe  (wie 
tLQiog,  d-EQeog  KQrjtss  Hesych.,  und  TIvxLog  für  Tlv&iog  in  Inschriften), 
so  gehöre  hierher  auch  TdXag ,  der  mythische  eherne  Wächter  von 
Kreta,  der  als  ein  Symbol  des  Sonnengottes  erscheine  (vgl.  Hesych. 
Tükag,  6  ijfoog  und  Preller,  Griech.  Myth.  2.  125),  ferner,  da  Zeus  in 
Kreta  auch  als  Sonnengott  verehrt  wurde,  der  kretische  Zsvg  TaXlalog 
(s.  Preller,  das.  1,  105).  In  der  älteren  Darstellung  dürfte  Talos  der 
Hüter  der  Sonnenheerde  des  Minos  gewesen  sein  (vgl.  Preller  2,  120. 
121)"  *).   Diesem  nach  würde  in  der  Wurzel  Tall  der  Begriff  des  Wär- 

*)  Vgl.  auch  Schwarz,  Ursp.  der  Myth.  (s.  Iudex)  über  Talus,  namentlich  S.  OH  1 
Anm.  1,  wo  seine  Verwandtschaft  mit  Dädalus  und  ITephästos  hervorgehoben  wird. 
Nach  Schwarz  ist  Talos  ein  Gewitterriese, 


38  HEINO  PFANNENSCHMID 

mens  liegen,  Tall  der  Erwärmer  sein,  eine  Bedeutung,  die  ebenfalls 
in  anderer  Richtung  und  auf  nicht  ungeeignete  Weise  mit  dem  Be- 
griffe  des  Sonnengottes  zu  stimmen  scheint  (vgl.  J.  G.  v.  Hahn,  über 
Bildung  u.  Wesen  d.  myth.  Form  a.  a.  O.  S.  80.  Über  den  wärmen- 
den Sonnengott  bei  den  Finnen  s.  Castren ,  Finnische  Myth.,  übers, 
von  Schief Vier  S.  61).  In  diesem  Sinne  könnte  der  Tall  sogar  selbst 
schon  eine  Heroengestalt  der  Alamannen  gewesen  sein,  der  als  Sonnen- 
heros nun  sehr  leicht  den  Mythus  vom  heroisierten  Eigil  in  sich  auf- 
zunehmen vermochte. 

In  dem  Vorstehenden  ist  der  Beweis  zu  führen  versucht,  die  ger- 
manische Sage  von  dem  Meisterschützen  auf  einen  Indra-Odhin-Wodan- 
mythus  zurückzuführen,  dessen  Wurzel  weit  über  die  vedische  Zeit 
der  alten  Inder  hinausreicht.  Sie  ist  mithin  als  indo-germanisches  Ge- 
meingut anzusehen.  Ihre  Geburtsstätte  liegt  in  der  grauesten  Vorzeit 
des  arischen  Völkerstammes,  als  alle  späteren  Zweige  dem  Urstamm 
noch  nicht  entsprosst  waren.  Es  lässt  sich  sogar  bestimmen,  in  welcher 
Periode  der  Culturentwicklung  sie  entstanden  ist.  Erst  als  die  Arier 
nach  vielen  Jahrtausenden  die  erste  Stufe  aller  geschichtlichen  Entwick- 
lung, die  des  Hirten-  und  Jagdlebens,  erreicht  hatten,  war  auch  die 
Erfindung  des  Bogens  und  des  Pfeiles  damit  Hand  in  Hand  gegangen : 
in  dieser  ältesten  Urzeit  der  Urgewerbe  der  Menschheit  muß  der  My- 
thus vom  pfeilschießenden  Gotte  geboren  sein.  Denn  aus  dieser  Zeit 
kann  erst  die  Vergleichung  des  Blitzes  und  des  Sonnenstrahles  mit 
dem  Pfeile  stammen.  Da  liegt  das  erste  Element  zu  unsrem  Mythus, 
der  sich  von  dieser  Zeit  an  bis  zum  neunzehnten  Jahrhundert  n.  Chr., 
also  etwa  innerhalb  vier  bis  fünf  Jahrtausenden,  durch  alle  Stufen  der 
Mythen-  und  Sagenbildung  hindurch  bei  verschiedenen  indo-germani- 
schen  Stämmen,  am  schönsten  aber  bei  den  Alamannen  am  Vierwald- 
stättersee  erhalten  und  entwickelt  hat  und  zur  herrlichsten  Blüte  ge- 
langt ist,  ohne  jedoch  selbst  in  episch- dramatischer  Darstellung  die 
höchste  Stufe  idealer  Ausprägung  zu  gewinnen.  Aber  wir  dürfen  dabei 
nicht  übersehen,  daß  sämmtliche  dramatische  Bearbeitungen,  die  Teils 
Tliat  zum  Gegenstand  haben,  den  Charakter  der  Zeit  an  sich  tragen, 
welcher  sie  angehören.  Auch  Schillcr's  Teil  ist  ein  Kind  seiner  Zeit. 
Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  betrachtet  wird  aber  die  ursprünglich 
mythisch-historische,  darnach  sagenhafte,  endlich  historisierte,  mit  Fleisch 
und  Blut  umkleidete  und  in  unsere  größtmöglichste  Nähe  gerückte 
Heldengestalt  des  Teil  ein  edles  Muster  ebensowohl  treuer  Gatten-  und 
Vaterliebe,  als  einer  naturwüchsigen  Liebe  zur  Freiheit  bleiben,  und 
so  als  Kind  langer  Jahrhunderte  insbesonders  wunderbar  schöner  und 


DER  MYTHISCHE  GEHALT  DER  TELLSAGE.  39 

romantisch-großartiger  Gebirgsnatur  in  Jugendreiz  strahlen,  so  lange 
der  blaue  Himmel  sich  wölbt  über  den  drei  Thälern,  dem  Vierwald- 
stättersee  und  seinen  Bergen. 


NACHTRAG. 

Die  so  eben  erschienene  zweite  Auflage  von  Simrock's  Mythologie  ver- 
anlasst mich  zu  folgenden  Bemerkungen.  Auf  S.  269  kommt  Simrock  auch  auf  die 
Deutung  des  Namens  Teil  zu  sprechen.  Er  sagt:  „Orendel  (den  Sohn  des  Königs 
Eigil  von  Trier)  haben  wir  uns  als  Knaben  zu  denken,  dem  der  Apfel  (von  seinem  Vater 
Eigil)  vom  Haupte  geschossen  wird.  Da  indes  sein  Name  nach  Unland  „den  mit  dem 
Pfeil  arbeitenden-'  bedeutet,  ja  eine  ags.  Glosse  „earendcl  jubar"  ihn  selbst  als  Strahl 
bezeichnet,  was  noch  im  Mittelhochdeutschen  wie  im  Italienischen  Pfeil  bedeutet,  so 
kann  von  dem  Sohne,  gegolten  haben,  was  von  dem  Vater  erzählt  ward.  Auch  erwuch- 
sen gegen  das  15.  Jh.,  wo  Tell's  Schuß  zuerst  erzählt  wird,  aus  Personennamen  schon 
Familiennamen  und  Orendel  heißt  in  der  Vorrede  des  alten  Heldenbuches  Erendelle, 
in  Von  der  Hagen's  Grundriss  S.  2  Ernthelle.  Dies  ward  aber  wohl  in  Teil  gekürzt) 
weil  man  die  erste  Silbe  für  jenes  vor  Namen  stehende  „Ehren"  ansah ,  das  nach 
(Grimm's)  Wörterbuch  III,  52  aus  „Herr"  erwachsen,  bald  für  ein  Epitheton  ornans  an- 
gesehen wurde."  Diese  Worte  Simrock's  sollen  Aufschluß  geben  über  Bedeutung  und 
Ursprung  des  Namens  Teil.  Aber  so  sinnreich  dieser  Versuch  auch  sein  mag,  so  will- 
kürlich und  so  unwissenschaftlich  ist  er  ohne  Frage.  Nach  Simrock's  Meinung  soll 
sich  also  Teil  entwickelt  haben  aus  der  nach  deutscher  Weise  zu  sprechenden  Endsilbe 
del  oder  dil  in  Oren-del,  Orvan-dil.  Orvandil  bedeute  „den  mit  dem  Pfeile  Arbeitenden." 
Diese  Deutung  hat  behanntlich  Uhland  (Mythus  vom  Thor  S.  47  Anm.  20)  nach  dem 
'Lex.  islandico-latino-danicum'  gegeben;  Orvandil  sei  abzuleiten  von  or  f.  sagitta,  at 
canda,  elaborare,  industnam  adkibere.  Auch  Ettmüller  (Orendel  und  Bride  S.  148)  hat 
sie  angenommen.  Hiernach  ergiebt  sich  ein  dreifacher  Bestandtheil  des  Wortes :  ör,  vand 
und  das  Suffix  il  oder  el  in  Or-end-el.  Das  d  gehört  mithin  zu  dem  Wortstamm  vand. 
Angenommen  die  Uhland'sche  Erklärung  sei  richtig  (vgl.  dazu  Lex.  mythol.  S.  44!i 
Anm.  *),  so  bezeichnet  „vandil"  nichts  weiter  als  Arbeiter,  Winder  oder  Dreher  (con- 
tortor,  Lex.  myth.  a.  a.  O.),  Orvandil  also  Pfeilarbeiter,  Pfeildreher,  Pfeilwinder.  So 
auch  Mannhardt  (Wolf,  Zeitschrift  f.  d.  Myth.  II,  322),  der  übrigens  eine  andere  und 
nach  meinem  Dafürhalten  richtigere  Deutung  des  Mythus  vom  Orvandil  als  Uhland  ge- 
geben hat  (Wolf,  Zeitschrift  a.  a.  O.;  Germ.  Myth.  548,  Götterwelt  I,  217  u.  261),  die 
Simrock  nicht  zu  kennen  scheint.  Hiernach  ist  also  das  nach  deutscher  Weise  gebil- 
dete del  oder  dil  ein  völlig  sinnloses  Wort;  denn  es  besteht  aus  dem  Suffix  el  oder  il 
mit  vorgesetztem  d,  das  zu  dem  voraufgehenden  Stamm  „vand"  gehört.  Die  Entstehung 
des  Namens  Teil  aus  „Erendelle",  „Ernthelle"  beweiset  mithin  viel  Phantasie,  aber  wenig 
Gründlichkeit  der  Forschung.  Teil  wäre  nach  Simrock's  Annahme  ein  Wort  von  un- 
sinniger Ableitung  und  sinnloser  Bedeutung.  Die  Forschungen  über  deutsche  Eigen- 
namen, wie  sie  von  Pott,  Förstemann  und  anderen  gegeben  sind,  hätten  davor  wenig- 
stens warnen  sollen.  Unsere  Eigennamen,  insbesondere  die  älteren  und  alten,  sind  nicht 
durch  Missverstand  oder  Zufall  entstanden ,  noch  ermangeln  sie  einer  bestimmten  Be- 
deutung. Ferner  übersieht  Simrock  durchaus,  daß  nicht  allein  die  älteste  Form  des 
Wortes  bei   dem  formell    ältesten  Chronisten   Tall   heißt,    sondern  auch,    daß  dies   die 


4()  H.  PFANNENSCHMIü ,  DER  MYTH.  GEHALT  DER  TELLSAGE. 

noch  ältere  urkundliche  Form  des  Wortes  ist.  Die  Bemerkung  Simrock's  (S.  269) 
Tüll  für  Teil  sei  schweizerische  Ausspruche,  die  auch  Barg  für  Berg  sage  (und  wie 
ich  aus  eigener  Erfahrung  hinzufüge,  heute  noch  'fall  für  Teil  spricht),  verschlägt  an- 
gesichts urkundlicher  Zeugnisse  gar  nichts.  —  In  Betreff  der  angelsächsischen  Glosse 
earendel  =  jubar,  so  geht  Simrock  ohne  Zweifel  zu  weit,  wenn  er  jubar  durch  „Strahl" 
wiedergieht.  Das  heißt  jubar  nicht.  Jubar  bedeutet  das  strahlende  Licht ,  den  Glanz 
eines  Himmelskörpers,  einen  Himmelskörper,  einen  Stern  selbst.  Die  Glosse  bezieht 
sich  auf  die  als  Stern  an  den  Himmel  versetzte  Zehe  des  Orvandil,  „Orvandilstä." 
So  deutet  es  auch  richtig  Grimm  (Myth.  348)  und  Mannhardt  (Zeitschrift  f.  d.  Myth. 
II,  323).  —  Simrock  setzt  endlich  den  Orendel  mit  seinem  Vater  Eigil  gleich,  was  an 
sich  mythologisch  gestattet  ist.  Da  nun  Orvandil  „der  Fruchtkeim  ist,  der  hervor- 
schießt, was  dann  erst  Veranlassung  gab,  ihn  zum  Schützen  zu  machen"  (S.  270), 
so  ist  auch  Eigil  der  Schütz,  der  mit  dem  Pfeil  (=  dem  Fruchtkeim)  arbeitet.  Der 
Schuß  selbst  wäre  demnach  ein  Symbol  für  das  Durchbrechen  der  jun- 
gen Saat  aus  dem  Erdreich.  Ich  habe  oben  eine  andere  Erklärung  über  die  Person 
und  das  Wesen  des  Eigil  abgegeben   und  verweise  einfach  darauf. 

Schließlich  seien  mir  noch  ein  paar  Worte  gestattet  über  Hocker's  Deutung 
des  Apfel  sc  hußes,  die  mir  entgangen  war.  Hocker's  Ansicht,  der  Apfelschuß 
Eigil's  drücke  symbolisch  das  Streben  der  Natur  aus,  wie  es  sich  im  Beginn  des  Winters 
zeige  (Die  Stammsagen  der  Hohenzollern  und  Weifen,  Düsseldorf  1857,  S.  73),  kann 
ich  durchaus  nicht  theilen.  Hocker  meint  S.  74,  Eigil  würde  der  Himmelsgott  in  seiner 
Eigenschaft  als  Todtengott  sein,  der  seinem  Sohne  den  Apfel  der  Verjüngung  (Idhun's) 
vom  Haupte  schieße.  Allein  Idhun's  Äpfel  werden  nur  gegessen,  nirgends  geschos- 
sen. Auch  Simrock  (Myth.  269)  bezweifelt  mit  Recht  eine  mythische  Deutung  des  Apfels. 

Übrigens  hat  nicht  Hocker  diese  Ansicht  zuerst  ausgesprochen,  sondern  F.  Nor  k, 
dessen  Werke  heutzutage  vielfach  ausgebeutet  werden,  ohne  daß  man  es  für  schicklich 
hält,  sie  als  Quelle  zu  nennen.  Da  mir  das  betreffende  Werk  Nork's  (Mythologie  der 
Volkssagen  etc.  in:  J.  Scheible,  Das  Kloster.  Bd.  IX,  Stuttgart  1848),  in  welchem  ziem- 
lich ausführlich  über  die  Tellsage  von  allerdings  meist  veraltetem  Standpunkte  aus  ge- 
handelt wird  (S.  105—154),  zu  spät  zugänglich  wurde,  um  es  bei  vorliegender  Arbeit 
gleichmäßig  berücksichtigen  zu  können,  so  will  ich  hier  nur  kurz  bemerken,  daß  Nork 
in  dem  Apfelschuß  (S.  152.  153)  eine  Opferhandlung  erblickt.  Eigil  ist  nach  ihm  mit 
dem  Todtengott  Odhin  gleich.  Eigil's  Sohn  ist  der  verjüngte  Vater,  und  der  Apfel 
(Idun's),  das  Symbol  der  Verjüngung,  Stellvertreter  für  das  Leben  des  Kindes.  —  Diese 
Ansicht  ist  so  künstlich  und  so  gesucht,    daß    sie  selbst  erst  eines  Kommentars  bedarf. 

HANNOVER,  Ende  September  1864. 


41 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK 
DER  KUDRUN. 

VON 

KARL   BARTSCH. 

Die  Beschaffenheit  der  einzigen  so  jungen  Handschrift,  die  uns 
das  Gedicht  überliefert,  wird  die  Kritik  zu  kühnerem  Vorgehen  nicht 
nur  auffordern,  sondern  berechtigen.  Sichere  Ergebnisse  werden  aber 
nur  gewonnen  werden  können,  wenn  man  einmal  von  sorgfaltigen  Vor- 
untersuchungen über  Sprache  und  Versbau  ausgeht,  sodann  wenn  man 
den  Text,  den  die  Wiener  Handschrift  (d)  in  anderen  durch  ältere 
und  bessere  Handschriften  bezeugten  Gedichten  darbietet,  zu  Hülfe 
nimmt.  Am  nächsten  wird  bei  der  vielfachen  Verwandtschaft  das 
Nibelungenlied  liegen,  welches  der  Dichter  der  Kudrun  benutzte  und 
nachahmte.  Eine  zuverlässige  Vergleichung  des  Nibelungentextes  d 
besitzen  wir  noch  nicht;  doch  gewähren  die  in  Hagens  dritter  Aus- 
gabe (Breslau  1820)  mitgetheilten  Lesarten  hinreichenden  Stoff.  Das- 
selbe Verfahren  wird  von  anderen,  nur  in  dieser  Handschrift  erhaltenen 
Gedichten,  namentlich  dem  Erec  und  den  beiden  Büchlein  Hartmann's, 
gelten,  wenn  man  sie  mit  dem  Texte  des  Iwein  in  derselben  Hand- 
schrift zusammenhält.  Dem  Biterolf  und  Dietleib ,  der  freilich  nicht 
so  verderbt  ist,  wie  die  langen  und  darum  der  Willkür  mehr  Spiel- 
raum lassenden  Verse  der  Kudrun,  wird  durch  den  Text  der  Klage, 
der  in  d  noch  nicht  verglichen  ist  *) ,  vielleicht  manche  Besserung  zu 
Theil  werden. 

Ich  beabsichtige,  auf  nachfolgenden  Blättern  den  kritischen  Rechen- 
schaftsbericht über  meine  Ausgabe  der  Kudrun  niederzulegen ,  weil 
in  der  Ausgabe  selbst  nach  der  ganzen  Bestimmung  des  Buches  dazu 
kein  Raum  war.  Ich  werde  zuerst  die  Beschaffenheit  des  handschrift- 
lichen Textes  nach  gewissen,  viele  Stellen  zusammenfassenden  Gesichts- 
punkten betrachten,  sodann  die  metrischen  Grundsätze  darlegen,  die 
sich  nach  Bereinigung  des  Textes  ergeben,  ferner  über  Zeit,  Heimath 
und  Geschichte  des  Gedichtes  handeln ,  und  endlich  nach  Reihenfolge 
der  Strophen  die  Veränderungen  anführen,  welche  ich  der  Handschrift 
gegenüber  mir  erlaubt  habe,  wobei  das,  was  meine  Vorgänger  für  den 
Text  gethan,  nicht  unerwähnt  bleiben  wird. 


*)  Einige  Lesarten  hat  Holtzraann  in  der  Einleitung-  zu  seiner  Ausgabe  der  Klao-p 
mltgetheilt. 


42  KARL  BARTSCH 

I. 

Bei  dem  weiten  Abstände  zwischen  der  Zeit  des  Dichters  und 
der  des  Schreibers  kann  es  nicht  Wunder  nehmen,  wenn  der  letztere 
an  Stelle  älterer  Sprachformen  die  seiner  Zeit  gemäßen  setzte.  Ich 
meine  hier  nicht  nur  die  Übertragung  von  mhd.  i  in  ei,  von  iu  in  eu, 
von  ou  in  au  u.  s.  w. ,  denn  das  thun  nach  ihrer  Mundart  auch  viel 
ältere  Handschriften,  sondern  jüngere  Woitformen.  So  steht  das  ältere 
gern,  begehren,  hin  und  wieder,  wie  512,  4.  626,  3,  meist  aber  begern, 
häufig  dem  Verse  zuwider.  Dieselbe  Vertauschung  kann  man  beim 
Nib.  Texte  wahrnehmen,  dessen  Zählung  ich  der  bequemeren  Verglei- 
chung  wegen  Hagen  entlehne.  Nib.  1267.  1279.  1322.  1487.  2149.4397. 
4508.  4626.  4905.  5384.  Kudr.  25,  3.  192,  1.  202,  4.  297,  2.  409,  1. 
422,  2.  430,  4.  468,  1.  504,  2.  548,  1.  577,  2.  600,  4.  622,  4.  624,  1. 
640,  4.  659,  1  u.  s.  w.  An  manchen  Stellen  wäre  bei  zweisilbigem 
Auftakte  begern  zu  dulden  gewesen,  allein  nach  Maßgabe  der  andern 
war  es  besser,  überall  die  ältere  Form  zu  setzen.  Ebenso  ist  be  vor- 
geschoben in  betrog  statt  tronc  71  ,  2.  bezwingen  =  iwingen  832,  4. 
beweinen  für  weinen  Nib.  4208.  6815.  8359.  Kudr.  1189,  4.  beraubet 
statt  roubet  1419,  4.  behalten  statt  halden  1597,  3.  beherbergen  statt  her- 
bergeu  steht  Nib.  2989. 

Andere  Belege  bietet  die  präpos.  ge:  gewern  für  wem  Kudr.  320,  1. 
325,  4.  409,  2.  423,  2  u.  s.  w.,  gezemen  statt  zemen  Nib.  203.  4994. 
6217.  8318.  8434.  8525.  Kudr.  1106,3.  1294,  4.  1501,  1.  geheeren  statt 
hwren  1 147,  2.  gesin  statt  sin  steht  Nib.  6. 

Ferner  er:  ericerben  statt  werben  Nib.  4689.  K.  1369,  3.  ersluoc 
statt  sluoc   Nib.  3610.    Darnach   auch  erhebent  für  hebent  Kudr.  59,  3. 

Ebenso  ver:  verbergen  statt  bergen  Kudr.  72,  2,  wo  verbarc  bei 
zweisilbigem  Auftakte  erträglich  gewesen  wäre.  —  verdienen  statt  dienen 
Nib.  3655.  Kudr.  17,  4.  verheln  statt  kein  Nib.  1833.  verkünden  statt 
künden  2271,  versüenen  statt  süenen  Kudr.  1646,  1.  Hier  sei  auch  Ver- 
liesen bemerkt,  für  dessen  durch  den  Vers  oft  geforderte  Nebenform 
vliesen  die  Hs.  die  unverkürzte  setzt;  vgl.  55,  4.  137,  1.  788,  4.  831,  4. 
890,  4.  926,  4.  1449,  4;  einmal  steht  vleisen  201,  2. 

In  diese  Reihe  gehört  auch  beschehen  für  geschehen ;  die  Form  mit 
be  findet  sich  im  15.  und  16.  Jahrh.  in  Handschriften  und  Drucken 
sehr  häufig,  in  älteren  Hss.  selten.  Nib.  6567.  Kudr.  25,  2,  hier  nur 
dies  eine  Mal.  Ähnlicher  Wechsel  ist  beschritten  statt  gesniten  430,  2. 
Umgekehrt  steht  gewendet  statt  bewendet  429,  2;  vgl.  560,  3. 

Aber  nicht   nur   bei  Compositionen,    sondern  auch   bei   einlachen 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  HER  KUDRUN  43 

Nib.  1845.  gamoen,  gerw-en,  prät.  garte,  daraus  wurde  gurte  gemacht 
Kudr.  90,  1.  1376,  4.  Denselben  Fehler  haben  Nib.  7097  schon  CD; 
ganz  entstellt  hat  hier  d  danrte,  ein  andermal  (Nib.  7085)  hat  d  berai- 
teten  statt  garten. 

Das  Präter.  von  houtoen,  hiew,  hat  in  d  schwache  Form,  haute, 
vgl.  93,  3.  1407,  2.  1416,  2.  Statt  jehen  steht  sprechen  368,  2.  842,  4; 
Nib.  2928.  3298.  3427.  3513.  statt  leren  lernen  359,  2.  360,  1.  mugm 
wird  mit  kunnen  vertauscht  1463,  3;  für  nigen  neic  steht  gewöhnlich 
Verbis  findet  solche  Vertauschung  statt.  So  steht  brach  statt  braut 
naigen  naigte  64 ,  1  und  oft ,  einmal  steht  giengen  statt  nigen  336 ,  1 . 
Sehr  gewöhnlich  ist  meinen  statt  waenen  in  den  Nib.  3628.  3782.  3808. 
3947.  5908.  8255.  8278.  8432.  8552.  Kudr.  832,  4.  1380,  3.  Statt 
warten  steht  schouioen  1144,  3.  Das  präter.  von  zogen  (schw.  verb.) 
wird  mit  dem  von  ziehen  im  Flur,  vertauscht,  Nib.  721.  5193.  Kudr. 
635,  2.  840,  2;  stärker  entstellt  ist  1454,  3  zöget  in  zürnet. 

Auch  Substantiva  werden  vom  Schreiber  in  die  entsprechende 
jüngere  Form  übertragen;  statt  stat  Stades,  gestade  steht  gewöhnlich 
gstat,  gstades ;  vgl.  Nib.  2330.  2336.  Kudr.  88,  4.  111,  1.  113,  1  u.  s.  w.; 
doch  steht  daneben  stade  776,  4.  Ähnlich  ist  gesang  für  sanc,  377,  2. 
379,  3.  gewant  steht  für  wät  252,  2.  693,  1;  gebwrde  statt  gebeere  329,  2. 
334,  4.  Bemerkenswerth  ist  ferner  in  die  haut  statt  enhant  362,  1. 
kreuter,  plural.  von  krüt  statt  krüt  83,  1  ,  die  leute  oder  die  leid  statt 
daz  lud  1095,  1.  1614,   1,  mal  statt  stunde  1550,  4. 

Bei  den  Adjectiven  ist  namentlich  die  jüngere  Form  in  ig  zu  be- 
merken; am  häufigsten  lebentig  statt  lebende;  lebentigs  statt  lebendes 
und  ähnl.,  vgl.  167,  3.  682,  4.  888,  4  u.  s.  w.  Ebenso  hochfertig  statt 
hüchverte  (adj.)  196,  2.  387,  3,  übermütig  statt  übermüete  238,  3,  genaitig 
statt  gencete  737,  1.  Statt  unmäzen  steht  unrnässlich  128,  2.  Statt  ZwteeZ 
in  vielen  jüngeren  Hss.  wenig,  so  Nib.  520  u.  s.  w. ,  ich  habe  daher 
häufig  die  jüngere  Form  entfernt. 

Von  Pronominibus  hebe  ich  hervor  den  Gen.  sin  statt  des  älteren 
es;  zuweilen  ist  die  ältere  Form  schon  durch  den  Vers  erfordert,  ich 
habe  sie  aber  auch  sonst  gesetzt;  vgl.  42,  1.  48,  4.  369,  4.  927,  4. 
1113,4.  Statt  des  relativen  Fronomens  steht  so,  Nib.  1961.  5902. 
Kudr.    181,  4  und  öfter. 

Die  Vertausehung  von  Partikeln  ist  ungemein  häufig.  Nib.  2570 
steht  alweg  für  allez.  alsam,  in  der  Kudr.  gewöhnlich  als  sam  geschrie- 
ben, vgl.  332,  1.  357,  2.  361,  1.  390,  3,  auch  sam  als  649,  2.  Im 
Nib.  steht  statt  alsam  öfter  also  3147.  6674.  6683.  Statt  alsam  steht 
auch  als  Kudr.  1397,  4:  im  Nib.  steht  als  für  also  2481.  3573.  4359.  4744, 


44 


KART,  BARTSCH 


dannen:  dafür  gewöhnlich  von  dünnen  >  auch  wo  es  dem  Verse 
widerstreitet.  Kudr,  234,  1.  739,  4.  784,  4.  804,  4.  899,  4.  1081,  4. 
von  dun  für  dan  545,  1.  Nib.  680.  785.  1285.  1295.  2704.  3072  u.  s.  w. 
Ganz  ebenso  ist  von  hinnen  statt  hinnen  250,  3.  260,  2.  407,  4  421,  4. 
431,  4.  691,  3.  827,  4.  828,  4.  991,  4  u.  s.  w.  Nibel.  1273.  1302.  1386. 
3803  etc. 

des,  deshalb:  dafür  da  von  708,  4. 

dicke,  mit  dem  später  üblichen  ofte  vertauscht,  Nib.  564.  5794. 
5831.  5834  u.  s.  w. ,  von  mir  gewöhnlich  in  der  Kudrun  gesetzt.  Die 
Hs.  hat  seltener  daneben  dicke. 

diu  'desto';  die  Hs.  hat  dest,  dester;  vgl.  3,  4.  832,  4.  1314,  3. 
1382,  2.  1535,  4. 

dd  conj.  'als',  ist  wohl  öfter  durch  als  ersetzt,  wenn  auch  dö  in 
der  Hs.  die  häufigere  Form  ist.  Vgl.  69,  l.  95,  1.  540,  3.  607,  1.  869,  l. 
1447,  2.  1473,  1.  1671,  3. 

durch  daz,  'deshalb  weil';  in  der  Hs.  gewöhnlich  dar  umb  das, 
dem  Verse  widersprechend.    Vgl.  Kudr.  819,  1.  1079,  3.  1303,  4.  1531,  3. 

e  'vorher',  dafür  in  der  Hs.  vor,  410,  4,  wo  ich  mit  Wackernagel 
e  geschrieben;  vielleicht  wäre  es  noch  öfter  zu  setzen. 

en  beschränkend,  mit  dem  Gonjunctiv,  in  jüngeren  Hss.  häufig 
durch  danne  ersetzt;  vgl.   1044,  2  und  öfter,  Nib.   1231.  3484.  4130. 

gemeine,  adv.,  durch  algemeine  ersetzt,  Kudr.  137,  4.  Statt  gerner 
steht  das  jüngere  lieber  Nib.  8546. 

harte,  dafür  in  den  Nib.  und  vielleicht  auch  Kudr.  öfter  vasle, 
vgl.  Nib.  3102.  4745.  5132.  5882.  5930.  6848. 

niwan,  diese  Form  äußerst  selten ;  meistens  steht  nun,  vgl.  Kudr. 
537,3.  1194,3.  Nibel.  655.  1048.  5724.  5928.  6183.  6371.  6807.  7062. 
7243.  Aber  auch  wan  findet  sich,  was,  wenn  man  ivane  schreibt,  dem 
Verse  auch  genügte,  doch  habe  ich  nach  Nib.  267.  801.  999.  2456. 
3742.  4825  auch  Kudr.  399,  4.  400,  2  und  öfter  niwan  statt  wann  der 
Hs.  gesetzt. 

sam,  'ebenso',  in  der  Hs.  meist  durch  also  ersetzt.  Kudr.  548,  3. 
824,  3.  876,  4.  963,  2.  1474,  3.  1578,  3.  Nib.  6644.  8400.  8413.  Die 
Herausgeber  setzen,  wo  also  dem  Verse  widerstreitet ,  meist  als. 

so:  diese  Form  verlangt  häufig  der  Vers,  wo  die  Hs.  also  hat  ; 
vgl.  Nib.  620.  1586  2772.  3314.  3363.  4159.  4850/5387.  5829.  6341. 
6388.  Kudr.  305,  3.  378,  2.  381,  4.  391,  4.  716,  3.  794,  1.  828,  2. 
833,  2,  870,  2.  1003,  2.  1256,  3.  Auch  als  steht  fehlerhaft  für  so,  312,  4. 
367,  4. 

swie  'obgleich',  dafür  hat  die  Hs.  mehrmals  wie  wol,  also  genau 
unser  nhd.  'wiewohl'.    Nib.  2682.  7746.    Kudr.57  11,  4. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  45 

ican;  dafür  steht  mehrfach  nun  (vgl.  niwan).  Kudr.  234,  3.  427,  2. 
230,  2.  1512,  1;  einmal  auch  nu  776,  4. 

wosn,  'ich  glaube',  in  den  Satz  eingeschoben,  in  der  Hs.  meist 
wann  geschrieben  und  wohl  wirklich  mit  wan  verwechselt,  wie  man 
aus  der  Umstellung  wann  er  statt  er  wcen  Nib.  6456  sieht.  Vgl.  Kudr. 
167,  4.  223,  2.  534,  4  etc. 

war,  'wohin',  ebenso  swar ;  für  beide  Formen  setzt  der  Schreiber 
meist  wohin;  vgl.  Nib.  1297.  2663.  4532.  4687.  6283.  Kudr.  231, 3.  1491, 2. 

Worte  und  Formen ,  die  der  Schreiber  nicht  verstand ,  wurden 
entweder  oft  bis  zum  Unsinn  entstellt,  oder  dem  Verständniss  möglichst 
nahe  gebracht.  So  wurde  aus  frieschen,  das  anderwärts  blieb,  griffen 
60,  1  (vielleicht  auch  aus  gefriescheri) ,  wie  Nib.  1567,  2  D,  ein  andermal 
(667,  4)  ganz  unsinnig  frieslichen;  aus  rämte  97,  9  lernte,  aus  nar  97,  4  not ; 
aus  erbaldet  111,  4  erhaltet;  aus  urborte,  das  anderwärts  ebenfalls  stehen 
blieb,  168,  4  erbot ;  aus  genendicliclie  131,  4.  725,  4  gnedieliche;  ans 
wcetlich  wurde  loaidclich,  Nib.  96.  5164.  6276,  Kudr.  140,  1  und  Vollmer's 
Anmerkung.  Aus  gemellich  wurde  gemainlich  490,  4;  vielleicht  wäre 
die  noch  näher  stehende  Form  gemenlich  zu  wählen;  aus  hoher,  das 
anderwärts  beibehalten  ward,  525,  4,  her,  wenn  nicht  hoher  ganz  aus- 
gefallen ist;  aus  wege  687,  2  wurde  welle;  aus  vären  1123,  4  wurde 
uare«  mit  Veränderung  einiger  Worte,  aber  mit  Verletzung  des  Reimes; 
vgl.  zwäre  statt  ze  väre  Nib.  8628,  aus  minnen  nemen  1254,  4;  sän  1583,  1 
zu  an;  ludern  187,  2  zu  in  dem;  hiesch  295,  1.  412,  3  zu  haisst;  vgl. 
hiess  145,  1 ;  aneme  (statt  an  deine)  wurde  entstellt  in  an  ainem  93,  3, 
wie  ähnlich  ener,  jener  Nib.  322.  1581  in  ainer.  iteniuwe  430,  2.  454,  3. 
460,  3  etc.  zu  eytelnewe;  snewes  (gen.  von  sne)  wurde  schneeweiß  503,  3. 
Aus  räwen,  ruhen,  wurde  frawen  1051,  2;  aus  joch  wurde  auch  Nib.  4828. 
Kudr.  1116,  3.  1499,  3.  Vgl.  noch  aus  Nib.  wagen  statt  lägen  3520. 
in  den  statt  inner  4713;  wie  in  ir  statt  inner,  Kudr.  199,  1;  im  statt 
inner  194,  4;  tugentlich  statt  tougenlich  5670,  icec  statt  wac  6123,  wm<- 
lich  statt  vr eislich  6144,  sorgen  statt  longen  7185,  weidelich  statt  w'c- 
fe'cÄ  7743. 

Der  vor  den  Genetiv  eines  Eigennamens  gestellte  Artikel,  der 
zu  dem  auf  den  Namen  folgenden  Worte  gehört,  wird  in  der  Hand- 
schrift gewöhnlich  des,  bei  Femin.  der  geschrieben,  als  wenn  der  Ar- 
tikel zum  Namen  gehörte.  So  steht  des  Sigebandes  tratet  82,  2  statt 
den  oder  den  Sigebandes  trat;  des  Waten  maisterschaft  365,  2  statt  die; 
vgl.  457,  3.  550,  2  u.  s.  w.  Nib.  965.  974.  1056.  1096.  2386.  2774. 
2947.  3466.  4015  etc.  Auch  bei  nachstehendem  Artikel  sun  des  Sige- 
bandes 185,   1   statt  sun  der  S.,  vgl.   110,  4. 


46  KAHL  BARTSCH 

üzer;  als  präpos.  häufig  statt  üz  durch  den  Vers  erfordert.  Nib. 
811.  1731.  2396.  2765.  5705.  6425.  8236.  Kudr.  59,  4.  110,  1.  120,  4. 
378,  4.  892,  1.  1092.  4.  1175,  4.  1335,  4.  1573,  1.  1584,  3.  1644,  3. 
1706,  3. 

vil,  dafür  in  jüngeren  Hss.  häufig  gar,  vgl.  Kudr.  355,  4.  1197,  4. 

vol  in  adverbialem  Gebrauche  durch  ivol  ersetzt.  Kudr.  181,  2. 
394,  3.  942,  2.  1115,  2. 

Bis  hierher  haben  wir  bewusste  und  absichtliche  Änderungen  des 
Schreibers  betrachtet,  die  in  dem  Abstände  der  Zeitalter  ihren  Grund 
haben.  Außerdem  hat  die  Handschrift  zahlreiche  Schreibfehler;  sie  alle 
aufzuführen  würde  nutzlos  sein,  ich  hebe  daher  nur  diejenigen  aus,  die 
in  einer  oder  der  andern  Beziehung  bedeutend  sind,  namentlich  solche, 
die  den  Charakter  der  Vorlage  des  Schreibers  erkennen  lassen. 

Wir  beginnen  mit  der  Verwechselung  von  Buchstaben.  Am  häu- 
figsten steht  r  für  u,  namentlich  in  er  für  iu:  so  grosser  statt  qroziu 
54,  2.  1644,  1,  swinder  statt  swindiu  67,  2  (vgl.  Vollmer' s  Anmerkung), 
reicher  statt  richiu  184,  3.  dhainer  statt  deheiniu  1511,4,  ainer  — -  einiu 
1235,  4.  der  statt  diu  1010,  2.  1703,  4.  Vgl.  auch  unten  (im  Abschnitt  IV) 
die  Bemerkung  zu  11,  4.  Nib.  7051  steht  starker  statt  starkiu.  Das 
häufige  Vorkommen  dieses  Fehlers  weist  auf  die  Schreibung  ev  =  iv, 
iu  in  der  Vorlage;  v  sieht  namentlich  am  Schluße  einem  r  ähnlich. 
Vgl.  siorp  statt  stovp  stoup  1019,  4,  sorgen  statt  lovgen  lougen  Nib.  7185. 
Die  Vorlage  hatte  demnach  schon  hin  und  wieder  die  österreichische 
Schreibung  eu  statt  iu;  darauf  weisen  auch  andere  Fehler:  den  statt 
diu,  deu  1052,  2,  wem  statt  wiu,  weu  1230,  2,  es  =  iu,  ev  1033,  1. 
Aber  eu  war  nicht  durchgängig,  sondern  iu  mochte  vorherrschen ;  andere 
Versehen  führen  darauf  hin,  so  wenn  irs  euch  statt  ir  sin  147,  4  steht, 
was  durch  irsin  =  irsiu  der  Vorlage  erklärlich  wird,  euch  statt  m 
steht  auch  438,  4.  842,  4,  ir  für  iv ,  iu  1160,  1,  mich  steht  für  ewcA 
1253,  4,  wm  für  im  1484,  4.  Nib.  922.  5069.  Andere  Verwechslungen 
sind  n  und  u,  was  sich  am  leichtesten  erklärt,  iu  statt  in  verlesen, 
438,  4.  842,  4,  den  statt  deu,  diu  1052,  2  u.  s.  w.  Ferner  6  und  h, 
haben  statt  ÄäAew  (vgl.  Vollmer  zu  202,  1.  1557,  1)  202,  1.  228,  4. 
229,  2.  737,  4.  hei  =  iatf  1557,  1;  d  und  /*,  r/ö  statt  ho,  hohe  445,  1, 
Z  und  h,  leide  statt  A?;oZe  234,  1,  durch  die  Schreibung  Ute  und  hüte 
erklärlieh,  handen  statt  landen  1625,  3.  w  und  h,  hie  statt  »mV  475,  2. 
wm  statt  /aß  828,  1 ;  umgekehrt  hie  statt  nu  Nib.  4.  /*  und  k,  hon  statt 
fco«  538,  4.  1028,  1.  s  und  // ,  ist  statt  ///£  1420,  2.  *  und  7t,  gesahen 
statt  gesäzen  1306,  1.  z  und  t?,  zerschroten  statt  verschroten  545,  4; 
ebenso  zerhawen  statt  verhouwen  778,  4.  1176,  4.  1507,  4,  wohl  weniger 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  47 

eine  Buch staben vertauschung ,  vielmehr  waren  die  Zusammensetzungen 

dieser  Worte  mit  zer  dem  Schreiber  geläufiger.  Ferner  n  und  r  in  der 
häufigen  Vertauschung  von  vor  und  von;  von  statt  vor  steht  Nib.  2356. 
Kudr.  407,  4.  521,  3.  1126,  I.  1625,  3.  vor  statt  von  Nib.  2293.  4960. 
Kudr.  427,  3.  668,  1.  927,  2.  1003,  1.  1132,  4.  1142,  1.  1496,  1.  s  und  r, 
des  statt  der  94,  2.  1096,  3.  es  statt  er  1234,  4.  2  und  r,  er  statt  es 
315,  2.  491,  1.  6a^er  statt  haldez  1032,  2.  Die  Form  des  Schluß  -  r 
sieht  in  Hss.  einem  z  oft  nicht  unähnlich,  t  und  r,  het  =  her  110,  3. 
t  und  s,  es  statt  et  223,  1. 

Andere  bemerkenswerthe  und  öfter  wiederkehrende  Fälle  von 
Schreibfehlern  sind  nu  statt  vil,  was  sich  leicht  erklärt,  wenn  uil  ge- 
schrieben war;  Kudr.  451,  4.  1205,  4.  1279,  4.  und  statt  m7  41,  3. 
Nib.  7707,  durch  un  erklärlich,  das  einem  uil  in  Hss.  gleicht,  und 
statt  nu,  erklärlich  durch  un,  nu,  Kudr.  965,  4;  umgekehrt  steht  nu 
statt  und  Nib.  3601.  und  statt  wände,  want,  wan,  durch  wli  und  vn  be- 
greiflich; vgl.  vnnder  statt  wunder  1430,  4,  durch  wnder  zu  erklären. 
imd  statt  vowf,  wmd  74,  4.  411,  4.  nw  statt  ine  steht  Nib.  2923.  statt 
in,  922.  5069.  Kudr.  1484,  4.  im  statt  km  Kudr.  350,  3,  was  sich  von 
selbst  erklärt;  ebenso  wie  uns  statt  ims  375,  2.  637,  4.  Nib.  4927.  7500. 
ynn  statt  tmita  1099,  2  erklärt  sich  auf  dieselbe  Weise,  indem  inn  statt 
um  gelesen  wurde.  Ein  verlesenes  i,  das  in  der  Handschrift,  die  dem 
Schreiber  vorlag,  wahrscheinlich  durch  keinen  Strich  bezeichnet  war, 
spielt  eine  ziemlich  große  Rolle,  mir  für  im  steht  210,  2.  mer  für  nie 
Nib.  6030.  immer  statt  miner  1452,  2.  2V  sein  statt  irsim,  irs  im  1112,  4. 
»ra£  statt  mV.  1098,  1.  Hierher  gehört  auch  das  häufige  in  statt  mit, 
was  durch  die  Abkürzung  des  letzteren  Wortes  (m  mit  einem  kleinen 
t  darüber)  sich  erklärt,  Nib.  6966.  Kudr.  157,  3.  385,  3.  448,  4.  485,  1. 
742,  4.  1186,  3;  vgl.  Vollmer  zu  102,  1.  Umgekehrt  steht  mit  für  in 
654,  2.  726,  1.  1352,  3.  dann  steht  für  damit,  da  mite  448,  3.  Anders 
ist  mit,  fehlerhaft  für  in  ir  742,  2.   1607,  4.  Nib.  4977. 

Ferner  noch  folgende:  das  für  dö  679,  1,  durch,  die  Abkürzung 
de  zu  erklären,  die  einem  do  ähnlich  sieht,  deinen  statt  den  149,  3. 
1622,  3;  beidemal  ist  den  dat.  plur.,  und  man  könnte  daher  die  schwei- 
zerische Form  dien  in  der  Vorlage  annehmen,  woraus  sich  dein,  deinen, 
leicht  erklärte;  aber  deine  steht  auch  für  den  acc  sing,  den  687,  3.  die 
steht  für  diu  407,  4.  1579,  3.  Ein  anderer  Gebrauch  von  die  ist  der 
für  d3,  auf  den  zuerst  Haupt  (Zeitschrift  2,  383)  aufmerksam  machte 
Nib.  4980.  5309.  Kudr.  174,  I.  724,  1.  1282,  4.  Wahrscheinlich  hatte 
die  Vorlage  aber  in  diesen  Fallen  nicht  <ln,  sondern  duo,  was,  wenn 
da  geschriebeu,  wie  hantig  in  österreichischen  Handschriften  (z.  B.  der 


4y  KARL  BARTSCH 

Vorauer),  sehr  leicht  mit  du  =  diu  verwechselt  werden  konnte,  für 
welches  letztere  der  Schreiber  auch  die  setzte  (vgl.  Nib.  764,  4  ß.).  Denn 
im  Reime  steht  827,  1  die:  frii,  statt  duo:  fruo;  eine  ganz  ähnliche  Ver- 
wechslung ist  dievon  rewe  und  ruowe  287,  3  und  rewen  und  ruowen  936,  1, 
durch  die  Schreibung  nhoe,  rmoe  erklärlich.  Ebenso  muß  die  Schreibung 
leide  statt  huote  234,  1  durch  Ute,  hüte  erklärt  werden ;  vgl.  oben  S.  46.  Ich 
habe  daher  überall,  wo  die  Hs.  die  bietet,  nicht  da,  sondern  duo  geschrie- 
ben; es  wäre  sogar  vielleicht  überall  duo,  auch  für  do  zu  setzen,  denn  in 
der  Kudrun  begegnet  kein  einziger  Reim  in  8,  während  die  Nib.  du: 
fro  häufig  reimen,  vgl.  16.  54.  163.  274.  340.  450.  604.  686.  830.  1381. 
1444.  1615.  2102.  —  ie  steht  für  ir  Kuclr.  10,  1.  1576,  2;  ebenso  er 
für  ir  190,  1.  284,  4.  ewr  für  iu  Kudr.  1244,  4.  Nib.  4231.  8274.  — 
in  statt  gein,  welche  Form  dem  Schreiber  wohl  fremd  war,  1143,  3. 
nach  für  noch  33,  4.  1239,  3.  —  nu  statt  der  Negation  en  648,  4,  was 
auch  sonst  in  Hss.  des  15.  Jahrh.  häufig  vorkommt.  —  seit  statt  si 
(nora.  sing,  fem )  986,  4,  was  wohl  durch  seu  statt  siu  zu  erklären  ist. 

—  sich  und  si  werden  mehrfach  vertauscht;  si  für  sich  steht  547,  3. 
638,  1.  995,  4.  sich  für  si  872,  1.  —  volgten  steht  statt  vleglen  1017,  2; 
vgl.  1050,  2.  —  vremde  und  vreunde  (vriunde)  werden  vertauscht,  was 
auch  sonst  vorkommt  (vgl.  meine  Deutschen  Liederdichter,  Anmerk. 
zu  I,  1);  freunde  statt  fremde  313,  3.  1213,  3;  am  leichtesten  erklärlich 
durch  fremide.  freunde  steht  fehlerhaft  für  freude  314,  3.  550,  4.  707,  2. 

—  waren  für  tvurren,  wenn  ich  richtig  gebessert  habe,  1216,  4,  erklärt 
sich  durch  icrren.  Endlich  noch  si  muosten  749,  1  statt  sin  wisten,  wie 
Vollmer  richtig  geschrieben,  in  der  Hs.  stand  wohl  sinwsten,  was  sin- 
müsten  ziemlich  nahe  kommt,  schuttens  für  suochtens  972,  1 ,  ein  auch 
in  den  Nib.  begegnender  Fehler  (s.  unten  die  Bemerkung  zu  dieser 
Stelle). 

Durch  mehrere  dieser  Fehler  gewinnen  wir  ein  ungefähres  Bild 
von  der  Beschaffenheit  und  Schreibart  der  Vorlage;  dieselbe  hatte  iu 
und  nach  österreichischer  Weise  eu  neben  einander,  iu  war  bezeichnet 
durch  iv  und  iu,  aber  auch  u,  letzteres  namentlich  im  Inlaut,  eu  wohl 
meist  ev;  uo  durch  ü.  i,  wohl  durch  keinen  Strich  darüber  bezeichnet, 
hat  sich  in  alterthümlicher  Weise  in  eltiste  (77,  1.  128,  1)  'noch  er- 
halten und  stand  so  auch  in  fremide  statt  fremede. 

In  Bezug  auf  die  Consonanten  ist  namentlich  zu  bemerken',  ch 
statt  c,  k,  wahrscheinlich  durchgängig;  es  findet  sich  bei  dem  Schreiber 
allerdings  meist  k,  im  Auslaut  auch  g,  aber  vereinzelt  rechen  statt 
recken  738,  3.  sich  statt  sie  (Sieg)  865,  3;  der  Name  der  Heldin,  der 
in  der  Überschrift  Chaulrun  (d.  h.  nach  gewöhnlicher  mhd.JSchreibung 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  49 

Kütrün)  lautet,  wird  im  Anlaut  immer  mit  ch  geschrieben.  Im  Inlaut 
findet  sich  d  neben  t,  ersteres  sogar  häufiger.  Die  Form  Gudrun  ist 
durch  nichts  berechtigt;  wer  so  schreibt,  darf  auch  im  Nibelungenliede 
nicht  Kriemhilt,  sondern  muß  Griemhilt,  Grtmhilt  lesen  und  sprechen. 
—  Statt  z  findet  sich  noch  ein  paarmal  das  in  älteren  Hss.  häufige  r, 
ce  statt  ze  179,  2.  merces  statt  merzen  1217,  3.  mercischen  1216,  4.  1218,  3. 
Am  wichtigsten  ist  die  Verwechselung  von  z  und  li  (1306,  1);  die 
alterthiimliche  Form  des  z  in  Hss.  des  12.  Jahrhunderts  glich  einem 
kleinen  deutschen  fy  (vgl.  Germania  8,  274)  und  kommt  nur  noch  am 
Anfang  des  13.  Jahrhunderts  vor. 

Die  Schreibart  einzelner  Worte  betreffend,  hebe  ich  hervor  du  statt 
Uno,  dö,  de  statt  daz,  wahrscheinlich  siu  statt  si  (ea) ,  vlec/en  statt  vlihen. 
Gefolgert  werden  muß  die  alterthiimliche  Schreibung  frowede  statt 
früude  aus  1352,  2,  wo  die  Hs.  hat  ioas  er  da  schöner  frawen  schied 
statt  waz  er  da  schamer  fromven  von  ir  froweden  schiet.  Der  Schreiber 
sprang  von  frowen  auf  froweden  über.  Die  andern  Herausgeber  schreiben 
friunden;  es  würde  dann  die  ebenfalls  alte  Form  frito  enden  daraus  folgen, 
die  ich  gesetzt  habe,  wo  die  Hs.  freienden  hat. 

Es  ergibt  sich  mithin  als  wahrscheinlich ,  daß  die  Vorlage  spä- 
testens dem  Anfange  des  13.  Jahrh.  angehört  haben  muß.  Wir  werden 
auf  diesen  Punkt  zurückkommen ,  da  er  natürlich  für  die  Abfassungs- 
zeit des  Gedichtes  sehr  bedeutsam  ist. 

Ungemein  häufig  erlaubt  sich  der  Schreiber  die  Worte  der  Vor- 
lage umzustellen,  wohl  nicht  mit  Absicht,  sondern  aus  Nachlässigkeit 
und  weil  er  von  dem  Baue  der  Verse  keinen  Begriff  hatte.  An  vielen 
Stellen  ist  die  Notwendigkeit,  die  Wortordnung  der  Hs.  zu  ändern, 
schon  durch  die  grammatische  Construction  und  den  Sinn  geboten. 
So  164,  1  man  do  statt  des  hs.  do  man;  186,  1  vant  man  statt  man 
vant;  vgl.  161,  4.  167,  4.  180,  2.  208,  2.  231,  1.  265,  1.  280,  3.  283,  3. 
297,  1.  353,  3.  372,  3.  401,  4.  406,  2.  524,  3.  656,  4.  827,  2.  839,  2. 
853,  2.  950,  4.  1025,  4.  1175,  4.  1632,  4. 

Die  Vergleichung  des  Nibelungentextes  d  mit  den  anderen  zeigt, 
daß  der  Schreiber  auch  dort  häufig  umgestellt.  Vgl.  die  Hagen'schen 
Lesarten  zu  1893.  3063.  3182.  3330.  3598.  3797.  3909.  3995.  4073.  4110. 
4963.  4974.  5060.  5281.  5443.  5860.  6055.  6535.  7123.  8292.  8335. 

Daraus  ergibt  sich  die  Berechtigung  der  Kritik,  auch  in  zahl- 
reichen anderen  Fällen  dieses  Mittels  sich  zur  Herstellung  des  Textes 
zu  bedienen,  namentlich  wird  erreicht,  daß  die  bei  der  Wortstellung 
der  Handschrift  entweder  zu  langen  oder  zu  kurzen,  überhaupt  oft 
schlecht  gebauten   Verse  auf  ihr  richtiges  Maß  gebracht  werden.     Für 

GEUMANIA  X.  4 


,-,0  KARL  BARTSCH 

die  am  meisten  entstellte  achte  Halbzeile  kommt  es  am  häufigsten  in  An- 
wendung. Vgl.  31,  4  da  mite  er  siniu  erbe  |  und  sich  selben  solte  zieren; 
der  Vers  wird  richtig,  wenn  man  mite  nach  solte  setzt.  —  33,  9.  man 
milge  mich  vil  lihte  \  nach  edeler  fürsten  site  geleren,  wenn  man  nach, 
das  für  noch  verschrieben  ist  (vgl.  oben) ,  vor  geleren  stellt.  —  74,  3. 
Hagene  solte  beltben  \  da  niht  aleine;  da  ist  zur  ersten  Hebung  ohne 
Senkung  untauglich ,  daher  Hagene  da  beltben  \  sohle  niht  al  eine.  Der 
Schreiber  schloß  sich  der  in  Prosa  üblichen  Wortstellung  an.  Vgl.  noch 
folgende  Stellen:  4,  4.  80,  4.  95,  4.  129,  4.  137,  4.  148,  4.  157,  2. 
182,  4.  199,  2.  203,  3.  207,  2.  218,  4.  255,  4.  261,  1.  4.  280,  4.  284,  4. 
298,  4.  304,  4.  310,  3.  339,  4.  340,  4.  346,  4.  387,  4.  388,  4.  389,  2. 
391,  2.  399,  3.  400,  1.  422,  4.  426,  3.  444,  2.  452,  3.  458,  3.  472,  3. 
501,  3.  527,  2.  548,  2.  571,  1.  579,  2.  4.  583,  1.  605,  4.  683,  3.  694,  1. 
696,  4.  710,  1.  714,  4.  719,  4.  779,  2.  790,  4.  835,  2.  841,  3.  854,  3.  4. 
876,  3.  941,  3.  1056,  4.  1074,  4.  1083,  4.  1118,  2.  1128,  2.  1155,  4. 
1292,  3.  1400,  4.  1432,  4.  1437,  1.  1511,  3.  1565,  4.  1675,  4.  Die 
theils  schon  von  andern,  theils  erst  von  mir  vorgenommenen  Um- 
stellungen möge  man  im  letzten  Abschnitte  unserer  Abhandlung 
nachsehen. 

Nicht  nur  innerhalb  desselben  Verses,  sondern  auch  zwischen 
mehreren  muß  solche  Veränderung  der  Wortfolge  vorgenommen  werden, 
zum  Theil  wieder  aus  bloßer  Rücksicht  auf  den  Sinn  und  die  Con- 
struetion,  wie  304,  1.  2  mit  der  gäbe  Horant  du  ze  hove  reit  und  holt 
der  starke,  dem  künige  icart  geseit;  da  steht  in  der  Hs.  in  der  zweiten 
Zeile  vor  dem.  Vgl.  1073,  3.  4.  Zum  Theil  und  häufiger  aus  metri- 
schen Gründen,  wie  64,  1.  2.  sie  begunden  sagen  \  hohe  danken  alle;  die 
Hs.  hat  alle  vor  sagen ,  und  ze  danken.  268,  3.  4.  er  machte  manigen 
man  \  vil  gar  vnmüezic;  vil  steht  vor  manigen.  Vgl.  noch  145,  3.  4. 
432,  3.  4.  762,  2.  3.  848,  2.  3.  851,  3.  4.  1066,  3.  4.  Auch  über  drei 
Zeilen  erstreckt  sich  die  Vertauschung:  wie  736,  2  ob  sie  helde  hosten; 
beide  fehlt  und  steht  736,  4  überflüssig  (helde?/).  Noch  weiter  geht  die 
Versetzung  309,  4,  wo  das  dem  Verse  fehlende  wol  nach  308,  4  ge- 
rathen  zu  sein  scheint. 

Wir  gelangen  zu  Zusätzen  und  Weglassungen.  Die  ersteren  ver- 
rathen  sich  meist  schon  durch  ihre  Ungeschicktheit,  durch  die  Ver- 
stöße gegen  das  Metrnm  u.  s.  w.  Manchmal  sind  sie  auch  bloße  Schreib- 
fehler, die  der  Schreiber  nachher  auszustreichen  vergaß  ;  so  978,  2,  wo 
der  Schreiber  nach  vnmute  noch  einschiebt  vil  manige  herzen  laid ,  in 
dem  er  von  vnmute  auf  vnsteete  979,  2  übersprang.  Ähnlich  verhält 
es   sich   mit  1122,   3    daz  ez   wart  jenen   sweere   (:  tewre) ,    die  Hs.  hat 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  HER  KUDRUN.  51 

noch  laid  vor  siccere ;  vielleicht  stand  hier  laid  als  Erklärung  zu  swcere 
am  Rande  und  gerieth  erst  durch  den  Schreiber  in  den  Text  (s.  nachher). 

Auf  Zusätze  des  innern  Reimes  wegen  werden  wir  später  zu 
sprechen  kommen;  hier  will  ich  auf  eine  andere  Art  von  Einschie- 
bungen  aufmerksam  machen.  Wo  nämlich  das  Subject  oder  Object 
nicht  gleich  in  derselben  Zeile  steht,  setzt  die  Hs.  oft  ein  überflüßiges 
Pronomen  personale.  Solche  Andeutung  des  Subjectes  oder  Objectes 
durch  das  vorausgeschickte  Pronomen  begegnet  allerdings  bei  mhd. 
Dichtern  (vgl.  zu  Stricker's  Karl  4124);  aber  hier  verräth  sie  sich 
durch  den  Versbau  fast  immer  als  unecht  und  vom  Schreiber  herrüh- 
rend. So  224,  2  mit  tumplichen  witzen  begunden  reden  sit  von  edeler 
frouwen  minnen  Horant  unde  Fruote:  Hs.  begundens.  573,  3  daz  niht 
an  erben  ivceren  \  laut  unde  bürge;  die  Hs.  hat  daz  sy  nicht. 

755,  3  daz  er  an  urliuge  ze  lande  wolde  bringen  \  die  schcenen  junc- 
fromcen ;  die  Hs.  daz  er  sy. 

803,  3.  do  man  über  lant  \  mit  der  Hilden  tohter  fuorte  ir  ingesinde; 
die  Hs.  man  sy. 

1015,  1.  wie  mähte  ich  ziehen  baz  \  die.  Hetelen  tohter;  die  Hs.  ich  sy. 

1021,  1.  siu  leiste  güetUchen  allez  daz  man  hiez  \  tuon  die  mag  et 
edele ;  die  Hs.  man  sy. 

1101,  3.  roie  sie  der  tool  gedienden,  des  vlizzen  sich  durch  ere  \  die 
helde,  Hs.  vlissen  sy  sich. 

1125,   1.  die  sluogen  iif  den  st  \  daz  edele  ingesinde;  Hs.  slügens. 

1410,  2.  einander  sach  man  wem  \  mit  hurte  tiefer  wunden  die  guoten 
ritter  sere;  Hs.  man  si. 

Einmal  sogar  in  derselben  Zeile:  1178,  4.  daz  du  üzer  sorgen  | 
leesest  mich  vil  armen  hüni ginne;  die  Hs.  du  mich  ans  und  nochmals 
mich  nach  lassest.  Ich  habe  daher  auch  bnien  834,  3  statt  puten  sy  ge- 
schrieben, und  1290,  2  dir  gestrichen,  wenngleich  hier  der  Fall  insofern 
anders  ist,  als  kein  Dativ  mehr  folgt. 

Die  Richtigkeit  der  Beobachtung  bestätigt  das  Nibelungenlied, 
indem  4723.  4863.  5566.  6037  und  öfter  die  IIs.  ein  solches  überflüßiges 
Pronomen  hat. 

Wiederum  anderer  Art  scheinen  manche  zugesetzte  Worte,  die 
ich  als  Glossen  betrachte,  die  ursprünglich  am  Rande  standen  und 
dann  in  den  Text  kamen.  Der  Art  ist  das  oben  bemerkte  laid  1122,  3. 
Gewöhnlich  hat  der  Schreiber  noch  ein  oder  das  andere  Flickwort  hinzu- 
gefügt; ich  citiere  die  folgenden  Stellen  nach  Hagens  Verszählung,  und 
klammere  die  hinzugefügten  Worte  ein. 

1149.  so  daz  mohte  [sein  vnde]  ivesen;   sein  hatte  als  Glosse  von 

4  * 


52  KARL  BARTSCH 

wesen  ein  späterer  an  den  Rand  der  alten  Handschrift  geschrieben,  der 
Schreiber  nahm  es  mit  einem  beigefügten  und  in  den  Text  auf.  Diese 
Glossen  sind  wohl  nicht  viel  früher  als  die  uns  erhaltene  Abschrift 
der  Vorlage  anzusetzen. 

2110.    die  der  ncete   [und  des  Streites]    nimmermer   gcdähten.     Am 
Rande  stand  des  Streites  als  Erklärung  zu  der  ncete. 
2228.  da  mohten  die  schcenen  [fraicen], 

2655.  fragen  sie  begunden  [ir  tochter]  nach  rate  slner  man;  ir 
tochter  war  Glosse  von  sie,  die  Aufnahme  derselben  führte  die  Ver- 
änderung von  begunde  in  begunden  mit  sich. 

2774.  da  keime  verlassen;  der  Vers  verlangt  nur  verldzen ;  da  heime 
ist  wieder  Glosse. 

3386.  und  wolden  an  in  rechen  [ir  schaden  und]  ir  anden. 
3818.  wir  sin  [  Ormanie]  der  Hartmuotes  bürge  nähen. 
4046.   damweh    diente   da   alles  das   arme  ynngesinde   vnde  xoaysen. 
Der  Vers  verlangt  dannoch   dienden  allez  da  die  weisen;   es    stand   also 
daz  arme  ingesinde  als  Erklärung  von  weisen  am  Rande  und  ward  wieder 
in  den  Text  mit  einem  unde  aufgenommen. 

4210.  daz  siu  mir  sus  nimmer  [anders]  getaete;  anders  ist  Glosse 
zu  sus. 

4384.    daz  man   nach   Chaudrünen   Orhceinen  sande ;    schon   Hagen 

hat  richtig  bruoder  ergänzt;  am  Rande  stand  dabei  Orhceinen,  das  nahm 

der  Schreiber  in  den  Text  auf,  ließ  aber  dabei  aus  Versehen  bruoder  weg. 

4440.    daz  den  guoten  helden  \  die  [staine]   magnSten  niht  geschaden 

künden. 

4935.  sd  wäre  in  [ofte  und]  dicke  geschehen  leider. 
4990.  so  bin  ich  [Herwig]  genant. 

5131.  do  hiez  si  uz  ziunen  brechen  unde  [aus  dornen]  besemen  binden; 
die  eingeklammerten  Worte  sind  Glosse  zu  xlz  ziunen,  wofür  der 
Schreiber  falsch  schrieb  aus  ziehen. 

5319.  uz  der  [fraicen]  kemenäten. 

5539.  mit  [  pogen  und  mit  ]  armbrusten  heizet  |  uz  den  venstern 
schiezen. 

5620.  sam  er  mit  siner  hende  \  an  uns  icelle  erdienen  [  vnd  erzwingen  ] 
ein  küniertche ;  lies  erdienen  welle. 

5661.  mit  den  Holzsaizen  [leute]  manigen  ersluöc. 
6248.  driu  tüsent  unde  mere  :  sie  klagten  ir  friunde  [haymlich]  he- 
sunder;  haymlich  ist  Glosse  zu  besunder,  wenn  auch  keine  richtige. 

6488.  du  hast  mit  ir  wunne,  solt  sy  dir  werden  zefrawen  vnndertan; 
nach  meiner  Verbesserung,  solde  siu  dir  werden   \    ze  fronwen,  du  hast 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  53 

mit  ir  loüune,  ist  ein  anderer  Fall,  hier  liegt  der  Fehler  der  Hs.  schon 
in  der  vorhergehenden  Zeile,  geican  statt  gewänne,  und  dies  veranlasste 
die  Umstellung  und  die  Ergänzung  undertdn  in  der  folgenden. 

Verschrieben  hatte  sich  der  Schreiber  2426  nicht  enwcere  statt 
nicht  verjcehe  (:  smcehe) ;  er  schrieb  daher  nicht  enwäre  noch  veriähe, 
um  nicht  ausstreichen  zu  müßen.  Fehlerhafte  Wiederholung  durch 
Verirren  in  eine  andere  Zeile  132  noch  edlen  fursten  in  das  landt,  weil 
131  (fehlerhaft)  stand  nach  edler  fursten  site.  4448  der  kan  euch  \_nach 
ereii\  das  feste  icol  geleren,  aus  4447  des  loa  ich  euch  nach  eren.  5980 
do  muesset  auch  seinen  helden  [her/  dem  kunige]  misselingen,  aus  5981 
da  meng  man  bey  dem  kunige. 

Schwieriger  als  die  Zusätze  sind  die  Auslassungen,  d.  h.  für  den 
Herausgeber  die  Ergänzungen,  weil  für  diese  sich  so  bestimmte  Regeln 
nicht  geben  lassen.  Es  können  unverständliche  Worte  ausgelassen 
worden  sein,  wie  sie  anderwärts  entstellt  wurden;  aber  das  reicht  nicht 
aus,  alle  Fälle  zu  erklären.  Der  Sinn  verlangt  ebenso  wie  das  Metrum 
eine  Menge  von  Ergänzungen.  Die  Vergleichung  des  Nibelungentextes 
bestätigt,  daß  der  Schreiber  größere  und  kleinere  Lücken  verschuldete. 
Wir  gehen  von  den  dem  Sinne  durchaus  nothwendigen  Ergänzungen 
aus;  sie  sind  meist  schon  von  Hagen  beigefügt  worden.  Pronomina 
fehlen  am  häufigsten.  Die  Personalia  ich  656,  3.  1088,  2.  uns  549,  2 
nach  dem  ähnlich  aussehenden  man.  —  du  129,  3.  ir  368,  2.  iu  1035,  4. 
—  er  65,  1.  84,  2.  217,  2.  397,  1.  415,  3.  901,  2.  —  si  (nom.  fem.) 
970,  3.  1007,  2.  1643,  3.  —  im  206,  3.  ir  1039,  2.  si  (eam)  1228,  1. 
man  267,  2.  605,  2.  617,  4.  899,  2.  913,  3.  1304,  3.  mauz  352,  4  vor 
dem  ähnlich  geschriebenen  uns. 

Artikel:  der  969,  3.  dem  205,  2.  die  1367,  2.  ein  1368,  1.  1424,  2. 
Possessivum:  stner  220,  3.  Präposition:  von  362,  2.  516,  3.  634,  1. 
910,  1.  981,  3.  1643,  4.    Conjunction  :  und  173,  2. 

Aber  auch  Substantiva  und  Verba  lässt  die  Handschrift  aus.  So 
fehlt  heim  43,  2.  heideu  705,  1.  fride  826,  2.  strite  830,  4.  morgen  1349,  4. 
roup  1562,  2.  Verba:  iceseu  740,  4.  ist  617,  2.  was  623,  1.  hete  901,  3. 
suln  543,  2.  mac  662,  4.  mühte  802,  3.  torste  1492,  4.  gie,  vor  gezogai- 
liche  947,  2.  hörte  1130,  1. 

Namen  fehlen,  die  vielleicht  in  der  Vorlage  zum  Theil  nur  durch 
Anfangsbuchstaben  bezeichnet  waren  und  daher  leicht  übersehen  werden 
konnten.  So  fehlt  Ilagene  91,  4.  125,  3.  Geren  212,  3.  Wate  unde 
Fruote  490,  4.  Sijrit  718,  2.  Uetelen  810,  3.  KudrÜn  1023,  3.  1046,  4. 
Tene  247,   1.  von  Jenen  245,  2.  747,  4.  875,  4. 

Andere  Auslassungen  erklären  sich  auf  graphischem  Wege  durch 


54  KARL  BARTSCH 

die  Ähnlichkeit  eines  vorangegangenen,  auch  folgenden,  überhaupt  in 
der  Nähe  stehenden  Wortes.  So  fehlt  ein  nach  färsten  32,  1.  vroicen 
vor  Uoten  46,  4;  wahrscheinlich  war  vwen  nnd  vten  geschrieben;  frouwen 
ist  auch  211,  2  ausgelassen,  nach  ir  willen  vor  nähen  96,  4,  wegen 
der  Ähnlichkeit  von  nach  und  nähen,  in  nach  in  188,  4.  357,  2;  in 
nach  im  191,  1;  nach  ich  1465,  4.  ir  nach  er  194,  4.  w-  nach  tu  (iv) 
1576,  4.  tu  nach  ich  1463,  4,  wie  Nib.  4835  iuch  nach  tcA.  Umgekehrt 
ich  vor  tu  656,  3.  iu  nach  dtu  680,  2.  so  nach  st  (fem.  sing.)  200,  3, 
wahrscheinlich  durch  sv  (du)  zu  erklären  und  daher  eine  Bestätigung 
für  die  von  mir  gewählte  Schreibung  siu,  ebenso  215,  1.  so  fehlt  aber 
auch  nach  si  (eas)  117,  3.  an  zwei  Stellen  200,  3.  215,  1  vor  schcene, 
und  der  gleiche  Anlaut  s  kann  den  Ausfall  bewirkt  haben,  denn  so 
fehlt  auch  vor  seine  1189,  2;  vor  sprach  1349,  2;  vor  sol  251,  4.  er 
jach  fehlt  vor  er  nam  (statt  er  nceme)  200,  4;  der  Schreiber  sprang 
von  dem  einen  er  auf  das  andere  über,  zuo  vor  ze  fehlt  258,  2.  »t7 
vor  vlizeclichen  299,  4 ;  vor  willecliche  538,  4.  ron  fehlt  nach  von  373,  2. 
Nib.  4623.  hi  ir  vor  in  ir  391,  4.  mere  nach  nimmer  421,  4.  tu  vor 
iuwer  436,  2.  1044,  4.  reu  nach  mir  457,  2.  reoeA  tr  nach  tr  485,  4. 
/et'dm  mare,  wahrscheinlich  mere  mere  geschrieben,  nach  mere  532,  4. 
d«  vor  das  638,  4.  vroice  nach  imt-e  684,  4.  &s  z'r  nach  ir  761,  4.  mii 
wj  nach  Ilartmüte  835,  4.  aoer  nach  oder  839,  4.  1155,  2.  da  nach 
sande  871,  4.  daz  mare  Zi«o  vor  daz  man  932,  1,  2.  mir  vor  mtre  941,  4. 
1249,  3.  dich  nach  zc/t  1175,  3.  in  der  xoerlde  vor  inder  1502,  4;  vgl. 
1497,  4.  von  ir  vroiceden  nach  vroicen  1352,  2.  fcüeree  der  nach  der  1492,  2. 
an  ein  permint  nach  pensei  1601,  4.  m'e  vor  ?/?er  1328,  4.  z'r  vor  te  1382,  4. 
j'm  nach  m^  1453,  4.  Am  nach  m  1573,  2.  vor  tV  vor  vroicen  1573,  4. 
ei  nach  lät  1597,  1.  t'A<  nach  ichz  1633,  4.  wow  den  nach  den  1682,  1. 
Ä«t»i  nach  im  1691,  4.  d«  nach  dö  Nib.  4293. 

Unter  diesen  sind  manche  Ergänzungen,  die  ebenfalls  dem  Sinne 
nach  noth wendig  sind;  die  meisten  aber  erfordert  das  Metrum.  Aus 
metrischer  Rücksicht  sind  auch  die  folgenden  von  mir  vorgenommen, 
die  zum  großen  Theil  Parallelen  aus  den  Nib.  haben.  Pronomina  sind 
auch  hier  sehr  häufig,  vor  allem  der  Artikel  in  zweifacher  Verwendung : 

1.  vor  dem  Pronomen  possess.  Nib.  599.  1252.  2664.  3012.  3318. 
3371.  3607.  3615.  3619.  3631.  3643.  3755.  3911.  4107.  4118.  4120. 
4155.  4220.  4296.  4600.  4799.  4904.  4921.  4936.  5052  etc.  Kudr.  28,  4. 
31,  3.  34,  3.  58,  2.  131,  4.   143,  4.  348,  3.  863,  4  etc. 

2.  als  demonstrat.  einen  Begriff  nochmals  aufnehmend,  wie  129,  3 
min  vater  der  hiez  Sigehant;  der  fehlt  Hs.  Unter  den  Nib.  Hss.  lässt 
sich  am   meisten  A   den    gleichen  Fehler  zu   Schulden  kommen.    Un- 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  55 

sere  Hs.  lässt  das  Pronomen  aus  Nib.  78.  233.  899.  1112.  1129.  1865. 
1866.  1873.  1875.  1923.  2166.  2677.  3022.  3072  u.  s.  w.  Kudrun  124,  3. 
265,  3.  322,   1.  580,  1.  588,  3.  730,  1.  840,  1.  894,  4.  898,  3. 

Der  Artikel  fehlt  auch  sonst,  geslagen  vil  schedeliche  wunden  221,  4 
statt  vil  der  schedelichen  wunden,  ivie  künic  Hetele  statt  wie  der  künic  H. 
4'20,  4,  und  so  häufig  vor  künic,  herre,  frouwe ;  in  Halbzeilen  wie  dö 
sprach  diu  frowe  Küdrün  etc.,  wo  die  Hs.  meist  hat  dö  sprach  fraiv  K. 
Der  gleiche  Fall  im  Nib.,  wo  auch  A  den  Artikel  oft  weglässt.  Nib. 
1264  dö  gie  der  künec  Günther;  d  lässt  der  aus.  den  sach  der  herre 
Sifrit  743,  d  liest  den  sach  her  Sifrit.  Vgl.  noch  Nib.  543.  2000.  3781. 
4124.  4187.  4706.  5470.  5772.  6041.  7467.  8260,  letztere  Stelle  dem 
in  der  Kudr.  begegnenden  Ausdrucke  von  den  Stürmen  ganz  gleich- 
stehend ,  wofür  die  Hs.  meist  hat  von  Stürmen. 

Andere  Pronomina:  du  743,  4.  ir  beim  Imperativ  405,  4.  Nib.  7131. 
in  N.  3096.  er  N.  2712.  im  Kudr.  209,  1.  Nib.  6326.  ir  (dat.  fem.) 
Kudr.  1040,  1.  in  Nib.  3157.  ir  (gen.  plur.),  namentlich  partitiver,  762. 
3151.  Kudr.  40,  4.  69,  3.  105,  4.  145,  2  etc.  sinem  Nib.  4058.  täten 
4097.  deheinen  6822. 

Partikeln:  al:  solh  statt  alsolh  Nib.  3478;  vgl.  Kudr.  82,  3,  des 
statt  al  des. 

beide  in  der  Bedeutung  sowohl',  mit  folgendem  und:  Kudr.  132,  4. 
369,  4.  514,  4.  694,  4.  983,  4.  999,  4.  1307,  4.  1631,  4. 

U  89,  4. 

da  204,  1.  Nib.  1560.  1930.  3574.  5254.  5533.  8630.  Vielleicht 
wäre  auch  in  der  K.  noch  häufiger  ein  da  zu  ergänzen,  ebenso  dö 
Kudr.  139,  4  etc.  Nib.  1868.  2020.  3863.  4129.  6053.  6545.  6977.  7692. 
8346.  dar  Kudr.  155,  1.  191,  1.  dun  Nib.  2524.  dannoch  Kudr.  302,3. 
698,  3.  850,  4.  891,  3.   1504,  4.  1547,  4.  noch  Nib.  560.  1200. 

deste  Kudr.  203,  4.  doch  Nib.  1872.  Kudr.  120,  4. 

en  in  beschränkenden  Sätzen  mit  dem  Conjunctiv  und  sonst : 
Kudr.  210,  3.  213,  4.  272,  4.  288,  4.  370,  3.  379,  4.  390,  3.  394,  2. 
400,  1.  419,  4.  421,  4.  455,  3.  463,  1.  575,  4.  620,  4.  683,  2.  872,  4. 
893,  3.   1044,  2  etc.    Auch  in  Nib.  häufig. 

et  Kudr.  1539,  4.  Nib.  7182. 

gerne  1023,  4.  Nib.  7732.  gerner  Kudr.  343,  4. 

gröze  Nib.  4681. 

harte  Kudr.  42,  4.  69,  4.  126,  4.  322,  4.  375,  4.  458,  4.  510,  4. 
698,  4.  710,  2.  979,  4.  1034,  4.  1129,  4.  1252,  2.  1399,  4.  1513,  4. 
1607,  4.  Nib.  1776,  wo  harte  auch  in  A  fehlt.  2512.  6729.  harte  scre 
habe  ich  ergänzt  79,  4;  vgl.  sere. 


56  KARL  BARTSCH 

hie  1512,  4.  1520,  4.  124,  4. 

hin,  namentlich  vor  engegene  219,  3.  468,  1.  Nib.  6276.  Vgl.  noch 
Kndr.  1186,  1. 

hinnen  1090,  4.  1255,  4. 

ie  Nib.  3971.  4151.  mite  Kudr.  1129,3.  nider  Nib.  3911.  wie  5118. 

nu  Kudr.  220,  4.  Nib.  2005.  6009. 

oach  Kudr.  498,  1.  773,  4.  840,  4.  1430,  1.  Nib.  188,  wo  auch 
in  A  ouch  fehlt.  467.  1638.  2154.  2236.  2851.  2899.  2930.  3031.  3391. 
3728.  5522.  7740. 

rehte  Nib.  4970.  schiere  Kudr.  43,  2.  1611,  4.  1642,  2.  Nib.  920; 
vgl.  halde  Nib.  2177. 

sere  Kudr.  222,  4.  887,  4. 

so,  nach  swes  291,  2.  1294,  2;  nach  swa  668,  2.  672,  1.  1298,  3. 
Vgl.  Nib.  19.  415.  2992.  3228. 

üf  Kudr.  87,  3.  vor  Nib.  1784.  ze  2508. 

vil  Kudr.  25,  4.  241,  4.  586,  2.  685,  1.  704,  4.  732,  3.  788,  3. 
840,  1.  841,  4.  1531,  4.  Nib.  8.  933.  1272.  1756.  1834.  2288.  3836. 
4956.  5188.  6069.  6094.  6248.  6412.  7254.  7518.  tool  Nib.  2109.  3344. 
6404. 

Substantiva  sind  zu  ergänzen:  degen  Kudr.  256,  1.  907,  1.  911,  1. 
künie  303,  4.  418,  4.  Nib.  4662.  mcere  348,  1.  herre  615,  4.  Nib.  4549. 
recke  639,  1.  919,  2.  1107,  4.  1393,  4.  1395,  4.  1483,  4.  twdle  655,  4. 
697,  3.  stücken  757,  3.  lande  844,  4.  kocken  1072,  3.  goume  1316,  3. 
froun  Nib.  5404.  teil  6406.  6^e  8296.  Auch  hier  sind  viele  dem  Sinne 
nach  schon  nothwendig. 

Adjectiva:  holn  74,  4.  meerer  185,  4.  weehe  530,  4.  &e6e  678,  2. 
michel  843,  1.  riehen  1115,  4.  eilenden  1251,  4.  Vgl.  starke  Nib.  3020. 
grozen  1040.  3892.  4788.  </uo*  4224.  4374.  5776.  scheene  46S2.  5324. 
lieber  6290.  arme  6329.  meiste  6743.   werte  8433.  a//e  4981.  5408. 

Verba  :  rief  Nib.  4061.  gräezen  8613. 

Nicht  nur  einzelne,  sondern  auch  mehrere  Worte  nach  einander 
werden  vom  Schreiber  ausgelassen;  Beispiele  bieten  schon  einige  der 
graphisch  zu  erklärenden  Lücken.  Vgl.  noch  86,  4.  277,  3.  717,  4. 
814,  4.  823,  4.  855,  4.  878,  4.  886,  4.  896,  4.  1066,  4.  1075,  4.  1083,  2. 
1099,  4.  1102,  I.  1105,  3.  1158,  4.  1167,  3.  1195,  4.  1264,  2.  1307,  3. 
1485,  4.  1515,  4.  1614,  4.  1636,  4.  Nib.  3133.  3472.  6086.  Am  meisten 
ist,  wie  man  sieht,  die  letzte  Zeile  der  Strophe  der  Entstellung  aus- 
gesetzt gewesen;  das  ist  natürlich,  dem  Schreiber  war  ihre  die  andern 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  57 

Verse  überragende  Länge  auffallend.   Er  ließ  daher  meist  in  der  zweiten 
Hälfte,   nach  der  Cäsur,   etwas  weg;    mitunter  aber   auch  die  vordere 
Halbzeile,  so  228,  4.  240,  4.  313,  4.  669,  4.  942,  4;  477,  4  lautet  die 
vordere  Halbzeile  nur  geloube.    Die  vierte  Halbzeile  ausgelassen  294,  2, 
graphisch   leicht   zu  erklären    (s.  unten  die  Bemerkung   zu  der  Stelle). 
Mehrmals  hat  der  Schreiber  eine  ganze  Zeile  seiner  Vorlage  über- 
sprungen.   So  1,  2,  wo  ich  mir  die  Vorlage  so  geschrieben  denke, 
z  wühs  in  irlande.  ein  ri- 
cher  chunic  her.  geheizen  was  er 
Sigebant.  sin  uater  der  hiez 
Ger.  sin  müter  dv  hiez  vte.  vnd  was  ein  — 
Die  ersten  Zeilen  waren  kürzer  wegen  der  Initiale  E,    die  am  Beginn 
des  Gedichtes  größer  war  als  sonst;  der  Schreiber  übersprang  die  dritte 
Zeile.    Derselbe  Fall  ist  341,  1.  2;  hier  stand  in  der  Vorlage 
Si  enphieng  in  aller  erste,  ja 
were  ir  lihte  leit.  ob  sv  in  chussen  solde.  sin 
Den  Unterschied    in    der   Länge   der   Zeilen    machte   nicht   die  Initiale 
allein  aus,  sondern  es  war,  wie  man  in  den  Hss.  so  häufig  findet,  der 
Schluß  der  vorigen    Strophe   auf  derselben  Zeile  wie  der  Anfang    der 
nächsten,  also  etwa 

Si  enphieng  in  aller  erste,  ja  [chuniginne. 

Es  ergibt  sich  aus  diesen  Fehlern,  daß  die  Hs.  wie  die  älteren 
Nibelungenhandschriften  fortlaufend  wie  Prosa  geschrieben  war,  wie 
noch  die  Ambraser  Hs.  selbst  geschrieben  ist.  Darauf  weisen  auch 
die  Fehler  in  932,  1.  2.  951,  2.  3. 

Die  sehr  häufigen  Reime  des  Originals,  in  welchen  bei  klingen- 
dem Ausgang  die  zweite  Silbe  des  einen  Keimwortes  auf  e,  die  des 
andern  auf  eii  ausgeht,  hat  der  Schreiber  fast  immer  durch  ein  dem  e 
angehängtes  n  auszugleichen  gesucht,  auch  wo  die  grammatische  Form 
des  Mhd.  dagegen  streitet.  So  87,  3  üf  des  meres  sträze  (acc.  sing., : 
läzen),  die  Hs.  schreibt  str<issen;  den  Ivft  und  ouch  die  sunne  (:  gunneri) 
95,  3,  Hs.  sunnen ;  der  edelen  küniginne  ('.sinnen)  152,  3.  lobeten  höch- 
zite  (:  riten)  35,  3,  wo  man  aber  auch  mit  der  Hs.  Mchziten  als  infin. 
schreiben  kann;  ebenso  666,  3  michel  arbeite  (:  bereiten),  könnte  ar- 
beiten sein,  die  Ilartmnotes  mdge  (:  betragen)  602,  3,  Hs.  mayen.  aller 
sin  gedinge  (:  dringen)  646,  4,  Hs.  gedingen.  Vgl.  noch  294,  3.  300,  3. 
635,  3.  706,  3.  709,  4.  712,  3.  737,  3.  758,  4.  783,  4.  799,  4.  823,  3. 
827,  3.  834,  4.  855,  4.  882,  4.  952,  4.  989,  3.  1010,  3.  1015,  4.  1037,  3. 
1209,  4.  1241,  3.  1245,  4.  1373,  3.   1398,  3.  1469,3.  1481,3.   1525,  4. 


58  KARL  BARTSCH 

1562,  4.  1587,  4.  1598,  3.  1646,  3.  1673,  3.  Manche  Stellen  können 
schwankend  sein,  wie  294,  3.  300,  3,  aber  sie  werden  nach  Maßgabe 
der  sichern  Fälle  behandelt  werden  dürfen. 

Seltener  ist  das  umgekehrte  der  Fall,  daß  dem  Reimworte  auf  en 
sein  n  genommen  wird;  so  kröne  :  töne  17,  3.  statt  kröne  :  lö)t,en ;  manne 
(statt  mannen)  :  danne  256,  3.  Teneriche  :  gemelltchen  354,  3;  die  Hs. 
gämliche.    Vgl.  noch  697,  4.  732,  4.  739,  4.   1113,4.   1311,  3.  1556,  3. 

Mitunter  aber  ändert  der  Schreiber  auch  etwas  stärker,  um  das 
missliebige  n  zu  beseitigen.  Namentlich  setzt  er  häufig  den  Singular 
statt  des  Plural,  seltener  das  umgekehrte.  So  schreibt  er  vierdhalben 
meilen  (:  eilen)  statt  vierdehalber  mtle  (:  ilen)  10,  4.  mit  grozer  vre  (:  mere) 
statt  mit  grözen  eren  207,  4,  denn  der  Plural,  ist  mhd.  das  übliche, 
ebenso  nach  grozer  einer  ere  (:  mere)  456,  3  statt  des  Pluralis;  auch 
204,  3  lies  nach  eren  (:  here)  statt  ere.  Ferner  steht  in  den  seiden  (.-  helden) 
statt  in  der  selde  (:  helden)  345 ,  3.  ein  helt  ze  sinen  handen  475 ,  4 
(:  lande).  1433,  4  (:  sande)  hat  Vollmer  richtig  geschrieben,  der  Plural 
ist  durchaus  das  herrschende;  kommt  auch  der  Sing,  ze  siner  hande 
zuweilen  vor,  so  wird  man  doch  in  der  Kudrun,  gestützt  auf  die  zahl- 
reichen andern  Stellen,  den  Plural  setzen  dürfen,  der  sich  auch  in  der 
Hs.  findet,  vgl.  20,  4.  185,  4.  348,  4.  mit  grözem  la&sleine  (:  kleine)  statt 
mit  grözen  lassteinen  790,  4.  Vgl.  noch  832,  3.  957,  4.  992,  1.  1005,  4. 
1027,  4.  1028,  3.  1053,  3.  1070,  4.  1160,  4.  1181,  4.  1239,  3. 

Noch  stärkere  Änderungen  des  Schreibers  finden  sich  an  folgen- 
den Stellen.  Er  umschreibt  das  Verbum  durch  ein  Hilfsverbum  mit 
dem  Infin.;  so  242,  4  daz  ich  dir  die  schämen  Hilden  müge  bringen  statt 
daz  ich  dir  die  schcenen  Hilden  bringe  (:  gedingen).  1088,  4  swie  joch 
minen  recken  da  gelinge  (:  bringen);  die  Hs.  wie  yedoch  m.  r.  müge  da 
gelingen.  1629,  4  da  mite  er  mine  mäge  \  unde  mich  ze  friunde  gewinne 
(:  minnen);  die  Hs.  müge  gewinnen.  Ebenso  wird  künnen  verwendet; 
893,  4  ob  ichz  kan  gef Hegen  \  daz  ich  iach  von  hinnen  also  britige  (:  Hege- 
lingen);  die  Hs.  künne  bringe/t.  müezen:  993,  4  daz  siu  sich  ir  höcliverle 
mdze  (:  läzen),  Hs.  höchvart  müeze  mäzen.  wellen:  959,  4  den  lip  wil 
ich  Verliesen ,  e  ich  in  ze  friunde  gewinne  (:  miimen),  Hs.  wolle  gewinnen. 
1039,  3  min  houbet  ich  ir  neige  (:  eigen),  Hs.  roil  ich  ir  neigen.  Umge- 
kehrt steht  daz  ich  iuch  immer  gerne  minne  (:  küniginne)  1031,  4  statt 
welle  minnen.  Andere  Fälle  sind:  daz  ich  iuch  läz-e  (:  sträze)  408,  4 
statt  des  sinngemäßen  daz  wir  iuch  läzen.  maneger  wart  da  junden,  der 

—  gedähte  ( :  brähten)  527,  4  ;    die  Hs.   manige  wurden  da  funden ,  die 

—  geddhten.  ich  wil  daz  ich  Harlmuoten  dicke  bi  ir  froelichen  vinde 
(:  ingesinde)   970,  4  statt  ich  wil  Harlmuoten. .  .vinden.    Idt  mich  mit  ir 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  59 

waschen,  lät  uns  übele  oder  icol  gelingen  (:  volbringen)  1062,  4;  das  dop- 
pelte lät  ist  so  ungeschickt  wie  möglich,  es  hieß  ob  uns.  ..gelinge  oder 
statt  ob  vielleicht  sicie.  allen  meiden  tuot  ez  ze  eren  (:  keren)  1214,  3 
statt  durch  aller  meide  ere.  Auch  hier  liegt  an  allen  Stellen  nicht  zwin- 
gende Notwendigkeit  vor;  aber  diese  Art  der  Abänderung  erweist 
sich  als  ein  so  bestimmter  Charakterzug  des  Schreibers,  daß  auch  an 
zweifelhaften  Stellen  die  Annahme  einer  solchen  wenigstens  in  hohem 
Grade  wahrscheinlich  wird. 

Damit  wären  unsere  Bemerkungen  über  das  Verfahren  des  Schrei- 
bers erschöpft.  Daß  das  hier  angeführte  erst  diesem,  nicht  der  Vor- 
lage zukommt,  ist  mit  Bestimmtheit  anzunehmen,  denn  die  Vorlage 
war  eine  alte  und  allem  Anschein  nach  mit  Sorgfalt  geschriebene 
Handschrift. 

IL 

Wir  wenden  uns  zur  Darstellung  des  Metrischen ,  das  für  die 
Kritik  von  hoher  Bedeutung  ist;  namentlich  einer  so  jungen  Hand- 
schrift gegenüber  kann  oft  nur  das  Metrum  den  Ausschlag  geben. 
In  den  hierbei  von  mir  befolgten  Grundsätzen  (und  sie  finden  nicht 
auf  die  Kudrun  allein  Anwendung)  bin  ich  von  dem  Verfahren  der 
bisherigen  Herausgeber  vielfach  abgewichen.  Der  metrische  Gebrauch 
der  Kudrun  ist  auf  der  einen  Seite  enger,  in  andern  Stücken  gestattet 
er  größere  Freiheit  als  man  bisher  annahm.  Sie  zusammenfassend 
voranzustellen,  räth  die  Rücksicht  auf  methodisches  Verfahren,  das  an 
einer  einzelnen  Stelle  nicht  so  überzeugend  dargestellt  werden  kann 
als  im  Zusammenhange  mit  verwandten  Erscheinungen. 

Das  Verhältniss  von  Hebungen  und  Senkungen  ist  in  der  Kudrun 
mit  äußerster  Sorgfalt  behandelt.  Zweisilbige  Senkungen  werden  gar 
nicht  geduldet,  wohl  aber  gestattet  der  Dichter  sich  unter  gewissen 
Bedingungen  Kürzungen,  die  die  Zweisilbigkeit  vermeiden. 

Durch  Apokope  werden  gekürzt  1.  Substantiva;  starke  masc.  und 
neutr.  im  Dativ,  singul. ;  mit  bühurt  wart  14,  1  sagen  wohl  alle  Dichter. 
laut  steht  als  Dativ  oft  im  Reime,  im  Verse  1435,  4.  Ebenso  mit  Un- 
gemach genesen  287,  4.  in  dem  strit  gelungen  511,  4.  in  einem  kiel  bi 
Fruoten  1183,  3.  sit  duz  bi  Krist  gebiutest  1179,  4;  noch  stärker  in  dinem 
dienst  243,  4.  Ob  aber  erlaubt  ist,  auch  beim  Eigennamen  Ger  dem 
riehen  künige  2,  1  bezweifle  ich ;  ich  habe  geschrieben  Gtre  dem  riehen 
knuige  mit  schwebender  Betonung  im  Anfang  des  Verses  Gere.  Im  Plural 


60 


KARL  BARTSCH 


gekürzt  wird  friunt  1357,  4.  1384,  4-  Im  Gen  plur.  steht  lernt  als 
1  fei  in  21,  3. 

Pronomina.  Unbedenklich  werden  die  Formen  mine,  dine,  sine, 
eine  auch  vor  üonsonanten  verkürzt,  min  bärge  661,  3.  min  triuwe 
1281,  4.  mihfrouwen  1434,  3.  diu  bärge  816,  2.  din  Liebe  401,  3.  diu  mdge 
1015,  4.   auch  din  vuvre  statt  dwww  mcere  1290,  2.   sm  wiogre  8,  4.   18,  4. 

1675,  1.  sin  site  329,  2.  sin  tohter  560,  3.  auch  sin  lant  statt  s«u  /cmi 
731,  4.  ein  spise  250,  1.  ein  veste  719,  3.  ein  meisterinne  1223,  3.  <?m 
hätten  1662,  2.  <?m  wu  1588,  4.  Ich  reihe  hier  auch  gleich  die  syn- 
copierten  Formen  an:  »uns  gemaches  246,  4.  mins  herren  396,  4.  suis 
willen  626,  4.  ««js  guoten  loillen  769,  4.  «ms  landes  792,  2.  ö'?ms  herzen 
1440,  4.  «ms  äbermuotes  1596,  3.  «eres  ta^es  631,  2.  eins  färsten  1008,  1 ; 
daher  auch  Ortwins  1426,  1  erlaubt  sein  wird.  Im  Dativ  ist  mim  nur 
am  Anlange  nachweislich  mim  sune  1364,  3,  und  nach  der  Cäsur,  was 
dem  Anfange  gleich  steht,  sim  vater  178,  1 ;  ebenso  z'eim  eltchen  leibe 
1043,  3. 

Besonders  zu  betrachten  sind  die  Wörter  geselle  und  gesinde,  weil 
vor  ihnen  auch  stärkere  Syncope  des  Possess.  eintritt.  Daher  nicht 
nur  sin  gesellen  statt  sine  219,  2.  443,  3,  sondern  auch  sin  statt  sinen 
gesellen  876,  2.  sim  gesinde  454,  2.  826,  3,  1135,  2.  mim  gesinde  1054,  3. 

Das  Demonstr.  dirre  hat  im  Neutr.  die  zweisilbige  Form  ditze, 
nicht  ditz.  Vgl.  ditze  starke  vuvre  428,  1;  und  148,  1.  523,3.  1249,3. 
ditz  gcwant  1267,  2  wäre  daher  wohl  besser  ditze  gwant  zu  schreiben 
(s.  S.  63).    Zu  bessern  waren  879,  1.  1061,  1. 

Das  Indifinitivum  dehein  erfahrt  vorn  eine  Kürzung  in  der  Form 
kein,  die  neben  der  unzweifelhaft  zweisilbigen  durch  folgende  Stellen 
belegt  ist  244,  4.  300,  3.  770,  4.    1054,  4.    1183,  4.    1457,  4.   1486,  4, 

1676,  2.  1698,  4.    Unerlaubt  ist  al  zit  1051,  4  statt  alle  zit. 
Adverbia  verlieren  nur  durch  Fehler  der  Hs.  ihr  e;  unrichtig  ist 

also  vil  litt  man  da  vernam  49,  1,  sondern  da  ist  zu  tilgen.  Ebenso 
waren  liht  555,  3  reht  1018,  3  nicht  zu  dulden. 

Von  zweisilbigen  Präpositionen  wird  gekürzt  äne,  an  michel  un- 
gemüete  1699,  4,  wo  auch  äne  stehen  könnte;  aber  auch  in  letzter  Sen- 
kung an  not  959,  1,  und  vielleicht  auch  146,  1,  wenn  man  nicht,  wie 
ich  gethan ,  mich  streicht.  Der  gleiche  Anlaut  n  erleichtert  die  Apo- 
kope.  Sodann  umbe  in  umb  oder  um,  ümb  froun  Süden  225,  3.  ümb 
sie  striten  252,  2;  ümb  dich  1481,  4;  auch  in  vorletzter  Hebung:  ümb 
duz  kint  659,  1.   In  der  Senkung:  umb  Ilägenen  252,  2.  umb  dise  1010,  1. 

Conjunctionen.  Von  Conjunctionen  daune  in  dann  oder  dan  964,  4. 
1223,  2.   1247,  4.  1514,  4.    wände,  das  auch  vorkommt,  in  ivant  oder 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  61 

wan,  9,  4.  137,  2.  137,  4.  277,  4.  310,  4.  318,  4.  344,  2.  364,  3.  710,  4. 
1024,  4.  1027,  2  etc.  unze  (auch  als  Präposition)  in  um,  in  der  He- 
bung unz  sie  277,  3.  647,  4.  1106,  4.  ünz  mir  997,  3;  in  der  Senkung 
unz  ddz  290,  3.  unz  man  543,  3.  1609,  2.  rcrcz  imr-  839,  4.  unz  morgen 
1270,  2.  unz  daz  1594,  4. 

Am  meisten  zu  beachten  sind  die  Verba,  namentlich  die  Abwer- 
fung des  e  im  Präteritum  schwacher  Verba.  Allgemein  wird  das  e  ab- 
geworfen, wenn  ein  mit  einem  d  beginnendes  Wort  folgt.  Demnach 
habt'  der  70,  4.  kort  die  92,  4.  zürnt  der  144,  4.  hört  der  373,  1.  hört  da 
895,  1.  hört  diu  589,  3.  hört  den  649,  1.  927,  3.  rcirco£  c/ae  106,  3.  wolt 
diu  125,  3.  ?t>oft  dö  903,  1.  ■wo/f/f  der  150,  2.  vo/<^  de.?  1607,  1.  sagt  die 
172,  4.  sagt  daz  391,  3.  saai  den  406,  4.  saa«  der  1358,  2.  wer^  daz 
290,  3.  lobt  der  338,  1.  lobt  diu  561,  1.  »wö/d  den  861,  4.  mtfA*  daz 
941,  1.  mäht  der  1018,  4.  moÄ/  am  442,  4.  mohi  den  706,  4.  783,  2. 
wo/i«  der  875,  1.  buozt  der  472,  4.  rwo/Z  dö  488,  1.  858,  1.  1431,  1. 
1489,  2.  1490,  2.  beweint  diu  504,  4,  M?a#e£  de?-  515,  1.  verendet  der 
669,  4.  soft  daz  741,  4.  mm»?£  dm  766,  4.  /raa£  dirc  767,  4.  rumt  daz 
799,  2.  /ft  diu  802,  2.  Haa/e^  dr?  901,  4.  £%e«  dm  1262,  1.  kust  des 
977,  4.  kust  diu  1584,  1.  mao.s^  den  1008,  2.  grceft  dö  1057,  4.  Anders 
ist  rwo/i  trüreclichen  521,  1,  weil  hier  ruo/t  in  der  Senkung  steht. 
die  da  sant  dm  meit  690,  1  könnte  auch  heißen  die  da  sdnde  diu  meit. 
Zweifelhafter  scheint  es,  wenn  d  die  stehende  Form  im  Präteritum  ist, 
wie  in  begunde,  künde,  daher  wohl  kaum  begund  dem  748,  4,  sondern 
began  dem;  kund  des  1444,  3,  besser  kundes. 

Der  zweite  Fall,  wo  e  allgemein  abgeworfen  wird,  ist  bei  nach- 
folgendem Pron.  person.  So  bei  sie:  düht  sie  644,  4.  redet  siu  658,  4. 
gdlit  siu  1361,  3.  sich:  wert  sich  516,  2.  1427,  4.  iväfent  sich  1377,  1. 
fuogt  sich  1666,  3.  Am  häufigsten  bei  man:  muost  man  38,  2.  hört  man 
53,  1.  166,  4.  201,  4.  496,  1.  526,  2.  1117,  4.  1401,  4.  1466,  4.  1572,  2, 
einmal  auch  hört  man  betont  915,  1.  bräht  man  114,  1.  692,4.  933,  1; 
auch  bräht  man  1236,  3.  lobt  man  342,  4.  578,  4.  sagt  man  489,  1. 
709,  4.  773,  3.  dient  man  621,  3.  vestent  man  665,  1.  suocht  man  1299,  2. 
«oft  wan  1585,  4.  wt/ti!  rciarc  1666,  4. 

Wenn  bei  der  1.  Pers.  plural.  das  n  vor  folgendem  wir  abge- 
worfen wird,  darf  das  vor  dem  rc  stehende  e  nicht  wegfallen;  also 
nicht  hört  wir,  sondern  hörte  wir  233,  3;  ebenso  fehlerhaft  ist  schied 
wir  488,  4.  laz  wir  1514,  4. 

Präterita  in  ete,  deren  erstes  e  wegen  des  harten  Zusammenstoßes 
von  Consonanten  nicht  unterdrückt  zu  werden  pflegt,  dürfen  das  letzte 
e  abwerfen,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  ein  Vocal  oder  Consonant  folgt. 


62  KARL  BARTSCH 

Also  leidet  bi  24,  3  statt  leidete^  wenn  man  nicht  leite  schreibt,  liebet  lt 
24,  3,  und  wohl  auch  geliebet,  sich  655,  2.  endet  sich  663,  1.  verendet 
sich  114,  4.  663,  4.  endet  in  der  Cäsur  66,  4;  ebenso  sich  verendet  379,  1. 
Daß  der  Dichter  endete,  nicht  ande  brauchte,  geht  aus  663,  4  hervor,  wo 
er  sonst  den  Misslaut  vermieden  haben  würde,  trouicet  mit  511,  1.  trouwet 
niht  681,  2.  921,  4.  1270,  3.  trouwet  wol  1230,  4;  doch  wäre  auch  troute 
erlaubt,  wie  hauten  873,  1.  fremdet,  sich  611,  4.  minnet  in  der  Cäsur 
1638,  2;  vgl.  dagegen  minnt  766,  4.  salwet  gnoter  1669,  3.  nähent  zuo 
1074,  1.  bidemet  von  (oder  bidemte)  1216,  3.  xoundet  Höranden  (oder 
ivunde)  1424,   1.  kleidet  man  1610,  3.    Auch  wundert  waz  1475,  2. 

Ein  paarmal  wird,  wie  es  scheint,  sagte  auch  außer  den  erwähn- 
ten Fällen  gekürzt,  man  saget  von  ir  580,  4.  saget  Hordnde  1693,  1; 
ebenso  horte,  hört  vil  1660,  4.  1668,  4.  Dagegen  ist  ruo/t  kaum  an- 
zunehmen, sondern  die  starke  Form  rief,  vgl.  1139,  1.  1263,  2.  Ob 
mähte  vor  Consonanten  in  mäht  gekürzt  wird,  ist  zweifelhaft;  nach 
Fällen  wie  mäht  gesin  Nib.  6  (vgl.  oben) ,  wo  die  andern  Hss.  mähte 
sin  lesen,  ist  auch  mäht  geniezen  Kudr.  3,  4;  mäht  gefrouiven  198,  4. 
326,  3;  mäht  gescheiden  649,  3;  mäht  geslrtten  1445,  3  nicht  als  rich- 
tig zu  betrachten.  Noch  weniger  mäht  sin  367,  3.  mäht  wohl  869,  4. 
Ebenso  ist  falsch  im  dient  wazzer  unde  lant  als  zweite  Vershälfte  208,  1. 
er  brdht  zwei  hundert  degene  271,  2.  beweint  vil  dicke  1094,  1.  fuart  wol 
1400,  2. 

Von  andern  Verbalformen  als  schw.  präter.  bemerke  ich  wa're, 
das  vor  jedem  Consonanten  in  weer  verkürzt  wird,  aber  nur  in  der 
Hebung;  weer  daz  370,  2.  1453,  2.  weer  si  590,  2.  weer  diu  657,  1. 
weer  der  886,  3.  wair  gevangen  806,  4.  811,  2.  weer  zergangen  1476,  3. 
Ebenso  v:cen,  ween  der  606,  4.  1237,  4.  ivcen  siz  744,  4,  ween  si  870,  4. 
zeee/i  dar  1195,  3.  ween  mir  1323,  4.  ween  die  1365,  4.  1701,  4.  tecen 
des  1680,  4.  wasrc  nach  1692,  4. 

Endlich  föne  in  der  Formel  lön  dir  got  1311,  1.  1703,  4.  Im 
flectierten  Infinitiv  wird  das  e  abgeworfen  in  ze  sagen  statt  ze  sagene 
(:  tagen)  286,  1;  vgl.  in  der  Cäsur  müelich  ist  ze  liden  83,  2.  Aber 
nur  als  Ausnahme;  dagegen  ze  lebene  verdriezen  209,  4  etc. 

Falsch  ist  rät  dir  149,  2.  geeb  dir  1290,  2.  heer  waz  422,  1. 
Ebenso  in  Nomin.    Hetel  statt  Iletele  871,  1.  ziven.  471,  3.  772,  2. 

Die  Unterdrückung  eines  «  im  Inlaut  durch  Syncope  ist  verhältniss- 
mäßig selten.  Unbedenklich  ist  mins,  dins,  sins,  eins,  mim  eim  (S.  60); 
ebenso  zehn  in  ahtzehn  tagen  37,  1  als  Versschluß ;  fragte  27,  1.  volgte, 
vlegte  1017,  2.  #a/if<?  462,  1.  464,  4  u.  s.  w.    ir  tcelt  statt  ir  wellet,  was 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KÜDRUN.  63 

daneben  vorkommt,  78,  2.  652,  4,  sogar  weit  ir  774,  4,  wenn  es  auch 
nicht  im  Reime  erscheint,  wie  in  den  Nibelungen.  Dagegen  icellen  wird 
nicht  in  wein  gekürzt,  fehlerhaft  steht  wein  1369,  3.  1551,  1.  dienest 
wird  zu  dienst  243,  4.  1046,  1.  dieneste  zu  dienste  79,  2.  248,  2.  382,  4; 
neben  den  volleren  Formen  dienest  in  der  Cäsur  225,  4.  dieneste  83,  4. 
Sehr  häufig  ist  Ludwiges  statt  Ludeiviges,  aber  nur  am  Anfang  des 
Verses,  und  nach  der  Cäsnr,  855,  3.  899,  3.  1394,  3.  Ähnlich  ist 
Hiltburge  statt  Hildebvrge  1680,  2,  ebenfalls  am  Anfang.  Der  Laut  en 
wird  ausgeworfen  im  Partie,  diende  statt  dienende  1487,  2,  was  allgemein 
mhd.  ist. 

Vereinzelt  stehen  wärt  mir  1509,  4,  was  vermieden  werden  könnte, 
wenn  man  ungneedie  schriebe,  und  sahn  an  im  23,  4  nach  der  Cäsur, 
wo  also  auch  schwebende  Betonung  eintreten  kann,  sähen  an  im.  Mit- 
hin von  derartigen  Kürzungen  kein  sicheres  Beispiel,  denn  sahn  in 
137,  4  war  durch  Umstellung  in  sähen  leicht  gebessert;  ebenso  gesähn 
ein  ander  1690,  3.  Falsch  ist  warn  88,  2.  506,  4.  1095,  1.  1216,  4. 
warn  1534,  3.  fuom  667,  2.  filern  739,  4.  türm  688,  4;  ebenso  hel/t 
417,  3.  füert  797,  3.    schafft  944,  4.   sc/i<??^  1452,  4.    «mfr  efer  864,  3. 

Die  Vorsilbe  ge  verliert  in  einigen  Fällen  ihr  e  am  häufigsten  vor 
w,  so  in  gnäde  259,  2,  denn  ra/ti  genäde  ist  nicht  wahrscheinlich.  Daher 
auch  vil  gneedeclichen  74,  2,  wo  man  sonst  vil  streichen  könnte,  gnuoc 
645,  2.  692,  2.  #rcwo#e  429,  3.  1143,  2;  vgl.  auch  356,  2,  wo  man  da 
streichen  dürfte.  Nicht  gewagt  habe  ich  gnendielichen  243,  4  und  lieber 
die  sicher  bezeugte  Kürzung  dienst  vorgezogen.  Vor  w  in  givalt  474,  2. 
gwinnen  945,  4  und  auch  wohl  gwant  1267,  2,  wenn  man  nicht  ditz 
schreiben  will  (vgl.  S.  60).  842,  2  habe  ich  das  zweite  ir  gestrichen 
und  gewant  beibehalten. 

Vor  l  gar  nicht,  denn  glichen  988,  4  ist  durch  Tilgung  von  icol 
zu  bessern.  Auch  he  verliert  seinen  Vocal  nicht;  wolde  bliben  121,  2 
ist  durch  Umstellung  zu  beseitigen,  ebenso  sohlen  bliben  851,  3,  wie 
V.  geschrieben  hat,  nicht  zu  dulden,  die  Hs.  hat  da  beleben.  Die  dritte 
Stelle   1002,  4    äne  blibe  fällt  durch  die  Tilgung  von  ich  mit  Vollmer. 

Noch  andere  Mittel  als  Apokope  und  Syncope  gibt  es,  um  zwei- 
silbige Senkungen  zu  vermeiden.  Bei  den  Pronom.  personal,  tritt  sehr 
gewöhnlich  Anlehnung  ein.  Am  häufigsten  bei  ne,  vor  Vocalen:  bräh- 
tens  im  10,  2.  82,  3.  sprächens  127,  1.  ttildes  253,  3.  säzens  337,  1. 
muostens  380,  3.  getrüeges  399,  2.  kustes  418,  2.  brähtes  425,  1.  rnmtens 
455,  1.  liezens  468,  4.  781,  3.  ers  678,  1.  soldens  796,  4.  komens  897,  1. 
lüärens  898,  1.  klagtens  1069,  3.  truogens  an  am  Schluße  des  Verses 
1194,  2. 


64  KARL  BARTSCH 

Vor  Consonanten:  enpJiiengens  minnicltche  79,  1.  ers  162,  2.  575,  3. 
woldes  201,  3.  560,  4.  666,  4.  woldens  883,  4.  so  tos  1336,  2.  begnndens 
224,  2.  begundes  1057,  3.  fuortens  282,  1.  1537,  4.  möAto  382,  2.  1017,  3. 
möhtens  1555,  4.  sta  426,  4.  984,  1.  wirs  1090,  2.  waosms  486,  4.  562,  4. 
wurdens  568,  4.  wärens  653,  4.  giengens  789,  4.  sähens  854,  1.  kundens 
875,  4.  «.»fetes  1240,  4.  fundens  1274,  2. 

Da  die  Anlehnung  in  diesem  Falle,  namentlich  bei  vorgehendem 
Consonanten,  etwas  hartes  hat,  so  habe  ich  sie  ein  paarmal  durch  Um- 
stellung vermieden,  vgl.  537,  1.  582,  2.  747,  3.  1453,  4.  Dies  war  um 
so  weniger  bedenklich,  als  die  Hs.  eine  fehlerhafte  Vorliebe  für  die 
Inclination  zeigt;  so  schreibt  sie  ganz  unnöthig  des  wurdens  beraten 
104,  3  statt  wurden  si,  ebenso  Nib.  6000  sis,  wo  alle  Hss.  si  si.  Fehler- 
haft ist  geradezu  ims  583,  4.  589,  4,  wo  der  Vers  im  si  verlangt. 

es  nach  Consonanten:  namens  war  56,  3.  gewannen»  künde  79,  2. 
michs  247,  2;  auch  des,  sis  statt  sie  des  1504,  2. 

im,  erm  statt  er  im  216,  4.  irm  1124,  4.  in:  enphiengenn  96,  I. 
ern  453,  2. 

ez,  muostenz  104,  4.  hunnenz  286,  1.  teildenz  708,  3.  s«/te  1345,  4. 
twVc  148,  3.  manz  202,  4.    Unnöthig  ma«,:  statt  man  ez  700,  4. 

Der  Artikel  wird  in  verkürzter  Form  präßgiert,  shüniges  statt  des 
küniges  821,  2.  884,  1.  1084,  2.  cfo:  d'andern  824,3.  1474,  3.  1660,  4. 
d'mfe  1463,  2. 

In  dem  ersten  und  letzten  der  hier  aufgeführten  Fälle  findet  Eli- 
sion statt;  diese  ist  natürlich  ein  ebenso  häufiges  Mittel  zur  Entfernung 
zweisilbiger  Senkungen.  Die  Elision  auf  der  Hebung  gewährt  keine 
Schwierigkeit;  ich  bemerke  nur  die  Elision  von  u  in  dny  des  soltu  uns 
helfen  biten  423,  1.  In  der  Senkung  werden  zweisilbige  Worte  mit 
erster  Länge  in  der  Regel  nur  im  Auftakt  zur  Elision  verwendet:  laeg 
dl  daz  Hut  tot  62,  3.  an  angest  283,  1.  fuort  ir  698,  2.  trouw  ich  998,  3. 
999,  3.  wolt  er  1226,  4.  1472,  4.  1558,  4.  wird  ich  1284,  2.  1285,  4. 
ditz  ist  1480,  1.  froice  ez  1605,  1.  In  der  Mitte  des  Verses  nur  an 
alle  sorge  408,  4.  muos  in  209,  4.  stüend  ir  gedinge  1673,  3,  wenn  man 
nicht  schreibt  dar  stüende  ir  gedinge.  Bei  vorletzter  Kürze  dar  bl  sih  ich 
hern  Fruoten  1370,  2.  Auffallend  ist  die  Elision  bei  dem  Namen,  Wate 
und  der  küene  Fruote  1544,  4. 

Dreisilbige  Wörter,  deren  drittletzte  Silbe  läng  und  hochtonig, 
die  mittlere  lang  und  tieftonig  ist,  die  letzte  auf  ein  unbetontes  e  aus- 
lautet, elidieren  vor  einem  vocalisch  anlautenden  Worte  dies  e.  bi 
vdlande  aller  künige  516,  1.   die  baniere  allenthalben  830,  1*).  wie  un gerne 


*)  In  dem  Fremdworte  wird  die  erste  Silbe  als  lang  betrachtet 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN,  65 

ich  dich  kuste  978,  4.  waschende  fif  dem  sande  1060,  4.  dntwurie  ir  1185,  1. 
Herwige  und  1493,  4.  diu  triutinne   Ortivines  1703,  1. 

Dem  Beispiele  1544,  4  wo  Wate  elidiert,  steht  gegenüber  der 
Fall,  daß  ein  zweisilbiges  Wort  mit  vorletzter  Kürze  und  schließendem 
e  vor  folgendem  Vocale  dies  e  nicht  ausstößt,  sondern  daß  dasselbe 
die  Senkung  bildet;  der  Art  ist  Wate  ünde  Hagene  513,  3,  wie  Nib. 
2027,  4  fride  ünde  süone.  Nach  der  Hs.  wäre  zu  lesen  Wate  und  ouch 
Hagene,  was  aber  nicht  Wate  und  oüch  Hagene  betont  werden  darf. 
Beide  Stellen  513,  3  und  1544,  4  sind  sicher  gleich  zu  behandeln; 
entweder  ist  der  küene,  wie  Vollmer  thut,  an  letzterer  Stelle  zu  strei- 
chen, oder  an  der  ersten  fehlt  ein  Adjectiv,  etwa  Wate  und  der  wilde 
Hagene  oder  Wate  der  aide  und  Hagene.  Erlaubt  wäre  züge  äne  vorhte 
635,  2;  fehlerhaft  ime  und  773,  4. 

Alle  zweisilbigen  Senkungen,  die  in  den  genannten  Fällen  nicht 
inbegriffen  sind,  beruhen  auf  Fehlern.  Der  bei  andern  Dichtern  ge- 
stattete (aber  immerhin  viel  mehr,  als  man  gewöhnlich  annimmt,  be- 
schränkte) Gebrauch ,  daß  vor  he,  ge,  ze,  ver  noch  eine  auf  unbetontes 
e  auslautende  Silbe  in  der  Senkung  stehen  darf,  ist  für  die  Kudrun 
nicht  zuzugeben.  Also  nicht  die  Hute  begunden  53,  2.  sere  letrouc  als 
Versschluß  71,  2.  die  vinde  begundenz  rüeren  701,  2,  wo  erst  der  In- 
reirn  des  Überarbeiters  den  Fehler  veranlasst  hat.  Ebenso  ist  fehler- 
haft ungemache  genesen  287,  4.  müeze  gewern  409,  2.  harte  gcioerren  611,4. 
sa'he  gebären  678,  1.  mohte  genüegen  753,  4.  bürge  gebrochen  823,  1. 
slahte  gedingen  852,  3.  slahte  gebresten  1106,  4.  herte  gemuot  1002,  2. 
ivelle  gesigen  1349,  1.  Ferner  bei  ze,  mcere  ze  574,  4.  beide  ze  753,  4, 
so  wie  bei  ver,  schumphentiure  verlän  646,  2.  Keime  verläzen  693,  4. 
Auch  kein  geschwächtes  dez  statt  daz,  vil  dicke  dez  schiene  wdfen  361,  3. 

gräve  und  herre,  die  schon  im  13.  Jahrhundert  in  der  Aussprache 
zu  gräf  und  herr  verkürzt  und  so  im  Verse  gebraucht  wurden  (vgl. 
Strickers  Karl  S.  LXXXIX),  behalten  ihre  volle  Form,  der  gräve  von 
Garadie  116,  4.  117,  2  ist  daher  fehlerhaft  und  beidemal  uz  statt  von 
zu  lesen,  wie  auch  242,  4  Fruote  uz  Tenemarke  statt  F.  von  T.  Fehler- 
haft ist  auch  der  herre  von  Ormanine  1469,  3,  lies  da  her  von  Ormanine. 

Harte  Syncopen  sind  nicht  erlaubt,  natürlich  am  wenigsten  bei 
consonantischem  Anlaut  des  folgenden  Wortes,  mohten  die  557,  2. 
wurdn  der  791,  4.  strits  geschähe  281,  3;  aber  auch  nicht  vor  Vocalen: 
trinkn  und  80,  2.  wurzn  und  82,  1.  icizt  ir  daz  am  Schluße  des  Verses 
118,  2.  komn  in  135,  2.  vorhtn  in  137,  4.  truogn  an  181,  1.  fürhtu  ob  317,2. 
gewe.rtn  in  320,  1.  mohtn  entwichen  513,  4.  schuofn  in  527,  2.  komn  in  781,4. 
morgn  an:  1041,  3.    Irrig  ist  daher  was  Miillonhofr'  S.  114  fg.  behauptet, 

GEKMANlA    X.  5 


66  KARL  BARTSCH 

Wörter  mit  iw  oder  cw  im  Stamme  dürfen  diese  Silbe  nicht  mit 
der  folgenden  verschleifen;  unerlaubt  ist  daher  die  frowen  erbiten  haue 
329,  4,  sondern  es  muß  heißen  frouwen  biten,  ebenso  froice,  durch  dinen 
willen  402,  4,  was  am  Anfange  noch  erträglich  wäre,  ich  habe  lieber 
umgestellt.  Falsch  ist  auch  da  schowet  er  fiizicliche  1144,  3,  wo  scho- 
wet an  Stelle  des  älteren  Ausdruckes  warte  getreten  ist  (vgl.  oben). 
Vollmer  schreibt  unwahrscheinlich  schonte;  wenn  auch  boute  troute  nicht 
unglaublich,  so  ist  doch  schoute  eine  ganz  junge  Form.  Auch  das  von 
Haupt  vorgeschlagene  in  zowet  es  harte  kleine  1454,  3  war  aus  diesem 
Grunde  zu  verwerfen;  ebenso  wenig  ist  zu  billigen  mit  rehten  triwen 
gelöne  1586,  4.  Anders  verhält  es  sich  mit  freioen  in  des  frewent  sich 
nxine  sinne  561,  3;  eio  ist  eine  wirkliche  Kürze  und  wird  daher  im 
stumpfen  Reime  verwendet,  was  bei  iw ,  oiv  nicht  der  Fall  ist.  Übri- 
gens könnte  man  auch  freunt  oder  min  schreiben. 

Von  den  bisherigen  Beschränkungen  ist  der  Auftakt  ausgenom- 
men, dem  mehr  als  e'ine  Silbe  gestattet  ist.  Aber  auch  nicht  mehr 
als  zwei;  kein  dreisilbiger  begegnet,  in  dem  ganzen  Gedichte.  Wir 
unterscheiden  den  Auftakt  am  Beginn  des  Verses  und  den  nach  der 
Cäsur.  Kaum  darf  als  zweisilbiger  Auftakt  die  Verschleifung  zweier 
Silben  betrachtet  werden,  wie  so  er  3,  4.  ja  erstent  5,  3.  do  erloubte 
43,  1.  do  erkande  144,  3.  si  ervant  153,  4.  so  ist  1297,  3  u.  s.  w. 

Wirklich  zweisilbigen  Auftakt  bilden  die  Fälle,  wo  den  Vorsilben 
be,  ge,  er,  ex,  ver  noch  eine  Silbe  im  Auftakt  vorangeht.  So  si  begünde 
22,  2;  und  ebenso  geht  si  vorher  82,  1.  646,  3.  670,  4.  745,  1.  891,  3. 
1118,  3.  1556,  4.  1658,  4.  1665,  3.  1690,  4.  ez  be  bildet  den  Auftakt 
59,  1.  198,  2,  und  ebenso  zu  be  die  Worte  des  102,  4.  1704,  1.  do 
•116,  1.  189,  2.  265,  2.  668,  1.  1082,  3.  1466,  3.  1541,  1.  er  166,  3. 
748,  4.  778,  1.  der  1538,  1.  wir  317,  1.  man  603,  4.  1541,  3.  tool  178,  1. 
noch  203,  1.  Ebenso  häufig  steht  ge  als  zweite  Silbe  des  Auftaktes. 
do  geioan  101,  4.  daz  gedähte  103,  2,  und  daz  noch  803,  4.  1134,  1. 
1410,  2.  er  geht  voraus  112,  4.  611,  1.  1234,  4.  1441,  1;  ferner  so 
131,  3.  1192,  4.  des  217,  4.  665,  4.  1078,  3.  der  254,  3.  608,  4.  si  263,  4. 
940,  4.  963,  4.  1163,  4.  1200,  4.  1554,  4.  1318,  3.  nu  643,  2.  1341,  3. 
die  1456,  4.  ir  1563,  3.  1691,  1.  ich  407,  3.  475,  4.  1172,  3.  1345,  2. 
ja  1045,  4.  und  1479,  3.  wie  561,  4.  815,  4.  ein  392,  1.  man  785,  2. 
1393,  4.   Vielleicht  auch  swer  615,  2. 

Seltener  die  übrigen:  er  nach  ez  373,  4.  im  416,  3.  ic/t  1295,  1. 
ir  1365,  3. 

en  nach  ic/j  34,  4.   er  557,  3.  624,  3.  den  574,  2. 


BEITRAGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  67 

ver  nach  do  92,  4.  895,  2.  1134,  2.  und  93,  3.  er  579,  1.  1171,  4. 
si  857,  4.  1474,  1.  die  1148,  3.  so  1159,  4.  ?>  1276,  2. 

ze  als  zweite  Silbe  wohl  kein  einziges  Mal,  denn  für  da  ze  Gioers 
1128,  4    kann   man    auch  die  sonst   übliche  Schreibweise  datz  wählen. 

Der  Artikel  steht  als  zweite  Silbe  des  Auftaktes :  in  den  wehsten 
22,  1.  in  den  segelen  853,  4.  in  die  gruntlosen  1127,  3.  do  die  ersten  781,  4. 
von  der  Iure  1118,  4. 

Personalpronomina  als  zweite  Silbe:  si  nach  daz  252,  3.  750,  4. 
1133,  4.  nach  e  902,  4.  nach  so  1265,  4.  er  nach  daz  411,  2.   669,  3. 

Partikeln  als  zweite  Silbe:  mit  so  372,  3,  wenn  man  nicht  betont 
mit  so  herlicher  stimme,    die  mit  strübendem  häre  1299,  3. 

Ein  zweisilbiges  Wort  bildet  den  Auftakt;  die  Fälle  sind  selten, 
am  leichtesten ,  wenn  die  vorletzte  Silbe  kurz  ist  und  ein  vocalisch 
anlautendes  Wort  auf  das  consonantisch  schließende  folgt:  über  allez 
1207  ^  4,  zu  lesen  übrallez.  Aber  auch  bei  folgendem  Consonanten: 
wider  morgen  385,  3.  iwer  vdter  (oder  iur)  396,  3;  vgl.  831,  4.  893,  2. 
oder  danne  (oder  od)  578,  3. 

Die  vorletzte  Silbe  ist  lang;  auch  hier  ist  der  Fall  leichter  bei 
vocalischem  Anlaut  des  nächsten  Wortes;  so  wider  einem  26,  3,  zu 
lesen  undreinem;  ebenso  479,  I.  under  allem  1154,  4.  Bei  consonan- 
tischem  Anlaut:  guoten  morgen  1220,  4. 

Den  Auftakt  bilden  die  beiden  ersten  Silben  eines  zusammen- 
gesetzten Wortes,    willekomen  1575,  4.  1577,  3- 

Beseitigt  habe  ich  diner  817,  2.  sinen  885,  1. 

Der  schwerste  Fall  ist  der,  wenn  die  zweite  Silbe  ein  einsilbiges 
Wort  von  höherem  Gewichte  als  die  erste  bildet,  namentlich  wenn  sie 
ein  Verbum  ist.  Der  Fall  begegnet  zweimal  bei  hetn:  ich  hän  1001,  4. 
nu  hän  1250,  4.  Zu  ändern  war  man  sachs  (Hs.  man  sach  si/)  laufen 
ünde  springen  813,  4. 

Dieselben  Fälle  finden  wir  auch  im  Auftakte  der  zweiten  Vers- 
hälfte, nach  der  Cäsur,  aber  im  Ganzen  seltener.  Erleichtert  wird  der 
Auftakt  und  ist  kaum  als  zweisilbig  zu  betrachten ,  wenn  die  Cäsur 
vocalisch  schließt,  die  zweite  Hälfte  vocalisch  beginnt,  meist  mit  einem 
einsilbigen  Worte,  das  dann  gewissermaßen  noch  zur  ersten  Hälfte 
gezogen  werden  muß,  wie  2,  2  dienden  vil  der  bürge,  er  het  siben  färsten 
lant,  als  wenn  man  läse  bürg1 -er  \  het,  nur  daß  man  dann  keine  Pause 
machen  darf;  die  Pause  besteht  nur  darin,  daß  der  Ton  um  eine  Mora 
länger  auf  bür  verweilt.  Ebenso  der  grt/e  lie  sich  nidere  \  und  besloz 
daz  kindelin  58,  1,  zu  lesen  nider  und  \  besloz.  Vgl.  Lachmann  z.  Nib. 
319,  1.  588,  2.  1692,  3.    Ferner  Kudr.  91,  3.   235,  3.   239,  2.    280,  2. 


68  KARL  BARTSCH 

399,  2.  436,  2.  446,  3.  641,  1.  668,  4.  872,  2.  911,  3.  943,  3.  1043,  4. 
1238,  4.  1364,  3.  1394,  3.  1465,  2.  1555,  3.  1573,  3.  1677,  2. 

480,  1  findet  bei  solcher  Verschleifung  zugleich  veränderte  Be- 
tonung des  nächsten  Wortes  statt 

Irölt  von  Nortriche  und  !  Morünc  von  Friesenlant. 
Gebessert  habe  ich  23,  1,  indem  ich  vil,  45,  1,  indem  ich  ez  tilgte. 

Aber  auch  wenn  die  zweite  Hälfte  mit  einem  zweisilbigen  Worte 
beginnt,  findet  solche  Verschleifung  statt:  zwar  1321,  3  mine  \  über  allez 
kann  auch  übrallez  gelesen  werden,  aber  1298,  3  gehört  hierher  sioä  so 
•man  sie  vinde  \  under  Gerlinde  iviben;  es  muß  gelesen  werden  vind-un  | 
der.  Dieses  zweiten  Falles,  der  auch  in  den  Nib.  häufig  genug  ist,  ge- 
denkt Lachmann  an  den  erwähnten  Stellen  nicht. 

Nicht  immer  jedoch  schließt  die  erste  Hälfte  vocalisch,  lautet  die 
zweite  vocalisch  an.  Manche  Stellen  zweisilbigen  Auftaktes  nach  der 
Cäsnr  sind  zu  berichtigen:  11,2.  habe  ich  beide  gestrichen;  13,4  ebenso 
künic  vil;  56,  1  umgestellt;  114,  2  mit  in  gestrichen,  451,  2  ez,  467,  2 
vil.    Vgl.  noch  580,  3.  715,  4.  788,  2.  808,  2.  820,  1.  1116,  1.  1332,  2. 

Ferner  findet  häufig  Verschleifung  der  beiden  ersten  Silben  in 
eine  statt,  do  en-  153,  4.  so  en-  404,  1.  so  er-  1241,  4.  zwiu  er-  964,  1; 
aber  auch  die  ir  283,  3.  die  er  407,  3.  517,  1.  die  in  896,  2.  swie  ich 
1063,  1.  die  uns  81,  3.  mir  ist  habe  ich  mirst  geschrieben,  219,  1.  421,  1. 
457,  2. 

Die  übrigen  Fälle  ordnen  wir  wie  vorher.  1.  Es  stehen  die  Vor- 
silben be,  ge,  er,  en,  ver,  ze  als  zweite  Silbe,  be  nach  si,  si  bereiten  sich 
265,  4.  si  begunden  1528,  4;  nach  ze  286,  4.  nach  mich  837,  3.  ja  1558,  4. 

ge  nach  die  293,  4.  447,  1.  1133,  1.  nach  ja  456,  4.  726,  4.  1282,  1. 
nach  des  708,  4.  nach  in  830,  1.  890,  3.  nach  so  837,  4.  1267,  4.  nach 
daz  914,  2.  nach  si  1047,  2.  nach  er  1050,  3.  Nach  wie  77,  1.  nach 
toan  89,   1. 

en  nach  man :  man  ensloz  764,  3.  er  nach  der :  der  erarnde  den  solt 
392,  1.  nach  man:  man  erhande  564,  4.  ver  nach  si:  si  versahen  sich 
467,  4.  si  versuochtenz  829,  3.  Ziemlich  auffallend  steht  ge  nach  wart: 
wart  gegrüezet  über  al  486 ,  1 ,  wenn  nicht  wart  zur  ersten  Vershälfte 
zu  ziehen  ist. 

Der  Artikel  bildet  die  zweite  Silbe:  der  nach  nach  191,  2.  nach 
von  293,  1.  dem  nach  von  589,  3.  nach  mit  528,  1.  des  nach  ze  685,  4. 
diu  nach  als  505,  1.  sprach  der  degen  Irolt  492,  1  ist  ungewöhnlich 
schwer;  sprach  ist  wohl  zur  ersten  Hälfte  zu  ziehen,  wie  231,  1  um- 
gekehrt zur  zweiten. 

Andere  Pronomina:    ob  in   281,  3.    so  si  751  ,  3.    1118,  3.    da  si 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DEB  KUDBUN.  (J9 

1129,  2.  1307,  2.  1321,  1.  an  ir  593,  3.  von  ir  966,  3.  durch  ir  562,  4. 
do  man  1479,  3.  Am  schwersten  wohl  sprach  ir  vintMchm  zuo  1052,  1, 
wenn  man  nicht  betont  sprach  ir  vintlichen  zuo;  vgl.  372,  3. 

Partikeln :  häufiger  als  am  Beginn  des  Verses,  mit  nach  die  799,  3. 
nach  wol  1229,  3.  da  nach  die  531,  3.  690,  1.  so  nach  an  555,  3.  und 
nach  schs  1469,  l  ist  ungewöhnlich  belastet,  von  nach  den  158,  1.  nach 
und  308,  2.  nach  <fo'e  811,  4.  am  schwersten  nach  sprach:  sprach  von 
Tenen  Horant  317,  1,  denn  sprach  von  Tenen  Hördnt  wird  man  nicht 
lesen  dürfen,    sprach  ist   auch  hier  wohl  zur  ersten  Hälfte  zu  ziehen. 

Ein  zweisilbiges  Wort  mit  vorletzter  kurzer  steht  im  Auftakt. 
dise  77,  2.  xoider  534,  2.  Mit  vorletzter  langer:  under  rotem  golde  1308,  1. 
under  heim  1445,  1.  unser  tohter  juncfrouwen  562,  3.  Die  beiden  Silben 
gehören  einem  Compositum  an:  unbeschölden  965y  1. 

Die  zweite  Silbe  ist  ein  einsilbiges  schweres  Wort:  und  min  frowe 
iwer  wip  437,   1,  wo  man  aber  auch  iur  lesen  kann. 

Der  Belastung  von  Senkungen  steht  die  Auslassung  derselben 
gegenüber.  Bei  Wörtern,  die  ursprünglich  zweisilbig  waren  und  auch 
in  Hss.  des  12.,  13.  Jhs.  noch  so  geschrieben  werden,  darf  die  fol- 
gende Senkung  fehlen,  wenn  sie  nach  logischer  Betonung  gleiche  oder 
stärkere  Tonhöhe  wie  die  folgende  Hebung  haben.  So  ist  unbedenklich 
die  Halbzeile  wite  dar  tragen  38,  2.  hiez  man  dar  gän  307,  2.  holde  her 
bringen  820,  3.  Horant  her  komen  1180,  2,  weil  hier  die  Wörtchen  dar  her 
höheren  Ton  als  die  Verba  haben.  Schwerlich  aber  ist  richtig  morgen 
vil  fruo  1185,  2,  weil  vil  entschieden  geringeren  Ton  hat  als  fruo. 
Halbzeilen  mit  Auslassung  aller  Hebungen  sind  sprach  Horant  228,  1, 
wenn  nicht  sprach  von  Tenen  Horant,  wie  317,  1  steht,  zwei/  soumaire 
595,  3,  wo  aber  auch  zwelef  denkbar  wäre. 

Besondere  Beachtung  erfordert  die  erste  Hebung,  wenn  sie  ohne 
vorausgehenden  Auftakt  und  ohne  folgende  Senkung  steht.  Erforder- 
lich ist,  daß  die  Tonhöhe  des  einsilbigen  Wortes,  das  die  erste  He- 
bung bildet,  die  der  folgenden  Hebung  übertrifft.  Dieser  Fall  ist  häufig, 
namentlich  wenn  und  die  zweite  Hebung  bildet,  man  ünde  mäge  4,  3. 
heim  linde  ringe  25,  3.  schaz  und  gewant  34,  2.  592,  2.  hoch  unde  starc 
65,  2,  wenn  man  michel  streicht,  friunt  und  geselle  123,  2,  wenn  nicht 
friwent  ya\  lesen.  Vgl.  noch  man  127,2.  1448,  2.  1501,  3.  wip  151,  1. 
917,  2.  973,  1.  gm  156,  2.  Hut  347,  1.  guot  347,  2.  ros  350,  2.  1560,  2. 
lieht  392,  3.  galt  433,  3.  571,  3.  heim  460,  2.  Und  573,  4.  746,  2.  lip 
591,  2.  1557,  2.  dort  785,  1.  876,  1.  warf  790,  1.  starc  946,  2.  liep 
966,  2.  1186,  3.   1208,  2.   1251,  2.  1586,  2.  naht  1053,  2.  fruo  1191,3, 


70  KARL  BARTSCH 

wo  man  auch  f/üeje  schreiben  darf,  trost  1270,  2.  bot  1383,  2.  wit  1536, 1, 
Auch  er  und  nun  frouwe  ist  ganz  richtig,  423,  3. 

Derselbe  Fall  bei  oder:  heim  oder  brunne  233,  2.  icip  oder  kint  346,3. 

Die  zweite  Hebung  ist  eine  Präposition:  heim  mit  im  tragen  103,  2. 
vor  dn  143,  4.  sin  in  152,  1.  rot  von  1326,  4.  m'<  iif  1592,  1.  s^£  wwe/er 
1642,  3. 

Ein  Pronomen:  pris  er  gewan  1023,  2.  w»Z<  du  mich  fragen  1169,  3 
(die  Betonung  wüt  du  mich  fragen  ist  falsch,  wiewohl  es  genug  Gelehrte 
gibt,  die  so  lesen),  hüop  er  sich  dar  1510,  2.  Zweifelhaft  kann  sein 
bi  in  da  Olren  728,  3.  Demonstrativa  und  Artikel:  hiez,  des  erschräc 
763,  4.  teere  diu  vil  smeehen   1011,  1.  sün,  ddz  ist  war  1017,   1. 

Die  erste  Hebung  ist  ein  Zahlwort,  hauptsächlich  begegnet  zwelf, 
das  aber  zwelef  meinen  kann  (vgl.  S.  69).  zwelf  kastelän  303,  1.  zwelf 
soumeere  595,  3.  zwelf  bouge  siccere  392,  3.  dn  ist  als  drie  zu  nehmen, 
und  so  habe  ich  geschrieben,  vgl.  568,  1.  708,  1.  854,  1.  Ebenso  vier 
als  viere,  viere  tage  lange  1133,  3,  und  als  vierer,  vierer  kilnige  tohter  1666,  4. 

Die  erste  und  die  zweite  Hebung  sind  Zahlwörter:  fünf  hundert 
recken  19,  1.  fünf  hundert  brünne  1147,  3.  driu  hundert  tarne  138,  4.  vier 
hindert  manne  270,  3.  Dagegen///»/  hundert  frouicen  kleit  86,  2.  fünf 
hundert  der  512,  4.  Nimmt  man  das  Zahlwort  als  Compositum,  so 
rechtfertigt  sich  die  Betonung  der  ersten  Silbe. 

Die  erste  und  zweite  Hebung  stehen  sich  an  Tonhöhe  gleich, 
die  erste  erhält  nur  einen  besonderen  Nachdruck:  nie  niht  112,  4;  offen- 
bar ist  hier  nie  die  bedeutsamere  Negation,  auf  sie  fällt  der  Ton.  Ebenso 
1393,  4  nie  dlden  recken.  Richtig  ist  dar  icolde  bringen  1099,  3,  wegen 
der  ursprünglichen  Zweisilbigkeit  von  dar,  die  zugleich  durch  den  logi- 
schen Ton  unterstützt  wird,  iif  Kassiänen  1543,  3  ist  nur  richtig,  wenn 
man  üfe  schreibt,  ivan,  'außer,'  ursprünglich  zweisilbig,  steht  als  erste 
Hebung  399,  4  wdn  züo  ir  bürge,  und  400,  2  wdn  Sine  gürtet ' ;  ich  habe 
beidemal  niwan  geschrieben,  vgl.  oben,  niht  züo  den  ünden  1463,  3  wäre 
wohl  zu  dulden,  namentlich  wenn  man  niwet  schreibt,  vgl.  379,  4;  aber 
kaum  iht  woeren  fri  1702,  2,  weil  auf  iht  gar  kein  Nachdruck  ruht. 

Eine  Menge  Stellen  sind  zu  berichtigen,  so  alle  die  von  Müllenhoff 
S.  115  gesammelten,  die  nach  falschem  Gesichtspunkte  beurtheilt  sind. 
Zu  dulden  ist  kaum  waz  sie  da  helen  297,  4,  weil  hier  die  natürliche 
Betonung  auf  waz  sie  führt.  Der  gleiche  Fall  ist  sio'az  448,  2.  825,  2. 
Von  pronom.  steht  falsch  auch  ir  in  ir  herren  zeichen  780,  3.  Von  Par- 
tikeln in  348,  3.  do  412,  2.  daz  340,  3.  des,  deshalb,  345,  1.  357,  4. 
swie  704,  4.  sioa  1025,  3.  vil  69,  4.  al  vor  hie  1431,  3,  weil  man  alhie 
spricht,  ach  775,  1.  778,  2,  beidemal  ist  ach  toe  zu  lesen,  vgl.  Nib.  1938,  1. 


BEITRAGE  ZUR  GESCHICHTE   UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  71 

2251,  4.  Sogar  ein  Hilfsverbum  ist  untauglich,  falsch  also  weis  worden 
schin  1012,  2.  zoilt  hie  bestem  1310,  2,  weil  der  Ton  auf  hie  ruht. 

Dem  Versschluße  ist  in  der  Kudrun  wie  in  guten  gleichzeitigen 
Gedichten  sorgfältige  Behandlung  zugewendet.  Bei  vocalischem  Anlaut 
der  letzten  Hebung  (im  stumpfen  Reim)  findet  keine  Elision  statt,  die 
vorhergehenden  Schlußconsonanten  sind  nur  allgemein  erlaubte,  also 
über  al  513,  1  etc.  noch  e  266,  2.  397,  2.  niht  abe  704,  1  u.  s.  w.  Bei 
consonantisch  anlautender  letzter  Hebung  stehen  in  der  letzten  Sen- 
kung verkürzt,  ohne  Bedenken  die  ursprünglich  zweisilbigen  Flexions- 
formen,  wie  smer  kraft  61,  2  etc.,  die  Artikelformen  der,  und  dem,  üf 
dem  se  116,  1.  800,  3.  1074,  1.  1207,  1.  1359,  1.  in  dem  nur  1141,  2. 
Die  adjeet.  Endung  em  nicht  nur,  wenn  ein  m  darauf  folgt,  zeinem  man 
664,  2.  770,  1.  manigem  man  856,  2,  sondern  auch  vor  andern  Con- 
sonanten,  wenn  auch  selten,  einem  her  1073,  2.  einigem  sporn  1391,  2. 
in  hochvertem  sit  722,  2,  wogegen  Müllenhoff  S.  71  nur  Unhaltbares 
einwendet. 

Ferner  stehen  in  letzter  Senkung  mehrere  einsilbige  Wörter,  die 
ursprünglich  zweisilbig  waren;  namentlich  häufig  im  und  ir.  diu  behaget 
im  iool  8,  1.  bi  im  swert  19,  1.  wart  im  naz  62,  1.  zuo  im  gie  102,  3- 
mit  im  tragen  103,  2.  mit  im  nemen  175,  1.  Vgl  noch  209,  1-  233,  1. 
461,  1.  284,  1.  609,  2.  610,  1.  665,  2.  1024,  1.  1087,  1.  1493,  2.  ir: 
ir  hant  21,  4.  1162,  1.  ir  kraft  105,  1.  ir  muot  33F,  1.  ir  haz  701,  2. 
773,  2.  ir  schar  777,  1.  ir  wät  1347,  2.  ir  man  1534,  1.  ir  lant  1593,  1. 

Außerdem  vil:  vil  roe  108,  4.  579,  2.  1074,  2.  vil  guot  439,  2.  vil 
zorn  584,  1.  vil  naz  883,  2.  oi7  603  1581,  2.  wol:  vil  wol  sin  483,  2. 
tüoZ  </cm  770,  2.  wol  sin  1367,  2.  —  dar,  wenn  es  einen  schwächern 
Ton  als  die  letzte  Hebung  hat  und  in  der  geschwächt  werden  kann: 
dar  zuo  267,  2.  691,  1.  1106,  1.  1621,  2.  1625,  1.  dar  vor  695,  2.  782,  1. 
791,  2.  —  hin,  hin  dein  2379,  3.  —  und,  stolz  und  guot  115,  2.  gerne 
und  ivol  240,  2.  bürge  und  laut  1008,  1.  Auch  hoch  und  starc  65,  2, 
wenn  man  michel  beibehält.    Gebessert  habe  ich   127,  2.  333,  2. 

an  nur  vor  n,  an  not  959,  1,  vielleicht  auch  146,  1,  vgl.  oben.  —  oder 
in  od,  od  wol  1157,  4.  od  we  1203,  2. 

Die  natürliche  Wortbetonung  wird  in  der  Kudrun  aus  metrischen 
Rücksichten  nicht  selten  verändert,  namentlich  findet  Zurückziehen  des 
Tones  in  dreisilbigen  Wörtern  mit  erster  hochtoniger  auf  die  zweite 
Silbe  statt.  Am  häufigsten  bei  un,  unmeere  29,  4.  1035,  2.  1517,  4. 
unschülelic  131,  1.  unmüezic  180,  4.  264,  2.  785,  1.  1347,  1.  1515,  4. 
unnahen  283,  4.  1262,  4.  unbillich  636,  2.  wn«V%e  647,  4.  untüre  790,  2. 
unsanfte  923,  3.    1196,  2.    «werre  1140,  4.  1420,  4.    unmäzen   1361,  4. 


72  KARL  BARTSCH 

undäre  1383,  4.  ungerne  1418,  4.  unkünde  1575,  3.  Seltener  bei  ?«■,  ur- 
löubes  694,  1.  urliuges  833,  3.  Bei  föcAe,  etliche  am  Anfang  985,  4; 
ebenso  sinnliche  1006,  1.  heimliche  1322,  2  nach  der  Cäsur.  In  der  Mitte 
des  Verses  rilichen  1422,  2;  vielleicht  auch  heilicher  372,  3.  vintlichai 
1052,    1. 

In  andern  Zusammensetzungen:  herbergen  nach  der  Cäsur  174,  1, 
ebenso  antworten  1167,  1.  Dagegen  mitten  im  Verse  herberge  724,  4. 
eilende  845,  2.  driuzehen  1090,  2. 

Bei  Eigennamen:  am  Anfange  des  Verses  holden  274,2.  310,2. 
1515,  3.  1577,  1.   Hartmuote  621,  3.  Ludiciges  1394,  3.    Ortwines  1407,  2. 

Nach  der  Cäsur:  Harmuote  606,  4.  622,  3.  Harlmuotes  825,  4. 
Herwige  699,  1.  701,  4.  1332,  1.  Lucheigen  855,  3.  899,  3.  Ludwiges 
1267,  3. 

In  der  Mitte  des  Verses  nur  Hordnde  1084,  1.  Hartmuote  1254,  2. 

Die  mittlere  Silbe  ist  nur  eine  Flexionssilbe :  so  in  fliegende  niht 
entrinnen  97,  3  nach  der  Cäsur,  wo  also  wohl  schwebende  Betonung 
eintritt. 

Dreisilbige  Wörter  mit  erster  Länge  betonen  ausnahmsweise  die 
erste  und  dritte  Silbe,  deiz  äbenden  hegan  1665,  1.  von  Hirtmuotes  und 
sincr  recken  handen  1451,  4.  dö  ruoweCen  die  miieden  1594,  1.  Vgl.  mit 
bdnieren  sie  fuoren  1658,  3. 

Zweisilbige  Wörter  werden  zuweilen  auf  der  letzten  betont,  haupt- 
sächlich Namen.  Am  Anfang  des  Verses  Irolt  273,  1.  480,  1.  565,  1. 
831,  1.  Hordnt  301,  4.  537,  1.  564,  2.  696,  4.  1497,  1.  Ludwtc  743,  1. 
751,  1.  Harimüot  851,  2.  9S2,  2.  1559,  3.  Küdrun  852,  2.  1448,  4. 
Ortrun  983,  1.  Ortivin  1252,  1.  Nach  der  Cäsur  Hordnt  272,  1.  Hart- 
muot  609,  4.  1468,  4.  Herioic  617,  3.  Morünc  1415,  3. 

Andere  Wörter:  imbiz  am  Anfang  554,  1.  niwdn  ebenso  1194,  3. 
nieman  nach  der  Cäsur  1283,  2.   also  in  der  Mitte  des  Verses  775,  1. 

Zweisilbige  Wörter,  deren  zweite  Silbe  ein  flexivisches  iu  enthält, 
werden  nur  am  Anfang  auf  der  letzten  Silbe  betont:  swelhiu  1332,  3; 
vielleicht  auch  welhiu  nach  der  Cäsur  1661,  3,  wo  ich  mit  V.  wer  ge- 
schrieben habe.  Die  zweite  Silbe  kann  auch  e  enthalten:  so  Hagnen 
am  Anfang  554,  2;  ebenso  kunnet  ir  732,  2,  wenn  nicht  muget,  vgl. 
1228,  2.  swelht  1205,  1.  icercle,  1159,  2.  Hilde  nach  der  Cäsur  767,  2. 
inhU'r  ebenso,  1518,  1.  Hier  tritt  ein,  was  wir  schwebende  Betonung 
nennen,  indem  natürlich  der  Ton  nicht  streng  auf  der  unbetonten  Silbe 
ruhen  kann,  sondern  zwischen  beiden  Silben  mitten  inne  steht,  zu  be- 
zeichnen etwa  durch  kunnet  ir. 

Der  Bau  der  Strophe  lehnt  sich  bekanntlich  an  die  Nibelungen- 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  73 

Strophe  an.  Wenn  man  schon  gerechtes  Bedenken  tragen  darf,  diese 
als  eine  allgemein  volksthümliche  zu  bezeichnen,  so  wird  man  sicher- 
lich nicht  anstehen,  die  Kudrnnstrophe  als  die  Erfindung  eines  Kunst- 
dichters  zn  betrachten,  die  ihrer  ganzen  Anlage  nach  unvolksthiimlich 
ist.  Sie  ist  daher  anch  in  andern  Gedichten  nicht  verwendet,  sondern 
nur  von  einem  andern  Kunstdichter,  von  Wolfram,  in  seine  Titurel- 
strophe  umgebildet  worden  (vgl.  Germania  2,  263).  Die  Veränderung, 
die  der  Dichter  mit  der  Nibelungenstrophe  vornahm,  besteht  in  der 
Einführung  des  klingenden  Reimes  in  die  dritte  und  vierte  Zeile,  und 
der  Verlängerung  der  achten  Halbzeile  um  eine  Hebung.  Der  klin- 
gende Reim  der  Kudrun  ist  ein  ganz  anderer  als  der  in  den  Nibelungen 
hin  und  wieder  in  den  beiden  ersten  Zeilen  der  Strophe  vorkommende; 
dieser  zählt  für  zwei  Hebungen  wie  die  klingende  Cäsur  der  Nibelungen- 
und  Kudrunstrophe,  jener  nur  für  eine.  Der  Gebrauch  der  Kudrun  ist 
daher  ein  lyrischer,  kein  epischer;  die  Lyrik  des  zwölften  Jahrhunderts 
nahm  seit  der  Einführung  französischer  Formen  den  klingenden  Reim 
oft  nur  als  eine  Hebung,  so  namentlich  in  der  Verbindung  von  acht- 
und  siebensilbigen  Trochäen  (Germania  2,  276).  Die  Kudrunstrophe 
fällt  mithin  unter  den  Gesichtspunkt  einer  lyrischen  Strophe,  wie  die 
Haltung  des  ganzen  Gedichtes  lyrisch  weicher  ist  als  die  der  Nibe- 
lungen. Daß  aber  die  letzte  Halbzeile  um  eine  Hebung  verlängert 
wurde  *)  und  nicht  bloß  eine  Verwandlung  des  stumpfen  in  den  klin- 
genden Reim  stattfand,  ist  nicht  willkürlich.  Bekanntlich  liebt  die 
Poesie  des  zwölften  Jahrhunderts  am  Schluße  von  Absätzen  klingende 
Reimpaare,  deren  letzte  Zeile  fünf  Hebungen  hat.  Schreiben  wir  z.  B. 
Maria  389-392  F.  in  folgender  Weise: 

Du  muost  dich  sundern  hinnen.         wirn  wellen  niht  gewinnen 
susgetanen  gesellen.       wir  megen  ouch  dich  zen  besten  niht  gezellen ; 

so  haben  wir,  von  der  verschiedenen  Reimverkettung  abgesehen,  den 
Schluß  der  Kudrunstrophe.  In  Strophen,  wo  der  Sinn  es  gestattet, 
macht  eine  Umstellung  die  Gleichheit  vollständig,  wie  278,  3.  4 

varent  sorcliche.         aller  tegeliche 

durch  iwer  selber  ere         gebet  den  tumben  holden  iwer  lere. 


*)  In  der  Handschrift  finden  sieh  oft  mir  drei,  vier,  oft  aber  auch  sechs  und 
mehr  Hebungen.  Diese  Verschiedenheiten,  die  auf  Nächlässigkeit  und  Unkunde  des 
Schreibers  beruhen,  hätte  man  am  wenigsten  für  die  Unterscheidung  von 'echten'  und 
'unechten'  Strophen  geltend  machen  sollen 


74  KARL  BARTSCH 

Ein  innerer  Unterschied  ist  allerdings  vorhanden,  indem  in  der  Maria 
und  den  andern  demselben  Brauche  folgenden  Dichtungen  der  klingende 
Keim  für  zwei  Hebungen  gilt,  mithin  diese  Schlußzeile  eigentlich  sechs 
Hebungen  hat. 

Im  Übrigen  ist  der  Bau  der  Kudrunstrophe  ganz  nach  den  Ge- 
setzen der  Nibelungenstrophe  zu  betrachten.  Es  darf  daher  die  Cäsur 
statt  klingend  auch  stumpf  mit  vollen  vier  Hebungen  ausgehen,  wie  364,  2 

daz  er  als  ein  begozzen  brant         riechen  began. 

Am  häufigsten  sind  Eigennamen,  Sigebant  1,  2.  26,  1.  55,  2.  139,  1. 
Garade  126,  1.  Ilildeburc  485,  1.  1165,  4.  Tenelant  571,  4.  1549,  4. 
1612,  4.  1624,  3.  Ludewic  590,  1.  Alzabe  667,  4.  Heregart  1007,  4. 
Andere  Worte  sind  diet  48,  3.  ast  71,  3.  niht  121,  2.  not  126,  2.  /rinnt 
239,  4.  531,  1.  534,  3.  hat  316,  4.  1321,  4.  1586,  2.  hdn  1406,  3.  brant 
364,  2.  ki?d  414,  4.  rinc  510,  4.  ™  654,  3.  «pi7  858,  2.  rmw  964,  4. 
1626,  3.  dln  1015,  4.  sluoc  1016,  4.  st'c  1444,  4.  *or  1457,  3.  was  1518,  4. 
geslaht  959,  3.  Dreisilbige  Wörter  mit  dem  Ton  auf  der  ersten  und 
dritten  Silbe,  arebeit  77,  4.  247,  3.  1069,  4.  1321,  3.  1652,  4.  fa'tyerm 
149,  1.  932,  2.  übermuot  203,  2.  vingerltn  299,  4.  baldekin  301,  3.  »eteWm 
386,  4.  siWiceZ  649,  2.  tow^n  990,  4.  1253,  4.  magedin  1249,  4.  Zwei- 
silbige Wörter ,  meist  Composita ,  mit  dem  Tiefton  auf  der  zweiten 
Silbe:  merkint  109,  4.  schifman  111,  1.  hdchzit  190,  4.  marseltale  553,  1. 
Namen  dieser  Art:  Morunc  506,  4  u.  s.  w.  Gerlint  592,  1  u.  s.  w. 
Ebenso  Baljan  161,  1,  Küdrun  etc.  Zwei  verschleifbare  Silben  bilden 
die  vierte  Hebung,  und  zwar  1.  die  beiden  letzten  Silben  eines  zu- 
sammengesetzten Wortes,  lüillekoihen  152,  1.  236,  2.  magezogen  53,  3. 
— ■  2.  ein  zweisilbiges  Wort,  sim  (sane)  161,  4.  Waten  235,  4.  hove 
397,  4.  m«  (ime)  509,  1.  y«Äen  637,  3.  tragen  1281,  3.  »m#e  1482,  2. 
Gebessert  habe  ich  mer  (mere)  761,  2. 

Solche  Worte  wie  die  zuletzt  erwähnten  können  daher  naturgemäß 
nicht  als  dritte  und  vierte  Hebung  verwendet  werden,  können  keine 
weibliche  Cäsur  bilden;  die  vorkommenden  Fälle  beruhen  sämmtlich 
auf  Fehlern  *).  Den  besten  Beweis  dafür  liefert  die  Wortstellung,  die 
in  der  Cäsur  häufig  von  der  gewöhnlichen  abweicht,  um  nicht  ein 
zweisilbiges  Wort    mit  kurzer  Penultima    in  den  Einschnitt  zu  setzen. 


*)  Wenn  Müllenhoff  tt.  115  Winter  wie  nemen  u.  s.  w.  als  klingende  Cäsaren 
rechtfertigt,  und  sich  dabei  auf  das  Vorbild  der  Nibelungen  beruft,  so  habe  im  daz;  wir 
werden  an  einer  andern  Stelle  den  Beweis  liefern,  daß  auch  im  Nibelungenliede  ebenso 
wenig  solche  Cäsuren  erlaubt  sind    [s.  meine  Untersuch,  über  d.  Nib.   170  ff.]. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DEIJ  KUDRUN.  75 

93,  1  in  sinen  siten  iumben;  wäre  siten  als  klingender  Einschnitt  erlaubt 
gewesen,  wie  Lachraann  (Zeitschrift  2,  572)  von  Wate,  willekomen  meint, 
so  würde  der  Dichter  sicher  geschrieben  haben  in  sinen  turnben  siten, 
wie  im  Reim  steht  an  sinen  heren  siten  295,  2,  mit  vil  guoten  siten  423,  2, 
sack  man  in  Herten  siten  717,  2.  Ebenso  in  siten  eilenthaften  580,  2;  nach 
siten  kristenlichen  179,  1,  dagegen  im  Reime  nach  ritterlichen  siten  708,  2. 
nach  manigem  schaden  grözen  129,  2.  tage  vier  und  zweinzic  108,  1 ;  tage 
sibenzehene  137,  3;  nach  tagen  vierzehenen  164,  1;  inner  tagen  sibenen 
216,  4;  dagegen  darnach  in  ahtzehn  tagen  (:  saget))  37,  1;  in  sinen  jun- 
gen tagen  (:  sagen)  84,  2;  ze  vierzehen  tagen  (:  sage?})  160,  3;  in  drien 
tagen  (:  tragen)  808,  1;  in  disen  zwelf  tagen  (:  Magen)  930,  2:  in  sehs 
und  zweinzic  tagen  1081,  2;  in  zwelf  tagen  1652,  2. 

in  dem  fride  Ilagenen  160,  2. 

do  sprach  vater  der  Hilden  526,  3 ;  vgl. 

vater  der  Küdrünen  642,  3,  wie  V.  richtig  schreibt. 

mit  vanen  üf  gerihtet  777,  2.  do  sach  er  vanen  breite  1364,  1.  dort 
sihe  ich  vanen  einen  1372,  1,  namentlich  diese  letzte  Stelle. 

zen  boten  ungemuoten  815,  2.  daz  sie  niht  boten  ander  1163,3.  daz 
sie  boten  die  Hilden  1198,  2.  sint  ez  boten  die  Hilden  1208,  3. 

mit  speren  ungeneigten  1402,  3;  dagegen  mit  suidenden  spern  (:  wem) 
783,  1.  mit  geneigten  spern  (:  wem)  1410,  2;  vgl.  noch  348,  2.  643,  4. 
687,  3.  699,  3.  717,  1.  816,  4.  1044,  3.  1305,  3.  1434,   1. 

Die  Stellen,  an  denen  kurzsilbige  Wörter  als  klingende  Cäsur 
erscheinen,  sind  folgende:  neren  82,  2,  wo  nerjeu  zu  lesen  ist;  vetech 
93,  2,  lies  vetechen,  nicht  vettech,  wie  V.  hat;  143,  3  haben,  wird  durch 
die  häufig  nöthige  Umstellung  (vgl.  Abschn.  I.)  berichtigt,  wie  schon  V. 
gethan;  152,  1  der  künic  hiez  in  wilkomen,  wie  V.  schreibt,  ist  ebenso 
unrichtig  wie  Ziemann's  und  Ettmüller's  der  künic  in  hiez  wilkomen  sin, 
sondern  der  künic  hiez  in  willekomen;  ebenso  236,  2,  wo  Vollmer  her 
Wate,  sit  willekomen,  Ziemann  und  Ettmüller  sit  willekomen,  her  Wedel 
das  richtige  ist  her  Wate,  nu  sit  willekomen,  nu  darf  des  Verses  wegen 
nicht  fehlen.  310,  3  komen  j  weeren  ist  wieder  umzustellen;  der  Schrei- 
ber wählte  die  prosaische  Wortstellung.  400,  1  swaz  im  diu  jrouwe 
bäte,  derselbe  Fall,  lies  swaz  im  bäte  diu  frouwe.  460,  1  geben,  lies  gäben. 
616,  3  daz  wir  unser  boten  \  hin  nach  ir  ie  gesanden  kann  verschiedent- 
lich gebessert  werden,  entweder  boten  unser,  vgl.  1163,  3,  oder  da:  wir 
unser  boten  hinnen  \  nach  ir  ie  gesanden,  oder,  was  am  wahrscheinlich- 
sten, die  letztere  Lesart  mit  Streichung  von  unser,  boten  steht  auch 
835,  2  in  der  Cäsur,  xoaz  er  von  sinen  boten  \  leider  maire  ervant,  wo 
ebenfalls   umzustellen  ist.    1077,   1    do  Uten  Hilden   boten   ist   entweder 


7(i  KARL  BARTSCH 

mit  V.  zu  losen  die  Hilden  boten  Uten  oder  do  Uten  boten  die  Hilden, 
vgl.  1198,  2.  1208,  3.  do  er  sinen  neven  887,  1,  lies  do  er  den  neven 
sinen.  do  sprach  mit  listen  Wate  945,  1  ist  wieder  umzustellen;  Wate 
steht  nochmals  1512,  3  in  der  Cäsur  willekomen  Wate,  wo  nu  wis  zu 
ergänzen  ist;  Haupt  ergänzte  wis,  was  er  Zeitschrift  2,  572  mit  Un- 
recht auf  Lachmann's  Bemerkung  hin  zurücknahm.  954,  3  heimivesen,  mit 
V.  umzustellen.  1032,  4  ivaz  iicer  rechen  schaden,  umzustellen  waz  schaden 
iwer  recken,  vgl.  129,  2.  ir  sult  mitguoten  siten  1044,  3,  lies  siten  guoten,  vgl. 
S.  75.  hie  ze  wibe  geben  1639,  2,  lies  geben  hie  ze  wibe,  ebenso  muß  um- 
gestellt werden  1640,  3  wcerlichen  nimet,  1699,  3  dri  stunt  des  järes  sehen. 
So  wird  auch  der  einzig  übrigbleibende  Fall  und  heizet  die  be- 
staten  905,  3  nicht  richtig  sein;  ich  habe  bevelhen  statt  bestaten  gesetzt, 
im  Anschluß  an  das  oben  bemerkte,  daß  der  Schreiber  einen  Jüngern 
Ausdruck  an  Stelle  eines  altern  zu  setzen  liebt*). 

Die  Cäsur  trennt  zuweilen  Worte,  die  dem  Sinne  nach  zusammen 
gehören.  So  adj.  und  subst.  scheene  \  meide  121,  4.  heizen  \  trehene  155,  3; 
bei  nachgesetztem  Epitheton  hinter  dem  Eigennamen  Küdrun  \  diu  scheene 
1234,  3.  Ludewic  \  der  aide  1939,  4.  Müllenhoff  (S.  115)  zieht  hierher 
auch  364,  2,  was  daz  er  als  ein  begozzen  \  brant  riechen  began  zu  lesen 
von  wenig  Verständniss  zeugt.  Ferner  führt  er  an  343,  3.  859,  4. 
1182,  4.  1342,  3,  die  aber  nur  durch  falsche  Lesart  hierher  gehören. 
Der  abhängige  Genetiv  wird  von  dem  Subst.,  das  ihn  regiert,  getrennt : 
swaz  Mute  Hartmuotes  \  gesinde  hie  tuo  779,  2 ;  sicaz  man  Gerlinde  \  ge- 
sindes  gewan  973,  2.  miner  muoter  \  tohter  997,  4.  einmal  sogar  ein 
Compositum  kristen  |  mensche  397,  2. 

Sehr  häufig  steht  der  innere  Reim  in  der  Cäsur,  aber  in  sehr 
vielen  Stellen  wohl  nicht  von  dem  ursprünglichen  Dichter  herrührend, 
sondern  von  einem  Überarbeiter,  manchmal  vielleicht  erst  von  dem 
Schreiber  der  Handschrift.    Vgl.  8,   1.  2: 

siner  muoter  lere         diu  behaget  im  wol. 

der  begunde  er  volgen  [sere]        als  man  friunden  vol  **). 
Derselbe  Fall  ist  547,   1.  2: 

diu  Hilden  heimreise         mit  Hetelen  geschach. 

da  weinde  manic  frouwe  [weise]. 


*)  Müllenhoff  bemerkt  (S.  188)  'statt  bestaten  i^t  weder  bevilhen  [so  statt  bevelhen !\ 
noch  beserken  nöthig.     8.  üben  8.    115'. 

**)  Diese  und  einige  andere  der  nachfolgenden  stellen  hat  Müllenhoff  S.  55  rt'. 
auch  angefühlt  ;  dazwischen  aber  solche,  die  nichts  beweisen  oder  auf  fehlerhaftem 
Texte  beruhen 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KÜDRUN.  77 

689,   1.  Hörant  von  Tenemarke         sol  uns  üf  den  wegen 

driu  tüsent  ritter  [starke]  frieren.         Irolt  der  degen. 

702,  3-  kom  ze  unsenfte[n  maeren],       do  Hetele  der  herre 
mit  sinen  beiden  maeren         gestrichen  was  — 

883,   1.  swaz  täten  die  helde  [guote],      waz  mohte  helfen  daz? 
von  dem  heizen  bluote         der  wert  wart  vil  naz; 

oder  besser 

swaz  die  helde  täten. 
1358,  3.  dirre  boteschefte  [maere].         da  von  wart  siu  riebe, 
von  ir  grözen  swasre. 

Ebenso  sicher  ist  274,  4  do  die  helde  mit  toitzen  (:  sitzen)  wolden 
rilmen  daz  lernt  erst  späteren  Ursprunges,  ich  habe  die  helde  meere  ge- 
schrieben. 1355,  4  da  mite  siu  groze  mo?,re  {:  wazre)  an  froun  Kvdrünen 
dienen  ivolde;  maire  ist  von  V.  mit  Recht  durch  miete  ersetzt  worden. 
Ferner  vergleiche  man  gezwungene  Ausdrucksweisen,  wie  462,  2: 

lützet  sie  des  nahten  (:  gähten),  e  er  daz  volc  gewan. 

481,  4  ir  lop  man  mähte  kreenen  (:  schoenen) ;  vgl.  665,  2. 

510,  4,  da  wart  manic  vinc  gerüeret  (:  enphüeret) ;  außerdem  ein 
schlecht  gebauter  Halbvers. 

524,  2.  daz  sie  mit  maniger  güete  ( :  übermüete)  zoären  nach  ir  komen. 

592,  4.  man  sol  die  sträze  lernen  (:  gerne)  nach  Küdrünen  der  fcü- 
niginne;  ebenso  gesucht  ist  sie  muosten  freude  lernen  (:  gerne)  aller- 
tegelich  472,  2. 

645,  2.  libes  unde  guotes  (:  muotes)  icas  er  biderbe  gnuoe. 

690,  2.  sie  toesten  niht  so  nahes  (:  gähes). 

701,  2.  die  vinde  begundenz  räeren  (:  f Heren),  ebenfalls  fehlerhaft; 
der  gleiche  Fall  613,  2  daz  sie  so  manic  tageweide  (:  leide),  mit  drei- 
silbigem nicht  in  der  Kudrun  vorkommendem  Auftakte;  ich  lese  mile 
statt  tageiveide. 

752,  2.  vil  schilde  sie  besluogen  (:  truogen). 

956,  1.  Ludewic  der  frte  (:   Ormanie). 

957,  4.  ich  ween  mit  herter  werre  ( :  verre). 
1250,  2.  Herwic  der  eilende  (:  hende)  statt  edele. 

1410,  2.  daz  geschadete  manigem  kinde  (:  ingesinde),  wohl  in  dem 
Sinne  gemeint,  wie  sonst  steht  maniger  muoter  kinde.  Auch  797,  3  ist 
der  Inreim  hinnen  (:  kilinginne)  unecht,  hin  ist  das  richtige.  Zuweilen 
ist  sogar  eine  ganze  Halbzeile  eingefügt,  um  einen  Inreim  zu  gewinnen; 
vgl.  724,  2-4. 


7S  KARL  15  AUTSCH 

daz  sie  die  rittcrschaft, 

so  man  es  an  sie  gerte,         niht  gegeben  künden. 

[mit  spern  und  mit  swertej 

sie  werten  ir  herberge,         so  sie  aller  bezziste  künden. 
745,  2 — 4.  die  guote  schifliute         Ludewic  gewan 

den  die  mersträze         zerehte  wären  künde. 

[den  lönte  er  äne  mäze] 

sie  mnosten  arebeiten     nach  dem  hohen  solde  durch  die  ünde. 
812,  3.  4.  an  dem  sibenden  morgen         sie  komen  da  sie  sähen 

[in  ir  grozen  sorgen] 

die  von  Hegelingen         bi  den  Moeren  ligen  harte  nähen; 

von  und  ligen  ist  von  mir  hinzugefügt.  Die  zweite  Zeile  lautet  si  hete 
in  grozen  sorgen  diu  frouwe  dar  gesant,  darum  kann  in  ir  grozen  sorgen 
in  der  vierten  unmöglich  richtig  sein. 

1449,  3.  4.  sin  vater  und  manic  tumbe,         die  ir  mäge  wären, 
[er  weste  niht  war  umbe] 

dö  horte  er  in  der  bürge        schrien  lüte  und  angestlich  ge- 
bären. 

Wenn  in  den  bemerkten  Stellen  sich  die  Unechtheit  des  inneren 
Reimes  bestimmt  darthun,  und  in  anderen  wahrscheinlich  machen  lässt, 
so  bleiben  doch  noch  eine  große  Anzahl  von  Strophen,  wo  man  zwar 
sein  späteres  Eindringen  vermuthen,  aber  nicht  nachweisen  kann.  Ihn 
ganz  für  jünger  zu  halten,  wie  Müllenhoff  S.  58  thut,  sind  wir  nicht 
berechtigt,  höchstens  dürften  Strophen,  wo  er  durch  alle  vier  Verse 
oder  auch  nur  durch  zwei  durchgeführt  ist,  wenn  sonst  im  Ausdrucke 
Anstoß  ist,  als  in  jüngerer  Gestalt  vorliegend  betrachtet  werden.  Aber 
daß  er  dem  ursprünglichen  Dichter  auch  schon  zukommt,  ist  durch 
nichts  zu  widerlegen.  Ich  stelle  nun  die  Strophen  mit  Inreimen  zu- 
sammen, nach  Gruppen  geordnet.  Zuerst  diejenigen,  die  den  Inreim 
in  der  ersten  und  zweiten  Zeile  haben: 

I.  (die  Zahl  der  Aventiuren).  4.  8.  14.  —  II.  keine.  —  III.  132. 
135.   —  IV.   keine.    —   V.   224.  243.  331.  367.  —    VI.  380.   416.  — 

VII.  458.   462.  464.   468.   469.  474.  475.   476.  482.  483.  484.  486.  — 

VIII.  492.  493.  494.  497.  501.  502.  503.  504.  507.  515.  524.  533.  535. 
539.  540.  545.  547.  548.  549.  550.  554.  —  IX.  581.  584.  -  X.  587. 
595.  606.  607.  611.  613.  615.  —  XL  619.  621.  —  XII.  645.  656.  661. 
664.  665.  —  XIII.  669.  671.  689.  691.  692.  693.  701.  718.  721.  724. 
—  XIV  731.  741.  743.  746.  750.  752.  —  XV.  755.  764.  765.  767. 
776.  —  XVI.  810.  838.  843.  —   XVII.  851.  852.  869.  871.  877.  879. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN  79 

-  XVIII.  881.  883.  906.  916.  —  XIX.  920.  927.  948  949.  —  XX. 
953.  956.  961.  963.  970.  972.  979.  980.  982.  984.  985.  990.  991.  994. 
1007.   1010.    1038.   —   XXL    1045.    1046.  1060.    1066.  1068.    1069.  — 

XXII.  1071.  1073.  1074.  1085.  1091.  1097.  1103.  1104.  1119.  1125. 
1131.  1135.  1136.  —  XXIII.  1145.  1150.  1153.  1156.  1164.  —  XXIV. 
1177.  1181.  1188.  1194.  1197.  1206.  —  XXV.  1208.  1244.  1250.  1270. 

—  XXVI.  1345.  1365.  —  XXVII.  1367.  1385.  1389.  1399.  1410.  1425. 
1434.  _  XXVIII.  1447.  1449.  1450.  1459.  1464.  1465.  —  XXIX.  1523. 
1527.  1537.  1554.  —  XXX.  1569.  1573.  1610.  1615.  1641.  1644.  1656. 
1658.    -    XXXI  und  XXXII.  keine. 

Nicht  ganz  so  häufig  ist  die  dritte  und  vierte  Strophenzeile  mit 
Inreim  versehen.  Avent.  I  —  IV.  gar  nicht.  —  V.  219.  274.  278.  — 
VI.  380.  406.  —  VII.  456.  460.  465.  470.  471.  473.  481.  —  VIII. 
488.  496.  510.  512.  527.  529.  542.  546.  553.  556.  —  IX.  564.  569. 
574.  585.  -  X.  589.  596.  599.  614.  —  XL  625.  —  XII.  639. 
660.  —  XIII.  683.  695.  699.  702.  706.  708.  713.  714.  723.  —  XIV. 
725.  740.  747.  —  XV.  759.  766.  770.  777.  785.  786.  789.  797.  — 
XVI.  811.  817.  825.  831.  832.  -  XVII.  850.  860.  873.  —  XVIII. 
900.  902.  904.  914.  —  XIX.  925.  —  XX.  955.  957.  962.  988.  1012. 
1035.   —   XXL   1055.  1070.   —   XXII.    1082.    1106.    1138.    1140.  — 

XXIII.  1151.  1160.  1161.  —  XXIV.  1189.  1190.  1193.  —  XXV.  1262. 
1292.  1326.  —  XXVI.  1354.  1355.  1358.  —  XXVII.  1381.  1416.  — 
XXVIII.  1455.  -  XXIX.  keine.  —  XXX.  1587.  —  XXXI.  1673.  — 
XXXII.  keine. 

Zuweilen  besteht  der  Reimunterschied  nur  in  einem  n,  das  dem 
einen  Reimworte  fehlt;  derselbe  Fall  wie  beim  Endreim  (vgl.  Abschn.  L). 
Wiederum  ist  die  erste  und  zweite  Zeile  häufiger.    I.  18.  43.  —  IL  85. 

—  III.  IV.  keine.  -  V.  330.  —  VI  —  VIII.  keine.  —  IX.  568.  — 
X.  XL  keine.  —  XII.   646.  —  XIII.   keine.  —  XIV.  735.  738.  744. 

—  XV.  783.  799.  803.  —  XVI.  keine.  —  XVII.  865.  —  XVIII.  keine. 
XIX.  924.  926.    —    XX.  998.    —    XXI.  1056.    -    XXII.  keine.    — 

XXIII.  1149.  1154.  —  XXIV.  1168.  1201.  -  XXV.  1218.  —  XXVI. 
keine.  —  XXVII.  1419.  -  XXVIII.  1467.  -  XXIX.  keine.  —  XXX. 
1570.   1630.  —  XXXI.  XXXII.  keim. 

Die  dritte  und  vierte  Zeile.  Avent.  I  —  VI.  keine.  —  VII.  459. 
VIII.  und  IX.  keine.  —  X.  592.  —  XL  keine.  —  XII.  635.  -  XIII. 
bis  XV.  keine.  -  XVI.  827.  —  XVII  und  XVIII.  keine.  -  XIX. 
934.    -  -   XX.  987.   —   XXI.  1050.   —  XXII.   1105.    -      XXIII.  und 

XXIV.  keine.  —  XXV.  1230.  -  XXVI.  —  XXIX  keine.  -  XXX. 
1625.   1629. 


80  KART,  BARTSCH 

Aber  auch  alle  vier  Zeilen  der  Strophe  sind  mit  Inreimen  ver- 
sehen.   Und  zwar 

a)  alle  vier  reimen  genau.  Aveut.  I. — VI.  keine  Strophe.  —  VII. 
457.  466.  478.  —  VIII.  508.  514.  -  IX.  570.  —  X.  591.  612.  — 
XI.  628.  —  XII.  keine.  -  XIII.  675.  679.  690.  703.  705.  709.  711. 
715.  716.  719.  720.  —  XIV.  729.  730.  —  XV.  760.  778(?).  787.  795. 
—  XVI.  keine.  —  XVII.  861.  -  XVIII.  901.  —  XIX.  und  XX.  keine. 
XXI.  1047.  1049.  1058.  —  XXII.  1113.  1121.  —  XXIII.  und  XXIV 
keine.  —  XXV.  1323.  1331.  -  XXVI.  und  XXVII.  keine.  —  XXVIII. 
1468.  —  XXIX.  keine.  -  XXX.  1618.  -  XXXI.  und  XXXII.  keine. 

b)  Zwei  Zeilen  reimen  genau,  bei  den  beiden  andern  macht  ein 
n  den  Unterschied.  I.  6.  —  IL— VI.  keine.  —  VII.  441  472.  —  VIII. 
491.  —  IX— XII.  keine.  -  XIII.  675.  —  XIV.  keine.  -  XV.  778. 
790.  -  XVI.  keine.  --  XVII.  856.  -  XVIII.  882.  -  XIX.  922.  - 
XX.  971.  1026.  —  XXI  bis  XXIII.  keine.  —  XXIV  1203.  —  XXV. 
1217.  —  XXVI-  XXXII.  keine. 

Es  ist  leicht  zu  bemerken,  daß  in  manchen  Parthien  des  Gedichtes 
die  Inreime  sich  hänfen,  vorzugsweise  in  der  VII.  Aventiure  und  den  fol- 
genden; aber  es  ist,  wenn  man  annimmt,  daß  ein  späterer  Überarbeiter 
die  Inreime  eingeführt  hat,  kein  Beweis  daraus  zu  folgern.  Im  Ganzen 
gehen  sie  durch  alle  Aventiuren  hindurch  und  tragen  zum  Theil  die 
Art  und  Weise  der  Endreime,  namentlich  stimmt  die  Freiheit  in  Bezug 
auf  das  häufig  gebundene  e  ;  en  (vgl.  Abschn.  I.);  ferner  weisen  Reime  wie 
gnnde  :  äbunde  47,  3.  wunde  :  äbunde  518,  3.  weinunde  :  stunde  616,  l; 
vgl.  den  Endreim  äbunden  :  künden  376,  3;  weinende  :  eilende  1244,  1 
auf  ein  zu  frühes  Alter  hin,  als  daß  man  sie  einem  jüngeren  Bearbeiter 
zuweisen  dürfte. 

Aber  auch  Verschiedenheiten  sind  nicht  zu  verkennen:  so  erschei- 
nen im  Inreim  eine  Menge  Reimklänge,  die  der  Endreim  nicht  kennt. 
So  die  Reime  gäbe  :  Swäben  744,  1.  leege  :  trage  599,  3.  erkrahten  :  erstreik- 
ten 1 119,  1.  allenthalben  :  alben  861,  1.  nceme  :  zaime  740,  3.  gebarte  :  värte 
619,  1.  zeichen  :  bleichen  1416,  3.  ersprengen',  lenge  1149,  1.  gerne  :  lernen 
646,  1.  472,  1.  erste  :  herste  1331,  1.  messe  :  icesse  441,  3.  ergetzen  :  ge- 
setzen  825,  3.  dicke  :  blicke  1206,  I.  stieben  :  Hieben  514,  3.  sinken  :  ertrin- 
ken 961,  1.  listen  :  gefristen  542,  3.  kisten  :  wisten  692,  1.  972,  1.  sitzen: 
icitzen  224,  1.  triuwen  :  riuwen  1060,  1.  1193,  3.  vlizzeh  :  itewizzen  331,  1. 
errochen  :  zerbrochen  901,  3.  mohte  :  getohte  715,  3.  geworben  :  verdorben 
683,  3.  hoeren  :  Meeren  721,  1.  zorne  :  uz  er  körne  503,  1.  1156,  1.  Fride- 
schotten  :  Otten  611,  1.  säeue  :  kttene  1085,  1.  1644,  1.  ruochet  :  suochet 
11)35,3;  ferner  sind  kurzsilbige  Worte  im  Inreim  häufiger  als  im  End- 


BEITRGE  ZUR  GESCHI  CHTE  UND  KRITIK  DER  KÜDRUN.  81 

reim,  klageten  :  wägeten  493,  I.  :  sageten  843,  1.  sagete  :  verzagete  569,  3 
922,  1.  sagete  :  hhigeie  901,  I.  edele  :  sedele  1618,  3.  engegme  :  degene 
219,  3.  467,  1.  1573,  1.  1587,  3.  :  degenen  1105,  3.  hernede  :  fremede 
962,  3.  tagende  ijugende  574,  3.  Doch  das  ist  nicht  auffallend;  bei  Wör- 
tern, wie  die  hier  genannten,  konnte  man  versucht  sein,  zwei  Hebungen 
darauf  zu  legen  (de'gene) ,  wie  sie  im  Nibelungenliede  verwendet  sind ; 
das  hätte  aber  dem  Wesen  des  Endreimes  in  der  Kudrun  widersprochen. 
Andere  Reime  kommen  ebenfalls  seltener  im  Schluß  vor,  die  als  In- 
reime  häufig  sind,  wenn  auch  ein  bestimmter  Grund  nicht  vorlag.  So 
namentlich  aide  :  gew aide  474,  1.  515,  1.  533,  1.  83S,  1.  :  holde  1345,  1. 
alden  :  walden  514,  1.  gerten  :  werten  469,  1.  :  sicerten  504,  1.  512,  3. 
708,  3.  765,  1.  werten  :  swerten  860,  3.  werte  :  gerte  877,  I.  herte  :  verte 
1082,  3.  besten  :  gesten  471,  3.  1385,  1.  notveste  :  geste  621,  1.  geste  :  veste 
723,  3.  1381,  3.  719,  3.  veste  :  weste  747,  3.  geste  :  gebresten  330,  1.  gesten  : 
bresten  508,  3.  705,  3.  geste  :  vesten  778,  3.  vergezzen  :  mezzen  496,  3. 
besezzen  :  vermezzen  724,  1.  vergezzen  :  vermezzen  1 138,  3.  1 160,  3.  1 113,  1. 
groze  :  genöze  550,  1.  grozen  :  genozen  581,  1.  472,  3.  :  stritgenozen  699,  3. 
Andererseits  kommen  mehrfach  Schlußreime  vor,  die  im  Inreim  nicht 
begegnen. 

Manche  Wörter  erscheinen  nur  in  den  Cäsurreimen,  die  sonst 
das  Gedicht  nicht  kennt;  so  hrcenen  480,  4.  665,  1.  vnversunnen  729,  3. 
untüre  790,  1,  ferner  Jialde,  albe,  bleiche?!,  itewizzen  u.  s.  w. 

Auch  sprachliche  Unterschiede  finden  sich ,  z.  B.  hcete  (Jmten  : 
taten  985,  1),  während  der  Dichter  nur  het  und  hele  sagte  (s.  S.  91). 
wiste  als  Prät.  von  wetz  (692,  2.  972,  2),  ebenso  wesse  (441,  2);  der 
Endreim  kennt  nur  weste  (1150,  1197),  was  auch  im  Inreim  vorkommt 
(747,  3). 

Neben  den  oben  erwähnten  alterthümlichen  Reimen  äbunde  u.  s.  w. 
begegnet  eine  Anzahl  wirklich  ungenauer,  wiewohl  in  allen  Fällen 
nicht  sicher  gesagt  werden  kann,  ob  Zufall  oder  Absicht  waltet.  Nament- 
lich tritt  Zweifel  ein  bei  vocalischen  Ungenauigkeiten,  weil  nur  con- 
sonantische  durch  den  Endreim  belegt  werden.  Der  Art  sind  erdiezen  : 
staezen  16,  3,  wie  stozen  :  geniezen  Roland  247,  23  solde  :  milde  20,  3, 
wie  milde  :  wolde  Kaiserchronik  12115.  geseihte  :  golde  Ruther  400.  locke  : 
recken  Kudr.  355,  3,  wie  recken  :  rocke  Ruther  4073.  schefen  :  offen  442,  3. 
lazen  :  erglizen  449,  1 ;  vgl.  gehiezen  :  geläzen  Rol.  102,  29.  geniezen  :  Uzen 
232,  24.  verläze  :  hieze  Kais.  3416  u.  s.  w.  küuiginne  :  niemanne  1002,  1 ; 
wie  minne  :  manne  Fundgr.  1,  169-  dannen  :  entrinnen  Alex.  5948  u.  s.  w. 
gespenge  :  unlange  647,  3,  wie  gedrenge  :  Stangen  Ruth.  1685.  zovmstrengc  : 

GERMANIA  X.  6 


32  KARL  BARTSCH 

borlange  5087.   engel  :  mangel  Germ.  Pf.  4,  457.    here  :  swaire  1523,  3. 
järe  :  wcere  358,  3,  ungemein  häufig  in  der  Poesie  des  12.  Jahrhunderts. 

Häufiger  und  sicherer  sind  die  consonantischen  Ungenauigkeiten. 
Mutae  unter  einander:  gelouben  :  ougen  490,  1,  was  noch  bei  Dichtern 
des  13.  Jhs.  vereinzelt  vorkommt,  edele  :  frevele  477,  1.  1079,  1;  wie 
rede  :  neve  Roland  47,  11.  magede  :  sabenen  481,  1,  wenn  nicht  der  Dichter 
megede  sprach,  degene  :  lebene  625,  1.  degene  :  lebenes  1160,  1.  beliben  : 
Herwige  630,  1.  Herwige  :  wlben  667,  1.  geligere  :  widere  723,  1,  wie  Glaube 
-2317.  Gehügede  605.  widere  :  gedigene  Ruth.  708.  3765.  :  sligelen  Kaiser- 
chronik 6901.  6909.  edele  :  brehene  Kudr.  1356,  1,  wie  vierzehene  :  edele 
Kaiserchr.  16069.  jehen  :  reden  '2218.  3530.  gesehen  :  reden  8709  u.  s.  w 
segele  :  edele  Kudr.  1359,  1.  wäge:  ungenäde  1538,  1,  wie  wäge  :  genäde 
Alex.  2463.  2613.  4847.  6636.  Maria  154,  20.  ziveleve  :  helede  Kudr. 
717,  1;  wie  Roland  8,  6.  14,  23.   130,  10. 

Mutae  nach  einer  Liquida,  die  in  beiden  Reimworten  dieselbe 
ist,  icelde  :  selben  169,  3,  nur  wenn  der  Dichter,  was  unwahrscheinlich 
ist,  weit  statt  werlt  sagte,  selbe  :  velde  714,  1  (vgl.  die  Endreime),  berge  : 
werben   1142,  1. 

Liquiden  unter  einander :  Küdrünen  :  küme  881,  3.  1060,  3  *),  wie 
Genelüne  :  küme  Roland  56,  5.  82,  24.  :  süme  114,  15.  Prüne  :  küme 
Kaiserchr.  7069.  gerüne  :  küme  Ernst  2,  54.  süne  :  küme  Maria  155,  23. 
ünum  :  rinnen  Zeitschr.  3,  522.  :  sümus  Hagen's  Germania  10,  147. 
dienen  :  niemen  1056,  3.  1057,  3;  auch  im  Endreim.  :  iemen  499,  1.  räme: 
wolgetäne  653,  3;  wie  krame  :  wolgetdne  Fundgr.  2,  247.  wolgetdnen  : 
nämen  Hahn  22,  67  u.  s.  w.  Küdrünen  :  umbemüret  Kudr.  1362,  3,  wie 
züne  :  gebüren  Kaiserchr.   14825.   Genelüne  :  iure  Roland  54,  13. 

Media?  und  Liquiden :  gaben  :  waren  Kudr.  460,  1  wie  Kaiserchr. 
7443,  13955.  14321.  14929.  16035.  16063.  16377  u.  s.  w.  künige  :  übele 
807,  1.  1063,  3,  wie  Kaiserchr.  19.  3500.  4060.  4326.  4917.  6433.  6575. 
6857.  7613.  7891.  13407.  14595  u.  s.  w.  wile  :  Herwige  586,  3,  wie 
Ludewige:  wile  Kaiserchr.  17287.  edele  :  helede  684,  1.  1328,  1,  wie  Ro- 
land 17,  9.  25,  20.  33,  7.  117,  5.  211,  30  u.  s.  w.  küene  :  gefüeget  704,  1, 
wie  fürbüegen  :  grüenen  Roth.  4583.  fuoren  :  genuoge  1143,  l ;  wie  swuoren: 
sluogen  Roland  71,  6.  fuoren  :  sluogen  308,  1.  ruoge  :  gefuoret  Zeitschrift 
3,  521.  edele  :  venie  1170,  1,  wie  redene  :  menige  Roland  248,  1.  edele 
menige  Kais.  5801.   bruoder  :  erkuolet  1460,  3. 


*)  Müllenhoff  S.  58  meint ,  dies  so  wie  järe  :  wcere  u.  ähnl.  seien  ebensowenig 
Inreime  wie  in  Nib.  Kriemhilte  :  wilde.  Vielmehr  ebensogut,  denn  in  dem  Reime  der 
Nib.  die  Absiebt  des  Reimes  verkennen  wollen,  heilit  sieb  absichtlich  blind  machen. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  83 

Liquiden  Verbindungen:  gewinne  :  grimme  1498,3,  auch  im  End- 
reim. Ferner  spinnen  :  dingen  1006,  1  bringen  :  küniginne  663,  l.  tiuvelinne: 
twingen  1381,  1.  grimmen  :  dingen  999,3.  :  erklingen  1466,3,  ebenfalls 
als  Endreime,  stürme  :  bürge  708,  1,  wie  xVlexander  W.  2058.  3051.  ge- 
wunnen  :  funden  1498,  I  ;  wie  gerunnen  :  ungesunden  Rother  4331.  funde: 
gewunne  Gr.  Rud.  G.  22  u.  s.  w. 

Mutenverbindungen:  vorhten  :  getorsten  *)  921,  1;  wie  vorsten  :  qe- 
worhten  Kaiserchr.  13005. 

Manchmal  ist  nur  der  Auslaut  der  nächsten  oder  dritten  Silbe 
verschieden,  die  eigentliche  Reimsilbe  gleich,  funden  :  hundert  841,  1. 
megede :  engegene  115,  1.  galies  :  näher  841,  3.  gtsel  :  geu-lset  849,  1.  biderbe : 
nidene  968,  1.  :  toidere  607,  3.  757,  1.  1090,  1.  geduldet  :  hulden  979,  3. 
landes  :  ande  992,  1.  leides  :  ra^'c/e  1039,  3.  schcenen  :  gehcenet  626,  1.  «■#- 
müezic  :  gebüezet  1095,  1.  :  gegrüezet  1429,  1.  künde  :  und  er  1304,3. 

Es  ließen  sich  noch  mehr  anführen,  wenn  man,  wie  andere  gethan, 
den  Inreim  noch  freier  fassen  wollte  (vgl.  Müllenhoff  S.  58);  ich  habe 
mich  auf  solche  Assonanzen  beschränkt,  die  in  Dichtungen  des  12.  Jhs. 
häufig  vorkommen.  Sind  die  angeführten  ungenauen  Inreime  nicht 
Zufall,  wie  nach  ihrem  häufigen  Vorkommen  nicht  sein  kann,  sondern 
vom  Dichter  beabsichtigt,  so  muß  Wunder  nehmen,  sie  nicht  in  glei- 
cher Freiheit  als  Endreime  zu  finden.  Allein  das  erklärt  sich,  wenn 
man  zugibt,  wie  man  nicht  umhin  kann,  daß  das  Gedicht  eine  Über- 
arbeitung erfahren,  nur  daß  ich  mir  diese  etwas  anders  denke,  als 
z.  B.  Ettmüller  und  Müllenhoff.  Die  freien  Inreime  ließ  der  Über- 
arbeiter stehen,  weil  bei  ihnen  überhaupt  keine  Nothwendigkeit  des 
Reimes  vorhanden  war,  die  freien  Endreime,  die  ohne  Zweifel,  wenn 
die  Inreime  zugegeben  werden ,  vorhanden  waren ,  beseitigte  er  und 
ließ  nur  einige  wenige,  die  ihm  entgiengen ,  stehen.  Derselbe  Fall  in 
dem  von  mir  bearbeiteten  Herzog  Ernst,  der  ältesten  Überarbeitung 
des  nur  in  Bruchstücken  erhaltenen  niederrheinischen  Gedichtes;  auch 
hier  ließ  der  Überarbeiter,  der  im  Ganzen  reine  Reime  hat,  einzelne 
Assonanzen  stehen. 

Scheinbar  steht  solcher  Annahme  entgegen,  daß  an  manchen 
Stellen,  wenn  man  freie  Inreime  zugibt,  die  Cäsur  mit  dem  Ende  reimen 
würde,  wie 


*)  Das  lüsst  nun  Müllenhoff  S.  78  für  einen  innern  Reim  gelten,  den  noch  dazu 
der  jüngere  Überarbeiter  eingeführt,  haben  soll;  ebenso  hruoder  :  fiuote  698,  1  (S.  50) 
also  wie  "S   ihm   gerade  passt. 

6* 


34  KARL  BARTSCH 

476,  3.  die  schoenesten  fron  wen          daz  ist  äne  lougen  (:  ougen). 
991,  3.  daz  ich  den  recken  immer       gerne  welle  minnen  (:  hinnen). 
1009,  3.  sin  was  von  Irlande      komen  mit  Hagenen  kinde  (:  gesinde)*) 
1139,  3.  daz  sin  vergezze  ir  leides.         min  honbet  ich  ir  neige. 

ich  und  mine  meide         snln  ir  immer  dienen  für  eigen. 
1157,  4.  swie  halt  nns  gelinge,         wir  enmüezen  Küdrtinen  vinden. 
1256,  4.  die  man  mit  stnrme  nasme,         daz  ich  die . . .  stsele. 
Denn    wenn    der   Dichter    diese   Anklänge    als    Reime    betrachtete,    so 
würde  er  sie    in  der  Cäsnr  vermieden    haben,    um    nicht  den   falschen 
Schein  eines  Reimes  zu  wecken.    Aber  einmal  können  diese  Anklänge 
erst   vom   Bearbeiter    herrühren,    dem    sie    natürlich    nicht   als    Reime 
galten,  und  sodann  reimt  der  Dichter  ja  wirklich  mm  :  nn  am  Schluße, 
und  doch  vermeidet  er  nicht  immer  :  minnen  in  der  Cäsur  und  am  Ende 
(991,  3).    Sonach  würden  die  andern,  wenn  gleich  als  Endreime  nicht 
vorkommend,   ebenso  zu  betrachten  sein. 

Es  gibt  aber  noch  eine  andere  Erklärung  für  die  Assonanzen  in 
der  Cäsur.  Der  Dichter  des  Ganzen,  d.  h.  der  erste  ursprüngliche 
Dichter,  hat  ohne  Zweifel  mündliche  oder  schriftliche  Quellen  gehabt, 
die  er,  wir  können  nicht  beurtheilen  wie  frei,  benutzt  hat.  Es  waren 
Lieder,  wie  deren  ältere  Zeugnisse  gedenken,  Lieder,  ohne  Zweifel 
dem  12.  Jh.  angehörend  und  in  der  freien  Reimform  dieser  Zeit,  die 
sich  im  eigentlichen  Volksliede  gewiss  noch  länger  erhalten  hat,  als 
in  der  Kunstdichtung.  Die  metrische  Form  dieser  Lieder  war,  nach 
allem  zu  schließen,  keine  andere  als  die  uralten  Reimpaare  von  vier 
Hebungen,  mögen  dieselben  nun  in  fortlaufender  Folge  gestanden  haben, 
oder,  was  mir  wahrscheinlicher  ist,  in  Strophen  getheilt  gewesen  sein. 
Von  diesen  Vorlagen  könnten  die  freien  Inreime  herrühren;  an  manchen 
Stellen  lassen  sich,  wenn  man  die  zweite  Vershälfte,  die  leicht  Ent- 
behrliches enthält,  nicht  berücksichtigt,  Reimpaare  herstellen.  So  442,  3, 
wenn  man  schreibt 

sie  solden  zuo  den  scheflen. 
die  krame  stuonden  offen. 
1002,   1.  dö  sprach  diu  küniginne  : 

sin  volget  niemanne. 
G47,  3.  daz  in  liuhten  began 
der  louc  üz  gespenge. 
daz  werte  vil  unlange. 


*)  Der  Reim  wäre  wie  Minden  :  Riflanden  Kaiserchr.  14441.  14739.  banden  :  binden 
Karaj.  51,  13. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  g5 

1523,  3.  er  vienc  sie  bi  dem  bare. 

sin  zürnen  was  vil  swnere 
477,  I.  do  sprach  der  ritter  edele : 

die  vinde  die  sint  frevele. 
1079,  1.  do  sprach  der  ritter  edele : 

Hartmuot  mit  frevele  — 

Aber  nicht  immer  war  dies  das  Verfahren  des  Dichters,  daß  er  die 
zweite  Halbzeile  hinzudichtete;  mitunter  benutzte  er  auch  für  sie  ein 
anderes  Reimpaar.  490,  1  hat  der  Text  ez  wolden  niht  (jelouben  die  von 
Tenelaid,  sin  scehenz   mit  ir   ougen,   ze    Wdleis   lif  den  sant  —   hier 

könnte  es  geheißen  haben 

ez  wolden  niht  gelouben, 

sin  srehenz  mit  ir  ougen, 

die  von  Tenelande, 

ze  Wäleis  üf  dem  sande  — , 

nur  daß  dann  nicht  im  folgenden  körnen  das  ursprüngliche  Verbum 
sein  kann. 

Die  625.  Strophe  lässt  sich  so  auflösen  : 

do  künde  siu  dem  degene, 

siu  gunde  im  wol  ze  lebene  ; 

daz  er  gähen  solde, 

ob  er  leben  wolde, 

von  dem  hove  dannen, 

vor  Heteln  und  sinen  mannen 

oder,  wenn  dies  der  Schluß  eines  Absatzes  war,  vielleicht  mit  fünf 
Hebungen  wie  in  der  Kudrun 

vor  Hetelen  und  vor  allen  sinen  mannen. 

Durch  letztere  Annahme  würde  sich  auf  die  einfachste  Weise  die  Schluß- 
zeil e  der  Kudrunstrophe  erklären. 
Noch  ein  paar  Beispiele : 

1160.  nu  hoeret,  guote  degene: 
erbünne  man  uns  lebenes 
sone  sult  ir  niht  vergezzen, 
ir  helde  vil  vermezzen, 
irn  rechet  iwern  anden 
mit  swerten  in  Hartmuotes  lande. 
714.  Herwic  streit  da  selbe 
vor  porten  und  aa  velcle 


86  KARL  BARTSCH 

daz  nie  man  enkunde   baz. 

da  von  wart   im  dicke  naz 

sin   lionbct  nnder  ringen. 
725.  do  enböt  hin  heim  Hetele 

den  schoenen  fronwen  edele  *), 

in  w?ere  wol  gelungen, 

alden  unde  jungen, 

in  stürmen  und  in  striten. 

sie  solden  ir  genendicliche  biten. 
Natürlich  würden  dann  zunächst  nur  diejenigen  Assonanzen  in  der 
( Jäsur  alt  sein  können,  die  durch  den  Inhalt  der  betreffenden  Strophen 
eine  ältere  Grundlage  wahrscheinlich  machen.  Aber  diese  Grenze  ist 
schwer  zu  ziehen,  denn  auch  bei  den  Parthien  der  Kudrun,  die  offen- 
bar kein  volksthümliches  Gepräge  haben,  kann  der  Dichter  Theile 
älterer  Gedichte,  aus  dem  Kreise  der  Spielmannspoesie  etwa,  benutzt 
haben;  denn  gerade  diese  liebt  das  Wunderbare  sehr,  wie  es  sich  im 
ersten  Theile  unseres  Gedichtes  und  auch  weiterhin  findet. 

Durch  diese  Annahme  erklärt  sich  auch  das  häufige  Vorkommen 
des  innern  Reimes,  theils  des  genauen,  theils  des  assonierenden  ;  damit 
ist  aber  nicht  ausgeschlossen,  daß  eine  spätere  Hand  den  Inreim  an 
manchen  Stellen  eingeführt  habe  (vgl.  oben) ,  wo  das  ursprüngliche 
Gedicht  ihn  nicht  hatte.  Wir  werden  dann  eines  von  Müllenhoff  an- 
genommenen Überarbeiters  mit  archaistischen  Liebhabereien  überhoben, 
der  uns,  geradezu  gesagt,  ein  Unding  scheint. 

Wir  betrachten  den  Endreim  und  die  dabei  vorkommenden  Un- 
genauigkeiten.  Von  vocalischen  Freiheiten  begegnet  am  häufigsten  die 
Bindung  a  :  ä  vor  n,  län  :  dan  87,  1.  :  man  123,  1.  382,  1.  man  :  hdn 
140,  1.  211,  1. ::  gän  1.51,  1.  177,  1.  began  :  län  225,  1.  stein  :  man  292,  1. 
man  :  getan  326,  1.  342,  1.  357,  1  u.  s.  w.  in  allen  Theilen  des  Ge- 
dichtes**), wie  überhaupt  in  allen  Dichtungen  aus  dem  Kreise  der 
deutschen  Heldensage. 


*)  Der  Inreim  Hetele  :  edele  ist  von  mir  oben  nicht  «angeführt  worden ,  weil  d  :  t 
nicht  zu  assonieren  pflegen.  Nimmt  man  aber  die  niederdeutsche  Form  Hedene  an 
(und  niederdeutsch  war  ja  die  Sage,  niederdeutsch  konnte  also  auch  die  Vorlage  des 
Dichters  sein) ,  so  ist  Hedene  :  edele  eine  ganz  richtige  Assonanz .  vgl.  redene  :  edelen 
Kaiserchr.  45ÜÜ. 

**)  Wenn  Müllenhoff  8.  112  behauptet,  der  Reim  an  :  an  komme  vor  211  gar  nicht 
vor,  so  ist  das  ein  Zeichen,  wie  aufmerksam  er  das  Gedicht  studiert  hat!  Ebenso  un- 
richtig ist,  daß  diese  Bindung  im  Ganzen  47mal  vorkomme,  sie  begegnet  vielmehr  54mal, 
es  kommen  also  auf  das  unechte  bei  Müllenhoff  87  Stellen. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  87 

Vor  r  war  einmal  dar  :  jdr   1090,  1. 

e  :  e  wird  im  Ganzen  sorgfältig  unterschieden;  nur  folgende  Be- 
lege der  Bindung  finden  sich,  wegen  :  siegen  367.  siegen  :  degen  514,  1. 
wer  :  her  703.  gebet  :  stet  1133.  sedcle  :  edele  1631,  3;  im  Inreim  noch 
1618,  3.  engegene  :  degene  1120.  1489;  im  Inreim  219,  3.  467,  1.  1573,  1. 
1587,  3.  1105,  3.  phelle  :  ivelle  im  Inreim  1189,  3.  geste  :  gebresten  259. 
330,  1  im  Inreim.  gesten  :  gebresten  1106.  :  enwesten  1150.  besten  :  weste 
1197-  veste  :  weste  im  Inreim  747,  3. 

e  :  e  wird  nicht  gebunden;  denn  die  von  Müllenhoff  S.  112  an- 
geführten beiden  Stellen  beruhen  auf  Fehlern. 

i  wird  lang  gebraucht  in  der  Silbe  lieh,  kein  lieh  kömmt  vor; 
vgl.  anelich  :  rieh  101,  1.  gelich  :  rieh  1678,  1 ;  und  lobelich  :  tegelich 
473,  1.  minneclich  :  anelich  1239,  1.  lobelich  :  anelich  1241,  1.  Die  Fe- 
minina in  in  haben  ebenfalls  immer  langen  Vocal,  kein  in,  vgl.  künigiu: 
sin  63,  1.  Herzogin  :  sin  1516,  1;  künegin  :  magedin  1539,  1.  Daneben 
kommt  die  Form  in  inne  in  zahlreichen  Reimen  vor ;  aber  daß  sie  die 
einzige  dem  Dichter  zukommende  sei,  wie  Müllenhoff  S.  187  zu  meinen 
scheint  (zu  685,  1),  ist  ganz  unrichtig,  selbst  wenn  man  die  Unecht- 
heit  jener  Reime  und  Strophen  zugeben  wollte. 

Berührung  von  i :  ie  findet  statt  in  den  Reimen  lieht  :  niht  1243,  1. 
:  iht  1325,  1,  was  bei  österreichischen  Dichtern  sehr  häufig  vorkommt. 

Von  consonantischen  Ungenauigkeiten  ist  am  häufigsten  e  :  en  im 
klingenden,  aber  auch  zuweilen  im  stumpfen  Reime,  mäge  :  betragen  4. 
:  lagen  507  u.  s.  w.  Bemerkenswerth  min  :  si  1315,  I.  Vgl.  die  oben 
Abschn.  I.  angeführten  Stellen,  wo  die  Handschrift  die  Freiheit  durch  ein 
n  ausgleicht.  Müllenhoff  S.  113  meint,  die  meisten  Reime  dieser  Art 
seien  zu  entfernen;  wir  erblicken  im  Gegentheil  eine  charakteristische 
Formeigenthümlichkeit  des  Gedichtes  darin,  die  der  Schreiber  nur  dem 
Blicke  eines  oberflächlich  den  Text  studierenden  verhüllen  konnte. 

Ferner  werden  gebunden  Media?  unter  einander:  phlegen  :  gegeben 
916,  1.  Tenues,  sluoc  :  wuot,  wie  ich  864,  1  gebessert  habe.  Müllenhoff 
S.  113  (vgl.  71)  nimmt  722  den  Reim  Hericic  :  sit  an;  die  Hs.  reimt 
Sifrit  :  in  hochferten  seyd  *).  Was  der  Schreiber  'wollte',  ist  gleich- 
gültig ;  die  Lesart  in  hochvertem  sit,  wofür  man  auch  hochverten  schrei- 
ben dürfte,  wenn  man  das  em  in  der  letzten  Senkung  anstössig  findet 
(doch  vgl.  oben),  entspricht  dem  in  den  Nib.  mehrmals  vorkommenden 
Pluralis  in  hochverten  siten.  Das  adj.  hochverte,  schon  von  den  Hss. 
des  Nibel.  öfter   durch    höchvertic   ersetzt,    hat    in    der  Kudrun   immer 


::)  Auch  354,  1  schreibt  die   Hs.  seyt  statt  sit. 


88  KARL  BARTSCH 

diese  Form  (vgl.  oben) ;  in  722,  2   ist  es  durch  Missverstand  mit  dem 

Subst.  verwechselt. 

Tennis  und  Aspirata,  nur  in  tac  :  sprach  1166,  1. 

Liquiden,  nur  m  :  n,  vernam  :  began  49,  1.  man  :  genam  218,  1. 

:  vernam  856,  1.  894,  1.  allesamt  :  sant  751,  1.  gesleiue  :  keime  1131.  riemen: 

dienen  1146.  1226.  niemen  :  dienen  1484. 

Ebenso   geminiert   mm  :    nn,    grimme  :  välentinne   629.    grimmen  : 

gewinnen  921. 

Verbindungen  von  Liquiden  und  Mutis.  selben  :  melden  848.  :  en- 

gelden  1491.  mannen  :  ergangen  1508.  küniginne  :  bringen  225.  592.  635. 

906.  1646.  :  ringe  692.   misselingen  :  gewinnen  877.  gewinnen  :  gedinge  945. 

Die  Verbindung  nn  :  nd  begegnet  nicht,  denn  ünde  \  künnen  (Müllenhofl' 

S.  113)  842  ist  falsch. 

In  der  dritten   und   vierten   Zeile   stehen    am  Ende   nur   wirklich 

klingende  Reime,    keine   dreisilbigen   mit   drittletzter    kurzen;    das   ist 

leicht  erklärlich  (vgl.  S.  81),  doch  begegnen  einige  Ausnahmen,  nicht 

bloß    sedele  :  edele,    das  Müllenhoff  S.  114  anführt,  1631,  3,    sondern 

auch  engegene  :  degene  1120,  und  wohl  ebenso  1489.  Wahrscheinlich 
ist  auch  der  Reim  helde  :  selde,  der  sehr  häufig  ist,  als  helede  :  selede 
zu  fassen  (s.  unten). 

Von  dem  rührenden  Reime  der  Kudrun  hat  Müllenhoff  ein  paar 
Beispiele  S.  113  gegeben,  aber  ebenso  unvollständig  wie  anderes,  man  : 
man  664.  began  :  gän  1324.  sant  :  alle  sant  751.  sin  :  sin  158.  Norman- 
din  :  meidin  1630.  sounuere  :  mosre  595.  Hegelingen  :  misselingen  741. 
künden  :  künden  724  ist  am  meisten  bedenklich ,  weil  gar  keine  Ver- 
schiedenheit der  Bedeutung  da  ist.  unzerunnen  :  entrunnen  257.  ge- 
wünne  :  wünne  nach  meiner  Herstellung  1621,  3;  kaum  ist  erfunden: 
phunden  1674  ein  rührender  Reim,  weil  ph  sich  wahrscheinlich  in  der 
Aussprache  von  /  unterschied.  Sehr  häufig  sind  rührende  Reime  in 
lh:h,  darunter  auch  solche,  die  bei  den  höfischen  Dichtern  am  Anfange 
des  13.  Jahrhunderts  nicht  erlaubt  galten,  lobelich  :  tegelich  473.  min- 
neclich  :  anelich  1239.  lobelich  :  anelich  1241.  lasterliche  :  geliche  288. 
grimmecüche  :  lobeliche  934.  frceliche  :  trürecliche  974.  geliche  :  lobeliche  1342. 
Der  Reim  führt  uns  zu  den  sprachlichen  und  mundartlichen  Eigen- 
thümlichkeiten  des  Gedichtes,  die  sich,  da  auf  die  Schreibweise  der 
späten  Hs.  nichts  zu  geben,  eben  nur  aus  dem  Reime  erkennen  lassen. 
Die  Sprache  weicht  von  der  reinen  mittelhochdeutschen  wenig  ab. 

In  vocalischer  Beziehung  erwähne  ich  a  für  o,  nur  im  Inreim, 
mähte  :  ahte  742;  ferner  die  Abwerfung  des  e  am  Schluße  nach  kurzer 
Silbe,  in  sit  :  Sifrit  722,  was  auch  in  den  Nibel.  bei  demselben  Worte 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  89 

mehrfach  vorkommt.  Nach  langer  Silbe  in  aht  (:  vahl)  444.  (:  naht) 
1669,  wenn  man  aht  für  eine  verkürzte  Form  von  ahte  halten  will,  das 
im  Inreim  742  vorkommt. 

Beim  i  bemerke  ich  die  Bindung  mit  ie ,  vgl.  S.  87.  ou  steht 
nach  österreichischer  Art  für  ü  in  koame  :  somne  1603  und  in  dem 
regelmäßig  vorkommenden  getrouwen  im  Reime  auf  schouwen  51.  537. 
1363.  1387.  -.frouwen  165.  198.  215.  251.  269.  326.  363.  411.  491.  620. 
654.  949.  992.  1044.  1161.  1305.  1436.  1527.  1541.  1647.  1687.  :  houwen 
1457.  Ebenso  im  Partie,  gerouwen  im  Reime  auf  frouwen  499.  738,  auf 
houwen  717.  Auch  wo  kein  Zwang  des  Reimes  vorliegt,  ist  daher  ou 
zu  schreiben,  bouioen  :  getrouwen  1285. 

uo  steht  für  6  in  dem  einzigen  duo  für  do  :  fruo  827.  Die  Hs. 
hat  hier  wie  oft  die,  was  ich  oben  aus  du,  verlesen  für  du,  erklärt 
habe.  Da  niemals  do  reimt,  so  war  duo  wohl  die  dem  Dichter  allein 
geläufige  Form. 

Der  Umlaut  herrscht  durchgängig  :  im  Dat.  plural.  von  haut  er- 
scheint henden  und  handen  im  Reime;  das  letztere  20.  163.  185.  348. 
475.  506.  574.  647.  726.  833.  884.  912.  1181.  1248.  1417.  1584.  1668. 
1684;  das  erstere  557.  686.  722.  861.  961.  ä  für  m  aus  den  Inreimen 
järe  :  weere  358,  3.  häre  :  swoere  1523,  3  zu  folgern,  sind  wir  nicht  berech- 
tigt; vgl.  oben  S.  82.  Schwanken  herrscht  in  Bezug  auf  u  und  ü  vor 
doppelter  Consonanz.  Wenn  ünde  (unda)  so  und  nicht  unde  lautete,  und 
ebenso  künde  (adj.)  künden  (verbum)  unkünde  (subst.)  den  Umlaut  hatte, 
so  müssen  auch  die  Conjunctive  künde  (:  ünden  266),  fände  (fänden  : 
ünden  1272,  unkünde  :  erfunden  329),  zoünden  (:  ünden  842)  gelautet 
haben.  Andererseits  begegnen  Reime,  die  das  u  an  denselben  Formen 
erweisen,  gunden  (gönnten)  :  geiounden  113.  erfunden  (partic.)  :  künden 
(könnten)  374.  munde  :  künde  383.  wunde  :  fände  515.  stunde  :  fände 
585  u.  s.  w.  Man  könnte  dies  Schwanken  vermeiden,  und  überall  u 
schreiben,  also  auch  unde,  künden  (nuntiare);  dem  widerspricht  aber 
13,  3  von  des  meres  ünde  ivcejen  abe  begunde  (:  künde),  denn  wenn  der 
Dichter  unde  sprach,  würde  er  diesen  Gleichklang,  der  noch  verschie- 
den ist  von  den  oben  (S.  84)  erwähnten  Assonanzen  zwischen  Cäsur 
und  Ende,  vermieden  haben.  Ebenso  276,  4  üf  des  meres  ünden  in 
dem  lande  iemen  Mte  fänden  (:  stunden);  1537,  4  dofuorter  zuo  den  ünden 
diu  sie  erslagen  vor  der  f orten  fänden  ( :  verchwunden).  Daher  ist  eine 
umgelautete  Form  neben  der  nicht  umgelauteten  im  Conjunctiv  anzu- 
nehmen, o  für  den  Umlaut  o?  will  Müllcnhofl'  S.  58  in  dem  Inreim 
Muren  :  heeren  721 ;  aber  der  Plural  von  il/ör  lautet  auch  Meere.  Ebenso- 
wenig  ist  in   müre  :  unture   (Müllenh-  untiure)  790    eine    Bindung  von 


90  KARL  BARTSCH 

v  und  seinem  Umlaut  zu  erblicken,  denn  untüre  ist  die  in  der  Redens- 
art mich  nimt  nntüre  neben  untilr  übliche  Form.  In  dem  Keime  süene: 
büene,  der  nur  in  der  Cäsur  erscheint  (1085,  1.  1644,  1)  steht  süene  für 
das  gewöhnliche  mhd.  suone;  man  könnte  auch  suone  :  kuone  anneh- 
men, so  daß  in  letzterem  Worte  der  Umlaut  mangelte.  Den  Reim  hat 
auch  Biterolf  und  Klage  (Heldensage  151);  da  aber  daneben  im  Biterolf 
suone  :  ze  tuone  vorkommt  (12524),  so  wird  suone  :  kuone  auch  dort 
wahrscheinlich. 

Von  Consonanten  ist  d  zu  bemerken,  das  nach  /  und  n  erweicht 
für  t  steht.  Im  beweisenden  Reime  finden  sich  erkande  9.  624.  641. 
bekande  647.  nande  111.  sande  300.  385.  402.  420.  472.  523.  550  u.  s.  w. 
wände  574.  ivande  678.  683.  1534.  künden  1098,  3.  wolde  164.  1368. 
1500.  solde  1680.  engelden  :  selben  1491.  Darnach  habe  ich  d  durch- 
geführt, auch  molde  für  das  gewöhnliche  motte  geschrieben  (531.  673), 
da  die  Form  mit  d  auch  sonst  vorkommt  (mhd.  Wb.  2,  27b). 

c  wird  ch  in  dem  oben  bemerkten  Reime  tac  :  sprach  1166.  Vor 
folgendem  t  verwandelt  sich  c  in  h,  das  beweist  der  Reim  erschraht 
(Partie,  von  erschrecken)  :  mäht  59,  1;  daher  war  auch  im  Präteritum 
schwacher  Verba,  deren  Stamm  auf  k  ausgeht,  h  zu  schreiben,  also 
icahte,  strahte,  kuhte  u.  s.  w.  Im  Inreim  kommt  vor  erstrahlen  :  erhöh- 
ten 1119,  1. 

h  wird  ausgeworfen  in  dem  bei  oberdeutschen  Dichtern  häufigen 
enphän  für  enphähen  {'.getan)  306,  1.  (:  gän)  1575,  1;  daneben  häufiger 
die  volle  Form  enphähen  im  Reime  235.  283  u.  s.  w. 

Der  Accusativ  von  Eigennamen  geht  häufig  in  e  aus,  wie  im 
Biterolf  und  der  Klage  (Heldensage  S.  151).  Ich  habe  theils  mit  der 
Hs.  theils  gegen  sie  geschrieben  Irolde  231,  4.  310,  2.  1176,  2.  1515,  3. 
'Gerlinde  597,  3.  Heringe  821,  1.  1332,  1.  1489,  4.  Hartmuote  951,  3. 
1286,  4.  1365,  1.  Hildeburge  1339,  3.  1624,  4. 

Die  Pronominalform  sie  erscheint  nirgend  im  Reime,  weder  si  noch 
sie;  daraus  läge  am  nächsten  zu  folgern,  daß  die  Form  si  dem  Dichter 
die  einzig  geläufige  gewesen  sei.  Dem  steht  aber  entgegen,  daß  si  in 
verschiedener  Bedeutung  auf  der  Hebung  vor  einem  Vocal  steht,  was 
auf  Länge  hinweist.  So  si,  ea  :  ob  si  im  iht  gedienet  185,  3.  wie  laige 
si  im  bi  610,  1.  ja  mohte  si  ir  adeles  niht  geniezen  1007,  3.  Vgl.  noch 
1047,  3.  1293,  2.  1505,  1.  1688,  2.  si,  eam  :  die  si  ottch  gerne  sähen 
46,  3;  vgl.  538,  1.  811,  3.  1541,  3.  si,  ii  :  des  körnen  si  in  not  135,  2. 
des  muosten  si  engelden  194,  3;  vgl.  221,  3.  411,  4.  631,  4.  719,  2.  896,  1. 
1162,  1.  si,  eos  :  wan  daz  si  ir  ruowe  857,  3.  Ettmüller  und  Vollmer 
schreiben  st,  Müllenhoff  und  Ploennies  si.   Ich  habe  im  Nom.  sing,  des 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  91 

Femin.  sin  geschrieben,  weil  darauf  der  Schreibfehler  986,  4  (vgl. 
oben)  hindeutet ;  in  den  übrigen  Formen  schreibe  ich  sie,  weil  der  in 
jeder  Beziehung  nahverwandte  Biterolf  und  die  Klage  diese  Form  im 
Reime  haben  (der  Norm.  sing.  fem.  kommt  nicht  vor,  was  wiederum 
auf  sm  weist),  vgl.  Bit.  6261.  7421.  10088.  10518-  11714.  Klage  893 
Lassb.  1271  L. 

Beim  Verbum  ist  zu  bemerken,  daß  die  2.  Person  Plur.  nicht  in 
nt,  sondern  nur  in  t  ausgeht;  die  Hs.  hat  meist  das  richtige,  nur  ein 
paarmal  nt.  Von  einzelnen  Verben  erwähne  ich  haben  wegen  seines 
Präteritums ;  durch  den  Reim  bewiesen  ist  nur  die  Form  Mete,  Meten  : 
rieten  443.  Mete  :  verbieten  1015;  im  Inreim  riete  :  Mete  033,  1;  außer 
Reime  hat  die  Hs.  es  noch  806,  3.  136,  2.  Der  Inreim  hat  außerdem 
einmal  luvte  (hosten  :  tceten  285,  1).  Die  einzige  dem  Dichter  geläufige 
Form  war  Mete  schwerlich.  Eine  Menge  Stellen  zeigen,  daß  die  vor- 
letzte Silbe  kurz  gebraucht  wurde,  also  hete,  vgl.  bete  ze  liebe  erzogen 
55,  2.  ouch  bet  der  wilde  Hagene  106,  1.  Hetele  bete  gedanke  238,  4.  sie 
bete  100I  tCisent  mile  288,  1.  Vgl.  noch  431,  2.  485,  1.  495,  3.  499,  4.  502,  1. 
529,  2.  550,  2.  551,  4.  556,  2.  606,  3.  629,  1.  644,  3.  677,  2.  713,  2.  746,  4. 
755,4.  788,2.  828,1.  852,3.  857,4.  887,1.  887,3.  1012,3.  1022,  4  u.  s.w. 
bet  steht  sogar  verkürzt  in  der  Senkung  vor  Consonanten,  bet  rnan  da 
unwert  funden  301,  3.  het  lant  diu  vil  riehen  544,  3.  het  Hagene  wol  gesehen 
550,  1.  den  siu  het  fride  geiounnen  1526,  1.  Einmal  im  zweisilbigen  Auf- 
takt, der  allerdings  durch  Elision  einsilbig  wird,  er  het  siben  fürsten 
lant  2,  2.  Länge  ist  dagegen  überall  anzunehmen,  wo  das  Präteritum 
in  der  Cäsur  steht.  Ich  habe  hier  die  Form  mit  e  gewählt,  hete,  für 
den  Indicativ  wie  Conjunctiv,  denn  wenn  sie  nicht  im  Reim  steht,  so 
ist  das  natürlich,  weil  auf  bete  es  kein  deutsches  Reimwort  gibt.  Das 
Nichtvorkommen  im  Reime  spricht  aber  gegen  häte,  Conj.  hoste  (Vollmer 
schreibt  in  beiden  Fällen  honte).  Reime  auf  äte  und  äste  sind  in  der 
Kudrun  durchaus  nicht  selten,  aber  niemals  reimt  häte  oder  hoste. 
Gegen  os  spricht  ferner  1607,  3  do  er  vergehen  hete  daz  erz  gerne  toste 
(:  stcete),  weil  sonst  der  Dichter  diesen  übellautenden  Inreim  vermieden 
hätte,  bete  ist  als  Indicativ  anzunehmen  45,  1.  103,  1.  180,  3.  186,  3. 
189,  1.  327,  2.  456,  2.  601,  3.  611,  3.  623,  3.  641,  2.  663,  4.  672,  3. 
679,  2.  693,  4.  798,  1.  875,  1.  1018,  4.  1107,  4.  1205,  3.  u.  s.  w.,  als 
Conjunctiv  127,  4.  209,  2.  282,  3.  297,  4.  489,  3.  589,  2.  794,  2.  847,  4. 
906,  3.  929,  2.  989,  4.  1076,  3  u.  s.  w. 

stän  und  sten  kommen  neben  einander  vor;  ebenso  gdn  und  gen, 
im  Infinitiv  natürlich  nur  die  «-Form,  außer  wo  gen  :  sten  auf  einander 
reimen,  im  Conjunctiv  häufiger  P.  als  ä.   komen  hat  im  Präteritum  kom. 


92  FRANZ  STARK 

Flur,  körnen 3  Conj.  kceme,  nicht  a,  u,  ce.  Der  Beweis  ist  ähnlich  wie 
bei  hete  ein  indirecter,  auf  die  erwähnten  Formen  würde  nichts  gereimt 
haben,  daher  erscheinen  sie  nicht  im  Reime.  Daß  aber  bei  häutigem 
Vorkommen  des  Reimes  am  niemals  kam  oder  quam  erscheint,  daß  der 
Reim  -amen  gar  nicht,  wme  nur  einmal  im  Inreim  (nceme  :  zceme  740,  3) 
vorkommt,  spricht  deutlich  genug  für  die  Formen  mit  o.  Die  Hand- 
schrift und  die  Ausgaben  schwanken  zwischen  o  und  a. 

Von  einzelnen  Partikeln  hebe  ich  hervor,  sä  im  Reime  auf  da 
736,  1;  daneben  vielleicht  sän  (:  begän)  1583,  1,  wie  ich  statt  des  un- 
richtigen au  der  IIs.  geschrieben;  beide  Formen  neben  einander  haben 
auch  Klage  und  Biterolf,  die  Nibel.  kennen  nur  sän.  Eine  dreifache 
Form  hat  das  adv.  sit,  ' nachher',  nämlich  neben  dieser,  die  durch 
Reime  224.  371.  653.  663.  949.  belegt  ist,  noch  sint,  die  häufigste  im 
Reime  79.  128.  206.  285.  509.  585.  588.  632.  655.  659.  749.  1094. 
1253.  1293.  1507.  1579.  1644.  1666.  1670,  und  sider ,  im  Reime  823. 
Auch  dieser  Gebrauch  stimmt  mit  Biterolf  und  Klage,  sowie  mit  den 
Nibelungen  überein. 

(Der  Schluß  folgt  im  nächsten  Hefte.) 


ZUR  KÜNDE 
ALTDEUTSCHER  PERSONENNAMEN. 

Förstemann  führt  in  seinem  Namenbuche  I.  Sp.  116  den  Namen 
Aramund  auf  und  zwar  aus  den  trad.  Wizenb.  n.  8,  a.  737.  Es  ist 
dies  der  Name  des  Schreibers  der  bezeichneten  Schenkungsurkunde, 
der  in  n.  47,  die  nur  eine  Abschrift  der  n.  8  ist,  sich  Ferahmundus 
unterschreibt.  Dieser  Name  steht  aber  bei  Förstemann  als  der  einer 
ganz  andern  Person  ohne  jegliche  Hinweisung  auf  Aramund  Sp.  404. 

Sp.  327  steht  Tagibod  trad.  Wizenb.  n.  252,  a.  699.  In  der  n.  223, 
einer  anderen  Abschrift  derselben  Urkunde,  ist  dieselbe  Person  Regin- 
bodo  (abl.),  in  n.  205  raginbodi  (genit.)  unterzeichnet. 

Sp.  352  werden  zu  goth.  drauhts  (populus)  gestellt  Dructegis  trad. 
Wizenb.  n.  8,  a.  737  und  Dructimund  ebend.  n.  232  a.  713.  Dructegis 
unterschreibt  sich  aber  in  n.  47  von  demselben  Jahre  Thrudgis,  und 
Dructimund  erscheint  in  n.  218  in  der  Form  Drudmund. 

Sp.  451  wird  der  Name  Gebagard  masc.  trad.  Wizenb.  n.  197, 
a.  728  vorgeführt.  Dieser  Gebagard,  Bruder  des  Rodoin,  erscheint  in 
n.  196,    a.  716  als   Gebehart.    Daß  ihr  Vater   in  der   n.  197   Eburhard 


ZUR  KUNDE  ALTDEUTSCHER  PERSONENNAMEN.  93 

statt  Hrodoin  (n.   196)  genannt  wird,  ist,  wie  aus  dem  Inhalt  der  Ur- 
kunde ersichtlich  wird,  ein  lapsus  calami. 

Sp.  485  findet  man  '  Carrigus  trad.  Wizenb.  n.  252,  a.  699  =  Gar- 
rigusT  Diese  Auffassung  ist  irrig.  In  den  Numern  205  und  223, 
welche  die  n.  252  wiedergeben,  heißt  dieser  Zeuge  ( 'haririgus  (—  Ha- 
ririh),  welchen  Namen  als  den  einer  andern  Person  Pörstemann  Sp.  630 
eingetragen  hat. 

Sp.  509  ist  verzeichnet  Gacibert  trad.  Wizenb.  n.  256,  a.  713. 
Derselbe  aber  unterschreibt  sich  in  n.  202,  einer  andern  Abschrift  dieser 
Urkunde,    Gaucibert. 

Sp.  578  lesen  wir  Heino  trad.  Wizenb.  n.  35,  a.  737.  Es  ist 
dieser  Name  der  des  Priesters,  welcher  die  betreffende  Verkaufsurkunde 
geschrieben  hat.  Derselbe  heißt  in  n.  162,  welche  mit  der  n.  35  gleich- 
lautend ist,  Hämo. 

Sp.  717  erscheint  Chrodin(ns)  trad.  Wizenb.  n.  232,  a.  7 13.  Die- 
selbe Person  wird  am  Anfang  der  Urkunde  Chrodoinus  geschrieben. 
Auch  Rodini  (nom.)  trad.  Wizenb.  n.  36,  a.  713'  unterschreibt  sich 
Chrodoinus.  In  diesen  beiden  Urkunden  ist  der  Spender  Chrodoin  wohl 
eine  und  dieselbe  Person ,  die  noch  in  mehreren  Urkunden  als  Zeuge 
erscheint,  da  sie  dem  Kloster  als  Mitglied  angehörte. 

Sp.  915  bringt  Förstemann  den  Namen  Marcwar  trad.  Wizenb. 
n.  121,  a.  781.  Allein  dieses  ist  nur  eine  abgekürzte  Form  für  Marc- 
wardvs,  den  Namen  des  Mannes,  dessen  Schenkung  an  das  Kloster  in 
jener  Urkunde  festgestellt  wird. 

Sp.  953  steht  verzeichnet  'Narida  fem.  trad.  Wizenb.  n.  53,  a.  774' 
und  'Narid  trad.  Wizenb.  n.  178,  a.  774'.  In  der  n.  178  steht  aber 
Xarido  und  da  diese  leibeigene  Person  in  n.  53  Narida  geschrieben  er- 
scheint, so  lässt  sich  das  Geschlecht  nicht  mit  Sicherheit  bestimmen. 
Sp.  1005  ist  dem  Stamme  rad  angereiht,  Chraduin  trad.  Wizenb. 
n.  234,  a.  712.  Allein  dieselbe  Person  erscheint  in  n.  235,  240  und 
öfter   Chardoinus,   ( 'harduinus  =  Bartwin  genannt. 

Sp.  1084  begegnen  wir  dem  Namen  Seulaig  trad.  Wizenb.  n.  38, 
a.  693.  Mit  Zeuß  halte  ich  ihn  für  eine  verderbte  Form  des  in  n.  43, 
a.  696  richtig  geschriebenen  Faolaico.  Da  die  Namen  in  den  betref- 
fenden Urkunden  mit  kleinen  Anfangsbuchstaben  geschrieben  sind,  so 
liegt  das  nur  in  dem  /'  statt  eines  /. 

Sp.  1284  ist  Wigugang  trad.  Wizenb.  n.  178,  a.  774  eingetragen. 
Dieser  Zeuge  heißt  in  der  n.  53  vorliegenden  Urkundenabschrift  Uuidu- 
ganuns.    Wahrscheinlich  ist    Widugango  in    Widugaugo  zu  ändern. 

Ahuliche  Verwechslungen  finden  in  den  trad.  Wizenb.  noch  öfter 


94 


FRANZ  PFEIFFER 


statt.  Gauciberlua  in  n.  239  und  Gozbraht  in  n.  159  heißen  n.  218 
und  n.  17  Gauuibertus. 

Ferner  dürfte  es  nicht  überflüssig  sein,  bei  der  Betrachtung  der 
Koseformen  auf  -uni,  die  Förstemann  in  seinem  Buche  verzeichnet  hat, 
Vorsicht  zu  empfehlen.  Nicht  wenige  dieser  Namen  sind  casus  obliqui 
der  einfachen  hypocoristischen  Form,  so  z.  B.: 

Otuni  trad.  Wizenb.  a.  699,  d.  i.  in  n.  352.  Diese  Form  tritt  als 
Unterschrift  auf  und  ist  ein  Casus  obliquus,  wie  Wolfgunde  genetrici. 
Im  Anfang  der  Urkunde  erscheint  der  Nominativ  Octo.  Die  Nummern 
205  und  223  bieten  dieselbe  Urkunde,  und  in  ersterer  finden  wir  Otto, 
Ottuni,  in  der  andern  Otto,  Ottoni.  —  Auch  Oduni  ebend.  a.  718,  d.  i. 
in  n.  227,  ist  als  casus  obliquus  zu  fassen  wie  Otune  a.  713,  d.  i.  in 
n.  192,  neben  welchem  Namen  theudone,  bataclwne,  harduino  stehen, 
und  wie  atune  n.  47  a.  733,  von  Förstemann  Sp.  131  richtig  als  Ablativ 
bezeichnet. 

Sp.  198  verzeichnet  Förstemann  Petuni  n.  242  und  Betune  n.  243, 
beide  vom  J.  700.  Dieser  Name  gehört  in  diesen  Urkunden  einer  und 
derselben  Person  zu  und  steht  im  Casus  obliquus  wie  Ratone,  Adone 
gleichfalls  in  n.  243.  Das  Gleiche  gilt  von  Bettuni  a.  737  d.  i.  in  n.  8. 
Die  zweite  Abschrift  dieser  Urkunde  in  n.  47  weist  von  diesem  Namen 
den  Genitiv  Bettonis  auf. 

Haimuni  a.  737,  n.  8  und  a.  742,  n.  1,  dann  Bittuni  n.  1  bei  F. 
Sp.  590  und  661  zeigen  sich  gleichfalls  als  Casus  obliqui  durch  die 
Formen  Haimonis,  Hittonis  in  n.  47. 

Auch  Balduni,  Ebruni,  Erluni,  Liuduni,  Baduni,  die  alle  neben 
dem  oben  erwähnten  Oduni  in  n.  227  als  Namen  von  Zeugen  auftreten, 
sind  von  Förstemann  nicht  als  Casus  obliqui ,  was  sie  sind ,  erkannt 
worden. 

Diese  Beispiele ,  die  sich  leicht  noch  vermehren  lassen ,  werden 
genügen,  die  Mahnung  zur  Vorsicht  im  Gebrauche  des  genannten 
Buches  zu  rechtfertigen.  FRANZ  STARK. 


ZEUGNISSE   ZUR   HELDENSAGE. 

Obwohl  nachstehende  Zeugnisse  mehr  auf  gelehrter  Kenntniss 
als  auf  lebendiger  Überlieferung  beruhen,  so  mögen  sie  doch,  als  bisher 
wie  es  scheint  übersehen,  hier  eine  Stelle  finden. 

1.  _  Wir  Teutschen  aber  haben  so  vil  vortails  nicht  (als  die  Grie- 
chen und  Römer).    Renner,   der   gelebt  hat  Anno  MCCC,   sagt  von 


ZEUGNISSE  ZUR  HELDENSAGE.  95 

Erek,  Ywan,  Tristrand,  König  Rucker,  Partzinal  und 
Wiglois.  Wir  kennen  sonst  den  alten  Hilbrand,  Diterich  von 
Bern,  Herr  Eck,  Künig  Fasolt,  Kisen  Signot,  den  Edlen 
Moringer,  Ritter  Pontus  und  was  die  Taffeirunde  vermag.  Es 
ist  gerhumet  Freydank,  Ritter  vom  Thurn,  Marcolphus,  die 
siben  Meister  und  was  bey  unserm  gedeneken  ist  new  worden: 
Centinouella,  das  Narrenscbiff  Sebastian  Brandt,  der  Pfaff 
vom  Kaienberg,  Ulenspiegel  und  Thewrdanck  (=  Job.  Agri- 
cola,  Sprichwörter.  Hagenau   1529.    8.  Vorrede  Bl.  2b). 

2.  Bei  den  Teütschen  hat  bißher  solliches  (die  Geschichte  des 
Volkes)  niemand  in  einem  besondern  buch  zu  vollbringen  understanden. 
Wann  auch  bey  den  alten  etlicher  weniger  Helden  leben  beschriben, 
ist  dieses  dermaßen  mit  unnützen  fablen  und  merleinen  besudelt,  daß 
kümerlich  ein  schatten  der  rechten  warheit  noch  vorhanden.  Der  ge- 
stalt  ist  Herr  Thieterich  von  Bern,  Meister  Hiltebrandt, 
Hürnen  Seyfridt,  getrewe  Eck,  Hertzog  Ernst  und  andere 
dergleichen  von  dem  gemeinen  volck  in  liedern  und  meistergesangen 
geprisen  worden  (=  Heinrich  Pantaleon,  Teutscher  Nation  Helden- 
buch.   1.  Tbl.  Vorrede  2.  Seite.  Basel   1568.  Fol.)  f.  P. 


DAS    WESTFÄLISCHE    BAUERNHAUS    — 
EIN  ALTDEUTSCHES  STALLGEBÄUDE. 

Es  ist  bekannt,  daß,  nachdem  wir  glücklich  über  die  Vorstel- 
lungen hinaus  sind,  die  man  sich,  zumal  seit  dem  vorigen  Jahrhundert, 
von  den  Wohnungen  der  alten  Deutschen  machte,  man  sich  in  der 
neuesten  Zeit  gern  einen  Rückschluß  aus  der  Form  der  deutschen 
Bauernhöfe  auf  Wohnbauten  unserer  Vorzeit  erlaubt.  Diese  Annahme 
erfreut  sich,  seitdem  sie  zuerst,  ich  weiß  nicht  wo,  aufgetaucht  ist, 
beinahe  allgemeiner  Zustimmung  und  wird  auch  jüngst  wieder  in  dem 
sehr  verdienstlichen,  leider  noch  immer  nicht  vollendeten  Buche  von 
Heinrich  Otte:  Geschichte  der  deutschen  Baukunst  von  der  Römerzeit 
bis  zur  Gegenwart,  1.  Lieferung,  Leipzig  1861,  vertreten. 

Es  heißt  dort  (S.  43):  „Die  Frage  nach  der  innem  räumlichen 
Disposition  der  ältesten  deutschen  Wohnungen  könnte  insofern  als  eine 
durchaus  müßige  erscheinen,  als  weder  Überreste  noch  schriftliche 
Nachrichten  darüber  auf  uns  gekommen  sind.  Dennoch  wird  bei  der 
anerkannten  Zähigkeit  der   bäuerlichen  Sitten    und   bei  der  im  Allge- 


96  MORITZ  HEYNE 

meinen  stereotypen  Form  der  deutschen  Bauernhöfe  ein  Rückschluß 
aus  der  Gegenwart  auf  jene  ferne  Vorzeit  immerhin  zu  ziemlich  be- 
friedigenden Resultaten  führen.  Es  lassen  sich  aber  nach  dem  gegen- 
wärtigen Stande  der  Forschung ,  welche  sich  neuerdings  mit  beson- 
derer Lebhaftigkeit  mit  diesem  Gegenstände  beschäftigt,  die  deutschen 
Bauernhöfe  nach  zwei  wesentlich  von  einander  verschiedenen  Typen 
in  zwei  Hauptclassen  theilen:  die  altsächsische  und  die  fränkische 
Bauweise." 

Die  erste  Bauweise  betrachtet  der  Verfasser  als  die  älteste,  indem 
er  S.  46  ausdrücklich  sagt,  daß  wir  das  altsächsische  Haus,  mit  Men- 
schen und  Thieren  unter  einem  Dache,  als  ursprünglich  und  ältestes 
deutsches  Wohnhaus  bezeichnen  dürfen.  —  Man  sieht,  die  eingebür- 
gerte Vorstellung  von  der  Rohheit  der  alten  Germanen  ist  auch  hier 
noch  nicht  ganz  überwunden;  und  weil  Ammianus  Marcellinus  (XVII,  1) 
von  den  deutschen  Wohnhöfen  am  Main  berichtet  domicilia  euneta 
curatius  ritu  Romano  constriicta ßammis  subditis  exurebat,  so  scheint 
es  dem  Verfasser  zweifellos,  daß  die  Anlage  der  alamannischen  Bauten 
jener  Zeit,  so  wie  der  ihnen  verwandten  jetzigen  fränkischen  Bauern- 
höfe nicht  unbeeinflusst  vom  römischen  Wirthschaftshofe  geblieben  sei. 
Die  citierten  Worte  des  Ammianus  rechtfertigen  jedoch  eine  solche 
Hypothese  mit  nichts,  da  aus  denselben  offenbar  nur  hervorgeht,  daß 
der  Schriftsteller  bei  dem  Anblicke  der  ziemlich  sorgfältig  gebauten 
alamannischen  Häuser  an  die  römischen  Landbauten  und  deren  ähn- 
liche Disposition  erinnert  ward.  Ich  lese  aus  der  angeführten  Stelle 
nichts  als  ein  Compliment  für  unsere  Vorfahren  heraus  und  betrachte, 
gestützt  auf  manigfache  Belegstellen,  die  Anlage  jener  Häuser,  wie 
des  heutigen  fränkischen  Bauernhofes,  als  urdeutsch;  doch  muß  ich 
dies  hier  vorbeilassen ,  um  mich  gegen  die  Meinung  zu  wenden ,  als 
ob  das  westfälische  Bauernhaus  der  ursprünglichen  und  ältesten 
Anlage  der  deutschen  Wohnungen  entspräche. 

In  meiner  kleinen  Schrift  „über  die  Lage  und  Construction  der 
Halle  Heorot"  bin  ich  diesem  Thema  noch  ausgewichen.  Wenn  ich 
auch  immer  erhebliche  Zweifel  an  der  Originalität  des  altsächsischen 
Typus,  wie  er  sich  im  westfälischen  Bauernhause  ausspricht,  gehegt 
habe  und  diese  Zweifel  nie  habe  begraben  mögen  in  einer  wohlfeilen 
Begeisterung  für  den  patriarchalischen  Zuschnitt  jener  Gebäude  mit 
der  traulichen  Gemeinschaft  von  Menschen  und  Vieh  unter  einem  Dache, 
mit  undurchdringlichem  Rauche  und  Düngergestank:  so  war  ich  doch 
mit  meiner  Ansicht  über  das  Verhältniss  des  westfälischen  Bauern- 
hauses und  der  ihm  verwandten  Anlagen  zum  altdeutschen  Hause  noch 


DAS  WESTFÄLISCHE  BAUERNHAUS  etc.  97 

nicht  so  weit  im  Reinen,  daß  ich  sie  hätte  vortragen  können.  Dies 
soll  nun  hier  geschehen. 

An  Nachrichten  über  die  Disposition  eines  altgermanischen  Wohn- 
hofes sind  wir  nicht  so  arm,  als  gewöhnlich  geglaubt  wird.  Unter- 
nehmen wir  das  freilich  etwas  mühevolle  und  doch  verhältnissmäßig 
nicht  sehr  ausgiebige  Werk,  die  dürftigen  Nachrichten  der  römischen 
und  deutschen  historischen  Schriftsteller  von  Cäsar  und  Tacitus  ab 
bis  hinauf  ins  eilfte  Jahrhundert  zusammen  zu  stellen  und  mit  ihnen 
die  gelegentlichen  Schilderungen  von  Bauten  im  Otfried,  Heliand,  in 
angelsächsischen  Gedichten  und  andern  zu  vergleichen,  so  bekommen 
wir  ein  Bild  einer  altgermanischen  Wohnung,  das  in  einzelnen  Zügen 
der  Schärfe  entbehren  mag,  im  Allgemeinen  aber  zutreffend  ist.  Eine 
künftige  zweite  Auflage  des  vom  archäologischen  Standpunkte  aus  ge- 
schriebenen Otte'schen  Buches  würde  sich  der  Aufgabe  nicht  entziehen 
können,  eine  ausgeführte  Schilderung  der  altgermanischen  Hof-  und 
Dorfanlagen,  sowie  der  altgermanischen  Holzbaukunst  zu  geben,  deren 
letzte  Ausläufer  in  den  durch  Dahl  bekannt  gewordenen  Holzkirchen 
Norwegens  zu  suchen  sind. 

Das  Charakteristische  des  altgermanischen  Wohn-  und  Wirth- 
schaftshofes  ist,  wie  ich  dies  auch  schon  in  meiner  oben  erwähnten 
kleinen  Schrift  angedeutet  habe,  das  Bauen  in  die  Breite,  das  Anlegen 
verschiedener  Bauten  für  die  einzelnen  Zweige  der  Wohnung  und 
Wirthschaft.  Wie  sehr  dies  bei  allen  germanischen  Völkern  statt  hatte, 
und  wie  wenig  hierin  örtliche  oder  zeitliche  Verschiedenheit  änderte, 
dafür  in  Kürze  nur  ein  Beispiel  statt  mehrerei".  Bekannt  ist  die  Er- 
zählung des  Paulus  Diaconus  (I.  20)  von  der  Ankunft  des  Bruders 
des  Herulerkönigs  Rodulf  am  Hole  des  Langobardenkönigs  Tato  und 
die  Ermordung  jenes  auf  Anstiften  der  Tochter  Tatos,  Rumetrud.  Die- 
selbe theilt  nicht  das  Wohnhaus  ihres  Vaters,  sie  hat  auf  der  Hofestatt 
ein  Haus  für  sich  inne,  an  dem  der  Bruder  Rodulfs  mit  seinem  Gefolge 
vorbei  ziehen  muß,  um  nach  dem  Bau  zu  gelangen,  in  dem  Tato  sich 
aufhält.  Ganz  gleich  aber  verhält  es  sich  mit  den  Hofgebäuden  des 
Geätenkönigs  Hredel  im  ags.  Beovulfliede,  auch  hier  hat  der  ermordete 
Sohn  Herebeald  seine  eigene  Wohnung  unter  besonderem  Dache  (vgl. 
Beov.  2456: 

gesyhd  sorh-cearig         on  his  suna  hure 
vin-sele  vestne.  .  .). 

Daß  auch  die  Altsachsen  eine  ganz  gleiche  Raumvertheilung  ihrer 
Ilof'estätten  beliebten,  folgt  aus  mehreren  Stellen  des  Heliand.  6522  lesen 

GERMANIA  X.  7 


98  MORITZ  HEYNE 

wir,  daß  der  Hauptmann  von  Capernaum  dabin  zurück  gegangen  sei, 
nihar  he  welon  chta,  bu  endi  bodlüs;u  wie  15 l6  von  der  Anna  gesagt 
wird,  sie  konnte  sieben  Jahre  mit  dem  Ehegatten  bodlö  giwaldan. 
Warum  der  Plural  zur  Bezeichnung  eines  Gutes?  Er  drückt  wie  die 
ags.  Plurale  byrig,  vtcas,  ho/u  einen  Gutscomplex  aus,  der  Dichter  denkt 
sich  die  Hofestatt  mit  mebreren  Gebäuden  besetzt. 

Die  Gebäude  einer  solchen  Hofestatt  (wir  wollen  uns  hier  auf 
die  altsächsische  beschränken)  waren  gewiss  so  übel  nicht.  Wenn  es 
Heliand  1392  heißt: 

than  tögid  he  in  en  godlic  hüs, 
hohan  soleri,         the  is  bihangan  al 
fagarun  fratahun  — ; 

wenn  612  das  Haus,  in  dem  die  Hochzeit  zu  Kana  begangen  wird, 
that  hoha  hüs  genannt  wird;  so  kann  die  Vorstellung  des  Dichters  von 
der  Vorzüglichkeit  des  altsächsischen  Hauses  (das  er  doch  bei  seiner 
Schilderung  allein  im  Auge  haben  konnte)  unmöglich  so  primitiv  ge- 
wesen sein,  als  daß  wir  uns  bei  seiner  Schilderung  an  das  westfä- 
lische Bauernhaus  erinnern  müßten,  dieses  12 — 15  Fuß  hohe,  mit  Stroh 
gedeckte,  aus  Holzbindwerk  und  Lehm  aufgeführte  Gebäude. 

Das  altsächsische  Wohnhaus  hatte  aber  auch  nicht  einmal  die 
oblonge  Form ,  wie  das  jetzige  westfälische  Bauernhaus ,  eine  Form, 
die  überhaupt  für  Wohnhäuser  in  Deutschland  nicht  gebräuchlich  war. 
Indirect  folgt  der  Beweis  für  diese  Behauptung  daraus,  daß  nach  den 
betreuenden  Beschreibungen  im  Heliand  das  altsächsische  Haus  mit 
dem  ags.  genau  übereinstimmt;  das  ags.  Haus  war  aber  nur  quadra- 
tisch angelegt,  wie  ich  in  meinem  schon  mehrfach  erwähnten  Schrift- 
chen auszuführen  die  Gelegenheit  hatte.  Außerdem  ist  auch  der  Grund- 
riss  des  nach  816  erbauten  Klosters  St.  Gallen  nicht  unberücksichtigt 
zu  lassen.  Der  Grundriss  ist,  wie  Otte  mit  Grund  für  sehr  wahrschein- 
lich hält,  in  Fulda  gezeichnet  worden;  er  gibt  nichts,  als  einen  für 
Klosterzwecke  etwas  modificierten  altdeutschen  Einzelhof  mit  Wohn- 
und  Wirtschaftsgebäuden.  Nun  ist  auf  ihm  bemerkenswerth,  daß  alle 
Wohngebäude  entweder  ganz  quadratische  oder  doch  dem  Quadrate 
sich  nähernde  Form  haben.  Daß  gerade  für  diese  Form  eine  alte  Tra- 
dition maßgebend  war,  ist  uns  zweifellos. 

Wir  haben  also  für  das  westfälische  Bauernhaus  weder  der  An- 
lage noch  sonst  der  äußern  Form  nach  aus  dem  germanischen  Alter- 
thume  einen  verwandten  Wohnbau  aufzuweisen.  Wäre  das  westfä- 
lische Bauernhaus  als  Wohnhaus  so  alt  und  so  ursprünglich  in  seinen 


DAS  WESTFÄLISCHE  BAUERNHAUS  etc.  99 

Verhältnissen,  wie  Otte  meint,  so  würden  wir  doch  wohl  Analogien 
dazu  im  Heliand  oder  anderswo  antreffen,  so  würde  doch  auch  der  an 
der  Grenze  des  alten  Sachsen  entstandene  Grundriss  des  Klosters 
St.  Gallen  darauf  einige  Rücksicht  haben  nehmen  müssen.  Aber  überall 
sehen  wir  die  Wohnhäuser  von  ganz  anderer  Form. 

Dagegen  entdecken  wir  verwandte  Anlage  mit  altdeutschen  Scheu- 
nen und  Ställen.  Betrachten  wir  auf  dem  genannten  Grundriss  die 
Gebäude  unter  Nr.  VI.  VII.  VIII.  IX.  XVII.  (bei  Otte,  S.  92;  Nr.  VI. 
Stuterei,  VII.  Stall  für  die  Kühe,  VIII.  großer,  aus  zwei  getrennten 
Abtheilungen  bestehender  Stall  für  Pferde  und  Ochsen,  IX.  Scheune 
und  Werkhaus,  XVII.  Sämereigebäude),  so  fällt  uns  sofort  die  von 
den  andern  Gebäuden  ganz  abweichende  oblonge  Form  auf.  Vorzüglich 
ausgeprägt  ist  sie  in  Nr.  VIII.,  und  die  Ähnlichkeit  der  Anlage  jeder 
Abtheilung  dieses  Stallgebäudes  mit  dem  westfälischen  Bauernhause 
ist  einleuchtend. 

Nur  um  etwas  ist  jenes  Bauernhaus  reicher  als  diese  Stallanlage. 
Während  in  St.  Gallen  die  Hirten  zu  beiden  Seiten  des  Stalleinganges 
in  engen  Verschlagen  wohnen,  hat  der  westfälische  Bauer  besondere 
ausgebildete  Wohnungsräume  an  sein  Gebäude  gerückt.  Daher  besteht 
dasselbe,  wie  ein  Blick  auf  seinen  Grundriss  lehrt,  aus  zwei  unter  ein 
Dach  vereinigten  Gebäuden.  Wo  die  Pforte  an  der  Ostseite  mündet, 
ist  das  Ende  der  gleichzeitig  als  Scheune  mitdienenden  Stallanlage ; 
die  dann  folgende  Wohnungsanlage,  aus  einer  Stube,  zwei  Kammern 
und  einer  Küche  bestehend,  lässt  auch  noch  in  ihrer  jetzigen  Verstümme- 
lung, die  die  Küche  mit  dem  Herde,  als  vorderster  Theil  derselben, 
erfahren  hat,  die  ehemalige  quadratische  Anlage  erkennen.  — 

Das  Resultat  unserer  Betrachtungen  ist  folgendes.  Das  Bauern- 
haus ,  wie  wir  es  noch  jetzt  im  nördlichen  Westfalen  finden,  besteht 
seiner  räumlichen  Anlage  nach  aus  einem  größern  und  einem  kleinern 
Theile,  jener  die  Stallanlage,  dieser  die  Wohnungsräume  bildend.  Es 
hat  sich  dergestalt  aus  dem  altdeutschen  Stallgebäude  entwickelt,  da  ß 
diesem  nur  noch  in  einem  kleinen  Anbaue  die  bescheidenen  Wohnungs- 
räume des  Besitzers  unter  einem  Dache  hinzugefügt  sind,  deren  äußer- 
stes Glied,  die  Küche  mit  dem  Herde,  beide  Bauanlagen  verbindet*). 
Zu  welcher  Zeit  sich  eine  solche  Verbindung  zweier  ursprünglich  ge- 
trennter Bauten  ausgebildet,  ob  dieselbe  sich  schon  sehr  frühe  in  ver- 


*)  Um  das  altdeutsche  Stallgebäude  gleichzeitig  als  Scheuue  verwendbar  zu 
machen,  bedurfte  es,  da  der  mittlere  Hauptraum  (die  Diele)  als  eine  geeignete  Dresch- 
tenne bereits  gegeben  war,  nur  der  Anlegung  einer  bequemen  Thoreinfahrt. 


100 


A.  LÜTOLF,  GETAUFTE  THJERE. 


einzelten  Gegenden  Deutschlands  als  Bedürfhissbau  für  kleine  Leute 
entwickelt  hat,  weiß  ich  nicht;  so  viel  dürfte  aber  gegenüber  manig- 
fachen  urkundlichen  Belegstellen  fest  stehen,  daß  das  westfälische 
Bauernhaus  uns  nicht  den  Typus  eines  altgermanischen  Wohn-  und 
Wirthschaftshofes,  weder  des  südlichen  noch  des  nördlichen  Deutsch- 
lands, weder  der  ältesten  noch  einer  spätem  Zeit,  aufbewahrt  haben  kann. 
Zur  Erläuterung  des  Gesagten  füge  ich  den  Grundriss  eines  der- 
artigen Bauernhauses,  sowie  des  Pferde-  und  Rinderstalles  zu  St.  Gallen 
nach  dem  Otte'schen  Buche  bei. 


d 


l 


A.  Westfälisches  Bauernhaus. 

a.  Thoreinfahrt,  b.  Diele,  cc.  Stallun- 
gen für  Pferde  und  Rinder,  d.  Herd, 
e.  Stube,  /.  und  g.  Kammern,  h.  Pforte 
an  der  Ostseite,  i.  Küche. 

B.  Stallgebäude  des  Klosters 

St.  Gallen. 
a.  Eingang,  bbb.  enge  Verschlage, 
Hirtenwohnuugen,  cc.  ein  Hof  mit  einem 
Brunnen  in  der  Mitte,  durch  den  das 
Gebäude  in  eine  südliche  und  nördliche 
Abtheilung  getrennt  wird;  ddd.  Stallung 
für  die  Ochsen,  die  Ställe  sind  an  beiden 
Seiten,  in  der  Mitte  die  Diele,  eee.  Stal- 
lung für  die  Pferde,  ebenso  angelegt. 
MOBITZ  HEYNE. 


GETAUFTE  THIERE. 

Zu  jenen  Sagen,  nach  welchen  frevelhaft  getaufte  Thiere  sich  in 
wüstende  Monstra  verwandeln  (vgl.  die  Sagen  aus  den  fünf  Orten  S.  326. 
347),  mag  folgende  Stelle  aus  der  bald  nach  679  geschriebenen  vita 
s.  Salabergae  (Mabill.  Act.  SS.  O.  s.  B.  saec.  IL  Venet.  1733.  pg.  410) 
gehalten  werden.  Cap.  15.  „Siquidem  priscis  temporibus  (quod  plerique 
memoria  adhuc  retinent  et  superstites  esse  noscuntur  qui  hoc  facinus 
viderunt)  quod  in  eodem  opido  (Lugduno  clavato,  Läon),  ut  creditur, 
antiqui  anguis  versutia  crudeliter  vigebat,  plebejos  rusticos  atque  hebetes 
homines  arte  callida  ludificabat,  de  quo  scribitur:  Cujus  mille  nocendi 


A.  MUSSAFIA,  ZUM  CATO.  101 

sunt  artes.  Nam  sub  specie  Baptismatis  idololatriae  eos  sibi  proprie 
vindicabat.  Denique  retroacto  tempore  et  Idolum  vocitabant,  velut  a 
Judo  incipientes:  in  medio  eorum  dumtaxat  diabolo  debacchante,  ple- 
rnmque  homicidia  perpetrabantur.  Egerat  hoc  nequissimus  Daemon  cal- 
lida  astutia,  ut  siquis  ibidem  proximum  alterius  quolibet  modo  debili- 
tasset,  a  consanguineis  vel  affinitate  conjunctis  innoxius  foret  ab  effu- 
sione  sanguinis ;  videlicet  ut  in  longius  consuetudo  nefanda  incremen- 
tum  malignitatis  augeret,  et  miseram  urbem  suis  habenis  irretitam 
iniquus  prredo  velut  propriam  vindicaret.  Sed  omnipotens  miserator 
omnium  Deus  ....  olim  jam  hoc  sacrilegum  et  nefandum  facinus  a 
civitate  ista  radicitus  evacuavit." 

A.  LÜTOLF. 


ZUM    CATO. 

Einen  weiteren  Beleg   für  die   große  Beliebtheit,    deren   sich  die 
sogenannten  Disticha  Catonis  im  Mittelalter  zu  erfreuen  hatten,  liefert 
die  Hs.  Suppl.   Nr.  6  der  k.  k.   Hofbibliothek   in  Wien*).     Es  finden 
sich  nämlich  dort  Bl.  2a.  -23b  die  Disticha,  aber  so  daß  jedem  einzelnen 
Hexameter  und  Pentameter  ein  anderer  gleichartiger  und  mit  ihm  rei- 
mender Vers  vorangestellt  ist;  die  Disticha  werden  demnach  zu  Tetra- 
stichen **).    Jeder  Strophe  folgt  eine  prosaische  Glossa.    Da  diese  Fas- 
sung bei  Zarncke  nicht  verzeichnet  ist,  so  ist  sie  höchst  wahrscheinlich 
ganz  unbekannt.    Als  Probe  gebe  ich  die  drei  ersten  Disticha: 
Non  vane  cultus  intrinseca  pectoris  icunt 
Si  deus  est  animus  nobis  ut  carmina  dicunt 
Est  quia  cunctorum  finis  deus  ipse  legendus 
Hie  tibi  precipue  sit  pura  mente  colendus. 

Appetitus  humani  divina  bonitas  solummodo  vacuum  replet  antrum. 

Deum  ergo  postpositis  ceteris  quisque  colat  et  appetat  omnique  virtuo- 

sorum  operum  pretio  sollicite  studeat  adipisci. 

Pac  ne  pigricies  te  polluat  omnia  presto 
Plus  vigila  semper  ne  sompno  deditus  esto 


*)  Papier,  XV.  Jahrb.  8.  196  Bll.  Enthält  nebst  manchem  Anderen  Brunelli 
speculum  stultorum,  das  Carmen  occulti  auctoris  (viel  correcter  als  in  der 
von  Höfler  abgedruckten  Hs.),  endlich  ein  lat.  Gedicht  in  elegischem  Versmaße,  welches 
den  Titel  Probra  mulier  um  fuhrt. 

**)  Nur  hie  und  da  bloß  ein  Distichon,  bei  welchem  aber  dann  Hexameter  und 
Pentameter  mit  einander  reimen. 


[02  A.  LUTOLF,  MAILAND. 

Segniciem  fugito  que  carnem  corque  capistrat 
Nam  diuturna  quics  viciis  alimenta  ministrat. 
Exercitium  corporis  membra  consolidans  superfluum  digerit,  hu- 
midum  calorem  naturalem  mirabiliter  refocillans,  vires  anime  reparai 
quarnlibet  amovendo  rubiginem  ut  prompte  possit  objectum  preter  quem- 
libet  erroris  scrupulum  speculari.  Celer  igitur  quisque  pigriciam  abiciat 
que  contrarium  in  homine  nimirum  turpiter  bndiciis  (sie;  benefieiis?) 
suis  causat. 

Quam  loquar  injuste  vitta  prins  os  mihi  cingam 
Virtutem  primam  puto  compescere  lingwam 
Abstineas  verbis  que  possunt  vulnus  habere 
Proximus  ille  Deo  qui  seit  ratione  tacere. 
In  lapsum   effusius    lingwe   mobilitas   est  prompta  quam    non    est 
in   virtutum   genere   nimirum   freno    compescere    rationis.     Hanc  igitur 
unusquisque    studeat   silencii   hämo    connectere   ipsamque  sollicita  pru- 
dencie   destra   sobrie   deducere   ne   fortasse    cespitans   ducentis    ineuria 
pudibunda  strage  irrevocabili  casu  preeipitet  ipsum  ducem. 

Bei  dieser  Gelegenheit   mag   zu  Zarncke's  Beiträgen  S.  5  hinzu- 
gefügt  werden,    daß   auch   die   Hs.   901    der    k.    k.    Hotbibliothek    aul 
Bl.  136*.  -  140b  den  Cato  novus  („Lingua  paterna  sonat")  enthält. 
WIEN,  26.  Februar  1865.  A.  MUSSAFIA. 


MAILAND. 

In  den  Sagen  der  Urschweiz  ist  es  Mailand,  wohin  Hexen  ihren 
Zauberritt  unternehmen,  z.  B.  um  Zwiebeln  zu  holen,  oder  wohin 
das  wilde  Heer  Menschen  entführt.  Auch  soll  einmal,  wie  man  in 
Zürich  berichtete,  der  Teufel  am  hellen  Tage  in  Mailand  herumkutsehiert 
sein  (vgl.  die  'Sagen  aus  den  fünf  Orten'  S.  187.  199.  201.  253.  452). 
Überraschend  war  es  mir  nun,  aus  Schaffhausen  (im  fUnoth,  Zeit- 
schrift für  Geschichte  und  Alterthum',  von  Job.  Meyer,  Schaff  hausen 
1863,  S.  51)  folgenden  Kinderreim  zu  lesen: 

cWen  min  vater  gu  Meiland  fart, 
chocht  mi  mueter  nudle, 
oben  und  unne  bölle  (Zwiebeln)  dra, 
de  mitte  lotsis  strudle. 
Wieder  ein  Beweis,   wie  im  Kinderreime  oft  hinter  dem  scheinbar 
Zufälligen  ein  Rest  alten  Volksglaubens  versteckt  sein  kann. 

Es  möchte  sich  lohnen,  dem  Mailand  der  Sagenwelt  weitere  Auf- 
merksamkeit zu  schenken.  A.  LÜTOLF. 


LITTERATUR.  1 03 

ZUR  FRAU  'SELTEN'  (SiELDE). 

Frau  Zselti ,  wie  der  Schwizer ,  Frau  Selten }  wie  der  Urner  den 
Namen  spricht,  hat  sich  erbarmungsvoll  der  nach  christlichen  Begriffen 
vom  Himmel  ausgeschlossenen  ungetauften  Kinder  angenommen  und 
führt  sie  in  den  wonnevollsten  Räumen  zwischen  Himmel  und  Erde 
herum.  Vom  Seiten-Bach  zu  Escholzmatt  im  Lande  Entlebuch  kamen 
dort  für  das  Dorf  die  kleinen  Kinder  (vgl.  Die  Sagen,  Bräuche  etc.  aus 
den  fünf  Orten  S.  77 — 80).  Man  hat  also  die  Göttin  des  Glückes  und  der 
Schicksale  folgerichtig  schon  mit  dem  ersten  Dasein  und  Werden  des 
Menschen  verbunden.  Die  germanische  Saide  ist  offenbar  in  das  Erbe 
der  römischen  Fortuna  eingetreten,  wenn  nicht  beiden  eine  ältere  ge- 
meinsame Wurzel  zu  Grunde  liegt.  Nahe  Beziehung  zu  dieser  erwähn- 
ten Bedeutung  der  Frau  Sajide  hat  jene  römische  Lampe  in  der  fürst- 
lichen Sammlung  zu  Sigmaringen,  von  welcher  Professor  Dr.  C.  Bursian 
in  Zürich  (in  den  Jahrbuch,  des  Vereins  von  Alterthumsfreunden  im 
Rheinlande  XXXVI,  159)  nachweist,  daß  sie  das  „navigium  fortuna:" 
darstelle,  in  nächster  Beziehung  zum  Werden  des  Menschen. 

A.  LÜTOLF. 


LITTERATUR. 


SCHRIFTEN  ÜBER  MYTHOLOGIE. 


In  den  letzten  Jahren  sind  mehrere  hervorragende  Werke  über  Mytho- 
logie erschienen ,  von  denen  einige  auch  die  deutsche  Mythologie  berücksich- 
tigen. Dahin  gehören:  W.  Mannhardt,  die  Götterwelt  der  deutschen  und 
nordischen  Völker'.  Berl.  1860  bei  H.  Schindler;  der  I*  Tbl.  (2  Rthl.)  behan- 
delt die  Götter,  der  II.  Thl.  soll  über  Dämonen  und  das  Weltdrama  sich  ver- 
breiten. Außerdem  erschien  die  zweite,  sehr  vermehrte  Auflage  von  Simrock's 
Handbuch  der  deutschen  Mythologie  mit  Einschluß  der  nordischen'.  Bonn,  bei 
Marcus  1864  (s.  nachher  unter  Nr.  II).  Ferner  finden  wir  mythologische  Abhand- 
lungen in  Programmen  und  Zeitschriften,  namentlich  von  Schwartz  'die  Sirenen 
und  der  nordische  Hrsesvelgr,  ein  Stück  Odysseussage'  (Abdruck  aus  der  Zeit- 
schrift  für   das   Gymnasialwesen,   Berlin,    18  63). 

Über    Schwartzens    größere    Schriften    wollen    wir    hier  Näheres    berichten. 

1.  Außer  der  Schrift  Der  heutige  Volksglaube  und  das  alte  Heidenthum 
mit  Bezug  auf  Norddeutschland',  die  18  62  in  zweiter  Auflage  erschienen  ist, 
erwähnen   wir  den    Programm  -  Aufsatz  von    1858    'die    altgriech.    Schlangengott- 


104  LITTERATUR. 

Leiten  ,  Berlin ,  Hauck ;  gleichzeitig  schrieb  Kuhn  über  die  Mythen  von  der 
Herabholung  des  Feuers  bei  den  Indogermanen  .  Beide  Aufsätze  sind  zu  grö- 
ßern Schriften   erweitert  und   selbständig   erschienen. 

Schwartz  (jetzt  Gymnas.  -  Director  in  Neu-Ruppin)  ließ  bei  W.  Hertz 
in  Berlin  1860  erscheinen:  Der  Ursprung  der  Mythologie,  dargelegt 
an  griech.  und  deutscher  Sage  (S.  2  9  9).  Das  Buch  enthält  eine  Einleitung  über 
den  heidnischen  Volksglauben  in  seiner  Anlehnung  an  die  Natur,  und  behandelt 
dann  die  hauptsächlichsten  Thierwesen  der  griechischen  und  deutschen  Götter- 
welt und  die  sich  daran  schließenden  Mythen.  Der  Verf.  will  damit  zugleich 
die  reale  Grundlage  legen,  auf  welcher  der  Götterglaube  der  Griechen  und 
Deutschen  erwachsen  ist.  Es  wird  nachgewiesen,  wie  Wolken,  Sturm,  Blitz, 
Donner  und  andere  Naturerscheinungen  in  mannigfaltiger  Auffassung  als  Sym- 
ptome der  Wesen  und  des  Treibens  einer  andern  Welt  den  Mittelpunkt  aller 
mythologischen  Gestaltung  gebildet  haben.  Ist  schon  große  Vorsicht  nöthig  bei 
Deutung  der  gefundenen  Überreste  unser.s  Volksglaubens,  so  läuft  man  hier  auf 
diesem  universellen  Gebiete  der  Forschung  leicht  noch  größere  Gefahr,  der 
eigenen  Phantasie  zu  viel  Spielraum  zu  lassen.  Wir  finden  hier  übrigens  bei 
mancherlei  kühnen  und  gewagten  Zusammenstellungen  eine  besonnene  Forschung 
und  geistreiche  Auseinandersetzung,  mit  vorwaltender  Beziehung  auf  das  Griechen- 
thum.  Aufgefallen  ist  mir,  daß  in  einem  Werke  über  den  Ursprung  der 
Mythologie  fast  nur  die  eine  Seite  dieses  Ursprungs  in  Rücksicht  gekommen 
ist,  nämlich  die  poetische  Seite  der  Naturreligion.  Diese  und  die  naturalistische 
Seite  des  Volksglaubens  überwiegt  in  diesem  wie  in  dem  neuesten  Werke  des 
Verfassers:  Sonne,  Mond  und  Sterne  (Berlin,  W.  Hertz,  1864).  Letz- 
teres Werk  ist  mit  Recht  bezeichnet  als  erster  Theil  der  poetischen  Natur- 
anschauungen der  Griechen,  Römer  und  Deutschen  in  ihrer  Beziehung  zur  My- 
thologie .  Es  ist  dies  ein  in  seiner  Art  bahnbrechender  Beitrag  zur  Mythologie 
und  Culturgeschichte,  indem  das  Werk  den  Ursprung  der  mythologischen  Vor- 
stellungen im  Anschluß  an  die  Natur  des  weitern  darlegt.  Wir  dürfen  dabei 
den  andern  Factor  nur  nicht  vergessen,  und  der  ist  selbst  in  den  poetischen 
Naturreligionen  von  großer  Bedeutung.  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  näher  darauf 
einzugehen  5  wen  es  interessiert,  den  verweisen  wir  auf  die  Vorrede  F.  G.  Welcher  s 
zu  seiner  griech.  Götterlehre,  III.  Bd.  Der  äußern  Natur  und  ihren  Erschei- 
nungen, die  dem  Menschen  imponieren,  kommt  ein  angeborner  Sensus  numinis 
entgegen,  ein  ursprüngliches  Gottesbewusstsein  im  Menschen,  auch  wenn  er  auf 
der  niedersten  Culturstufe  sich  befindet.  Dieser  Factor  sollte  auch  in  der  natür- 
lichen  Theologie  mehr  betont  werden. 

Beide  Werke  Schwartzens  müssen  indess  ein  großes  Interesse  erwecken, 
nicht  bloß  bei  Philologen ,  sondern  auch  bei  Theologen ,  die  in  der  Regel  um 
diese  Forschungen,  die  ihnen  doch  so  nahe  liegen,  sich  gar  nicht  bekümmern. 
Auch  der  Geologe  wird  genötbigt  sein,  von  diesen  mythol.  Forschungen  Kennt- 
niss  zu  nehmen,  insofern  die  Entwicklungsgeschichte  der  religiösen  Ideen  manche 
Vergleichungspunkte  bietet  mit  der  Geologie,  ebenso  sehr  wie  mit  derjenigen 
Seite   der   Sprachforschung,   zu   der  W.  v.  Humboldt   den  Grund   gelegt  hat. 

Die  S.  159  fg.  besprochenen  anthropomorphischen  Vorstellungen  von  Sonne 
und  Mond  erinnern  mich  an  eine  serbische  Überlieferung,  die  ich  vor  einigen 
Jahren  erzählen  hörte.  Ich  habe  sie  nirgend  gedruckt  gefunden,  darum  will  ich 
sie  bei  dieser  Gelegenheit  mittheilen.     Sonne    und  Mond  werden    am    häufigsten 


LITTERATUR.  105 

als  Weib  und  Mann  gedacht,  nur  in  dem  S.  164  angeführten  lithauischen  Liede 
heißt  es:  Und  als  er  (der  Mond)  später  nachzog,  gewann  er  den  Morgenstern 
lieb.    Hierüber   berichtet   nun   die   serbische   Sage,   wie  folgt: 

Einst  prahlte  der  schöne  Morgenstern  *),  daß  er  den  glänzenden  Mond 
zum  Gatten  nehmen  werde  2).  Der  Pathe,  sagte  der  Morgenstern  zu  den  übrigen 
Sternen,  wird  bei  meiner  Hochzeit  Gott  allein  sein;  meine  Brautführer  werden 
Peter  und  Paul  sein;  die  ersten  Gäste,  die  ich  zur  Hochzeit  lade,  werden  der 
heil.  Johannes  und  der  heil.  Herzog  Nicolaus  sein;  zu  meinem  Kutscher  werde 
ich  den  heil.  Elias  miethen,  und  damit  einer  da  ist,  der  bei  der  Hochzeit  den 
versammelten  Gästen  Geschenke  austheilt,  werde  ich  von  der  Wolke  den  Blitz  3) 
mir  ausbitten.  Was  der  Morgenstern  da  zu  seinen  Schwestern  gesprochen,  ge- 
schah auch :  Er  heiratete  den  Mond,  Gott  wurde  sein  Pathe,  Petrus  und  Paulus 
wurden  die  Brautführer,  Johannes  und  Nicolaus  die  ersten  Hochzeitsgäste  und 
der  heil.  Elias  ward  Kutscher.  Und  als  sie  so  an  der  Hochzeitstafel  versammelt 
saßen,  theilte  der  Blitz  den  einzelnen  Gästen  Geschenke  aus :  Er  gab  Gott  das 
ganze  Weltall,  dem  Petrus  und  Paulus  schenkte  er  die  Juliwärme  *),  dem  heil. 
Johannes  gab  er  Eis  und  Schnee  5),  dem  heil.  Herzog  Nicolaus  schenkte  er  die 
Freiheit  auf  allen  Gewässern  6),  und  der  kräftige  Wagenlenker  erhielt  den  Donner 
und   die  Feuerpfeile,   daher  er  auch   der  Donnerer  genannt  wird  7). 

2.  P.   Amand  Baumgarten,  Aus  der  volksmäßigen  Überlieferung  der 
Heimat.   Linz  186  4.   Druck  v.  J.  Wimmer.  I.  Heft,  167  S.,  II.  Heft,  100  S. 

Der  Hr.  Verfasser,  Professor  in  Kremsmünster,  theilt  uns  in  diesen  beiden 
Heften  manche  werthvolle  Beiträge  zur  oberösterr.  Volkskunde  mit,  und  zwar 
als  Sonderabdruck  aus  den  Berichten  des  Landesmuseums  in  Linz.  I.  enthält 
Mittheilungen  zur  volksthümlichen  Naturkunde ;  II.  Aberglauben,  Sagen,  Sprüche 
und  Lieder  in  oberösterr.  Mundart.  Im  I.  Hefte  ist  die  Naturanschauung  des 
Volkes  über  Himmel  und  Erde,  die  Elemente,  die  Jahreszeiten,  Thiere  und 
Pflanzen  reichlich  vertreten.  Eine  nähere  Ortsangabe  wäre  zu  wünschen.  Das 
aus  den  Wienern  in  Berlin  seit  langen  Jahren  bekannte  Lied  (S.  104)  Kommt 
ein  Vogel  geflogen  hätte  wegbleiben  sollen,  zumal  da  der  Text  nicht  treu  wieder- 
gegeben ist.  Die  Wörter  Schatzl  oder  Dierndl  sind  hier  entfernt,  und  ohne 
diese  hat  das  Lied  keinen  Sinn.  Am  Schlüsse  des  I.  Heftes  finden  sich  drei 
Feuersegen.  Viel  Werthvolles  hat  auch  das  IL  Heft.  S.  24  bringt  die  alte 
Erzählung  von  dem  Teufel  und  einem  alten  Weibe.  Wir  kennen  sie  aus  Pfeiffer's 
Predigtmärlein  (Germania  III);  auch  kommt  sie  vor  in  Keisersbergs  Narrenschiff 
(15  20   Bl.    3  3),    in    Kirchhofs   Wendunmuth    (1565    im    1.   Thle.    3  6  6).      Hans 


')  Serbisch  doniza,  weiblich. 

2)  Anders  im  Deutschen.  Nach  dem  germanischen  Mythos  war  die  Sonne  mit 
dem  Glenr  (Glanz)  vermählt. 

*)  Der  Blitz  (munja)  ist  im  Serb.  weiblich. 

4)  Peter  und  Paul  fallen  in  der  griech.  Kirche  in  den  Juli,  wo  die  größte  Hitze 
herrscht. 

5)  Johann  der  Täufer  fällt  in  den  Monat  Jänner.  Der  Teufel  hatte  nach  dem  serb. 
Volksglauben  die  Sonne  geraubt,  Joh.  d.  T.  hat  sie  ihm  durch  Anwendung  des  Eises 
wieder  abgenommen. 

6)  Der  h.  Nicolaus  ist  Patron  der  meisten  serbischen  Handelsschiffe. 

')  Wenn  es  donnert,  so  sagt  der  Serbe:  Jetzt  fährt  Elias  auf  dem  Wagen. 


106  LITTERATUR. 

Sachs  hat  den  Gegenstand  als  Faßnachtspiel  behandelt  (Fol.  II.  4 ,  9  aus  dem 
J.  1545).  S.  ferner  Luther's  Tischreden  (Cap.  36).  Das  vom  Hrn.  Verf.  mit- 
getheilte  unterscheidet  sich  von  allen  dadurch,  daß  der  Schluß  legendisch  ist, 
um  zu  zeigen,  warum  die  alten  Weiber  Teufelsköpfe  haben.  Die  S.  4  8  vor- 
kommende Redensart  einen  auf  den  Hetscherlberg  wünschen  bezieht  der  Verf. 
auf  den  Otscher.  In  meinen  Mythen  S.  155  ist  mehr  darüber  mitgetheilt. 
Sollte  nicht  bei  Hetscherlberg  an  Hetscherl,  d.  i.  Hagebutten  ( Hetschepetsch  ) 
gedacht  werden   können  ? 

Im  Interesse  der  deutschen  Volks-  und  Alterthumskuude  wäre  zu  wünschen, 
daß  diese  Mittheilungen  in  aller  Form  in  den  Buchhandel  kämen ,  und  alsdann 
wäre  ein  Register  durchaus  nothwendig.  Eine  Fortsetzung  wäre  schon  darum 
sehr  erwünscht,  weil  Oberösterreich  in  dieser  Hinsicht  noch  unvertreten  ist, 
und,  wie   diese  Mittheilungen  beweisen,   viel  Originelles  enthält. 

3.  Aberglauben  und  Gebräuche  aus  Böhmen  und  Mähren,  gesammelt  und 
herausgegeben  von  Dr.  Jos.  Virg.  Grohmann.  1.  Bd.  Prag,  bei  Calve. 
1864.  S.  247.  Als  H.  Bd.,  2.  Abth.  der  Beiträge  zur  Geschichte  Böh- 
mens,  auf   Kosten   des   Vereins   für   Gesch.   der  Deutschen   in    Böhmen. 

Der  Herr  Verfasser  benutzt  seine  unfreiwillige  Muße,  um  die  Beiträge 
für  die  Sagen-  und  Volkskunde  Böhmens  und  Mährens  fortzusetzen.  Der  Verein 
in  Böhmen,  der  sich  die  Aufgabe  gestellt  hat,  die  Geschichte  der  Deutschen 
aufzuhellen  und  die  darauf  bezüglichen  Quellen  zu  sammeln,  hat  auch  sein 
Augenmerk  auf  die  Sage,  Gebräuche  und  den  Aberglauben  des  Volkes  gerichtet. 
Dasselbe  geschieht  in  Salzburg,  während  es  in  Wien  erst  vor  kurzem  einem  der  zahl- 
reichen Vereine  eingefallen  ist,  sich  auch  mit  dieser  Quelle  für  die  Culturgeschichte 
des  Landes  zu  beschäftigen.  In  Böhmen  tritt  freilich  noch  das  ethnographische  Inter- 
esse hiezu,  indem  einestheils  der  Naturglaube  und  die  Sitte  der  deutschen  Be- 
völkerung auf  die  angrenzenden  Stämme  hinweist,  und  anderntheils  sich  auch 
hier  zeigt,  wie  sehr  sich  Deutsche  und  Czechen  seit  Jahrhunderten  gleichsam 
in  einander  gelebt  haben.  Da  über  die  Alterthumskunde  der  slavischen  Stämme 
noch  so  wenig  Zuverlässiges  vorliegt,  so  ist  es  schwer  zu  sagen  :  das  ist  deutsch, 
das  ist  slavisch.  In  der  Vorrede  (VI)  z.  B.  meint  Hr.  Grohmann,  das  Schmeck- 
ostern und  Todaustreiben  entstammen  slavischer  Sitte,  während  ich  bei  Marburg 
in  Hessen  das  Schniackustern  ebenfalls  gefunden  habe  (vgl.  Vernaleken,  Mythen 
300,  Kuhn  nordd.  Sag.  373).  Über  das  Todaustreiben  in  Bayern  vgl.  Panzer 
2,  7  3.  Von  großem  Vortheile  ist  es,  wenn  ein  Sammler  auch  mit  dem  in  diesen 
Gegenden  heimischen  slavischen  Dialekte  vertraut  ist  und  das  darin  Geschriebene 
(z.  B.  von  Hanus,  Erben,  Kulda  und  Jiricek)  mit  Vorsicht  zu  benutzen  versteht. 
Der  Herausgeber  hat  mit  großem  Fleiße  alles  zusammengetragen ,  was  sich  auf 
die  Gebräuche  und  den  Aberglauben  bezieht  und  vieles  aus  mündlicher  Über- 
lieferung geschöpft,  namentlich  über  Götter  und  Dämonen,  Sonne,  Mond,  Natur- 
erscheinungen, Thiere,  Pflanzen,  Kinder,  Hochzeit,  Haus  und  -Hof,  Krankheiten, 
Tod,  Zauber  u.  s.w.  Noch  bleibt  aber  vieles  zu  ergänzen,  was  sich  auf  die 
Festzeiten,  die  gesellige  Sitte  und  die  Volksbelustigungen  bezieht,  in  die  sich 
viel  Kirchliches  eingemengt  hat,  z.  B.  über  den  Fuchssonntag,  Todtensonntag, 
die  Gebräuche  in  der  Charwoche  u.  a.  Der  Herausgeber  scheint  dies  für  einen 
zweiten   Band    aufbewahrt    zu  haben.     Im   Ganzen  werden    hier    16  95   Nummern 


LITTERATUR.  107 

gegeben.    Ein  ausführliches  Sachregister  erleichtert  das  Nachschlagen.    Möge  der 
Verein   den   andern   Band   bald   folgen   lassen. 

WIEN,  im  März  1865.  THEODOR  VERNALEKEN. 

IL 

Handbuch   der   deutschen   Mythologie    mit  Einschluß    der   nordischen. 

Von  Karl  Simrock.    Zweite  sehr  vermehrte  Auflage.    Bonn,  Marcus  1864. 

X  und  631  SS.    8. 

Das  vorliegende  Buch  ist  hinlänglich  bekannt,  und  es  wird  jeder,  der  es 
gelesen  und  gebraucht,  darüber  bereits  seine  Meinung  gebildet  haben.  Die  neue 
Auflage  bietet  von  der  frühern  keine  wesentliche  Verschiedenheit;  Grundanschauung, 
Anlage  und  Beweisführung  sind  mit  geringen  Ausnahmen  die  nämlichen  geblie- 
ben und  gewähren  daher  keine  Veranlassung  zu  abweichender  Beurtheilung.  Es 
ist  daher  gleichgiltig,  wie  in  dieser  Beziehung  die  Ansicht  des  Ref.  ausfällt,  die 
übrigens  sich  der  Mehrzahl  der  zu  seiner  Kenntniss  gekommenen  Urtheile  an- 
schließt, d.  h.  eine  sehr  beifällige  ist,  so  daß  ihm  nur  übrig  bleibt  auf  Einzel- 
nes hinzuweisen,  was  entweder  bei  dieser  neuen  Auflage  eine  besondere  Erwäh- 
nung zu  verdienen  scheint  oder  auch,  wenn  bereits  in  der  frühern  enthalten, 
Anlaß  zu  näherer  Besprechung  bieten  möchte.  So  z.  B.  hat  zwar  Ref.  oben 
bemerkt,  daß  das  Buch  wesentlich  das  nämliche  geblieben  ist;  indess  meldet  es 
sich  jetzt  nicht  ohne  Grund  als  ein  sehr  vermehrtes  an.  Schon  der  äußere  Um- 
fang zeigt  dies  zur  Genüge,  indem  nicht  nur  die  Zahl  der  Seiten  eine  größere 
geworden ,  sondern  auch  letztere  selbst  bedeutend  mehr  enthalten  als  früher. 
Sieht  man  dann  näher  zu,  so  findet  sich,  daß  besonders  §.8  2  Örwandil  und 
der  Apfelschuß  eine  beträchtliche  Erweiterung  erhalten  hat;  Gleiches  findet 
statt  bei  dem  §.9  0  Wali  und  Skeäf  ,  der  jetzt  aus  den  frühern  §§.  9  0  Wali 
und  102  Freyr  und  Skeäf  zusammengeschmolzen  und  überdies  stark  vermehrt 
erscheint,  so  wie  endlich  am  Schluß  vier  neue  Paragraphe  hinzu  gekommen  sind, 
nämlich  140  Rechtsgebrauch,  146  'häusliche  Feste,  Geburt  ,  147  'Hochzeit 
und  148  Bestattung.  Außerdem  aber  bieten  sich  in  dem  ganzen  Buche  zahl- 
reiche, oft  bedeutende  Zusätze  und  Verbesserungen,  welche  zwar  meist  die  Grund- 
ansichten desselben  unangetastet  lassen,  jedoch  größtentheils  als  wahre  Vervollkomm- 
nungen desselben  betrachtet  werden  müssen.  Allerdings  lässt  sich  gegen  manches 
Einspruch  erheben,  so  z.  B.  hat  Ref.  sich  nie  mit  der  Ansicht  befreunden  können, 
als  seien  unter  Widars  Schuh  gute  Werke  zu  verstehen.  Simrocks  jetziger 
Zusatz  zu  Ende  von  S.  13  8,  der  zwar  an  und  für  sich  richtig  ist,  vermag  ihm, 
abgesehen  von  allem  albernen  confessionellen  Zank  noch  immer  keine  andere 
Ansicht  beizubringen.  Was  auch  die  ursprüngliche  Bedeutung  der  weggewor- 
fenen Lederschnitzel,  so  wie  von  Widars  Schuh  gewesen  sein  mag,  jedesfalls 
dünken  dem  Ref.  die  von  Simrock  zur  Unterstützung  seiner  Ansicht  angeführten 
Deutungen  des  T  od  ten  s  c  h  uh  es,  so  wie  der  schottische  Glaube  und  ähnliches 
nur  eine  spätere,  christlicher  Anschauung  entsprungene  Erklärung  unverständlich 
gewordener  heidnischer  Gebräuche  zu  sein ,  wie  dies  ja  so  oft  vorkommt.  Ref. 
ist  weit  entfernt  auf  Zänkereien  oben  erwähnter  Art  eingehen  zu  wollen,  kann 
jedoch  bei  dieser  Gelegenheit  nicht  unterlassen,  verwundert  den  Kopf  zu  schüt- 
teln über  die  vom  Verf.  S.  408  ausgesprochene  Meinung,  daß  sich  nämlich 
nichts  Tadelnswerthes  daran  finde,  einen  heidnischen  Cult,  dem  das  Volk  nicht 
entsagen    wollte ,    durch    Aufstellung    einer    aus    der    Luft    gegriffenen    Legende 


108  LITTEEATUR. 

'christlich  (?)  umzubilden  ,  und  wenn  er  dann  dies  Verfahren  mit  der  Umgestal- 
tung heidnischer  Tempel  in  christliche  Kirchen  vergleicht,  ein  Vergleich,  der 
indess  durchaus  unpassend  ist.  Jedoch  genug  hierüber.  Dagegen  will  Ref. 
hier  noch  kurz  bemerken,  daß  ihm  trotz  der  entgegen  stehenden  Ansicht  Dietrich's, 
der  sich  auch  Simrock  anschließt,  noch  immer  scheint,  als  ob  in  der  Völuspa 
christlicher  Einfluß  durchblickt  und  ihr  deshalb  eine  spätere  Abfassungszeit  zu- 
gelegt werden  müsse.  Ferner  ist  dem  Ref.  der  Gebrauch  aufgefallen,  den  S. 
von  der  Länge  des  nordischen  Winters  macht,  der  je  nach  Umständen  bald 
sieben,  bald  acht,  bald  neun  Monate  dauern  soll  (s.  S.  322.  374.  332.  343). 
Was  ist  nun  das  Richtige?  — 

AVas  die  sonstigen  oben  erwähnten  Zusätze  betrifft,  so  will  Ref.  zu  §.8  2 
(S.  2  6  7)  hier  folgende  Stelle  aus  einer  Arbeit  Garcin  de  Tassy's  anführen,  wo 
es  heißt:  „On  a  souvent  considere  comme  une  legende  fabuleuse  Vhisloire  de  la 
pomme  que  Guillaume  Teil  dut  frapper  d'une  fleche  sur  la  tele  de  son  propre  fils. 
Ce  qui  donne  de  la  probabiliie  ä  cette  opinion ,  c'est  que  la  mime  histoire  se  trouve 
dans  leMantic  qui  a  ete  ecrit  dans  le  douzieme  siede  ainsi  que  dans  les  chro- 
niques  de  la  Scandinauie.  Voici  cette  anecdote.  Un  roi  eminent  affectionnait  un 
esclave  dont  la  beaute  aoait  attire  son  attention.  II  lux  e'lait  tellement  attache  qu  il 
ne  poiwait  rester  sans  s'era  occuper.  II  lui  donnait  le  pr emier  rang  sur  ses  autres 
esclaves;  il  t aoait  toujours  devant  ses  yeux.  Lorsque  le  roi  s'amusait  ä  tirer  des 
ßeches  dans  son  chäteau,  cet  esclave  tressaillait  de  peur,  parceque  le  roi  prenait 
pour  but  une  pomme  quHl  lui  mettait  sur  la  tete.  Or ,  lorsque  le  roi  fendait  cette 
pomme ,  Vesclaoe  e'tait  malade  de  frayeur.  —  Au  surptlus  il  parait  que  la  chose 
est  quelquefois  pratique'e  encore  en  Orient  par  dhabiles  tireurs.  Ainsi,  dans  un 
des  chants  popidaires  p>ersans  publies  par  AI.  Chodzko,  un  domeslique  se  plaint  de 
ce  que  son  maitre  mettait  une  rose  sur  sa  tete  et  s'en  servait  de  cible  pour  de- 
charger  son  fusil".  La  Poesie  philosophique  et  r eligieuse  chez  les 
Persans,  d'  apres  le  Mantic  Utta'ir  etc.  par  G.  de  T.  3me  ed.  Paris  IS  60 
p.  37.  Vgl.  Grimm  D.  M.  35  5,  zweite  Anm. ,  die  durch  das  eben  Angeführte 
Bestätigung  erhält.  —  In  den  neu  hinzugekommenen  Paragraphen  heißt  es  unter 
anderem  S.  553:  In  der  Edda  wird  erzählt,  wie  der  Niflungehord  zu  Stande 
kam:  zur  Mordbuße  für  Hreidmars  Sohn,  den  drei  Äsen  auf  ihrer  Jagd  in 
'Ottergestalt  erlegt  hatten.  An  die  Stelle  des  Goldes  tritt  bei  manchen  Bußen 
Getreide,  dessen  goldene  Körner  auch  sonst  dem  Golde  verglichen  werden  . 
Hierzu  gehört  auch  die  Bemerkung  S.  37  3:  Das  Hüllen  und  Füllen  ist 
nach  RA.  671  altes  Recht  bei  der  Mordbuße  oder  dem  Wergeid.  Da  man 
aber  mit  der  Redensart  die  Hülle  und  die  Fülle  einen  großen  Überfluß 
zu  bezeichnen  pflegt,  so  war  die  Eddische  Erzählung,  als  sich  die  Redensart 
bildete,  in  Deutschland  noch  unvergessen  .  Letzteres  ist  jedoch  keineswegs  die 
nothwendige  Folge  ;  denn  die  Redensart  kann  sich  aus  dem  Rechtsgebrauch  ge- 
bildet haben.  Wie  weit  verbreitet  übrigens  derselbe  einst  gewesen  sein  muß, 
erhellt  daraus,  daß  er  sich  sogar  jetzt  noch  bei  den  Timannis  (östlich  von  Sierra 
Leona)  findet ,  in  Bezug  auf  welche  berichtet  wird :  Les  de'pendans  de  quelques 
chefs  sont  obliges  de  leur  fournir  annuellement  autant  de  rix  quil  en  faul  pour 
couvrir  le  sommet  de  leur  tete,  eux  etant  debout ,  en  plein  air ,  et  le  riz  entasse 
comme  on  ferait  d'une  charge  de  pistolet  pour  cacher  la  balle  dans  la  paume  de 
la  main  .  S.  Latng's  Reise  nach  Timanni  u.  s.  w.  1822,  bei  Albert-Montemont, 
Bibliotheque    universelle   des  voyages  vol.    28    p.   40.     Vgl.   auch    noch  Benfey's 


LITTERATUR.  109 

Orient  und  Occident  2,  682.  —  Da  Ref.  hier  den  Abschnitt  III  'Gottesdienst' 
berührt  hat,  so  will  er  auch  noch  einige  weitere  Bemerkungen  in  Bezug  auf 
denselben  hinzufügen  und  zwar  zuvörderst  eine  nicht  eigentlich  die  Mythologie 
betreffende.  Simrock  erwähnt  nämlich  S.  512  Walther 's  Vermächtnis  s', 
und  dabei  fällt  dem  Ref.  die  berüchtigte  Semmelgeschichte  ein.  Wie  weit  die- 
selbe begründet  sei,  ist  noch  nicht  genügend  festgestellt,  weshalb  es  vielleicht 
nicht  ohne  Interesse  sein  dürfte,  zu  erfahren,  daß  auch  anderwärts  und  zwar 
schon  viel  früher  dafür  Sorge  getragen  wurde,  die  Canonici  gewisser  Kirchen 
mit  Semmeln  zu  versorgen  ,  wozu  man  reichliche  Renten  aussetzte.  Von  dem 
Lütticher  Bischof  Waso  wird  nämlich  berichtet:  Item  Van  müh  et.  LV.  ordinal 
11  evesque  Waso  les  pains  de  semble  que  ons  envoial  as  canoinez  de  son  englise 
et  le  donoit  ons  pluseurs  fois  l  an.  IX.  fois.  et  assenat  le  rentez  plantineusemenl 
et  chu  fist  ilh  par  grant  honour.  S.  Jean  d'  Outremeuse  Chronique  de  Liege 
vol.  II.  fol.  2  31a.  Bibl.  de  Bourgogne  no.  19304.  ■ —  Ferner  heißt  es  bei 
Simrock  S.  518:  Für  die  Vorstellung,  zu  welcher  Sigrdr.  3  Anlaß  giebt,  als 
hätten  die  Deutschen  sitzend  gebetet,  könnten  deutsche  Gräber  sprechen,  welche 
die.  Todten  in  sitzender  Stellung  zeigen.  Diese  Deutung  ist  jedoch  nicht  so 
ansprechend  wie.  jene  andere  D.  M.  1220  angeführte,  wonach  diese  auffallende 
Behandlung  der  todten  Leiber  vielleicht  den  Menschen  wieder  in  dieselbe  Lage 
versetzen  solle,  die  er  vor  der  Geburt  im  Schöße  der  Mutter  eingenommen  habe. 
So  wäre  die  Rückkehr  in  die  mütterliche  Erde  zugleich  Anzeichen  der  künftigen 
neuen  Geburt  und  Auferstehung  des  Embryons  .  Man  vergleiche  hierzu  die  tref- 
fenden Bemerkungen  bei  Bachofen,  Gräbersymbolik  der  Alten  S.  391  cf.  9 1  und 
dessen  Mutterrecht  S.  16b,  wo  dieselbe  Begräbnissweise  auch  bei  den  Troglo- 
dyten  nachgewiesen  wird.  Sie  findet  sich  übrigens  noch  jetzt  in  König-Georgs- 
land (Südküste  von  Neu-Holland) ,  worüber  berichtet  wird :  Les  funerailles  sont 
accompagne.es  de  lamenlations  brnyantes.  On  creuse  une  fosse  de  quatre  pieds  de 
long,  trois  de  large  et  six  de  prqfondeur,  au  bas  de  laquelle  on  depose  une  ecorce 
de  rameaux  verts ,  et  le  corps  par  dessus,  enveloppe  de  son  ?nanteau,  les  genouz 
replies  vers  la  poitrine  et  les  bras  croises;  on  couvre  le  tout  de  branches  etc.' 
S.  Albert-Montemont  1.  c.  vol.  18  p.  42  (nach  Scott-Nind).  —  Über  die  S.  52  6 
erwähnte  Hegung  durch  einen  Seidenfaden  (vgl.  59  5  Brautseide)  hat 
Ref.  im  Philologus  Bd.  19  S.  58  2  ff.  gesprochen  und  Nachträge  in  seiner 
Anzeige  von  Simrocks  Edda  3.  Aufl.  in  den  Gott.  Gel.  Anz.  18  65  gegeben. 
—  Der  kalte  Stein,  welcher  nach  dem  Volksreim  der  Regen  spendende  heilige 
Severin  in  den  Rhein  warf  (s.  S.  54  2)  erinnert  an  den  Regenstein,  über 
welchen  vgl.  den  Ref.  in  den  Heidelb.  Jahrb.  1863,  S.  584;  füge  hinzu 
Oppert  Presbyter  Johannes.  Berlin  1864,  S.  104,  vgl.  102,  Anm.  2.  —  In 
Betreff  des  S.  579  besprochenen  Osterhasen,  der  die  Ostereier  legen  soll, 
so  wie  der  phallischen  Bedeutung  der  rothen  Farbe  vgl.  Bachofen,  Gräbersym- 
bolik, im  Register  s.  vv.  Hase,  Ei  und  Roth.  —  Daß  die  S.  582  erwähnte 
Sage  von  dem  wandelnden  Walde  (worüber  vgl.  Grundtvig,  Danmarks  Gamle 
Folkeviser  1,  2  73  Anm.  und  den  Nachtrag  ebend.  42  7b)  den  von  Simrock  ver- 
mutheten  Ursprung  habe,  ist  nicht  wahrscheinlich,  da  sie  sich  auch  bei  den 
Arabern  findet;  s.  Freytag,  Arabum  Proverbia  2,  8  6  no.  37,  wo  es  heißt: 
Onager  sanguinem  suum  magis  custodit.  —  De  eo  dicitur  qui  multum  cavet ;  onager 
enim  quam  maxime  cautus  est.  Prouerbium  hoc  mulieri  Sarka  Aljemamah  appel- 
latoz  ascribitur.     Viderat  e  longinquo    hostes  advenientes ,    quorum    quüibet    ramo  se 


|  1 0  LITTERATUR. 

tegebat,  ut  sylva  decedere  vklerelur.  Cujus  de  re  certiores  facti  socit  qimm  ejus 
verbis  fidem  non  liaberent  et  ipsa  fugientem  onagrum  eodem  tempore  conspexisset, 
dixit:  Onager  sanguinem  suum  magis  custodit,  quam  pastor  in  grege  sua.  —  Die 
Sitte  des  Mail  eh  ns,  die  Simrock  S.  58  3  bespricht  (vgl.  auch  oben  Bd.  I, 
S.  6  4),  wird  wohl  einst  einen  andern  Sinn  gehabt  haben  und  aus  einer  Zeit 
stammen ,  wo  die  Mädchen  dem  Meistbietenden  zur  Ehe  überlassen  wurden,  wie 
dies  Herodot  1,  196  von  den  Babyloniern  und  illyrischen  Venetern  berichtet, 
so  daß  sich  auf  ein  hohes  Alter  und  weite  Verbreitung  dieses  Gebrauchs  schließen 
lässt.  — ■  In  Betreff  des  S.  585  erwähnten  Gadebasse  vgl.  den  Ref.  in  den 
Heidelb.  Jahrb.  1864  S.  827,  woraus  erhellt,  daß  auch  der  nach  D.  M.  743 
(Simrock  27 1)  in  der  Halberstädter  Procession  umgeführte  Bär  ursprünglich 
ein  Eber  gewesen  sein  wird,  wie  auch  St.  Stephan  (=  Frö)  vermuthen  lässt; 
und  deshalb  wird  ferner  bei  dem  D.  M.  7  45  erwähnten  Wildifer  (Wildefor) 
nicht  die  Bärenhaut,  sondern  der  Name  das  Ursprüngliche  und  letztere  nur  später 
hinzugefügt  sein,  um  einen  vermummten  Tanzbären  zu  erhalten.  Übrigens  scheint 
auch  Grimm  1.  c.  irrthümlich  das  dän.  basse  für  ursus  genommen  zu  haben.  — 
Diese  Bemerkungen  boten  sich  dem  Ref.  gelegentlich  des  oben  erwähnten 
letzten  Abschnittes  des  vorliegenden  Buches.  Was  die  frühern  betrifft,  so  will 
er  noch  folgende  Einzelheiten  hinzufügen,  die  vielleicht  zur  Bestätigung  oder 
Berichtigung  verschiedener  Punkte  dienen  dürften.  So  gleich  zu  S.  2 1  eine  Sage 
der  Eingeborenen  auf  den  Philippinen,  wonach  vor  Erschaffung  des  Himmels 
und  der  Erde  ein  Mann,  Namens  Puntan,  den  leeren  Raum  bewohnte  und  bei 
seinem  Tode  seine  Schwester  beauftragte,  aus  seiner  Brust  und  seinen  Schultern 
Himmel  und  Erde,  aus  seinen  Augen  Sonne  und  Mond,  und  aus  seinen  Augen- 
brauen den  Regenbogen  zu  machen",  s.  Nouveau  Journal  asiat.  8,  3  3.  Hierher 
gehört  auch  ein  chinesischer  Mythus,  welcher  so  lautet :  At  the  death  of  Pioan- 
koo,  a  creature  of  the  Yin-Yang  (i.  e.  the  Dual  principle),  Ms  breath  was  changed 
inlo  wind  and  clouds;  Ms  voiee  into  thunder  -  peals ;  Ms  right  eye  became  the  sun; 
Ms  left,  the  moon ;  Ms  members,  the  four  poles,  and  the  ßve  mountains ;  Ms  blood 
and  humours,  streams  and  rivers;  Ms  sineivs  and  arter ies,   the  terrestrial  globe;  his 

flesh,   land  and  acres ;    the  hair  of  his  head  and  ichiskers,   the  stars ;  the  hairs  of 
his   skin,  plants;  his  teeih  and  bones ,   metal-rock ;  Ms  marrow ,  pearl  and  precious 

.  slones ;  Ms  flowing  Perspiration,  rain;  and  the  insecis  which  stuck  to  Ms  body,  the 
black-haired  people  (Chinese?).  S.  Remarks  on  the  Yih-She,  a  Historical  Work 
of  the  Chinese  in  Fifty  Volumes ,  by  the  Rev.  C.  Gutzlaff  im  Journal  of  the 
Royal  Asiatic  Society  of  Great  Britain  and  Ireland  3,  2  7  3.  —  In  Betreff  des 
Nobiskruges  (S.  160)  s.  eine  Abhandlung  des  Ref.  im  Philologus  Bd.  20, 
S.  3  78  ff.:  Ein  alter  Brauch,  wozu  er  hier  noch  hinzufügen  will,  d;iß  auch 
in  der  Nähe  der  heiligen  Stadt  Mesched  in  Khorassan  sich  auf  dem  Wege  von 
Nischapur  her  eine  Anhöhe,  Salem-Sepessi  (Hügel  des  Heils)  genannt,  befindet, 
von  der  Folgendes  berichtet  wird:  Chaque  pelerin  regarde  comme  un  devoir  reli- 
gieux  de  marquer  son  passage  par  ce  col  en  ajoutant  une  ou  plusieurs  plaques  d'ar- 
doises,  tres-communes  dans  ces  montagnes,  aux  debris  de  la  meine  röche  (d.  i.  Stein- 
art) empiles  par  lex  pieux  predecesseurs  en  nombreux  pyramides  au  sommet  de  la 
montagne  du  saluL  S.  Le  Tour  du  Monde  1861,  IIme  sem.  p.  278.  — 
Mit  der  von  Simrock  S.  2  22  angeführten  Oervaroddssage  vergleiche  man 
die  ähnliche  serbische  (s.  Maßmann,  Kaiserchronik  3,  8  7  0),  deren  Schluß  jedoch 
eine  abweichende  Wendung  erhalten  hat,  obwohl  in  beiden  ein  Schädel  eine  wich- 


LITTERATUR.  1  ]  1 

tige  Rolle  spielt  und  in  letzterer  gleichfalls  eine  Schlange  vorkommt,  wie  in  der 
nordischen  Sage.  Die  serbische  scheint  aus  zwei  ganz  verschiedenen  Theilen 
zusammengeschweißt.  —  Die  von  Simrock  a.  a.  O.  aus  den  7  00  nützlichen 
Historien  mitgetheilte  Geschichte  stammt  aus  Aes.  Kor.  264  (Palm  3  4  9)  TIaig 
Kai  nccz7]Q ;  vgl.  B.  Waldis  3,  40  Vom  Jüngling  und  einem  Löwen'  und  dazu 
Kurz*).  —  In  Betreff  des  Sonnenhirsches  (S.  303.  353  ff.)  will  Ref.  darauf 
hinweisen,  daß  auch  bei  den  Rothhäuten  der  Sonne  das  Bild  eines  Hirsches  ge- 
weiht wurde,  s.  J.  G.  Müller,  Gesch.  der  amerik.  Urreligionen  S.  70,  so  wie 
daß  die  Sonne  bei  den  arabischen  Dichtern  als  Gazelle  bezeichnet  wird; 
s.  F.  G.  Bergmann,  Les  Chants  de  Söl  (Solar  lioct)  Strasb.  et  Paris  1858, 
p.  110,  der  auch  darauf  hinweist,  daß  in  den  semitischen  Sprachen  der  Aus- 
druck Hörn  von  den  Lichtstrahlen  gebraucht  wurde,  wodurch  sich  also  die 
Tödtung  Beli  s  vermittels  eines  Hirschborns  vielleicht  erklären  möchte.  Bergmann 
selbst  deutet  freilich  letztere  auf  ganz  andere  Weise ;  s.  dessen  Fascination  de 
Gylfi  (Gylfaginning)  ebendas.  1861,  p.  303  f.  —  Was  die  Geschwisterehe 
anlangt,  der  wir  bei  Niördr  und  Freir  begegnen  (Simrock  341.  3  4  2),  so  ist  zu 
bemerken,  daß  sich  hierin  der  Überrest  einer  einst  weit  verbreiteten  Sitte  wieder- 
findet, über  welche  zu  vergleichen  Bachofen,  Mutterrecht  im  Register  s.  v.  Schwe- 
ster (Schwesterheirath).  —  Hinsichtlich  der  S.  350  angeführten  zwei  Sagen  vom 
Ertrinken  im  Faß  bemerkt  S.  ganz  treffend,  daß  darin  der  Mythus  von  dem 
Sonnengott,  der  allabendlich  in  den  Fluthen  des  Meeres  untergebt,  nicht  zu  ver- 
kennen sei;  ferner  aber  möchte  Ref.  daraus  auch  auf  uralte,  dem  Sonnengott 
durch  Ertränken  in  Fässern  dargebrachte  Menschenopfer  schließen,  woraus  dann 
eine  gleiche  Todesstrafe  hervorgieng,  die  noch  im  16.  Jahrb.  in  Gebrauch  war; 
so  heißt  es  in  der  Geschiedeniss  van  Antwerpen  etc.  bewerkt  door  Mertens  en 
Korfs.  Antw.  1848  vol.  IV.  p.  50:  Vier  dagen  te  voren  [i.  e.  6.  Juli  1557] 
had  men  op  liet  Steen  [dem  alten  Stadtgefängniss  zu  Antwerpen]  vier  Tierdoopte 
vrouwlieden  in  een  wynvat  verdronken ;  wodurch  also  die  aus  Shakespeare  bekannte 
Sage  von  dem  in  einem  Weinfasse  ertränkten  Herzog  von  Clarence,  dem  Bruder 
Richards  III. ,  einen  historischen  Grund  gewinnen  dürfte.  Über  Todesstrafen 
als  Nachahmungen  von  uralten,  einst  bei  Menschenopfern  zur  Anwendung  ge- 
kommenen Tödtungsweisen  s.  den  Ref.  in  Benfey's  Orient  und  Occident  2,  274  ff. 
—  Warum  bei  dem  Umzüge  des  Isisschiffes  in  Deutschland  besonders  die  Weber 
und  Tuchmacher  und  dann  wieder  die  Frauen  als  die  vorzugsweise  webenden 
eine  so  hervorragende  Rolle  spielten  (S.  3  88  f.  vgl.  5  5  5),  erklärt  sich  daraus, 
daß   man  alle  großen  Naturmütter  als  webende   Gottheiten   aufgefasst  findet    und 


*)  Ebendas.  führt  S.  nach  der  Orkneyingasaga  (steht  auch  in  Heimskringla 
s.  D.  M.  874)  an,  daß  Sigurd  das  Haupt  des  erschlagenen  Schottenfürsten  an  den  Steig- 
bügel (Sattel,  slägolar)  band.  Dies  war  eine  alte  und  weitverbreitete  Sitte,  s.  Grimin, 
Gesch.  d.  Spr.  141;  füge  hinzu  Diod.  5,  29,  der  von  den  alten  Galliern  sagt,  daß  sie 
die  Köpfe  der  getöclteten  Feinde  den  Pferden  um  den  Hals  hängten;  vgl.  Strabo  p.  I!>7. 
Gleiches  findet  sich  in  einem  bretonischen  Volksliede  bei  Villemarque  4""  od.  I,  159  und 
fand  sich  auch  in  einem  norwegischen,  das  aber  jetzt  verloren  ist;  s.  Grundtvig  Dan- 
marks Gamle  Folkeviser  2,  G'441',  in  welchen  beiden  der  Sattel  genannt  wird,  während 
es  wieder  in  einem  hinterindischen  (anamitischen)  Volksgedichte  heißt;  '  Van-tien  .  .  . 
suspend  la  töte  de  son  ennemi  au  cou  de  son  chevaV  S.  Journal  asiat.  VI""  st'r.  :',  153 
und  ebenso  wird  in  Sadi's  Bostan,  übersetzt  von  Graf  1,  \'1'.}>,  dem  gegen  Ilatim  ims- 
gesandten  Mörder,  als  er  zurückkehrt,  entgegengerufen:  Warum  ist  nicht  sein  Kopf 
ans  Pferd  gebunden  V1 


1]2  LTTTERATUR. 

deshalb  auch  die  Saitische  Göttin  Erfinderin  und  Beschützerin  der  Weberei  ist. 
Man  sehe  hierüber  die  schöne  Ausführung  von  Bachofen,  Gräbersymbolik  3  08 
bis  315;  ferner  das  Register  s.  v.  Weben.  —  Auf  die  Gefahr  hin,  eine  an- 
sprechende Combination  Simrock's  zu  zerstören  (S.  4  51),  möchte  Ref.  den  Namen 
des  Meisterdiebes  Agez  nicht  von  Oegir,  sondern  von  dem  ahd.  agalstra  (Elster, 
pica)  ableiten,  woraus  auch  das  wallon.  aguese  herstammt.  Grandgagnage  in  seinem 
'Dict.  de  la  langue  walonne  hat  hierüber  Folgendes:  Aguese  (pie)  .  .  .  ancien 
franc.  agace,  it.  gazza.  De  Vancien  haut  allem,  agalaslra,  dont  la  forme 
abregee  ag  aistra  se  trouve  ap.  Dvcange  v.  Migale;  moy.  h.  allem,  a  g  eist  er, 
ancien  bas  sax.  agastria,  Jwll.  aakster  etc.  Die  diebische  Natur  der  Elstern 
ist  bekannt  und  daher  nicht  zu  verwundern,  wenn  einem  Meisterdiebe  der  Name 
Elster  gegeben  wurde.  Ob  man  hierbei  auch  an  das  zauberische  Wesen  dieses 
Vogels  dachte  (vgl.  Simrock  49  8),  bleibt  dahingestellt.  —  Der  S.  473  (nach 
D.  M.  4  7  9)  erwähnte  Shellycoat  ist  kein  Hausgeist,  sondern  ein  Wassergeist,  über 
den  W.  Scott  in  der  Einleitung  zur  Minstrelsy  of  the  Scottish  Border  bemerkt : 
Shellycoat,  a  spirit  who  resides  in  the  waters,  and  has  given  his  name  to  many 
a  rock  and  stone  lipon  the  Scottish  coast.  Sein  Name  wird  also  wohl  Muschel- 
rock bedeuten,  nicht  Schellenrock  .  Hat  überhaupt  shell  auf  englisch  die  Be- 
deutung Schelle  ?  vgl.  jedoch  Müllenhoff,  Sagen  u.  s.  w.  Anm.  zu  S.  3  19.  — 
Was  die  von  S.  48  4  erwähnte  Sage  vom  Mäusethurm  betrifft,  bei  welcher 
Gelegenheit  des  Ref.  Besprechung  derselben  in  der  Zeitschr.  f.  d.  Myth.  ange- 
führt wird,  will  Ref.  auf  die  Nachträge  dazu  in  seiner  Anzeige  von  Grohmann's 
Apollo  Smintheus  in  den  Heidelb.  Jahrb.  1862,  S.  935  ff.  verweisen,  wobei 
er  seine  dort  ausgesprochene  Meinung  wiederholen  muß,  daß  er  nämlich  seine 
Deutung  des  in  Rede  stehenden  Sagenkreises  zwar  keineswegs  für  die  einzig 
mögliche  halte,  daß  sie  ihm  aber  bis  jetzt  noch  nicht  widerlegt  scheine.  Daß 
Mäuse  oft  für  Seelen  stehen,  thut  hierbei  durchaus  nichts  zur  Sache.  Die  Sage 
in  ihrer  jetzigen  Gestalt  ist  eben  nur  aus  einer  spätem  Deutung  einer  uralten, 
unverständlich  gewordenen  Sitte  hervorgegangen.  Doch  kommt  Ref.  hierauf  wohl 
ein  andermal  ausführlicher  zurück  und  bemerkt  nur  noch,  daß  das  von  S.  ange- 
führte holl.  meisje  nicht  sowohl  Kind  überhaupt,  sondern  Mädchen  bedeutet 
und  mit  Maus,  holl.  muis  in  keiner  etym.  Verbindung  steht;  vgl.  Gramm.  3,  6  85. 
Hiermit  will  Ref.  schließen,  sich  Anderes  zu  eingehenderer  Erörterung 
für  andere  Gelegenheit  vorbehaltend,  will  jedoch  nicht  unerwähnt  lassen,  daß 
das  Register  hätte  vollständiger  sein  können,  sowohl  in  der  Zahl  der  darin  ent- 
haltenen Artikel,  wie  in  den  Verweisungen  selbst  der  letztern,  die  oft  an  mehr  Stellen 
als  den  angegebenen  besprochen  sind,  so  wie  andererseits  der  Druckfehler  in  dem 
Buche  nicht  wenige  und  oft  störende  sind,  namentlich  in  den  Zahlen,  wozu 
auch  gehört,  daß  im  Text  wie  im  Register  nicht  selten  Zahlen  der  frühern  Aus- 
gabe, die.  jetzt  abgeändert  werden  mußten,  stehen  geblieben  sind;  z.  B.  S.  226, 
Z.  14  statt  223  1.  201  u.  s.  w.  u.  s.  w.  So  auch  beziehen  sich  S.  70  die  Zahlen 
405.  408  auf  die  erste  Ausgabe  der  Edda,  die  Zahl  438  auf  die  dritte. 
Ferner  muß  es  S.  123  Z.  4  v.  u.  heißen  'um  Lucifer's  Kette  ;  vgl.  hierzu 
J.  V.  Grohmann,  Aberglauben  und  Gebräuche  aus  Böhmen  und  Mähren,  Prag 
1864,  Bd.  I,  S.  27  no.  133;  —  S.  356  Z.  5  v.  u.  1.  'Natur  der  Verbundenen' 
—  und  S.  361  Z.  2  v.  o.  1.  von  Freya  auf  Frigg.'  —  Doch  genug  hiervon. 
Lieber  will  Ref.  mit  dem  Ausdruck  seiner  Freude  schließen,  daß  Simrock's  Ar- 
beit  jetzt    in    einer    so    bedeutend    vervollkommneten    Gestalt    auftritt,    und    den 


LITTERATUR.  113 

Wunsch    hinzufügen,    daß    es  dem  Verfasser  vergönnt  sei,  sie  noch   oft  auf  die- 
selbe  Weise  zu  erneuern. 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBRECHT. 


Über   den  Ursprung  und    die   Bedeutung    des    Namens  Germanen  von 
K.   A.   F.  Mahn.    Berlin,   Diimmler.    1864. 

Daß  Mahn,  der  die  geographischen  Namen  so  schön  aus  den  sogenannten 
keltischen  Sprachen  erklärt,  meine  Deutung  des  Namens  Germani  annehmen 
würde,  habe  ich  nie  zu  hoffen  gewagt,  und  es  kann  mich  daher  nicht  über- 
raschen ,  daß  er  mich  von  seinem  Standpunkte  aus  widerlegt.  Er  verfährt  dabei 
aufrichtiger  und  unbefangener,  als  Keltologen  zu  thun  pflegen ;  er  will  nicht  mit 
Pfiffigkeit  oder  Gewalt  seine  Ansicht  in  die  Stellen  der  Alten  hineintragen,  son- 
dern er  gibt  zu ,  daß  die  Meinung  der  Alten  eben  die  sei ,  welche  ich  sonder- 
barerweise für  die  richtige  halte,  aber  er  kann  es  nicht  begreifen,  wie  man  der 
modernen  Etymologie  gegenüber  auf  die  Meinungen  der  unwissenden  Alten  das 
geringste  Gewicht  legen  kann.  Die  Sache  stellt  sich  also  sehr  einfach.  Auf 
einer  Seite  steht  meine  Ansicht,  gestützt  auf  Thatsachen  und  ausdrückliche  An- 
gaben der  Alten;  auf  der  andern  Seite  steht  die  Ansicht  Mahns,  gestützt  auf 
die  scharfen  und  festen  Principien  der  etymologischen  Sprachwissenschaft'.  Nicht 
weniger  als  fünf  keltische  Etymologien  des  Namens  Germani  werden  vorgebracht. 
Die  erste  derselben  scheint  dem  Verfasser  zweifelhaft;  aber  die  vier  andern  sind 
vortrefflich  und  eigentlich  untadelhaft,  alle  durch  die  bekannten  scharfen  und 
festen  Principien  neukeltischer  Sprachwissenschaft  gewonnen.  Unbegreiflich  ist 
es  mir,  wie  Mahn  dazu  kommt,  am  Schluß  seines  Schriftchens  mich  öffentlich 
aufzufordern,  deren  noch  weitere  zu  liefern.  Ich  habe  mich  allerdings  dazu  er- 
boten, falls  die  Herren  in  Verlegenheit  kommen.  Nun  sagt  zwar  Mahn,  ich 
bin  in  Verlegenheit  ,  aber  das  ist  ja  nicht  wahr.  Er  mit  seinen  vier  ausgezeich- 
neten Etymologien  hat  kein  Recht ,  von  mir  noch  weitere  zu  verlangen.  Bei- 
läufig will  ich  aber  eine  Ungenauigkeit,  die  mir  entschlüpft  ist,  berichtigen.  Ich 
sage,  Zeuß  habe  den  Namen  als  kleine  Nachbarn'  erklärt;  das  ist  allerdings 
ungenau.  Zeuß  sagt,  Germani  sei  ein  Compositum  aus  ger  und  man:  ger  be- 
deutet vicinus  und  man  parvus  ;  also  sollte  man  meinen,  daß  german  bedeute 
vicinus  parvus  ;  allein  Zeuß  meint,  das  Wörtchen  man  in  german  sei  nicht  das 
bekannte  man  parvus  ,  sondern  ein  anderes  von  unbekannter  und  unmerklicher 
Bedeutung. 

Mahn  spricht  nicht  nur  gegen  meine  Erklärung  des  Namens  Germani., 
sondern  er  findet  auch  noch  Raum,  einige  Beispiele  der  mir  eigenen  Flüchtig- 
keit, die  das  genaue  Zusehen  scheut'  vorzulegen.  Man  wird  erwarten,  daß  Mahn 
selbst  im  genauen  Zusehen  um  so  sorgfältiger  sei.  Leider  ist  es  nicht  der  Fall : 
er  beschuldigt  mich ,  eine  Stelle  aus  Appian  falsch  verstanden  zu  haben ,  ohne 
aber  selbst  die  Stelle  anzusehen,  sondern  mit  Berufung  auf  einen  Artikel  in 
Ilerrig's  Archiv.  Es  diene  ihm  also  zur  Nachricht,  daß  der  unglückliche  Schrei- 
ber jenes  Artikels  seine  Übereilung  bitter  bereut  und  mich  um  Verzeihung  ge- 
beten hat.  Ich  verlange  nicht,  daß  Mahn  dasselbe  thue,  und  es  thut  mir  leid, 
daß  ich  einem  Gelehrten  von   Verdienst  diese  Beschämung  nicht  ersparen  kann. 

HEIDELBERG,  Februar  18G5.  A.  IIOLTZMANN. 


GERMANIA  X.  8 


114  LITTERATUR. 

Biblisches  Wörterbuch,  enthaltend  eine  Erklärung  der  altertümlichen  und 
seltenen  Ausdrücke  in  M.  Luther's  Bibelübersetzung.  Für  Geistliche  und 
Lehrer.  Von  W.  A.  Jütting,  Gymnasiallehrer  zu  Aurich.  Leipzig,  Druck 
und  Verlag  von  B.  G.   Teubner.     18  64.     8.    XVIII  u.    234   S. 

Der  Titelzusatz  Für  Geistliche  und  Lehrer'  sagt  uns  von  vornherein,  daß 
die  Bestimmung  des  vorliegenden  Buches  eine  populäre  sei.  Dieser  Zweck  verbot 
selbstverständlich  eine  bloß  lexikalische  Zusammenstellung  und  eine  lakonische 
Sprache ,  die  dem  Fachmann  oft  am  willkommensten  erscheinen  muß.  Die  ab- 
handelnde Darstellung,  welche  Jütting  wählte,  hat  sicher  für  den,  welcher  in 
diesem  biblischen  Wörterbuch  seine  erste  Belehrung  sucht,  viel  Ansprechendes, 
während  sie  für  den  in  der  Grammatik  und  Lexikographie  Bewanderten  etwas 
Ermüdendes  und  Hinderndes  haben  dürfte.  Wenn  ich  trotz  des  populären  Zweckes 
und  der  dadurch  bestimmten  Form  das  vorliegende  Buch  in  der  Germania  zur 
Anzeige  bringe,  so  geschieht  es,  weil  mir  dasselbe  auch  in  gelehrter  Hinsicht 
eine  anerkennenswerthe  und  für  das  Studium  des  Neuhochdeutschen  sehr  förder- 
liche und.  brauchbare  Arbeit  zu  sein  scheint.  Der  Verfasser  bewährt  überall 
tüchtige  Kenntniss  sowohl  der  altern  Sprache  überhaupt  als  insbesondere  des 
Lutherischen  Sprachgebrauchs.  Auch  hat  er  bisweilen  mit  Recht  auf  neuere 
Schriftsteller  und  auf  die  lebende  Mundart  Bedacht  genommen.  Eine  beträcht- 
liche Anzahl  von  Quellen  und  Hilfsmitteln  hat  er  fleißig  benutzt  und  außerdem 
erfreute  er  sich  thätiger  Beihilfe ,  namentlich  von  Seite  Prof.  Weigand's  in 
Gießen,  dem  das  Buch  auch  gewidmet  ist.  —  Es  sei  gestattet,  zu  einigen  Ein- 
zelheiten  ein   paar  Bemerkungen   und  Nachträge   zu  geben. 

Seite  1 6  wird  erwähnt ,  daß  Luther  bawen  (für  bauen) ,  wie  trawen  für 
trauen,  Sawerteig  für  Sauerteig  u.  s.w.  schrieb,  und  hinzugefügt:  Dieses  w,  ein 
Halbvocal,  entsteht  durch  Contraction  der  Lippen  aus  u,  wie  in  der  lat.  Schrift 
das  w  aus  zwei  u  (v)  besteht  und  deshalb  von  Engländern  auch  dobble  u  ge- 
nannt wird,  wie  sie  es  auch  ohne  Berührung  der  Oberzähne  und  der  Unterlippe 
sprechen.  Hier  ist  ein  linguistisches  und  phonetisches  Princip  mit  einem  ortho- 
graphischen unrichtig  in  Verbindung  gebracht.  Jenes  w  ist  zu  Luther's  Zeit 
kein  Halbvocal,  sondern  vertritt  den  Vocal  u  und  ist  zugleich  eine  Reminiscenz, 
ein  orthographischer  Archaismus  in  solchen  Worten,  denen  die  Ableitungs-Spirans 
w  zukam. 

S.  2  6  wird  bei  Gelegenheit  der  Betrachtung  der  Vorsilbe  ge,  die  früher 
viele  Infinitive  (soll  heißen  Verba)  hatten,  sie  aber  jetzt  abgeworfen  haben,  ge- 
sagt, jene  Vorsilbe  fehle'  oft  bei  Luther,  wo  wir  sie  haben.  Nach  dem  That- 
bestand  ist  dies  ganz  richtig,  es  ist  aber  nicht  gut  grammatisch  ausgedrückt. 
Die  Silbe  fehlt'  nicht,  sondern  die  Lutherische  Zeit  bedurfte  ihrer  nicht,  wo 
wir  sie  eingeführt  haben.  Gerade  in  solchen  kleinen  Dingen  muß  man  im  Aus- 
druck äußerst  behutsam  sein,  namentlich  Laien  gegenüber,  die  sonst  allzuleicht 
die  Ansicht  erhalten  oder  in  ihr  bestärkt  werden,  als  sei  der  frühere  Gebrauch 
ein  unrichtiger  gewesen,  den  die  glückliche  und  erleuchtete  Nachwelt  beseitigt  habe. 

Seite  36.  Zu  Dolmetscher  (tohneczer  vom  mhd.  Wb.  III,  46  aus  dem  Vocab. 
Vrat.  angeführt)  kann  ich  hinzufügen ,  daß  diese  erst  vom  Verbum  (lohne Ischen 
genommene    Bildung   anstatt   der   früheren    und   organischen   dolmetsch,    tobnetsche, 


LITTERATUR.  H5 

lohnetze  schon  vorkommt  in  der  mitteldeutschen  Übersetzung  der  vier  Evangelien 
und  der  Vorreden  des  Hieronymus  vom  J.  1343  (s.  Germ.  7,  22  6  ffg.) ,  mit 
deren  Herausgabe  ich  gerade  beschäftigt  bin,  und  zwar  in  den  Formen  tohuelsclier 
und   tolmetschere,  letztere  wohl  =   tolmetschere,   tolmetschozre. 

S.  5  2.  Beim  Worte  Fahr  wird  gesagt,  daß  diese  Form'  allmählich  der 
Form  Gefahr  gewichen  sei.  Gefahr  ist  aber  Fahr  gegenüber  keine  Form,  son- 
dern eine  Bildung':  ein  Unterschied,  der  auch  sonst  nicht  immer  genau  fest- 
gehalten wird. 

Seite    71,    Zeile    19    von   oben   ist  geligen   statt  geliegen  zu   schreiben. 

S.  9  7.  Zu  Jüngster  Tag'  und  Jünger  hätten  wir,  wie  überhaupt  bei 
allen  aus  alter  Zeit  stammenden  biblischen  Terminis  gewünscht,  daß  der  Ver- 
fasser Raumer's  Einwirkung  des  Christenthums  auf  die  althochdeutsche  Sprache 
angezogen  hätte.  Es  ist  allerdings  recht  oft  geschehen,  allein  hier  war  Gleich- 
mäßigkeit und   Consequenz  geboten. 

S.  112  wird  über  das  Wort  Lauberhüttenfest  und  die  seltsame  Form 
Laubrüst  gehandelt.  Aus  jener  mitteldeutschen  Bibel  kann  ich  eine  noch  ältere 
Form  als  laubrosz ,  das  der  Voc.  theut.  vom  J.  1482  gewährt,  nachweisen,  die 
vielleicht  die  älteste  ist,  nämlich  louberat.  Die  Vulg.  hat  scenopegia,  der  griech. 
Text  CK7]vont]yta,  im  Deutschen  wird  also  wohl  auch  eine  Zusammensetzung 
stehen,  und  da  liegt  nahe  loube-rat,  loube-rät,  Bildung  wie  Vorrath,  Hausrath, 
was  dem  Originalworte  entsprechen  würde:  Hüttenzurüstung,  Hütteneinrichtung. 
Im  mhd.  VVb.  II,  1,  72  6  wird  das  Wort  unter  louprise  stf.  gestellt.  Sollten 
zwei   Worte  zusammengeflossen  sein? 

S.  155,  5G.  Der  Artikel  Rosinfarbe  ist  trefflich  und  verdient  besondere 
Beachtung. 

S.  18  7.  In  der  Anmerkung  heißt  es  :  Luther  hat  eu  oder  eio  fürs  mhd. 
im:   Kreitel,  Reuter,   leuget    u.  s.w.    Wie  kommt  Reuter  unter  diese  Worte? 

JENA.  REINHOLD  BECHSTEIN. 


Barlaam   und  Josaphat,    ein   altfranzösisches   Gedicht    aus   dem   XIII.   Jahrh. 
von   Gui   de   Cambrai   nebst  Auszügen    aus   anderen   romanischen   Versionen 
herausgegeben   von   Hermann   Zotenberg    und    Paul    Meyer.      Stuttgart 
(LXXV.   Public,   des   litt.   Vereines)    18  65.     8.     419    Seiten. 
Das   Schlußwort    bespricht    zuerst  die   Geschichte  des  Buches.    Daß   es   auf 
buddhistischer   Grundlage   beruhe,   hat  Liebrecht's   epochemachende   Untersuchung 
auf's   Deutlichste    gezeigt;     die   Herausgeber    bringen     nun   Manches    bei,    um    zu 
erklären,    wie   ein   derartiges   Werk   aus  Indien    nach   dem   Westen  wandern    und 
dort   christlichen  Begriffen   angepasst  werden  konnte.    Die  Urschrift   ist   griechisch  ; 
ob   sie  von  Johannes  Damascenus   herrühre,   ist  mehr   als   zweifelhaft.    Die  Ansicht 
der   Herausgeber    über   diesen    Punkt    erhellt    aus    ihrer    Darstellung    nicht    ganz 
deutlich;   sie   erblicken   in   dem   Verfasser  einen   syrischen   Christen,    welcher   zwi- 
schen   dem    7.    und    8.    Jahrhunderte    das    Werk    in   Ägypten    niedergeschrieben 
haben    soll;     die    zwei    ersten    Umstände    passen    nun    auf    den   Damascener   voll- 
kommen;  ob   auch   der   dritte,   der   Aufenthalt   in    Ägypten,   weiß   ich   nicht   anzu- 
geben.   Aus  dem  Griechischen  flössen   dann  einerseits  die   orientalischen  Versionen, 
über   welche   die   Herausgeber   ausführlich   berichten,     andererseits   die   uns    näher 


Uß  LITTERAT  UR. 

ansehenden  occidentalischcn.  An  der  Spitze  der  letzteren  steht  die  lateinische 
Übersetzung,  welche  zum  Theile,  besonders  in  den  dogmatischen  Abschnitten, 
tt'.s  eine  Abkürzung  zu  bezeichnen  ist  und  mit  den  AVorten  :  Cum  coepissent  mona- 
steria  etc.'  anhebt.  Sie  findet  sich  in  zahlreichen  Handschriften  und  wurde  schon 
im  15.  Jahrh.  gedruckt.  Auszüge  davon  kommen  auch  vor;  so  z.  B.  derjenige, 
den  Reifienberg  nach  einer  Hs.  des  XV.  Jahrhs.  der  Brüsseler  Bibliothek  ab- 
drucken ließ,  die  bei  Vincenz  von  Beauvais  ),  bei  Jacob  von  Voragine  u.  s.  w. 
An  prosaischen  Übertragungen  und  Bearbeitungen  hat  das  Mittelalter  viele  auf- 
zuweisen :  die  durch  Bartsch  bekannt  gewordene  provenzalische,  aus  welcher  hier 
weitere  Bruchstücke  mitgetheilt  werden ;  dann  eine  französische  in  zwei  Hss.  der 
kais.  Bibliothek  zu  Paris  und  in  einer  der  Vaticana,  aus  welcher  ebenfalls  manche 
Proben  gegeben  werden.  In  Italien  erfreute  sich  diese  Erzählung  einer  großen 
Verbreitung;  noch  heutzutage  ist  sie  dort  eines  der  beliebtesten  Volksbücher. 
Schon  Bortari,  der  zu  Rom  17  34  eine  Ausgabe  nach  den  Hss.  veranstaltete, 
bemerkt  in  der  Vorrede  das  Auseinandergehen  der  einzelnen  Hss. ;  der  Hand- 
schriften-Katalog der  Bibliothek  Earsetti  (Venedig  177  1-80.  I,  240,  291,  294)  er- 
wähnt deren  drei,  die  alle  auf  verschiedene  Art  beginnen  und  nach  Morelli's  Angabe 
von  der  eben  erwähnten  Ausgabe  abweichen.  Es  würde  nicht  ohne  Nutzen  sein, 
diese  verschiedenen  italienischen  Versionen  zu  vergleichen,  und  deren  Verhältniss 
zu  einander  und  zum  Lateinischen  zu  bestimmen.  Einen  willkommenen  Beitrag 
zu  einer  solchen  Arbeit  werden  die  Proben  bieten,  welche  die  Herausgeber  au3 
drei  Hss.   der  Pariser  Bibliotheken  mittheilen. 

An  metrischen  Bearbeitungen  erwähnen  die  Herausgeber  die  von  Rudolf 
von  Ems,  und  die  zwei  anderen  deutschen,  wovon  nur  einzelne  Bruchstücke  be- 
kannt sind,  und  über  welche  Pfeiffer's  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  des  Gedichtes 
Rudolfs  und  'Forschung  und  Kritik'  nachzusehen  sind.  Man  kann  noch  auf  die 
niederländischen  Fragmente  hinweisen,  welche  im  Jahre  1840  im  Taalk.  Magazyn 
IV,  20-42  abgedruckt  wurden;  sie  gehören  höchstwahrscheinlich  dem  verlornen 
zweiten  Theile  des  Spiegel  Historiael  von  Jacob  van  Maerlant  an  und  sind  als 
solche  in  die  von  de  Vries  und  Verwijs  besorgte  Ausgabe  letzteren  Werkes 
II,  21-30  aufgenommen  worden.  Eine  englische  Bearbeitung  weist  Warton 
II,  493  in  einer  Bodlejanischen  Hs.  nach;  ob  sie  gedruckt  worden,  ist  mir 
unbekannt. 

Frankreich  hat  ebenfalls  drei  metrische  Versionen  aufzuweisen  :  l)  von 
Gui  de  Cambrai,  die  hier  abgedruckte,  2)  von  Chardry,  einem  anglonormannischen 
Dichter  in  einer  Londoner  und  einer  Oxforder  Hs.,  3)  von  einem  Unbekannten 
in  einer  Hs. ,  welche  nach  der  Hist.  litt.  XV,  484  der  Abtei  Marmoutiers  an- 
gehörte ,  jetzt  aber  in  der  Bibliothek  zu  Tours  aufbewahrt  wird ,  und  in  einer 
Hs.  zu  Carpentras.  In  Bezug  auf  die  zweite  Version,  die  sehr  knapp  gehalten 
sein  muß,  da  sie  aus  bloß  2  9  24  Versen  besteht,  verweisen  die  Herausgeber  auf 
de  La  Rue  und  Michel ;  aus  der  dritten  theilen  sie  einige  Proben  nach  beiden 
Hss.  mit. 

Gui  de  Cambrai  nennt  sich  wiederholt  (14  0,  30  und  16  3,  27)  als  Ver- 
fasser; er  meint,  Johannes  von  Damascus   habe  das  Werk  ins  Lateinische  über- 


*)  Buch  XV.  nicht  LXV.,  ein  Druckfehler,  dem  man  zuerst  bei  Grässe,  dann  bei 
Reiffenberg,  dann  wieder  in  Grässe's  Tresor  und  jetzt  noch  einmal  bei  unseren  Heraus- 
gebern begegnet.    Das  Speculum  historiale  (Duaci  1624)  besteht  aus  31  Büchern. 


LITTERATUR.  U7 

setzt  (ein  Irrthum,  den,  wie  bekannt,  auch  Rudolf  v.  Ems  begeht  und  der  wahr- 
scheinlich im  Mittelalter  allgemein  verbreitet  war) ;  Johann ,  Dechant  zu  Arras, 
habe  es  dann  nach  Arrouaise,  einer  Augustinerabtei  in  der  Diöcese  von  Arras, 
gebracht.  Aus  durchaus  überzeugenden  Gründen  sehen  sich  die  Herausgeber 
veranlasst,  in  letzterem  Johannes  von  Beaumez  zu  erblicken,  welcher  der  21. 
in  der  Reihe  der  Dechante  von  Arras  war,  und  von  1200-1212  in  Urkunden 
erscheint.  Am  Anfange  und  Ende  (2,  1-3  und  298,  31-34)  gedenkt  Gui  seines 
Gönners,  des  Herrn  Gille  (als  Object  Gillon)  de  Markais  und  seiner  Frau  Marie- 
zu  ihrem  Frommen  habe  er  das  Werk  gedichtet;  deren  Namen  würde  so  lange 
wie  die  Christenheit  bestehen.  In  der  Histoire  de  Cambray  von  Le  Carpentier 
(II,  7  6  2)  finden  nun  die  Herausgeber  einen  Guillaume  de  Markais  oder  Marquais 
erwähnt,  welcher  im  Jahre  1228  mit  Einwilligung  seiner  Frau  Marie  v.  Haplaincourt 
einer  Abtei  eine  Schenkung  macht.  Die  Herausgeber  sehen  in  ihm ,  wohl  mit 
Recht,  den  Gönner  Gui's ;  auf  gewisse  historische  Anspielungen  gestützt,  setzen 
sie  dann  die  Abfassungszeit  des  Gedichtes  in  die  vierziger  Jahre  des  XIII.  Jhs. 
Die  Untersuchung  ist  mit  großem  Geschicke  durchgeführt  und  das  Ergebniss 
recht  überzeugend.  Es  schiene  nun  natürlich ,  daß  die  Herausgeber  daraus  den 
richtigen  Gewinn  gezogen,  und  die  genaue  Kenntniss  der  Heimat  und  des  Zeit- 
alters des  Dichters  als  willkommenes  Hilfsmittel  bei  der  Behandlung  des  Textes 
benützt  hätten.  Sie  machten  aber  leider  keinen  derartigen  Versuch  und  begnügten 
sich  mit  dem  Abdrucke  einer  Handschrift,  an  der  sie  nur  hie  und  da  offenbare 
Fehler  berichtigten.  Wir  bedauern  dies  herzlich.  Denn  wenn  je  einer,  so  ist 
Paul  Meyer  (jener  der  Herausgeber,  welcher  wohl  an  der  Ausgabe  des  Textes 
den  größeren  Antheil  gehabt  haben  wird)  zu  dem  berufen,  was  man  nunmehr 
mit  Ungeduld  von  der  französischen  Philologie  erwartet:  daß  sie  die  sprach- 
lichen Eigentümlichkeiten  jener  (leider  nicht  zahlreichen)  Schriftsteller,  von 
denen  es  bekannt  ist,  welcher  Zeit  und  Gegend  sie  angehören,  gründlich  erforsche 
und  aus  dem  Reimgebrauche,  aus  Urkunden  u.  s.  w.  eine  solche  Anzahl  von 
sicheren  Criterien  zusammenzubringen  suche,  als  erforderlich  ist,  um  die  heraus- 
zugebenden Denkmale  der  ursprünglichen  Gestalt  so  nahe  als  möglich  zu  bringen. 
Aus  Furcht  vor  Willkür  sollte  man  sich  der  Willkür  eines  Schreibers  nicht 
unterwerfen.  Und  wären  auch  die  ersten  Versuche  mit  einigen  Fehlgriffen  ver- 
bunden, so  sollte  man  sich  dadurch  nicht  abschrecken  lassen;  es  genügt,  über 
sein  Verfahren  genaue  Rechenschaft  zu  geben  und  so  jeden  in  den  Stand  zu 
setzen,   dasselbe   zu   beurtheilen   und   Besseres   vorzuschlagen. 

Aber  auch  vom  Standpunkte  jener  bescheideneren  Kritik,  welche  in  allem 
der  Überlieferung  treu  folgt ,  können  wir  uns  mit  vorliegender  Veröffentlichung 
nicht  vollkommen  einverstanden  erklären.  Es  sind  zwei  Hss.  des  Werkes  Gui's 
bekannt:  die  hier  benützte  —  Bibl.  imp.  fonds  franc.  15  53  (olim  7  5  95)  — 
und  eine  zu  Montecassino ,  von  Buchon  (Nouv.  recherches  sur  la  prineipaute 
franeaise  de  Morde  II,  362  ff.)  zuerst  nachgewiesen.  Letztere  enthält  um  20  00 
Verse  mehr;  welcher  Unterschied  sich  dadurch  leicht  erklärt,  daß,  wie  auch  die 
Herausgeber  bemerken,  die  Pariser  Hs.  an  mehren  Stellen  lückenhaft  ist.  Außer 
den  Lücken,  welche  den  Gang  der  Erzählung  unterbrechen  und  daher  in  hohem 
Maße  stören,  fehlt  auch  am  Ende  der  Bericht  über  die  Auffindung  der  Leichen 
Barlaam's  und  Josaphat's ,  welcher  in  der  Hs.  von  Montecassino  nach  Buchon's 
Mittheilungen  enthalten  ist.  Es  ist  zu  verwundern  ,  daß  sich  die  Herausgeber 
zu  einer  solchen   unvollständigen  Veröffentlichung  entschlossen.     Bei   Denkmälern 


118  LITTE  RAT  HR. 

von   großer  Bedeutung   mag   man   sich  beeilen,   das,   was  einem    gerade   nahe  liegt, 
zu   veröffentlichen,    und   es   den   Nachfolgern   überlassen,    das   bekannte   aber   un- 
zugängliche Material  weiter  zu  benützen;   an  eine   zweite  Ausgabe  eines  Werkes, 
wie   des   vorliegenden,     ist   aber  wohl    nicht   zu   denken,    und   da   kann    mau   mit 
Recht    fordern ,     daß     alle    vorhandenen     Hilfsmittel    benützt   werden.       Die     lis. 
von  Montecassino  hätte  höchst  wahrscheinlich  nicht  bloß   die  Lücken   ausgefüllt, 
sondern   auch   zur  Berichtigung   des    in   der  Pariser  Hs.   Vorhandenen   wesentlich 
beigetragen.    Denn   letztere   gehört  in  der  That  nicht  unter  die   besten.    Schon  die 
Herausgeber   machten   die   Bemerkung,   daß   Fehler  wie  naist  für  ne,  die   bestän- 
dige Verwechselung   der  Endconsonanten,   besonders   bei  Verben  —  zu  den  in  den 
Anmerkungen   erwähnten  Fällen  könnte   man  hinzufügen    2  4,    12    tous  statt   toul; 
5  8,    38    rechoit   (recipe) ;     7  7,    2  1     iert   (ero);     84,    2  0    esgarde  statt   des  Perfect 
esgardai;   150,  3  6  fors  statt  fort  (fortem) ;   15  9,  1   dois  (debeo) —  der  Vermuthuug 
Raum   geben,   daß  dem   Schreiber  dictiert  worden   sei*);   andererseits   aber   deutet 
die  Verwechselung   von  ähnlich  aussehenden  Schriftzeichen    (s,   f  und   l,   l   und   /, 
t  und  r)  auf  einer  Abschrift  aus   einer  Vorlage.     So  wird  z.   B.    31,  18   se  lasse 
in   le  lasse  zu   emendieren   sein    er  verlässt   die   Wüste';    vgl.    4  8,    13,  wo   eben- 
falls  lasse    (:   trespasse)    für    laisse   steht.   —    34,    10    l'en  serai ;    wohl    Ven.  — 
3  9,    7    eMails  qui  chou  reßsent  dire;  gewiss   te  fisent.  —   44,    12    SC  remist;  lies 
le  rem.  —    46,    1    Sus  fait;    ich    vermuthe    S'as    fait.   —    48,    17    vielleicht   le 
Inen  statt  st  b.    —    5  0,    7    te   puet   kann  angehen;    deutlicher  wäre    le  pnet.  — 
6  0,    2   ne  fu  conte's.     Soll   es   nicht  me  heißen?   —    154,   3  8    Hebregie'  Vas ;    lies 
ras.  —   155,    28    Conlre  les  dex ;    wohl   les   d.  —   2  7  9,    3  6    11  se   regarde ;    lies 
le  reg.     Schon   diese   wenigen  Proben   zeigen,   daß  wir  es  mit  keiner  sehr  sorg- 
fältigen   Abschrift    zu    thun    haben;     andere    Emendationen    (vielleicht    auch    nur 
Berichtigungen   von   Druckfehlern) ,   die   sich   mir  bei   einmaligem  Durchlesen   dar- 
boten ,   erlaube  ich  mir  hier  vorzuschlagen : 

19,    3  0    Tout  tes  chaviavs ;  1.   tont    schneide^deine  Haare  ab. 
2  0,    14   Engigna    molt   s'ire.    Wohl    engrigna  engraigna     vermehrte,   ver- 
größerte'. 

2  0,    1  7  ff .   Avenir  begegnet  zwei  Mönchen  si  lor  demande     Ki  les  conduist 
parmi  sa  lande,     Vont  sans  duetor?  die  dist  li  rois:    Ki  vons  conduist  par  mes 
■    destroisf    Ich   lese     Vous  sousduitor     (üos  seduetores). 

26,  21  Josaphat  begegnet  einem  Aussätzigen  und  einem  Blinden;  er  fragt 
seine  Begleiter :  Avient  ü  chou  ä  loute  gent  ?  —  Nenil,  ä  tes  i  a  asse's,  Mais 
h  pluisours  vient  enfretes  (durch  Metathese  statt  enferte's  infermetes).  Was  soll  a  les 
bedeuten  ?  .  Ich  lese :    Nenil,   santös  i  a  asse's. 

2  7,  33 — 34  Tout  enriellissent  et  tont  vout  Se  mors  anchois  ne  les  retoxit. 
Lies   vont,   retont.    Vgl.    2  64,    30. 

30,  6  ne  sei  avoir  im  fner  Comment  il  eschaper  le±doie  ließe  sich  ver- 
theidigen.    Deutlicher   wäre  veoir. 

32,  3  2  ff.  Barlaam  spricht:  Moll  par  est  fols  ki  riens  oublie.  Quel 
rnestier  ai  or  te  dirai ,  Une  rien  c'oublie  i  ai.  Die  Hs.  hat  ail.  Und  dies  ist 
richtig.  fDas   l  ist  Enclitica  statt    li;    vielleicht   ist  sie  als  Proclitica  vor  äit    zu 


*)  Nur  in  einer  Anmerkung  wage  ich  vorzuschlagen:  289,  23  Ahne  statt  Estmais; 
115,  12  l'esme  rien  statt  le  mairien. 


LITTERATUß.  119 

setzen;  vgl.  z.  B.  3  6,  2  0  Se  tu  ses  riens  ki  mestier  m'ait;  in  jedem  Falle  ist 
der  Schlußpunkt  nach  oublie  und  das  Komma  nach  dirai  zu  tilgen,  nach  ait  aber 
ein  Semicolon  zu  setzen  :  Ein  Thor  ist,  der  etwas  vergisst,  was  ihm  zu  Statten 
kommt ;   nun   will   ich   dir  etc. 

33,    15    Mais  ne  te  voi  pas  menteour.     Vielleicht   croi. 

35,  19  Die  Form  doie  (debco)  ist  verdächtig.  Soll  nicht  doi  je  gelesen 
werden  ? 

3  6,    17    nid  komme  se  Iritis        Ki  aigke  traie  de  mon  pais.     Lies   ne. 

4  3,  1  Statt  ki  lies  si;  eben  so  glaube  ich,  daß  230,  28;  236,  12; 
2  7  3,  6    (wo  aus  Versehen  KH  gedruckt  worden)   ki  als   chi    hier     aufzufassen   sei. 

7  3,  6  Entrues  k'il  en  mangilt  s 'oublie  Les  bestes  rungent.  Ich  vermuthe 
en    tnangeant. 

90,  1 4  ff.  Die  ganze  Stelle  ist  nicht  deutlich.  Unzweifelhaft  scheint  mir 
aber,  daß,  wo  die  Herausgeber  uns  fumes  naist  Ki  par  douchour  desine  plais[t] 
setzen,  mit  der  Bemerkung,  desine  sei  ein  ganz  ungewöhnliches  Wort,  man  de 
s'eve    seines   Wassers    zu  lesen   hat. 

94,  2  4  Eine  Reihe  von  Antithesen  folgt  auf  einander;  gewiss  also  ist  il 
est  en  Vame  molt  rians  zu    lärme  zu  emendieren. 

112,  19  nen  est  ne  biel  ne  gent  Q,ue  povres  liom  ait  ricke  donne.  Lies 
al  ricke.     V.    2 1    Mais   tant  i  a   verstehe   ich   nicht. 

12  2,    14   Der  Sinn  fordert  le  meteroies  statt  me  met. 

129,  7 — 8  sind  wohl  nur  eine  Variante  von  5-6.  Eines  von  diesen 
Verspaaren   wäre   zu   streichen. 

145,    30    Tel  nouviele  dl  chi  de  toi.    Nicht  oi  (audio)   oder  ol   (audivi)? 

14  9,  8  Ich  lese:  Comment  auroie  dont  savoir  Se  jou  tes  dex  mercki  prioie? 
Wie  würde  ich  Verstand  haben  (wäre  ich  verständig),  wenn  ich  von  deinen  Göt- 
tern  Gnade  erflehte  ? 

17  2,    38   Wohl    U  voelle  u  non  morir  Vestuet. 

210,    19    Ich   vermuthe:  Le  bien  ses,  nel  vels  kebregier. 

231,  28  Se  jou  por  toi  ä  loi  aperte  Dont  seroil  male  ma  deserte.  Da 
auch  Vers  2  7  mit  Se  jou  anfängt,  vermuthen  die  Herausgeber,  daß  diese  Worte 
in  einem  der  zwei  Verse  irrthümlich  stehen.  Dies  ist  nicht  der  Fall.  Nur  ist 
zu  lesen   Se  jou  por  toi  ahne  a  perle.     Der  Sinn  passt  vollkommen. 

2  6  5,  2  3  on  ne  puet  ades  ovrer.  Ich  zöge  vor  ourer  (orare)  denn  man 
kann    nicht   immer   beten  . 

2  6  8,    9    Der   Sinn   scheint   mir  ma  pensee   statt   ta  p.   zu   fordern. 

2  71,   24    Im   Zusammenhang«  passt  nur    pecce  peche  (peccat),    nicht  pense. 

27  2,  34  Est-ckou  mesfais  de  Uli  vestir.  Lid  ist  gewiss  unrichtig;  viel- 
leicht  biel;    vgl.    v.    3  8. 

2  90,    5    Wohl    C'om  n'en  i  puet. 

Anders  trennen  oder  verbinden  würde  ich:  2  9,  3  2  s'a;  38,  25  cid  ßs 
aler  scheint  mir  deshalb  nicht  richtig,  weil  der  Hornbläser  am  vorhergehenden 
Tage  geschickt  worden  war;  cid  kann  ja  auch  Accusativ  sein.  117,  23  enhai 
(vgl.  152,  34);  118,  10  Ki  =  k'il;  151,  3  4  c'en  est;  153,  8  desaisine 
('Verlust');    2  7  7,    3  5    endroit. 

Als  Druckfehler  sind  anzusehen:  3  8,  23  cors  statt  cor;  3  9,  21  demandent 
st.  demande;  42,  1  rois  st.  rot;  47,  37  es  st.  est;  60,  7  lousignoit  st.  -oil; 
109,   3    convretoirs  st.   couo.\    111,    3  8   de  donroi  st.   te  d.j    2  6  2,    3  6    tos  drois 


120  LITTERATÜR. 

st.  les.  Auch  die  Unregelmäßigkeit  der  Interpunction  wird  zu  gutem  Theile  der 
Setzer  verschuldet  haben;  so  ist  z.  B.  14,  21  das  Komma;  80,  5  und  15  6,  12 
der  Punkt  zu  streichen;  43,  6  nach  dort  kommt  ein  Fragezeichen;  95,  3  nach 
misere  die   Anführungszeichen;    15  7,    2  7    ein   Punkt   nach   dignite   u.  s.  w. 

Andere  wenig  deutliche  und  wahrscheinlich  verderbte  Stellen  wären:  9,  12; 
35,  23;  57,  9  {virgenes  passt  durchaus  nicht);  83,  19 — -21;  125,  2;  130,  28; 
13  7,  16;  238,  16;  240,  19.  Über  diese  und  manche  andere  Stellen  würde 
man  gerne  die  Ansicht  der  Herausgeber  erfahren,  welche  unserer  Meinung  nach 
nicht  hinreichend  bemüht  waren,  das  Verständniss  des  von  ihnen  herausgegebenen 
Denkmales  zu  erleichtern.  Gerade  in  den  Veröffentlichungen  des  Stuttgarter  Ver- 
eines, welche  mehr  für  einen  Kreis  von  Freunden  der  Litteratur  als  von  Fach- 
leuten bestimmt  sind ,  sollte  man  an  Erläuterungen  nicht  sparen.  Und  selbst 
Romanisten  werden  nicht  ganz  im  Klaren  sein  über  die  Bedeutung  von  Wörtern, 
wie  1,  2  3  sougire ;  2  7,  7  aguares;  9  6,  8  merage;  17  2,  19  fevent  (ferent?  lat. 
feriunt);  19  2,  19  anquetes ;  19  7,  3  3  ainne ;  203,  1  sans  ebryu;  241,  38  pastore; 
2  6  9,  18  alamir;  282,  2  9  rasali.  So  würde  man  gerne  erfahren,  ob  die  Heraus- 
geber wirklich  die  Form  escuer  (2  7,  37)  als  berechtigt  betrachten;  uns  scheint 
sie  eher  ein  Fehler  statt  eskiver  zu  sein.  Ist  tangonne  (238,  14)  richtig  oder 
soll  vielmehr  tanronne  gelesen  werden  ?  Den  Mangel  eines  Glossars  wird  Mancher 
lebhaft   empfinden. 

Noch  ein  Wort  über  den  Reim.  Er  ist  oft  bloß  assonierend :  12,  15 
femme  :  regne;  2  7,  23  personne:  komme;  34,  31  reperirent  -.habitent  (die  Stelle  dürfte 
verdorben  sein);  53,  3  7  eslonge  (esloigne?)  :  embesoigne ;  84,  8  boire  (?)  :  demeure ; 
90,  22  paile  (?)  :  maise;  154,  19  signories  :  eües  und  161,  31  vertu  :  afi;  268,  26 
defal  :  sei  (die  Stelle  ist  ziemlich  dunkel);  289,  38  homme  :  mencoigne.  13,  10 
devine  könnte  mit  prie  assonieren  ;  der  Sinn  fordert  aber  durchaus  de  oie.  128,  3 
povrete  kann  mit  perte  nicht  reimen ;  lies  Sa  grant  riqueche  en  poverte  mit  Zu- 
lassung des  Hiatus  oder  por  poverte  wie  V.  1,  4,  5,  6;  vgl.  auch  146,  21 — 22. 
169,  7  puet  :  estoit,  das  aber  wohl  zu  estoet  estuet  zu  bessern  ist.  244,  16  mes- 
kainne  :  engranne  =  engrainne  oder  vielmehr  meshaigne  :  engraigne;  vgl.  2  43,  2  4 
sanna  =  saigna.  An  mehr  als  einer  Stelle  findet  sich  dasselbe  Reimwort  in 
beiden  Versen;  eine  Nachlässigkeit,  die  eben  so  gut  vom  Schreiber  als  vom 
Dichter  herrühren  kann.  Die  Ansicht  der  Herausgeber  über  diesen  Punkt  er- 
hellt aus  den  Anmerkungen  nicht  deutlich;  85,  23  dürfte  das  zweite  paour  etwa 
in   dolour  verändert  werden. 

Wie  man  sieht,  betreffen  unsere  Bemerkungen  bloß  die  Handschrift  und 
das,  was  wir  von  den  Herausgebern  noch  gewünscht  hätten.  Denn  was  sie 
wirklich  leisten  wollten  und  geleistet  haben,  entspricht  vollkommen  dem  bedeu- 
tenden Rufe,  welchen  sich  Paul  Meyer  in  der  romanischen  Philologie  gesichert 
hat.  Er  hat  uns  aber  gewöhnt,  von  ihm  Bedeutendes  zu  erwarten;  und  daher 
erlaubten  wir  uns  auf  Manches  hinzuweisen,  das  wir  in  seiner  neuesten  Veröffent- 
lichung  ungerne   vermissten. 

A.  MUSSAFIA. 


121 


MISCELLEN. 


1.  J.  G.  L.  Kosegarten's  handschriftliches  niederdeutsches  Wörterbuch. 

Die  Besorgniss,  daß  Kosegarten's  großartig  angelegtes  Niederdeut- 
sches Wörterbuch,  kaum  begonnen,  dann  schon  wieder  ins  Stocken  ge- 
rathen,  nun  nach  des  Verf.  Tode  unvollendet  liegen  bleiben  werde,  hat  die  Auf- 
merksamkeit immer  von  Neuem  auf  seine,  wie  man  überall  wusste,  fleißigen  und 
umfangreichen  Vorarbeiten  gelenkt,  und  mehr  als  ein  Mal  den  Wunsch  laut 
werden  lassen,  ein  Kundiger  möchte  sich  des  unterbrochenen  Werkes  annehmen, 
es  fortsetzen  und  zu  Ende  führen  oder  wenigstens  die  vorhandenen  reichen 
Sammlungen   abdrucken   und   allgemein   zugänglich   machen. 

Eine  solche  Aufforderung  ist  mir  selbst  mehrmals  näher  getreten ;  un- 
abhängig davon  hat  der  inzwischen  auch  schon  gestorbene  Verleger ,  welcher 
185  9  die  Hindernisse  des  Erscheinens  der  zweiten  Lieferung  für  gehoben  er- 
klärte und  raschere  Aufeinanderfolge  der  Hefte  verhieß ,  kurz  nach  K.'s  Tode 
die  Versicherung  gegeben,  durch  das  Hinscheiden  des  Verfassers  werde  das  Er- 
scheinen des  Wörterbuches  nicht  unterbrochen,  es  seien  vielmehr  schon  Schritte 
zur  ungehinderten  Ausgabe  des  Werkes  im  Sinne  des  Verewigten  gethau  ,  das 
Material  des  vollständigen  Werkes  —  hieß  es  —  liegt  uns  geordnet  vor' ;  später 
hat  derselbe  den  freilich  auch  gescheiterten  Plan  gehabt ,  die  Sammlungen  als 
solche  abdrucken  zu  lassen  und  neuerdings,  nachdem  weder  dieses  noch  jenes 
ausgeführt  und  seit  1860  keinerlei  Fortsetzung  zu  Tage  getreten,  ist  die  Sache 
auf  der  letzten  Philologenversammlung  wieder  angeregt  und  schließlich  eine  Com- 
mission  gewählt,  um  mit  Benützung  des  Kosegarten'schen  Nachlasses  die  Bear- 
beitung und  Herausgabe  eines  allgemeinen  niederdeutschen  Wörterbuches ,  ich 
denke,  nicht  ins  Werk  zu  setzen ,  sondern  vorzubereiten ,  einzuleiten  und  somit 
sicher   zu   stellen. 

Das  Bedürfniss  eines  Werkes,  wie  es  Kosegarten  beabsichtigte,  fühlt  Nie- 
mand lebhafter  als  ich,  Niemand  theilt  auch  lebhafter  den  Wunsch,  seine  Arbeit 
aufgenommen  und  gefördert,  oder  neu  begonnen  und  vollendet  zu  sehen;  aber 
daß  mir  die  schnelle  und  würdige  Befriedigung  jenes  Bedürfnisses  oder  dieses 
Wunsches  ebenso  leicht  erschiene,  darf  ich  freilich  nicht  sagen.  Hindernisse 
treten  vielmehr,  je  nach  der  Art  des  Unternehmens  natürlich  verschieden,  aber 
selbst  bei  der  anscheinend  zunächst  liegenden  und  gewiss  leichtesten  Ausführung, 
bei  dem  bloßen  Abdruck  der  Sammlungen  oder  der  gleich  unstatthaften  Be- 
schränkung auf  sie ,  immer  noch  von  mehr  als  einer  Seite  entgegen  und  sind 
wie  mir  scheint  eines  Theils  kaum  zu  beseitigen,  anderes  Theils  doch  nicht 
so   bald   zu   überwinden ,   als   man   hie   und   da   annehmen   mag. 

Allein  wie  man  auch  verführe,  Kosegarten's  Vorarbeiten  zu  benützen,  sich 
in  dieser  oder  jener  Weise  an  sie  anzulehnen ,  würde  jedem  künftigen  Lexiko- 
graphen des  Nd.  mindestens  wünschenswerth  sein  :  ich  sehe  darum  hier  von  allen 
in  der  Sache  selbst  liegenden,  wie  auch  äußerlichen  Schwierigkeiten  ab  und  fasse 
vorzugsweise   die  Frage  ins  Auge,  in  welchem  Zustande   befindet  sich  sein   hand- 


122  MISCELLEN. 

schriftlich    nachgelassenes   Wörterbuch    und    wie    verhält    es    sich    zu 
den   gedruckten   und   veröffentlichten   drei    Heften   des   ersten    Bandes? 

Kosegartens  gesannnter  auf  das  Niederdeutsche  bezüglicher  handschrift- 
licher Nachlass,  beiläufig  7  0  Nummern,  deren  eine  z.  B.  8,  die  andere  3  4  Bände 
uuifasst,  zerfällt  in  zwei  große  Massen,  Eigenes  von  seiner  Hand  und  Frem- 
des von  Anderen  Geschriebenes.  Von  dem  letzteren  hat  er  selbst  Vorrede 
S.  X — XII  kurz  Nachricht  gegeben,  das  bedeutendste  oder  doch  umfangreichste 
ist  K.  F.  A.  Scheller's  Braunschweigisches  Wörterbuch  in  acht  Foliobänden, 
welches  dieser  selbst  (Bücherkunde  no.  1851)  allgemeines  Sassisch-Niederdeut- 
sches benannte.  Dazu  kommt  aber  noch  manches,  was  unerwähnt  geblieben  oder 
nach  18  56,  dem  Jahre  der  Vorrede,  erworben  worden,  ferner  gehören  hiezu 
Abschriften  von  nd.  Texten,  z.  B.  das  S.  XIX  angeführte  Scbakspil  von  Stephan, 
dessen  erster  Bogen  gedruckt  ist  u.  a.  Viel  gewaltiger  aber  an  Umfang,  reicher 
und  manigfaltiger  an  Inhalt  ist  das  Eigene,  in  einer  Reihe  von  größeren 
Bänden  und  Convoluten,  Abschriften  oder  Auszüge  von  Drucken  und  Hand- 
schriften, Urkunden  und  Vocabularien,  Wörter-  und  Namenverzeichnisse,  Samm- 
lungen und  Bemerkungen  aller  Art,  an  der  Spitze  sein  Sammelplatz  für  das  all- 
gem>  ine  Niederdeutsch,  riesig  an  Umfang,  das  große  oder  eigentliche 
Wörterbuch. 

Ich  habe  das  meiste  dieser  Arbeiten,  über  die  ich  später  einmal  weiter 
berichten  werde,  bei  Lebzeiten  Kosegartens  nur  flüchtig  und  gleichsam  aus  der 
Ferne  gesehen ,  bald  nach  seinem  Tode  hatte  ich  das  Wörterbuch  dann  auch 
nur  äußerlich  und  mit  Rücksicht  auf  die  Ordnung  und  Vollständigkeit  seiner 
Theile  rasch  durchgeblickt,  später  aber  zwei  oder  drei  bestimmte  Artikel  ver- 
glichen ;  näher  untersucht  habe  ich  es,  wie  ich  ausdrücklich  bemerke,  erst  jetzt 
für  den  Zweck  dieser  Mittheilung,  glaube  aber  nun  mit  der  Art  und  Weise  des 
Ganzen  hinreichend  bekannt  zu  sein,  um  Folgendes  sagen   zu  dürfen. 

1.    Die    äußere    Geschichte    des    Wörterbuches. 

Kosegarten's  Sammlungen  sind  spätestens  im  Herbste  des  J.  1838  begon- 
nen, wahrscheinlich  aber  schon  viel  früher.  Vorher  hatte  er  sich  lange  mit  dem 
Gedanken  getragen,  Dähnerts  Pommersches  Wörterbuch,  neu  bearbeitet,  heraus- 
zugeben. Obgleich  sein  im  Privatbesitze  befindliches  durchschossenes  Handexem- 
plar des  Dähnert,  soviel  ich  mich  erinnere,  nur  sehr  wenige,  meist  unbedeutende 
Nachträge  enthält,  muß  jene  Arbeit  doch  weiter  vorbereitet  gewesen  sein,  denn 
zu  Anfang  August  des  genannten  Jahres  ward  ihr  nahes  Erscheinen  bereits  öffent- 
lich angekündigt.  Was  dann  K.  anderes  Sinnes  machte  und  inwiefern  nament- 
lich ein  fast  gleichzeitig  in  Aussicht  gestelltes ,  auch  jetzt  noch  nicht  aufgege- 
benes ähnliches  Unternehmen  darauf  von  Einfluß  gewesen,  lasse  ich  hier  dahin- 
gestellt, aber  gewiss  ist  es,  schon  den  9.  September  1838  erschien  eine  neue, 
mir  vorliegende  Ankündigung  mit  Einladung  zur  Subscription,  diesmal  auf  ein 
allgemeines  Wörterbuch  der  niedersächsischenj  oder  plattdeutschen  Sprache 
älterer  und  neuerer  Zeit,  gesammelt  von  J.  G.  L.  K.'  und  der  Verleger 
fügte  hinzu,  das  Werk  solle  in  Klein -Quart  mit  gespaltenen  Columnen  von  Ostern 
183  9  an  in  5  Lieferungen  oder  80 — 100  Bogen  stark  erscheinen.  Die  ernst- 
licheren Vorarbeiten  begannen  also  wohl  erst  jetzt  und  der  Verf.  mochte  bald 
erkennen,    wieviel  ibni  für  seine  gewaltige  Aufgabe  zu  thun  war,   jedesfalls  ist 


MISCELLEN.  123 

er  seit  dieser  Zeit  unverdrossen  bemüht  gewesen,  des  weitzerstreuten  Stoffes 
immer  mächtiger  zu  werden  und  wie  oft  er  auch  auf  längere  Zeit  durch  Amts- 
geschäfte und  größere  Arbeiten,  das  Pantschatantra,  die  Gedichte  der  Hudsailiten, 
die  Geschichte  und  die  Urkunden  unserer  Universität,  den  Codex  diplom.  Po- 
merania?  u.  a.  seinen  Lieblingsstudien  entzogen  ward,  er  kehrte  immer  gern  zu 
ihnen  zurück ,  sammelte  fort  und  fort  bis  an  sein  Ende  und  hinterließ ,  als  er 
den  18.  August  1860  starb,  jene  den  meisten  seiner  Freunde  wohlbekannten, 
große  Tische  mehrerer  Zimmer  bedeckenden  Foliostöße,  die  je  einem  Buchstaben 
des   nd.   ABC   gewidmet  waren. 

Kosegarten  hatte  über  Zukunft  und  Verbleib  dieses  Werkes,  weil  er  wohl 
selbst  nicht  wusste,  was  damit  zu  beginnen  sein  möchte,  keine  Bestimmung  ge- 
troffen, dennoch  lag  es  ihm  am  Herzen  wie  wenig  außerdem,  und  seine  Hinter- 
bliebenen glaubten  daher  nur  in  seinem  Sinne  zu  handeln ,  als  sie  den  ganzen 
wirklich  eingetragenen  Sprachschatz,  sorgfältig  geordnet  wie  er  dalag,  zu  seiner 
dauernden  und  sicheren  Erhaltung  vor  allen  Dingen  einbinden  ließen  und  dann 
(wie  alles  was  dazu  gehört)  am  31.  März  1862  unserer  Universitätsbibliothek 
übergaben,  freilich  mit  der  ausdrücklichen  und  schon  mehrmals  ausgeführten 
Bestimmung,  daß  die  Benützung  des  Werkes  nur  auf  hiesiger  Bibliothek  ge- 
stattet sei  und  daß  den  Erben  Kosegarten's  für  den  Fall,  daß  sich  dereinst 
jemand  finden  möchte,  das  begonnene  Werk  zu  vollenden,  das  Recht  vorbehalten 
bleibe,  ihre  Zustimmung  dazu  zu  geben  .  So  ist  denn  Aussicht,  daß  die  Masse 
dessen,  was  sich  gegenseitig  ergänzt  und  innig  zusammengehört,  'up  ewich  un- 
gedelt    bei  einander  bleibe. 

2.    Umfang    und    Einrichtung    des    Wörterbuches. 

Die  in  diesem  Wörterbuche  gebunden  vorliegenden  eigenen  Sammlungen 
K.'s  bilden,  ich  sage  nicht  füllen,  vier  und  dreißig  starke  Foliobände, 
deren  also  nicht  selten  mehrere  auf  einen  einzigen  Buchstaben  kommen.  So 
nimmt  gleich  B  mit  C  drei,  D  zwei  Bände  ein.  B  oder  Band  2  beginnt  das 
Ganze,  A  fehlt  zur  Zeit  und  ist  wenigstens  noch  nicht  abgeliefert,  soll  aber 
doch  vorhanden  sein.  Aber  voll  geschrieben  sind  diese  34  oder,  A  mitgerech- 
net, 3  5  Bde.  freilich  nicht,  sie  sind  entsprechend  der,  wie  Kosegarten  wohl 
wusste,  unerschöpflichen  Reichhaltigkeit  des  älteren  und  neueren  Niederdeutschen, 
wie  Sammlungen,  die  für  alle  Fälle  Raum  bieten,  nach  allercolossalstem  Maß- 
stabe angelegt,  sie  enthalten  daher  durchweg  eine  große  Menge  weißes  unbeschrie- 
benes Papiers :  durchschnittlich  mag  das  Eingetragene  nur  den  vierten  oder 
fünften  Theil  betragen  und  würde  sich  bei  sparsamerer  Verwendung  des  Papiers 
und  kleinerer  Schrift  leicht  auf  einen  viel  geringeren  Raum  zusammenbringen 
lassen :  denn  K.  liebte  mit  Papier  verschwenderisch  umzugehen,  er  schrieb  alles 
was  er  schrieb  deutlich  und  sicher  lesbar,  darum  weitläufig,  mit  Sorgfalt  und 
äußerster  Sauberkeit.  Seine  Schrift,  war  nicht  schön,  weil  etwas  schnörkelhaft, 
aber  selbst  unbedeutende  Verzeichnisse  und  Bemerkungen  auf  losen  Blättern 
der  Convolute   zeigen   oft   bewundernswerthe   Reinheit   und   Regelmäßigkeit. 

Zahlreiche  Artikel  bestehen  aus  weiter  nichts  als  der  Überschrift  der  dem 
Bremischen  oder  einem  anderen  gedruckten  Wörterbuche,  einem  alten  Vocabular 
oder  dem  Leben  entnommenen  Wörter,  bei  anderen  steht  dann  wohl  ein  Bei- 
spiel,  bei   den  meisten  sind   manche,    oft  reiche  Stellen   zum   Belege   für  Bedeu- 


]24  MISCELLEN. 

tung,  Formen,  Composita  u.  a.  hinzugefügt.  Die  Bedeutung  ist  immer  bei  dem 
Worte  angegeben,  über  Geschlecht  und  Art  des  Wortes  aber  nichts  gesagt; 
ebenso  ist  auch  für  die  weitere  Erklärung  wenig  oder  nichts  gethan ,  nur  hie 
und  da  ein  Citat  aus  Grimm,  Adelung,  Frisch,  hie  und  da  eine  Vergleichung 
mit  verwandten.  Die  Anordnung  ist  alphabetisch,  Ableitungen  und  Zusammen- 
setzungen sind  jedoch  untergeordnet.  In  einem  besonderen  Falle  entsprechen 
etwa  300  vereinzelten  Artikeln  des  Brem.  Wb.  bei  ihm  ungefähr  90  —  100 
Überschriften  oder  Hauptartikel,  darunter  15  ohne  Beispiele  und  Citatc,  10 
theils  bekannte  und  zugleich  neuhochdeutsche,  theils  speciell  niederdeutsche  die 
dort  nicht  aufgeführt  sind,  während  6  —  8  echt  nd.  dort  stehen  und  hier 
fehlen.  Wenn  dergleichen  Fehlendes  freilich  meist  aus  den  Hilfsmitteln  leicht 
zu  ergänzen  war,  so  muß  ich  doch  bemerken,  daß  auch  manche  seltene  Wörter 
und  Formen  entweder  ganz  vermisst  werden  oder  zu  wenig  verfolgt  scheinen, 
wogegen  sich  denn  schon  beim  oberflächlichsten  Blättern  genug  des  wenig  oder 
gar  nicht  Bekannten  darbietet.  Zahlreiche  Quellen  sind  bunt  durcheinander  und 
in  größter  Manigfaltigkeit  citiert,  daß  einzelne  hochwichtige  in  dem  Verzeich- 
nisse der  Vorrede  pag.  XVII  —  XX  unerwähnt  und  hier  unbenutzt  geblieben 
sind,  wird  niemanden  überraschen,  der  ihre  Fülle  und  ihre  Reichhaltigkeit  kennt; 
gleichwohl  werden  sie  ihm  in  den  seltensten  Fällen  ganz  entgangen  sein ;  öfter 
hatte  er  sie  wohl  absichtlich  zurückgestellt,  um  sie  später  und  allmählich  noch 
auszubeuten.  Wie  weit  aber  K.  endlich  das,  was  er  citiert,  benutzt  und  ob  er 
selbst  das  oft  Angeführte  auch  ausgenutzt  habe,  wird  sich  ohne  genauere  Ver- 
gleichung des  Einzelnen  schwerlich  entscheiden  lassen ;  mich  dünkt  allerdings, 
einige  gerade  der  bedeutendsten  Quellen  könnten  mit  großem  Nutzen  von  Neuem 
ausgebeutet  werden. 

Die    ganze   Art   dieser    Sammlungen   wird    vielleicht    deutlicher ,     wenn    wir 

3 .    Das  Verhältniss    des    handseh  r.   Wörterbuches    zu    dem 
gedruckten    Theile 

betrachten.  Letzterer  behandelt  a-angetoget  auf  44  0  Seiten:  der  ganze  Buch- 
stabe A,  im  Brem.  Wb.  34  Seiten,  hätte  danach  750  —  800  Seiten  erfordert 
oder   einen   starken   Band. 

Hätte  K.  sich  im  Verfolg  nun  auch  viel  kürzer  gefasst  und  hätte  er  na- 
mentlich auf  das,  was  schon  vorweg  genommen  war,  einfach  zurückweisen  wollen, 
so  würde  er  doch  ohne  2  0  Bde.  zu  füllen  schwerlich  fertig  geworden  sein,  und 
ich  trage  kein  Bedenken,  als  meine  Überzeugung  auszusprechen,  daß  ein  mög- 
lichst vollständiges  Allgemeines  nd.  Wb.  ,  abgesehen  von  der  Frage,  ob  ein 
solches  für  die  ältere  Zeit  genügend  vorbereitet,  für  die  neuere  Zeit 
überhaupt  recht  rathsam  oder  auch  nur  ausführbar  sei,  einen  nicht  viel  gerin- 
geren Raum  wohl  beanspruchen  dürfte.  Kosegarten  aber  gieng  in  dem  gedruck- 
ten Theile  wie  kein  Anderer  vor  ihm  auf  Vollständigkeit  aus,  dennoch  wusste 
er  besser  als  Einer,  daß  jedes  kleine  neue  Denkmal  Neues  bringt,  Seltenes  be- 
stätigt, Schwieriges  erläutert  und  daß  der  Sammler,  der  2  0  Jahre  fleißig  die 
Volkssprache  seiner  Heimat  beobachtet  hat,  im  lebendigen  Verkehre  mit  einem 
echten  Niederdeutschen  keine  Stunde  verbringt,  die  ihm  an  Wörtern,  Wendungen 
und  Redensarten  nicht  noch  Bemerkenswerthes  zuführte,  daß  folglich  an  Er- 
schöpfung des  alten  oder  neueren  Niederdeutschen    gar  nicht  zu  denken   war. 


MISCELLEN. 


125 


Hiegegen  gehalten  sticht  denn  Inhalt  und  Einrichtung  des  handschrift- 
lichen Wörterbuches  sehr  erheblich  ab,  —  den  440  Druckseiten  von  A 
mögen  nach  Maßgabe  der  Fortsetzung  auf  4  00  Seiten  Papiers  7  0 — 80  vollge- 
schriebene, im  Betrage  von  vielleicht  kaum  40 — 45  Druckseiten,  entsprochen 
haben,  die  Ausarbeitung  mag  also  leicht  um  beinahe  4  00  Seiten  gewachsen 
sein.  Das  handschr.  Wb.  ist  eben  theils  Sammlung,  theils  bloße  Anlage 
zu  Sammlungen,  mithin  wie  diese  zu  sein  pflegen,  ohne  alle  Gleichmäßig- 
keit und  ohne  alle  Vollständigkeit:  wer  da  glaubte,  ihm  die  Fort- 
setzung des  gedruckten  Theils  entnehmen  zu  können,  der  täuschte  sich:  im 
Gegentheil,  das  meiste  und  das  beste,  was  der  Druck  enthält,  ist  von  Kosegarten 
erst  bei  der  Ausführung  hinzugethan:  er  hat  Artikel  für  Artikel  mühsam  vor- 
bereitet und  ausgearbeitet,  bei  jedem  gesammelt,  was  er  zur  Erklärung  zu  sagen 
hatte,  vereinigt,  was  ihm  in  seinen  zahlreichen  gedruckten  und  ungedruckten 
Verzeichnissen  und  Auszügen  jederzeit  zu  Gebote  stand,  vielleicht  oft  für  das 
einzelne  Wort  besondere  Sammlungen  angestellt,  wie  er  denn  ohne  Zweifel  seine 
Vorarbeiten  selbst  nicht  als  abgeschlossen  ansah,  vielmehr  während  des  lang- 
samen  Druckes   unablässig    fortzuführen   beabsichtigte. 

Fertig  werden  konnte  Kosegarten,  bei  seiner  Weise  zu  arbeiten,  mit  diesem 
Werke  nie,  das  liegt  auf  der  Hand  und  mag  ihm  selbst  nur  allzu  klar  gewesen 
sein;  dennoch  schritt  er  fort,  soweit  als  er  vermochte  und  gab  Zeugniss,  wie 
das  Niederdeutsche  ihm  am  Herzen  lag  und  welchen  Schatz  es  birgt.  Mit  Dank 
und  Bewunderung  muß  man  es  bekennen,  alles  zusammengenommen,  was  er 
dafür  geleistet,  ist  und  bleibt  ein  glänzendes  Denkmal  seines  Fleißes  und  seiner 
Gelehrsamkeit. 

Wie  ein  Fortsetzer  Kosegarten's  meiner  Ansicht  nach  zu  verfahren  hätte 
oder  wie  gar  ein  neues  niederdeutsches  Wörterbuch  ausgeführt  werden  sollte, 
ergibt  sich  entweder  aus  dem  Obigen  von  selbst  oder  lässt  sich  in  der  Kürze 
nicht  erörtern.  Das  aber  steht  bei  genauerer  Kenntniss  seines  nd.  Nachlasses 
unzweifelhaft  fest,  daß  die  Beschränkung  auf  diesen  ebenso  unstatthaft  wäre, 
wie  der,  gleichwohl  schon  beabsichtigte,  bloße  Abdruck  des  handschriftlichen 
Wörterbuches. 

GREIFSWALD,  5.  Decemb.  1864.  ALBERT  H(EFER. 


2.  Andreas  Uppström  f. 

So  eben,  wenige  Tage  nach  der  Vollendung  eines  auf  Mittheilungon 
Uppström's  beruhenden  Aufsatzes  über  den  handschriftlichen  Text  der  goth. 
Übersetzung  des  Briefes  an  die  Römer',  der  im  nächsten  Hefte  der  Germania 
erscheinen  wird,  trifft  mich  die  schmerzliche  Kunde  von  dem  Tode  meines  innig 
verehrten  Freundes,  der  nach  kurzer  Krankheit  am  21,  Januar  dieses  Jahres  sein 
Auge  für  immer  geschlossen  hat,  und  also  die  Vollendung  seiner  außerordentlich 
werthvollen  Ausgabe  der  paulinischen  Briefe,  die  nun  fremden  Händen  anvertraut 
werden  muß,  nicht  mehr  erleben  sollte.  Mag  mir  vergönnt  sein,  über  den  vor- 
trefflichen und  für  die  Wissenschaft  in  so  ausgezeichneter  Weise  verdienten 
Mann  einige  Mittheilungen  hier  zu  geben,  die  ich  seinem  Sohne,  dem  Studiosus 
Wilhelm   Uppström,   verdanke. 


]26  MISCELLEN. 

Andreas  Uppström  wurde  am  29.  Juni  1806  in  Hainuiarby,  einem 
Hammerwerk  in  der  Landscbaft  Gestrikland,  geboren.  Sein  Vater  war  Arbeiter 
in  dem  Hammerwerk  bei  dem  Bergratb  Petre  und  dessen  Sobne,  dem  in  der 
Gescbicbte  des  schwedischen  Reichstags  bekannten  Thore  Petre.  Der  letztere, 
ein  sehr  edel  denkender  Mann,  ermöglichte  die  Aufnahme  des  zwölfjährigen 
Knaben ,  als  er  von  seinen  ungewöhnlichen  Anlagen  und  seiner  großen  Wiss- 
begierde gehört,  in  die  Elementarschule  in  Gefle,  aus  der  Uppström  nach  drei 
Jahren  in  das  dortige  Gymnasium  übergieng.  Im  Jahre  1824  bezog  Uppström 
die  Universität  Upsala;  1833  wurde  er  zum  Doctor  der  Philosophie  promoviert, 
noch  im  selben  Jahre  wurde  er  außerordentlicher  Lehrer  an  der  Kathedralschule 
in  Upsala  und  im  folgenden  Jahre  Collega  daselbst;  1845  wurde  er  zum  Lector 
(Professor)  für  Griechisch  und  Hebräisch  am  Gymnasium  derselben  Lehranstalt 
ernannt,  welches  Amt  er  bis  zu  seinem  Tode  bekleidete,  so  daß  er  noch  am 
14.  Januar  nach  dem  Schluß  der  Winterferien  in  der  Schule  war.  Außerdem 
wurde  er  185  0  zum  Docenten  für  gothische  Sprache  ernannt,  nachdem  er  seine 
Abhandlung  Aivaggeljo  Jiairh  Matbaiu  jemte  ordbok  och  grammatica  heraus- 
gegeben und  vertheidigt  hatte,  und  lehrte  als  solcher  Gothisch  und  auch  Sanskrit. 
Im  Jahre  1859  erschien  sein  Skäldskapar- mala-Kvagdi  Snorra  Snorra  Eddu 
öfversatta  och  med  anmärkningar  försedda',  und  er  wurde  zum  außerordentlichen 
Professor  ernannt  für  Gothisch  und  die  mit  ihm  verwandten  Sprachen,  als  welcher 
er  über  Gothisch  und  auch  Angelsächsisch  Vorlesungen  gehalten  hat.  Schon  1844 
wurde  er  zum  Mitglied  der  Svenska  fornskriftsällskapet'  ernannt,  18  55  zum 
Mitglied  der  Regia  Societas  scientiarum  Upsaliensis,  185  7  zum  correspondierenden 
Mitgliede  der  Vitterhets-Historiae-och  Antiquitets-Akademien  in  Stockholm,  1858 
auf  Jakob  Grimm's  Vorschlag  zum  correspondierenden  Mitgliede  der  königlich 
preußischen  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin,  im  selben  Jahre  zum  ordent- 
lichen Mitgliede  der  königlichen  Nordiske   Oldskriftsällskapet  in   Kopenhagen. 

Außer  seinen  oben  schon  erwähnten  vorzüglichen  Ausgaben  der  gothischen 
Denkmäler,  um  derentwillen  er  1860  und  1863  Reisen  durch  Deutschland  nach 
Italien  unternommen  hatte,  erschien  von  ihm  im  Jahre  185  8  noch  eine  Abhand- 
lung de  lapide  Runico  Tunensi'  und  außerdem  noch  zahlreiche  Aufsätze  und 
Recensionen  in  Zeitschriften.  Seit  dem  Jahre  183  9  war  er  mit  Maria  Charlotta 
af  Uhr  verheirathet,  mit  der  er  acht  Kinder  hatte,  von  denen  noch  sechs  am 
Leben  sind. 

GÖTTINGEN,  den  21.  Februar  1865.  LEO  MEYER. 


3.  Aufruf  zur  Einsendung  biographischer  Notizen. 

Zu  den  Gegenständen,  welche  den  Inhalt  der  im  vorigen  Jahrgang  der 
Germania  eröffneten  neuen  Abtheilung  Miscellen  bilden  sollen,  gehören  nach 
Bechstein's  Ansicht  (s.  Germ.  9,  12  9)  unter  andern  auch  Personalnotizen  und 
biographische  Nachrichten.  In  der  That  bilden  erstere  fast  in  allen  Fachzeit- 
schriften eine  stehende  Rubrik  und  es  ist  kein  Zweifel,  daß  es  in  hohem  Grade 
erwünscht  ist,  innerhalb  eines  gowissen  Fachkreises  über  Ernennungen,  Ver- 
setzungen   und   Beförderungen   stets   auf  dem   Laufenden   zu   sein. 

Nicht  weniger  wünschenswerth  und  noch  wichtiger  scheinen  mir  biogra- 
phische   Nachrichten,    besonders    für    uns    Germanisten,    die  wir    uns,    kleinere 


MISCELLEN.  ]27 

Freundesgruppcn  abgerechnet,  im  Allgemeinen  ziemlich  fern,  jedenfalls  viel  ferner 
stehen,  als  einem  gemeinsamen  Wirken  auf  6'm  Ziel  gut  und  zuträglich  ist.  Ich 
glaube,  wir  würden  uns  manchmal  besser  verstehen ,  wenn  wir  gegenseitig  über 
Alter,  Heimat,  Bildungsgang  und  äußere  Verhältnisse  genauer  unterrichtet  wären, 
als  wir  es  in  der  Regel  sind.  So  aber  laufen  wir,  die  Mehrzahl,  gleichgültig 
neben  einander  her  oder  stehen  uns  wohl  auch  feindlich  gegenüber,  ohne  von 
den  Personalien  mehr  als  das  Allgemeinste,   und  selbst  dieses  oft  kaum,   zu  wissen. 

Einen  Versuch,  die  Germanisten  in  chronologischer  Reihenfolge,  nach  den 
Jahren,  in  denen  sie  zuerst  öffentlich  unser  Gebiet  betraten,  zu  verzeichnen, 
hat  vor  nun  bald  dreißig  Jahren  Hoffmann  von  Fallersleben  in  seinem  Buche 
Die  deutsche  Philologie  im  Grundriss  (Breslau  1836)  gemacht  und  auf  S.  1- — 25 
eine  kurze  Skizze  zur  äußern  Geschichte  der  deutschen  Philologie'  von  Notker 
(um  1000)  bis  Aug.  Geyder  (l  8 3 6)  gegeben.  So  kurz,  zuweilen  selbst  dürftig, 
diese  Notizen  auch  sind ,  sie  haben  doch  Manchem  gute  Dienste  geleistet  und 
ich  selbst  gestehe  gerne,  daß  ich  sie  häufig,  und  nie  ohne  dankbare  Empfindung 
für  seinen  Verfasser,   gebraucht  habe. 

Ahnliches  ist  seitdem  nicht  wieder  versucht  worden,  und  doch  ist  ein 
solches  bis  zur  Gegenwart  fortgesetztes  Verzeichniss,  je  weiter  unsere  Wissen- 
schaft sich  ausbreitet,  ein  immer  dringenderes  Bedürfniss.  Von  den  dort  Auf- 
geführten weilen  die  Wenigsten  noch  unter  uns,  und  wie  ansehnlich  ist  nicht 
die  Zahl  der  seitdem  neu  hinzu  gekommenen  Kräfte  und  Arbeiter !  Von  diesen 
besitzen  wir  nur  ausnahmsweise  allgemein  zugängliche  biographische  Daten  ;  denn 
in  die  Conversationslexika  finden  nur  Namen  von  größerem  Ruf  Eingang  und 
auch  dieser  hängt  nicht  selten  von  Gunst  und  Zufall  ab;  einen  andern  Ort,  wo 
man  sich  vorkommenden  Falls  Raths   erholen  könnte,  gibt  es  aber  nicht. 

Aus  den  hier  dargelegten  Gründen  habe  ich  die  Absicht,  vom  gegenwär- 
tigen Jahrgang  an  biographische  Nachrichten  zunächst  von  den  lebenden  Ger- 
manisten zu  geben;  später  können  dieselben  auch  auf  die  Verstorbenen  seit 
Anfang  des  Jahrh.  ausgedehnt  werden.  Es  sollen  keine  Biographien,  sondern 
nur  Notizen  sein,  in  kürzester,  knappster  Form,  mit  Angabe  der  äußern  Mo- 
mente und  bibliographisch  genauem  Verzeichniss  der  selbständig  erschienenen 
Schriften   und   größern   Aufsätze   in   Zeitschriften. 

Ein  paar  Proben  werden  besser  als  alle  Beschreibungen  zeigen ,  wie  ich 
meine,  daß  nach  Umfang  und  Form  die  Sache  sollte  eingerichtet  werden.  Ich 
wähle  hiezu,  damit  es  keinen  verdrießt,  zwei  Gelehrte,  von  denen  namentlich 
der  erstere,  in  der  Blüte  der  Jahre  dahin  geschieden ,  bei  längerem  Leben  Be- 
deutendes würde  geleistet  haben,   Emil  Sommer  und   Adolf  Ziemann. 

1.  Sommer,  Emil  (Friedr.  Julius),  geb.  25.  Febr.  1819  zu  Oppeln,  Sohn 
eines  Steuereontroleurs;  bezog  Ostern  183  8  die  Universität  zu  Breslau  (Zuhörer 
von  Hoffmann,  Jacobi  und  Freytag);  Michaelis  1841  Berlin  (Zuhörer  der  Brüder 
Grimm  und  Lachmann's) ;  promovierte  im  Sommer  1842  zu  Halle,  wo  er  sich 
Ostern  1844  als  Privatdocent  habilitierte  und  am  22.  Juli  1846  an  der  Lungen- 
schwindsucht starb.  S.  Nekrolog  in  der  Hallischen  Litteraturzcitung  1846.  In- 
telligenzblatt Nr.  5  5  und  ausführlicher  von  Dr.  Rumpel  im  Neuen  Nekrolog  der 
Deutschen   (Weimar,   Voigt    1848)    2  4.   Jahrg.   I,  45  6 — 6  3. 

I.  Schriften:  1.  De  Theophili  cum  diabolo  feedere.  Berol.  ap.  Guil. 
Besser.    1844.     48   pagg.   in   8.   (Habilitationsschrift). —   2.   Sagen,   Märchen   und 


128  MISCELLEN. 

Gebräuche  aus  Sachsen  uuJ  Thüringen.  I.  Heft.  Halle,  E.  Anton,  1846.  182  Sei- 
ten 8.  —  3.  Flore  und  Blancheflur.  Eine  Erzählung  von  Konrad  Fleck.  Quedl. 
u.  Leipzig,  Gottfr.  Basse.  1846.  XXXVIII  u.  341  Seiten  in  8.  (=  Bibliothek 
der  gesammten  deutschen  Nat.-Litt.   Bd.  XII). 

IL  Aufsätze  etc.  in  Zeitschriften:  a)  in  Haupt's  Zeitschrift 
f.  d.  Alterthum:  1.  Die  gute  Frau.  Gedicht  des  13.  Jhs.  II,  385  —  481  (vgl. 
IV,  3  9  9)  —  2.  Die  Sage  von  den  Nibelungen,  wie  sie  in  der  Klage  erscheint, 
III,    193   bis   218.  —    3.    Ein    Leich    vom    Niederrhein,    ebd.    218  —  224.    — 

4.  Die  15  Zeichen  des  jüngsten  Gerichtes,  ebd.  523 — 530.  —  b)  in  der  Ency- 
klopädie  von  Ersch  u.  Gruber.  I.  Section  Bd.  XLII,  93  bis  118:  die  Sage 
von  Faust.  —  Recensionen  in  der  Berliner  litt.  Zeitung  und  den  Berliner  Jahr- 
büchern von    1841    an. 

2.  Ziemann,   Adolf  (Lorenz)  geb 1808   (?)  zu  Quedlinburg. 

Auf  dem  Gymnasium  seiner  Vaterstadt  gebildet,  bezog  er  1826  die  Universität 
zu  Halle,  wo  er  sich  dem  Studium  der  Philologie  widmete.  Nach  Ablauf  der 
akademischen  Jahre  kehrte  er  als  Lehrer  an  das  Quedlinburger  Gymnasium 
zurück  und  starb  daselbst  als  Oberlehrer  nach  längerer  Kränklichkeit  am  11.  Dec. 
184  2.    Vgl.  Hallische  Litt.-Ztg.    1843.    Intelligenzblatt  S.    43. 

Schriften:  1.  Altdeutsches  Elementarbuch  in  zwei  Abtheilungen.  Qued- 
linburg u.  Leipzig,  Gottfr.  Basse,  1833.  8.  I.  Auch  unter  dem  Titel:  Grundriß 
zur  Buchstaben-  und  Flexionslehre  des  Altdeutschen,  nebst  einem  Wurzelver- 
zeicbniss.  Nach  Grimm  bearbeitet.  VIII  u.  6  2  Seiten.  IL  Auch  unter  dem 
Titel:  Altdeutsches  Lesebuch.  Mit  Anmerkungen.  VIII  u.  17  6  Seiten.  2.  Aufl. 
ebd.  1838.  —  2.  Gothischhochdeutsche  Wortlehre.  Ebd.  1834.  VIII  u.  88  Seiten. 
—  3.  Kutrun,  mittelhochdeutsch.  Ebd.  1835  (=  Bibl.  der  d.  Nat.-Litt.  Bd.  I), 
VIII  u.  213  Seiten.  —  4.  Mittelhochdeutsches  Wörterbuch  zum  Handgebrauch. 
Nebst  grammatischer  Einleitung.     Ebd.    1838.     14   und    7  20   Seiten  Lex.    8.  — 

5.  Rechtfertigung  gegen  Hrn.  Wilh.  Wackernagel  (Einige  Worte  zum  Schutz 
litt.  Eigenthums.    Basel  im  Aug.    1838.    15    Seiten).     Ebend.  im  Nov.    1888. 

So  ungefähr  ist  die  Einrichtung,  wie  ich  mir  sie  denke  und  wünsche.  Ich 
ersuche  nun  sämmtliche  Fachgenossen ,  welcher  Richtung  und  Partei  sie  auch 
angehören  (denn  ich  mache  hier  keinen  Unterschied  zwischen  Freund  und  Feind, 
und  werde  die  letztern  auch  wider  ihren  Willen  zu  erreichen  wissen),  mich  durch 
baldige  Zusendung  der  ihre  Person  betreffenden  biographischen  und  bibliogra- 
phischen Daten  in  meinem  Vorhaben  zu  unterstützen.  Als  Sporn  für  die  Säu- 
migen oder  Bedenklichen  werde  ich  jedem  Einzelnen,  dessen  Namen  und  Aufent- 
haltsort ich  kenne,  unter  Kreuzband  einen  Abzug  gegenwärtiger  Aufforderung 
zugehen   lassen,  den   ich  als  specielle  Einladung  zu  betrachten  bitte. 

WIEN,  6.  Februar  1865.  FRANZ  PFEIFFER. 


BEITRAGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES 
MITTELALTERS, 

AUS    DER    SPRACHE    GEWONNEN.*) 
VON 

RUDOLF  HILDEBRAND. 


Unter  den  Gebieten  unserer  Wissenschaft,  denen  ein  regerer 
Anbau  zu  wünschen  wäre ,  scheint  mir  keines  wichtiger  und  dieses 
Anbaues  bedürftiger,  als  die  Geschichte  der  Sitten  und  Gesinnungen 
unserer  Vorfahren ;  alle  Zweige  der  Wissenschaft,  die  auf  Erforschung 
des  Mittelalters  gerichtet  ist,  verlangen,  scheint  mir,  gleichmäßig  danach. 
Die  Theologie  und  die  Rechtswissenschaft  wie  die  politische  Geschichte 
des  Mittelalters  müssten  eigentlich  eine  solche  Sittengeschichte  zur 
Grundlage  haben,  und  nicht  anders,  was  uns  näher  liegt,  die  Literatur- 
geschichte und  selbst  die  Sprachwissenschaft  theilweise,  sicher  die  Lexico- 
graphie.  Ich  meine  dabei  nicht  bloß  die  sog.  Privatalterthümer.  Jede 
Zeit  wird  in  ihrem  Thun  und  Denken  beherrscht  von  gewissen  allge- 
meingültigen Gedanken,  Gesinnungen,  Empfindungen,  Gewohnheiten, 
die  an  allen  Lebensäußerungen  der  Zeit  ihren  Antheil  haben;  und 
dieser  habhaft  zu  werden  ist  nothwendig  für  den,  der  diese  Lebens- 
äußerungen verstehen  will.  Auch  arbeiten  im  Grunde  alle  Zweige  der 
mittelalterlichen  Wissenschaft  zugleich  an  der  Herstellung  einer  solchen 
Sittengeschichte,  die  ihnen  allen  wiederum  einmal  als  rechte  Grund- 
lage dienen  wird.  Eine  der  reichsten  Quellen  dafür  ist  aber  die  Sprache 
selbst,  in  der  das  innere  und  äußere  Leben  der  Zeit  sich  gleichsam 
abgedrückt  hat,  mit  einer  Treue,  wie  in  einem  photographischen  Bilde. 


*)  Es  ist  der  wesentliche  Inhalt  eines  Vortrags,  der  auf  der  Philologenversammlung 
zu  Hannover  i.  J.  1864  in  unserer  Section  (frei)  gehalten  wurde. 

GERMANIA  X.  Q 


130  RUDOLF  HILDEBRAND 

Jedes  wichtigere  Wort  trägt  gleichsam  in  sich  einen  Theil  aus  dem  Ge- 
sammtbilde  des  alten  Lebens,  und  da  die  wichtigsten  Wörter  zugleich 
die  am  häufigsten  gebrauchten  sind,  so  erweisen  sich  als  die  inhalt- 
reichsten  für  jenen  Zweck  gerade  die  gewöhnlichsten,  d.  h.  die,  die 
man  beim  Lesen  am  leichtesten  unbeachtet  durch  die  Finger  laufen 
lässt.  Ich  habe  ein  paar  solcher  alltäglicher  Wörter  ausgewählt,  und 
will  versuchen,    sie  in  jenem  Sinne  auszubeuten. 

1.   Geselle,  ein   Bild  aus  dem  höfischen  Leben. 

Bei   dem    eigentlichen    förmlichen   Empfange    der   Burgunden    an 
Etzels  Hofe,  dem  'grozen  antvange    Nib.  1740,  3  (Lachm.),  wie  es  nun 
ze  hove  geht,  zur  'großen  Cour'  in  den  palas  1746,  1,  heißt  es: 
do  sack  man  'sich  gesellen    die  helde  küene  unde  guot.    1741,  4. 
Dieses  sich  gesellen  wird  darauf  1742  geschildert: 
der  fürste  von  Berne  der  nam  an  die  hant 
Günthern  den  vil  riehen  von  Burgonden  laut. 
Irnvrit  nam  Gernoten  den  vil  hüenen  man, 
dd  sach  man  Riledegeren  ze  hove  mit  Giselhere  gän; 

jedem  der  drei  Könige  gesellt  sich  ein  Fürst  von  Etzels  Hofe  zu,  um 
ihn  vor  den  König  zu  führen,  und  die  Paarung  geschieht  mit  genauer 
Rücksicht  auf  Würde  und  Rang  der  Gäste;  auch  passt  nichts  besser, 
als  daß  Rüdiger  gerade  seinen  Schwiegersohn  führt  *).  Nur  Volker 
und  Hagen  nehmen  an  der  Paarung  nicht  Theil,  swie  ieman  sich  gesellet 
und  ouch  ze  hove  gie  1743,  1 ,  sie  ziehen  vor  sich  nicht  zu  trennen, 
d.  i.  sie  sind  sich  selbst  die  gesellen  (vgl.  1942,  3).  Dies  'sich  gesellen 
klingt  nun  aber  wie  ein  fester  Kunstausdruck,  und  andere  Dichter- 
stellen können  es  in  klareres  Licht  stellen. 

Im  ersten  Buche  des  welschen  Gastes,  wo  Thomasin  der  adelichen 
Jugend  höfische  zuht  einprägt,  heißt  es  V.  363  ff. : 

ich  wil  ouch,  daz  miniu  khit, 

diu  von  adel  komen  sint, 

handeln  ir  gesellen  wol. 

ein  ieglich  edel  kint  sol 


*)  Das  Führen  geschieht  übrigens  an  der  Hand,  nicht  am  Arm  wie  jetzt,  denn 
letztere  Sitte  ist  viel  später  eingeführt,  aus  Frankreich  wie  es  scheint;  sie  ist  dem 
üiedern  Volke  noch  heute  ein  fremd  und  vornehm  gefühltes  Ding,  die  Bauern  führen 
sieb  noch  jetzt  an  der  Hand,  wie  die  Kinder,  und  auch  bei  Hofe  ist  die  alte  Sitte  noch 
in  Kraft,  wo  sieb  fürstliche  Personen  nur  bei  der  Hand  führen. 


BEITRÄGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.       131 

mit  werken  und  mit  muote 

sim  gesellen  tuon  ze  guote  (rihin  zu  gute'  sich  verhalten). 

verstet  im  inder  sin  phant, 

daz  sol  er  lassen  im  zehant. 

swaz  im  durch  in  ze  tuon  geschürt, 

daz  sol  er  im  verletzen  niht. 
Man  kann  diese  Weisungen  wohl  verstehen  vom  Verhalten  der 
Pagen  (kint)  eines  Hofes  unter  einander,  daß  einer  dem  andern  zu 
Gefallen  leben  soll,  ihm  z.  B.  sein  verfallenes  Pfand  auslösen  soll; 
aber  schon  die  letzte  Weisung  scheint  dann  bedenklich,  daß  einer, 
was  ihm  auch  (etwa  Unangenehmes)  des  gesellen  wegen  zu  thun  zu- 
fällt (offenbar  doch  nach  Auftrag),  diesem  nicht  zum  Vorwurf  machen, 
ihn  es  in  Worten  nicht  empfinden  lassen  soll ;  und  es  ist  von  einem 
gesellen  nur  die  Rede.  Wären  diese  gesellen  fremde  Gäste  auf  Besuch? 
und  hätte  von  ihnen  jeder  der  Pagen  einen  zur  Besorgung  angewiesen 
bekommen  für  die  Dauer  des  Besuches?  Das  ist  der  Gedanke,  den 
ich,  nur  vermuthungsweise,  zur  weiteren  Prüfung  vorlegen  wollte*). 
Thomasins  Weisungen  in  Bezug  auf  Tischzucht  497  ff.  scheinen  noch 
besser  dazu  zu  stimmen: 

ein  man  sol  niht  sm  ze  snelle, 

daz  er  neme  von  (vor?)  sim  gesellen 

daz  im  da  gevellet  tool, 

xoan  man  sinhalh  ezzen  sol. 

man  sol  ezzen  zaller  vrist  (jedesmal) 

mit  dir  hant  diu  engegen  ist : 

sitzt  din  gesell  zer  r ehten  hant, 

mit  der  andern  (linken,  s.  Grimms  WB.  1,  310)  iz  zehant. 
Daß  Einer  nicht  von  dem  Andern ,  also  ihm  vom  Teller  das  beste 
Stück  nehme,  das  hatte  ja  wohl  Tbomasin  nicht  zu  verbieten  nöthig, 
wohl  aber,  daß  er  vor  dem  gesellen  zulange,  weil  man  'seinethalb 
essen'  soll,  kann  das  heißen:  beim  Essen  sich  nach  ihm  richten?  Aber 
einer  muß  ja  zuerst  zulangen,  und  gewiss  kam  das  dem  Gaste  zu. 
Auch  Konrad  von  Haslau  im  Jüngling   (Haupts  Zeitschr.  8,  567)   be- 


*)  Es  wäre  das  ähnlich,  wie  noch  jetzt  bei  Hofe,  nur  in  militärische  Form  ge- 
fasst ,  daß  einem  hohen  Herrn,  der  auf  Besuch  kommt,  ein  Adjutant  aus  dem  Hofstaat 
des  Fürsten  beigegeben  wird.  Überhaupt  ist  ins  heutige  Hofleben  vieles  aus  der  alten 
Sitte  fortgeerbt ,  ganz  wie  andererseits  bei  den  Bauern ,  und  eine  genaue  Darstellung 
des  heutigen  Hoflebens  in  seiner  überlieferten  Form  würde  dem  Verständniss  der  alten 
Dichterwerke  vielfach  zu  gute  kommen» 

9* 


132  RUDOLF  HILDEBRAND 

rührt  dies  Verhältniss;  er  spricht  aber  vom  genvz  bei  Tische  (V.  552), 
eben  auch  von  einem;  doch  später: 

dem  ist  ' gesellikeit'  unkunt, 
der  sin  genozen  überizzet.   572. 

Kaum  zu  verstehen  aber  ist  ohne  jene  Annahme  eine  Stelle  in 
dem  Bruchstück  eines  höfischen  Epos  in  Haupts  Zeitschr.  11,  490  ff. 
(ein  weiteres  Bruchstück  davon  in  der  Germ.  5,  461).  Da  hält  Sirikirsan 
auf  Bonkovereve  eine  hdchzit,  ein  Maifest,  das  wesentlich  in  einer  Hoch- 
zeit aller  Brautpaare  seiner  Unterthanen  besteht.  Zufällig  kommt  ein 
fremder  Ritter,  Segremors,  dazu;  der  Wirth  kündigt  ihm  die  Bedin- 
gungen der  Kampfspiele  an  (S.  496): 

so  sol  mit  swerte  und  mit  spere 

ein  man  ervechten  die  gewalt, 

daz  er  zu  meistere  ist  gezalt, 

unde  sich  geselle 

swie  her  selbe  welle. 

der  küre  sol  an  im  stän .... 

hete  ieman,  des  doch  nene  schickt, 

also  tumpltches  icht, 

daz  er  iz  widerspreche 

unde  den  küre  breche, 

der  würde  verderbet 

unde  gähes  gesterbet; 

der  Sieger  darf  also  zum  Lohn  nach  eigener  Wahl  sich  gesellen,  doch 
wohl  seinen  gesellen  für  die  Dauer  des  Festes  aus  den  Leuten  des 
\\  irthes  wählen?  und  keiner  (der  selbst  Gewählte  oder  wen  es  sonst 
angeht)  darf  sich  der  Wahl  nicht  fügen  wollen.  Nur  fragt  sich,  worin 
da  eigentlich  der  Gewinn  besteht,  der  des  Kampfes  werth  ist?  das 
scheint  aus  Folgendem  klar  zu  werden. 

Im  Tristan,  in  der  Fortsetzung  des  Ulrich  von  Türheim,  kommt 
Tristan  mit  seinem  Freund  Kaedin  zur  Isot  auf  Besuch ;  er  empfiehlt 
dieser  den  Gast,  und  sie,  um  als  gute  Wirthin  möglichst  gut  für  ihn 
zu  sorgen,  räth  ihm  (537,   13  Maßm.) 

sitzet  ze  den  kinden  (Ilofjungfrauen). 

muget  ir  da  gnade  vinden, 

daz  wil  ich  läzen  äne  haz  (das  soll  mir  schon  recht  sein). 

Er  folgt  der  Weisung,  und  Isot  findet  später  Gelegenheit,  ihn  zu 
fragen,  welche  der  zwei  an  seiner  Seite  ihm  gefalle  (538,  10): 


BEITRÄGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.   133 

nü  sich  an  si  beide, 
swederiu  dir  baz  gev  eilet, 
ze  dir  sich  diu  gesellet, 

das  heißt  diu  muoz  hinaht  bi  dir  wesen  538,  7,  und  so  geschieht  es 
dann  auch.  Also  gab  man,  wie  es  scheint,  einem  Gaste  auch  eine 
Jungfrau  als  gesellen  bei,  wie  ja  Jungfrauen  und  Frauen  einem  Helden 
auch  sonst  zu  besondern  Ehren  Mannesdienst  thaten,  den  Schild  ab- 
nahmen, die  Rüstung  anlegten  u.  dgl.  Das  biligen  ist  wohl  nur  eine 
Erweiterung  dieser  gesellikeit,  die  schon  dem  Entarten  der  Sitte  ange- 
hört; eine  ähnliche  Sitte  kommt  übrigens  bei  wilden  Stämmen,  z.  B. 
im  südlichen  Afrika  vor,  daß  man  einen  Gast  in  solcher  Weise  ver- 
sorgt. Bei  uns  war  sie  noch  im  16.  Jh.  Fürsten  gegenüber  in  Gebrauch, 
nur  daß  man  dazu  Hilfe  aus  dem  Frauenhause  holte.  Der  Ausdruck 
sich  gesellen  wandte  sich  später  förmlich  auf  diesen  obscönen  Sinn, 
denn  so  braucht  es  z.  B.  der  Held  der  rede  von  einer  graserin  in  Kellers 
altd.  Ged.  5,  16;  und  mnl.  genoeten  (vgl.  vorhin  genoz)  galt  geradezu 
für  coire,  s.  de  Vries  lekenspieghel ,  Glossar  S.  434;  freilich  bot  das 
Wort  auch  ohne  jene  vermuthete  Hofsitte  Anlaß  genug  zu  solchem 
Gebrauche. 

2.  der  beste,  ein  Bild  aus  dem  Kampf  leben. 

Bekannt  ist  die  Redensart  daz  beste  tuon,  sich  auszeichnen,  im 
Kampfe,  entsprechend  dem  ez  gut  tuon,  tapfer  kämpfen;  aber  weniger 
beachtet  scheint,  wie  dieser  Ausdruck  nur  aus  einem  größern  Zusammen- 
hange von  dazugehörigen  Wendungen  und  Begriffen  ein  einzelnes  Stück 
ist  und  welchen  alterthümlichen  Hintergrund  er  haben  muß.  Im  stren- 
gen Wortsinn  konnte  daz  beste  tuon  nur  von  dem  Einen  gelten,  der 
im  Streit  alle  andern  übertroffen  hatte;  so  ruft  denn  Iring,  indem  er 
sich  zum  Kampf  mit  Hagen  ermannt: 

ich  hart  üf  ere  läzen  nu  lange  miniu  dinc 

und  hän  in  Volkes  stürmen  des  besten  vil  getan.    Nib.  1965,  3; 

so  fragt  Kriemhild  bei  der  Rückkehr  der  Burgunden  aus  dem  Sachsen- 
kriege den  Boten:  teer  tet  daz  beste?  225,  3,  wer  hat  'den  Preis  davon 
getragen',  wie  wir  jetzt  sagen,  ohne  noch  an  einen  wirklichen  Preis 
zu  denken.    Wer  daz  beste  that,  hieß  denn  auch  selbst  der  beste: 

waz   Wate  der  küene  in  stürme  da  gestreit! 

si  warne  in  zollen  ziten  mit  sinen  helden  bi  den  besten  sähen.  Gudrun  7  10,  4. 


134  RUDOLF  HILDEBKAND 

In  Dietrich  und  seinen  Gesellen  sagt  einer  zu  den  beiden  Helden : 
mir  ist  vil  von  iu  (Dietrich)  gesaget 
und  von  meister  Hiltebrande, 
wie  daz  ir  ie  die  besten  stt, 
ir  slahent  tiefe  ivunden  wit.    v.  d.  Hagens  Heldenb.  2,  111. 

Aber  dieser  Plural  erscheint  schon  als  Abschwächung  des  eigentlichen 
Begriffs;    der  beste  kann  im  strengen  Sinn  nur  Einer  sein,  und  so  er- 
scheint die  Wendung  auch  bestimmt.   Eine  Frau,  um  deren  Minne  ein 
Ritter  wirbt,  verweist  ihn  auf  ein  bevorstehendes  Turnier: 
mügt  ir  da  der  beste  sin, 
so  toil  ich  iu  den  tip  min 
mit  teiln. .  .   (Haupts  Zeitschr.  5,  275), 

könnt  ihr  da  den  Preis  als  'der  beste'  erringen.    Eine  Jungfrau  warnt 
den  Hildebrand  vor  einem  Kampfe,  den  er  beginnen  will: 

ahzic  sint  des  heiden  man. 

weit  ir  den  eine  gestriicn, 

so  müezt  ir  guot  gelücke  hau, 

so  sult  ir  ze  beden  siten 

under  in  der  beste  icesen.    Dietrich  u.  s.  Ges.  Str.   101. 

In  einem  Kampfe  dieser  Heiden  vorher  mit  Dietrich: 

ein  heiden  durch  daz  volh  (die  Kämpfenden)  her  dranc .  .  . 
üf  den  von  Berne  er  do  brach.  .  . 
er  wolte  sin  der  beste.    Str.  99, 

er  entschließt  sich ,  den  Namen  'des  Besten'  zu  erkämpfen  und  sucht 
dazu  den  Hauptgegner  zum  Kampfe  auf.  Das  sieht  aber  aus,  als  wäre 
.  dieser  Name  der  beste  in  aller  Form  dem  Helden  des  Tages  zugetheilt 
worden,  jedesmal  nach  dem  Kampfe?  wie  heutzutage  nach  der  Schlacht 
in  einem  Tagesbefehle  die  besten  Kämpfer  dem  Herrn  namentlich  kund 
gethan  werden.  Bei  Turnieren  ward  ja  so  der  Preis  förmlich  Einem 
zugesprochen,  aus  Frauenmunde;  gewiss  brauchte  man  da  anfangs  auch 
den  überlieferten  einfachen  Ausdruck;  vgl.  in  den  Nib.  1821,  4  Volkers 
Ausdruck  vom  Erfolg  des  Turniers :  icaz  ob  diu  lüniginne  den  lop  den 
Burgonden  git  ?  doch  wohl  das  Lob  der  besten  ? 

Der  Ausdruck  ist  so  einfach  und  so  vielsagend  zugleich,  daß 
man  sich  daran  freuen  kann,  wie  am  echten  Schönen.  Er  trägt  aber 
in  seiner  Einfachheit  bei  so  gewichtigem  Inhalt  den  Stempel  hohen, 
ja  wohl  des  höchsten  Alterthums  an  sich;  er  sieht  so  natürlich  aus, 
als  müßte  er  heute,    wenn  mit  dem  Leben  auf  gleichem  Fuße  neu  zu 


BEITRÄGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.   |;^ 

beginnen  wäre,  ganz  ebenso  wieder  entstehen.  Auch  diu  Griechen  hatten 
in  ihrer  epischen  Zeit  denselben  Ausdruck  mit  demselben  Inhalt;  denn 
genau  unserm  daz  beste  iuon  entspricht  das  ägiörsva  in  den  Kämpfen 
der  Ilias,  UQiörsveöxs  {idxsöd-cci,  agiötsvsaxs  Tqcocov  ;  der  beste  heißt 
aQiörsvg,  sein  Thun  uQiöTeta;  und  man  möchte  Entsprechendes  bei 
allen  Völkern  veruvuthen,  so  natürlich  ist  das  alles. 

Wie  tief  aber  der  Ausdruck  mit  den  daran  geknüpften  Vorstel- 
lungen in  die  Gedanken  eingewurzelt  war  und  welche  wichtige  Rolle 
er  einst  gespielt  haben  mag,  zeigt  seine  Anwendung  auf  andere  Ge- 
biete und  sein  Fortleben  bis  in  die  nhd.  Zeit.  Von  der  Vortrefflichkeit 
einer  Frau  z.  B.  heißt  es  einmal,  als  Schlußstein  ihres  Lobes: 

nach  gotes  und  der  weite  Ion  ir  clärer  Up  daz  beste  tuot. 

Dietrich  u.  s.  Gesellen  Str.  156, 

sie  trägt  im  Ringen  nach  Gottes  und  der  Welt  Lohn,  in  der  Bewer- 
bung darum  den  ersten  Preis  davon,  das  kqlöxsIov,  wie  das  griechisch 
hieß.  Bei  allen  andern  Kampfspielen  und  Übungen,  wo  es  einen  Preis 
galt,  war  der  Ausdruck  noch  im  16.,  17.  Jahrh.  in  Geltung,  gewiss 
von  jeher.  Seb.  Frank  z.  B.  im  Weltbuch  erzählt  aus  Franken:  oftmals 
im  jar  zu  summers  zeit,  so  die  meid  am  abend  in  einem  ring  herumb  singen, 
hummen  die  gesellen  in  den  ring  und  singen  umb  ein  kränz,  gemeinklich 
von  nägelin  gemacht,  reimioeis  vor  ;  welcher  das  best  thüt,  der  hat  den  kränz 
(Wackernagels  Leseb.  3,  1,  341);  es  sind  Spuren  da,  daß  auch  der 
Held  eines  Ernstkampfes  in  alter  Zeit  mit  einem  Kranze  verehrt  wurde. 
L.  Spangenberg  erzählt:  wer  noch  heutiges  tages  im  fechten,  schieszen, 
rennen,  laufen,  singen,  ringen  und  springen  das  beste  thuet,  hat  neben  dem 
andern  gewinnet  (Preise)  einen  cranz  zu  lohn.  Ehespiegel  Straßb.  1578? 
250b.   Im  Tanze: 

der  kramer  (die  Fastnacht)  läszt  ein  kränz  zu  lest, 

(der)  ligt  in  dem  kram  verborgen. 

wer  sich  am  tanz  dunkt  sein  der  best, 

wil  er  damit  versorgen.    Unlands  Volksl.  640. 

Im  Trinken :  also  geschieht  den  kostfreien  gesellen ,  xoann  sie  stets  ban- 
ketieren  ivöllen ,  fressen  und  saufen  ivol  bei  dem  icein ,  toöllen  die  besten 
sein.  Albertinus,  Narrenhatz  227  (Augsb.  1617),  gemeint  muß  sein: 
jeder  wiLTder  Beste'  sein;  denn  man  bankettierte  in  Form  eines  Turniers, 
übte  mit  Trinken  ritterschaft  (vgl.  z.  B.  kanuenritter  in  Grimms  Wörter- 
buch)- Und  auch  vom  ernsten  Kampfe  brauchte  man  das  alte  Wort 
noch  im   16.  Jh. : 


136  RUDOLF  HILDEBRAND 

Franz  Sickinger  der  ander  vest, 
an  mangem  ort  thet  er  das  best. 

Soltaus  hist.  Volksl.,  2.  Hundert  S.  86; 

Seb.  Schertlin  meldet  i.  J.  1532  nach  einem  Gefecht  an  den  Augs- 
burger Kath:  ich  will  euch  kain  uner  einlegen,  dweil  ich  leb,  die  Augs- 
purger habend  d<is  best  bi  mir  gethon.  Briefe,  herausg.  v.  Herberger, 
S.  21.  Und  recht  hübsch  wird  es  neuestens  wieder  verwendet:  der 
heldenmüthige  Mann,  der  schon  bei  Quatrebras  das  Beste  gethan  und  dort 
eine  Wunde  davongetragen.    Häußer  deutsche  Gesch.  4,  645. 

Ein  Zug  fehlt  noch  zum  Ganzen;  auch  der  Preis,  den  der  beste 
erhielt,  griech.  ro  ccqiötslov,  muß  bei  uns  daz  beste  geheißen  haben. 
Denn  so  heißt  der  erste  Preis  z.  B.  bei  den  Schützenfesten  des  16.  17.  Jh., 
und  alle  diese  Kampfspiele  waren  möglichst  nach  dem  Vorbild  des 
Ernstkampfes  gestaltet;  von  dem  Straßburger  Schießen  1576  berichtet 
Fischart : 

zu  eim  hauptschieszen  schön  mit  lust  (fuhren  wir) 

zugleich  mit  büchsen  und  armbrust. 

zu  deren  jedem  war  das  best 

hundert  gülden,  on  sonst  den  rest  (die  andern  Preise). 

Glückhaftes  Schifl'  V.  99. 
Von  einem   Züricher   Schießen   im  Anfang  des  17.   Jahrh.,    in   Grobs 
Ausreden  der  Schützen: 

hab  gmeint  bei  allen  meinen  sinnen  (klagt  ein  Schütz), 
ich  xoölt  alhie  das  best  gewinnen.    Haupts  Zeitschr.  3,  245 ; 
die  'besten  gaben    wurden  gmacht 
auf  beider  zilstatt  wolbedacht 
hundert  und  zehen  gülden  grad.    243- 
Noch  Göthe  und  Schiller  machen,  auf  alte  Zeit  angewandt,  Gebrauch 
davon:    wie  der  Schneider  von  Heilbronn,   der  ein  guter  Schütz  xoar,  zu 
Köln  das  Best  gewann   und  sies  ihm  nicht  geben  icollten.    Gottfried  von 
Berlichingen,  Werke  Ausg.  letzter  Hand  42,  25  (im  Götz  v.  Berl.  42, 
257  das  Beste),  er  nahm  es  aus  Götzens  Selbstbiographie; 
aber  heute  icill  ich 
den  Meisterschusz  thun  und  das  Beste  mir 
im  ganzen   Umkreis  des  Gebirgs  gewinnen. 

Wilhelm  Teil,  Apfelschußscene. 
Und  noch  jetzt  lebt  der  Ausdruck  in  Baiern,  Tirol,  das  best,  der  erste 
Preis,  beim  Schießen,  Kegeln.    Schmeller  1,  215,  das  Kegelbest  Schöpf 
tirol.  Idiot.  308;  die  Bestenhalle  heißt  da  bei  Schützenfesten,  was  man 


BEITRÄGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.        137 

in  der  Schweiz  den  Gabentempel  nennt.  Noch  schöner  und  altertüm- 
licher aber  in  Norddeutschland:  "hier  in  Hannover  (in  einem  groszen 
Theile  von  Niedersachsen)  heißt  der  König  des  Schützenfestes  der  beste 
Mann   *). 

In  alter  Zeit  mag  daz  beste  auch  der  beste  Beutetheil  geheißen 
haben,  den  nach  dem  Kampfe  gewiss  der  beste  erhielt,  der  zuerst  aus 
dem  Beutehaufen  wählen  durfte.  Danach  scheint  auch  lat.  princeps  be- 
nannt, eigentlich  primceps,  d.  i.  gui  primum  capit,  der  das  Erste  erhält 
von  der  Beute,  zuerst  nimmt.  Auch  den  Besten  selbst  als  den  Ersten 
zu  bezeichnen  lag  nahe,  und  so  heißt  das  griech.  uqiötsveiv  auch  %qo- 
tbvelv  ,  das  ctQLGrBiov  auch  tcqotsIov,  t6  jtocjtov,  obwohl  noch  nicht 
bei  Homer.  Dem  Ttgarog  aber  entspricht  bei  uns  der  fürste,  ahd.furisto; 
ist  das  also  der  ursprüngliche  Sinn  von  Fürst? 

3.  Helfen,  ein  Bild  aus  dem  Familienleben. 

Wie  Kriemhild  Siegfrieds  Tod  erfahren  hat,  schickt  sie  zuerst 
nach  Siegmund, 

ob  er  mir  helfen  ivelle  den  küenen  Sifriden  klagen.    955,  4; 
und    der  Bote   richtet's   mit  demselben  Worte   aus :    daz  sult  ir  klagen 
helfen.  958 ,  4.     Dies  Bedürfniss  der  Armen  nach  cHilfe'  im  Beklagen 
des  plötzlich  Verlornen  legen  wir  uns  leicht  bloß  nach  unserer  Empfin- 
dung und  Gewöhnung  aus,  da  sich  beim  Lesen  dem  mhd.  helfen  unwill- 
kürlich unser  jetziges  helfen  unterschiebt;   aber  es  steckt  dahinter  eine 
überlieferte   Sitte    und   ein   jetzt    erstorbener   BegrifTskreis.     Auch   zur 
Leichenwache  vor  dem  Begräbniss  **)   erbittet  sie  Hülfe ,    obwohl  das 
Wort  helfen   da   umschrieben   ist.     Aber   gegen   Siegmund   bei   dessen 
Abreise  führt  sie  als  Grund,  daß  sie  bleiben  müsse,  mit  an: 
ich  muoz  hie  beliben,  sioaz  halt  mir  geschult, 
bi  minen  mägen  die  mir  helfen  klagen.    1028,  3. 
Diese  klage  war  eine  heilige  Pflicht  dem  Todten  gegenüber,  mit  einem 
verdunkelten  religiösen  Hintergrunde  aus  der  vorchristlichen  Zeit   her, 
und  eine  Pflicht  der  Verwandten  war,   dazu  zu  helfen,    wie  zu  allem, 
was  einem  aus  der  Verwandtschaft  von  ähnlicher  Wichtigkeit  zu  thun 
oder  zu  leiden  zufiel.    Die  Sippschaft  bildete  ein  geschlossenes  Ganze 


*)  Das  ist  der  Wortlaut  einer  Bleistiftnotiz,  die  mir  während  des  Vortrags  aus 
der  Versammlung  zukam ,  von  anbekannter  Hand ;  die  Worte  in  Parenthese  sind  von 
einer  zweiten  Hand  eingeschaltet,  beides  Hände  des  19.  Jhs. 

**)  Vgl.  einer  lieh  erlich  wachen,  als  Verwandtenpflicht,  Weisth.  4,  334- 


|38  RUDOLF  HILDEBRAND 

der  Außenwelt  gegenüber,  gleichsam  einen  Körper,  an  dem  der  Ein- 
zelne nur  ein  Glied  war.  In  diesem  Lichte  sind  auch  die  Eideshelfer 
anzusehen,  die  nach  unser n  Begriffen  der  sittlichen  Beurtheilung 
Schwierigkeiten  machen. 

In  dieser  Geschlossenheit  stehen  aber  außer  den  Familiengliedern, 
wie  in  einem  zweiten  Kreise  um  den  Herrn  als  Mittelpunkt,  auch  die 
'Mannen',  das  ingerinde,  mit  jenen  zusammengefasst  in  der  für  uns 
zum  Überdruß  wiederkehrenden  Formel  mäge  unde  man;  und  auch 
ihnen  liegt  die  Pflicht  ob,  in  jener  Weise  zu  helfen.  So  beim  Begräb- 
niss  Siegfrieds,   nachdem   der  Jammer  der  Kriemhild   geschildert  ist: 

mit  Hage  ir  helfende  da  rnanic  vrouive  toas.    1007,  2, 

ihr  ingerinde,  ihr  Hofstaat,  ihr  Gefolge :  hier  können  wir  nach  unserer 
Gewöhnung  den  Ausdruck  helfen  nur  mindestens  wunderlich  finden ; 
doch  noch  jetzt  sehen  wir  bei  Begräbnissen  die  Dienstboten  den  Ver- 
wandten weinen  helfen.  Die  Boten  Liudgers  und  Liudgasts,  die  in 
Worms  den  Krieg  ansagen ,  äußern  dabei  auch : 

habet  ir  iht  guoter  friunde,  daz  läzet  balde  sehen, 
die  iu  friden  helfen  die  bürge  und  iuriu  lant.   144,  3. 

Als  Rüdiger  den  Kampf  gegen  seinen  Schwager  weigert  und,  um 
der  Pflicht  ledig  zu  werden,  sich  erbietet,  seine  Lehen  zurückzugeben 
und  in  daz  eilende  zu  gehen,  bricht  Etzel  in  die  Worte  aus:  wer  hülfe 
danne  mir?  2095,  1,  d.  i.  in  nüchterner  Prosa:  kein  Vasall  ist  mir 
wichtiger  als  du.  In  der  Vorgeschichte  der  Gudrun,  nach  dem  Kampfe 
um  die  entführte  Hilde  fleht  diese  den  Wate,  seine  ärztliche  Kunst 
auch  zu  Gunsten  der  Ihrigen,  also  seiner  Feinde  anzuwenden : 

Wate,  lieber  vriunt,  ner  den  vater  min... 

und  hilf  sinen  recken,  die  da  ligent  in  der  molten, 

unde  sroem  du  künnest,  die  minem  vater  helfen  wolten.  531,  4, 

statt:  von  den  Vasallen,  die  mit  ihm  kämpften,  es  ist  als  beriefe  sie 
sich  damit  dem  Wate  gegenüber  auf  die  Pflicht  seiner  Feinde,  ihrem 
Herrn  zu  helfen.  Die  Begleitung  eines  Fürsten  im  Streite  heißt  auch 
kurzweg   seine  helfe,  s.  Nib.  89,  1.   180,  2. 

Die  Vasallenpflicht  ward  Fremden  gegenüber  geradezu  als  in 
diesem  helfen  ausgedrückt  empfunden,  die  mäge  unde  man  heißen  daher 
in  bestimmten  Angelegenheiten  geradezu  amtlich  die  helfcere,  alle  die 
in  einer  Angelegenheit  auf  Seite  der  einen  Partei  sind,  in  einer  Fehde, 
vor  Gericht  und  sonst,  z.  B.:  wir  Mechtüd  herzoginne,  und  Adolf  ir 
sun,  herzöge  in  Baiern  (folgt  eine  Reihe  anderer  Herrennamen,  endlich 


BEITKÄGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.        139 

zusammenfassend)  und  alle  unse  helfere  dnon  kunt  u.  s.  w.  Höfer  Aus- 
wahl der  alt.  Urk.  S.  158;  den  breven,  de  vore  twischen  unsen  omen  und 
uns  und  twischen  den  van  deme  blinde  und  eren  hulperen  gegeven  sint.  363. 
Daher  noch  heute  helfershelfer,  denn  von  den  einzelnen  heifern  brachte 
ja  jeder  wieder  seine  Mannen  oder  hei f er  mit. 

Diese  helfer  sind  nun  aber  im  Ausdruck  manchmal  stillschweigend 
vorausgesetzt,  indem  zuerst  nur  der  Herr  genannt  wird  und  dann  auf 
einmal  statt  seiner  ein  Plural  eintritt;  z.  B.  im  Sachsenspiegel  von  der 
Behandlung  eines,  der  sich  einer  Gewaltthat  schuldig  gemacht  hat  und 
bei  einem  Andern  Schutz  sucht:  uffe  swilcheme  hüs  (Burg)  man  den 
vridebrecher  helt  wider  recht  (ihm  sichern  Aufenthalt  gibt),  swenne 
der  richter  mit  gerüchte  vorgeladen  icirt,  und  man  sie  ab  eischet  als  recht 
ist  (in  den  rechtlichen  Formen  'herunter  fordert'),  daz  man  ez  gehören 
nutge  uffeme  hüse:  engeben  sie  sie  nicht  ab  zu  rechte,  man  vervestet  die 
bürg  und  alle. die  daruffe  sin.  II.  72,  1  (ebenso  im  niederd.  Texte),  bei 
dem  vridebrecher  dachte  der  Schreibende  wie  der  Lesende  sogleich  von 
selbst  seine  Helfer  oder  Mannen  mit  *).  Wie  hier  in  Rechtsprosa ,  so 
auch  in  poetischem  Stil : 

dar  ndcli  des  nächsten  morgens  do  kam  von  SUant 

Her  wie  der  kiiene  da  er  vroun  Hilden  vant 

nach  ir  mannes  ende  xoeinen  grimmieliche : 

mit  windenden  henden  enpfienc  si  doch  die  hei  de  lobeliche. 

Gudrun  934, 
denn  Herwig  kommt  natürlich  mit  Gefolge;  'die  helde'  steht  nachher, 
obgleich  der  höfische  Empfang  wesentlich  dem  Herrn  gilt.  Aber  der 
Herr  in  seinem  Auftreten  ist  in  den  Gedanken  der  Zeit  so  unzertrenn- 
lich von  seinen  Mannen  als  Gefolge,  daß  sie  in  den  Gedanken  in  eins 
verfließen ;  daher  auch  die  ewig  wiederkehrende  Formel  der  kilnec  und 
sine  man,  wo  wir  oft  für  den  Zusammenhang  oder  die  Anmuth  des  Stils 
die  Letztern  durchaus  nicht  vermissen  würden. 

Da  muß  nun  aber  auch  der  Fall  vorkommen,  daß  nur  der  Herr 
genannt  wird  und  seine  Begleitung  mit  gedacht  ist,  ohne  daß  das 
durch  einen  folgenden  Plural  sich  glücklich  verräth ;  ich  glaube, 
Nib.  1797.  1804  liegt  ein  solcher  Fall  vor.  Volker  und  Hagen  po- 
stieren sich  beim  Kirchgang  vor  das  Münster,  daz  des  küneges  wip 
müese  mit  in  dringen  1797,  4;  nachher:  do  gie  vil  groziu  menige  mit  der 


*)  Ein  gleicher  Fall  steht  in  derselben  von  mir  herausgegebenen  mitteld.  Über- 
setzung des  Sachsensp.  (s.  Germ.  8,  242)  I.  20,  4,  wo  aber  Ilomeyers  niederd.  Text 
das  Regelmäßige  hat, 


|4()  RUDOLF  HILDEBRAND 

küniginne  dan  (d.  h.  hin,  zum  Münster)  ....  ja  muose  si  sich  dringen 
mit  den  beiden  vil  gemeit.    1804. 

Es  ist,  glaub  ich,  undenkbar,  daß  die  Beiden  es  auf  ein  'Drän- 
geln' mit  der  Königin  selbst  abgesehen  hätten:  das  war  wohl  nach 
ritterlicher  und  höfischer  Sitte  unmöglich,  und  für  ihren  Zweck  un- 
nöthig.  Ihr  Zweck  ist,  Gelegenheit  zu  geben  oder  anzubieten  zur  Rei- 
bung mit  den  Hennen,  dadurch  zum  Ausbruch  des  Kampfes,  nebenbei 
allerdings  zugleich  ein  Ärgern  der  Kriemhild;  diese  aber  kommt  mit 
einer  grozen  menige  als  Gefolge,  Frauen  nicht  nur,  auch  Ritter  zu  ihrem 
Geleite,  wie  es  die  höfische  Sitte  mit  sich  brachte,  und  kamera?re  mit 
ihren  weißen  Stäben  voraus  oder  zur  Seite,  die  Platz  zu  machen  haben 
(vgl.  Grimms  Wörterb.  5,  118.  3d).  Das  muose  si  sich  dringen  meint 
also  wohl:  die  Königin  mit  ihrem  Gefolge,  als  eins  gedacht,  so  daß 
Kriemhild  zwar  auch  ins  Gedränge  kommt,  aber  nicht  mit  den  feind- 
liehen Männern  sich  körperlich  zu  drängeln  hat,  denn  so  weit  konnte 
schon  der  königliche  Aufzug  nicht  aus  seiner  Ordnung  kommen,  ob- 
wohl ein  rnichel  dringen  war,  zum  Arger  der  hamercere  1805,  1.  4.  So 
verstanden  es  auch  die  Schreiber  von  B  und  J,  indem  sie  statt  muose 
schrieben  muosen,  muosten,  deutlicher,  aber  mit  Verlust  der  rechten 
Wirkung  der  Stelle. 

Aber  umgekehrt,  und  das  ist  das  Merkwürdigste,  werden  oft 
statt  der  künic  und  sine  man  bloß  die  Mannen  genannt,  so  nothwendig 
gehörten  sie  zusammen  in  den  Gedanken  der  Zeit;  und  zwar  auch  da, 
wo  wesentlich  und  hauptsächlich  der  Herr  gemeint  ist.  Sivrü  von 
Mniiant  erscheint  auf  Matelane,  um  die  Gudrun  zu  werben;  er  übt 
mit  seinen  Mannen  ritterliche  Kampfspiele  vor  den  Augen  der  Frauen, 
und  das  ist  ein  ganz  wesentlicher  Theil  der  Werbung: 

mit  den  stnen  genozen  uz  Ikarjä 
manegen  pris  grozen  erwarb  er  dicke  da. 
die  sxnen  hergesellen,  da  si  (accus.)  die  vrouicen  sahen, 
vor  der  Hetelen  bürge  si  täten  dicke  ritterschajt  vil  nähen. 

Gudrun  581, 

es  ist  aber  wesentlich  Sivrit  gedacht  als  Hauptperson,  wie  mit  die  von 
Morlande  584,  4,  und  wie  mit  die  vromven  Gudrun.  Deutlicher  da,  wo 
Bartmut  kommt,  die  Gudrun  zu  rauben: 

mich  wundert,  ivaz  doch  waire  den  gesten  da  geschehen, 

ob  Wate  der  vil  grimme  hozte  daz  gesehen, 

daz    I hntmuotes  helde  durch  den  sal  so  giengen 

mit  samet  Ludewige,  da  si  die  schmnen   Gudrunen  viengen.  793; 


BEITRAliK  ZUR  SITTENGESCHICHTE   DES  MITTELALTERS  etc.        141 

Hartmut  selbst,  als  Hauptperson,  sucht  die  Gudrun  im  seil,  alle  an- 
dern sind  hier  nur  seine  hei j er,  und  doch  steht  statt  seiner  '  Hartmuotes 
helde;  und  vom  Vers  abgesehen,  hätte  der  Dichter  ebenso  gut  schreiben 
können  Hartmuot  und  nachher  Ludewiges  helde.  Kein  Zweifel  an  dieser 
Vertretung  des  Herrn  durch  Nennung  seiner  Mannen  bleibt,  glaube 
ich,  bei  folgender  Stelle.  Die  entführte  Hilde  wird  von  ihrem  Bräu- 
tigam Hetel  eingeholt,  Wate  und  Frute  als  die  Helden  der  Entführung 
führen  ihn  zu  ihr : 

Wate  und  ouch  her  Fruote  die  vuorten  mit  in  dan  (d.  i.  dahin) 

die  küenen  helde  guote  des  küneges  Hetelen  man, 

da  si  die  scheenen  Hilden  dSs  tages  sollen  schouicen.  479, 

d.h.  den  Hetel,  aber  sein  Gefolge  ist  natürlich  dabei  und  erscheint 
vor  den  Augen  der  Zusehenden  mit  ihm  als  eins,  als  ein  Klumpen 
gleichsam,  um  den  militärischen  Ausdruck  zu  brauchen;  oder:  des 
küneges  H.  man  steht  wie  sonst  'der  künic  und  sine  man,  wo  wir  dem 
Dichter  die  man  gerne  schenkten;  und  diese  gewöhnliche  Wendung 
hätte  auch  der  Vers  und  der  Zusammenhang  ganz  gut  zugelassen. 
Wie  sie  dann  der  Jungfrau  nahe  kommen,  und  Hetel  mit  den  Seinen 
vom  Rosse  steigt  zur  Begrüßung,  wird  auch  das  so  gesagt: 
die  von  Hegelingen  bi  dem  künege  hie 
loären  nü  von  rosse  komen  üf  daz  gras.  480. 

Dies  die .  .  bi  dem  künege  ist  genau  wie  in  der  Iliade  eine  Wendung 
mit  a(i<p£  (bi  ist  eigentlich  'um.,  .herum',  mit  uficpi  sogar  urverwandt 
im  Grunde  eins,  s.  Grimms  Wb.  1,  1202.   1346): 

oC  tfuiiq)  'Argeiava  diorgecpesg  ßccöilrjsg  dvvov  xgtvovrsg.  . .  2,  445, 
und  das  deckt  sich  in  Ausdruck  und  Inhalt  mit  jenen  mhd.  Wendungen: 
fdie  um  den  Atriden,  die  Könige',  gemeint  aber  ist:  Agamemnon,  und 
die  Könige  in  seinem  Gefolge  und  ihm  nach,  aber  er  hauptsächlich. 
Ebenso  und  noch  deutlicher,  wo  die  Versammlung  der  Fürsten  am 
Skäischen  Thor  geschildert  wird: 

oi  d'äfMpl  IJQia^iov  xal  Tlctvftoov  rjdh  ©vfiotrrjv 
Ad(i7iov  t£  Klvxiov  #'  'lxsräovd  %  otpv  'Jgrjog, 
OvxakeyGiv  rs  xal  'JvrrjvcoQ.    3,  146, 

'die  um  den  Priamos',  d.  h.  Priamos  selbst,  aber  natürlich  von  seinem 
Gefolge  umgeben,  ganz^wie  vorhin  des  küneges  Hetelen  man.  Der  Aus- 
druck, der  uns  wunderlich  und  sehr  ungenau  erscheinen  muß,  gibt 
die  Auffassung  mit  dem  Auge  rein  wieder.  Und  wie  geläufig  dem 
griechischen  Sänger  und  seinen  Hörern  diese  Wendung  war,  ja  schon 


!42  RUDOLF  IHLDKIMAND 

verblasst,  mit  der  Gewöhnung,  das  sachliche  Subject  dabei  im  Aecu- 
s.itiv  zu  hören,  das  zeigen  die  folgenden  Namen  im  Accus. ;  denn  dem 
Panthoos  u.  s.  w.  wäre  an  sich  die  Ehre  jener  dem  König  geltenden 
Wendung  wohl  nicht  angethan  worden,  nur  ÜQÜa^iov  zog  auch  die 
folgenden  Subjecte  in  den  Accusativ,  und  erst  im  dritten  Verse  darauf 
tritt  der  natürliche  Nominativ  wieder  heraus.  Noch  im  späteren  Grie- 
chisch ist  diese  Wendung  ganz  geläufig,  auch  weiter  entwickelt:  o[ 
tcsqI  Ssvocpüvxa  Anab.  4,  5,  21,  Xenophon  mit  den  Seinigen;  o<r  üuyl 
"Avvtov  bei  Pinto,  Anytos  und  seine  Leute,  A.  und  Leute  wie  er;  ot 
Ttsgl  'Hgccxlsitov,  Ileraklit  und  seine  Schule.  Wann  ist  jene  Wendung 
bei  uns  erloschen  ? 

Jenes  helfen  übrigens,  um  darauf  zurückzukommen,  ward  auch 
auf  andere  Gebiete  erstreckt.  Morungen  z.  B.  in  seiner  Minnenoth 
ruft  seine  Freunde  an  : 

helfet  singen  alle, 
nune  friunt . .  . 

daz  si  mir  genäde  tuo.    Minnesangs  Frühl.   146,  3, 
es  ist  als  ob  er  die  Freunde  damit  an  eine  Pflicht  der  Sippe  mahnte; 
ivol  her  alle,  helfet  singen  icibes  lop.    Lichtenstein  563,  1 ; 
guotiu   wip,    ir  helfet  wünschen,    daz  ich  werde   der  vil  lieben  also 

wert  u.  s.  w.  400,  20; 
er  half  in  beiden  da  zestunt  weinen  vor  leide.    Gregor.  378; 
nü,  half  der  bruoder  da  zestunt  trüren  siner  swester.    278; 
herren  unde  friunt,  nü  helfet  an  der  zit 

(bestätigen,  daß  nur  Hiltegunde  mich  heilen  kann).  Walther  74, 10; 
wist  ich  waz  in  würre.  .. 
so  hülf  ich  in  ir  schaden  klagen.     117,  35; 

helfen  mir  gedenke>i  aller  guttäter  miner  kirchen,  die  kurzlich  verschei- 
den sint.    De  fide  concubinarum  94,  5  bei  Zarncke. 
Doch  beruht  das  mehr  auf  dem  alten,  auf  religiösem  Grunde  ruhenden 
Glauben,    daß    beim  Wünschen,    wie   beim  Beten,    Singen  u.  dgl.   die 
Mitwirkung   möglichst  vieler  den    Erfolg   besser    sichere    (vgl.  Grimm, 
Myth.  31).    An  die  Eideshelfer  erinnert  Folgendes  : 
hontet  ir  ir  wege  als  wir  gesehen, 
ir  hülfet  uns  der  loärheit  jehen.   Livl.  Reimchr.  5108; 
des  müezen  die  mir  helfen  jehen, 
den  minnen  Ion  ist  geschehen.    Flore  93, 
nämlich  daß  Minne  zu  Tugend  reize.    Sehr   schön   behandelt  Reinmar 
seine  Gedanken  als  seine  helfer  und  klagt  sie  an  : 


BEITRAGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.        143 

noch  füere  ich  aller'  dinge  wol, 

wan  daz  gedanke  loellent  toben: 

dem  gote  dem  ich  da  dienen  sol, 

den  helfent  si  mir  niht  so  loben 

als  ichs  bedürfte  und.  ez  min  scelde  luaire.  MSF.   181,  26, 
er  denkt   sie  wohl   als    seine  Vasallen,    die   ihm  den  Dienst   halb  ver- 
sagen.   Dieses  *  helfen1  gieng  in  den  Stil  des  Volksliedes  über  und  wird 
da  oft  zu  trefflicher  Wirkung  verwandt: 

wir  will  tnirs  helfen  trauren, 

der  recke  zicen  finger  auf.    Wunderhorn  4,  9 ; 

pack  ein,  pack  ein  dein  langes  haar, 

du  sollst  mir  helfen  leide  tragen.    363, 
so  sagt  ein  unglückliches  Mädchen  zur  Freundin; 
es  stet  ein  lind  in  diesem  tal, 
ach  gott  was  tut  sie  dal 
sie  will  mir  helfen  irauren, 
dasz  ich  kein  bulen  hob.    Uhland  68; 
zvistent  mijn  vader  ende  moeder  t'huis, 
si  souden  mi  helpen  trueren.    548; 
denn  niemand  kann  uns  scheiden, 
als  nur  der  tod  allein, 
den  nehmen  ivir  zum  zeugen, 
der  soll  uns  helfer  sein.    Hoffm.,  schles.  Volksl.  S.  131. 

4.  Dringen,  ein  kleines  Nachspiel,   aus  dem  Hofleben. 

Das  vorhin  erwähnte  dringen  kommt  in  den  Gedichten  oft  mit 
einer  eigenen  Bedeutung  vor.  Bei  dem  öffentlichen  Erscheinen  fürst- 
licher Herren  und  Frauen  drängt  man  sich  nach  ihnen  oder  um  sie, 
nicht  nur  aus  dem  natürlichen  Grunde,  sie  zu  sehen  und  sich  sehen 
zu  lassen,  sondern  als  wäre  dies  dringen  selbst  eine  Forderung  höfischer 
Sitte,  wie  zur  Ehre  des  Herrn  oder  der  Frau.  Der  Geltar  z.  B.  in 
einem  Spruche,  wo  er  das  höfische  Leben  und  seine  Verherrlichung 
durch  die  Minnesinger  verschmäht: 

mir  gcebe  ein  herre  Ithter  sinen  meiden  uz  dem  stalle, 

dann  ob  ich  als  ein  wosher  Flosminc  vür  die  vrowen  dringe. 

MS.  2,  119\    Hagen  2,  173% 
ein  Pferd  ist  mir  lieber,  als  was  sich  erreichen  lässt,  indem  man  sich 
wie  ein  Musterhofmann  vor   die    Frauen  drängt,    bei   ihnen  vordrängt, 


14+  RUDOLF  HILDEBRAND 

ei  h.  dies  dringen  als  ein  Hauptkennzeichen  des  Hoflebens  gebraucht. 
Ebenso  wenn  der  Winsbeke  seinen  Sohn  anweist,  dem  Hofleben  nach- 
zugehen : 

sun,   du  solt  bi  den  werden  sin 
und  lä  ze  hove  dringen  dich.    23,  2, 

im  höfischen  Gedränge  suche  deine  Laufbahn.  Am  Hofe  Hermanns 
von  Thüringen  war  nach  Wolfram  etswd  smcehltch  gedranc  und  etswd 
werdez  dringen  Parz.  297,  22,  wieder  als  kurze  Bezeichnung  des  Men- 
schentreibens bei  Hofe  überhaupt,  wie  bei  Frauenlob  Spr.  334,  7, 
'dringen  und  schallen  bei  Konrad  von  Haslau,  Haupts  Zeitschr.  8,  554. 
Am  deutlichsten  einmal  bei  Helbling;  da  sind  vier  österreichische  Land- 
herren beim  Herzog,  ihm  ihre  Wünsche  wegen  Änderung  seiner  Re- 
gierungsweise vorzutragen,  sie  wünschen  u.  a.,  daß  er  zur  Zier  seines 
Hofes  die  Edlen  seines  Landes  herzuziehe,  nicht  mehr  die  fremden, 
und  meinen,  sie  selbst  könnten  ebenso  gut  höfisch  leben  als  jene,  und 
das  wird  so  ausgedrückt: 

sie  kunnen  als  wol  dringen 
als  einer  von  Elsäzen, 
ir  sult  da  keime  läzen 
Swäbe  und  Rinfranhen.    4,  738. 

So   ist  denn   auch   Walthers   Klage   von   der   Wartburg  gemeint:    ick 

kdn  gedrungen  unz  ick  niht  me  dringen  mac  20,  7.  Besonders  die  jungen 

scheinen   immer  'dringend'   auftreten    zu   müssen.     Im   guten   Gerhard 

z.  B.    bei   der  Schwertleite,    nachdem   die  'jungen   neuen   Helden'  nun 

geweiht  sind  und  es  aus  der  Kirche  geht  zu  Kampfspielen  auf  den  Hof: 

nach  dem  gotes  segene  (der  Einsegnung) 

drungen  die  sioertdegene 

mit  schalle  für  des  münsters  tür.    3604, 

also  ganz  nach  des  Haslauers  Vorschrift  vorhin.   Wie  man  dann  zum 
Turnier  reitet,  die  Frauen  mit: 

die  werden  vroioen  ricke 

die  funden  alle  gelicke 

ir  pkert  bereit  aldä :  si  riten . .  . 

die  eilenthaften  jungen 

vor  den  vrowen  drungen 

mit  senften  siten  lise.    3625  ff., 

d.  h.  Rudolf  hält  damit  das  senfte  und  lise  dringen  vor  den  Frauen  den 
jungen  seiner  Zeit  als  Spiegel  vor.   Einen  ähnlichen  Wink  mag  enthalten: 


BEITRÄGE  ZUR  SITTENGESCHICHTE  DES  MITTELALTERS  etc.       H5 

do  kämen  die  burgcere  sä  (nach  Hofe) 
mit  zühlen,  niht  gedrungen, 
die  alten  vor  den  jungen.    737. 

Bei  den  Franzosen  hieß  das  la  presse,  s.  z.  B.  Haupt's  Zeitschr.  10,  494, 
und  daher  noch  heute  s'empresser,  eigentlich  wohl :  sich  in  das  Gedränge 
machen,  sich  mit  drängen. 

Während  ich  dies  mhd.  dringen  bei  Hofe  schon  länger  im  Auge 
hatte,  ohne  darüber  klar  zu  werden,  fand  ich  plötzlich  einmal  den 
Muth  zu  obiger  Auffassung  durch  eine  Mittheilung  der  Augsb.  Allg. 
Zeitung  aus  England.  Da  war,  vor  etwa  sechs,  sieben  Jahren,  eine 
Parlamentseröffnung  geschildert,  aus  den  Times,  und  dies  Blatt  erzählte 
dabei,  wie  im  Thronsaal  die  Mitglieder  des  Oberhauses  sich  versam- 
melten und  darauf  die  'Gemeinen',  die  sich  in  einem  andern  Raum  ver- 
sammelt hatten,  in  den  Thronsaal  zugelassen  werden:  und  sie  kommen 
heran  den  Corridor  entlang  durch  die  Thür  sich  drängend  oder  drän- 
gelnd, auch  die  alten  Herren  mit  wie  Jünglinge  (juveniles),  also  wie 
dort  bei  Rudolf  von  Ems  die  swertdegene  aus  dem  Münster  Das  eng- 
lische Blatt  aber  knüpfte  daran  die  Mahnung,  es  wäre  doch  wohl  end- 
lich Zeit,  diese  herkömmliche  Sitte  des  Drängens  (thronging)  bei  dieser 
Gelegenheit,  die  den  jüngeren  Mitgliedern  wohl  einigen  Reiz  böte,  den 
älteren  Herren  aber  doch  unbequem  sein  müsse,  und  die  gar  keinen 
Zweck  mehr  hätte,  endlich  abzuschaffen.  Ob  sie  darauf  abgeschafft 
worden  ist  ? 


ANTONIUS  VON  PFOKR. 

Im  Jahrgang  1864  dieser  Zeitschrift,  S.  226  ff.,  weist  uns  Fedor 
Bech  mit  Glück  und  Scharfsinn  einen  Anthonius  von  Phor  als  den 
Übersetzer  des  'Buches  der  Beispiele  der  alten  Weisen'  (herausgegeben 
von  W.  G.  Holland,  Stuttgart  1860)  nach.  Weitere  Nachforschungen 
führten  ihn  auf  das  'in  Schwaben  ehemals  ansäßige  edle  Geschlecht 
von  Phorr'  (Pforr)  und  selbst  auf  einen  'Anthoni  von  Pforr',  der  in 
einer  Urkunde  der  Stadt  Breisach  (nicht  Breisgau)  aus  dem  Jahre 
1458  (Schreiber,  Urkundenbuch  der  Stadt  Freiburg,  II,  S.  434)  als 
ein  im  Dienste  des  Herzogs  Siegmund  stehender  Rath  erscheint.  Bech 
erwähnt  aus  Schrei ber's  Buch  noch  andere  Namen  dieses  Geschlechts, 
so  einen  Wernher  von  Pforr  als  Rathsherrn  der  Stadt  Breisach  (nicht 
Freiburg),  einen  Werli  von  Pforr  und  einen  Hans  Wernher  von  Pforr. 

GERMANIA   X.  10 


14C,  K.  A.  BARACK 

Die  von  Pforr  waren  eine  Breisachische  Patrizierfamilie,  deren  Wappen 
(bestehend  ans  einer  schwarzen  Kngel  in  Gold,  auf  der  ein  achtstrah- 
liger  silberner  Stern)  sich  noch  häufig  in  dieser  Stadt  findet  (Mone, 
Zeitschrift  13,  50;  Quellensammlung  3,  236).  Ihrem  Namen  in  süddeut- 
schen Geschichtsbüchern  zu  begegnen  ist  leicht,  s.  besonders  Mone's 
Zeitschrift  und  dessen  Quellensammlung;  Schöpflin,  Alsatia  illustrata; 
Hartard  von  Hattstein,  die  Hoheit  des  Teutschen  Reichs-Adels;  Kreuter, 
Geschichte  der  k.  k.  vorderösterreichischen  Staaten ;  Rosmann  und  Ens, 
Geschichte  der  Stadt  Breisach  etc.  etc.  etc.  In  Mone's  Zeitschrift 
14,  241  ff.  erscheint  wieder  rHerr  Anthony  von  Pforr'  in  einer  Urkunde 
vom  9.  März  1472,  als  Fürsprech  des  Bischofs  von  Constanz  in  einer 
Streitsache  mit  Pilgerin  von  Heudorf.  Ob  nun  dieser  urkundlich  vor- 
kommende Antonius  von  Pforr  ein  und  dieselbe  Person  mit  dem  Über- 
setzer und  wer  er  näherhin  gewesen  sei,  diese  Frage  zu  lösen,  hat 
Bech  weiterer  Nachforschung  überlassen. 

Ich  finde  nun  im  3.  Theil  von  Steinhofer's  'Neuer  Wirtembergi- 
schen  Chronik'  S.  281  einen  Herrn  rD.  Anthonius  von  Pfor,  Kirchherrn 
der  Pfarrkirchen  zu  Rotenburg  am  Necker'  erwähnt,  der  sodann  von 
Haßler  in  seiner  'Chronik  der  Stadt  Rottenburg'  S.  135  näherhin  als  Pfarr- 
herr zu  St.  Martin  und  erzherzoglich  geistlicher  Rath  bezeichnet  und 
unter  dem  Jahre  1477  angeführt  wird.  Die  Identität  des  im  Jahre  1458 
urkundlich  vorkommenden  Rathes  des  Herzogs  Siegmund  und  dieses 
erzherzoglich  geistlichen  Rathes  (1477)  und  wohl  auch  des  im  Jahre 
1472  urkundlich  erscheinenden  Fürsprechs  des  Bischofs  von  Constanz 
liegt  nahe  und  dürfte  kaum  zu  bezweifeln  sein. 

Im  Jahre  1477  hat  die  Erzherzogin  Mechtild  die  Stadtpfarrei  zu 
St.  Martin  in  Rottenburg  gestiftet  (Häßler,  a.  a.  ().  S.  122)  und  ohne 
Zweifel  bezeichnet  das  von  Haßler  dem  Namen  des  Anton  von  Phorr 
angefügte  Jahr  1477  die  Zeit  seiner  Einsetzung  in  dieses  Amt,  die 
also  mit  dem  Stiftungsjahre  zusammenfiele.  Nun  ist  die  Erzherzogin 
Mechtild  bekanntlich  die  Mutter  des  Grafen  Eberhard  von  Württemberg, 
desjenigen ,  der  durch  seine  akrostichische  Verbindung  mit  der  Über- 
setzung anfänglich  für  deren  Verfasser  gehalten,  nach  genauerer  Prü- 
fung jedoch  nicht  als  solcher,  sondern  als  Gönner  des  unbekannten 
Übersetzers  erkannt  wurde.  Diese  bisher  nur  vermuthete,  jedoch  nahe 
liegende  Beziehung  des  Verfassers  der  Übersetzung  zum  Grafen  Eberhard 
liegt  somit  als  durchaus  zutreffend  mit  dem  Rottenburger  Pfarrherrn 
vor  Augen.  Sie  erhält  noch  eine  besondere  Bestätigung  und  Beleuch- 
tung dadurch,    daß  unser  Pfarrherr   sich   an  der   feierlichen  Eröffnung 


ANTONIUS  VON  PFORR.  147 

der  vom  Grafen  Eberhard  gegründeten  Universität  Tübingen  betheiligt 
und  nebst  andern  seinen  Namen  in  die  Matricula  universitatis  eingetra- 
gen hat  (s.  Steinhofer,  a.  a.  O. ;  Klüpfel,  Geschichte  der  Universität 
Tübingen,  S.  4).  Pforr  erscheint  somit  in  der  Reihe  der  ersten  Mitglieder, 
wenn  auch  nicht  als  einer  der  Lehrer  der  neugestifteten  Hochschule,  unter 
welchen  Holland  (a.  a.  O.,  S.  253)  und  Andere  vor  ihm  den  unbekann- 
ten Übersetzer  vermutheten.  Ist  daher  die  Voraussetzung  Bech's,  daß 
ein  Antonius  von  Pforr  (Phorr)  der  Übersetzer  ist,  wie  kaum  zu  be- 
zweifeln, richtig,  so  wird  D.  Antonius  von  Pforr,  Pfarrherr  zu  St.  Martin 
in  Rottenburg  am  Neckar  und  erzherzoglich  geistlicher  Rath  als  solcher 
zu  betrachten  sein.  Näheres  über  seine  Person,  seine  wissenschaftliche 
Thätigkeit,  möglicherweise  sogar  auf  die  vorliegende  Autorschaft  Be- 
zügliches findet  sich  vielleicht  in  den  von  Mernminger  in  seiner  Be- 
schreibung des  Oberamtes  Rottenburg  S.  119  ff.  angeführten  hand- 
schriftlichen Quellen. 

DONAUESCHINGEN.  K.  A.  BARACK. 


KOSENGARTEN. 

Auf  einen  Rosengarten,  im  Sinne  wie  ihn  die  f Sagen  aus  den  V 
Orten'  S.  254  f.  vorführen,  nämlich  als  heilbringende  Begräbnissstätte, 
deutet  eine  Stelle  aus  der  vita  s.  Davidis  Episcopi  Menevienis  (Menevia 
in  Wales) ,  wo  es  heißt : 

„Ex  loco,  in  quo  deservire  proponis  vix  e  centum  nnus  prajmiis 
potietur.    Est  autem  olius  prope  locus,   in  cujus  coemeterio,  qui- 
cumque   salva  fide    humati   fuerint,    vix  eorum    unus   inferni   poenas 
luet."   Dieser  Ort  hieß  Rosina  vallis.    S.  Bolland.  Act.  S.  S.  T.  I. 
Mart.  pg.  42.  no.  5. 
Dann  ist  die  in  meinem  Buche  S.  255  enthaltene  Notiz  über  den  Brauch 
in   Solothurn    zu    ergänzen.     Im    Neujahrsblatt    des    Kunstvereins    von 
Solothurn  für  1855,  wo  der  gelehrte  und  für  historische  Forschung  zu 
früh   verstorbene   Cistercienser    P.   Urban    Winistörfer   über   den    alten 
St.  Ursus-Münster  handelt,  schreibt  er  S.  21:   „Rosengarten  nennt 
man  jenen  offenen  Platz,  der  zwischen  dem  Beinhaus  und  der  Seiten- 
thüre  der  Kirche  sich  an  die  letztere  anlehnt,  ein  unregelmäßiges  Viereck 
von  43'  und  44'   mittlerer  Länge   und  Breite.    Dieser  Ilofraum  erhielt 
eine   historische   Bedeutung,    weil    früher   jährlich,   je    am    Johann- 
Baptistentag  (Johanni  zu  Sungichten),  Räthe  und  Burger  sich 
hier  versammelten,    um  die  Ämter  besetz  ung  und  die  Auf- 
nahme ins   Burgerrecht  vorzunehmen,    bis    später   diese  Ver- 

10* 


148  KARL  BARTSCH 

handlangen  des  Solothurnischen  Gemeinwesens  in  den  Garten  der  Bar- 
füßer verlegt  ward." 

Hier  haftet  der  Brauch  an  uralter  Cultstätte.  Im  Jahre  870  stand, 
wie  der  Vertrag  zwischen  Karl  dem  Kahlen  und  Ludwig  dem  Deut- 
schen belehrt,  das  St.  Ursenmünster  schon  und  zwar  auf  einem  Boden, 
der,  wie  die  ausgegrabenen  Alterthümer  andeuten  (Neujahrsbl.  S.  3), 
bereits  den  Heiden  als  Opferplatz  gedient  hat.  A.  LÜTOLF. 


BEITRAGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK 
DER  KUDRUN. 

VON 

KARL    BARTSCH. 

III. 

In  Österreich ,  speciell  vielleicht  in  Steiermark ,  werden  wir  die 
Heimath  des  Gedichtes  ohne  Zweifel  zu  suchen  haben;  darin  stimmen 
alle  bisherigen  Forscher  überein,  darauf  weisen  die  angeführten  mund- 
artlichen Eigenthümlichkeiten  hin.  Niederdeutsches,  worauf  der  Schau- 
platz der  Sage  führt,  lässt  sich  nicht  nachweisen*),  wenn  wir  auch 
annehmen  dürfen,  daß  die  Lieder,  die  der  Dichter  gehört  hatte  und 
benutzte,  niederdeutschen  Ursprunges  waren.  Daß  niederdeutsche 
Sänger  und  Lieder  nach  Oberdeutschland  kamen,  darf  in  einer  Zeit 
allgemeinen  poetischen  Wanderlebens  nicht  Wunder  nehmen  und  lässt 
sich  durch  andere  Beispiele  erhärten.  Lamprecht's  Alexander  z.  B.  ist 
ohne  Frage  ein  in  niederdeutschen  Gegenden  entstandenes  Gedicht, 
wir  finden  ihn  in  der  Vorauer  Handschrift,  die  im  zwölften  Jahrhundert 
geschrieben  ist  und  gerade  nach  Steiermark  gehört.  Das  niederrhei- 
nische Gedicht  von  Herzog  Ernst  war  nach  1180  in  Oberbaiern  be- 
kannt und  ein  niederdeutscher  Spielmann  dichtete  in  Baiern  den  Rüther. 

Abweichender  sind  die  Meinungen  bezüglich  der  Abfassungszeit. 
Soviel  ist  sicher,  daß  der  Dichter  der  Kudrun  das  Nibelungenlied 
kannte,  und  zwar  nicht  in  einzelnen  Volksliedern,  wie  Lachmann  sie 
annimmt,  sondern  als  Ganzes  wie  es  uns  vorliegt,  da  er  an  zahlreichen 
Stellen   echte    und   unechte   Strophen    (nach   Lachmann's  Bezeichnung) 


*)  Doch  vgl.  die  Anmerkung  oben  S.  86. 


BEITRÄGE  ZUK  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  149 

benutzt  hat.  Darnach  müßte  die  Kudrun  nach  12  !0  fallen,  indem 
Lachmann  um  1210  die  jetzige  Redaction  des  Nibelungenliedes  setzt. 
Damit  würde  auch  übereinstimmen,  daß  der  Dichter  Bekanntschaft  mit 
Wirnt's  Wigalois  verräth,  aus  dem  er  den  Namen  Wigäleis  (582,  2. 
715,  1.  759,  1)  entnommen  hat.  Und  andererseits  würde  sich  der 
fcerminus  ad  quem  leicht  ergeben  durch  die  Wolfram'sche  Nachbildung 
der  Kudrunstrophe  im  Titurel,  der  nach  Lachmann  vor  1215  entstand, 
indem  1215  der  Dichter  schon  den  Willehalm  angefangen  hatte.  So 
würde  die  Abfassung  der  Kudrun  nach  1210,  vor  1215  fallen,  mithin 
etwa  um  1212  (vgl.  Müllenhoff  S.  124).  Aber  nur  'die  echten  Theile 
des  Gedichtes'  (Müll.)  gehören  dieser  Zeit  an,  die  erste  Überarbeitung 
fällt   um   1230,  die  zweite  und  dritte  etwa    1250  (Müllenhoff  S.  94). 

Allein  obige  Berechnung  ruht  in  mehrfacher  Beziehung  auf  fal- 
schen Daten.  Die  Abfassungszeit  des  Nibelungenliedes  (1210)  ist  keines- 
wegs sicher.  Ich  kann  hier  die  Beweisführung  nicht  geben,  sondern 
muß  auf  meine  inzwischen  erschienenen  Untersuchungen  über  das  Nibe- 
lungenlied verweisen,  in  denen  dargethan  ist,  daß,  abgesehen  von  den  zu 
Grunde  liegenden  Liedern,  das  ganze  Epos  wenigstens  um  1190  schon 
vorhanden  war.  Auch  die  Strophenform  ist  der  Strophe  der  ganzen 
Nibelungendichtung  nachgebildet,  denn  ob  jene  vermutheten  Volkslieder, 
wie  sie  Lachmann  hergestellt  zu  haben  glaubt,  in  derselben  Form  ge- 
dichtet waren,  ist  mehr  als  zweifelhaft,  zum  mindesten  durch  nichts 
zu  erweisen.  Die  Nachahmung  einzelner  Stellen  weist  ebenfalls  auf 
das  Nibelungenlied  als  Ganzes,  nicht  auf  die  demselben  unterliegenden 
Lieder.  Aber  auch  der  terminus  ad  quem  muß  verändert  werden. 
Wolfram' s  Titurel  ist  nicht  um  1215  entstanden,  sondern  des  Dichters 
Jugendarbeit.  Denn  ich  stimme  Pfeiffer's  Beweise  (Germania  4,  301 
bis  308)  vollständig  bei,  der  in  den  Worten  im  Titurel  37,  4, 

des  wil  ich  hie  geswigen  und  künden  iu  von  magtuomlicher  minne, 
nicht  eine  Beziehung  auf  ein  hinter  dem  Dichter  liegendes  Gedicht, 
die  ersten  Bücher  des  Parzival ,  sondern  eine  Hindeutung  auf  ein  in 
Zukunft  beabsichtigtes  Werk  erblickt.  Wir  weiden  daher  den  Titurel 
wohl  schon  um  1200  anzusetzen  haben.  Man  konnte  einwenden,  daß 
Wolfram  die  Kudrunstrophe  nicht  aus  unserm  Gedichte,  sondern  aus 
einem  älteren  in  derselben  Form  gedichteten  Werke  gekannt,  daß  es 
Volkslieder  in  dieser  Form  gegeben  habe.  Dem  stelle  ich  entgegen, 
was  ich  schon  oben  bemerkte,  daß  die  Kudrunstrophe  ihrer  ganzen 
Natur  nach  niemals  eine  volksthümliche  gewesen  sein  kann,  daß  sie 
erst  von  ihrem  Dichter  eigens  für  den  Zweck  dieses  Gedichtes  erfunden 
und  auch  von  keinem  späteren  wieder  benutzt  wurde. 


150 


KARL  BARTSCH 


Unserer  Zeitbestimmung,  wonach  die  Kudrun  in  ihrer  ursprüng- 
lichen Gestalt  zwischen  1190-1200  fallen  würde,  steht  scheinbar  ent- 
gegen die  Einführung  des  Wigäleis.  Allein  der  Dichter,  der  ein  Land 
Gäleis  kannte  (641,  2),  bei  dem  II W/m  so  oft  vorkommt,  worunter  er 
ohne  Zweifel  Wales  verstand,  wenn  es  auch  ursprünglich  einen  Theil 
der  deutschen  Nordseeküste  bezeichnete*),  konnte  bei  mancherlei  an- 
derer •  Sao-enkunde ,  die  er  in  den  volksthümlichen  Stoff  einmischte, 
auch  vor  Wirnt  schon  von  dem  Namen  Wt-gcdeis  Kunde  haben.  War 
denn  Wirnt' s  Wigalois,  selbst  angenommen,  daß  die  Kudrun  erst  um 
1212  entstanden  sei,  damals  schon  so  bekannt  und  berühmt,  daß  unser 
Dichter  hätte  veranlasst  werden  sollen,  diesen  einen  Namen  und  keinen 
der  berühmteren  Artusritter  in  seine  Dichtung  herüberzunehmen?  We- 
nigstens werden  wir  gegenüber  von  bedeutsameren  Gründen  uns  durch 
diesen  einen  Namen  nicht  bestimmen  lassen,  die  Kudrun  nach  1210 
anzusetzen. 

Der  Biterolf  ist  in  seinem  ersten  Theile  Nachahmung  eines  fran- 
zösischen Stoffes;  der  Sohn  zieht  heimlich  vom  Hause  fort,  um  den 
Vater  zu  suchen.  Gleiches  thun  Lanzelet  und  Wigalois  (Müllenhofi 
S.  106).  Wenn  der  Dichter  des  Biterolf,  der  dem  Ende  des  12.  Jhs. 
angehört  und  ebenfalls  in  Steiermark  entstand,  ein  französisches  Ge- 
dicht solches  Inhalts  kannte,  so  kann  dies  ebensogut  ein  französischer 
Wigalois,  wie  ein  französischer  Lanzelet  gewesen  sein,  und  der  Dichter 
der  Kudrun  konnte  es  kennen.  Auch  aus  diesem  Grunde  ist  also  der 
Name  Wigäleis  kein  Beweis  »egen  unsere  obio-e  Zeitbestimmung.  Eine 
französische  Dichtung  desselben  Inhaltes  wie  Wirnt's  Wigalois  ist 
neuerdings  nachgewiesen  (Ebert's  Jahrbuch  4,  317  ff'.);  hier  heißt  der 
Held  Giglain. 

Zu  den  aus  dem  Verhältniss  zu  andern  Dichtungen  entnommenen 
Gründen  gesellen  sich  solche,  die  wir  dem  Gedichte  selbst  entlehnen. 
Wir  können  die  schon  oben  bemerkten  freien  Endreime  geltend  machen, 
die  sich  erhalten  haben.  Freilich  hat  auch  Wolfram  vereinzelt  solche, 
ebenso  Stricker  u.  a.  (Gramm.  I2,  445);  aber  nicht  entfernt  so  viele 
im  Vergleiche  des  Umfanges.  Dazu  kommt,  daß  Wolfram,  bei  dem 
sie  wohl  am  häufigsten  sind,  ein  Dichter  ist,  der  auf  die  Form  keinen 
Werth  legt,  ja  nicht  einmal  feinen  Sinn  für  Schönheit  der  Form  hat; 
die  metrische  Form  ist  aber  beim  Dichter  der  Kudrun  äußerst  sorg- 
fältig. Da  seine  Dichtung  die  Bestimmung  hatte,  die  höfischen  Kreise  zu 


*)  Wolfram  versteht  Valois  unter   Waleis. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  151 

unterhalten,  so  würde  er  auch  im  Reime,  da  er  im  Übrigen  die  Form 
kunstgerecht  hielt,  den  Anforderungen  seiner  Zeit  sich  bequemt  und 
nicht  Assonanzen  eingemischt  haben.  Wir  könnten  ferner  auf  die  freien 
Cäsurreime  verweisen  (vgl.  W.  Grimm ,  zur  Geschichte  des  Reims 
S.  51),  wenn  hier  nicht  die  andere  oben  gegebene  Erklärung  wahrschein- 
licher wäre.  Dagegen  sind  nicht  zu  übersehen  Alterthümlichkeiten 
in  gewissen  Formen,  die  schon  im  Beginn  des  13.  Jhs.  nicht  mehr 
vorkommen.  Dahin  ist  zu  rechnen  nerjen  statt  nern  82,  2  in  der 
Cäsur,  da  neren  unerlaubt  wäre,  habete,  präter.  von  haben,  566,  4,  in 
der  Bedeutung  'hatte',  niwen  statt  niun  854,  2.  931,  2.  1663,  3; 
vgl.  auch  fiwer  104,  1.  helede,  dreisilbig,  durch  den  Inreim  (:  edele 
684,  1.  1328,  1)  gesichert;  freilich  ist  dies  Inreim,  aber  auch  am  Schluße 
wird  helde  immer  nur  mit  selde  (d.  h.  selede)  gebunden,  nicht  mit  velde, 
engelden  u.  s.  w.  Vgl.  345.  448.  493.  497.  743.  785.  795.  936.  938.  972. 
1070.  1264.  1346.  1374.  1378.  1453.  1535.  1656.  Der  Grund  kann  nicht 
sein,  daß  helde,  selde  umgelautetes,  völde  gebrochenes  e  hat,  denn  Reime 
e  :  e  finden  sich,  wenn  auch  nicht  allzuhäufig;  auch  würde  z.  B. 
zelde  (Dat.  von  zeit)  genau  reimen.  Der  Dichter  empfand  noch  die 
Dreisilbigkeit  beider  Wörter,  und  schrieb  vielleicht  wirklich  helede: 
selede.  ivirdet  statt  wirt  ist  aus  215,  4  zu  folgern;  im  Reime  findet 
sich  icirt  gar  nicht  (ein  Reim  in  irt  kommt  überhaupt  nicht  vor),  inner- 
halb des  Verses  muß  die  syncopierte  Form  daneben  angenommen  werden; 
vgl.  258,  4.  306,  2.  686,  2  u.  s.  w.  Ferner  eltüte  in  der  Cäsur  77,  1. 
118,  1.  mitteliste  119,  1,  die  nicht  verkürzte  Form  dieneste  83,  4.  662,  2. 
1155,  4  neben  der  syncopierten.  sclicenesten  476,  3  und  vor  allem 
bezziste  724,  4.  1588,  4,  was  der  Vers  erfordert.  Vielleicht  ist  auch 
1076,  1  statt  dö  sandes  aller  erste  zu  lesen  du  sandes  ereste  (:  iveste); 
vgl.  Wackernagel's  Walther  24,  23.  Ferner  gehören  hierher  die  alter- 
thümlichen  Reimformen  dbunden  :  erfunden  376,  3,  vgl.  Biterolf  3612. 
9241  abunt  :  ivunt;  und  im  Inreim  äbunde  :  gunde  47,  4.  :  wunden 
518,  4.  toeinunde  :  stunde  616,  1,  wie  snidunden  :  wunden  Bit.  6535. 
suochunde  :  stunde  Klage  2367  Lassberg.  Endlich  darf  man  das  Vor- 
kommen der  Participia  auf  ende  in  der  Cäsur  für  das  Alter  geltend 
machen;  denn  dies  steht  der  Verwendung  der  Participia  im  Reime 
gleich,  die  auch  nur  noch  im  letzten  Jahrzehend  des  12.  Jahrhunderts 
vorkommt.  Ein  anderer  Ton  ruht  offenbar  auf  iceinende  sän  als  auf  do 
si  si  iveinende  \  beide  vor  ir  sach  1244,  1,  worauf  wirklich  eilende  in  der 
zweiten  Zeile  reimt;  jenes  weinende  vertritt  zwei  Hebungen  und  eine 
Senkung,  dies  in  der  Cäsur  drei  Hebungen,  indem  ja  die  zweite 
Silbe  der  klingenden  Cäsur  als  eine  Hebung  gelten  muß.    So  steht  in 


152 


KARL  BARTSCH 


der  Cäsnr  lachende  220,  4.  trürende  278,  1.  929,  1.  weinende  noch  1254,  1. 
1387,  l.  1525,  1.  Alle  diese  und  vielleicht  noch  mehr  durch  den  Schreiber 
verwischte  Spuren  (z.  B.  frowede  statt  fröude)  weisen  auf  den  Schluß 
des  zwölften  Jahrhunderts  hin,  und  dazu  stimmt  das  früher  aus  ver- 
schiedenen Merkmalen  gefolgerte  Alter  der  Originalhandschrift,  die  spä- 
testens dem  Anfang  des  13.  Jahrhunderts  angehört  haben  kann*). 

Die  Geschichte  unserer  Kudrun  lässt  sich  demnach  folgender- 
maßen darstellen.  Zwischen  1190  und  1200  dichtete  ein  in  Österreich 
heimischer  Dichter  in  einer  Strophenform,  die  er  dem  auch  anderweitig 
von  ihm  benutzten  Nibelungenliede  nachbildete,  die  Sage  nach  Volks- 
liedern, die  durch  niederdeutsche  fahrende  Sänger  nach  Österreich  ge- 
kommen waren.  Daß  diese  Lieder  ihm  in  schriltlicher  Aufzeichnung 
vorlagen,  möchte  aus  505,  1  als  diu  buoch  uns  kunt  tuont  zu  schließen 
sein;  denn  diese  Berufung  steht  in  einem  Theile  des  Gedichtes,  an 
dessen  Volkstümlichkeit  nicht  zu  zweifeln  ist.  Die  andern  Berufungen 
auf  eine  Quelle,  in  denen  der  Dichter  mit  seinem  Ich  hervortritt,  sind 
allgemeiner  Natur  und  dienen  entweder  bloß  zur  Ausfüllung  des  Verses 
oder  sollen  die  Glaubwürdigkeit  des  Erzählten  erhöhen :  sie  finden  sich 
meist  in  der  zweiten  Vershälfte  und  bezeugen  dadurch  schon,  daß  der 
Reim  sie  hervorrief.  Vgl.  also  ist  uns  geseit  9,  1.  als  uns  ist  geseit  166,  1. 
338,  1.  1430,  1.  so  wir  heeren  sagen  22,  1.  38,  1.  288,  2.  1109,  2.  1500,  1 
da  von  man  daz  meere  wol  erkennet  22,  4,  vgl.  197,  4.  von  so  grbzer 
künste  hört  ich  nie  man  gesagen  541,  4.  ja  saget  man  uns  daz  549,  2. 
diu  rede  ist  alwär  617,  2.  für  war  so  weiz  ich  daz  841,  1.  als  ich  hän 
vernomen  874,  1.  Er  nahm  aber  jene  Lieder,  deren  Reim  sicherlich 
noch  der  alterthümlich  freie  des  zwölften  Jahrhunderts  war,  deren 
Form  wir  nicht  kennen,  die  jedoch  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  in 
den  gewöhnlichen  Reimpaaren,  fortlaufend  oder  strophisch  getheilt, 
abgefässt  waren,  nicht  unverändert  auf;  manches  aus  ihnen  mochte 
er  ziemlich  treu  beibehalten  und  nur  der  veränderten  strophischen 
Form,  die  er  sich  geschaffen,  anpassen,  wie  an  den  oben  angeführten 
Stellen  nicht  unwahrscheinlich  ist. 

Aber  tiefgreifender  ist  die  Veränderung,  die  er  mit  der  Darstel- 
lungsweise vornahm.  Er  verpflanzte  die  alten  volkstümlichen  Lieder 
auf  den  Boden  ritterlichen  Lebens  und  gestaltete  darnach  die  Schil- 
derung in  vieler  Hinsicht  anders  und  moderner.  Wie  die  antiken  Sagen 
und  Persönlichkeiten  sich  dem   mittelalterlichen  Gewände  des  12.  und 


*)    Nach  Miillenhoff    S.  108    wurde   die    erhaltene  Abschrift  'nach  einer  Hs.    des 
14.  Jhs.,  wenn  nicht  altern',  gefertigt;  Gründe  sind  nicht  angegeben. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  153 

13.  Jahrhunderts  anpassen  mußten,  so  wurden  auch  die  männlichen 
und  weiblichen  Heldengestalten,  die  das  Volkslied  des  12.  Jahrhunderts, 
treuer  am  Überlieferten  festhaltend,  gewiss  noch  ursprünglicher  bewahrt 
hatte,  modernisiert.  Die  Rücksicht  auf  die  ritterliche  Hofgesellschaft, 
für  die  sein  Gedicht  bestimmt  war,  veranlasste  den  Dichter  haupt- 
sächlich, der  Darstellung  eine  ritterliche  Färbung  zu  geben;  ja  noch 
mehr,  aus  andern  dem  Geschmacke  der  Zeit  besonders  zusagenden 
Dichtungen  Züge  aufzunehmen.  Diesem  Geschmacke  verdanken  wir 
namentlich  die  Erfindungen  des  ersten  Theiles,  die  schwerlich  auf 
alter  Sage  ruhen.  Die  Entführung  Hagens  durch  die  Greifen  und  deren 
Tödtung  ist  ein  solcher,  dem  deutschen  Volksepos  ursprünglich  fremder 
Zug;  sie  konnte  dem  Dichter  aber  aus  der  Sage  von  Herzog  Ernst 
oder  anderwärtsher  bekannt  sein.  Die  Geschichte  der  Voreltern  erzählt 
er  nach  Analogie  der  höfischen  Epik,  wie  z.  B.  die  ersten  Bücher  des 
Parzival  ausschließlich  von  Gahmuret  handeln.  In  den  späteren  Par- 
thien  gehört  hierher  die  Erzählung  vom  Magnetberge  Givers,  die  wahr- 
scheinlich auch  auf  die  Sage  von  Herzog  Ernst  zurückzuführen  ist, 
Das  wunderbare  Thier  gabilün  (Zeitschrift  2,  1.  Germania  1,  479),  mit 
dem  der  junge  Hagen  kämpft,  mit  welchem  vorher  ein  Löwe  gekämpft 
hat  *)  und  von  dessen  Blute  Hagen  trinkt  und  sich  Kraft  gewinnt,  er- 
innert auf  der  einen  Seite  an  den  Kampf  Siegfrieds  mit  dem  Drachen, 
dessen  Blut,  in  dem  er  sich  badet,  ihn  unverwundbar  macht,  auf  der 
andern  an  die  Sage  von  Heinrich  dem  Löwen,  die  vielleicht  in  älterer 
Fassung  als  die  uns  erhaltenen  Recensionen  dem  Dichter  bekannt  war. 
Derselben  Rücksicht  auf  den  Geschmack  der  modernen  Zeit  ist  die 
Verlegung  von  Localitäten  aus  der  Umgebung  der  Nordsee  in  den 
Süden  und  Orient  zuzuschreiben,  die  durch  gleiche  oder  ähnlich  klin- 
gende Namen  (z.  B.  Morlant)  begünstigt  wurde.  Ihr  gebührt  endlich 
der  Schluß  des  Ganzen  mit  der  vierfachen  Hochzeit,  der  zu  Liebe  ein- 
zelne Personen,  wie  die  ungenannte  Schwester  Herwigs,  erfunden  wurden. 
So  weit  können  wir  die  Thätigkeit  und  das  Verfahren  des  Dichters 
verfolgen.  Wir  können  auch  den  Versuch  machen,  durch  Hinzuziehung 
anderer  Überlieferungen  den  ursprünglichen  Bestand  der  Sage,  wie  sie 
dem  Dichter  bekannt  war,  in  allgemeinen  Zügen,  im  Großen  und  Ganzen 
zu  bezeichnen,  aber  unmöglich  ist  es,  bei  jeder  einzelnen  Strophe  ihr 
entsprechendes  Vorkommen  im  Volksgesange  nachzuweisen. 

Ein  Dichter  dichtete  das  ganze  Werk,    dem  vielleicht  die  letzte 


*)  So  miißen  wir  uns  den  Zusammenhang  102,  2  erklären.    Der  Löwe  geht  sanft 
auf  ihn  zu,  weil  er  ihn  als  seinen  Erretter  erkennt. 


154  KARL  BARTSCH 

Feile  noch  fehlte.  Denn  so  erkläre  ich  mir  das  Vorkommen  der  Nibelungen- 
Strophe.  Im  Anfang,  wo  dem  Dichter  die  Form  seines  Vorbildes,  die  er 
umgestaltete,  noch  aus  diesem  geläufig,  die  neue  Form  noch  ungewohnt 
war,  kommt  sie  häufiger,  mitunter  in  ganzen  Strophenreihen  vor;  im  zwei- 
ten Theile  ungleich  seltener.  Manche  der  als  Nibelungenstrophen  bisher 
betrachteten  habe  ich  in  die  richtige  Form  verwandelt.  Zuweilen  war  viel- 
leicht nur  das  die  Ursache,  daß  sich  ein  klingender  Reim  nicht  gleich- 
ergab, und  der  Unterschied  besteht  dann  nur  im  Reimgeschlechte,  wäh- 
rend die  Zahl  der  Hebungen  wie  bei  der  Kudrunstrophe  ist,  so 

1470,  4  von   Waten  uiht  muoste  sterben,      vil  grimme  was  der  recke  qemuot. 
287,  4  siver  die  ünde  boiucet,     der  muoz  mit  ungemäche  genesen. 

30,  4  nach  hohem  prtse  werben:     des  ich  hie  künde  noch  nie  geioan. 
474,  4  ich  geloube,  duz  dem  degene     in  kurzer  zite  lieber  nie  geschach  *). 

1J43,  4  nider  von  dem  berge,  des  freuten  sich  die  loazzermüeden  man. 
Hier  liegt  der  Grund  in  der  vorhergehenden  Zeile ;  statt  gein  dem 
tanne  hatte  der  Schreiber  in  den  tan  geschrieben,  und  schrieb  darum 
auch  in  der  nächsten  man  statt  ma?ine,  ließ  aber  die  Zahl  der  Hebungen 
unangetastet.  Ein  ähnlicher  Fehler  1621,  3,  wo  außerdem  vielleicht  die 
Absicht,  den  rührenden  Reim  zu  vermeiden,  den  Schreiber  zur  Ände- 
rung veranlasste.  Solche  Unebenheiten  wären  bei  einer  letzten  Durch- 
sicht wohl  vom  Dichter  beseitigt  worden ;  sie  stehen  der  Verwechslung 
stumpfer  und  klingender  Reime  am  nächsten,  der  man  zuweilen  in  der 
lyrischen  Dichtung  begegnet  (Germania  2,  288).  Eine  sonderbare  Erklä- 
rungsweise einzelner  Nibelungenstrophen  sehe  man  bei  Müllenhofi'  S.  44. 
Wie  die  Ungleichheit  der  Form  nicht  berechtigt,  mehrere  Dichter 
an  dem  Werke  thätig  anzunehmen,  so  ist  auch  die  Abweichung  der 
Darstellung,  die  Verschiedenheit  der  poetischen  Kraft  kein  ausreichender 
Grund.  Die  Übertragung  eines  volksthümlichen  Stoffes  aus  alter  Zeit, 
mit  Empfindungen  und  Anschauungen,  die  weit  über  die  Zeit  des 
Dichters  zurückreichen ,  auf  den  höfischen  Boden  mußte  nothwendig 
eine  Ungleichartigkeit ,  mußte  seltsame  Contraste  hervorbringen.  Wie 
sonderbar  nimmt  es  sich  aus,  wenn  der  alte  Wate,  eine  Gestalt,  deren 
mythische  Grundlage  nicht  zu  verkennen  ist,  geschildert  wird,  das 
Haar  mit  Borten  durchwunden,  wie  modische  Herren  um  das  Jahr  1200 
es  trugen!**)  So  sticht  alles,  was  zur  Schilderung  des  äußern  Lebens 


*)  Die  Hs.  hat  geschache  (:  geschach) ;  das  meint  ohne  Zweifel  geschähe  (:  gescehe), 
und  so  kann  man  an  diesem  Beispiel  den  leisen  Übergang  von  der  einen  in  die  andere 
Strophenform  ersehen. 

**)  Stirnbänder,  die  häufig  Seidenborten  mit  Gold  durchwirkt  waren,  trug  man  auch 
im  Norden  (Weinhold,  altnord.  Leben  S.  180) ;  aber  modischer  ist  es  in  der  Kudrun  gemeint. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  ]55 

gehört,  die  Beschreibung  der  Kleider,  der  Betten,  der  Ausrüstung  der 
Schiffe,   der  Feste  u.  s.  w. ,  von  dem  eigentlichen  epischen  Stoffe  ab; 
aber   sind  wir   berechtigt,    die   betreffenden  Strophen  als  Zuthat  eines 
jüngeren  Bearbeiters  zu  betrachten,  da  sie  doch  im  Ausdruck,  in  Sprache 
und  Metrik  so  genau  zu  dem  Übrigen  stimmen,  daß  eben  nur  ein  und 
derselbe  Dichter  sie  gedichtet  haben  kann?  Wenn  ein  um  10 — 20  Jahre 
jüngerer  Bearbeiter  sich  veranlasst  sehen  konnte,  solche  moderne  Schil- 
derungen einzuflechten,  warum  nicht  schon  der  ursprüngliche  Dichter? 
Das  höfische  Leben,    wie  es   uns    in  diesen  Beschreibungen  entgegen- 
tritt, war  um   1190  und  noch  mehr  um  1210,    wohin  man  gewöhnlich 
die  Abfassung  verlegt,  im  Wesentlichen  dasselbe  wie  20  Jahre  später. 
Unserm   modernen  Gefühle   widerstrebt    die   Vermischung    der    Sitten 
verschiedener  Zeitalter,  aber  solche  Objectivität  besaßen  mittelalterliche 
Dichter  nicht.    Wenn  sie  eine  Spur  davon  besessen  hätten,  so  würden 
sie  auch  das  klassische  Alterthum  reiner  aufzufassen  befähigt  gewesen 
sein.    Es   heißt   etwas  Modernes   in  die  Poesie  des   12.  und  13.  Jahr- 
hunderts hineintragen,  wenn  man  so  zuversichtlich  behauptet,  daß  jene 
Schilderungen,    weil  sie  für  unser  ästhetisches  Gefühl  entbehrlich,   ja 
sogar  störend  sein  können,  nicht  von  dem  ersten  Dichter  verfasst  seien. 
Nicht  minder  sticht  das,  was  der  Dichter  aus  eigener  Erfindung 
hinzuthat  oder  aus  Zügen  anderer  Gedichte  hineintrug,  von  dem  Kerne 
der  Sage  ab;  es  ist  farbloser,  matter,  unpoetischer,  es  versetzt  uns  in 
eine  andere  Welt,  aus  dem  Kreise  der  Volkssage  in  den  der  gelehrten; 
aber  wiederum   finden  wir   hier   dieselbe  Übereinstimmung    in  Sprache 
und  Versbau.    Was  man  etwa  von  Verschiedenheiten  der  Sprache  hat 
auffinden  wollen   (Müllenhoff  S.  115  fg.)   hat  nichts  zu  bedeuten   und 
ist   meist   willkürlich,    zumal    da    die   hier    zusammengestellten  Abwei- 
chungen erst  das  Kesultat  von  Grundsätzen   sind,  deren  Berechtigung 
nach   dem   eben  Gesagten   mindestens   sehr   zweifelhaft  scheinen   muß 
So  spricht  456—487  fdie  Leere  des  Inhalts,  da  nur  der  zärtliche,  höf- 
liche Empfang  der  heimkehrenden  Helden  und  der  Braut  Hilde  durch 
Hetel   geschildert  wird'  (Müllenhoff  S.  11)   nebst   den   innern  Reimen 
(von  diesen  wird  gleich  nochmals  die  Rede  sein)  dafür,  daß  diese  Strophen 
von  einem  andern  Verfasser  seien.    1147 — 1149  sind  nebst  1150.    1151 
und  1142 — 45  darauf  aus  fdie  Situation  und  zwar  nicht  ganz  ungeschickt 
auszumalen'  (S.  25).   fDie   matte  Weitläuftigkeit  und   die   vielen  Um- 
stände, die,  ehe   Ortwin  zu  Worte  kommt,  erst  gemacht  werden,  sind 
nur  einem  Erweiterer,  der  viel  auf  Höflichkeit  hält,  zuzurechnen'  (S.  31). 
'Die  ganze  Scene   sollte   zu  einem   ritterlichen  Liebesabenteuer  ausge- 
malt werden'  (S.  61).   fMan   sieht,   es   wird  nur   Scene  gemacht,    die 


[56  KARL  BARTSCH 

eigentliche  Handlung  kommt  um  keinen  Schritt  weiter'.  (S.  72).  'Nur 
um  zu  dieser  treuen  Magd  [Hildeburg]  einen  Gegensatz  abzugeben, 
ist  Hergard  da.  Sie  ist  eine  ganz  mäßige  Figur  und  es  ist  gar  nicht 
abzusehen,  wo  sie  einmal,  wäre  sie  sagengemäß,  in  die  Handlung 
eingreifen  könnte.  Der  Gedanke,  der  sie  hervorbrachte,  ist  nicht  so 
übel,  in  der  Erfindung  bleibt  er  wieder  stecken,  wie  es  Einfällen  des 
ersten  Ubei arbeiters  stets  ergeht'  (S.  73  fg.).  Wenn  sie  auch  nicht 
sagengemäß  war,  was  sich  übrigens  nicht  erweisen  lässt,  so  konnte 
diesen  nicht  so  üblen  Gedanken  doch  wohl  der  erste  Dichter  ebenso 
gut  haben,  wie  ein  Uberarbeiter.  Und  was  das  Steckenbleiben  betrifft, 
so  ist  bekannt,  daß  Dichter  aller  Zeiten  in  ihren  Dichtungen  hin  und 
wieder  Gestalten  auftreten  lassen,  die  an  einer  bestimmten  Stelle  einen 
Zweck  zu  erfüllen  haben  und  nachher  verschwinden,  möge  man  darinnen 
einen  Mangel  der  Composition  erblicken  oder  nicht.  Der  Sänger  des 
echten  Liedes  begnügt  sich,  das  schauderhafte  [nämlich  wie  Wate  die 
Gerlind  tödtet]  nur  anzudeuten'  (S.  75).  Die  erste  Halbzeile  von  235,  1 
und  die  letzte  von  238,  1  werden  zu  einem  Verse  vereinigt  und  was 
dazwischen  liegt,  ausgeworfen,  weil  'der  Uberarbeiter  hier  wieder  An- 
laß genommen  hat,  eine  höfliche  Scene  einzuschalten  und  so  die  Hand- 
lung auszurecken'  (S.  79).  Der  innere  Reim  wird  sehr  häufig  als  ein 
Verwerfungsffrund  hervorgehoben,  wo  der  Inhalt  der  betreffenden  Stro- 
phen  gut  oder  übel  entbehrt  weiden  konnte;  wo  das  aber  dem  Kritiker 
nicht  passt,  da  sagt  er,  die  Strophe  sei  umgearbeitet,  der  innere  Reim 
erst  eingefügt.  Man  sieht,  er  lässt  sich  immer  ein  Hinterthürchen 
offen.  Von  einer  'völligen  Verschiedenheit  der  Form',  aus  welcher  ein 
anderer  Verfasser  gefolgert  wird  (S.  11;  vgl.  49.  50) ,  kann  also  gar 
nicht  die  Rede  sein,  denn  die  als  echt  erkannten  Strophen  haben  ja 
auch  innere  Reime.  Wenn  von  diesen  angenommen  wird,  sie  seien 
erst  durch  Überarbeitung  hineingebracht,  warum  soll  das  nicht  auch 
von  jenen  gelten,  die  wegen  ihrer  innern  Reime  verworfen  wurden? 
Denn  daß  der  innere  Reim  an  manchen  Stellen  häufiger  auftritt  als 
an  andern,  kann  nichts  beweisen;  wenn  ein  Umarbeiter  Freude  daran 
fand,  so  wird  man  ihm  die  Freiheit  einräumen  müssen,  daß  er,  da  er 
nicht  consequent  alle  Cäsuren  in  Reime  verwandelte  (wie  der  Dichter 
•  1- -  Jüngern  Titurel  mit  Wolframs  Bruchstücken  that),  nach  Belieben 
bald  eine  größere  Strophenreihe  so  verzierte,  bald  hier  und  da  nur 
einzelne  Strophen.  Wenn  nun  endlich  manche  Wörter  nur  in  gewissen 
Strophen  vorkommen ,  termini  technici  des  höfischen  Lebens ,  Worte 
wie  hurte,  trunzün,  sigeläte,  purpur,  baldekin,  phelle,  kastelän  (Müllenhoff 
S.   116),  so  ist  das  gar  nicht   wunderbar;   denn  diese  Worte  begegnen 


BEITRÄGE  ZTTR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  157 

eben  nur  in  Strophen,  in  denen  ritterliches,  höfisches  Leben  geschildert 
ist.  Sie  wären  entbehrlich;  aber  muß  denn  jeder  Dichter  nur  das  un- 
umgänglich Nothwendige  sagen?  und  gestattet  nicht  zumal  das  Epos 
gewisse  Ausschmückungen?  Vielleicht  ein  echtes  Volkslied  aus  jener 
Zeit  würde  sich  solches  Beiwerks  enthalten  haben ;  aber  wirkliche  Volks- 
lieder behaupten  ja  die  Kritiker  der  Kudrun  gar  nicht  zu  geben,  son- 
dern das  Werk  eines  Kunstdichters.  So  würde  auch  vielleicht  das 
Volkslied  nichts  von  der  Weichherzigkeit  der  Helden  haben,  die  öfter 
weinen  (vgl.  Müllenhoft'  S.  24);  aber  der  Dichter  der  Kudrun  konnte 
diesen  Zug,  der  in  den  höfischen  Dichtungen  oft  vorkommt,  seinen 
Helden  andichten.  Wir  besitzen  kein  episches  Volkslied  aus  der  Zeit 
um  1200  (man  wird  uns  hoffentlich  nicht  die  zwanzig  Lieder  von  den 
Nibelungen  entgegenhalten  wollen),  wir  wissen  nicht  einmal,  in  wieweit 
der  Volksgesang  sich  von  den  ritterlichen  Elementen  freigehalten  hat, 
ob  nicht  schon  er  aus  andern  Sagen  nicht  volksthümlicher  Art  Züge 
entlehnte,  wie  wir  sie  in  der  Kudrun  finden,  wie  denn  z.  B.  die  Ernst- 
sage später  wirklich  Gegenstand  der  volksthümlichen  Dichtung  wurde. 
Müllenhoff  bemerkt  (S.93):rDie  Vergleichung  des  Ortnit  und  Wolfdietrich 
beweist,  daß  alle  jene  bei  beiden  Uberarbeitern  bemerkten  phantastischen 
halbgelehrten  Züge  überhaupt  in  den  Volksgesang  eingedrungen  waren, 
wie  schon  im  zwölften  Jahrhundert  die  rohe  Spielmannspoesie  ihre 
Stoffe  damit  versetzte.'  Der  Ortnit  soll  nach  Müllenhoff  um  1226 — 28 
entstanden  sein;  mit  welchem  Rechte  das  behauptet  wird,  daraufkommt 
es  hier  nicht  an.  Wer  dürfte  wagen,  die  Grenze  so  genau  zu  bestim- 
men, wann  solche  Elemente  eindrangen?  Wenn  sie  um  1226  in  den 
Volksgesang  eingedrungen  waren,  warum  nicht  schon  1212,  und  wenn 
sie  in  den  Volksliedern  von  Kudrun  wirklich  noch  nicht  waren,  so 
konnte  doch  ein  Kunstdichter,  dem  sie  viel  näher  lagen  als  der  Volks- 
poesie, sie  seinem  Werke  einverleiben,  wenn  die  Volksdichtung  selbst 
so  bald  darauf  sie  sich  amalgamierte. 

Niemand  wird  es  Wunder  nehmen,  wenn  der  erste  Theil,  der  des 
Unvolksthümlichen  am  meisten  enthält,  wenn  der  erfundene  Schluß  des 
Ganzen  matt  erscheint  gegenüber  der  Größe  und  Herrlichkeit  dessen, 
was  in  der  Mitte  liegt;  denn  ein  auch  noch  so  begabter  Dichter  (und 
das  war  der  Dichter  der  Kudrun  nach  dem  Urtheil  Aller)  vermöchte 
nichts  Episches  aus  eigener  Phantasie  zu  erfinden,  was  der  Hoheit  der 
uralten  Volksüberlieferung  gleichkommt,  auf  der  gewissermaßen  der 
Geist  eines  ganzen  Volkes  ruht.  Die  Verschiedenheit  des  Stofflichen 
ist  es  vorzugsweise,  was  uns  den  Eindruck  einer  verschiedenen  poeti- 
schen   Befähigung  macht.    Vom  Stoffe   abgesehen   ist  die   Behandlung 


]58  KARL  BARTSCH 

und  Darstellung  gleichmäßig  genug,  wenn  man  die  Verschiedenheit  der 
Quellen  in  Anschlag  bringt:  wo  der  Dichter  im  Ausdruck  sich  treuer 
an  die  ihm  bekannten  Volkslieder  anschloß,  da  ist  sein  Stil  wohl  auch 
etwas  abweichender  geworden  von  seinem  eigenen.  Es  kann  uns  nicht 
einfallen  zu  leugnen,  daß  die  eine  Strophe  unbedeutender  und  matter 
sei  als  die  andere;  aber  in  welchem  größeren  Gedichte  wird  man  nicht 
ähnliches  finden?  Man  hat  auf  Widersprüche  aufmerksam  gemacht, 
und  auch  darin  einen  Beweis  für  die  Thätigkeit  mehrerer  Dichter  ge- 
funden. Manches  der  Art  ist  richtig,  vgl.  Müllenhoff  S.  23.  30.  34.  52; 
anderes  kann  nicht  zugegeben  werden.  So  was  S.  17  über  834,  4  ge- 
sagt ist ,  weil  es  auf  falscher  Lesart  (riten  statt  rieten)  beruht.  Ferner 
S.  38  über  1076,  3:  hier  werde  von  einem  Schwur  gesprochen,  den 
die  Helden  Hilde  abgelegt  hätten,  woran  kein  wahres  Wort  sei.  War 
auch  der  Ausdruck  herverte  swem  oder  herreise  swern  nicht  gebraucht, 
so  halten  die  Helden  doch  Strophe  940  ff.  ihre  Bereitwilligkeit  zu  der 
Heerfährt  ausgesprochen  und  sie  nur  verschoben  wissen  wollen,  bis  die 
Kinder  herangewachsen.  Strophe  108  heißt  es,  Hagen  und  die  drei 
Jungfrauen  wanderten  24  Tage  durch  den  Wald,  bis  sie  eines  Mor- 
gens ein  Schiff  erblickten.  Da  meint  nun  der  Kritiker  (S.  44) ,  die 
Höhle  habe  ja  dicht  am  Meere  gelegen  (88),  mithin  brauchten  sie  nicht 
24  Tage  zu  wandern,  um  das  Meer  zu  finden.  Das  letztere  steht  nicht 
im  Texte:  der  Wald  stieß  an  das  Meer  an,  und  so  wandern  sie  an 
der  Küste,  aber  doch  im  Walde,  und  konnten  dabei  immer  das  Meer 
im  Auge  haben,  ohne  früher  als  am  24.  Tage  ein  Schiff' zu  erblicken. 
Auch  ist  es  kein  Widerspruch,  wenn  Sigebant  auf  einer  greden  (26,  1) 
sitzt,  und  die  Königin  unter  einem  Zederbaume  (26,  3)  mit  ihm  spricht; 
beides  lässt  sich  vereinigen.  Die  wirklichen  Widersprüche  aber  könn- 
ten nur  zum  Beweise  dienen,  daß  der  Dichter  verschiedene  Quellen 
und  Lieder  benutzte,  die  in  ihren  Angaben  nicht  immer  harmonierten. 
Ich  will  noch  einige  Mängel  der  Beweisführung  bemerken.  Mit- 
unter werden  von  dem  Kritiker  Sprünge  in  der  Erzählung  gemacht 
durch  Weglassen  einiger  Strophen,  die  eben,  wenn  man  sie  nicht  weg- 
lässt,  das  Sprungartige  vermeiden,  also  das  Naturgemäße  bieten.  So 
S.  9:  Von  jener  Schlußstrophe  des  ersten  Abschnittes  275  bis  zu  dieser 
(289)  springt  die  Erzählung  also  von  der  Abreise  von  Hegelingen  auf 
die  Ankunft  in  Irland  über:  es  wird  nicht  erzählt,  wie  die  Helden  die 
Heise  machten,  was  eben  die  verworfenen  Strophen  noch  schildern 
wollten'.  Die  sonst  gegen  die  verworfenen  Strophen  geltend  gemachten 
Einwände  sind  nichtssagend;  höchstens  könnte  der  Zahlenunterschied 
zugegeben  werden,    indem   Frute   248   siebenhundert   Recken  verlangt, 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER.  KUDRUN.  159 

und  es  282,  2  dreitausend  sind.  Aber  solche  Verschiedenheit  kann  auf 
Rechnung  des  Schreibers  kommen,    der  drtzic  statt  siben  schrieb;    das 
Zahlwort  war  vielleicht  nur  .VII.  geschrieben.    S.  11  wird  Strophe  439 
ausgeworfen  mit  der  Bemerkung:  'die  Erzählung  macht  einen  Sprung 
von  den  Worten  des  Königs  sogleich  auf  den  andern  Tag,  wo  er  sein 
Versprechen  erfüllte.   Verschwiegen  wird,  daß  die  Helden  an  den  Strand 
zurück  kehren'.    Diese  Rückkehr  erzählt  eben  die  verworfene  Strophe; 
aber  warum  der  Sprung,  warum  das  Verschweigen?    Weil  439  'schon 
dem  Tone  nach  unecht'  ist;  dieser  Grund  wird  auch  S.  34,  85  geltend 
gemacht.    S.   15  lesen  wir,   mit  802    schließe  das  'Lied',   dessen  Fort- 
setzung  aber    leicht    gefordert   werden   konnte,  rdenn  wenn   in   diesem 
Liede  auch  alles  sich  um  Kudrun  dreht  und  sie  ganz  in  der  Mitte  der 
Handlung  steht,  durch  die  Fortsetzung  sie  aus  den  Augen  verschwinden 
und  hinter  den  Kampf  der  um  sie  allerdings  streitenden  Helden  zurück- 
treten mußte,  so  entstand  doch  leicht  die  Frage,  wie  nun  die  mit  einem 
siegreichen  Heere  abwesenden  Verwandten  bei  der  Nachricht  vom  Ge- 
schehenen verfahren  werden'.    Als  wenn  dem  Dichter  nicht  frei  stände, 
eine  Zeit  lang  seinen  Helden  außer  Augen  zu  lassen,   als  wenn   nicht 
schon  der  ursprüngliche  Dichter  gleich  bei  der  Composition  von  diesem 
Rechte   hätte  Gebrauch    machen   können!    Zwar   hält  Müllenhofi'  diese 
'Fortsetzung'  für  ein  Product  des  Dichters  der  echten  Theile,  aber  für 
ein  späteres;  aber  dies  ist  grundlos.    S.  16  heißt  es,  'es  geschieht  ein 
Sprung  und  man  muß  ergänzen,  daß  Hilde  Boten  aussendet'.   Das  wird 
in  den  verworfenen  Strophen  803—813  erzählt.    S.  31  werden  die  Stro- 
phen   1349  ff.   verworfen:  'sie   gehören   dem    ersten    Überarbeiter,    der 
wieder  die  Versetzung  der  Scene  und  die  kleine  Lücke  zwischen  zwei 
Absätzen  verdecken  wollte'.    Solche  Lücken   und  Sprünge  werden  an- 
genommen, damit  das  Hastige  und  Springende  des  Volksliedes  heraus- 
komme (vgl.  S.  78.  187). 

Wie  willkürlich  und  subjectiv  die  Gründe  für  Auswerfung  der 
Strophen  sind,  habe  ich  schon  dargethan.  Hier  noch  einige  weitere 
Belege.  Von  1072  heißt  es  S.  22:  '1072  ist  ohne  innern  Reim  und 
besser  als  die  übrigen  [1066—1074,  die  verworfen  werden];  sie  mag 
älter  und  in  ihrer  ersten  Zeile  dann  auch  Hilde  genannt  gewesen  sein'. 
S.  65  'in  der  Jüngern  Strophe  1215  mit  Mittelreimen  antwortet  Kudrun'. 
S.  63  'dann  folgen  ein  paar  Strophen  mit  innern  Reimen,  1230.  1231'. 
Die  Strophen,  wo  Ludwig  ergrimmt  Kudrun  ins  Wasser  schleudert, 
werden  S.  48  verworfen,  mit  der  Bemerkung:  'Ludwig  hat  zu  dieser 
Rohheit  keinen  Grund,  seine  Beziehung  kommt  darauf  später  vor.' 
Als  wenn  dies  ein  Grund  wäre!   Vgl.  noch  S.  48.  52.  61.  63.  66.  73. 


160  KARL  BARTSCH 

74.  !<7.  S.  33  ist  alles  in  Ordnung  und  Übereinstimmung,  was  die  vier 
Thore  betrifft,  aber  es  sollen  einige  Personen  in  dem  Kampfe  nicht 
vorkommen  können,  und  daher  müssen  verschiedene  Strophen  ausfallen. 

Selbstgeschafiene  Schwierigkeiten  entstehen  durch  die  Annahme, 
daß  der  Dichter  nicht  gleich  beabsichtigt  habe,  die  ganze  Sage  zu  dich- 
ten, daß  er  nicht  von  vorne  herein  mit  dem  Plane  begonnen  (S.  13)*); 
vgl.  S.  21  oben.  S.  22.  25.  30.  32.  So  werden  'Ungleichheiten'  in  den 
von  einem  Dichter  herrührenden  echten  Theilen,  'wenn  z.  B.  ein  Held 
in  einem  Theile  vorkam,  im  andern  nicht',  'aus  der  Annahme  einer 
successiven  Entstehung  der  Lieder  erklärt:  die  Composition  war  nicht 
von  vorne  herein  entworfen'  (S.  112).  Kann  es  einen  besseren  Beweis 
für  die  Unhaltbarkeit  der  von  den  verschiedenen  Kritikern  gehandhabten 
Methoden  geben,  als  die  Verschiedenheit  der  Resultate,  zu  denen  sie 
gelangt  sind? 

AVenn  also  die  Annahme,  daß  ein  oder  mehrere  jüngere  Bearbeiter 
Theile  hinzugedichtet  hätten,  abgewiesen  werden  muß,  so  ist  doch  die 
andere,  daß  das  ganze  Gedicht  von  einem  Dichter  formell  überarbeitet 
worden  sei,  nicht  zu  verwerfen.  Die  Überarbeitung  erstreckt  sich,  wenn 
nicht  auch  Endreime  geglättet  wurden  (was  864,  2  der  Fall  ist),  haupt- 
sächlich auf  die  Einführung  des  Reimes  in  die  Cäsur.  Dazu  mochte 
den  Überarbeiter  das  Vorkommen  derselben  an  dieser  Stelle  im  ur- 
sprünglichen Gedichte,  theils  in  genauer,  theils  in  ungenauer  Form, 
veranlassen  und  reizen.  Er  verführ  also  ganz  ähnlich,  wie  der  Dichter 
des  Jüngern  Titurel,  als  er  Wolframs  Fragmente  mit  Inreimen  versah, 
nur  daß  er  sie  nicht  durchgängig  und  regelmäßig  einführte.  Aber  auch 
dieser  Überarbeiter  darf  nicht  später  als  etwa  höchstens  1215  gesetzt 
werden,  dazu  nöthigt  uns  das  Alter  der  Handschrift,  die  dem  Sohreiber 
'der  uns  erhaltenen  vorlag,  und  die  den  überarbeiteten  Text  schon  ent- 
hielt. Der  Überarbeiter  kann  Wolframs  Parzival  gekannt  und  benutzt, 
manchen  Ausdruck  ihm  entlehnt  haben ,  wenngleich  auch  das  umge- 
kehrte denkbar  ist,  daß  Wolfram,  der  die  Kudrun  kannte,  manches 
aus  ihr  borgte**),  was  bei  einem  Dichter,  der  des  Lesens  unkundig 
war,  mithin  alles  mit  dem  Gedächtnisse  aufnehmen  mußte,  noch  weniger 
Wunder  nehmen  kann  als  bei  einem  litterarisch  gebildeten. 

Undenkbar  ist  es,  daß  die  oft  durch  Künstlichkeit  des  Ausdrucks 
gewaltsam  erpressten  Cäsurreime  von  dem  Schreiber  der  uns  erhaltenen 


*)  Das  Entgegengesetzte  behauptet  Ploennies  (S.  185),  der  im  Wesentlichen  von 
denselben  Anschauungen  wie  M.  aasgeht.     Wem  soll  man  glauben? 
**)  Vgl.  Gervinus  1,  375. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK   DER  KUDRUN.  161 

Handschrift  herrühren;  denn  die  Einführung  eines  Reimes  ist  nicht 
möglich  ohne  Umgestaltung  der  betreffenden  Halbzeile,  und  wenn  auch 
der  Umarbeiter  nicht  ganz  das  metrische  Geschick  des  ursprünglichen 
Dichters  besaß,  so  sind  doch  die  so  umgereimten  Halbverse  viel  zu 
gut  gebaut  für  einen  Dichter  ums  Jahr  1500,  der  auch  schwerlich  so 
reine  Reime  gewählt  haben  würde,  wie  diese  Cäsurreimees  durchgän- 
gig sind. 

Mit  dem  Schreiber  der  Ambraser  Handschrift  schließt  die  Ge- 
schichte unseres  Gedichtes,  wir  sind  damit  zu  dem  Ausgangspunkte 
unserer  kritischen  Untersuchung  zurückgekehrt.  Es  bleibt  uns  als  letzter 
Theil  derselben  die  Besprechung  der  einzelnen  Stellen  übrig,  die  sich 
kurz  halten  lässt,  weil  meist  Punkte  vorkommen,  die  in  unserer  Ab- 
handlung erörtert  sind.  Vorher  aber  sei  ein  Wort  über  dasjenige  be- 
merkt,  was  von  anderen   für  die  Reinigung  des  Textes  geschehen  ist. 

IV. 

Hagen,  der  in  seinem  und  Primissers  'Heiden -Buch  in  der  Ur- 
sprache' (Berlin  1825)  einen  wortgetreuen  Abdruck  der  Handschrift 
gab,  hat  theils  im  Texte,  theils  in  den  Anmerkungen  eine  ziemliche 
Anzahl  von  Stellen  mit  Sicherheit  gebessert,  zu  andern  mehr  oder 
weniger  haltbare  Verbesserungsvorschläge  gemacht,  namentlich  durch 
Herbeiziehung  des  Nibelungenliedes,  dessen  Parallelstellen  den  Lesarten 
beigefügt  sind. 

Den  ersten  Versuch,  das  Gedicht  in  den  mhd.  Sprachformen  des 
13.  Jahrhunderts  zu  geben,  wagte  Adolf  Ziemann  (Quedlinburg  1835). 
Auch  er  hat  manches  im  Texte  gebessert,  aber  mehr  noch  verschlech- 
tert, theils  durch  sprachliche  Unkenntniss,  theils  durch  gänzliches  Ver- 
kennen des  strophischen  Baues,  indem  er  der  letzten  Halbzeile  nur 
vier  statt  fünf  Hebungen  gab. 

Karl  August  Hahn  in  seiner  Recension  von  Ziemanns  Ausgabe 
(Hallische  allgemeine  Litteraturzeitung  1837,  Ergänzungsblatt  n.  12, 
S.  20)  trug  zur  Berichtigung  durch  sprachliche  und  kritische  Bemer- 
kungen ebenfalls  einiges  bei. 

Wilhelm  Grimm,  der  in  Berlin  Vorlesungen  über  Kudrun  hielt, 
und  mit  einer  Ausgabe  des  Gedichtes  umgieng,  hat  von  den  durch 
ihn  gemachten  Textbesserungen  nichts  veröffentlicht ;  nur  in  Müllenhoffs 
Ausgabe  stehen  einige  von  ihm  herrührende  Emendationen.  Ich  be- 
sitze ein  Exemplar  der  Vollmerschen  Ausgabe,  in  welches  ein  Zuhörer 
Grimms  Verbesserungen  eingetragen  hat.  Sie  reichen  leider  nur  bis 
zur  4.  Aventiure.    Es  sind  folgende:  ze,  grözer  not  5,  2.  des  muost  man 

GERMANIA  X.  11 


1(52  KARL  BARTSCH 

von  dem  wilden  walde  holz  dar  tragen  38,  2.  in  den  hemenäten,  unz  daz 
dem  hünige  riche  39,  3.  zierte  ouch  vil  manegen  mit  geivande  40,  4.  von 
borten  und  gesteine  41,  3.  Die  Tilgung  des  Punktes  nach  eren  45,  4; 
von  da  49,  1.  hahte  70,  4.  rät  der  Hute  88,  1.  was  ein  statt  wären  88,  2. 
Tilgung  des  Punktes  nach  gezogen  92,  1.  zwelver  106,  1.  Die  Tilgung 
von  mit  in  114,  2.  von  ungewonheite  was  den  hinden  we  116,  2.  uz  statt 
von  116,  4.  Z6W  se  re/ite  schcene  brähte  117,  3.  iV  getilgt  118,  2.  dm 
jungeste  drunder  120,  1.  Oßwfe  getilgt  125,  4.  daz  sie  zw  to^n  leides  131,  2. 
wur  statt  mich  146,  2.  den  vi'/  Schemen  hinden  149,  3.  Mehreres  war 
schon  vorher  gebessert,  viele  der  hier  aufgeführten  habe  ich  aufge- 
nommen, andere  nicht.  Den  Namen  Grimms  habe  ich  nicht  beigefügt, 
weil  ich  keine  absolute  Sicherheit  hatte,   daß  sie  von   ihm  herrührten. 

Ludwig  Ettmüller  machte  in  seiner  Ausgabe  (Zürich  1841)  den 
ersten  Versuch,  die  späteren  Zusätze  von  dem  ursprünglichen  zu  scheiden. 
Diese  Seite  seiner  Kritik  berührt  uns  hier  nicht;  dem  Texte  ist  manche 
Besserung  auch  durch  ihn  zu  Theil  geworden. 

Karl  Müllenhoff  in  seiner  Ausgabe  (Kiel  1845)  gab  nur  die  von 
ihm  als  echt  erkannten  Strophen,  von  1705  nur  414,  daher  er  auch 
nur  an  diesen  seine  Textkritik  versucht  hat.  Sie  hat  mir  nur  wenig 
Brauchbares  geboten,  und  auch  dies  Wenige  ist  nicht  von  Bedeutung; 
sprachliche  grobe  Verstöße,  wie  tefen  statt  täten  722,  2.  1032,  4;  teter 
statt  teeter  (conj.)  753,  4.  schwachez  statt  swachez  1268,  3.  bevilhen  statt 
bevelhen,  Anm.  zu  905,  3  zeigen  den  Standpunkt  der  Kenntnisse,  auf 
welchem  der  Kritiker  sich  befand. 

Gleichzeitig  mit  der  ebengenannten  erschien  die  Ausgabe  Vollmers 
(Leipzig  1845),  die  den  ganzen  Text  enthält.  Von  allen  Herausgebern 
hat  sich  Vollmer  am  meisten  um  die  Kritik  des  Textes  verdient  ge- 
macht; eine  große  Anzahl  seiner  Verbesserungen  haben  wir  aufgenom- 
men, er  hat  manche  Eigenthümlichkeiten  des  Gedichtes  und  der  Hand- 
schrift, so  die  häufigen  Reime  e  :  en  (wenn  auch  nicht  an  allen  Stellen), 
die  Vertauschung  von  mit  und  m,  von  weidelich  und  ivcetlich,  u.  a.  m. 
zuerst  erkannt.  Seine  Ausgabe  daher  als  fein  Seitenstück  zu  seinen 
Nibelungen'  (Zeitschrift  5,  504)  zu  bezeichnen,  ist  ungerecht;  bei  den 
Nibelungen  ist  das,  was  er  Eigenes  zur  Verbesserung  des  Textes  ge- 
than,  gleich  Null,   bei  der  Kudrun   hat  er  vieles    glücklich   gebessert. 

Haupt  hat  an  verschiedenen  Stellen  seiner  Zeitschrift  (2,  380. 
3,  186.  5,  504)  zur  Textverbesserung  der  Kudrun  beigetragen.  Ein 
großer  Theil  seiner  Vorschläge  muß  als  wirklicher  Gewinn  für  den 
Text  bezeichnet  werden,  andere  sind  mindestens  unsicher  (648,  4.  957,  4. 
1377,  2),  andere  falsch,  wie  1273,  3. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KÜDRUN.  163 

Wilhelm  von  Ploennies  in  seiner  von  einer  Übersetzung,  kri- 
tischen Untersuchungen  und  einer  Darstellung  der  mhd.  epischen  Vers- 
kunst (letztere  von  Max  Rieger)  begleiteten  Ausgabe  (Leipzig  1853) 
schließt  sich  in  den  mit  Müllenhoff  übereinstimmenden  Strophen  an 
den  Text  derselben  fast  immer  an,  im  Übrigen  entnimmt  er  den  frühern 
Herausgebern,  namentlich  Vollmer,  manche  Besserung;  eigene  Emen- 
dationen,  die  wirklich  als  solche  bezeichnet  werden  können,  sind  nur 
wenige,  doch  habe  ich  ein   paarmal  von  denselben  Gebrauch  gemacht. 

Noch  bleibt  zu  erwähnen ,  daß  Franz  Gärtner  auf  Pfeiffers  Ver- 
anlassung die  Handschrift  auf's  Neue  mit  Hagens  Abdruck  verglich 
und  das  Resultat  in  der  Germania  4,  106—108  (1859)  mittheilte.  Be- 
deutendes ergab  die  Collation  nicht;  das  Wenige  habe  ich  Germania 
7,  270  fg.  besprochen. 

Ich  gehe  der  Reihenfolge  der  Strophen  nach,  indem  ich  die  von 
andern  gemachten  Verbesserungen,  die  ich  aufgenommen,  durch  den 
Anfangsbuchstaben  bezeichne.  Sollte  es  mir  begegnet  sein,  daß  ich  einem 
Herausgeber  unrichtig  die  Emendation  eines  andern  beigelegt  hätte,  so 
bitte  ich  im  Voraus  um  Entschuldigung. 

3,  4.  diu  baz]  die  Hs.  dester  bas,  die  Herausgeber  deste  baz. 

4,  2.  er  künde  ziehen  die  Herausgeber  zur  zweiten  Halbzeile  und 
schreiben  er  künde  cd  des  genuoc  (Vollmer) ,  er  kund  alles  (Ziemann, 
Ettmüller);  Ziemann  ergänzt  vor  heldes,  um  die  Halbzeile  vollständig 
zu  machen,  ganzer. 

4,  4.  die  Herausgeber  mit  der  Hs.  deheine  zit  sich. 

5,  2.  in  grozer  not  die  Hs.  und  die  Ausgaben.  —  5,  4.  aller  tage 
tägellchen  Hs. ,  von  Vollmer  gebessert.  Ettmüller  streicht  grozen  und 
behält  tage  bei. 

7,  3.  alle  Ausgaben  ziehen  diese  Zeile  zu  dem  vorhergehenden  Satze. 

8,  2.  sere,  von  Ettmüller  mit  Recht  gestrichen.  —  8,  3.  im  fehlt 
in  der  Hs.  und  den  Ausgaben. 

9,  4.  mit  im  die  Hs.,  von  Ettmüller  gebessert. 

10,  1.  ir,  Besserung  Haupts.  —  10,  3.  begunden  ze  eylen  Hs., 
Ettmüller  und  Vollmer  /;.  zuo  ihn;  ze  steht  wie  oft  in  jungen  Hand- 
schriften beim  Infinitiv  nach  beginnen.  —•  10,  4.  vierdhalben  meylen  Hs., 
von  Vollmer  gebessert. 

11,  2.  baide  plümen  Hs.,  von  Vollmer  gebessert.  —  11,  4.  aller 
hande  vogelin  Hs.  und  Ettmüller;  Ziemann  streicht  ouch  und  stellt  um 
aller  hande  vogellin  in  dem  walde.  Vollmer  schreibt  diu  statt  aller  hande. 

11* 


164  KARL  BARTSCH 

In  der  Vorlage  wird  gestanden  haben  allev  vogelin,  statt  alliu,  was  bei- 
behalten werden  könnte,  wenn  man  hinüberzieht  in  dem  wald  al-  liu 
vogelln  (vgl.  S.  67);  aber  da  die  Hss.  oft  vogelin  statt  vögele  setzen, 
wie  z.  B.  die  Liederliand schritten,  so  habe  ich  alle  vögele  vorgezogen. 
Der  Schreiber  las  aller  statt  allev  und  schob  hande  ein.  —  am  besten 
IIs.  und  die  Ausgaben. 

12,  2.  sommere,  Besserung  Vollmers.  —  rieh  geweete,  von  Ziemann 
ergänzt.  —  12,  4.  tausent  bey  ir  Hs.,  von  Ziemann  umgestellt.  Vollmer 
schreibt  unnöthig  gierigen.    Ettmüller  fasst  der  gienc  tüsent  als  Halbzeile. 

13,  4.  daz  der  junge  künic  vil  wol  Hs.,  Ziemann  streicht  künic, 
lässt  aber  vil  stehen,  Ettmüller  tilgt  vil,  Vollmer  junge.  Bei  zweisil- 
bigem Auftakte  kann  die  hs.  Lesart  bleiben. 

14,  2.  der  Vollmer]  es  die  Hs.  —  nu  Hagen]  vn  hs. 

15,  3.  hüeve  Haupt]  hüeffen  Hs.,  hüffen  Ziemann  und  Ettmüller. 

17,  2.  solle  Vollmer]  solten  Hs.  —  17,  3.  dem  fehlt  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  solte  Vollmer]  solten  Hs.  —  17,  4.  lone  Vollmer  und  Hs. ; 
ame  helde  mit  michelme  lone  Ettmüller  und  Ziemann. 

18,  4.  ze  künege  schreibt  Vollmer  statt  des  überlieferten  ze  künde; 
ze  künde  werden  ist  ganz  dieselbe  Ausdrucksweise  wie  ze  selüne  werden 
787,  4. 

19,  3.  und  fehlt,  von  Ziemann  ergänzt. 

21,  3.  drizic  känige  laut  ziehen  alle  Herausgeber  als  vorausgestell- 
tes Object  zu  dem  folgenden  Satze  mit  ob.  Nur  Ziemann  macht  es  von 
gewaltic  abhängig  und  schreibt  lande,  und  darum  in  der  folgenden  Zeile 
si  gar  mit  ir  hande. 

22,  3.  do  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

23,  1.  und  vil  Hs.,  von  Ettmüller  gebessert. 

24,  1.  was  es  Hs.,  von  Ettmüller  gebessert. 

25,  2.  vil  fehlt  Hs.,  Vollmer  schreibt  diu  mohte  ez  bekennen,  Z.  und 
E.  der  ez  mohte  bekennen.  —  beschach  Hs.  und  Ausgaben.  —  25,  3.  be- 
gerte  Hs. ;  von  V.  gebessert.  —  25,  4.  toart,  an  der  richtigen  Stelle  von 
Z.  ergänzt.  —  vil  fehlt  Hs. ,  Z.  ergänzt  al  vor  sin. 

27,  3.  dar  umb  so  ist  Hs.  und  Ausgaben.  —  27,  4.  Hellten  Ettm.] 
fehlt  Hs. 

28,  1.  sol  Hs.]  solde  Ziemann.  —  28,  4.  den  fehlt  Hs. ;  Ziemann 
ergänzt  wan  vor  durch. 

30,  4.  noch  nie  Hs.,  von  E.  berichtigt. 

31,  1.  Si  sprach:  ein  künic  so  richer  der  solt  dicker  sehen  Hs., 
Ilagen  ergänzte  ez  nach  solde,  was  Z.  und  E.  annahmen.  Vollmer 
schreibt  Einen  künic  so  riehen  den  solt  man  dicker  sehen.    Meine  Lesart 


BEITEAGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  165 

beruht  auf  44,  2.  —  31,  3.  er  solle  mit  sinen  die  Ausgaben  und  Hs. 
—  ofle  Ausgaben  und  Hs.  —  31,4.  mite  nach  da  die  Hs.  und  Ausgaben. 

32,  1.  ein  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  33,  2.  vliziclicher  Hs.,  von 
Vollmer  gebessert.  ■ —  33,  4.  leichter  Hs.,  von  Z.  gebessert.  —  edeler 
fürsten  site  noch]  nach  edler  fürsten  site  Hs.  und  Ausgaben.  Ettm.  er- 
gänzt ie  vor  nach.    Unigekehrt  steht  nach  fehlerhaft  für  noch  Nib.  6478. 

34,  1.  nach  edelen  fürsten  Hs. ;  edelen  von  Vollmer  gestrichen. 
Ofienbar  irrte  der  Schreiber  in  die  vorhergehende  Zeile  hinüber. 

34,  2.  bieten  die  Ausg.  und  die  Hs.:  allerdings  grammatisch  richtig. 
Meine  Lesart  beruht  auf  dem  mhd.  Gebrauche,  nach  einem  durch  suln 
umschriebenen  Imperativ  den  wirklichen  folgen  zu  lassen.  Vgl.  1026,3.4 
und  zu  Strickers  Karl  5262.  —  34,  3.  den  Hs.,  von  Z.  ergänzt. 

35,  2.  wie  Hs.  und  Z.  E.,  von  Vollmer  gebessert.  —  35,  4.  min 
ist  nicht  Verkürzung  von  mme,  wie  V.  schreibt,  sondern  Genetiv. 

37,  1.  Der  lobte  Hs.;  Z.  Der  für  daz  er,  abhängig  gemacht  von 
toste;  Z.  und  V.  Do  lobet  er.  Der  Sinn  ist:  rals  er  das  Fest  beschlossen 
hatte.' 

38,  2.  das  müste  man  von  dem  wilden  wald  dar  tragen  Hs.;  Z.  stellt 
um  daz  man  dar  v.  d.  w.  w.  muoste  tragen.  E.  des  muoste  manic  vende 
den  wilden  ivalt  dar  tragen.  V.  wie  die  Hs.,  nur  des  muost  man.  Aus 
dem  nicht  verstandenen  wite  wurde  wilde;  ich  lese  daher  des  muost  man 
von  dem  wähle  wite  dar  tragen. 

39,  3.  üzer  Irrzche,  mit  dem  Minige  zu  verbinden,  dem  Könige  von 
Irland.  Die  Hs.  hat  aus  reiche.  Die  Herausgeber,  denen  aus  nicht  vorlag, 
versuchen  auf  verschiedene  Weise  die  fehlende  Halbzeile  zu  ergänzen, 
vgl.  Germania  7,  270.  —  39,  4.  komen  dann  ze  hofe  Hs. ,  von  Z.  ge- 
bessert. 

40,  4.  zieret  ir  ouch]  ir  fehlt  Hs.  und  Z.  E. ;  Vollmer  schreibt 
vil  vroioen. 

41,  2.  vil  der  meide]  vil  den  maiden  Hs.  und  Ausgaben.  —  41,  3. 
gesteine]  von  gesteine  Hs.  und  Ausgaben.  —  vil  manigen]  vnd  manigen 
Hs.  und  Ausgaben. 

42,  1.  es]  sin  Ausgaben  und  Hs.  —  42,  2.  knappen]  knaben  Hs. 
und  Ausgaben,  knaben  statt  knappen  auch  695,  2  wo  der  Vers  knappen 
verlangt,  und  Nib.  5760.  —  42,  4.  harte  lobeliche ;  harte  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben. 

43,  2.  wart  da  Ziemann]  ward,  und  da  vor  vil  Hs.  —  schiere  Hagen] 
fehlt  Hs.  und  den  andern  Ausgaben.  —  heim  Ettm.]  fehlt  Hs. 

44,  4.  xoande]  vnd  Hs. ;  V.  schreibt  ivan  si  saz  so  nähen.  —  mit 
den  frouwen  V.]  fehlt  Hs. 


|(1  ;  KARL  BARTSCH 

45,  1  als]  als  ez  Ausgaben  und  Hs.  —  45,  4.  nach  vil  grozen  eren 
/.Klion  alle  Herausgeber  zum  vorhergehenden  Satze,  nach  ist  aber  hier 
nicht  post,  sondern  es  heißt  'gemäß ,  entsprechend'. 

46,  4.  der  frouwen]  der  Hs.,  diu  Ausgaben. 

47,  3.  svner  hochzite]  sinen  hochztten  Ausgaben  und  Hs. ,  um  den 
Reim  zu  glätten.  —  47,  4.  abrinde]  abents  Hs. ,  übendes  E.  und  V., 
äbendes  z'lle  Ziemann. 

48,  1.  hoclujeztt]  hoclizit  Ausg.  und  Hs. ,  Z.  E.  ergänzen  dö  vor 
■werte.  Wie  hier  die  Form  hochgezit  durch  den  Vers  verlangt  wird  und 
wahrscheinlich  auch  anderwärts  zu  setzen  ist  (66,  4.  548,  4),  so  ist  die 
zweisilbige  Form  durch  187,  1  und  noch  mehr  1687,  1  daneben  er- 
wiesen. —  48,  2.  fuoren,  Hs.  und  Z.  E.,  von  V.  gebessert.  —  48,  4. 
wände  sis]  wan  si  sin  E.  und  Hs.,  wan  sis  Z.  si  icaene  sin  Vollmer. 

48,  4.  wände  sis]  wan  si  sin  E.  und  Hs.,  ivan  sis  Z.  si  weene  sin 
Vollmer. 

49,  1.  man]  man  do  Hs.  und  Ausgaben  (da).  —  49,  3.  von  Hagen 
gebessert. 

50,  3.  hebent  sich]  erheb ent  sich  Hs.  und  Ausgaben. 

52,  1.  Dar]  Da  Hs.,  Do  Ausgaben.  —  52,  4.  die  Vollmer]  fehlt  Hs. 

53,  2.  daz  Hut  begunde]  die  Hute  begunden  Ausgaben  und  Hs.  — 
53,  4.  der]  die  Hs.  und  Z.  V. ;  Ettm.  und  die  jungen  meide.  —  und  des 
kindelines]  daz  si  daz  kindel  Z.  V.  und  Hs. ;   daz  si  daz  edele  kindel  E. 

54,  2.  groziu]  grosser  Hs.,  grozez  Ausgaben. 

55,  3.  fasst  Vollmer  mit  Unrecht  als  Parenthese;  daz  und  da  bi 
entsprechen  sich. 

56,  l.  Er]  Ez  Ausgaben  und  Hs. ;  schateioen  ist  aber  sonst  in  der 
Bedeutung  'schattig  werden  nicht  zu  belegen.  —  in  truoc;  in  steht  in  der 

•  Hs.  und  den  Ausgaben  nach  dar.  —  56,  4.  da  ergänzt  Ettm.  unnöthig. 

58,  2.  in  die]  in  Hs.  und  Ausgaben.  —  58,  4.  sit  Hagen]  sy  Hs. 
—  hehle]  die  helde  Hs.  und  Aussraben.    —   käene  Vollmer]  schone  Hs. 

59,  4.  uzer  Irlande]  aus  Eyrlant  Hs.,  da  üz  Irlande  Z.  E. ,  da  uz 
Trlant  V.,  der  du  vor  beweinen  streicht. 

60,  1.  friescheu  dise  not]  griffen  dise  leide  not  Ausgaben  und  Hs. 
Der  Sinn  muß  sein  'sie  vernahmen  das  geschehene  Unglück',  denn  davon 
war  noch  nichts  gesagt.  Das  führt  auf  frieschen,  das  auch  sonst  (667,  4) 
in  der  Handschrift  entstellt  wird  (vgl.  S.  45).  —  60,  4.  waztlichen]  werden 
Hs.  und  Z.  E.  Vollmer  schreibt  des  edeleu  kindes  werden  lip.  Die  Vor- 
lage hatte  wohl  den  Schreibfehler  wertlichen  statt  wetlichen,  und  daraus 
wurde'  werden.  Nib.  140  Ilagen  schreibt  die  Wiener  Hs.  werlich  statt 
waitlich.    Sonst  ist  weetlich  in  loeidelich  entstellt. 


BEITEÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  167 

62,  3.  Iceg  al  daz  Hut  tot]  das  laute  läge  alles  todt  Hs.;  E.  daz  kint; 
V.  Icege  allez  tot,  indem  er  das  laute  als  Glosse  von  die  klage  betrachtet; 
eher  könnte  man  das  umgekehrte  erwarten,  dem  lauten  steht  auch  Nib. 
3860  statt  des  Hutes.  Meine  Änderung  ist  nur  eine  der  häufigen  Um- 
stellungen, die  nothwendig  sind,  al,  vor  dem  Artikel  unflectiert,  wird 
in  der  Hs.  gewöhnlich  in  flectierter  Form  geschrieben;  ebenso  in  den 
Nibel.  757.  1095.  2400.  3915.  4168.  4348.  4437. 

64,  1.  2.  sie  begunden  sagen  hohe  danken  alle]  sy  heg.  alle  sagen 
hohe  ze  danncken  Hs. ;  ebenso  Z.  E. ,  nur  hohe  ir  ze,  und  V.  der  hohez 
danken  liest,  ze  steht  wieder  nach  begunden  in  jüngerer  Weise,  hier 
doppelt  fehlerhaft,  weil  danken  substant.  Infinitiv  ist,  abhängig  von 
sagen;  zu  danken  gehört  das  Adverb,  hohe,  das  auch  beim  subst.  Ge- 
brauch des  Infin.   stehen  darf. 

67,  3.  nach  Vollmer:  das  edel  kind  ward  danne  trait  Hs.,  daz  edel 
kint  danwert  treit  Z.  und  E.  —  67,  4.  herzeleit]  leit  Ausg.  und  Hs., 
denn  ümbe  h  ist  kaum  zu  zwei  Hebungen  ausreichend. 

69,  1.  Also,  'sobald']  als  Hs.  und  Ausgaben.  —  69,  3.  ez  ir]  es  Hs. ; 
ez  der  Z.  E.  —  69,  4.  harte  verre]  verren  Hs.  und  Ausgaben;  vgl.  70,  4. 

70,  4.  habt]  het  Hs.  und  Ausgaben;  Ettm.  truoc. 

71,  2.  ze  Hagen]  fehlt  Hs.  —  trouc]  betrouc  Ausgaben  und  Hs. 
—  71,  3.  einen  ast]  einem  aste  Hs.  und  Ausgaben. 

72,  2.  bare]  verbare  Ausgaben  und  Hs. 

73,  1.  mae  man  lool]  mac  man  Ausg.  und  Hs. 

74,  3.  da  beliben  solde]  sol  beleiben  da  Hs.;  solte  beliben  da  Aus- 
gaben. —  74,  4.  vant  Ettm.]  vnd  Hs.  —  holn  steine  :  holn  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben ;  vgl.  84,  4. 

77,  4.  uns  ist  hie  Vollmer]  vnd  ist  vnns  hie  Hs.  —  grcezlichen] 
griulichen  Ausgaben  und  Hs.;  der  Sinn  des  Wortes  soll  offenbar  nur 
'sehr'  sein,  und  das  kann  griulichen  nicht  bedeuten. 

78,  4.  hie  niht  Vollmer]  niht  hie  Hs. 

79,  4.  hartesere  fehlt  Hs.;  Z.  E.  ergänzen  dannoch;  V.  gen  denvrouiven. 

80,  1.  enbxzens]  ein  imbiz  Hs.  und  Ausgaben.  —  80,  2.  nach 
Vollmer:  iwer  trinken  und  iwer  brot  E.  Z.  und  Hs.  —  80,  4.  wann  mich 
trüg  Hs. ;  ich  habe  wände  mich  geschrieben,  und  truoc  an  den  Beginn 
der  zweiten   Halbzeile   gesetzt,    wodurch  diese   fünf  Hebungen   erhält. 

82,  3.  des  si  da  lebeten  Ausgaben  und  Hs. ,  zu  kurz ;  ich  lese  al 
des  sie.  —  82,  4.  die  im  diu  junefroice  truoc :  man  sieht  keinen  Grund 
zu  dem  Singularis,  während  1.  2.  der  Pluralis.  Eine  einzelne  unter 
den  dreien  ist  nicht  bezeichnet;  nichts  berechtigt,  daß  die  82  spre- 
chende hier  gemeint  ist.  Ich  glaube,  der  Fehler  liegt  schon  im  vorher- 


(63  KA1*L  BARTSCH 

gehenden  Verse.  Der  Schreiber  schrieb  genuoc  statt  genüege,  und  än- 
derte darum  auch  die  folgende  Zeile.  Es  ist  zu  lesen:  des  bräldens  im 
genüege.    ez  was  ein  fremede  spise,    die  im  warn  die  juncfromven  trüegen. 

83,  1.  die  kreuter  die  Hs.;  die  Herausgeber  schreiben  diu  kriuter 
und  streichen  das  zweite  dm,  statt  des  einfachen  und  naheliegenden 
diu  krüt  diu. 

84,  1.  heitert  sy  sich  in  huet  Hs.;  Z.  und  V.  heten  st  sin  haote; 
das  lvichtige  hat  Ettm.  ouch  heten  sin  in  huote. 

85,  1.  weihen  enden~\  welhem  ende  Hs.  und  Ausgaben;  die  Vorlage 
aber  hatte  den  Pluralis,  und  darum  setzte  in  der  2.  Zeile  der  Schreiber 
den  stainwenden  statt  des  richtigen  der  steinwende,  um  den  Keim  zu 
glätten.    Die  steinicant  ist  die  Höhle,  vgl.  4. 

86,  4.  nur  des  frage  vil  sorgen  geivan;  verschieden  ergänzt,  Z.  des 
fraget  der  junge  Ilagene  :  da  von  er  sorgen  vil  gewan,  V.  an  Hagens 
Vorschlag  sich  anlehnend,  des  der  junge  IL  da  der  sorgen  vil  geivan, 
E.  des  manic  schaniu  frouwe  von  frage  vil  sorgen  geivan ,  wo  es,  damit 
der  Vers  richtig  würde,  heißen  müßte  sorgen  vil.  Im  Übrigen  scheint 
mir  die  letzte  Ergänzung  die  geeignetste;  ich  lese  des  manic  wip  von 
frage  vil  der  sorgen  gewan. 

87,  3.  vf  von  Z.  ergänzt,  was  von  E.  und  V.  mit  Unrecht  ver- 
worfen wurde.  —  87,  4.  nächbürn  geläzen  Z.  E.  und  Hs.,  nächbüren 
lazen  V.;  aber  nächbüre  wird  der  Dichter  schwerlich  gesagt  haben, 
sondern  nächgebure,  wie  650.  728  steht. 

88,  1.  rät  der  Hute]  noch  der  Hute  Z.  V.  und  Hs.,  niht  der  Hute  E. 
—  88,  2.  daz  ivas  ein]  daz  ivären  Ausgaben  und  Hs.  —  88,  4.  Stade 
Vollmer]  gestade  Z.  E.  und  Hs. 

89,  4.  bi  der  siten\  der  stten  Z.  V.  und  Hs.,  da  der  siten  E. 

90,  4.  der  küene  Hagene]  er  küene  Hs. ,  der  küene  E.  V.,  der  vil 
küene  Z. 

93,  3.  in  Ilagen:  fehlt  Hs.  —  an  ainem  paine  Hs. ;  man  müßte 
eim  schreiben,  was  nicht  ohne  Bedenken  ist.  V.  setzt  in  nach  der 
(  l'isiir,  wogegen  die  Wortstellung  streitet,  an  ainem  ist  ans  aneme  ent- 
standen, wofür  sich  zahlreiche  Belege  anführen  ließen.  —  93,  4.  sinen 
lij>\  in  Hs.  und  Ausgaben,  in  stand  vielleicht  als  Erklärung  am  Rande, 
kam  in  den  Text  und  verdrängte  die  ursprüngliche  Lesart. 

95,  3.  iueh  erschinen  E.  und  Z.,  was  mir  auch  am  meisten  zusagen 
würde,  wenn  erschinen  mit  Accus,  sicher  belegt  wäre.  —  95,  4.  etelicher 
freuden  teil]  wil  etelicher  freuden  Ausgaben  und  Hs. 

96,  1.  enphiengetm]  enphiengen  Hs.,  enphiengen  in  Ausgaben.  — 
96,  4.  nach  ir  willen  Z.]  fehlt  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  169 

97,  l.  im  E.]  in  Hs.  —  97,  4.  rämte  sioes  er  gerte,  er  zielte  worauf 
er  Lust  hatte;  die  Hs.  und  Ausgaben  lernte  für  rämte.  —  nar]  not 
Ausgaben  und  Hs. 

99,  2  ie  V.]  hie  Hs.  —  99,  3.  iht  E.]  nicht  Hs. 

102,  1.  mit  V.]  in  Hs.  —  102,  4.  in  V.]  es  Hs. 

103,  1.  da  ze  tode]  ze  tode  Hs.  und  E.  V.;  ze  tode  da  Z.  —  103,  2. 
Die  Umstellung  mit  Z.  und  V. 

105,  4.  ieclichiu]  ctelichiu  Ausgaben  un$  Hs.  —  da  keime  fehlt  Hs. 
und  Ausg.;  E.  ergänzt  iemer. 

109,  3.  bi  in]  bi  im  da  Z.  und  Hs.,  bi  in  da  E.,  in  da  V.  — 
109,  4.  Stade  V.]  gstade  Hs.  Z.  und  E. 

HO,  3.  ivas]  was  er  Hs.,  icas  et  Z.  und  E.  —  da  her  von  Irlande] 
da  het  von  Eyrlant  Hs.,  da  hete  von  Irlant  Ausgaben.  —  110,  4.  bekande] 
bekant  Hs.  und  Ausgaben.  Die  verkürzte  Form  pilgrine,  deren  letzte 
beide  Silben  in  die  Senkung  fielen,  ist  nicht  glaublich. 

111,  4.  erbaldet]  erhaltet  Hs.  und  Ausgaben.  Sie  verloren  die 
Furcht  (109,  4),  indem  sie  aus  seiner  Anrufung  entnahmen,  daß  er 
ein  Christ  wäre. 

112,  4.  nie  niht]  nie  Hs.  und  Ausgaben.  E.  zieht  ziten  zur  zweiten 
Vershälfte. 

113,  3.  den  schämen]  schämen  Ausgaben  und  Hs. 

114,  2.  fuorten]  mit  in  fuorten  Hs.  und  E.  V.,  fuorten  \  mit  in  Z. 

116,  1.  ungewonheite  V.]  ungewonheit  E.  und  Hs.  Z.  schreibt  der 
ungewonheite  was,  dann  müßte  es  wohl  heißen  von  ungewonheite.  Aber 
die  Nebenform  in  heite  (ahd.  heiti)  sind  wir  ebenso  anzunehmen  be- 
rechtigt, wie  arebeite  (ahd.  arabeiti)  und  ähnliches.  —  116,  4.  üz]  von 
Hs.  und  Ausgaben.  —  in  allen]  in  Hs.  und  Ausgabe. 

117,  2.  üz  Garadie  fehlt  Hs.;  die  Ausgaben  von  G.  —  117,  3.  wo 
heer  sy  recht  schone  bracht  Hs.,  icanne  s.  r.  s.  b.  ivaern  Z.  und  ebenso 
E. ,  nur  wannen.  V.  wä  her  so  r.  s.  si  wahren  bräht.  Ich  lese  wer  sie 
so  rehte  schäme  brachte;  so  ausgefallen ,  vgl.  oben  S.  54.  Ebenso  liest 
M.  (S.  46),  aber  ohne  so.  —  117,  4.  arebeite]  arbeit  Hs.  und  Ausgaben; 
auch  der  Infin.  arebeiten  wäre  ebensogut. 

118,  2.  wizzei]  wizzet  ir  Ausgaben  und  Hs.;  die  Verkürzung  wizt 
hat  keine  Analogie,  auch  steht  in  dieser  Formel  immer  nur  wizzet.  — 
118,  3.  da  Hagen]  der  da  Hs.  —  118,  4.  nach  vater  :  da  erlaite,  Z.  E. 
do  erleiter,  von  V.  mit  Recht  gestrichen.  —  mere]  mer  Hs.  und  Ausgaben. 

119,  4.  hiez  er  beide  fehlt  Hs.,  hiez  er  V.,  was  er  Z.,  richsete  er  E. 

120,  1.  drunder]  vnnder  den  Hs.,  under  in  Z.,  under  den  meiden  E.  V. 
—  120,  4.  ich  doch]  ich  Hs.  und  Ausgaben;  der  Ausfall  erklärt  sich 
durch  den  gleichen  Auslaut  der  beiden  einsilbigen  Worte. 


170  KARL  BARTSCH 

121,  2.  bellben  ivolde]  wolte  beliben  Ausgaben  und  IIs. 

122,  4.  ser  vil]  da  vil  E.  Z.,  vil  V.,  fehlt  Hs.  —  mere  fehlt  Hs., 
von  Z.  ergänzt. 

124,  3.  der  hiez  Z.]  hiez  E.  V.  Hs.  —  124,  4.  die  zweite  Halb- 
zeile um  eine  Hebung  zu  .kurz,  denn  gewisen  vil  darf  man  nicht  lesen. 
Daher  gewesen  hie  vil. 

125,  3.  Ilagene  Vollmer]  fehlt  Hs.  und  Z.  E. 

126,  2.  gelinget  st]  st  geringet  IIs.  Die  Ausgaben  weichen  unnöthig 
weiter  ab.  diu  not  steht  auch  in  der  Hs.  in  der  Cäsur.  —  126,  4. 
harte)  vil  V.,  fehlt  Hs.  und  Z.  E. 

127,  2.  man  unde  ivip]  beide  man  und  wtp  Ausgaben  und  Hs., 
vgl.  11,  2. 

128,  2.  unmäzen~\  unmazzliche  V.  und  Hs.,  unmozzlich  Z.  E.  — 
128,  3.  den  Ettm.]  fehlt  Hs.  und  Z.  V. 

129,  4.  haben  mir  Z.  V.]  mir  haben  Hs.  und  E. 

130,  4.  in  ainem  herten  stürm  Hs. ,  um  eine  Hebung  zu  lang;  E. 
und  V.  streichen  herten,  ich  glaube  mit  Unrecht.  Es  stand  in  einer 
herte,  das  Wort  verstand  der  Schreiber  nicht,  sah  es  als  adj.  an  und 
fügte  stürm  bei. 

131 ,  2.  getan  hont  Ausgaben  und  Hs.  Der  übelklingende  und 
harte  Ausgang,  der  wohl  dem  Schreiber  zufällt,  wird  durch  getdten 
beseitigt.  —  131,  4.  genendicliche ,  vertrauensvoll;  die  Hs.  genediclich, 
die  Ausg.  gencedicliche.  Das  Adj.  ist  auch  an  andern  Stellen  vom  Schrei- 
ber entstellt;  vgl.  725,  4.  zuo  den  minen  künden]  zuo  minen  künnen  Z.  E. 
und  Hs. ,  zuo  dem  minen  künne  V.,  richtig  in  sprachlicher,  aber  nicht 
in  metrischer  Hinsicht.  —  erbiten  Z.]  arbaiten  Hs. 

132,  2.  sin]  sint  Hs.  und  Ausgaben;  der  Sinn  verlangt  den  Con- 
junctiv.  —  132,  4.  beide  vor  schade  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

134,  1.  Ir  muotet  Hs.  und  Ausgaben.  Die  Hs.  schreibt  sehr  oft 
falsche  Initialen;  vielleicht  daß  sie  in  der  Originalhs.  nur  vom  Ru- 
bricator  mit  kleiner  Schrift  bezeichnet  waren.  Er  schrieb  Ir  für  Er; 
er  redet  jetzt  nicht  den  Grafen,  sondern  die  Schiffsleute  an.  Die  Ver- 
änderung zog  andere  in  der  zweiten  Vershälfte  nach  sich;  ewr  gesinde 
ist  vielleicht  nur  verlesen  aus  in  gesinde  (=  iu  g.),  denn  ewr  steht  auch 
sonst  für  iu;  vgl.  auch  zu  147,  4.  die  ganze  Zeile  lautet  daher  Er  muotet 
minen  frouwen  sin  ingesinde  icesen;  er  muthet  ihnen  zu,  sein  Gesinde 
zu  sein.  -  -  134,  2.  nach  Vorstehendem  ist  auch  Haupts  Änderung  äne 
dine  helfe  entbehrlich.  —  134,  4.  wendet  V.]  keeret  vmb  Hs.,  wendet  umb 
Z.  E.    Die  zweite  Vershälfte  nach  Z.  und  V. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  171 

135,  2.  in  E.]  im  Hs.  —  hörnen  sie  in  not]  kdmens  in  groze  not 
die  Ausg.  nach  der  Hs.,  aber  unmetrisch.    Vgl.  85,  2. 

136,  1.  hcetenz  V.]  heten  si  E.  Z.  und  Hs. 

137,  4.  gemeine"]  algemeine  Hs.  und  Ausgaben;  die  Verkürzung 
vor  Jan  in  ist  in  der  Kudrun  undenkbar.  —  in  säJieri]  säJien  in  Hs.  und 
Ausgaben. 

138,  3.  dem  E.]  der  Hs. 

139,  2.  von  noeten  von  V.  mit  Recht  gestrichen.  —  139,  4.  do  vor 
Ilagene  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

140,  1.  waitlicJie  statt  des  hs.  loaydelicJie ,  das  Z.  E.  behalten,  hat 
V.  geschrieben;  vgl.  seine  Bemerkung  zu  140,  1.  —  140,  3.  dar  boten 
Z.]  boten  dar  E.  und  Hs. 

141,  1.  gerne  mit  V.  gestrichen.  —  141,  3.  diu  von  Z.  ergänzt; 
der  zu  schreiben  ist  unnöthig. 

142,  2.  saget  daz  dem]  saget  dem  Hs.,  saget  deme  E.  V.,  saget  et  dem  Z. 

143,  3.  danne  welle  Jiaben  V.J  dann  haben  welle  Hs. ,  haben  xoelle 
danne  Z.  E.  —  143,  4.  der  miner]  miner  Ausg.  und  Hs. 

145,  1.  nach  Haupts  Besserung.  —  145,  2.  ir  einer]  ainer  Hs.  und 
Ausgaben.  —  145,  3.  4.  nach  Ettmüller  gebessert. 

146,  1.  äne  not]  micJi  on  not  Hs.,  mich  dne  not  die  Ausgaben, 
unmetrischer  als  selbst  die  Hs. 

147,  4.  ir  sin]  irs  euch  Hs.,  irs  iu  die  Ausgaben.  Der  Schreiber 
las  irsin  als  irsiu. 

149,  2.  rate]  rät  dir  Hs.  und  Ausgaben.  —  149,  3.  den  vif]  dinen 
vil  Z.  E.  und  Hs.,  dinen  V.    Derselbe  Fehler  687,  3.  1622,  3. 

150,  3.  Sigebant  Z.]  Hagene  Hs. 

151,  2.  Jier  Hagene]  Hagene  Hs.  und  Ausgaben.  —  151,  3.  icete] 
kunt  tcete  Hs.  und  Ausgaben. 

152,  1.  die  Herausgeber  weichen  von  der  richtigen  hs.  Lesart  ab. 

155,  I.  dar  näJier]  näher  Hs.  und  Ausgaben.  —  155,  3.  der  vil  V.] 
vil  der  Hs. 

156,  3.  ivol  gezam]  gezam  wol  Hs.  und  Ausgaben.  —  156,  4.  ringet] 
ringert  Hs.  und  Ausgaben.  Ebenso  Nib.  4041  ringern  für  ringen.  — 
künic]  küniges  Hs.  und  Ausg. 

157,  3.  mit  V.J  in  Hs. 

158,  2.  al  die]  die  Hs.  und  Ausgaben;  ich  glaube,  daß  al  hier 
nicht  fehlen  darf. 

161,  4.  iemen  daz  V.]  das  yemand  Hs. 

162.  Die  Umstellung  der  Strophen  nach  Vollmer.  —  man  do  Z.] 
do  man  Hs. 


172  KARL  BARTSCH 

164,  3.  solde]  solten  Hs.  und  Ausgaben. 

165,  1.  hehle]  hehlen  IIs.  und  Ausgaben.  —  165,  2.  vor  V.  richtig 
statt  des  hs.  von,  aber  unrichtig  von  hehle  getrennt.  —  165,  3.  müeste] 
mu esset  Hs.,  muoste  Ausgaben.  —  165,  4.  rnöhte  wol  V.]  wol  mochte  Hs. 

167,  3.  lebendes  V.]  lehentigs  Hs.  —  16V,  4.  er  ivcen  V.]  wann  er 
IIs.,  ween  er  E. 

168,  3.  allen  riehen  V.]  allem  reiche  Hs.  —  168,  4.  urhorte  Haupt] 
erpot   Hs. 

169,  3.  al  der  E.]  a//<r  Hs.  —  169,  4.  Aarte  V.]  vil  hart  Hs. 

170,  4.  üzer]  aus  Hs.  und  Ausgaben.  —  allen  landen  V.]  allem 
lande  Hs.  —  für  si,  Besserung  Ettmüllers. 

171,  3.  ie  vier  V.]  ye  für  vier  Hs. 

173,  2.  und,  von  Z.  ergänzt.  —  173,  4.  bruofte]  beraitet  Hs.,  was 
schon  wegen  desselben  Wortes  in  der  vorhergehenden  Zeile  nicht  wahr- 
scheinlich ist. 

174,  1.  duo]  die  Hs.,  von  Haupt  in  do  gebessert. 

175,  1.  loäfen]  ir  wappen  Hs.  und  Ausg.  wafen  nemen,  wie  swert 
nemen  wird  ohne  nähere  Bezeichnung  gesagt.  —  175,  3.  die  da  V.]  da 
die  Hs. 

176,  3.  diu,  Besserung  Hagens.  —  176,  4.  ir  ir  E.]  ir  Hs. 

177,  4.  lützel]  wenig  Hs.  und  Ausgaben,  und  so  habe  ich  öfter 
lützel  statt  wSnici  dicke  statt  ofte  geschrieben,  weil  beim  Nib.  dieselben 
Wörter  in  d  durch  die  Jüngern  ersetzt  werden. 

179,  1.  kristenlichen  V.]  sittlichen  Hs.  —  179,  2.  lenger  statt  langer 
die  Hs.  und  Ausgaben  durchgängig.  —  179,  4.  die  letzte  Ilalbzeile 
wäre  lang  genug,  wenn  man  läse  sach  man  da  von,  aber  ebenso  nahe 
liegt  sach  man  da  von,  daher  habe  ich  sach  man  getriben  da  von  ge- 
schrieben. 

180,  2.  verzert  er]  er  verzerte  Hs.  und  Ausgaben.  —  180,  4.  die 
kamerknehte]  vil  manig  cammerknecht  Hs. 

181,  I.  an]  an  daz  Hs.  und  Ausgaben.  —  181,  4.  die]  so  Hs.  und 
Ausgaben.  —  da  V.]  da  ze  hofe  Hs. 

182,  4.  bruofte  in  der  Hs.  nach  der  Gäsur;  ebenso  in  den  Aus- 
gaben. 

183,  1.  der]  der  herre  Ausgaben  und  Hs.  —  183,  4.  vor  den  frouwen 
fehlt  in  der  Hs.  und  den  Ausgaben. 

184,  4.  wmre  ez]  war  des  Hs.,  weer  dez  Z.  E.,  wmr  daz  V. 

185,  4.  meerer  helt]  helt  Hs.  und  Ausgaben. 

187,  1.  lange  V.]  fehlt  Hs.  —  187,  2,  hurten]  hurte  Hs.  und  Aus- 
gaben ;  die  übrige  Zeile  nach  Hagens  Besserung,    wart  von  mir  ergänzt. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  173 

—  187,  3.  ir  Z.]  sein  Hs.  —  187,  4.  nider  setzen]  säzen  IIs.  und  Aus- 
gaben. 

188,  4.  in  in]  in  Hs.  und  Ausgaben. 

189,  3.  ez  V.]  sy  Hs.  —  190,   1.  gestreikt  ir]  ge&trackht  er  Hs. 
191,  2.  wären  dar]   wären   Hs.   und   Ausgaben.  — ■    einer  Z.]    ai- 

nen  Hs. 

193,  4.  gnedieliche  Hs.;  die  Ausgaben  haben  genendieliche.  Viel- 
leicht ist  zu  lesen   so  stuont  ir  ir  dinc  vil  gemelliche. 

194,  4.  inner  einem  järe]  imjär  Hs.  ime  järe  V.,  in  einem  järe  Z.  E. 

—  er  ir  Z.]  er  Hs. 

195,  1.  Sft]  Nu  Hs.  und  Ausgaben,  zunächst  wieder  durch  eine 
falsche  Initiale  zu  erklären.  —  195,  2.  fveren  wolt  er]  wolt  er  füeren 
Ausgaben  und  Hs.  —  195,  4.  den]  dem  Hs.  und  Ausg.;  deheiner  hat 
hier  collectiven  Sinn. 

196,  l.Jcom  ze  strtte]  zu  streite  kam  Hs.,  ze  strite  Jcceme  Ausg.  — 

196,  2.  hochverten]  ho  eilfertigen  Hs.  und  Ausg.  —   196,  3.  mit]  in  Hs. 

—  siner  V.]  sein  Hs.  —  196,  4.  er]  er  liiez  Hs.  und  Ausgaben. 

197,  2.   von  Indiä  diu  fromoe]    d.  f.  v.  I.    Hs.  und  Ausgaben.  — 

197,  4.  da  von  V.]  da  bey  Hs. 

198,  4.  täten  V.]  tettens  Hs.  —  den  V.  ]  der  Hs.  —  beste]  aller 
beste  Hs.  und  Ausgaben. 

199,  2.  es  warZ]  wart  ez  Hs.  und  Ausgaben. 

200,  3.  nach  Z.  Ergänzung.  —  200,  4.  er  7'ac/t  fehlt  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  nceme]  nam  Hs.  und  Ausgaben. 

202,  2.  ez]  er  Hs.,  et  die  Ausgaben. 

203,  3.  man  vindet]  vindet  man  Hs.  und  Ausgaben.  —  203,  4.  deste 
fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

204,  1.  da  Z.]  fehlt  Hs.  und  bei  M.  und  F.,  die  in  Tenelant  (M. 
schreibt  in)  als  richtige  Halbzeile  betrachten.  —  204,  3.  eren]  grözer 
ere  Z.  und  Hs.,  ere  E.  V.  M.  P.  —  204,  4.  ime  Z.]  im  Hs. 

206,  4.  sie  dem  helde\  den  helden  vblliklich  die  Hs.,  si  dem  lielde 
völlicliche  E.  V. 

207,  2.  bi  Ortlande  nähen]  nähen  bi  Ortl.  Ausgaben  und  Hs.  — 
207,  4.  mit  eren]  mit  grbzer  ere  Ausgaben  und  Hs. 

208,  1.  im  diente  hat  E.  mit  Recht  gestrichen. 

209,  1.  ivari  im]  wart  Ausgaben  und  Hs. 

211,  2.  ein  junefromoen]  eiine  Hs. ,  et  eine  Z. ,  ein  maget  edele  E.3 
eine  frouwen  V.,  eine  maget  M.  P. ,  mit  fehlerhafter  Cäsur.  —  211,  4. 
suln  daz]  suln  Ausgaben  und  IIs. 

212,  1.  wie]  wie  si  si  Ausgaben  und  Hs.  —  212,  3.  daz  Geren  V.] 


174  KARL  BARTSCH 

des  Gören  E.,  des  II.  Z.,  hüniges  W.  Grimm  (bei  M.);  die  Hs.  hat  das, 
nicht  f/gs. 

215,  1.  so  E.]  fehlt  Hs.  —  215,  3.  von  schuldet!  wol  V.]  wol  von 
schulden  Hs.  —  215,  4.  wirdet]  wirt  Hs.  und  V.,  und  wirt  Z.  E. 

218,  2.  da  E.]  aZ  da  Hs.  —  218,  4.  wol  nach  eren]  nach  eren  tvol 
Hs.  und  Ausgaben. 

219,  3.  hin  P.]  fehlt  Hs.;  auch  Z.  E.  ergänzen  hin,  aber  an  fal- 
scher Stelle.  M.  du  der  künic  engegene  gie.  —  219,  4.  degene  V.]  rechen  Hs. 

220,  1.  Im  ivas]  ez  ivas  im  Hs.  und  Ausgaben.  —  220,  3.  siner  Z.] 
fehlt  Hs.  —  220,  4.  nu  icis]  bis  H<*.  und  Z.  E.,  wis  V. 

221,  1.  herren  fehlt  Hs. ;  rechen  ergänzt  Z.  V.,  riehen  E.,  hünic  H. 
—  221,  4.  m»  rfen]  «n  Hs.  und  Ausgaben.  —  der  schedelichen  Z.]  sche- 
deliche Hs.  und  E.  V. 

222,  2.  da  ze\  si  sprächen  :  ze  Hs.  und  Ausgaben;  ich  habe  da 
vom  Anfang  der  zweiten  Hälfte  an  den  Beginn  des  Verses  gesetzt,  si 
sprächen  steht  wie  häufig  in  Hss.  fehlerhaft.  —  222,  4.  uns  sere]  uns 
Hs.  und  Ausgaben.    Die  Besserung  schodete  von  Z. 

223,  1.  lät  et]  lat  es  Hs.,  lät  ez  Ausgaben. 

224,  2.  begunden]  begundens  Hs.  und  Ausgaben. 

226,  2.  maget  E.]  die  magt  Hs.  —  226,  4.  ein  V.]  an  Hs. 

227,  2.  sreefte  H.]  fehlt  Hs. 

228,  3.  se^e  H.]  fehlt  Hs.  —  228,  4.  den  man  dar  gesendet  fehlt 
Hs. ,  der  Schreiber  sprang  von  dem  ersten  den  auf  das  zweite.  Die 
Ausgaben  ergänzen  die  fehlende  Halbzeile  auf  verschiedene  Weise, 
V.  swen  du  boten  sendest,  W.  Grimm  (bei  M.)  sicer  umbe  Hilden  wirbet. 

229,  1.  mirst  nie]  mir  ist  Hs.  und  Ausgaben.  —  so]  also  Hs.  und 
Ausgaben.  —  229,  2.  einen  V.]  ainen  poten  Hs.  und  P.,  boten  einen  Z.  E. 
Bei  P.  müßte  es  wenigstens  heißen  hähet  er  mir  einen  boten.  —  enmüeze] 
müese  Ausg.  und  Hs.  —  229 ,  3.  selbe  geligen  Hagene  Hs.  und  Aus- 
gaben; um  die  Betonung  selbe  zu  vermeiden,  habe  ich  umgestellt  geligen 
Ilagene  selbe. 

230,  2.  wan\  nu  Hs.  und  Ausgaben,  ican  rnur',  auch  sonst  in  der 
Hs.  mit  wm,  nun  vertauscht,  steht  wie  in  den  im  mhd.  WB.  3,  480*  an- 
geführten Beispielen.  Man  dürfte  es  auch  als  Wunschpartikel  nehmen 
(mhd.  Wb.  3,  500a),  wenn  nicht  dann  immer  die  Partikel  dem  Verbum 
vorausgienge. 

231,  1.  da  wil  ich  Z.]  i<;h  wil  da  Hs.  und  M.  P. ,  die  außerdem 
die  erste  Halbzeile  (nach  W.  Grimm)  so  ändern  Do  sprach  der  herre 
Hetele;  aber  auch  wer  ich  wil  da  hin  für  einen  genügenden  Halbvers 
ansieht,  hat  nicht  nöthig  Hetele  der  herre  sprach  zu  ändern.  ■ —  231,  3. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  175 

swar  Z.]  wohin  Hs.  —  23],  4.  Irolde]  Irolden  IIs.  und  Ausgaben;   P. 
stellt  um,  wodurch  aber  der  Vers  auch  nicht  besser  wird. 

233,  3.  do  Z.]  fehlt  Hs. 

234,  1.  dannen  E.]  von  dannen  Hs.,  sehr  häufiger  Fehler,  vgl.  oben 
S.  44.  —  huote]  leute  Hs.,  Hute  Ausgaben;  7t  und  l  verwechselt  auch 
1625,  3. 

235,  4.  gedähte  Haupt]  dähte  Hs. 

236,  2.  nu  sit]  sit  V.  und  Hs. ;  sit  ivillekomen,  her  Wate  (Wate  P.) 
fehlerhaft  Z.  E.  P. 

238,  3.  übermüete]  übermüetic  Ausgaben  und  Hs. 

239,  2.  bedorße  Z.]  dorffte  Hs.  —  240,  3.  ez  E.]  es  euch  Hs. 

240,  4.  nach  iuwerme  willen  fehlt  Hs.;  meine  Ergänzung  beruht 
auf  Nib.  2307,  3  du  hast  ez  zeinem  ende  nach  dinem  willen  bräht;  die 
Herausgeber  machen  alle  ez  ensi  mit  Hagens  Ergänzung  danne  zur 
ersten  Vershälfte,  und  geben  die  zweite  Hälfte  zu  kurz;  P.  ergänzt 
grimme.  —  michs]  mich  Hs.;  Z.  und  P.  haben  es  vor  erwende. 

241,  4.  vil  hohe]  hoch  Hs.  und  Z.  E.  V.,  hohe  P. 

242,  4.  Hz]  von  Hs.;  M.  P.  schreiben  Fruot  von;  aber  die  Form 
Fruot  ist  in  der  Kudrun  nicht  nach  weislich.  —  bringe]  müge  bringen 
Ausgaben  und  Hs.;  der  Schreiber  wollte  den  Reim  glätten. 

243,  4.  genendiclichen  E.]  gnediclichen  Hs. 

244,  3.  die  Umstellung  von  Ziemann. 

245,  2.  von  Tenen  von  Z.  ergänzt. 

246,  1.  Ja  H.]  Ir  Hs.  —  irs]  ir  Hs.  und  Ausgaben.  —  246,  3. 
nach  hdden]  nach  sinen  hulden  Hs.  und  Ausgaben.  — ■  246,  4.  väret  E.] 
gevaret  Hs.  —  väre]  trew  Hs.;  die  Ausgaben  sol  selbe  entriuicen. 

247,  1.  Tene  fehlt  Hs;  Z.  E.  P.  ergänzen  snelle,  V.  degen.  — 
247,  2.  michs,  Besserung  Ziemanns.  —  247,  4.  etüchiu]  erleich  Hs., 
erlich  Ausgaben.  —  in  E.]  im  Hs. 

248,  3.  dunket  sich  V.j  dunket  sich  nie  so  Hs.  und  Z.,  dunkt  sich 
so  E.  M.  P. 

249,  3.  ingesinde]  gesinde  Hs.  und  Ausgaben. 

250,  1.  spise]  ein  sphe  Hs.  und  Ausgaben.  —  250,  4.  also  fehlt; 
eine  Ergänzung  ist  dem  Verse  nöthig,   denn  müge  wir  dSste  ist  falsch. 

251,  3.  nach  V.  gebessert.  --  251,  4.  so  H.]  fehlt  Hs. 

252,  1.  wät  Z.]  geioant  Hs.  —  252,  2.  tohter  IL]  fehlt  Hs.  — 
252,  3.  daz]  sit  Hs.  und  Ausgaben. 

255,  4.  niht  mit  gemache  loelle  V.]  mit  gemache  welle  nicht  Hs. 

256,  1.  hundert  degene]  hundert  Hs.  und  Ausgaben. 

257,  3.  der]  des  Hs.  und  Ausgaben. 


176  KARL  BARTSCH 

258,  2.  zuo  IlauptJ  fehlt  IIs.  --  258,  4.  fride]  sin  fride  Ausgaben 
und  Hs. 

260,  3.  meien  V.]  winters  IIs. 

261,  1.  man  uns  icurket]  tourcld  man  Hs.  —  261,  4.  iht  ze  schaden] 
ze  schaden  nicht  Hs.  und  E.,  ze  s.  iht  Z.  V. 

263,  4.  nimmer  E.]  fehlt  Hs. ;  Z.  P.  ergänzen  nie. 

265,   1.  von  Z.  umgestellt.  —  265,  3.  der  was  Z.]  was  Hs. 

267,  2.  weite  V.]  wolt  Hs.  —  man  H.]  fehlt  Hs.  —  267,  3.  Abali] 
Agaby  Hs.,  Abakie  Z.  E.  Agabi  nur  an  dieser  Stelle;  Abakie  ist  die 
Heimat  der  Mohren,  einmal  begegnet  die  Form  Abagi  (1684,  3),  was 
Schreibfehler  für  Abaki,  aber  auch  für  Abali  sein  kann.  Denn  der 
Name  des  Mohrenlandes  heißt  Abakie,  Abakine,  eine  Form  in  i  be- 
gegnet nicht.  Dagegen  ist  Abali  als  Heimat  kostbarer  Stoffe  durch 
864,  4  {von  Abalie  ein  hemede)  und  1248,  2  (von  Abali  der  stein)  be- 
legt; daher  auch  1684,  3  Abali  zu  lesen  war.  Er  ist  derselbe  Name, 
der  Bit.  1155  vorkommt,  der  truoc  wät  von  Abalin;  die  zwischen  i,  ze,  in 
schwankende  Endung  ist  wie  bei   Ormante. 

268,  3.  4.  die  Umstellung  der  Worte  nach  Z.  —  269,  3.  solden 
M.]  loolten  Hs. 

269,  4.  weder  mohte  icol,  wie  V.  liest,  noch  trouiven,  wie  M.  will, 
ist  nöthig. 

272,  1.  dar  V.]  da  Hs.  —  274,  4.  moire]  mit  witzen  Hs.  und  Aus- 
gaben; der  Schreiber  beabsichtigte  einen  Inreim. 

275,  4.  listecliche]  lustliche  Hs.  und  Ausgaben. 

276,  2.  zwene  V.]  zwo  Hs. 

277,  3.  dem  künic  H.  V.]  fehlt  Hs.,  dem  künige  H.  Z.  E.  P.  — 
unz  V.]  fehlt  Hs.;  unz  daz  H.  Z.  E.  P. 

280,  2.  in7  dinges  V.]  vz7  rfes  dinges  Hs.  —  280,  4.  m  ieclichs  ivol 
drizic]  yetlichs  wol  d.  in  Hs.,  in  ietliches  drizec  V.  P. 

281,  3.  erwerben  solde]  solte  erwerben  Hs.  und  Ausgaben;  ich  habe 
umgestellt,  um  den  zweisilbigen  Auftakt  nach  der  Cäsur  zu  entfernen. 
—  gienge]  geschaihe  Hs.  und  Ausgaben;  strits  ist  in  der  Gudrun  ohne 
Analogie. 

282,  4.  in  Z.]  fehlt  Hs. 

284,  4.  ir  in]  in  Hs. ;  auch  V.  ergänzt  in,  aber  an  falscher  Stelle. 

285,  4.  künden  iht]  künden  Hs.  und  Ausgaben. 

286,  1.  kunnenz  V.]  künden  das  Hs.  —  286,  2.  nahtselde  V.]  naht- 
sedele  Hs.  und  Z.  E.  Allerdings  kommt  auch  nahtsedel  in  der  Bedeu- 
tung °Nachtherberge'  vor  (mhd.  Wb.  2,  2,  235,J),  aber  der  Ausdruck 
nahtselde  nemen  ist  in  den  Nib.  und  der  Kudrun  der  gewöhnliche.  Auch 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  177 

müßte  hier  der  Cäsur  wegen  der  Plur.  stehen,  der  nicht  belegt  ist. 
Derselbe  Schreibfehler,  sedele  —  selde  639,  3.  Er  weist  darauf  hin,  daß 
in  der  Vorlage  selede  stand.  —  286,  3.  die  da]  da  sy  Hs.,  daz  si  H.  Z.  E., 
die  so  V.  —  286,  4.  Besserung  Hagens.  —  die\  do  Hs.  und  Ausgaben. 

287,  1.  üf  den]  üf  dem  Hs.  und  Ausgaben,  mit  dem  folgenden 
Verse  verbunden.    Der  wille  ist  üf  etwas  (Acc),   auf  etwas   gerichtet. 

288,  4.  enist]  ist  Hs.  find  Ausgaben. 

290,  3.  unz  Z.]  und  Hs.  —  290,  4.  daz  in]  daz  Hs.  und  Ausgaben. 

291,  2.  so  E.]  fehlt  Hs.  —  manz]  man  Hs.  und  Ausgaben. 

292,  1.  üf]  üf  dem  Ausgaben  und  Hs.  —  292,  4.  ander  vor  iemen 
fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

294,  1.  fragte  V.]  fragt  sy  Hs.,  si  fragte  Z.lSi.  —  1.2.  von  wanne 
vber  see  dar  gefaren  waren  Hs. ;  eine  Halbzeile  fehlt  in  jedem  Falle. 
Ich  habe  umgestellt  ivannen  sie  gevarn  über  se  dar  waren,  und  die 
zweite  Halbzeile  ergänzt  got  inileze  iuch  bewarn,  als  einleitende  Formel 
der  Rede  Frutens.  Die  folgende  Zeile  also  sprach  der  degen  Fruote 
beweist,  daß  2b  schon  zu  Fr.  Rede  gehörte;  ich  habe  für  also  geschrie- 
ben so,  vgl.  oben  S.  44.  Z.  schreibt  wannens  über  se  dar  gevarn  wceren? 
da  was  uns  dicke  we ;  ebenso  E. ;  V.  hat  ebenso,  doch  statt  2b  got  be- 
war  iuch  immer  me.  Haupt  endlich  (Z.  5,  505)  si  nach  siner  e,  von 
wannen  si  wceren  gevaren  über  se,  unrichtig  aus  dem  eben  bemerkten 
Grunde.  Meine  Lesart  erklärt  sich  graphisch  einfach ,  der  Schreiber 
sprang  von  waren,  wofür  er  waren  schrieb,  auf  bewaren. 

295,  1.  iesch  HauptJ  haisst  Hs.;  hiesch  liegt  noch  näher.  —  295,  3 
gereichte  Haupt]  gerüchte  Hs. 

296,  2.  in  V.,  fehlt  Hs. 

297,  1.  si  do  V.]  da  sy  Hs.  —  297,  2.  hetes]  hette  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  297,  4.  guotes  nach  da  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  gezceme] 
gezam  Hs.  und  Ausgaben. 

298,  1.  Hagens  Ergänzung.  —  298,  3.  wirdet]  wirt  euch  Hs.,  aus 
wird  ev  erklärlich.  —  298,  4.  gebresten  ihtes]  ihtes  gebresten  Ausgaben 
und  Hs. 

299,  4.  vil  vor  vliz,  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

300,  1.  die  vor  heten  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  300,  4.  nach 
Haupt  umgestellt. 

301,  4.   die  sie  V.]  sy  da  Hs. 

302,  2.  die  vil  riehen]  vil  riche  V.  und  Hs.,  harte  riche  7j.  E.  — 
302,  3.  dannoch  fehlt  IIs.;  die  Ausgaben  ziehen  vierzic  zur  zweiten 
Hälfte. 

UKUMANU  x.  12 


17N  KARL  BARTSCH 

.303,  1.  dar)  dartzü  IIs.  und  Ausgaben.  —  303,  4.  des  künic)  des 
I  Is.,  die  Ausgaben. 

304,  1.  dar  Z.|  fehlt  Hs.  —  304,  2.  dem  V.]  Jo  dem  Hs.  —  304,  3. 
brcehte]  Indlite  Ausgaben  und  Hs.  —  304,  4.  icol  vor  schin  Hs.;  V. 
streicht  es. 

305,  3.  so  gehleidet  V.]  also  klaidet  Hs.  —  305,  4.  st<;er£  Z.]  daz 
sv,  rt  Hs.  und  E. 

307,  3.  daz  V.)  die  Hs. 

308,  4.  r<?  V.]  wol  ze  Hs. 

309,  2.  ic/i  62 ]  ic/t  Hs.  —  309,  4.  iüo£  werte)  werete  Hs.;  vgl. 
zu  308,  4. 

310,  2.  7?'oWg]  Irolden  Hs.  —  310,  3.  komen  wceren  Hs.,  von  Z. 
umgestellt. 

311,  4.  ^feroc/ie«]  <7££d>i  Hs.  nach  hat.  Die  Verbindung  ändert  tuon 
ist  nicht  nachweislich;  der  Schreiber  verwechselt  es  mit  ande  tuon. 

312,  2.  ?V  V.]  M-  da  Hs.  —  312,  4.  so]  als  Hs. 

313,  2.  des  V.]  desselben  Hs.  —  313,  4.  rfö  sprach  der  degen  Horant 
von  mir  ergänzt. 

314,  3.  er  H.J  fehlt  Hs.  —  gesicachet)  gemachet  Hs.  —  freuden 
Z.J  freunden  Hs. 

315,  3.  ez?i  «?]  &z  s?  danne  Hs.  und  Ausgaben.  —  garwe]  gar  Hs. 
und  Ausgaben. 

316,  4.  ^j'fos]  #{&e  Ausg.  und  Hs.  —  tool  fehlt  Hs.  —  stand  m<^ 
Hs.  und  Ausgaben. 

317,  2.  freische]  gefraische  Hs.  und  Ausgaben. 

318,  2.  es]  sm  Ausgaben  und  Hs. 

319,  3.  sied  mite  so]  ivo  Hs.,  swie  so  V. 

320,  1.   in  werten]  gewerten  in  Hs.  und  Ausgaben. 

322,  1.  der  hiez]  hiez  Hs.  und  Ausgaben.  —  322,  4.  harte  fehlt  Hs. 
—  schemeliche]  schedeliche  7j.  E.  und  Hs.,  schentliche  Haupt  und  V. 

323,  4.  mähten  wol]  mähten  Hs.  und  Ausgaben. 

325,  4.  icerte  V.]  geteerte  Hs. 

326,  1.  dm  Z]  dem  Hs.  —  326,  3.  der  E.]  ^s  Hs.  —  daw  V.] 
dann  sein  Hs.  —  tromeen]  getrawen  Hs. 

328,  3.  swanne  Z.]  wenn  Hs. ;  wenne  daz  geschähe  als  Ausruf,  wie 
Y.  und  P.  wollen,  ist  nicht  statthaft. 

.129,  2.  gebare]  gebärde  Ausgaben  und  Hs.  —  329,  3.  gar  Z.] 
fehlt  Hs.  —  329,  4.  biten]  erbiten  die  Ausgaben,  erpeiten  Hs.  —  Waten 
Z.]  dem  alten  Waten  Hs.  Haupts  Vorschlag  (Z.  2,  381)  macht  den 
Vers  nicht  besser:  man  müßte  schreiben  ame  alden  Waten. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  179 

331,  4.  guoten  vor  swertdegen  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

332,  4.  dar]  da  Hs.  und  Ausgaben. 

333,  2.  tiefe  mentel  icit]  t.  m.  und  w.  Hs.  und  Z.  E.,  mantel  tief 
und  unt  V.  —  333,  4.  snellen]  selben  Hs.  und  Ausgaben. 

334,  2.  in  hin]  hin  in  Hs.  und  Ausgaben. 

335,  4.  sinen]  sin  Ausgaben  und  Hs. 

336,  1.  nach  V.  gebessert. 

337,  4.  zuo  ir  V.]  zu  ir  in  die  Hs. 

339,  3.  da  V.]  fehlt  Hs.  —  339,  4.  iht  anders  V.]  anders  ieht  Hs. 

340,  1.  nach  Haupt  umgestellt.  —  340,  3.  vor  im  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben.  —  340,  4.  mit  zühten  gie]  gie  mit  zühten  Hs.  und  Ausgaben. 

341,  1.  2.  nach  Ziemann  ergänzt. 

342,  4.  des  den  pris  da]  den  pris  Hs.  und  E.,  da  den  pris  V.  — 
343,  2.  si  mit  V.  gestrichen.  —  343,  3.  also  H.]  fehlt  Hs.  —  343,  4 
gerner  7j.]  fehlt.  Hs. 

345,  1,  erlachete  Z.]  lachete  Hs.  —  345,  3.  da  von]  da  Hs.  mere 
H.]  fehlt  Hs.  — ■  der  selde]  den  seiden  Hs. 

346,  4.  in  siner  heime  seiden]  selten  in  s.  h.  Hs.  und  Ausgaben. 

347,  4.  ivol  mit  E.  gestrichen. 

348,  1.  sagete  mcere]  sagete  V.  und  Hs.,  der  sagete  Z.  E.  —  348,  2. 
daz  nie-  hünic  deheiner  mere]  d.  k.  d.  nie  Hs.  und  Ausgaben.  —  348,  3. 
den  Z.]  fehlt  Hs. 

349,  4.  richer]  riche  Hs.  und  Ausgaben. 

350,  1.  Er]    Wate  der  Hs.  —   350,  3.  nach  V.  umgestellt. 

351,  352.  nach  V.  geordnet.  —   351,  4.  manz  E.]  fehlt  Hs. 

354,  3.  Horanden  von  Tenertche  Z.,  dem  M.  folgt.  —  354,  4.  man 
in]  man  Hs.  und  Ausgaben. 

355,  2.  nach]  nähen  Hs.  und  Ausgaben.  —  355,  4.  vil]  gar  Hs. 
und  Ausgaben. 

357,  2.  in  in  E.]  in  Hs.  —  357,  4.  die  sinen  helde  mit  Z.  — ■ 
phlegeten]  gephleget  Hs.,  phlmgen  Ausgaben.  —  ersmielte]  smielte  Aus- 
gaben und  Hs. 

358,  4.  im  E.J  im  darumb  Hs. 

359,  2.  wz7  E.]  den  toil  Hs.  —  359,  4.  KAta  E.]  fehlt  Hs. 

361,  3.  ein]  daz  Hs.  und  Ausgaben.  —  also  mit  V.  gestrichen. 

362,  1.  enhant]  in  die  hant  Hs.,  in  hant  Ausgaben.  —  362,  3.  der 
V.]  die  Hs. 

363,  3.  vor  E.]  vor  den  Hs.  —  363,  4.  rfm]  daz  sin  Ausgaben 
und  Hs. 

364,  1.  Ilagene  dolte  Hs.,  was  E.  V.  beibehalten,  Z.  H.  dö  dolte. 

12* 


180  KARL  BARTSCH 

Aber  dolte  gibt  hier  keinen  Sinn.    Stund  dolete,   so   kann  das  verlesen 
sein  ans  dosere  —  do  sere,  das  Verbnm  aber  fehlt,  und  war  wohl  sluoc. 
Die  Subjecte  müssen  vertauscht  werden,  wie  die  folgenden  Verse  be- 
weisen.   Also  Hagenen  sluoc  do  sere  der  künstelöse  man. 
365,  1.  ez  fehlt  Hs. 

367,  3-  sin  E.j  sein  wol  Hs.  —  367,  4.  so]  als  Hs. 

368,  2.  jeht]  Sprecher  Hs.  für  sprechet,  was  Z.  E.  V.  haben,   spre- 
chen wird   in  Jüngern  Hss.  oft   für  jehen  gesetzt.    Vgl.  716,  2. 

369,  4.  deis]  daz  sin  Hs.  und  Ausgaben.  —   beide  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben.  —  unde  V.]  und  die  Hs. 

370,  4.  da  vor  von  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

371,  2.  des  V.]  da  Hs.  —  371,  3.  erdriezen]  verdriezen  Ausgaben 
und  Hs. 

372,  1.  üf  einen]  an  einem  Hs.  und  Ausgaben.  —  372,  3.  mit  so 
E.]  so  mit  Hs. 

373,  2.  nach  Wackernagel  gebessert.  —  friunde  H]  freude  Hs. ; 
vgl.  354,  3. 

375,  1.  der]  den  der  Hs.  —  so  Z.]  fehlt  Hs.  —  375,  4.  harte  icol] 
wol  Hs.  und  Ausgaben. 

378,  2.  Ion  so]  also  Hs.  —  grözez]  gros  Hs.  —  378,  4.  üzer]  uz 
Hs.  und  Ausgaben. 

379,  4.  nhoet]  niht  Ausgaben  und  Hs.  —  380,  1.  liet  Haupt]  laut 
Hs.  —  381,  4.  so  V.]  also  Hs.;  Z.  E.  W(ackern).  behalten  also  und 
lesen  Tenen  für  Tenemarke. 

384,  3.  ra'/i£  enphunden]  nicht  Hs.,  wa>rliche  niht  Z.  E.  V.,  ra'/ttf 
geahtet  M. 

385,  3.  mti  V.]  m  Hs.  • —  386,  4.  hie  ze  hove  V.,  aber  vor  singen] 
fehlt  Hs.  —  387,  3.  hochverte]  hochfertig  Hs.  und  Ausgaben.  —  387,  3. 
die  werden]  die  Hs.  —  387,  4.  wol  erklingen  nach  nicht  Hs. 

388,  2.  der  wise  schreiben  alle  Herausgeber;  xoise  ist  hier  aber 
'Melodie',  abhängig  von  vleiz  sich;  des  bedeutet  'deshalb'.  —  388,  4. 
wol  dannen  nach  sinnen  Hs.  und  Ausgaben. 

390,  1.  dcenen  Wackern.]  dienen  Hs.  —  390,  2.  nach  Wackern. 
gebessert. 

391,  2.  solte  vil  taugen  Hs.  —  39 1 , 4.  so]  also  Hs.  —  M  ir  M.l  fehlt  Hs. 
393,  4.  wol  von  schulden]  wol  Hs.  und  Ausgaben. 

395,  4.  a^er  hande]  aller  Hs.  und  Ausgaben. 

396,  1.  er  sprach  mit  V.  und  M.  gestrichen. 

399,  3.  niht  verrer  künde]  verrer  künde  nicht  Hs.  und  Ausgaben. 
—  399,  4.  niwan]  wan  Hs.  und  Ausgaben ;  wane  wäre  auch  erlaubt. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  181 

400,  L  hüte  diu  frouwe]  die  frawen  puten  Hs.  —  400,  2.  niwan) 
wan  Hs.  und  Ausgaben.  —  eine  Wack.]  ainen  Hs.  —  400,  3.  beholde 
Wack.]  behalten  Hs.  —  400,  4.  die  Wack.]  den  Hs. 

401  1.  ist  er  könnte  man  auch  streichen.  —  401,  4.  von  Z.  um- 
gestellt. —  also]  so  Hs.  und  Ausgaben. 

402,  4.  durch  dinen  willen,  frouwe]  f.  d.  d.  w.  Hs.  und  Ausgaben. 

405,  4.  sit  ir]  sit  Hs.  und  Ausgaben.  —  sorge]  sorgen  Hs.  und 
Ausgaben. 

407,  4.  vor  E.]  von  Hs.  —  408,  4.  nach  V.  gebessert. 

409,  2.  wem]  gewern  Hs.  und  Ausgaben.  —    409,  4.  söZ]  soZ  Hs. 

410,  4.  mirs  Z.]  mir  Hs.  —  e  Wack.]  vor  Hs. 

411,  4.  vara(]  vnd  Hs.  und  Z.  E.;  V.  streicht  und  er. 

412,  2.  o!g/i  «weWera  7iÄn:  sweZ/m  fehlt  Hs.  —  412,  3.  hiesch] 
haysset  Hs.  —  412,  4.  gefuogte]  gefüeget  Hs.  und  Ausgaben. 

413,  1.  mügen]  rnüezen  Hs.  und  Ausgaben.  —  413,  4.  gesingen 
Wack.]  singen  Hs. 

414,  2.  daz  Wack.]  dm  Hs.  —  415,  2.  was  Z.]  Afcss  Hs.  —  415,  3. 
kröne  trüege  Wack.]  trüege  kröne  Hs. 

417,  3.  daz]  daz  si  Ausgaben  und  Hs.  —  417,  4.  dise  Z.]  die  Hs. 

418,  2.  *ö>s«  ich  V.]  getörst  ich  Hs.  —^418,  4.  dem  tora'c  Hetelen] 
Hetelen  Hs.,  Äüm'c  //.  Z. 

420,  4.  wnrf  wz'g  der]  wie  Hs.  —  der  frouwen]  frawen  Hs. 

421,  3.  vor  V.]  von  Hs.  —  421,  4.  vnere  hinnen]  von  hinne  Hs. 

422,  1.  sage]  dir  sage  Hs.  und  Ausgaben.  —  422,  3.  hine]  von 
hinnen  Hs.,  hinnen  die  Ausgaben.  —  422,  4.  nach  Z.  umgestellt. 

423,  2.  wa«  aas  wws  wer]  das  vns  gewer  Hs. ,  wan  daz  uns  gioer 
Wack.  —  423,  4.  unseren  kiel  da  beschouwe]  unser  kiele  da  schouwe 
Ausgaben  und  Hs. 

424,  2.  bewendet]  gewendet  Hs. ,  geendet  Wack.  und  V.  —  arebeit 
V.]  gros  arbait  Hs. 

425,  4.  dorfte  in]  in  hat  die  Hs.  nach  hofe. 

426,  3.  die  Wortstellung  nach  Z. 

427,  2.  sie  wan  eines]  euch  nun  ainest  Hs.  —  427,  3.  von  Haupt] 
vor  Hs.  —  429,  4.  von  Z.  gebessert. 

430,  2.  von  Z.  gebessert.  —  430,  4.  und  Z.]  ?md  von  Hs. 

432,  3.  t»7  von  Z.  gestrichen.  —  432,  4.  m7  deste]  dester  Hs. ;  vgl. 
432,  3. 

433,  2.  nemen  ze  minne]  von  mir  nemen  meine  Hs.  Die  Heraus- 
geber bessern  auf  verschiedene  Weise.  Z.  E.  V.  nu  ruochet  von  mir 
ze  nemene,  M.  P.  nu  ruochet  von  mir  nemen,  mit  falscher  Cäsur.    meine 


182  KARL  BARTSCH 

ist  allerdings  zu  ros  gezogen ,   kann   aber  trotzdem  aus  minne  entstellt 
sein.    433,  4.  iht  Z]  nicht  Hs. 

434,  2.  hin  Z.]  da  hin  Hs.  —  434,  4.  der  vergaebe]  der  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben. 

436,  2.  iu  iwer]  iwer  Ausgaben  und  Hs.  —  436,  3.  uns  hinnen] 
uns  Hs.  und  Ausgaben.  —  Uten]  hie  gepeiten  Hs. 

437,  3.  diu]  dhainer  Hs.,  disiu  V.,  keiner  M.  P.  —  Alle  Heraus- 
geber schreiben  falsch  an  ein  ende  statt  an  ein  ende. 

438,  4.  in  M.  V.]  euch  Hs. 

439,  4.  von  Tenemarke  Fruote]  F.  v.   T.  der  Hs. 

440,  4.  riten  schone]  schone  fehlt  Hs.  Bei  M.  P.  soll  hie  mite  riten 
die  erste  Halbzeile  sein.    Vgl.  444,  4. 

441,  3.  ze  E.]  ze  also  Hs.  —  441,  4.  von  Z.  gebessert. 

442,  4.  da  moht  diu  k.]  da  die  k.  mochte  Hs. 

443,  3.  do  er  Z.]  er  Hs.    -  443,  4.  duo]  die  Hs. 

444,  1.  uf  E.]  auf  dem  Hs.  —  444,  2.  uo/  wurde  V.]  wurde  vol 
Hs.  —  444,  4.  cfo'e  /rowwen]  schone  die  frouwen  Ausgaben  und  Hs.  Vgl. 
zu  440,  4. 

445,  1.  hohe]  do  Hs.  und  Ausgaben.  —  445,  4.  grimme  leide]  baide 
vil  g.  vnd  l.  Hs.   —  grimme  ist  natürlich  adverbium. 

447,  2.  rehte  Z.]  fehlt  Hs.  —  447,  4.  der  miner]  meiner  Hs. 
Wäre  mag  erlangen,  was  E.  V.  M.  P.  haben,  das  richtige,  so  würde 
der  Schreiber  diesen  auf  gerstangen  genau  reimenden  Reim  sicher  nicht 
entfernt  haben. 

448,  2.  strites  willen]  striten  Ausgaben  und  Hs.  —  448,  3.  da 
mite,  zugleich  mit  euch]  dann  Hs.,  st  danne  Z.  und  alle  andern.  — 
448,  4.  mit  der  ßüete]  in  die  fluot  Hs.;  vgl.  673,  4.  —  451,  2.  sivozre]  ez 

'was  siccere  Ausgaben   und  Hs.    —    451,  3.    Wate  der  alte  Haupt]    der 
Wate  Hs.  —  451,  4.    vil  hohe]  nu  Hs.  und  Ausgaben. 

452,  3.  nach  Hagen  umgestellt.  —  453,  1.  2.  mit  E.  und  V.  um- 
gestellt. —  453,  1.  er  hei]  het  er  Hs.  und  Ausgaben.  —  453,  4-  do  sie]  do 
Hs.  Die  Ausgaben  diu  da  (dar).  —  man  den  schaden  E.]  den  schaden  man  Hs. 

454,  1.  von  Z.  gebessert.  —  454,  2.  ander  sim]  anderm  seinem 
Hs.  -  -  454,  3.  nach  E.  Besserung.  —  454,  4.  von  W.  Grimm  (bei  M.) 
gebessert. 

455,  2.  nach  V.]  nach  frawen  Hs.  —  455,  4,  da  wider]  da  Hs.  — - 
ir  dannen  V.]  in  danne  Hs. 

456,  3.  grozen  sinen  ereu]  grozer  siner  cre  Ausgaben  und  Hs.  — 
456,  4.  von  Haupt  gebessert,  Man  kann  auch  schreiben  sie  iccen  des 
piht  gedähten, 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  183 

457,  2.  nu  verre]  verre  Hs.  und  Ausgaben.  —  457,  4.  vil,  von 
Z.  gestrichen. 

458,  3.  b%  den  minen  friunden  gesehen]  g.  b.  m.  fr.  Hs.,  von  V. 
umgestellt,  bei  dem  aber  den  fehlt.  —  458,  4.  harte  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben. 

460,  1.  gäben]  geben  Hs.  und  Ausgaben.  —  460,  4.  uz  den]  aus 
Hs.  —  der  V  ]  fehlt  Hs. 

462,  2.  lützel]  wie  lützel  Hs.  und  Ausgaben.  —  si  des  V.]  sys  Hs. 
—  er  Z.]  fehlt  Hs. 

463,  2.  Hellte]  liehter  Ausgaben  und  Hs.  —  463,  4.  gedinge  V.] 
gedingen  Hs. 

465,  4.  den  V.]  der  Hs.  —  466,  3.  von  Z.  gebessert.  —  466,  4. 
üow  Hegelingen  Hetele]  daz  H.  von  den  H.  dar  Hs. 

467,  1.  hin  engegene]  entgegne  Hs.  —  467,  2.  diu  schoenen  V.]  die 
vil  schone  Hs. .  —  467,  3.  eren\  ere  Hs.  und  Ausgaben. 

468,  2.  mit  in  V.]  m«<  Hs.  —  468,  4.  s'm  E.]  fehlt  Hs. 

470,  4.  der  vil  wise]  der  wise  Ausgaben  und  Hs. 

471,  1.  her  von  E.  gestrichen.  —  471,  2.  dar  V.]  das  ross  Hs.  — 
471,  3.  da  er  zwene  sacli]  do  sach  er  ziven  Hs.  und  Ausgaben. 

472,  4.  buozt  der]  buozte  Ausgaben  und  Hs. 

474,  1.  altgrtse]  alte  grise  Ausgaben  und  Hs.  —  474,  2.  hie  V.] 
nie  Hs.  —  474,  3.  dann  er  V.]  oder  danne  Hs.  —  geswhe]  gesach  Hs. 
und  Ausgaben.  —    474,  4.   lieber  nie  geschähe]    liebers  nie  geschach  Hs. 

475,  4.  sinen  handen  V.]  siner  hande  die  andern  und  die  Hs. 

476,  4.  geloube  mir  der  mcere]  gelaube  Hs. 

477,  4.  der  grimme]  der  ist  grimme  Ausgaben  und  Hs.  —  müejet 
V.]  gemüt  Hs. 

478,  4.  der  helme  stt]  seyd  der  helme  Hs.  Mit  Unrecht  ändern 
Z.  V.  P.  helme  in  swerte. 

479,  3.  teuren  nu  V.]  nu  icären  Hs. 

481,  2.  samet  Z.j  sam  Hs.  —  wil  V.]  «m7  woZ  Hs.  —  481,  3.  die 
V.J  der  Hs.  —  482,  4.  «i  von  E.  gestrichen. 

483,  4.  die  da]  die  Hs.  und  Ausgaben.  —  den  E.]  dem  Hs. 

484,  4.  was  z'r  nach  ir]  was  iren  Hs.,  icas  ir  Ausgaben. 

485,  1.  mit  zuht]  in  zühten  Hs.  und  Ausgaben.  —  485,  4.  groez- 
Itchcn]  grdzen  Hs.  und  Ausgaben. 

486,  2.  von  H.  gebessert.  —  486,  4.  vil  mit  V.  gestrichen. 

487,  1.  tagen  V.]  äbenden  Hs. 

488,  2.  sii'c^  setzen  fehlerhaft  alle  Ausgaben.  —  488,  4.  harte  habe 
ich  des  Verses  wegen  gestrichen. 


184  KAKL  BARTSCH 

489,  2.  her  die  IIs. ;  die  Herausgeber  schreiben  dafür  hef,  ich 
habe  es  vorgezogen,  weil  die  folgende  Zeile  zu  kurz  ist,  her  zu  lassen 
und  dort  nach  kochen  hete  zu  ergänzen.  —  489,  3.  ouch  vil]  ouch  Ausg. 
und  IIs.  —  489,  4.  nach  Z.  ergänzt. 

490,  Die  Umstellung  nach  Vollmer.  —  490,  2.  üf  den  sant]  üf 
dem  sunt  Hs.  und  Ausgaben.  —  490,  4.  gemellichen  V.]  gemainlichen  Hs. 

491,  3.  er  V.]  fehlt  Hs.  —  491,  4.  des  V.]  daz  Hs. 

495,  3.  maget  M.]  fehlt  Hs.  —  496,  3.  ich  ez)  ich  Hs.  —  496,  4. 
den  Menden]  den  Eyrlande  Hs. ;  die  Ausgaben  den  von  Irlant. 

497,  2.  urliuge  V.]  ir  urhuge  Hs.  —  497,  3.  den  selben\  den  Hs.  und 
Ausgaben.  —  von  den  V.]  mit  Hs.  —  497,  4.  einer  selde  V.]  ainen  seiden  Hs. 

498,  1.  loas  ouch]  was  Hs.  und  Ausgaben.  —  499,  4.  vil  sere  habe 
ich  als  den  Vers  belastend  gestrichen. 

500,  4.  alröten  fehlt  Hs.;  Z.  E.  V.  ergänzen  roten. 

501,  1.  der  mit  V.  gestrichen.  —  501,  3.  ericerben  hülfen  daz  lant\ 
d.  I.  e.  h.  Hs.  und  Ausgaben. 

503,  3.  den  V.  M.]  dem  Hs.  —  Die  zweite  Hälfte  von  H.  gebes- 
sert. —  503,  4.  geschiezen]  geschozzen  Z.  E.  V.  und  Hs. ;  schiezen  M.  P. 
—  lant  mit  E.  gestrichen. 

504,  2.  in  E.]  sy  Hs.  —  504,  4.  vil  von  E.  gestrichen. 

505,  1.  mit  V.  umgestellt.  —  505,  2.  swie  schreiben  alle  Aus- 
gaben statt  wie;   der  Satz  hängt  ab  von  kunt  tuont. 

506,  4.  wären]  waren  vil  Hs.  —  508,  2.  duo]  die  Hs.;  do  V. 

509,  4.  den  alden  Waten  mit  V. 

510,  3.  enphüeret  wären]  w,  enph.  Hs.  und  Ausgaben.  —  510,  4.  ge- 
rüeretrnanicrinc]  m.r.g.  Hs.  und  Ausgaben.  —  harte  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

511,  2.  siner  H.]  fehlt  Hs.  —  512,  2.  da  er]  der  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  511,  3.  lieben  mägen]  lieben  fehlt  Hs.;  vgl.  523,  4. 

513,  3.  unde  E.j  und  auch  Hs.  —  513,  4.  bedühte]  dühte  Aus- 
gaben und  Hs. 

514,  4.  beide  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  515,  1.  erwäget  V.]  er- 
wäge Hs.,  erioac  Z.  E. 

516,  1.  er  sinen  neven]  s.  n.  er  Hs,  und  Ausgaben.  —  516,  3.  von 
Hs.]  fehlt  Hs. 

518,  4.  äbunde  V.]  äbent  Hs. 

520,  3.  da  habe  ich  vor  niht  gesetzt,  weil  beide  Halbzeilen  erst  so 
das  richtige  Maß  erhalten.  —  520,  4.  swerte]  der  swerte  Hs.  und  Ausgaben. 

521,  1.  rief]  rueffet  Hs.  —  521,  3.  uz  den]  uz  Ausgaben  und  Hs., 
uz  grimmen  Z.  —  vor]  von  Hs.  und  Ausgaben.  —  altgrisen]  grisen  Aus- 
gaben und  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  1^5 

522,  4.  niht  ensterbe]  niht  sterben  Ausgaben  und  Hs. 

523,  1.  do  mit  V.  M.  gestrichen.  —  523,  4.  gesande  P.]  het  ge- 
sannde  Hs. 

524,  2.  manigem  guote  Pfeiffer]  maniger  guele  Hs.  —  524,  3.  sit 
st   iu]  ist  steht  nach  helden  Hs.,  nach  iu  in  den  Ausgaben. 

525,  2.  swie  harte  Z.]  fehlt  Hs.  —  525,  3.  hete  V.]  fehlt  Hs.  — 
525,  4.  hoher  V.]  her  Hs.;  V.  schreibt  hoher  her.  —  uz  Irlande  mit  V. 
gestrichen. 

526,  4.  horten  in]  in  steht  in  der  Hs.  und  den  Ausgaben  nach  zife 

527,  2.  m  schuofen]  schuofen  in  Ausgaben  und  Hs.  —  527,  4.  ivart] 
werden  Hs.  —  der  -  gedähte]  die  -  gedähten  Ausg.  und  Hs.  —  und  des 
strites  mit  V.  gestrichen. 

529,  4.  manigem  recken]  recken  fehlt  Hs.;  E.  ergänzt  wunden. 

530,  3.  bühsen  woshe]  wcehe  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  icas  H.] 
fehlt  Hs. 

531,  4.  nach  Haupt  (Z.  5,  506)  gebessert.  —  die  da]  die  Hs. 

532,  3.  ir  Z.]  fehlt  Hs.  —  532,  4.   leidiu  mcere  Z.J  fehlt  Hs. 

533,  2.  wer  ez]  gewere  Hs.  —  daz  E.]  daz  daz  Hs.  —  533,  3.  redet 
V.]   geredet  Hs. 

534,  3.  leider  mit  E.  gestrichen. 

535,  4.  m  helfen  binden]  helffen  Hs.  —  wer]  ewra  Hs.,  iwern 
Ausgaben. 

536,  3.  ich  ennceme  V.]  oeter  e'cA  nam  Hs. 

537,  2.  cten  künic  V.  und  W.  Grimm]  fehlt  Hs.  —  537,  3.  niwan 
Z.]  nun  Hs. 

538,  3.  diu  vil  E.]  m7  Hs.  —  538,  4.  &cm  Haupt]  han  Hs.  —  m7 
vor  willecliche  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

541,  4.  wum]  kainen  man  Hs.  —  542,  2.  der  H.]  fehlt  Hs. 

543,  1.  maget  Hs.;  Besserung  Vollmers.  —  543,  2.  su/n  H.]  fehlt  Hs. 

544,  2.  em  H.]  er  Hs.  —  545,  2.  lebenden  E.]  lebentigen  Hs.  — 
545,  3.  töte  Z.]   töten  Hs.  —   545,  4.   mit  den]  mit  Hs.  und  Ausgaben. 

—  verschroten]  zerschroten  Ausgaben  und  Hs. 

546,  2.  frceliche  Z.]    frblichen  Hs.  —   546,  3.  iedoch  Z.]  c?oc/*  Hs. 

—  546,  4.  freuten  Z.]  freunt  Hs. 

547,  3.  szc/i]  s?/  Hs.  und  Ausgaben. 

548,  1.  Hetelen  V.]  Hagnen  Hs.  —  548,  2.  ze  Aove  truogen]  tr.  z.  h. 
Hs.  und  Ausgaben.   —  548,  3.  sam]  also  Hs.  und  Ausgaben. 

549,  2.  daz  magedin]  die  maget  Hs.  und  Ausgaben.  —  man  uns] 
man  Hs.  und  Ausgaben.  —  549,  4.  nach  V.  Ergänzung. 

550,  1.  richeite]  richeit  Ausg.  und  Hs. 


|8(J  KARL  BARTSCH 

551,  1.  ovch  von  E.  gestrichen.  —  551,  4.  von  Z.  ergänzt.  —  diu 
frouwe]  fraw  Hs. 

552,  2.  zoch  V.]  fehlt  Hs.  —  553,  2.  der  V.]  fehlt  Hs.  —  553,  3. 
im  V.J  fehlt  Hs.  —  553,  4.  des  E.]  das  Hs. 

554,  3.  ez  Z.]  fehlt  Hs.  —  gesagen  Z.]  sagen  Hs.  —  554,  4.  daz 
sie  in]  den  sy  Hs.,  daz  si  den  Z.,  ivam  si  in  E.,  dm  si  V. 

555,  3.  wirret\  geicirret  Hs.  und  Ausgaben.  —  frouwen]  den  fr. 
Hs.  und  Ausgaben.  —  so  grozem:  vielleicht  ist  solhem  zu  lesen;  vgl. 
MF.  46,  3.  —  555,  4.  also  daz]  daz  Hs.  und  Ausgaben. 

556,  2.  do]  daz  Hs.  und  Ausgaben.  —   556,  4.  ich  H.]  fehlt  Hs. 

557,  2.  aw  schosneii]  d.  sch.fr.  Hs.  und  Z.  E. ;  V.  streicht  schoenen. 
—  557,  4.  vil  habe  ich  gestrichen. 

558,  1.  sult  so]  solt  Hs.  —  558,  4.  hohen  mit  Z.  gestrichen. 

559,  2.  irc  mit  V.  gestrichen.  —  559,  4.  s^c/i  dö]  sich  Hs.  und  Ausg. 
561,  2.  Jas  V.]  tiaz  es  Hs.  —  562,  2.  #wo£  fehlt  Hs.;  V.  ergänzt 

rieh.  —  562,  4.  muosens]  muessen  sy  Hs.,  müezens  Ausg. 

566,  4.  dl  des  si  V.]  alles  des  Hs. 

567,  1.  vil]  xeol  Hs.  und  Ausgaben;  vgl.  323,  3.  —  567,  2.  Übe: 
die  Hs.  leihe,  wofür  die  Ausgaben  liehe.  —  567,  4.  alle  am  Beginn  der 
Zeile  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

568,  3.  värten  H.]  rächten  Hs.  —  568,  4.  nach  V.  gebessert. 

569,  4.  trüege:  die  Ausgaben  unnöthig  truoc. 

570,  4.  zm  ze  w?oW]  im  Hs.  und  Ausgaben. 

571,  1.  ze  liove  ouch  dicke]  o.  d.  z.  h.  Ausgaben  und  Hs. 

572,  2.  dem  künic~\  künic  Ausg.  und  Hs.  —  572,  3.  vor  Z.J  von 
Hs.  —  572,  4.  unde  here]  here  Hs.  und  Ausgaben. 

573,  3.  daz  H.]  daz  sy  Hs. 

574,  2.  dem  alten  Haupt]  fehlt  Hs.  —  574,  3.  sinne]  site  Hs.  und 
Ausgaben.  —  574,  4.  die  von]  von  der  Hs.  und  Ausgaben.  —  mozrer 
helt]  degen  meere  Hs.  und  Ausgaben.  —  sinen  handen  V.]  seiner  hannde  Hs. 

575,  3.  sant  ers]  die  sant  er  Hs.  und  Ausgaben;  von  Hegelinge 
laut  gehört  zur  dritten  Zeile. 

577,  1.  wol  mit  Z.  gestrichen.  —  577,  4.  vil  schedel.]  vil  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben. 

578,  1.  frou  mit  V.  gestrichen. 

579,  2.  im  verzihen  horte]  horte  in  verzihen  Ausgaben  und  Hs.  — 
579,  3.  so]  also  Hs.  und  Ausg.  —  579,  4.  mit  siner  tilgende  ie  gebarte] 
ve  g.  m.  s.  t.  Hs. 

580,  1.  der  hiez]  hiess  Hs.  —  580,  2.  verre  er  icas]  was  verren  Hs., 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  187 

tcas  er  verren  H.  Z.  E ,  verren  V.  —  580,  3.  über  habe  ich  gestrichen ; 
gewaldic  mit  dem  Gen.  auch  21,  3. 

582,  2.  sie  horten]  horten  sy  Hs.  —  582,  3.  da]  daz  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  582,  4.  in]  sy  Hs.  und  Ausgaben. 

583,  1.  gevarn  nimmer]  n.  g.  Hs.  und  Ausgaben.  —  583,  4.  phlcege 
V.]  phlag  Hs.  —  im  sie  Z.]  yms  Hs. 

584,  2.  manige]  maniger  Hs.  und  Ausgaben. 

585,  1.  von  H.  gebessert.  —  585,  3.  immer  Z]  nymmer  Hs. 

586,  2.  vil  V.]  fehlt  Hs. 

588,  3.  der  hiez]  hiez  Ausgaben  und  Hs.;  vgl.  580,  1. 

589,  2.  wart  V.]  was  Hs.  —  589,  4.  iedoch]  doch  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  im  siu]  yms  Hs.,  ims  V.,  imz  E.  Z. 

592,  2.  oijc/t  ist  entweder  zu  streichen,  oder  nach  und  zu  setzen. 

593,  4.  von  Haupt  gebessert.  —  594,  4.  die]  der  schce?ien  Hs. 

595,  4.  emi]  ere  Ausgaben  und  Hs. 

596,  4.  unde]  und  icurden  Hs.  und  Ausgaben. 

597,  4.  schiere  dö]  fehlt  Hs. ;  t?ö  ergänzt  V. 

598 ,  4.  dz'e  to^e  FI.  was]  d.  w.  ivas  H.  Hs.  und  Ausgaben.  —  vil 
beidemal  mit  V.  und  M.  gestrichen. 

599,  3.  weihen]  in  loelhem  Hs.  und  Ausgaben.  —  599,  4.  von  V. 
gebessert. 

600,  2.  in]  nu  Hs. ;  die  Herausgeber  schreiben  nu  was  in  o/te  we. 
—  600,  4.  die]  der  Hs.  —  vaste  mit  V.  gestrichen. 

601,  3.  ouch  von  Z.  gestrichen. 

602,  4.  da]  daz  Hs.  und  Ausgaben.  — ■  Die  zweite  Hälfte  nach 
Vollmers  Besserung. 

605,  2.  man  H]  fehlt  Hs.  —  605,  4.  von  V.  umgestellt. 

606,  4.  der  künic]  künic  Ausgaben  und  Hs.  —  Die  zweite  Hälfte 
nach  Ettmüllers  Besserung. 

607,  1.  Do]  als  Hs.  und  Ausgaben.  —  607,  4.  widere  V.]  wider 
Hs.  —  vil  mit  V.  gestrichen. 

608,  4.  froun]  die  frawen  Hs.  —  609,  1.  ir  einer]  einer  Ausgaben 
und  Hs. 

610,  1.  diu  frouwe]  fron  Ausgaben  und  Hs.  —  610,  2.  lech,  Bes- 
serung Ziemanns.  —  610,  4.  liant  V.]  hennde  Hs. 

611,  4.  sich  im]  sich  Hs.  und  Ausgaben.  —  toerren]  gewerren  Hs. 
und  Ausgaben;  vgl.  555,  3. 

612,  3.  dürfe]  durffte  Hs.  —  613,  1.  wol  mit  V.  gestrichen.  — 
613,  2.  mtle]  tageweide  Ausgaben  und  Hs.,  die  einen  innern  Keim  gegen 
das  Metrum  beabsichtigte.  —  613,  4.  der  herre]  die  clagten  da  vil  sere 


188  KAHL  BARTSCH 

IIs. ;  die  Herausgeber  ändern  auf  verschiedene  Weise.  Ein  Keim  verre: 
stre,  den  Z.V.  M.  P.  haben,  ist  nicht  denkbar.  Ich  habe  nach  1164,  4 
gebessert;  E.  hat  auch  Hartmuot  der  herre,  weicht  aber  sonst  ab. 

614,  2.  inder  fehlt  IIs.;  Z.  und  die  andern  mit  ougen.  —  614,  4. 
gehcene  Z.]  hcene  IIs. 

615,  3.  durch  daz]  daz  Hs.  und  Ausgaben.  —  615,  4.  der  herre] 
der  IIs. 

616,  1.  toeinunde  H.J  wainende  IIs.  —  616,  3.  boten  hinnen]  unser 
boten  hin  Ausgaben  und  Hs.  —  616,  4.  sie  noch]  sy  Hs. 

618,  4.  es  was  V.J  so  was  es  Hs. 

619,  1.  2.  drumbe  reit  |  boten,  daz  man  der  värte]  poten  dar  umbe 
mit  |  der  man  da  er/arte  Hs.  Die  Ausgaben  ändern  auf  verschiedene 
Weise;  reit  hat  schon  H.  gebessert. 

620,  1.  sich  V.J  sich  gar  Hs.  —  620,  2.  gesehen  E.J  sehen  Hs. 
622,  3.  man  sach  V.J  da  sach  man  Hs.  —  622,  4.  hohe  V.J  hohen  Hs. 

624,  2.  tougenre  E.]  taugen  Hs.  —  624,  4.  hieze]  hiez  Ausgaben 
und  Hs. 

625,  4.  Hetelen]  ir  vater  H.  Hs. 

626,  1.  irz  V.J  ir  Hs.  —  626,  3.  in]  im  Hs.  und  Ausgaben. 

627,  3.  grozen  von  E.  gestrichen.  —  627,  4.  die  E.]  fehlt  Hs. 

628,  4.  ja]  da  Hs.,  cZö  Ausgaben. 

629,  1.  kam  V.J  haim  kam  Hs. 

631,  3.  und  E.]  »m'<  Hs.  —  631,  4.  m7  von  E.  gestrichen. 

632,  1.  er  V.J  daz  er  Hs.  —  würbe  iht  V.J  «cAi  würbe  Hs.;  vgl. 
169,  1. 

633,  2.  hiete]  hette  Hs.  —  dwo]  die  Hs.;  Haupt  e?ö. 

635,  2.  zogete]  zöge  Hs.;  zm(?<3  die  Ausgaben.  —  635,  4.  ze  hüse 
bringen]  bringen  Hs. 

636,  1.  niwan  H.J  rtwm  Hs.  —  636,  2.  62tt  duncket  mich]  es  d.  m. 
nicht  Hs.  und  Ausgaben. 

637,  2.  iht  Z.]  m'c/j^  Hs.  —  637,  3.  nach  Z.  umgestellt.  —  schran- 
ken V.J  krancken  Hs. 

638,  1.  mcä  V.]  sy  Hs.  —  638,  2.  d<?s]  daz  Hs.  und  Ausgaben.  — 

638,  4.  m  strite  sit]  sit  Ausgaben  und  Hs. 

639,  1.   recken  fehlt  Hs.  —    639,  2.   her  von  V.   gestrichen.   — 

639,  4.  Hellten  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

640,  3.  der  V.J  des  Hs.  —  640,  4.  in  dem  herten]  in  Hs. ;  in  her- 
tem  Z.  V. 

642,  2.  ^71]  da  Hs.  —  ungerne  gewesen,  von  V.  umgestellt.  —  dö 
dar  vor]  dö  fehlt  Hs.  —  642,  3.  von  Z.  gebessert. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  189 

643,  3.  niht  V.]  fehlt  Hs.  —  643,  4.  vant  da]  da  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben.  —  der  herre  E.]  dem  herren  Hs.  644,  4.  sie  Z.]  sich  Hs.  — 
645,  4.  also  habe  ich  gestrichen.  —  vil  vor  bescheidenlicheu  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben. 

646,  2.  von  Haupt  gebessert,  der  aber  verlän  beibehält.  —  646,  3. 
Ionen]  lone  Hs.;  vgl.   17,  4. 

647,  4.  daz]  der  Hs.  —  werte  H.]  wiW  Hs. 

648,  1.  küenen  sach]  küene  ersach  Hs.  und  Ausgaben.  —  648,  3. 
des  V.]  den  Hs.  —  648,  4.  c?wrc/i  daz  verch]  durch  Hs. ;  der  Ausfall 
wurde  durch  den  gleichen  Auslaut  veranlasst;  vgl.  684,  4.  Haupt 
(Z.  5,  506)  bessert  der  houwet  die  verchtiefen  wunden. 

649,  2.  alsam  Z]  sam  als  Hs.  —  649,  3.  schcene  habe  ich  getilgt, 
/no/ite  anders  niht]  n.  a.  m.  Hs.  und  Ausgaben.  —  649,  4.  nach  V.  gebessert. 

650,  3.  die  von  E.  getilgt.  —  651,  2.  liden  E.]  glidern  Hs. 

652,  4.  dz'e  zite  M.]  zeiz  Hs.  —  swes  V.]  was  Hs. 

653,  3.  des  mit  E.  gestrichen. 

654,  2.  z'n]  ?m'£  Hs.  und  Ausgaben.  —  654,  2.  3.  von  Heg.  laut  \ 
Kutrün]    Chautrun  von  H.  I.  Hs. 

655,  2.  daz  vor  geliebte  habe  ich  getilgt.  —  655,  4.  nach  V.  ge- 
bessert, der  aber  ez  vor  scheiden  hat. 

656,  2.  iwc/t  V.]  mich  Hs.  Haupt  (Z.  5,  506)  schreibt  doch  hat  mich 
niht  gerouwen  miner  arbeit.  —  656,  4.  die  Umstellung  rührt  von  Ziemann. 

657,  4.  i'u  M.J  ich  euch  Hs. 

658,  3.  under  ougen  V.]  under  die  äugen  Hs.  —  658,  4.  äne  lou- 
gen]  an  taugen  Hs.,  äne  tougen  Ausgaben. 

659,  1.  ze  werben  V.J  xcerben  Hs.  —  Herwtc  habe  ich  gestrichen; 
es  ist  Glosse.  —  659,  4.  ir  tohter  V.]  seiner  lieben  tochter  Hs. 

660,  1.  was]  ward  Hs. 

662,  2.  von  Haupt  gebessert.  —  662,  4.  mac  H.]  fehlt  Hs. 

664,  1.  von  Vollmer  gebessert. 

665,  3.  daz  mans  im  gap  V.]  da  gab  man  im  sy  Hs.  —  665,  4. 
des]  das  Hs.,  daz  Ausgaben.  —  we  vil]  we  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

666,  4.  zem  hünige  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  woldes]  wolte  Hs. 

668 ,  2.  swä  so]  wo  Hs.  sioä  Ausgaben.  —  668 ,  4.  mit  friunden] 
mit  sinen  fr.  Ausgaben  und  Hs. 

669,  2.  von  Haupt  gebessert.  —  669,  3.  hin  ze  Selande  wolde  her- 
verten]  her/,  iv.  hin  ze  S.  Hs.  und  Ausgaben.  —  669,  4.  gelobet  wart  diu 
reise  fehlt  Hs.  und  Ausgaben;  die  Herausgeber  ergänzen  auf  verschie- 
dene Weise,  aber  alle  auf  SSlande  reimend. 


190  KARL  BARTSCH 

67t),  2.  do]  so  Hs.  und  Ausgaben.  —  670,  4  gemeinltche  von  E. 
gestrichen. 

671,  1.   Selande  Z.]  lannde  Hs. 

672,  1.  stod  so]  ^yo  Hs.,  Lwa  Ausgaben;  vgl.  668,  2.  —  672,  3. 
do  von  Z.  gestrichen.  —  672,  4.  ^«^  herverten]  ez  Ausgaben  und  Hs. 

673,  3.  komen  von  E.  gestrichen. 

674,  1.  nach  V.  gebessert. 

675,  1.  dem]  dem  recken  Ausgaben  und  Hs.  —  675,  2.  zen  banden 
V.]  zer  hande  Z.  E.,  zu  der  hant  Hs.  —  675,  3.  nach  V.  umgestellt.  — 
675,  4.  do]  also  Hs.  und  Ausgaben. 

676,  3.  marke  V.]  wargke  Hs.,  warte  H.  Z.  E.  M.  P.  —  676 ,  4. 
Küdrün  habe  ich  gestrichen;  es  ist  Glosse,  vgl.  659,   1. 

677,  2.  mit  manigem  trahene  fuoren]  sy  f.  m.  m.  t.  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  dar  V.]  da  Hs.  —  677,  3.  da]  die  andern  Ausgaben  lesen 
do  (Z.)  und  daz  (E.  V.) 

678,  1.  sacli]  sähe  Hs.,  scedie  Ausgaben.  —  678,  2.  liehe  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben. 

679,  1.  do]  daz  Hs. 

680,  1.  von  Haupt  (Z.  5,  506)  gebessert.  —  680,  2.  diu  iu]  die 
Hs.,  diu  Ausgaben.  —  680,  3.  Ute]  piten  Hs.,  bitet  Ausgaben. 

681,  4.  vlorn]  daz  verloren  war  Hs.,  die  Ausgaben  ändern  auf 
verschiedene  Weise. 

682,  4.  lebenden]  lebendig  Hs.,  lebende  V.  —  ir  lande]  im  Hs.  und 
Ausgaben. 

683,  1.  in]  wol  Hs.  —  683,  3.  haben  geworben]  geworben  haben  Hs. 
und  Ausgaben. 

684,  3.  Verliesen]  sy  Verliesen  Hs.  —  684,  4.  frouice,  Ettmüllers 
Ergänzung;  der  Ausfall  erklärt  sich  durch  den  gleichen  Auslaut. 

685,  1.  vil  H.]  fehlt  Hs.  —  685,  3.  brache  ir  V.]  prachen  die  Hs. 

686,  2.    hilfa  H.]    hilffe  Hs.   derselbe  Fehler  Nib.  6466  in  cl.  — 

—  alze  V.]  also  Hs.  —  686,  3.  willigen]  williklichen  Hs.  und  Ausgaben. 

—  li enden  :  genden,  Besserung  Haupts.  —  686,  4.  ander  niemen]  nyemand 
anders  Hs.  anders  niemen  M.  P. 

687,  2.  wege]  welle  Hs.;  die  Ausgaben  nach  Hagens  Vorgang  helfe. 

—  687,  3.  den  E.]  deine  Hs. 

688,  1.  von  den]  den  fehlt  Hs.  —  688,  4.  rüeren  PIs.]  genieren  Hs. 
und  Ausgaben. 

689,  2.  starke  von  E.  gestrichen.  —  689,  3.  der  sol  daz]  also  daz 
das  Hs.;  also  daz  H.  Z.  E.,  sol  al  daz  V.  —  689,  4.  sich  xeol  mit  V. 
gestrichen. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  191 

693,  1.  2.  von  Haupt  gebessert;  derselbe  Fehler,  gewant  für  wät 
schon  oben  252,  1  und  Nibel.  A  1475,  3.  —  693,  3.  zuo  den]  zeHs.,  hin  ze 
Z.  E.  vgl.  734,  4.  —  693,  4.  verläzen]  da  keime  verletzen  Z.  V.  und  Hs.; 
da  keime  Idzen  E.  da  keime  ist  wieder  erklärende  Glosse  zu  verläzen. 

694,  1.  nach  V.  umgestellt.  —  694,  3.  dock]  do  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  694,  4.  beide  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

695,  2.  knappen  Z.]  knaben  Hs.  —  696,  4.  Kftdrün  diu  sekoene]  die 
scheene  chawdrun  Hs.  und  Ausgaben. 

697,  3.  sunder  twäle]  sunder  Hs.,  eine  sunder  Z.  E. ;  vgl.  655,  4. 

698,  3.  dannock  Z.]  fehlt  Hs.  —  698,  4.  karte  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben. 

699,  1.  Do  si  im  H.]  Die  im  Hs.  —  699,  4.  vil]  vil  dicke  Hs., 
dicke  Ausgaben. 

700,  2.  porten  W.  Grimm  (Müllenh.  S.  70)  und  V.]  horten  Hs. 
brach  E.]  zerbrach  Hs.  —  700,  4.  von  E.  gebessert. 

701,  2.  ez  versuockten]  begundens  rüeren  Hs.  und  Ausgaben;  der 
Inreim  ist  sicher  nicht  das  ursprüngliche,  die  Ausdrucksweise  ist  ge- 
zwungen, der  Vers  schlecht.  —  701 ,  4.  zuo  vil]  zu  den  veinden  Hs. ; 
der  Schreiber  verstand  zuo  nicht,  er  nahm  es  als  Präposition. 

702,  3.  unsenfte]  zu  vnsanfften  niaren  Hs.  —  702,  4.  meeren  V.J 
der  niaren  Hs. 

703,  1.  sie  rikten  V.J  da  richten  sy  Hs. 

704,  4.  sivie  so]  wie  Hs.,  swie  Ausgaben.  —  vil  vor  frosltcke  fehlt 
Hs.  und  Ausgaben ;  fraglichen  haben  Ausgaben  und  Hs.  —  dannen  V.] 
danne  Hs. 

705,  1.  keiden  H.]  fehlt  Hs.  —  705,  2.  sy  mit  Z.  gestrichen. 

706,  2.  Alzabie]  Alzabe  Hs.  und  Ausgaben.  Ich  habe  nach  Ana- 
logie von  Karade,  Karadte  an  dieser  Stelle  des  Verses  wegen  eine  sonst 
nicht  vorkommende  Nebenform  gewagt;  denn  ich  zweifle,  ob  dne  dSn 
von  Alzahe  des  Dichters  Meinung  träfe.  —  706,  3.  diu  her]  der  herr  Hs. 
—  706,  4.  wol  V.]  vil  Hs. 

707,  2.  von  Haupt  gebessert.  —  707,  3.  sorge  V.]  ivegsorgen  Hs. ; 
V.  hat  übrigens  sorgen.  —  707,  4.  geleben  V.]  leben  Hs. 

708,  4.  von  E.  gebessert;  geiounnen  von  H.  ergänzt. 

709,  1.  die  geste  E.]  den  gesten  Hs.  —  komen  des]  des  körnen  sz 
Ausgaben  und  Hs.  —   709,  4.  mäze]  mäzen  Ausgaben  und  Hs. 

710,  1.  Waz  da]  Waz,  und  da  vor  gestreit  Hs.  und  Ausgaben.  — 
710,  2.  vil  harte]  vil  Hs.  und  V.,  des  vil  Z.  E. 

711,  2.  der  starken  keime]  der  keime  starche  Hs.  —  711,  3  das  erste 
vil  mit  V.  gestrichen.  —  711,  4.  sin  müeslen]  sy  müsten  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  dicke]  die  dicken  Hs.  und  Ausgaben. 


192  KARL  BARTSCH 

713,  3.  erz]  er  Hs.  und  Ausgaben.  —  der  mäze  V.]  den  massen  Hs. 

714,  3.  daz  sin]  sin  Ausgaben  und  IIs.  —  714,  4.  wänden  hin  hinder] 
hin  h.  w.  IIs.  und  Ausgaben. 

715,  3.  mans  im]  man  ims  Hs.  und  Ausgaben. 

716,  2.  jach  Z.J  sprach  Hs.;  vgl.  368,  2.  —  küener  V.J  chüners 
Hs.  —  716,  3.  so]  also  Hs. 

717,  2.  die  mit  E.  gestrichen.  —  717,  4.  mohte  hdn  gerouwn]  ge- 
rawen  Hs. ;  die  Ausgaben  ergänzen  anders. 

718,  2.  Si/rit  H.]  fehlt  Hs.  —  grozen  mit  V.  gestrichen.  —  718, 
4.  ez  also  sere  im]  ims  also  sere  Hs. 

719,  4.  algemeine  niht]  nicht  alle  gemaine  Hs. 

720,  1.  ze  einer  veste]  ze  ainem  wasser  Hs.  —  720,  2.  site  H.] 
zeite  Hs.  — ■  hin  von  E.  gestrichen.  —  720,  3.  dar]  da  Hs.  und  Z.  E.  P., 
daz  V.  —  solden  :  wofofew]  ivolten  :  sollen  Hs.  und  Ausgaben. 

721,  2.  nach  V.  umgestellt.  —  721,  3.  nu]  den  nu  Hs.  und  Z.  E., 
■dm  V.  —  721,  4.  so]  also  Hs.  —  Zazte  E.]  verletzte  Hs. 

722,  2.  hdchvertem  sit  H.]  hochferten  seyd  Hs. ;  hochverten  sit  M.  — ■ 
722,  4.  von  dem  Tenelender]  von  den  von  Tennelande  Hs. ;  dem  ist  Bes- 
serung Vollmers,  vor  den  von  Tenelande  muose  M.  und  P.   Vgl.  496,  4. 

723,  4.  ieclich]  yeglicher  Hs.  Vielleicht  etlicher. 

724,  1.  duo]  die  Hs. ;  do  bessert  Haupt.  —  724,  2.  ritterschaft]  die  r. 
Hs.  und  Ausgaben.  —  724,  4.  nach  V.  gebessert,  der  aber  beste  liest. 

725,  2.  den  hiez]  hiess  Hs.  und  Ausgaben.  —  725,  4.  genendicliche, 
Besserung  Ettmüllers. 

726,  1.  in  V.]  mit  Hs.  —  726,  2.  er  mit  al]  mit  allen  Hs.  und 
Ausgaben;  er  ergänzen  H.  und  die  übrigen  nach  daz.  —  726,  3.  dem] 
Herwige  Hs.  und  Ausgaben;  Herwige  ist  auch  hier  Glosse.  —  726,  4. 
tceten]  tetten  Hs.,  täten  Ausgaben. 

727,  3.  eren]  Sre  Hs.  und  Ausgaben.  —  727,  4.  tool  von  E.  ge- 
strichen. 

730,  1.  diu  ivas]  ivas  Hs.  und  Ausgaben.  —  730,  3.  da  Ergänzung 
Hagens. 

731,  1.  daz  mit  V.  gestrichen.  —  731,  4.  lützel]  wenig  Hs. 

732,  3.  vil  Z]  fehlt  H.;  die  andern  Ausgaben  lassen  es  mit  Un- 
recht fort.  —  732,  4.  wceren  V.]  wozre  Hs. 

733,  2.  vielleicht  muget  ir;  vgl.  1228,  2.  —  733,  3.  Selande  V.] 
Sturmlannde  Hs.  —  733,  4.  da]  gar  da  Hs. 

734,  1.  von  Z.  gebessert. 

735,  2.  daz  mich  so  fr  eye  hohe  gedancke  tund  Hs.,  ohne  Zweifel 
entstellt,  wie  Reim  und  Metrum  zeigen.  V.  behält  die  Lesart  der  IIs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  193 

bei,  Z.  E.  schreiben  der  hohe  gedanke  luoi.  Meine  Änderung  hei  waz 
mich  sorgen  frlen  hochgedinge  tuot  entfernt  sieb  nicht  so  weit  vom  über- 
lieferten, als  es  auf  den  ersten  Blick  erscheinen  mag.  Vgl.  1703,  4. 
609,  4.  —  735,  3.  sint  V.]  sein  Hs. 

736,  1.  herr  von  E.  gestrichen.  —  sä  V.]  alsa  Hs.  —  736,  2. 
helde  heten]  heften  Hs.,  halten  E. ,  recken  halten  V. ,  halten  ritter  H.  Z. 
M.  P.  Vgl.  736,  4.  —  736,  4.  den  sinen  E.]  den  seinen  helden  Hs.,  sinen 
helden  Ausgaben. 

737,  1.  gencete  P.]  genotig  Hs. 

738,  1.  habet  E.]  het  Hs. 

739,  2.  herv erten]  herverte  Ausgaben  und  Hs.  —  739,  4.  ouch  habe 
ich  gestrichen. 

740,  4.  wesen  friuntliche]  wesen  fehlt  Hs.  Anders  ergänzt  Vollmer 
dem  P.  folgt. 

74.1,  2,  daz  mit  V.  gestrichen. 

742,  1.  mähte  Z.]  mochte  Hs.  —  742,  2.  in  ir  V.]  »mV  Hs.  — 
742,  4.  7m£  V.]  in  Hs. 

743,  2.  guoter]  guote  Hs.  und  Ausgaben.  —  743,  4.  (/?'&  e*  Haupt] 
gibt  Hs.  —  tZw  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

744,  1.  teilten  Z.]  taute  Hs.  —  744,  2.  Swäben  Z.]  £«<a&<?  Hs.  — 
744,  3.   aoumen]  soumern  Ausgaben  und  Hs.    —  und  von]  vnd  Hs. 

745,  1.  zuo  ir  verte]  zuo  in  verre  Hs.  und  Ausgaben.  —  745,  4 
von  E.  gebessert. 

746,  4.  vil  von  E.  gestrichen.  —  solden]  komen  solten  Hs.  und 
Ausgaben. 

747,  3.  siu  waren]  wärens  Hs.  und  Ausgaben.  —  747,  4.  von  Tenen 
fehlt  Hs. ;  her  ergänzt  Z.,  der  junge  H.,  der  küene  E. 

748,  4.  5ß<7(m  t/m  toiiü]  begunde  künic  Ausgaben  und  Hs.;  dem 
darf  nicht  fehlen. 

749,  1.  si  emvisten  V.]  sy  muosien  Hs.  —  749,  4.  ez  E.]  fehlt  Hs. 
—  hure  V.]  bürge  Hs. 

750,  1.  &o?7i  V.J  cZo  ^flm  des  Hs. 

752,  4.  ■ye?'s?<oc/ien]  si  versuochten  Ausgaben  und  Hs.  —  friwende 
funden]  fanden  freiende  Hs.  —  dem  II.  lande  V.|  den   IL  lannden  Hs. 

753,  4.  des  sie  wol  beide  V.]  daz  sich  wol  in  baiden  Hs.  —  ze  rehtc 
habe  ich  mit  M.  gestrichen. 

754,  2.  im  ivas  mit  gedanken]  m.  g.  w.  im  Hs.  und  Ausgaben. 

755,  2.  daz  H.J  des  Hs.  —  755,  3.  er]  er  sy  ITs. 

756,  3.  hinnen  E.]  rem  %?me  Hs.  —  756,  4.  machen  wil  mit]  wil 
machen  Hs.  und  Z.  M.  P.,  icil  da  machen  E.,  wol  mache  V. 

GERMANIA  x.  13 


194  KARL  BARTSCH 

757,  2.  mer  von  II.  gestrichen.  —  757,  3.  ze  stücken  houven]  ze 
kovwen  Ausgaben  und  11s.  —  757,  4.  juncfrouwc]  schäme  j.  Hs.,  schcene 
frouwe  P. 

758,  3.  der  strdze]  von  den  strasseii  Hs.,  von  der  strdze  V. 

759,  1.  Helele  Z.j  fehlt  Hs.  —  760,  3.  diu  von  Z.  gestrichen. 

760,  4.  und  diu]  sy  icas  Hs.,  ez  ivas  V. 

761,  2.  übere]  über  mer  Hs.  und  Ausgaben.  —  761,  4.  ir  üz  ir] 
ir  Ausgaben,  irem  Hs. 

762,  1.  tvan  ei]  daz  er  Hs.  und  Ausgaben.  —  762,  2.  von  H.  ge- 
bessert. —  762,  2.  3.  im  der  muot  stuont]  stuont  im  der  muot  Ausgaben, 
st.  im  ye  d.  m.  Hs.  und  E.  —  762,  3.  soldes  V.]  sohen  Hs.  —  762,  4. 
ir  dienen  nimmer]  ir  n.  zu  d.  Hs.,  ir  ze  d.  n.  V. 

764,  2.  den  der  vor]  den  vor  Hs.,  den  da  vor  E.  V. 

765,  1.  sehen]  ze  sehen  Hs.  —  765,  2.  sie  Z.j  sich  Hs.  —  765,  4. 
beide  von  E.  gestrichen.   —  die  von  E.  ergänzt. 

767,  2.  Hilde]  frou  Hilde  Ausgaben  und  IIs.  Vgl.  788,  2.  — 
767,  3.  werben  wolden]  wollen  Hs.  und  Ausgaben. 

770,  3.  eren]  ere  Hs.  und  Ausgaben. 

771,  1.  min  von  Z.  gestrichen.  —  771,  3.  mit  recken]  mit  sinen 
recken  Ausgaben  und  Hs. 

772,  I.  gern]  hört  man  sy  gern  Hs.  und  Ausgaben.  —  772,  2  von 
V.  gebessert.  —  772,  3.  harte  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  772,  4. 
warben  ez  vif]  würben  Hs.  und  Ausgaben. 

773,  2.  gar  von  E.  gestrichen.  —  773,  4.  schände  in]  in  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben. 

774,  3.  wiez  E.]  wie  es  im  Hs. 

775,  3,  in]  im  Hs.  und  Ausgaben.  —  775,  4.  schenke]  schenket 
Ausgaben  und  Hs. 

776,  1.  ach  xoe]  ach  Hs.  und  Ausgaben.  —  so]  also  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  776,  4.  wan  der  mir  Z.j  der  mir  nu;  statt  wan  schrieb  der 
Schreiber  wie  oft  nu. 

778,  2.  ach  we]  ach  Hs.  und  Ausgaben;  vgl.  776,  1.  —  778,  3. 
v?ts  V.]  vnd  Hs.  —  778,  4.  vesten]  veste  Hs.  —  vor  übende  noch  verhou- 
tcen]  noch  vor  abende  zerhawen  Hs. 

779,  2.  Mute  H.  gesinde  hie]  H  g.  laute  hie  Hs.  und  Ausgaben. 

780,  3.  herzeichen]  zeichen  Ausgaben  und  Hs.  —  Die  zweite  Hälfte 
von  E.  gebessert.  —  780,  4.  die  H]  H  Hs.  und  Ausgaben. 

781,  4.  die  lesten  ouch]  auch  d.  I.  all  Hs. 

782,  2.  habten]  vant  man  Hs.  und  Ausgaben. 

783,  1.  enhende]  in  hannden  Hs.,  in  henden  Ausgaben.  —  783,  2. 
moht  mit  der  Hs.;  die  Ausgaben  möhtc.  —  783,  4.  stunde  V.]  stunden  Hs, 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  195 

784,  4.  si  mit  Y.  gestrichen.  —  dannen  Y.j  ucm  danne  Hs. 

787,  2.  wicwe  Y.]  cfer  ?Htere  Hs. 

788,  2.  MMe  Y.]  fraw  H.  Hs.  -  788,  3.  vil  Z.]  fehlt  Hs. 

790,  3.  a/ite]  a7ifen  Ausgaben  und  Hs.  —  790,  4.  von  V.  gebes- 
sert; die  Hs.  hat  den  Singular.  —  vil  de?'  helde]  der  helde  vil  Ausga- 
ben und  Hs. 

791,  2.  sere  wunden  Z.]  serwunden  Hs.  und  E.  M.  P.  —  791,  4. 
wart  des]  wurden  der  Hs.  und  Ausgaben. 

792,  3.  ITetelen]  hünig  Hettels  Hs.  Bei  zweisilbigem  Auftakte  wäre 
auch  für  den  sal  des  hünic  Thielen  richtig,  aber  nicht  künic,  wie  die 
Ausgaben  haben. 

794,  1.  so  Y.]  also  Hs.  —  794,  3.  mit  den]  mit  Hs.,  mit  ir  Z.  E.  V. 

797,  3.  füeret  hin]  füert  von  hynnen  Hs. 

798,  4.  desn  xoolden]  des  wollen  nicht  Hs. 

800,  1.  so]  also  Hs.  und  Ausgaben. 

801,  2.  die  man]  so  man  Hs.  und  Ausgaben.  —  801,  3.  Alle  Aus- 
gaben setzen  fehlerhaft  ein  Komma  nach  frouwen. 

802,  1.  do  Z.]  fehlt  Hs.  —  802,  3.  möhie  H.J  fehlt  Hs.  —  802,  4. 
manige  H.]  magde  Hs. 

803,  1.  wüefen]  rüeffen  Hs.  und  Ausgaben,  ruofen  statt  wuofen 
steht  auch  Nib.  4159.  ruofe  statt  wnofe  4176.  —  lüte  Haupt]  leute  Hs. 
Derselbe  Fehler,  leute  =  litte  auch  Nib.  4273.  —  803,  2.  man]  man  sy 
Hs.  und  Ausgaben.  —  803,  4.   Besserung  Ziemanns. 

804,  1.  mit  im  mit  V.  gestrichen. 

806,  3.  läzen]  geläzen  Ausgaben  und  Hs.  —  806,  4.  war  V.]  watd 
Hs.  —  und  mit  Y.  gestrichen. 

808,  2.  tragen  P.]  getragen  Hs. 

810,  3.  hünic  Hetelen]  hünige  Hs.  und  Ausgaben.  —  herzenliche  Y.j 
herzenlichen  Hs.  —  810,  4.  geschach  Y.]  geschähe  Hs.  —  von  IT.]  fehlt  Hs. 

811,  4.  die  von   0.  fuorten]  das  f.  die  von   0.  Hs. 

812,  4.  in  ir  grozen  sorgen  die  Hegelinge  bi  den  Äfceren  harte  nahen 
bietet  die  Hs.;  die  zweite  Halbzeile  ist  um  eine  Hebung  zu  lang.  Man 
könnte  harte  streichen,  wie  V.  thut;  aber  die  ganze  vordere  Halbzeile 
ist  wie  öfter  eingeschoben,  des  innern  Reimes  wegen,  daraus  ergab 
sich  die  von  Hegelingen  bi  den  M.  ligen  harte  nähen. 

813,  3.  dörfte  niht]  nicht  dürften  Hs.  —  813,  4.  laufen]  loufen  und 
Ausgaben  und  Hs. 

814,  2.  in  E.J  im  Hs.  -  814,  4.  geschehen  si  fehlt  Hs.;  V.  ergänzt 
geschehe.  —  siva're  E.]  yowre  Hs. 

13* 


196  KARL  BARTSCH 

815,  1.  er  sie]  er  lis.;  ers  V.  —  815,  2.  so  Vollmer:  zu  ungemuoten 
poten   IIs.    —    815,  3.    von  V.  unigestellt.  —  815,  4.    da  her]    her  Hs. 

817,  2.  mäge]  deiner  mage  Hs. 

818,  2.  ein  E.]  aw«r  Hs. 

819,  1.  durch  daz  ich  im  verzech]  darumh  daz  ich  vertzech  Im  IIs. 
und  Ausgaben.  —  819,  4.  bewant]  getoant  Hs.  und  Ausgaben. 

821,  2.  shiiniges]  hüniges  Hs.  und  Ausgaben. 

823,  1.  burc]  bürge  Hs.  —  gebrochen  V.]  zerbrochen  Hs.  —  823,  4- 
nach   Y.  ergänzt. 

824,  3.  sam]  also  IIs.  —  825,  2.  an  den]  an  Hs.  und  Ausgaben. 
825,  3.  ergetzen  Z.]  erhöht  Hs.  —  825,  4.  mV  gesetzen  V.]  mW  gesetzet  Hs. 

826,  1.  c/«3r  E.  V.]  vnns  Hs.;  die  andern  Ausgaben  nach  H.  uns 
daz.  —  826,  2.  /n'rfe  H.J  fehlt  Hs. 

827,  2.  die  Wortstellung  nach  Z.  —  827,  3.  der  mäze  V.]  c?en 
müssen  Hs. 

828,  1.  Ate]  rcw  Hs.  und  Ausgaben.  —  828,  2.  so  M.]  a/so  Hs. 

829,  2.  Zmten]  Hessen  Hs.,  freien  Ausgaben.  —  829,  4.  Abakine] 
AlbaMne  Hs.  und  Ausgaben. 

830,  4.  ^n£e  H.]  fehlt  Hs. 

832,  3.  mmen  eren]  miner  ere  Ausgaben  und  Hs.  —  832,  4.  warnet] 
meinet   Ausgaben   und  Hs.    —    twingen]    zu   betzioingen   Hs. ,    betwingen 
Ausgaben.  —  beidenthalp  diu]  beidenthalbeu  deste  Ausgaben  und  Hs. 
'  833,  2.  so  E.]  also  Hs. 

834,  3.  bitten  E.]  puten  sy  Hs.  —  834,  4.  rieten]  riten  Hs.  und  Aus- 
gaben; vgl.  667,  4.  —  Ormanin]  Ormanie  Hs.  und  Ausgaben.  —  väre] 
varen  Hs.  und  Ausgaben. 

835,  2.  die  Umstellung  nach  Z.  —  835,  4.  mit  im  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben. 

836,  1.  da  her]  der  Hs.;  H.  V.  der  künec.  —  836,  2.  vinden]  ze 
vinden  Hs.  und  Ausgaben. 

837,  1.  hie  mit  V.  gestrichen.  —  837,  3.  Wortstellung  nach  V. 
—  837,  4.  gerceche  V.J  geriche  Hs. 

838,  2.  al  daz  in  besidt]  als  es  vmb  in  stat  Hs.  und  Ausgaben. 

839,  4.  aber  V.]  fehlt  IIs. 

840,  1.  dem  vil]  dem  Hs.  und  E.,  deme  Z.  V.  —  dem  wart]  ward 
IIs.  und  Ausgaben.  —  840,  2.  zogeten]  zogen  Hs.,  zugen  Ausgaben.  — 
840,  3.  ihi]  icht  speyse  Hs.  und  Ausgaben;  sptse  war  Randglosse.  — 
840,  4.  ez  ouch]  ez  Ausgaben  und  Hs. 

841,  1.  Die  V.]  Da  Hs.  —  841,  3.  sich  so  gdh.es  gerillten  niht] 
ii.  sd  gähes  s.  g.  IIs.  —  841,  4.  mit  vil]  mit  Hs. 


BEITRÄGE  ZUK  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDKUN.  197 

842,  2.  und]  und  ir  Hs.  und  Ausgaben.  —  842,  4.  jach]  sprach 
Hs.  und  Ausgaben.  —  sohl»'  inz  geldenV.]  soh  euch  gelten  lls.,  solz  iu 
gelten  Ausgaben.  —  so  sie  V.]  so  wir  Hs.  und  Ausgaben.  —  ncehest  V.] 
allernächste  Hs.  —  wunden]  komen  Minnen  Hs.  und  Z.  E.,  komen  künden  V. 

843,  1.  und  ßuochten  mit  E.  gestrichen.  —  michel  not]  ndt  Hs.  und 
Ausgaben.  —  843,  2.  vmb  mit  V.  gestrichen.  843,  4.  se  phande  beide] 
fehlt  Hs.;  Z/fü/e  V. 

844,  2.  ir  V.]  m  Hs.  —  844,  4.  Zu/tue  V.]  fehlt  Hs. 

845,  1.  von  Z.  gebessert.  —  845,  3.  da  mit  V.  gestrichen.  — 
845,  4.  got  von  himele]  daz  got  Hs. 

846,  4.  anden]  schaden  vnd  ir  Hs. 

847,  1.  der  künic]  künic  Ausgaben  und  Hs. 

848,  2.  3.  nach  V.  gebessert. 

849,  4.  nach  man  mit  V.  gestrichen. 

850,  4.  dannoch  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

851,  3.  gedingen  IL]  fehlt  Hs.  —  da  beliben  ze  sibeu  tagen  sohlen] 
solten  da  b.  z.  s.  t.  Hs.  —  851,  4.  den]  den  vil  Hs. 

852,  1.  nu  so  verre  dan]  so  verre  von  in  dan  Hs.  und  Z.  E. ,  so 
verre  gevaren  dan  V.  —  852,  3.  deheinen  den]  deheiner  slahte  Ausgaben 
und  Hs.  —  852,  4.  nach  V.  gebessert,  der  aber  ze  schaden  ie  schreibt. 

853,  2.  dem  künige  hiez  erz]  hiess  ers  d.  k.  Hs.  und  M.  P.  — 
853,  4.  icazren]  todren  Hs.  und  Ausgaben. 

854,  2.  kocken  H.]  hjelen  Hs.  —  854,  3.  4.  durch  gotes  ere  seiden 
truoc  an  sinen  kleiden,  des  muosten  die  üz  Ormanie  engelden:  daß  so 
statt  des  hs.  trüge  selten  durch  die  g.  e.  an  s.  claiden  d.  m.  entgelten 
die  helden  aus  0.  sere  gelesen  werden  muß,  scheint  mir  unzweifelhaft. 
Durch  fehlerhafte  Wortstellung  gerieth  ere  an  den  Schluß  und  daher 
mußte  ein  Reimwort  (sere)  angeflickt  werden. 

855,  1.  nu  V.]  in  nu  Hs.  —  855,  3.  schadete]  schade  Hs.  —  855,  4. 
nach  M.  ergänzt.  —  mine  V.]  minen  Hs. 

857,  2.  teuren  hat  V.  richtig  mit  der  Hs.,  und  die  Änderung 
Ziemanns  loceren,  die  E.  M.  P.  annehmen,  ist  ungut.  —  857,  4.  het] 
der  hat  Hs.,  heete  V. 

858,  2.  kindes  spil]  kintspil  Ausgaben  und  Hs.  —  858,  4.  geriche 
in]  in  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  tar  Z.]  getar  Hs. 

859,  4.  ich  ivcen  Haupt]  ich  icil  daz  Hs.  —  enlieze]  lieze  Ausgaben 
und  Hs. 

860,  1.  nie  laut]  nie  ain  lant  Hs.  und  Ausgaben. 

861,  3.  da  dräten]  da  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

863,  4.  daz  von  E.  ergänzt. 

864,  2.  louoi]  truoc  Ausgaben  und  Hs.j  der  Schreiber  wollte  die 


198  KARL  BARTSCH 

Assonanz  beseitigen.  —  under  P.]  under  der  Ils.  —  865,  4.  guoten  recken] 
guoten  fehlt  Hs. 

867,4.  dem  küenen  fehl!   Hs.;  E.  ergänzt  dem  fürsten.  Vgl.  868,  4. 

868,  4.  vienden]  veinden  11s.,  vinden  Ausgaben.  —  868,  4.  küenen 
mit  E.  gestrichen. 

869,  4.  ?m'<  einem  .-per  wol  möhte]  mocht  icol  mit  einem  sper  Ils. 

870,  2.  so]  also  Ils.   —  870,  .'5.  lant  si  mohten  Müllenhofi. 

871,  1.  der  künic  Hetele]  IL  der  küene  Hs.  —  871,  3.  die  V.|  ihn,  Ils. 
871,  4-  da  fanden]  da  fühlt  Hs.  und  Ausgaben. 

872,  1.  urborten  sie  V.]  urbort  sich  Hs.  —  872,  2.  und  von  E.] 
und  die  von  Hs. 

873,  2.  ?wc/t  «/*<)  V.]  also  nach  Hs.  —  d<j  mit   V.  gestrichen. 

874,  2.  schiffen  V.J  sehijfe  Hs.  —  874,  3.  m  rfen  sorgen  H.  wol] 
do  H.  in  sortjtu   wol  Hs.  — ■  874,  4.   veste]  die  vesten  Vis. 

875,  2.  er  Z.]  fehlt  Hs.  --  875,  4.  uon   Tmen  E.]  fehlt  Hs. 

876,  3.  nach  V.  umgestellt.  —  876,  4.  sam]  also  Hs. 

877,  4.  eM  die]  da  Hs.,  c?ä'  V. 

878,  4.  fe'«/«  wunden]  fehlt  Hs.,  wunden  wite  ergänzt  Z.  E.  M.  F., 
manege  wunden  V. 

879,  1.  sorgen]  grozen  sorgen  Ausgaben  und  Ils.  —  879,  2.  von 
E.  gebessert.  —  879,  4.  der  künic]  der  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  zuo 
dem  v.   0.  kom]  kome  z.  d.  v.   0.  Hs. 

880,  1.  enhant]  in  hant  Hs.  und  Ausgaben.  —  880,  3.  aneme  an- 
dern] an  ein  ander  Hs.  und  Z.  E.  M.  P.,  an  dem  andern  V.  —  880,  4. 
vielleicht  dö  diu  herzenleiden  meere,  was  dem  Sprachgebrauche  der 
Kudrun  angemessener  wäre. 

882,  2.  ein  abentröt  V.]  ain  swein  abentrot  Hs.  Auch  P.  Besserungs- 
versuch kann  das  fehlerhafte  sictn  nicht  retten.  —  882,  4.  nach  V. 
gebessert. 

883,  1.  von  V.  gebessert.  —  883,  3.  Besserung  Vollmers. 

884,  1.  sküniges]  des  küniges  Hs.  und  Ausgaben.  —  884,  3.  das 
zweite  bi  mit  Z.  gestrichen ;  die  Nichtwiederholung  der  Präposition 
ist  durch  genügende  Beispiele  in  der  Kudrun  gesichert. 

885,  1.  Orticin]  der  küene  O.  Hs.  und  Ausgaben.  —  885,  2.  mit 
menige]  mit  grosser  m.  Hs.  und  Ausgaben;  V.  tilgt  es  ganz.  Man  bemerkt 
leicht,  daß  groz  an  vielen  Stellen  auf  Rechnung  des  Schreibers  kommt. 

886,  1.  Ir  ein]  Ainer  Hs. ;  von  T.  einer  P.  —  886,  3.  er  Z.]  es  Hs. 
—  886,  4.   Horant  schaden  grozen]  Horant  Hs. 

887,  1.  von  Z.  gebessert.  —  887,  2.  schiere  Z.]  fehlt  Hs.  —  887,  4. 
sers  P.]  fehlt  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  199 

888,  4.  wer]  weret  Hs.  —  lebende  V.J   lebentig  Hs. 

889,  2.  dringen  V.]  drunge  Hs. 

891,  1.  sy  von  V.  und  M.  gestrichen.  891,  3.  nach  Ilagens 
Ergänzung.  —  891,  4.  rool  von  E.  gestrichen. 

892,  1.  üzer]  iiz  Ausgaben  und  Hs.  -  ■  892,  4.  der  in]  der  Hs. 
und  Ausgaben.  Die  Herausgeber  haben  nicht  erkannt,  daß  sterben  hier 
schw.  verbum  ist. 

893,  3.  enwcenen]  warnen  Hs.  und  Ausgaben.  —  893,  4.  von  V.  ge- 
bessert. 

894,  4.  die  begunde]  die  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

895,  1.  gebrehte]  gebraht  Ausgaben,  gepracht  Hs.  Freilich  kommt 
gebraht  vor,  aber  nur  selten  und  unsere  Hs.  setzt  häufig  a  für  den 
Umlaut.  —  895,  4.  da  mit  M.  und  V.  gestrichen. 

896,  2.  tedreu  in]  ir  -waren  Hs.,  in  wären  E.  V.  —  896,  4.  hinder 
in  da]  da  Hs.}  da  belibeu  E. 

898,  2.  die  Tenemarken]  die  von  Tenemarke  Z.  V.  und  Hs. ;  E.  M. 
P.  streichen  mit  den.  898,  3.  der  Mez]  Hess  Hs.  —  erschellen  Z.] 
schellen  Hs.  und  die  Andern. 

899,  1.  die  von  E.  gestrichen.  —  899,  2.  man  IL]  fehlt  Hs.  — 
899,  4.  nach  E.  Umstellung. 

900,  3.  nach  Hagens  Ergänzung;  ebenso  901,  2.  3. 

902,  1.  von  V.  gebessert.  --  902,  4.  e]  e  daz  Ausgaben  und  Hs. 
—  dem  Stade  noch  vil]  noch  dem  stade  Hs. 

903,  4.  mich  vil]  fehlt  Hs.;  Z.  E.  M.  P.  nu  vil,  V.  vil. 

904,  4.  der  mit  V.  gestrichen.   —  vol]  xool  Hs.  und  Ausgaben. 

905,  3.  beuelhen]  bestaten  Hs.  und  Ausgaben.  Vgl.  oben  S.  76. 

906,  2.  niwan  V.]  wan  Hs.  —  906,  4.  der  frouwen]  der  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben.  —  ze  hüse]  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

907,  1.  der  degen]  fehlt  Hs.  —  es  V.]  ir  Hs.  —  907,  3.  diu  mit 
V.  gestrichen. 

908,  3.  den  mit  E.  gestrichen.  —  908,  4.  wä  V.]  wie  Hs. 

911,  1.  der  degen  IL]  fehlt  Hs.  —  sol  man  V.]  man  sol  Hs.  — 
911,  4.  kristen  mit  V.  gestrichen. 

912,  3.  von  Z.  umgestellt.  —  912,  4.  waren  V.]  icaren  Hs.  — 
<fj'g]  c?a  m  Hs. 

913,  2.  sam]  a/so  Hs.  —  die  degene  V.]  de«  «ie^ew  Hs.  —  913,  3. 
den]  und  den  Hs.  —  wart]  muost  Hs. 

914,  1.   vil  habe  ich  gestrichen. 

915,  1.  hört  mau]  man  hörte  Hs.  und  Ausgaben.  —  915,4.  beliben 
vil]  beüben  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

916,  2.  daz  V.]  des  Hs. 


200  KARL  BAKTSCH 

917,  2.  dar]  da  Hs.  und  Ausgaben.  --  917,  3.  lieh]  leichnam  Hs. 

918,  1.    in  got  gendden]    sg  got  begnaden    Hs.    und  Ausgaben.    - 
918,  2.  den]  der  anridern  IIs. 

919,  2.  in  des]  auf  Hs.,  Cf  des  Z.  E.  V.  --  recken  IL]  fehlt  Hs. 
—  919,  3.  m$  mit  E.  gestrichen.  —  lierren  mit  V.  getilgt. 

921,  4.  so  Z.]  also  Hs.  —  widere]  wider  Hs.  und  Ausgaben. 

922,  4.  gemeinlichen  Z.J  fehlt  Hs. 

923,  3.  gänt  E.]  giengen  Hs. 

924,  2.  da  rZd,]  daz  Hs.  —  924,  3.  friunden]  lierren  und  freunden 
Hs.  --  924,  4.  der  E.]  des  Hs.  —  ietsltchen]  geglichen  Hs.  Es  ist  die 
gewöhnliche  nihd.  Ironie. 

926,  2.  herren  V.]  hertzen  Hs. 

927,  4.  sofo  der  Aüm'c]  so£  sem  &?Wc  Hs. 

928,  2.  z'cfoe/t]  wocä  Hs.  Die  zweite  Halbzeile  zieht  M.  noch  zum 
vorigen  Satze! 

929,  4.  daz]  und  daz  Hs. 

930,  1.  froun  von  E.  gestrichen. 

932,  1.  von  Z.  ergänzt.  —  932,  4.  ie  wider  eine  in]  in  ye  wider 
aine  Hs.  und  Ausgaben. 

933,  3.  ez  in]  in  Hs.  und  Ausgaben.  —  933,  4.  daz]  vnd  daz  Hs. 
und  Ausgaben. 

934,  4.  den  helt]  die  helde  Hs.  und  Ausgaben. 

935,  4.  vil  mit  Z.  gestrichen. 

936,  1.  Besserung  Hagens;  Z.  und  V.  schreiben  ungut  anders.  — 
936,  4.  ich  im  E.]  ich  Hs. 

938,  2.  raaeA  den  Tenemarken  IIs.  ganz  richtig;  die  Ausgaben  lesen 
nach  den  von   Tenemarke(n).  —  938,  4.  von  von  Z.  gestrichen. 

939,  2.  Mageten  —  solden]  klagete  —  sohle  Ausgaben  und  Hs. 

940,  2.  unze]  unz  daz  Ausgaben  und  IIs. 

941,  1.  wanne  möht]  wann  mocht  Hs.  —  941,  3.  aldort  in  fremeden 
landen  sitzen]  in  fr.  L  s.  aldort  Hs.  und  Ausgaben.  —  941,  4.  ich  armiu 
kilniginne]  ich  vil  a.  künigin  IIs.  und  Ausgaben.  —  mir  min]  min  Aus- 
gaben und  Hs. 

942,  2.  vol  Z.J  tool  Hs.  --  942,  3.  herverte  V.]  heerferten  Hs.  — 

942,  4.  die  Überlieferung  ist  lückenhaft.  Die  Herausgeber  ergänzen 
auf  verschiedene  Weise.  Ich  lese  swaz  halt  die  viende  (grözes  schaden 
von  uns)  dort  gewinnen. 

943,  1.  daz  E.j  des  Hs.  —  943,  2.  langer  tac]  der  tac  ze  lanc 
Ausgaben  und  Hs.  —  943,  3.  gedenke]  gedenket  Ausgaben  und  Hs.  — 

943,  4.  dem  wil  i's]  dem  wais  Hs.  —   der]  der  Z.  E.  V.,  daz  er  M.  P. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  201 

944,  2.  gedenke]  gedenket  Ausgaben  und  Hs.  —  944,  4.  unser] 
umb  unser  Ausgaben  und  Hs. 

945,  1.  von  V.  unigestellt.  —  945,  2.  Westerwalt  V.]  vesten  waldlls. 

947,  2.  der  V.J  er  Hs.  —  gie  H.]  fehlt  Hs.  —  947,  4.  hinnen 
wellen  E.]  dhainen  willen  Hs. 

948,  1.  güetliche]  güetlichez  Ausgaben  und  Hs.  —  948,  4.  Ormanin 
niht  mähten  trouioen]    Orrnanie  nymrner  m.  gelrawen  Hs. 

949,  3.  beteliuten  V.|  petleute  Hs.  —  949,  4.  Hilde]  Hilde  die  Hs. 

950,  2.  ivurken]  mären  Ausgaben  und  Hs.  —  950,  4.  von  V.  ge- 
bessert. 

951,  3.  hceren  H.]  fehlt  Hs. 

952,  3.  wunde:  Haupt  (Z.  5,  506)  bessert  töwende.  —  952,  4. 
mdze  V.]  massen  Hs. 

953,  4.  entrannen  H.]  einer  ynnen  Hs. 

954,  1.  z  Orrnanie]  Orrnanie  zu  Hs.  und  Ausgaben.  —  954,  2. 
freude  erhant]  freude  fehlt  Hs. ;  Z.  H.  ergänzen  rt>o/.  —  954,  3.  von  Z. 
umgestellt.  —  954,  4.  i>  einer]  ir  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  Orrnanie 
von  Z.  gestrichen;  es  ist  wieder  Glosse. 

955,  4.  müesten  tot  M.  P.  gegen  die  Hs.  und  mit  Verschlechterung 
des  Verses. 

956,  1.  do  Ludewic]  do  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  956,  4.  die 
auf  daz  Hut  zu  beziehen  ist  durchaus  unanstößig,  und  daß  es  auf  hinden 
und  wiben  bezogen  werden  müße,  wie  Müllenhoff  (S.  21)  meint,  ist 
unrichtig. 

957,  4.  ich  warn  mit  herter  toerre]  ich  warn  et  hart  verre  Hs.  und 
Ausgaben.  Haupt  (Z.  5,  506)  schreibt  ich  hän  et  herte  swcere.  Die 
Überlieferung  ist  sicher  unrichtig;  ob  toerre  das  ursprüngliche  war, 
ist  zu  bezweifeln,  jedenfalls  aber  das  von  dem  Überarbeiter,  der  den 
Inreim  hier  einführte,  gesetzte.  —  leide]  leiden  Ausgaben  und  Hs. 

958,  4.  beidiu  fehlt  Hs.  und  Ausgaben;  niwan  ergänzen  Z.  E., 
immer  mere  M.  P. 

959,  1.  ir  E.]  er  Hs.  —  959,  3.  von  E.  gebessert.  —  959,  4.  ge- 
winne] welle  so  gewinnen  Hs.  und  Ausgaben. 

961,  3.  sinen  Z.]  fehlt  Hs.  —  961,  4.  ir]  er  Hs.  und  Z.;  er  ir  V. 

962,  4.  ir  Z.]  fehlt  Hs. 

963,  4.  noch  Z.]  fehlt  Hs. ;  aber  an  falscher  Stelle  ergänzt. 

964,  4.  lip  und  die]  seinen  l.  und  Hs.  und  Z.  E. ;  lip  und  V. 

965 ,  3.  nach  den]  leben  nach  Hs.  und  Ausgaben ;  ich  habe  leben 
an  die  Spitze  der  zweiten  Hälfte  gestellt.  —  965,  4.  nu]  vnd  Hs.  und 
Ausgaben. 


202  KARL  BARTSCH 

966,  2.  man]  frawen  IIs.     -  966,  4.  solde  II. j  *o//<'/t  IIs. 

967,  1.  ouch  ir]  ir  fehlt  IIs.  und  Ausgaben. 

968,  2.  nidene]  nidere  Ausgaben  und  IIs.  —  968,  4.  ir  sult]  solt  IIs. 

969,  l.  nider  II.]  wider  IIs.  --  969,  4.  duz  ir  ingesinde]  daz  gt- 
sinde  Ausgaben  und  IIs.   • 

970,2.  mich]  meine  Hs.;  nun  fr  ende  Ausgaben.  —  970,4-  vinden] 
duz  ich  .  ..  vinde  Hs.  und  Ausgaben;  der  Keim  wurde  auf  dieseWei.se 
geglättet,  vil  mit  V.  gestrichen. 

972,  1.  suochtens  H.]  schüttem  Hs.  Umgekehrt  setzt  Nib.  6333 
Hagen  A  suochte  statt  schütte.  —  972,  4.  schone  mit  vil  zierde]  vil 
schone  mit  zierde  Hs.  und  Ausgaben. 

973,  2.  Gerlinde]  Gerlint  von  Ortrun  Hs.;  P.  Gerlinde  Ingesindes 
gioan.  —  973,  3.  fröioem]  frolichem  Hs.  und  Ausgaben.  Alle  Heraus- 
geber setzen  die  falsche  Form  enphange. 

974,  4.  fuoren  eine]  eine,  das  fehlt,  habe  ich  an  Stelle  des  an  der 
Spitze  stehenden  wann  on  der  Hs.  gesetzt. 

975,  2.  vielleicht  hieß  es  möhte  siz  gefüegen,  wenn  es  in  ihrer 
Macht  gestanden  hätte.  —  975,  3.  diu  E,]  der  Hs.  —  975,  4.  ab  erz  E.] 
er  aber  es  Hs. 

976,  4.  done]  do  Ausgaben  und  Hs.  —  liez  V.]  hiess  Hs.  — 
ir  groziu]  nicht  ir  vil  grosse  Hs. 

977,  3.  vil  habe  ich  gestrichen.  —  977,  4.  die  mit  E.  gestrichen. 

978,  2.  des]  da  Hs.,  do  Ausgaben.  —  978,  4.  ungerne  Z.]  fehlt  Hs. 

979,  4.  harte  sere]  harte  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

980,  2.  ouch  mit  Z.  gestrichen. 

983,  3.   von  Z.  gebessert.    —    983,  4.    beide  leit]  beide  fehlt  Hs. 
.  und  Ausgaben. 

984,  4.  von  Haupt  (Z.  5,  506)  gebessert. 

985,  1.  sie  Z.]  fehlt  Hs. 

986,  4.  du  V.]  seit  Hs. 

987,  4.  lieze  E.]  Hessen  Hs.  —  machtes  E.]  machtens  Hs.  —  «//# 
sani]  al  zehant  Ausgaben  und  Hs. 

988,  4.  wol  mit  M.  gestrichen. 

989,  2.  mm  /row]  fraw  Hs. ;  frouwe  wie  Z.  E.  schreiben,  ist  falsch. 
—  vil  von  Z.  gestrichen.  —  989,  4.  von  Z.  umgestellt. 

991,  3.  minnen  V.]  gemynnen  Hs. ;  E.  schreibt  gewinnen.  Vielleicht 
ist  der  echte  gerne  geminne  (:  hinnen) ;  für  geminne  des  Reimes  wegen 
we//«  geminnen. 

992,  1.  c/e.s  Za«(fg.v]  der  lande  Ausgaben  und  Hs. ,  um  den  Reim 
zu  glätten.  —  992,  2.  ze  E.]  fehlt  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK   DER  KUDRÜN.  203 

993,  1.  von  H.  ergänzt.  ■  übele  M.]  edel  Hs.  —  993,  4.  hoch- 
verte  mäze\  hochvart  müeze  mäzen  Ausgaben  und  Hs. ;  wiederum  des 
Reimes  wegen. 

995,  4.  sich  wolle  ir  niht  gelieben]  sy  wolt  ir  doch  nicht  gelauben 
PIs.  und  Z.  E.  M.  P.,  si  wolte  ir  niht  gelieben  V.   —   der  mit  V.  gestrichen. 

996,  J.  übele  mit  M.  gestrichen.  —  996,  3.  erwende]  wende  Aus- 
gaben und  Hs.  -  -  996,  4.  min  phiesel  eiten]  hayten  meinen  phiesel  Hs., 
min  ph.  heizen  M.  P.  hayten  weist  deutlich  auf  eilen ;  niederdeutsches 
ist  mit  Hahn  nicht  daraus  zu  folgern.  Nach  dieser  Stelle  habe  ich  auch 
1009,  2.  eiten  statt  haitzen  geschrieben. 

997,  2.  daz  ich  daz]  daz  ich  Hs.  und  Ausgaben.  —  997,  4.  miner 
mnoter  iohter  seiden]  vil  selten  m.  m.  ewr  i.  Hs. ;  miner  muoter  tohter 
hat  schon  E. 

998,  2.  des]  duz  Hs.  und  Ausgaben.  -  -  998,  4.  e  V.]  ee  es  Hs.  — 
niegeden]  meiden  Ausgaben  und  Hs. 

999,  4.  beide  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  swechen  Hs. 

1000,  4.  daz  ichz  ir  e]  ich  toolte  ee  daz  ich  sy  Hs. 

1001,  3.  ius]  euch  sein  Hs.  --  4.  minem  dienste]  minen  diensten  Aus- 
gaben und  Hs. 

1002,  2.  so]  so  hart  Hs. ;  alle  Herausgeber  schreiben  falsch  harte 
gemuot,  es  müßte  wenigstens  herte  gemuot  heißen.  -  1002,  4,  ouch  V.] 
auch  ich  Hs. 

1003,  2.  .50]  also  ze  Hs.  -  1003,  3.  ob]  so  Hs.  und  Ausgaben. 
—   1003,  4.  niht  gar  uz  der  fr.]  niht  gar  steht  vor  läze  Hs. 

1004,  4.  ewr  mit  V.  gestrichen. 

1005,  4.  ungefüeger  sivcere]  ungef Hegen  swceren  Ausgaben  und  Hs. 

1006,  3.  daz  golt  in  die]  golt  in  Hs. ;  die  hat  schon  E.  ergänzt, 
aber  ebenso  darf  vor  golt  der  Artikel  nicht  fehlen.  —  1006,  4.  michel 
von  mir  ergänzt. 

1007,  1.  nach  V.  gebessert.  —  1007,  2.  sunder]  besunder  Hs.  und 
Ausgaben.  —  siu  von  Z.  ergänzt.  —  1007,  3.  zOrtriinen]  in  Ortrün 
Hs.  und  Ausgaben. 

1008,  1009.  habe  ich  umgestellt. 

1008,  4.  hin  H.]  fehlt  Hs.  —  1009,  2.  eiten]  haitzen  Hs.;  vgl.  996,  4. 

1010,  1.  umb  Z.]  vnd  Hs.  -  -   1010,  3.  hieze  E.]  Messen  Hs. 

1011,  4.  von  Z.  gebessert. 

1012,  2.  daz  E.]  fehlt  Hs. 

1013,  2.  welch  V.]  tvelchs  Hs.  -  -   1013,  4.  da  H.]  das  Hs. 

1014,  2.  ius]  euch  Hs.  si  iu  V.,  si  iuch  (!)  E.  M.  P. 

1015,  1.  ey  mit  V.  gestrichen.  —    1015,  3.  gebiten  noch  gebieten] 


204  KARL  BARTSCH 

gebieten   noch  verbieten   Ausgaben  und  IIs.     Vgl.  Germania  8,    381.    — 
1015,  4.  hiete  E.]  Metten  IIs. 

1016,  2.  der  mäge]  die  mage  Hs.  und  Ausgaben.  —  1016,  4.  ir 
den]  im  Hs. 

1017,  2.  vlegten]  volgten  Hs. ;  vlehten  Haupt  (Z.  5,  506). 

1018,  1.  ie  baz]  ie  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  -  1018,  3.  rekle 
mit  E.  gestrichen.  —  sis]  sys  Hs.,  siz  Ausgaben.  Vgl.  uihd.  Wb.  1,  597a. 
—  ende]  enden  Ausgaben  und  Hs. 

1020,  2.  dri  stunde  V.]  zu  dreyen  stunden  Hs.  —  iecUchem  tage, 
Besserung  Vollmers.  —   1020,  3.  ivol  habe  ich  gestrichen. 

1021,  1.  sy  mit  V.  gestrichen.  —   1021,  4.  von  Z.  gebessert. 
1023,  3.  da  wände  er  Kudrünen]  da  ivannd  er  daz  er  Hs. 

1023,  4.  gerne  von  mir  ergänzt. 

1024,  1.  si  im]  im  sy  Hs.  —  1024,  3.  G.  diu  übele]  G.  die  sluog 
sy  Hs.  und  V.,  G.  diu  sluoc  si  dicke  Z.,  G.  sluoc  si  dicke  E.  —  1024, 
4.  an  eren]  an  grözen  eren  Ausgaben  und  Hs. 

1025,  3.  swd  mite  daz]  daz  von  mir  ergänzt.  —  1025,  4.  von  E. 
umgestellt. 

1028,  1.   von  Haupt  gebessert  (Z.  5,  506).   —    1028,  3.   eren]  ere 
Hs.  und  Ausgaben. 

1029,3.  aldie]  die  Hs.  und  Ausgaben.  —  1029,  4.  von  E.  umgestellt. 

1031,  4.  immer:  Besserung  Ziemanns.  —  welle  minnen]  mynne  Hs. 
und  Ausgaben;  der  Schreiber  änderte  des  Reimes  wegen. 

1032,  3.  fuortet:  Besserung  Ziemanns.  —  1032,  4.  ivaz  schaden 
iwer  recken]  w.  etore  r.  seh.  Hs.;  anders  die  andern  Ausgaben. 

1033,  1.  iu]  es  Hs.,  ez  Ausgaben. 

1034,  1.  zcas  V.]  ist  Hs.;  aber  V.  nimmt  die  drei  ersten  Zeilen 
als  Rede  Kudruns.  —  1034,  4.  harte  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1035,  3.  kröne  E.]  die  crom  Hs.  —  1035,  4.  iu  H.]  fehlt  Hs. 

1036,  2.  e  mit  V.  gestrichen. 

1037,  2.  die  schämen  Ortrünen]  die  vil  schone  fraiven  Hs. ;  Haupt 
die  vil  schämen  Ortrun.  —   1037,  3.  gesinde  V.]  gesinden  Hs. 

1038,  4.  doch  enklage]  clage  Hs.  und  Ausgaben. 

1039,  2.  ir  V.]  fehlt  Hs.  —  1039,  3.  ich  ir  neige]  wil  ich  ir  neigen 
Ausgaben  und  Hs. 

1040,  1.  sagte  ir]  sagte  Hs.  und  Ausgaben.  —  1040,  3.  eren]  ere 
Hs.  und  Ausgaben. 

1041,  3.  von  E.  gebessert. 
1043,  4.  bi]  bey  aines  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  205 

1044,  2.  ez  eniuo]  es  thüe  dann  Hs.  —   1044,  3    von  Z.  umgestellt. 

—  1044,  4.  senfte]  senftet  Ausgaben  und  Hs.  —  ir  E.]  fehlt  Hs. 

1045,  3.  al  II.]  fehlt  Hs.  —  sir]  sy  Hs.  und  Ausgaben.  —  1045,  4. 
mühte  noch]  noch  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1046,  1.  bot]  empot  Hs.  —  1046,  4.  Küdrün  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1047,  1.  irz  Z.]  ir  Hs.  —  1047,  2.  si  gedcehte  ie\  sy  gedachte  Hs. 
und  Ausgaben.  —  1047,  3.  mit]  vnd  Hs.  und  Ausgaben.  —  dulde] 
diäten  Hs.  und  Ausgaben.  —  1047,  4.  räch  siu]  sy  lach  Hs.,  si  räch  E. 

1048,  2.  min  frou]  fraw  Hs. 

1049,  3.  von  Z.  gebessert.  —  1049,  4.  gerne  wesen  län]  doch  gerne 
lassen  wesen  Hs. 

1051,  2.  cm  sedele  räwen\  an  fraioen  sedele  Hs.  und  Ausgaben. — 
1051,  3.  den  H.]  fehlt  Hs.  —    1051,  4.  solt  alle  ztt]  alle  zeit  solte  Hs. 

1052,  3.  so  mit  E.  gestrichen.  —  1052,  4.  nimmer]  n.  anders  Hs.; 
anders  ist  offenbar  Glosse  von  sus. 

1053,  3.  allen  stunden]  aller  stunde  Hs.  und  Ausgaben. 

1054,  2.  von  E.  gebessert. 

1055,  2.  die  Herausgeber  weichen  unnöthig  von  der  Überlieferung 
ab  und  verderben  den  Vers.  —  1 055 ,  3.  dicke  mit  Z.  gestrichen.  — 
1055,  4.  mit  E.  umgestellt. 

1056,  2.  here  V]  heren  Hs.  —  1056,  3.  da  mite  dienen  sol  die] 
da  mit  sol  dienen  Hs.  V.  wie  ich  aber  ohne  die.  —  1056,  4.  K.  diu  arme] 
d.  a.   Cli.  Hs.  und  Ausgaben. 

1057,  1.  eine  weschen]  ainer  andern  waschen  Hs.,  eine  ander  E.  V.  u.P. 

1058,  4.  megeden]  iunckfraioen  Hs.  und  Ausgaben.  —  Die  zweite 
Hälfte  von  V.  gebessert. 

1060,  4.  die  erbeitent:  Besserung  Vollmers.  W.  Grimm  (bei  M.) 
liest  sie  erbeitet. 

1061,  1.  erhörte]  gehörte  Hs.  und  Ausgaben.  —  1061,  3.  dich]  sy 
Hs.  und  Ausgaben.  — -  zollen  stunden]  zu  aller  stunde  Hs.  und  Ausgaben. 

—  1061,  4.  nach   V".  umgestellt. 

1062,  2.  niht  eine]  aine  nicht  Hs.  und  Ausgaben.  —  ein]  eins  Aus- 
gaben, aines  Hs.  —  1062,  4.  sicie  uns  .  . .  gelinge]  lät  uns  . .  .  gelingen 
Ausgaben  und  Hs.,  wieder  um  den  Reim  zu  glätten. 

1063,  3.  vor  ir  mäge~\  ir  vormagen  Hs. 

1066,  4.  nach  Vollmers  Ergänzung. 

1067,  4.  baz  da  von]  da  von  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1068,  4.  fromoen  mit  V.  gestrichen. 

1069,  1.  So]  Da  Hs.,  dö  Ausgaben.  1069,  4.  het  in  der  toerlde] 
in  der  weit  hette  Hs. 


206  KARL  BARTSCH 

1070,  2.  sehstehalbez]  sehsfehalp  Ausgaben  und  IIs.  —  1070,  4. 
iämerliche,  Besserung  Ziemanns. 

1071,  4.  von   V.  gebessert. 

1072,  3.  hocken  EL]  fehlt  IIs. 

1073,  1.  het,  Besserung  Zienianns.  —  1073,  3.  sin  ir]  sy  IIs.  — 
1073,  4.  rehte  wol]  rehte,  am  Anfange  der  Zeile,  IIs. 

1074,  4.  mit  Meldern  ir  baten]  ir  poten  mit  cl.  Hs. 

1075,  4.  nach  V.  ergänzt. 

1076,  3.  von  V.  gebessert. 

1077,  1.  von  V.  gebessert.  —  1077,  4.  nach  Müllenhofis  Besserung. 

1078,  1.  von  E.  gebessert.  —  1078,  4.  daz  erbarmet]  daz  fehlt 
Hs.  und  Ausgaben. 

1079,  1.  wol  von  Z.  gestrichen. 

1080,  1.  nu  solt  du  böte  guote]  du  pot  solt  IIs. 

1081,  4.  der  fromcen]  frawen  IIs. 

1082,  1.  stritennes]  Streites  Hs.  und  Ausgaben.  —  1082,  4.  des 
habe  ich  gestrichen. 

1083,  2.  ir  friunden  W.  Grimm  bei  M.]  fehlt  Hs.  -  1083,  4. 
wolden  nach  der  seh.  Kudrünen]  n.  d.  seh.   Chaudrunen  w.  Hs. 

1084,  2.  sküniges  Z.]  des  kuniges  Hs.  —  1084,  3.  Besserung  Zie- 
manns. —  1084,  4.  von  V.  gebessert. 

1085,  2.  wibes  H.]  fehlt  IIs.  —  klage]  Hagen  Ausgaben  und  IIs.; 
vgl.  1020,  2.  —  1085,  3.  das  zweite  ich  habe  ich  gestrichen.  —  1085,  4. 
von  Z.  gebessert ,  der  aber  noch  nicht  vor  von ,  sondern  mit  der  Hs. 
nach  heeret  hat.  M.  schreibt  wie  die  Hs.,  wo  kinde  accus,  plur.  sein  müßte. 

1086,  3.  sie  der]  stet  Hs.  und  Ausgaben. 

1088,  4.  joch  Z.]  yedoch  Hs.  —  da  gelinge]  müge  da  gelingen  Hs. 
und  Ausgaben. 

1089,  1.  dö  hiez  daz]  da  lu'ess  do  Hs.;  do  erklärt  sich  aus  de.  — 
1089,  2.  het e  fron  Hilde}  fraio  IL  hefte  Hs.  —  1089,  3.  helden  von  E. 
gestrichen. 

1090,  2.  da]  loo  Hs.,  swä  Ausgaben.  —  wirs  Z.j  toir  Hs.  —  1090,  3. 
von  Z.  gebessert.  —   1090,  4.  hin  mit]  mit  Hs.  und  Ausgaben. 

1091,  2.  wart  fehlt  PIs. ;  was  ergänzt  H.  und  die  andern, 

1092,  4.   uzer]  aas  Hs. 

1093,  3.  einin  IL]  fehlt  Hs. 

1094,  1.  loeinde]  bewainte  Hs.  und  Ausgaben.  —  1094,  2.  vil  mit 
V.  gestrichen.  —  1094,3.  wolde  niht  tragen]  n.  tr.  w.  Hs.  —  grozeü.] 
crone  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  20 7 

1095,  1.  <1a:  Hut  was]  die  leut  waren  Hs.  —  1095,  4.  K.  bruoder] 
Ch.   Ortweinen  Hs.,    Ch.  bruoder   0.  H.    Ortinnen  ist  offenbar  Glosse. 

1096,  4.  Besserung  Ettmüllers. 

1098,  3.  dd,  von  Z.  ergänzt. 

1099,  2.  umbe]  darynn  Hs.;  dar  umbe  Haupt,  der  ausserdem  feh- 
lerhaft swie  —  sioen  schreibt.   —    1099,  4.  von  Haupt  ergänzt. 

1100,  4.  hceme]  kome  Hs.  und  E.  V.  hume  Z.  M.  P. 

1101,  2.  diu  fronivc]  fraw  Hs.,  frou  Ausgaben.  —  1101,  3.  der  H.] 
den  Hs.  —  vlizzen]  vlizzen  si  Z.  Hs.,  vlizzens  E.  V.  M.  P. 

1102,  1.  von  H.  ergänzt. 

1104,  3.  von  V.  gebessert. 

1105,  4.  nach  V.  ergänzt. 

1106,  2.  von  Z.  umgestellt.  —  1106,  3.  ez  zäune]  es  getzam  Hs. 
und  Ausgaben.  —  ihäzen  II.]  fehlt  Hs.  —  1106,  4.  bresten]  gebresten 
Ausgaben  und  Hs. 

1107,  4.  die  rechen  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1108,  3.  4.  sohlen  :  wolden]  wolten  :  sollen  Hs.  und  Ausgaben. 

1109,  1.  die  teuren]  die  fehlt.  —  1109,  4.  von  Z.  gebessert. 

1110,  4.  sohle  V.]  solten  Hs. 

1112,  4.  irs  im  V.]  ir  sein  Hs.  —  irm]  ir  im  Hs. 

1113,  2.  ir  helde  vil]  der  helt  aus  vil  Hs.  Vielleicht  aber  ist  der 
Inreim  erst  eingefügt,  und  es  biess  der  helt  üz  Ortlande.  —  der]  er 
Hs.  und  Ausgaben.  —  1113,  4.  beginnen]  begynnet  sein  Hs.  und  Aus- 
gaben.  —  ir  im  guote  recken]  ir  g.  r.  im  von  Hs. 

1115,  2.  vol  H]  wol  Hs.  —  1115,  4.  riehen  V.]  fehlt  Hs. 

1116,  1.  der]  den  ir  Hs.  —  1116,  3.  Joch  M.]  auch  Hs. 

1117,  2.  hie  die]  die  Hs.;  vgl.  1118,  1. 

1118,  2.  vil  der  frouwen]  der  fraw en  vil  Hs.  und  Ausgaben. 

1 120,  1.  erge  :  Karade]  ergie  :  Karadie  Hs.  und  Ausgaben.  —  1 120,  2. 
da  her  von]  von  Hs.,  davon  Z.  —  1120,  4.  dietdegene]  degene  Hs.  und 
Ausgaben. 

1121,  3.  einer]  zu  ainer  IIs.  und  Ausgaben.  —  1121,  4.  gegap] 
gab  Hg.  und  Ausgaben. 

1122,  1.  abe  den]  von  den  Hs.  und  Ausgaben.  —  1123,  4.  von 
Z.  gebessert. 

1124,  1.  beste]  aller  beste  Ausgaben  und  Hs.  —  1124,  2.  von  i?i] 
in  Hs.,  kunt  getan  E.  V.  -      1124,  3.  arbeiten  Z.]  arbaite  Hs. 

1128,  2.  komen  so  verre]  s.  v.  k.  IIs.  und  Ausgaben.  —  1128,  3. 
von  kinde]  von  kinden  Hs.  und  Ausgaben. 

1129,3.  mite  II. I  fehlt  IIs.  -■    1129,4.   harte  V.  fehlt  IIs. 


208  KARL  BARTSCH 

I  130,  1.  hätte  V]  fehlt  Hs. 

1131,  2.  vil  wise]  vil  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1131,  4.  von 
V.  umgestellt. 

1132,  1.  mir  Z.]  wir  Hs.  —  galme  nimmt  Müllenhoff  (S.  49)  als 
Nebenform  von  gälte,  galeitle  !  —  1132,  2.  an]  von  Hs.  —  1132,  3.  swüere 
e]  sivuer  IIs.  —  1132,  4.  von]  vor  Hs.  und  Ausgaben.  —  üzer  not] 
aus  IIs. 

1133,  4.  vorhten  in]  in  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1134,  1.  von  E.  gebessert.  —  1134,  2.  des]  da  Hs.  —  üzer  not] 
aus  grosser  not  Hs.  und  Ausgaben. 

1135,  4.  den  V.]  dem  Hs.  —  1136,  4.  nn  gerunnen]  nu  in  der  Hs. 
und  den  Ausgaben  nach  waren. 

1139,  1.  rief]  ruoft  Ausgaben  und  Hs.  —  1139,  4.  allez  mit  Z. 
gestrichen. 

1141,  2.  ierc  Hs.]  pauch  Hs.,  iwoc/i  E.  (?) ,  Iwuc  V.  Der  umge- 
kehrte Fall  Nib.  6215,  wo  d  statt  bouc  liest  perc. 

1142,  1.  vor  V.]  von  Hs.  —  1142,  4.  mfa  enkunde]  künde  Hs. 

1143,  3.  gein  dem  tanne]  in  tan  Hs.,  in  den  tan  Ausgaben.  — 
1143,  4.  manne]  man  Hs.  und  Ausgaben. 

1144,  3.  warte]  schaioet  Hs.  und  Ausgaben.  —  1144,  4.  xoar  E.] 
xoo  Hs. 

1145,  3.  von  Z.  gebessert.  —  1145,  4.  inittes  tages  Z.J  mittag  es  Hs. 

1147,  2.  hoeret]  gehoeret  Hs.  und  Ausgaben. 

1148,  4.  in  V.]  im  Hs.  —  1149,  1.  den  sani]  dem  sant  Hs.  und 
Ausgaben.  —  1149,  3.  da  H.]  fehlt  Hs.  —  1149,  4.  von  V.  umgestellt. 
Müllenhoff  (S.  187)  nimmt  küelen  als  entstellt  aus  queln. 

1150,  4.  m  m'/t£]  in  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1151,  2.  rätes]  rate  Hs.,  r<#te  Ausgaben. 

1152,  3.  von  M.  umgestellt.  —  1153,  1.  von  E.  gebessert. 

1154,  4.  allem  dem]  all  disem  Hs.  —  gedigene  H. ]  gedinge  Hs. 
Derselbe  Fehler  Nib.  5783. 

1155,  2.  aber  Z.]  fehlt  Hs.  —  1155,  1.  einen  tac  ich  nimmer]  ich 
n.  e.  t.  Hs.  und  Ausgaben. 

1156,  1.  ein]  eins  Ausgaben  und  Hs.  —  1156,  3.  und  linbe  ich 
gestrichen.  —  1156,  4.  von  V.  umgestellt. 

1157,  1.  erge  ez]  ez  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1157,  2.  sUfriunt 
friunde  ängstlichen  dienen  sol  V.  Z.  und  Hs.;  E.  dienen  angestlichen, 
wenigstens  den  Vers  bessernd.  Aber  ang estlichen  hat  hier  schlechten 
Sinn.  In  äugest  liegt  gestern ,  und  die  Vergleichung  von  Nib.  1739,  2, 
auf  welche  Stelle    schon  V.  verwiesen   hat,    ohne   mit   ihrer  Hilfe   zu 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  209 

bessern,  führt  auf  sit  daz  friunt  friunde  geslän  mit  dienste  sol.  Statt  mit 
dienste  könnte  man  auch  lesen  dienstlichen,  was  sich  der  Überlieferung 
noch  näher  anschließt. 

1158,  2.  von  Z.  gebessert.  —  1158,  3.  besten  :  die  Hs.  hat  pesten; 
wofür  E.  V.  M.  P.  ungut  schreiben  vesten.  —  eide :  Besserung  Hagens. 

—  1158,  4.  nach  E.  ergänzt. 

1159,  2.  werde~\  vielleicht  wirt;  vgl.  1257,  2.  —   1159,  3.  mit  dem] 
dem  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1160,  2.  erbilnne  man  uns  lebenes]  guttuet  man  uns  ze  lebene  Aus- 
gaben und  Hs.;  gunne  V.  P.  —   1160,  4.  künic  habe  ich  gestrichen. 

1161,  4.    des  mit  V.  gestrichen.    —     1162,  4.    Ormanin  M.]   Or- 
niame  Hs. 

1163,  3.  daz  V.]  da  Hs.  —   1164,  3.  den  mit  V.  gestrichen. 

1167,  3.  ich  bin  ein  böte  dir]  ich  pote  Hs. ;  bin  ein  von  H.  ergänzt 

—  1167,  4.  allen  fehlt  Hs.  und  Ausgaben;  vgl.  1179,  4. 

1168,  2.    alsam  Z.]  allesam  Hs.  —  1169,  3.    gef ragen]   fragen  Hs. 
und  Ausgaben.  —   1169,  4.    mich  dir]   der  vor  /;er  Hs.  und  Ausgaben. 

1170,  2.    als   siu  gen  gote  ir  venie  todte]    als  tet  g.  g.  ir  venie  Hs. 

—  1170,  3.  so  wol]  o  tool  Hs.  und  Ausgaben. 

1171,  1.  hat  krist]   Crist  hat  Hs.  —   1171,  1.  her  mit  E.  gestrichen. 

—  1171,  3.   du  M.]  nu  Hs. 

1172,  3.  von  V.  gebessert.  —  1173,  4.  vil  harte]  vil  fehlt  Hs. 

1174,  1.  wol  mit  E.  gestrichen.  —  1174,  2.  die  H.]  fehlt  Hs. 

1175,  1.  nu  sage  mere]  du  sagest  mare  Hs.  —   1175,  3.  du  Z.]  fehlt 
Hs.  —  1175,  4.  ich  ouch]  ouch  steht  vor  inines  Hs.  und  Ausgaben. 

1176,  4.  verhomven]  zerhaioen  Hs.  und   Ausgaben. 

1177,  I.   von  E.  gebessert.  —   1178,  2.    daz  mich  daz  ist]  das  ist 
mir  Hs.  —  1178,  4.  uz  den]  mich  aus  Hs. 

1179,  4.  bi  V.]  von  Hs.  —  1180,  4.  deichs]  da:  ich  sein  Hs. 

1181,  4.  dem  Jf.  lande]  den  H.  landen  Ausgaben  und  Hs. 

1182,  4.  den  alden  Fruoteu]  F.  den  a.  Hs.  und  Ausgaben.  —  imner 
mwoto'E.]  meinem  Hs. 

1183,  4.  friunde  keiner  V.]  freunde  dhainen  Hs. 

1186,  1.    scheiden   hin]    hin  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —    1186,  3. 
mit  V.]  in  Hs. 

1187,  4.  magedin  vil]  mag'en  Hs.,  magedin  Z.  E.,  magede  V. 

1188,  1.  der  hei]  hette  Hs.  —   1188,  2.    ?v7  von  Z.  gestrichen.  — 
1188,  3.  der]  von  der  Hs.  und  Ausgaben. 

1189,  2.  «5  seme]  seine  Ausgaben  und  Tis.  —   1189,  4.  weine]  be- 
weine Ausgaben   und   Hs.    Müllenhoffs    Änderung    wcen    daz    ist   ungut. 

QEKMANIA     X.  ]4 


210 


KARL  BARTSCH 


1190,  3.   dickt]  offi   oll  Hs.,  ofte  V.,  tn7  E.  M.  P.  --  1190,  4.  tu 
r//  deste  mcre]  ofte  in  deste  Ausgaben  und  Hs. ;  vgl.  3. 
I  192,  .'!.   wiziu  nihi]  mht  wiz  Ausgaben  und  Hs. 

1194,  3.  niwan  Z.]  nun  Hs.  —  1194,  4.  dne  kü*se  b'gen]  l.  a.  k. 
Ausgaben  und  Hs. 

1195,  1.  dicke  von  Z.  gestrichen.  —  Tl  95 .  3.  sie  wcen  V.j  toann 
sy  Hs.,  wan  si  E.  -  1195,  4.  dar  ze  lande  fehlt  Hs.;  dar  H.  Z.  V., 
dar  ze  helfe  E. 

1196,  2.  m  V.]  /<>>  Hs.  —  1197,  3.  äbendes  Z.]  ahmt  Hs.  — 
1197,  4.  vil]  gar  IIs.  und  Ausgaben. 

1198,  3.  so]  da  Hs.,  do  Ausgaben.  --  1201,  1.  kdrte  Z.]  horten 
Hs.  —  1201,  3.  nu  saget  umr  umbe]  nu  saget  fehlt  Hs.  und  Ausgaben; 
vgl.  1276,  1. 

1202,  1.  vil  von  Z.  gestrichen.  —  war  H.]  wo  Ätw  Hs.  —  1202,  2. 
hinaht]  heut  Hs.,  /ikic  V.  —   1202,  4.  fo'wie  V.]  heint  Hs. 

1203,  4.  werre«  Z.]  were«  Hs.  —  1204,  4.  w7  edefera]  eilenden  Hs., 
gcfekw  V.;  vgl.   1250,  2. 

1205,  4.  nu  habe  ich  gestrichen;  vielleicht  ist  hie  zu  lesen;  vgl. 
1253,  4. 

1206,  3.  ir  vaier  lande]  vaier  fehlt.  Hs.  und  Ausgaben.  —  1206,  4. 
diu  r.  küniginne]  die  vil  r.  künige  Hs. 

1207,  3.  diu  frouwe]  fraio  Hs.  —  1208,  I.  vil  mit  V.  gestrichen. 
1208,  2.  innecUche  V.J  jammerliche  Hs.  —  1208,  3.  loten  die]  die  Loten 
Ausgaben  und  Hs. 

1209,  4.  hie  mit  E.  gestrichen.  —  1210,  1.  diu  frouwe]  fraio  Hs. 
—    1210,  4.  beide  mit  E.  gestrichen. 

1211,  3.  weschen  P.J  weschin  Hs.  —  1212,  2.  weschen]  wescherin  Hs. 

1213,  4.  sinem  E. J  seiner  Hs.  —  1214,  3.  valsches  dne  Hs.]  o« 
valsch  Hs.  —  durch  aller  megede  §re]  allen  maiden  tuot  es  ze  eren  Hs. 
und  Ausgaben.    Vgl.  oben  8.  59. 

1215,  3.  nu  mit  V.  gestrichen.  —  1215,  4.  swe'g  tfes]  ctes  Hs.  und 
Ausgaben.  —   nu  habe  ich  gestrichen. 

1216,  4.  wären\  waren  in  Hs.  und  Ausgaben;  vgl.  33,  4.  — 
lourrcn  in  die]  waren  die  kalten  Ausgaben  und  Hs. 

1217,  1.  der]  do  der  Hs.  und  Ausgaben.  —  1218,  1.  ir  von  V. 
gestrichen.    —   1218,  4.  dicke  we]  ivS  Hs.  und  Ausgaben. 

1220,  4.  und  mit  M.  gestrichen.  —  meiden  E.]  fehlt  Hs. 

1221,  4.  immer  von  mir  gestrichen.  —  1222,  1.  daz  mit  V.  ge- 
strichen. —  1222,  3.  sohlet  Z.]  solt  Hs.  —  1222,  4.  weschen  V.]  we- 
schin  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  211 

1223,  3.  swes]  waz  Z.  V.  P.  und  Hs.,  wes  E. 

1225,  3.  Derselbe  Fall,  nur  hat  hier  die  Hs.  wes ,  ebenso  die 
Ausgaben. 

1226,  3.  äne  Z.]  ainer  Hs.  —  so  H.J  fehlt  Hs.  —  4.  niemen  H.  Z.j 
yeman  Hs. 

1227,  3.  von  Haupt  gebessert.  —  1227,  4.  in  E.]  im  Hs. 

1228,  1.  sie  EL]  fehlt  Hs.  —   1228,  3.   mähten  von  E.  gestrichen. 

1229,  3.  ligend.e  7j.\  Ligen  Hs.  —  1229,  4.  geriten  inder]  indert 
geriten  von  Hs. 

1230,  2.  wiu  Haupt]  wem  Hs.  —  recken]  helde  Hs.  und  Ausgaben. 
—  so  Haupt]  fehlt  Hs.;  ebenso  3.  —  1230,  4.  mwer  selde  V.]  meinen 
seiden  Hs.  —  ein]  aines  Hs. 

1231,  3.  Uegelinge  V.]  Uegelingen  Hs.  —  1231,  4.  a//e  zSte  V.] 
ze  allen  zeiten  Hs. 

1232,  1.  do  V.j  doc/i  Hs.  —  1233,  1.  diu  V.]  fehlt  Hs.  —  1233,  3. 
subi  V.]  sol  Hs.  —  1233,  4.  srz]  «y  siYA  Hs.  und  Ausgaben.  —  offe 
wide  mit  Z.   gestrichen. 

1234,  3.  harte]  offle  Hs.  und  Ausgaben;  M.  streicht  es.  —  1234,  4. 
er  E.]  es  Hs.  —  vil  mit  M.  gestrichen. 

1237,  4.  sm  wcera  V.]  ich  wan  st/  Hs.  —  1238,  2.  lebend,-]  lehentig 
Hs.   —   1238,  3.  ocZer  mit  V.  gestrichen. 

1239,  3.  noch  V.]  nach  Hs.  —  der  stunde]  den  stunden  Hs.  — 
1239,  4.  a/  c/er  E.]  aller  Hs.  — ■  ir  von  Z.  gestrichen. 

1240,  4.  £mr  fehlt  Hs.  —  1241,   1.  si  sprach  mit  V.  gestrichen. 

1241,  2.  einen]  ainen  den  Hs.  und  Ausgaben.    Vgl.  414,  2. 

1242,  1.  die]  die  mit  Hs.  —  1242,  2.  gevangen]  wart  gevangen  Hs. 
und  Ausgaben.  —  gefuorte]  vnd  gefüeret  Hs.  und  Ausgaben.  —  1242,  4. 
grozen  mit  E.  gestrichen. 

1243,  3.  von  Z.  umgestellt.  —  1244,  1.  weinende  leide  vor  ir]  baide 
vor  ir  wainen  Hs.  und  Ausgaben.  —  1244,  2.  vil  mit  V.  gestrichen.  — 
siu  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1244,  4.  iu]  ewr  Hs.;  iwer  Ausgaben. 
Derselbe  Fehler  in  d.  Nib.  4931.  8274. 

1245,  2.  von  E.  umgestellt.  —  1246,  3.  von  V.  umgestellt.  — 
1246,  4.  er  V.J  der  Hs.  —  lebende]  lebentig  Hs. 

1247,  2.  z6'/<]  z'c'A  Herwig  Hs.  und  Ausgaben;  Herwic  ist  Glosse  zu  so. 

1248,  3.  ir  Z.]  fehlt  Hs.  —  1248,  4.  <&m  //ww]  />w  Hs. 

1249,  2.  uor  V.]  bevor  Hs.  —  1249,  3.  mir  min]  nun  Ausgaben 
und  Hs. 

1251,  4.  von  E.  ergänzt.  —  1252,  4.  niwan]  ivan  Ausgaben  und 
Hs.   —    1253,  4.  immer  mit  V.  gestrichen. 

14* 


2  |  2  KARL  BARTSCH 

1254,  .*!.  ihi]  ie  Ausgaben  und  11s.  —  1254,  4.  in  minnen]  in  nemen 
V.,  nemen  Hs.  —  srit  von  mir  gestrichen. 

1255,1.  verjehenV.]  jehen  Hs.  —  1255,3.  baz  dar  an]  a/s  wo/  Hs., 
aus  der  vorhergehenden  Zeile  wiederholt.  —  1255,  4.  der  vesteY.]  den 
testen  Hs.  —  hinnen  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1256,  3.  von  V.  gebessert;  ebenso  1256,  4.  —  1257,  4.  ir  deheine] 
deheine  Ausgaben  und  Hs. 

1258,  1.  hie]  danne  hie  Hs.  und  Ausgaben.  —  1258,  3.  deis\  des  H. 

1259,  4.  mit  swerten]  mit  der  swester  mein  Hs.  Der  Vers  verlangt 
diese  durchaus  sachgemäße  Änderung. 

1260,  3.  deheine  die]  dhain  Hs. 

1261,  3.  nach  V.  ergänzt. 

1262,  1.  von  V.  gebessert.  —   1262,  2.  mir  von  Z.  gestrichen. 

1263,  2.  rief]  ruoft  Ausgaben  und  Hs.  —  1263,  4.  mich  arme\  mich 
Hs.  und  Ausgaben.  —  ich  weise  mich  getreusten]  ich  mich  armer  wayse 
treesten  Hs. 

1264,  3.  e  des  morgens  schine]  ee  es  morgen  scheinet  die  sünne  Hs., 
e  morgen  schint  diu  sunne  Ausgaben.  Das  von  Hagen  ausgeworfene  es 
und  die  unerlaubte  Kürzung  scJünt  führt  auf  die  Besserung.  Der  Schrei- 
ber verstand  c  nicht  als  Präposition.  —  1264,  4.  miner  küenen  helde] 
helden  Hs.,  minen  hürnen  helden  M. 

1265,  2.  herter  V.]  hertes  Hs.  —  1265,  3.  danV.]  als  Hs.  —  1265,  4. 
rerriste]  ulier  verrisie  Hs. 

1266,  2.  von  Z.  gebessert.  —    1266,  4.  daz  E.]  des  Hs. 

1267,  4.  so  getet  siu  V.]  sy  getet  Hs. ;  so  steht  nach  schlegen.  Die 
folgenden  Worte  stellt  V.  unnöthig  um.  Müllenhoff  S.  53  will  si  getet 
mit  siegen  uns  noch  leider  (!). 

1268,  2.  immer]  nymmer  Hs.  und  Ausgaben. 

1270,  4.  e]  da  für  Hs.  —  1273,  3.  Die  Änderung  Haupts  (Z.  506) 
si  truoc  driu  kleider  ist  nicht  statthaft;  vgl.   1189,  2. 

1274,  2.  von  Z.  gebessert.  —  1274,  2.  weschen]  wescherin  Hs.; 
vgl.   1212,  2.  —  sunnden]  stoinde  Ausgaben  und  Hs. 

1277,  1.  lieget  V.]  heget  Hs.;  vgl.  1278,  1.  —  1277,  2.  nach  V.  er- 
gänzt.  —   1277,  3.  iemen  Z.]  nieman  Hs. 

1279,  2.  m'c/t£  von  E.  gestrichen.  —  1279,  3.  o/Z^n  mit  V.  gestri- 
chen. —  1279,  4.  so]  also  Hs.  —  vil  lihte]  nu  Hs. 

1280,  1.  übel  von  Z.  gestrichen.  —  1280,  3.  von  V.  gebessert; 
ebenso    1280,  4.  —  1280,  4.  anderen]  ander  Ausgaben  und  Hs. 

1282,  3.  Hz  ziunen  V.]  ausziehen  Hs.  —  unde]  vnd  aus  dornen  Hs. ; 
üz    dornen   ist    wiederum    nur   eine    Glosse    des  Ausdruckes  üz    ziunen. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  213 

Z.  E,  M.  P.  schreiben  do  hiez  sis  uz  ziehen,    ü:  dornen  besemen  binden, 
V.  uz  ziunen  dorne  brechen  und  b.  b.  —   1282,  4.  duo]  die  Hs. 

1283,  1.  siu  sie]  st/s  Hs.  --   1283,  4.  die  begunden  E.]  die  fehlt  Hs. 

1284,  4.  es  wirt  iu\  es  wirt  .sein  Hs.  --  1287,  4.  mere  V.J  fehlt  Hs. 
1288,    1.  die  do]  die  so  Hs.   und  Ausgaben.    —    1288,  3.    der  V.J 

die  Hs.  —   1288,  4.  dannen  V.J  daune  Hs. 

1200,  2.  gcvbe]  gaebedir  Ausgaben  und  Hs.;  botenbrdt 'als  Botenlohn'. 
1292,  3.  mit  V.  umgestellt.  -  -   1292,  4.  von  E.  gebessert. 

1294,  2.  so  H.]  fehlt  Hs.  —  1294,  3.  wesche]  wescherin  Hs.  und 
Ausgaben.  —   1294,4.  zceme  V.]  gelzam  Hs.   --  ze  habe  ich  gestrichen. 

1295,  1.  von  V.  gebessert.   —    1295,  3.  i'u\  ich  Hs.,  iu  Ausgaben. 
1298,  1.  daz  H.]  fehlt  Hs.  --   1298,3.  swä  sö\  wie  Hs.,  wieso  H., 

swie  Ausgaben. 

1300,  1.  da  mit  der  Hs.;  alle  Ausgaben  haben  do  H.  si  swh  und 
ziehen  es  zum  folgenden  Satze. 

1301,  3.  miner  Z.]  meinem  Hs.  -  -    1301,  4.  da  E.]  daz  Hs. 

1302,  3.  ingesinden]  ingesinde  Hs.  und  Ausgaben.  —  1302,  4.  von 
Haupt  ergänzt  (Z.  5,  506). 

1303,  3.  künnes]  kunne  Hs.;  it2  H.  Minne  sehreibt  M.  --  1303,  4. 
nach  E.  umgestellt.  —  durch  da-:]  darumbe  duz  Hs. 

1304,  I.  von  H.  umgestellt.  —   1304,  3.  man  H.J  fehlt  Hs. 

1305,  4.  im  E.]  in  Hs.  —  1306,  1.  einen  V.]  fehlt  Hs.  --  1306,  3. 
von  V.  gebessert.  -  -  130ü,  4.  ingesinde]  junc/rouwen  Ausgaben  und  Hs.; 
der  Schreiber  irrte  in  die  vorige  Zeile  hinüber. 

1307,  3.  nach  V.  gebessert.  — •  1307,  4.  beide  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1308,  4.  weschen]  icescherin  Hs.  und  Ausgaben. 

1309,  2.  so  V.J  also  Hs.  —  1309,  4.  swar  Z.]  wo  hin  Hs.;  das 
übrige  nach  V.  gebessert. 

1310,  2.  von  H.  gebessert.  —  1311,  4.  ich  mich]  ich  Hs.  und 
Ausgaben. 

1312,  1.  künllichen]  hintlichen  Ils.  und  Ausgaben.  In  anderer 
Weise  wird  dasselbe  Wort  Nib.  6180  in  d  entstellt,  kurzlichen  statt 
käuflicher.  —  1312,  3.  von  Haupt  gebessert.  --  1313,  4.  mine  E.|  ewr 
Hs.  —  iwer  recken  dannc]  d.  i.  r.  Ausgaben  und  Hs. 

1314,  l.  von  V.  gebessert.  —   1314,  3,  diu]  dest  Hs. 

1315,  2.  das  zweite  nu  mit  E.  gestrichen.  -  -  1315,  4.  sy  mit  Z. 
gestrichen. 

1316,  1.  da  mit  V.  gestrichen.   -  -   1316,  3.  von  Z.  gebessert. 
1318,  1.  begunde  V.J  begunden  Hs.  —  1320,  4.  allen  ir  sinnen  V.] 

all  irem  synne  Hs. 


214  KARL  BARTSCH 

1321,  1-  vil  schiere]  vil  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  -  1321,  4.  diu 
sc/icene]  diu  Ausgaben  und  Hs. 

1323,  2.    ir  Z.J  fehlt  Hs.  —  1323,  4.   wcen  V.J  wcen  ich  duz  Hs. 

1325,  4.  von  M.  umgestellt.  —  132b',  2.  alsam]  als  Hs.  und  Aus- 
gaben. —   1326,  4.  von  V. .  umgestellt. 

1327,  2.  was  ir]  war  er  Hs.  —  1327,  3.  der  m.  meide  E.  |  die  m. 
maiden  Hs. 

1329,  3.  frouwen  mit  V.  gestrichen.  —  1330,  2.  rfo  der  für]  dar 
für  Hs.  —  1330,  3.  so  Z.J  a/.so  Hs.   —    1330,  4.  deiz]  daz  Hs. 

1331,  4.  friunden  liebe]  vil  lieben  Hs.  —  1332,  2.  denken]  gedenken 
Ausgaben  und  Hs.  —  1332,  4.  künde  nach  der  naht]  n.  d.  n.  verkünde  Hs. 

1334,  1.  do  V.J  da  mit  Hs. 

1335,  2.  balde  habe  ich  gestrichen.  —   1335,  4.  üzer]  üz  V.J  fehlt  Hs. 

1339,  1.  hie  ist]  ist  hie  Hs.  und  Ausgaben.  —  1339,  3.  üz  V.J 
fehlt  Hs. 

1340,  4.  üf  der  schände]  schände  Hs.  und  Ausgaben. 

1341,  4.  fraiven  mit  Z.  gestrichen. 

1342,  1.  gesach]  sach  Hs.  und  Ausgaben.  —  1342,  3.  alle  V.J  allen 
Hs.  —  1342,  4.  xoizzet  nihi]  niht  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  niht  ze] 
zc  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1344,  4.    Ormarueriche]    Ormanie  Hs.  und  Ausgaben. 

1345,  1.  da  V.J  das  Hs.  —  1345,  3,  ich  noch]  noch  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben. 

1346,  4.  von  Z.  umgestellt.  —    1348,  4.  daz  mit  V.  gestrichen. 

1349,  1.  sigen]  gesigen  Hs.  und  Ausgaben.  —  1349,  2.  so  sprach] 
so  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  sich  niht  verligen:  Besserung  Ettmüllers. 
; —  1349,  4.  morgen  H.]  fehlt  Hs.  —  guote  recken  mit  Z.  gestrichen; 
oder  man  müßte  schreiben  daz  iueh  guote  recken  iht  ensihne. 

1350,  1.  ouch  V.J  auf  Hs.  —  1350,  4.  so  mit  V.  gestrichen. 

1351,  1.  so  Haupt]  da  Hs.  —  1351,  2.  zen  rossen]  ze  rossen  Hs. 
—   1351,  3.  bereite]   bey  raite  Hs. 

1352,  1.  sicaz  V.J  wes  Hs.  —  riet]  geriet  Hs.  und  Ausgaben.  — 
1352,  2.  von  ir fröweden  schiet]  schiet  Hs.;  der  Ausfall  erklärt  sich  durch 
die  Ähnlichkeit  von  froteen  -  froiveden.  —  1352,  3.  dem  h.  strite]  den  h. 
strxien  Ausgaben  und  Hs.  —  1352,  4.  ncehsten  tages]  nahtes  Hs.  und 
Z.    !£.,    tages  V. 

1353,  1.  stunt  V.]  mal  Hs.  —  1353,  3.  min  da]  alle  mein  Hs., 
min  E.  V.    da,  auf  den  Rossen. 

1354,  3.  swiez  V.]  icann  es  Hs.  —  1354,  4.  da  V.J  doch  Hs. 

1355,  2.  st'in]  geslän  Ausgaben  und  Hs.  —  1355,  4.  miete  V.| 
nunc  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  215 

1356,  2.  und  habe  ich  gestrichen.  -  -  1357,  2.  sy  sprach  mit  H. 
gestrichen. 

1358,  3.  mcere  mit  E.  getilgt. 

1359,  2.  von,  von  E.  gestrichen.  -  -  1359,  3.  von  Z.  umgestellt. 
—  1359,  4.  von  V.  umgestellt. 

1360,  1.  meistec]  maists  tau  Hs.,  meint  teil  Z.  E.,  meiste  V.,  meistez 
M.  P.   —    1360,  4.  her  künic]   ir  häene  Hs.  und  Ausgaben. 

1361,  1.  daz]  hünig  Hs. 

1363,  2.  alle]  alles  Hs. 

1364,  4.  mine  Haupt]  inne  Hs. 

1365,  4.  daz  mit  Z.  gestrichen. 

1367,  2.  die  H.]  fehlt  Hs.  --  1367,  4.  mcA  H.]  s«m  Hs.  -  wol] 
vil  wol  Hs.  und  Ausgaben. 

1368,  1.  ein  H.J  fehlt  Hs. 

1369,  1.  der  von]  der  vorn  von  Hs.,  der  voget  von  Ausgaben.  — 
1369,  2.  häene  H.]  fehlt  Hs.  —  kan  V.J  han  Hs.  —  1369,  3.  werben] 
erwerben  Hs.  und  Ausgaben.  —  1369,  4.  lit  der  helde]  d.  h.  I  Hs.  und 
Ausgaben. 

1370,  4.  gefüeret  wider  morgen]  w.  m.  g.  Hs.  und  Ausgaben. 

1372,  3.  von  E.  umgestellt. 

1373,  I.  der  ist  mit  V.  gestrichen. 

1374,  4.  ir  V.J  fehlt  Hs. 

1375,  4.  den  E.]  fehlt  Hs. 

1376,  4.  garten  H.]  gurten  Hs. 

1377,  2.  übele  guot]  übel  und  guot  Ausgaben  und  IIs.  —  1377,  4. 
ir  ciniu]  ir  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1378,  4.  zuo  in  dar]  dar  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1379,  4.  daz  gestehe]  gesteine  Ausgaben  und  Hs.  —  dem  E.J  fehlt 
Hs.  —  die  Z.]  fehlt  Hs. 

1380,  3.  wandet]  maynet  Hs.,  meintet  E. 

1381,  3.  diniu  H.]  dein  Hs. 

1382,  2.  diu]  dester  Hs.  —  1382,  3.  gesippen]  gesipter  Hs.  und 
Ausgaben.  —   1382,  4.  ir  ie]  ie  Ausgaben  und  Hs.  —  zehene  H.J  fehlt  Hs. 

1384,  1.  dem]  den  Hs.  und  Ausgaben.  —   1384,  3.  von  V.  gebessert. 

1385,  3.  ich  V.J  ichs  Hs.  —  swerte]  mit  schwerten  Hs.,  der  swerteV. 

1386,  4.  ersterben]  sterben  Hs.  und  Ausgaben.  —  dem  E.]  fehlt  Hs. 

1387,  3.  lät  läute]  h.  L  Hs.  und  Ausgaben.  —  1387,  4.  guotes  V.J 
guten  Hs. 

1389,  2.  von  E.  gebessert.  —    1389,  4.  den  Z.J  dem  Hs. 
J391;,  1,  vieren]  vier  Hs.  —   1391,  4.  von  V.  umgestellt. 


21(5  KAHL  BARTSCH 

1393,  4.  nr/r/,   W.  Grimm]  fehlt  Ils. 

1394,  2.  von  II.  gebessert;  mit  Unrecht  weichen  Z.  E.  M.  1'.  davon 
ab.  —  1394,  3.  fiz  der  märe  mähten  \  mökten  üz  d.  m.  Ausgaben  und 
Ms.  —    1394,  4.  der  schämen  Hilden]  der  II.  Ils.,  daz  IL  Ausgaben. 

1395,  4.  recken  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1396,  1.  was  ouch] 
was  Hs.  und  Ausgaben;  ouch  steht  in  der  Hs.  nach  und. 

1397,  1.  vieren]  vier  Hs.  und  Ausgaben.  —  die  Haupt]  dreyen  Hs., 
dri  Ausgaben.  —  1397,  3.  gespenge]  das  g.  Hs.  und  Ausgaben.  —  1397,  4. 
alsam]  als  Hs.  und  Ausgaben. 

1399,  3.  der  müre]  zu  der  rnaure  Hs.  und  Ausgaben.  —  1399,  4. 
harte  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1400,2.  ir]  wol  Hs.  und  Ausgaben.  —  1400,4.  weinende  stuonden] 
st.   w.  Ils.  und  Ausgaben. 

1404,  1.  ersach]  sach  Hs.  und  Ausgaben.  —  1404,  2.  und  säurt 
u/ts  iemen]  vnd  yemand  sagt  Hs.  —   1404,  4.  von  V.  gebessert. 

1406,  4.  lebende  V.]   lebentig  Hs. 

1407,  2.  sin  Z.]  fehlt  Hs.  --  hiew]  haute  Hs.  —  1407,  3.  sin  H.| 
eins  Hs.  —  deiz]  das  Hs.  und  Ausgaben. 

1409,  2.  ins]  in  Hs.  und  Ausgaben. 

1410,  2.  man]  mau  sy  Hs.,  maus  Ausgaben.  —  1410,  4.  eil  vaste] 
vaste  Ausgaben  und  Hs. 

1411,  1.  der  V.j  die  Hs.  —  1411,  3.  leidet]  leidet  ez  Ausgaben 
und  Hs.  —   1411,  4.  dringen*]  des  dr.  Hs.  und  Ausgaben. 

1412,  2.  von  E.  gebessert. 

1413,  1.  weigerliche]  wackerliche  Ausgaben  und  Hs. 

1415,  1.  Hute  habe  ich  gestrichen;  es  war  wohl  Glosse  zu  Holz- 
seezeu.  —   1416,  2.  hiew]  haioet  Hs. 

1417,  3.  von  Haupt  (Z.  5,  507)  gebessert. 

1419,  4.  roubet  E.]  beraubet  Hs. 

1420,  2.  iht  IL]  ist  Hs.  —  1420,  3.  gemachet]  het  gemachet  Aus- 
gaben und  Hs. 

1424,  2.  ein  H.]  fehlt  Hs. 

1425,  2.  vil  H.J  die  Hs. 

1426,  3.  gebunden]  ze  binden  Ausgaben  und  Hs. 

1427,  3.  hie]  nu  Hs.  und  Ausgaben.  --  uncerscheideu]  underscheiden 
Ausgaben  und  Hs. 

1428,  1.  icol  mit  E.  gestrichen;  ebenso  ein.  —  1428,  4.  gescheiden 
niht]  u.  g.  Hs.  und  Ausgaben. 

1429,  1.  daz  V.]  des  Hs.  —  1429,  2.  an  ein  zil\  on  zal  Hs. ,  äne 
zil  Ausgaben.  —  1429,  3.  verhouwen]  zerhawen  Hs.  und  Ausgaben. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  217 

1430,  3.  aldä  er]  als  er  da  Hs.  —  1430,  4.  da]  daz  Ausgaben 
und  Hs.  —  wunder  vil  Haupt  (Z.  5,  507)]  vnnder  seinem  zaichen  vil. 

1431,  1.  Umgestellt  von  V.  und  M.  —  1431,  3.  allez\  al  Hs.  und 
Ausgaben.  —  1432,  4.  umgestellt  von  Z.  —  wol  habe  ich  gestrichen. 

1433,  4.    sinen  handen  V.]   seiner  handt  Hs. 

1434,  4.  und]  du  Hs.  —  miner  Haupt]  deiner  Hs. 

1435,  4.  laut]  lande  gar  Hs. 

1436,  2.  von  E.  umgestellt.  —  1436,  4.  nimmer  H.]  fehlt  Hs. 

1437,  1.  einander  liefens]  l.  e.  Ausgaben  und  Hs.  —  1437,  2.  die 
V.]  dise  Hs.  —  1437,  3.  von  M.  gebessert. 

1439,  3.  dne  V.|  an  Hs.  —   1439,  4.  sich  von  mir  ergänzt. 
1442,  1.  altgrise]  alte  grtse  Ausgaben  und  Hs.  —   1442,  4.  niht  Ideen] 
l.   n.   von  Hs. 

1444,  3.  kundes  E]  künde  des  Hs. 

1445,  1.  über  Z.]  vnder  Hs.  —  1445,3.  stiiten]  gestriten  Ausgaben 
und  Hs. 

1448,  2.  lute  weinen]  Inte  fehlt  Hs. 

1449,  3.  tumbe  V.|  fehlt  Hs.  Offenbar  die  richtige  Lesart,  die  zu 
der  fehlerhaften  Einschiebung  einer  Halbzeile  im  nächsten  Verse  Anlass 
gab.  —  1449,  4.  schrien  litte]  l.  seh.  Hs.  und  Ausgaben. 

1450,  3.  dem  h.  strite]  den  h.  striien  Ausgaben  und  Hs.  —  1450,  4. 
unze  daz]  vntz  Hs.  und  Ausgaben. 

1451,  2.  von  V.  gebessert.  —  1451,4.  widere  von  mir  ergänzt.  — 
Das  zweite  von  mit  Z.  gestrichen. 

1452,2.  miner\  immer  Ausgaben  und  Hs.  —  1452,4.  tuo-schenke] 
tuot-schenktt  Ausgaben  und  Hs.  schenke  ist  des  Verses  wegen  not- 
wendig, denn  weder  die  Kürzung  schenkt  noch  die  Betonung  met  linde 
win  ist  statthaft. 

1453,  2.  3.  sin  kundenz  hän  getan  bezzer]  sij  künden  nicht  getan 
pessers  Hs. ;  hän  von  H.  ergänzt.  —  1453,  4.  sie  sürnde]  säumet  sich  Hs., 
sibnt  si  V.  —  unde  mit  im]  mit  Hs. 

1454,  3.  in  zöget  es]  in  zürnet  es  Hs.,  in  zowet  es  Haupt,  zouwen 
steht  fehlerhaft  an  Stelle  von  zogen  in  einigen  Hss.  Nibel.  5298.  6611 
Hagen. 

1455,  2.  grbz  Z.]  fehlt  Hs.  —  1455,  4.  stuont  im]  im  fehlt  Hs.  und 
Ausgaben. 

1456,  3.  wcerltche  Mute]  h.  werlich  vast  Hs.  —  1456,  4  uns  E.] 
fehlt  Hs.  — ■  riveigen  \  veigen  Ausgaben  und  Ils. 

1457,  4.  i'rn  keines]  ich  im  dhaines  Hs. 

1462,  2.  wä]  war  Ils.  und  Ausgaben.  —  1462,  4.  et  lange  siner 
friunde]  et  s.  fr.  I.  Hs.  und  Ausgaben. 


218  KARL  BARTSCH     • 

1463,  3.  mugen  V.|  kunnen   IIs.  --   niht  keren]  niht  Ausgaben  und 
Ils.         1463,  4.  in  E.J  fehlt  IIs. 

1464,  4.  hinder  sich  ze]  hinder  Ausgaben  und  Hs. 

1469,  1.  daz  von  E.  gestrichen.  —   1469,  3.  da  her]  der  herre  Hs 
und  Ausgaben. 

1470,  4.  der]  der  reche  Hs.  und  Ausgaben. 

1471,  2.  des  edelen]  des  Hs.  und  Ausgaben. 

1474,  2.  als]  als  ob  IIs.  und  Ausgaben.  -  -  1474,  3.   sam  E.j  also 
IIs.  —   1474,  4.  unten  ven&iern]  leiten  fehlt  Hs.    Vgl.   1670,  3. 

1475,  3.  hoher  von  E.  gestrichen.  —   1475,  4.  dö  rüefen]  rüefen  do 
Ausgaben  und  Hs. 

1477,  2.  von  Z.  umgestellt.  ■ —  ndcK\  nahen  Hs.  und  Ausgaben. 

1481,  2.  der  von  E.  gestrichen.   —  1481,  3.  von  V.  umgestellt.  — 
—  eine  V.]  ainen  Hs.  —   1481,  4.  ze  leide  mit  V.  gestrichen. 

1482,  3.  ich  enwosre]  ich  war  dann  Hs. 

1483,  4.  iemen  recken]  yemand  Hs. 

1484,  4.  iu  Haupt]  nu  Hs. 

1485,  4.  üz  strite  von]  von  Hs.  Vgl.   1488,  4. 

1486,  4.  vor]  hie  vor  Hs. 

1488,  4.  üz]  üz  dem  Ausgaben  und  Hs. 

1489,  3.  hin  entgegene]  veinde  Hs.  —   1489,  4.  sine  degene]  die  sine. 
Hs.  und  Ausgaben. 

1490,  1.  Ein  V.J  Sein  Hs.,  Sin  Ausgaben.  —  1490,  3.  er  sprach  Z.] 
fehlt  Hs. 

1491,  2.  war  H.]  wo  hin  IIs. 

1492,  2.  der  küene  Z,J  fehlt  IIs.  —   1492,  4.  torste  II  J  fehlt  IIs. 

1493,  3.  dar]  da  Hs.,  do  Ausgaben.  —  1493,  4.  vor  —  vor  V.] 
von  —  von  Hs. 

1494,  4.  von  E.  gebessert. 

1495,  3.  vil  von  E.  gestrichen. 

1496,  1.  von  E.J  vor  IIs.  —  1496,  2.  würfen]  werffen  IIs. 

1497,  2.  volgle]  volgeten  IIs.  -  1497,  3.  besten]  aller  pesten  Hs. 
und  Ausgaben.  —   1497,  4.  in  der  bärge  inder  E.J  ynndert;    vgl.   1302,  4. 

1499,  3.  joch  Z.J  auch  Hs. 

1500,  4.  c/a  mite  Haupt J  da  IIs. 

1501,  1.  zäw?]  gezam  Hs.  und  Ausgaben.  —  1501,  4.  der]  die  Hs., 
c/o?  Ausgaben.  —  da  manigez  V.]  m.  <ia  Hs. 

1503,  2.  den  V.J  tZer  Hs. 

1504,  I.  manigen]  manigem  IIs.  und  Ausgaben.  —  1504,  2.  sjV] 
sy  des  IIs.  und  Ausgaben.  —  1504,  4.  dannoch  fehlt  Hs.  und  Aus- 
gaben; E.  M.  P.  ergänzen  grözen. 


BEITRÄGE   ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRÜN,  219 

1505,  1.  min  frou]  fraw  Hs.  —  1505,  4.  von  Haupt  gebessert. 

1506,  3.  tcol  beliben]  lebenfi<j  wol  b.  Hs.,  w.  I.  bliben  V. ;  lebendic 
ist  Glosse  von  beliben.  —    1506,  4.  von  M.  gebessert;  her  E.J  fehlt  Hs. 

1507,  3.  und  von  Z.  gestrichen.  —  1507,  4.  entwiche»]  nicht  entw. 
Hs.  und  Ausgaben.  —  si  Z.j  so  Hs.  —  verhouwen]  zerhoincen  Aus- 
gaben und  Hs. 

1509,  3.  ir  mir  E.J  yemand  H. 

1510,  2.  huop]  zeliannde  Jtuob  Hs.,  zehant  huop  Ausgaben,  zeharide 
halte  ich  für  eine  fehlerhafte  Wiederholung  von  zenden.  —  1510,  3. 
nehmenden  Haupt]  sehennden  Hs.  —   1510,  4.  von]  von  den,  Hs.  und  Ausg. 

1511,  1.  er  icas  Z.J  was  er  Hs.  —  ivas  im]  im  fehlt  Hs.  und  Aus- 
gaben. —  1511,  3.  von  Z.  umgestellt.  —  1511,  4.  iht  minniclichA  miii- 
nicliche  fehlt  Hs. ;  vgl.  1529,  4. 

1512,  1.  Wan]  Nun  Hs.,  Niwan  Ausgaben.  —  1512,  3,  nu  wis 
fehlt  Hs. ;  wis  ergänzt  Haupt.  —   1512,  4.  hie  H.J  fehlt  Hs. 

1513,  3.  diu  frouu-e  K.\  Chaudmn  Hs.  —  1513,  4.  harte  fehlt  Hs. 
und  Ausgaben. 

1514,  4.  uns  armen]  arme  uns  Ausgaben  und  Hs. 

1515,  4.  do  vil  manigen  fehlt  Hs.;  manigen  ergänzt  H. 

1516,  3.  4.  nach  V.  gebessert.  —  1516,  4.  edele  frouwe]  edtle 
fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1518,  1.  von  V.  gebessert. 

1519,  1.  grimmicliche]  grimlich  Hs. 

1520,  3.  ruht  V.\  fehlt' Hs.  —   1520,  4.  hie  E.J  fehlt  Hs. 

1521,  4.  er  sprach  von  Z.  gestrichen.  --  der  H.]  die  Hs. 

1523,  1.  des]  der  Hs. ,  die  Ausgaben.  —  sales  \l.\  pales  Hs.  — 
1523,  3.  het  Haupt |  fehlt  Hs.  —    1523,  4.   vil]  gar  Hs.  und  Ausgaben. 

1524,  3.  heizent  Haupt]  liaysset  Hs.  —  1524,  4.  so  H.J  fehlt  Hs. 

1525,  4.   /fc]  von  Hs.  und  Ausgaben. 

1526,  2.  vil  mit  V.  gestrichen.  —   1256,  4.  von  E.  gebessert. 

1530,  3.  er  H.]  fehlt  Hs.  —  ze  von  Z.  gestrichen.  —  der]  den 
Ils.   und   Ausgaben. 

1531,  3.  durch  daz]  dar  umb  da::  LIs.  und  Ausgaben.  —  1531,  4. 
vil  guot]   vil  fehlt   Ils.    und   Ausgaben. 

1532,  4.  minneclicher]  minneclieh  Hs.,  minnecliche  Ausgaben. 

1533,  1.  von  Z.  gebessert.  —  1533,  2.  der  Ar.j  die  Hs.  —  daz 
mit  V.  gestrichen.  —  1533,  3.  von  Y.  gebessert.  —  1533,  4.  werden 
von  Z.  gestrichen. 

1534,  1.  wurden  des]  des  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1534,  3. 
betwungen  ivceren]  warn  bezwungen  Hs.;   weeren  E. 


220  KABL  BAETSCB 

1535,  4.  diu  min]  dest  mynnder  Tis. 
15.37,    1.  von  Z.  unigestellt. 

1539,  2.    von   IL  gebessert.    -        1539,    3.    meide  X .}  fehlt  Hs.  _ 
1539,  4.  et  Z.]  fehlt  Hs.  --  Die  Unistellung  nach  Haupt. 
1510,    1.  den  E.J  fehlt  Hs. 

1541,  2.  da  der]  derJls.  und  Ausgaben.  —  1541,  4.  bazdä  von]  Ja«Hs. 

1542,  1.  vierzic]  der  vierzic  Ausgaben  und  Hs.  —   1542,  2.  sehs  V .] 
sech/zig  Hs.  —  1542,  3.  er  was  Z.]  war  Hs. 

1544,  2.  da  beliben]  da  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —    1544,  3.   Tene- 
marken]    Ten  mar  che  Hs.,  von    Tenemarke  Ausgaben. 

1546,  1.  die  E.J  fehlt  Hs.    -       1546,  3.  roup  H.J  weih  Hs.  -  da 
von  Z.  gestrichen.  —   1546,  4.  das  zweite  von  mit  E.  gestrichen. 

1547,  2.  cferj  t/a  Hs.    —    1547,  3.   urliuges]  ir  urliuges  Ausgaben 
und  Hs.   —   1547,  4.  dannoch  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1549,  4.   iu  jimgelingen]  jung  dingen  Hs. ,  iu  Uegeiingen  Ausgaben. 

1550,  4.  stunde  V.J  mal  Hs. 

1551,  4.  von  V.  gebessert. 

1552,  3.  käener  manne]  Jcüenen  mannen  Hs.  und  Ausgaben. 

1555,  3.  dem  lande]  den  landen.  Ausgaben  und  Hs. 

1556,  2.  und  mit  E.  gestrichen. 

1557,  3.  liezet]  lazet  Ausgaben  und  Hs. 

1558,  4.  sin  mit  Haupt  gestrichen.  —  den  banden  V.]  dem  pande  Hs. 

1560,  2.  und  V.]  fehlt  Hs. 

1561,  4.  besunder]  haymlich  b.  Hs.  und  Ausgaben,  heimlich  ist  er- 
klärende Glosse  zu  besunder,  wenn  auch  eine  falsche. 

1562,  2.  raup  H.]  fehlt  Hs.   —    1562,  4.   den  frouwen  heim]  heim 
Ausgaben  und  Hs. 

1563,  2.    von  Haupt  gebessert.    —    1563,   3.    ir]  es  Hs. ,    ez  Aus- 
gaben.  —   1563,  4.  der]  daz  der  Hs.,  daz  V.  P. 

1564,  3.  darf  Z.J   bedarf  Hs. 

1505,  3.  sok  E.J  softs  Hs.  —  1565,  4.  von  H.  unigestellt. 

1566,  3.  golt  H.]  fehlt  Hs. 

1567,  2.  niht  H.j  fehlt  Hs.   —  swerz]  daz  wir  Hs.,  swer  daz  V. 

1568,  1.  siz  V.]  sy  Hs. 

1569,  1.  2.  von  H.  gebessert. 

1570,  4.  dar  Z.]  da  Hs.  —  <&  H.]  fehlt  Hs. 

1571,  4.  wo/  mit  Z.  gestrichen. 

1572,  1.  in]  nu  Hs.  und  Ausgaben. 

1573,  1.  uzer]  uz  Ausgaben  und  Hs.    -        1573,  2.  in  hin]  in  Hs. 
und  Ausgaben.  —    1573,  4.  vor  ir  frouwen]  vor  ir  fehlt  Hs. 

1574,  1.  den  E.J  fehlt  Hs.  —  1574,  2.  stner  V.J  ir  Hs. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  221 

1575,  4.  sint  Z.]  sein  Hs. 

1576,  2.  ir  V.]  ye  Hs       -  1576,  4.  ?V  E.]  fehlt  Hs. 

1577,  2.  JFaJm  siu  V.|  FFate  «VA  Hs.  —  1577,  4.  ?nm?  «M^i«  dir] 
man  gebe  dir  dann  Hs. 

1578,  1.  swa  ich]  was  ich  Hs.  Vgl.  1590,  1.  —  1578,  3.  sam  iet 
sin]  also  tet  ouch  Hs. 

J579,  3.  dise  H.]  die  Hs. 

1580,  1.  ern  sl  mir]  er  sey  mir  dan  Hs.  —  1580,  2.  ist  E.]  sein 
Hs.  —   1580,  4.  von  V.  gebessert. 

1581,  3.  so  vil]  vil  Ausgaben  und  Hs. 

1582,  4.  haben  dine  E.]  haben  Hs.,  maget  haben  P. 

1583,  1.  sän]  an  Hs ,  dan  V.,  allezan  Haupt  (Z.  5,  507). 

1584,  3.  uzer]  uz  V.  und  Hs. ,  dar  ftz  Z. ,  diu  mag  et  uz  P.  — 
1584,  4.  rfü'^e  mit  V.  gestrichen. 

1585,  1.  fron  mit  E.  gestrichen.  —  1585,  2.  bezzer]  bezzcrs  Aus- 
gaben und  Hs.   —  1585,  3.  edel  habe  ich  gestrichen. 

1586,  3.  der  mit  Z.  gestrichen.  —  1586,  4.  rehten  von  mir  getilgt. 

1587,  3.  von  Z.  umgestellt.  —  1587,  4.  s?/  willekomen]  w.  s.  Hs. 
und  Ausgaben.  —  alle  her  ze]  alle  ze  Hs.  und  Ausgaben. 

1588,  4.  bezzisten]  pesten  Hs.  und  Ausgaben. 

1589,  4.  *oZ  E.]  solt  Hs. 

1590,  1.  ttion  H.]  rf?>n  Hs.  —  1590,  2.  feere  Z.]  fcwwie  Hs. 

1591,  3.  4.  vonH.  ergänzt.  —  äbende]  äbendes  Hagen  und  die  andern. 

1592,  2.  ouch  von  E.  gestrichen.  — ■  1592,  3.  golde  Haupt]  icalde 
Hs.  —  100I  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1595,  3.  von  E.  umgestellt.  —  1595,  4.  dem  känie  IL]  H.  dem 
känige  Ausgaben  und  Hs. 

1597,  1.  diu  frouwe  Orfrün]  0.  fraic  Hs.  —  lät  et]  lät  Ausgaben 
und  Hs.  —  1597,  3.  halten  Haupt]  behalten  Hs.  —  1597,  4.  der  siner] 
der  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1598,  1.  durch  habe  ich  gestrichen. 

1599,  3.  erstatten  Z.]  erstatten  Hs. 

1600,  4.  baz  da]  dd  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1601,  1.  von  E.  umgestellt.  —  1601,  2.  nie  V.]  fehlt  Hs.  — 
1601,  4.  von  Z.  ergänzt. 

1602,  2.  bezzersit]  s.  b.  Ausgaben  undHs. —  1602,4.  von  Z.  gebessert. 

1603,  3.  luot  V.]  ladet  Hs.  —  1603, 4.  werte] gewerte  Hs.  und  Ausgaben. 

1605,  2.  ander  künige]  aines  anndern  küniges  Hs.  —  1605,  3.  ir 
eteslicher]  yetzlicher  Hs. 

1606,  1.  mir  H.]  fehlt  Hs.  —  1606,  4.  [kröne  V.j  die  kröne  Hs. 
Derselbe  Fehler  in  der  Hs.  Nib.   178.  2794. 


222  KARL  BARTSCH 

J60T,  1.   volgles  E.]  volo<lt>  des  1  Is.    —    1607,  4.   diu  frouwe]  fraio 
11s.  und  Ausgaben.  —  in  ir]  m't  I ls    —   harte  E.J  fehlt  Hs. 

1609,  1.  <?II.]  er  Hs.  —1609,  2.  von  mir  umgestellt.  —  vor  Z.]  von  Hs. 

1610,  3.  dar  Z.]  fehlt  Hs.  -  1610,  4.  r/m  mV  schcene  II.  tete] 
es  tet  d,  v.  .<?.  II.  Hs. 

1611,  2.  t/er  von  E.  gestrichen.  —  1611,  4.  schiere  sande]  schiere 
fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1614,  1.  daz  Hut]  die  leid  Hs.  —  1614,  4.  man  den  gesten\  man 
Hs.,  man  do  Z.  E. 

1615,  1.  gcebe]  gab  Hs.  und  Ausgaben. 

1618,  2.    wZ  von  E.  gestrichen.    —    1618,  3.  von  Z.j  vom  Hs.   - 
1618.  4.  gie  mit  im]  gie  Hs.  und  Ausgaben. 

1619,  3.  freuden]  fr  ende  Hs.  und  Ausgaben. 

1620,  2.  niht  so  E.]  so  nicht  Hs.  —  1620,  3.  so]  wann  Hs.  — 
1620,  4.  ir  lüterc  ez]  vnnd  wann  es  ir  Hs. 

1621,  3.  gewänne]  gewan  Hs.  und  Ausgaben.  —  1621,  4.  du  hast 
mit  ir  wünne  soft  sy  dir  werden  ze  frawen  vnndertan  Hs. ;  die  Heraus- 
geber ändern  solt  in  sol  und  streichen  ze  frouwen  (E.  V.)  Der  Grund 
der  Änderung  des  Schreibers  lag  in  dem  rührenden  Reime,  den  er 
meiden  wollte.  Er  stellte  daher  in  der  zweiten  Zeile  die  Worte  um 
und  fügte  undertän  hinzu,  um  einen  Reim  zu  gewinnen.  Daher  muß 
gelesen  werden:    sol  siu  dir  ze  frouwen  \  werden,  du  hast  mit  ir  wünne. 

1622,  3.  von  Haupt  gebessert.  —  1622,  4.  jane  haust  du  In  ir] 
ja  h.  d.  b.  ir  nymmer  Hs. 

1624,  3.  üz   Tenelant  fehlt  Hs. ;  uz   Tenelande  V. 

1625,  3.  vor]  von  Hs.  und  Ausgaben.  —  lande]  landen  Ausgaben 
und  Hs.  —  frouwe  E.J  fehlt  Hs.  —  1625,  4.  von  V.  umgestellt.  — 
herliche  fehlt  Hs. 

1626,  1.  in  heimliche]  heimlichen  Ausgaben  und  Hs.  Vgl.  Nib.  544 
Hagen,  in  heinliche,  wo  d  ebenfalls  in  weglässt,  —  1626,  2,  die]  zu 
der  Hs.  und  Ausgaben. 

1627,  3.  gewande  E.j  fehlt  Hs. 

1 628,  4.  mit  den]  den  Hs.,  hie  den  E.  —  in  sende  heim  V  |.  ich  in  h.  s.  Hs. 

1629,  2.  destebaz]  deste  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1629,  4.  von 
Z.  umgestellt.  —  ze  friunde  gewinne]  zu  friunden  müge  gewinnen  Aus- 
gaben und  Hs. 

1631,  4.  beide  fehlt  Hs.  und  Ausgaben.  —  1632,  4.  von  V.  gebessert. 
1633,  1.    mirz]  mir  Hs.  und  Ausgaben.    —    1633,  3.    michz  E.j  es 
mich  Hs.  —  1633,  4.  ichz  iht]  ichs  Hs. 

1 634,  2.  sprächen  E.j  sprechen  Hs. 

1635,  1.  niwan  E.j  wan  Hs.  —    1635,  4.  iuch  von  Z.  gestrichen. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  UND  KRITIK  DER  KUDRUN.  223 

1636,  4.  harte  gerne  fehlt  Hs  ;  frou  Küdrün  ergänzen  Z.  E.  V. 

1637,  1.  dir  fristen]  die  friste  Hs.    -  ■    1637,4.  mit  V.  umgestellt. 

1638,  3.  nnd  auch  mit  Haupt  gestrichen.  —  mme  möge  da  keime 
diuJite]  d.  h.  m.  m.  d.  Hs.  —  1638,  4.  irrer -liehe  V.j  fehlt  Hs.  —  ge- 
scehe  Haupt]  sähe  Hs. 

1639,  1.  schämen  H]  fehlt  Hs.  —  1639,  2.  mit  V.  umgestellt.  — 
1639,  4.  ninder]  nynndert  dir  Hs.  und  Ausgaben. 

1640,  3.  von  Z.  umgestellt.  —  1641,  3.  das  erste  ouch  habe  ich 
gestrichen. 

1641,  4.  da  werde]  werde  Ausgaben   und  Hs. 

164-2,  1.  nach  V.  ouch  gestrichen.  Vielleicht  aber  ist  und  lohet  p~ 
eine  fehlerhafte  Wiederholung;  auch  an  ir  hant  ist  dann  entstellt  aus 
iu  an  iwer  hant.  —  1642,  2.  sivie  schiere]  wie  Hs.,  swie  Ausgaben. 

1643,  4.  Karade]  Karadie  Hs.  und  Ausgaben. 

1644,  1.  wart]  gef Heget  ward  Hs.,  als  Glosse  zu  betrachten.  So 
bessert  auch  E. 

1644,  3.  üzer   Tenelunde\  aus   Tennemarehe  lannde  Hs. 
1646,   1.  wer  Z.]  fehlt  Hs.  —  süenen  Z.]  versuenen  Hs.  —  1646,  4. 
wände]  vnd  Hs.,  wan  V.  —  eine  E.J  allaine  Hs.   --  alle  E.]  alles  Hs. 

1648,  4.  Küdrün  V.]  Hilde  Hs.  —  mit  V.j  in  Hs. 

1649,  4.  gar  von  h]  von  ir  Hs.,  von  ir  gar  E. 

1650,  2.  ietweder]  'iefwederz  Ausgaben  und  Hs. 

1651,  1.  diu  H.]  diu  fehlt  Hs.  und  Ausgaben;  ebenso  1653,  1.  — 
lieber  mit  V.  gestrichen. 

1652,  4.  es  V.]  sein  Hs. 

1653,  4.  iuz]  iuehs  Hs.,  iuehs  Z.  E. ;  ichs  iueh  V. 

1655,  2.  der  V.]  die  H.  —  1655,  3.  er  mit  in  riten  \  hat]  pat  er 
mit  in  reiten  Hs.  —   1655,  4.  werten]  geioerten  Hs.  und  Ausgaben. 

1656,  4.  recken  V.]  helde  Hs. 

1 658,  3.  si  fuoren]  frieren  Hs. 

1659,  3.  frouwen]  den  fueren  Hs  ,  den  frouwen  II.  und  die  andern. 
—  1659,  4.  verbrennet  ivcere]  war  verbrennet  Hs. 

1660, 2.  von  Z.  umgestellt.  —  1660, 4.  horte]  hört  ivolHs.  und  Ausgaben. 
1661,  1.   riche  H.]  fehlt  Hs.    —    1661,  3.   wer  V.]    weihe  Hs.   — 
1661,  4.  hie  mite  so]  so  fehlt  Hs.  und  Ausgaben. 
1663,  4.  vil  Z.]  fehlt  Hs. 

1666,  2.  von  H.  gebessert.  —  1666,  4.  vierer]  vierlls.  und  Ausgaben. 

1667,  3.  hochzite]  hochzeit  Hs.  —  1667,  4.  ze  V.]  vor  Hs.  — 
da  ff]  fif  Ausgaben  und  IIs. 

1668,  3.  helde]  recken  Hs.  und  Ausgaben.  —  1668,  4.  vil  schefte 
hört  man]  m.  h.  vil  seh.  Hs.  und  Ausgaben.  —  recken]  helde  Ausgaben  und  Hs. 


224  KARL  BARTSCH.  BEITRÄGE  etc. 

1669,  1.  windes]  wint  Hs.  und  Ausgaben.  —  1669,  3.  von  E.  um- 
gestellt. —   1669,  4.  da  mit  V.  gestrichen. 

1671,  3.  an  dein]  unz  an  den  Hs.  und  Ausgaben.  —  zite]  -uteri 
Ausgaben  und  Hs.  —  1671,  4.  da]  als  Hs.  und  Ausgaben. 

1672,  2.  hande  IL]  fehlt  Hs. 

1673,  2.  vil  iooI  H.j  fehlt  Hs.  —   1673,  4.  in  Z.J  den  verenden  Hs. 

1674,  2.  von  Z.  gebessert. 

1675,  3.  den]  disen  Hs.  und  Ausgaben.  —  1675.  4.  du  da:  sarli] 
da:  sack  du  Ausgaben  und  Hs. 

1677,  3.  zwo]  ze  Hs.  und  Ausgaben. 

1678,  3.  als  niht]  ob  er  niht  Ausgaben   und  Hs 

1680,  4.  warn  V.J  wanet  Hs. 

1681,  1.  kamer  en  H.]  kamerare  7j.  und  Hs.  ■ —  1681,  3.  dem  diu 
küniginne]  daz  im  die  junge  künigin  Hs.  und  Ausgaben.  —  1681,  4. 
silber  unde  u-dt]  toat  Hs. 

1682,  1.  den  von  den]  den  Hs.  den  von  Ausgaben. 

1684,  1.  dein  V.J  gestain  Hs.  1684,  3.  Ab.ili]  Abagy  Hs.  AI  akie 
Z.  E.  —   1684,  4.    Waten  V.J    Wate  Hs.  -  holden  E.J  helde  Hs. 

1685,  2.  dein  küenen]  dem  Hs.,  deine  Ausgaben. 

1686,  4.  so  von  Z.  gestrichen. 

1687,  1.  ein  von  E.  gestrichen.  —  1687,  2.  wo/ von  E.  gestrichen. 
-  1687,  3.  siner  E.J  seine  Hs.  —  1687,  4.  es]  sein  Hs. 

1688,  2.  ouch  H.j  fehlt  Hs. 

1689,  1.  in  E.J  mw  Hs. 

1690,  3.  gesähen  ein  ander  selderi]  s.  g.  an  einander  Hs. 

1691,  3.  uz  V.J  von  Hs.  —  1691,  4.  von  V.  umgestellt.  —  heim 
iehlt  Hs.  und  Ausgaben. 

1692,  3.  freuten]  freut  da  Ausgaben  und  Hs.  —  diele]  diet  Hs.  und 
Ausgaben.  —  1692,  4.  freuden  da  beriete]  beriet  Hs.  und  Ausgaben. 

1695,  3.  noch  deheine]  noch  Hs.  —  1695,  4.  Karade,  dem  lande] 
Karadie  in  dem  lande  Hs.  und  Ausgaben. 

1696,  4.  der  V.J  die  Hs. 

1699,  3.  sehen  des  jdres]  d.  j.  s.  Hs.  —  1699,  4.  ich  sus]  ich  Hs. 
und  Ausgaben.  —  nimmer  E.J  ymmer  H. 

1700,  3.  uzer  Mateldne]  aus  Matelanes  Hs. 

1702,  2.  beliben]  warn  Hs.,  waren  Ausgaben.  —  1702,  3.  von  V. 
gebessert. 

1704,  4.  siz]  sis  Ausgaben.  —  immer  V.J  nymmer  Hs. 

1705,  1.  beide  samt]  beide  ensaml  Ausgaben  und  Hs. 


V9.K 


ÜBER  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXT  DER 

GOTHISCHEN  ÜBERSETZUNG  DES  BRIEFES 

AN  DIE  RÖMER. 


Der  Brief  an  die  Römer  enthält  nach  der  gewöhnlichen  Zählung 
433  Verse,  die  auf  sechzehn  Capitel,  deren  umfangreichstes,  das  achte, 
39  Verse  zählt,  das  kleinste,  das  dreizehnte,  nur  14,  vertheilt  sind. 
Von  jenen  nahezu  fünfthalbhunclert  Versen  sind  uns  in  der  gothischen 
Übersetzung  nicht  mehr  als  176  erhalten,  die  also  auch  mit  Einrechnung 
der  noch  hinzu  zu  zählenden  15  unvollständigen  Verse  noch  um  mehr 
als  zwanzig  hinter  der  Hälfte  jener  Gesammtzahl  zurückbleiben. 

Die  gothischen  Verse  aber  vertheilen  sich  nach  den  bekannten 
Handschriften;  einmal  der  in  Wolfenbüttel,  die  eben  nichts  weiteres 
Gothisches  als  ihre  wenigen  Verse  aus  dem  Briefe  an  die  Römer  ent- 
hält, übrigens,  so  viel  man  weiß,  die  einzige  Handschrift  in  Deutschland 
mit  Stücken  der  gothischen  Bibelübersetzung  ist,  und  dann  der  reich- 
haltigeren in  Mailand,  auf  folgende  Art.  In  Wolfenbüttel  finden  sich 
vier  einzelne  Stücke  des  Römerbriefes,  die  aus  dem  elften  bis  fünf- 
zehnten Capitel,  deren  aber  keines  darin  vollständig  ist,  zusammen 
34  Verse  und  noch  acht  Versstücke  oder  unvollständige  Verse  enthalten. 
Davon  sind  acht  Verse  und  ein  Versstück  auch  in  Mailand,  ein  zweites 
Versstück  aber  und  zwar  der  Beginn  des  Ganzen,  aus  dem  33.  Verse 
des  elften  Capitels,  ergänzt  genau  ein  Mailänder  Versstück  zu  einem 
vollständigen  Verse. 

Auch  das  aus  dem  Römerbriefe  in  Mailand  Erhaltene  bildet  kein 
ununterbrochen  Zusammenhängendes  mehr,  sondern  zerfällt  in  vier  größere 
Stücke  und  ein  kleineres.  Das  größte  umfasst  etwa  sechzig  Verse  ohne 
Unterbrechung,  das  vierte  etwa  dreißig,  innerhalb  deren  auch  das  eine 
Wolfen!) üttler  Stück  liegt,  dessen  acht  Verse  als  auch  in  Mailand  be- 
findlich kurz  vorhin  von  uns  schon  bemerklich  gemacht  wurden,  das 
kleinere  fünfte  aber  enthält  nur  drei  unversehrte  Verse,  nämlich  den 
22.,  23.  und  24.  des  sechzehnten  Capitels,  denen  das  Schlußstück  des 
21.  Verses  noch  vorausgeht.  Diese  letzteren  Verse  aber  bildeten  zugleich 
den  Schluß  der  gothischen  Übersetzung  des  Römerbriefes ,  da  gleich 
darauf  die  Worte  du  RCmionim  ustauh  „an  die  Römer  endigte"  folgen 
und  du  Rümdnim  melip  'ist  us  Kaurirtfidn  „an  die  Römer  ist  geschrieben 
aus  Korinth".  Die  sonst  noch  folgenden  Verse  25,  26  und  27  fehlten 
also  dem  Gothen,  wie  sie  auch  einigen  griechischen  Handschriften  des 

GERM  W'l  \  \  1 5 


22(J  LEO  MEYER 

Neuen  Bundes  abgehen.  An  einzelnen  Versen  sind  in  Mailand  aus  dem 
Kömerbrief  im  Ganzen  149  vollständig  erhalten  und  dazu  noch  acht 
Versstücke,  von  denen  das  eine,  wie  wir  oben  schon  bemerkten,  in 
Wolfenbüttel  zu  einem  vollständigen  Verse  ergänzt  wird.  Es  vertheilen 
sich  die  Verse  aber  so,  daß  sie  außer  den  oben  bereits  bezeich- 
neten des  sechzehnten  Capitels  und  außer  dem  bewahrten  Schlußverse 
des  sechsten  Capitels,  sämmtlich  dem  siebenten  bis  vierzehnten  Capitel 
angehören,  von  denen  aber  nur  das  siebente,  mit  25  Versen,  das  neunte 
und  zehnte,  mit  33  und  21  Versen,  und  das  dreizehnte,  mit  14  Versen, 
ganz  vollständig  bewahrt  sind.  Gar  nichts  erhalten  ist  in  Mailand  aus 
dem  fünfzehnten  Capitel,  von  dem  aber  wie  schon  bemerkt  in  Wolfen- 
büttel einiges  gerettet  ist  und  zwar  im  Ganzen  neun  unversehrte  Verse 
und  zwei  Versstücke.  Dagegen  sind  ganz  für  uns  verloren,  mit  Aus- 
nahme noch  des  letzten  Verses  im  sechsten  Capitel,  die  sechs  ersten 
Capitel  unseres  Briefes. 

In  einer  Kleinigkeit  dürfen  wir  aber  die  letzte  Bemerkung  wohl 
noch  beschränken.  Das  erste  der  uns  erhaltenen  acht  dem  Umfang 
nach  einander  ziemlich  gleichen  Stücke  einer  gothisehen  Erklärung  des 
Evangeliums  nach  Johannes  und  zwar  ein  auch  in  Mailand  befindliches 
(das  dritte,  vierte  und  achte  jener  Stücke  befinden  sieh  in  der  Vaticans- 
bibliothek  in  Kom)  beginnt  mit  den  Worten  *aei  frapjai  atypau  sökjai 
p»P;  allai  usvandidSdun  samana  w<brükjai  vaurpun,  „der  verständig  sei 
oder  suche  Gott,  alle  wandten  sich  ab,  zusammen  wurden  sie  unnütz". 
Diese  Worte  gehören  ursprünglich  dem  Psalter  an  und  zwar  finden  sie 
sich  sowohl  im  vierzehnten  Psalm,  Vers  2  und  3,  als  in  den  mit  ihnen 
fast  ganz  genau  übereinstimmenden  Versen  3  und  4  des  53.  Psalmes, 
.die  wir  nach  den  Siebzig  hieher  stellen,  dabei  das,  was  uns  in  gothi- 
scher  Übersetzung  nicht  erhalten  ist,  einklammernd:  [xvgiog  (Psalm  53 
hat  dafür:  o  •d'fög)  ex  tov  ovqccvov  disxvtytv  hui  tovg  viovg  räv  av- 
ftocinaV)  xov  idsiv  ei  söxi]  övvlcov  rj  8x£,>]tg>v  xov  &fov.  nüvxeg  s£d- 
xkivav  apa  rjXQEia&qGai'  \ovx  süxi  noiäv  xgtjöroTtjTa  (Psalm  53:  ayad-ov) 
ovx  eözLV  sag  ivog].  Aus  dem  Psalm  aber  sind  die  Worte,  und  zwar 
genauer  als  manche  andere  von  ihm  dem  alten  Bunde  entnommene 
Stellen,  von  Paulus  angeführt  im  dritten  Capitel  des  Kümerbriefes, 
dessen  elfter  und  zwölfter  Vers  folgendermaßen  lauten,  wobei  wir  wieder 
einklammern  wie  oben:  [ovx  ioxiv]  övvlcov  ovx  egxiv  ix^rav  tov 
fttov.  7iccvTeg  i^sxkivav  u\nu  r\%Qkiü)%\]<3uv  [ovx  soxiv  tioicöv  xQi]6xoxrixK 
ovx  eöxiv  f'ojg  ivog].  So  weit  sie  für  unsere  gothische  Übersetzung  in 
Frage  kommen,  findet  in  den  beiden  Psalmen  und  bei  Paulus  eine  fast 
vollständige  Übereinstimmung  der  Worte  Statt,    der   einzige   durchaus 


ÜBER  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXT  etc.  227 

untergeordnete  Unterschied  besteht  darin,  daß  Paulus  das  ovx  eötiv 
wiederholt,  während  die  Psalme  kürzer  mit  jj  anreihen,  wo  nach  dem 
hebräischen  Urtext  eigentlich  gar  nichts  hätte  stehen  sollen.  An  das  % 
scheint  sich  der  Gothe  mit  seinem  aippau  „oder"  eng  anzuschließen. 
Diese  kleine  Verschiedenheit  von  den  Worten  des  Paulus  ist  nun  aber 
von  so  untergeordneter  Bedeutung  und  konnte,  auch  wenn  keine  einzige 
Handschrift  des  Römerbriefes,  wie  es  wirklich  der  Fall  zu  sein  scheint, 
das  fragliche  rj  selbst  enthielt,  dem  ganzen  Zusammenhange  nach  be- 
grifflich so  leicht  entspringen,  daß  das  aippau  jedenfalls  noch  nicht  als 
irgend  beweisend  dafür  gelten  kann,  daß  der  Gothe  die  Psalmenstelle 
selbst  vor  sich  gehabt  haben  müsse.  Da  der  Verfasser  der  Johannes- 
erklärung nun  aber  auch  sonst  einige  Male  seine  Bibelstellen  nicht  ganz 
genau  giebt,  sein  ganzes  Werk  aber  in  durchaus  engstem  Zusammen- 
hang mit  dem  Neuen  Bunde  steht,  außerdem  aber  die  fraglichen  Worte 
in  der  christlichen  WTelt  ohne  Zweifel  erst  dadurch  geläufiger  wurden, 
daß  Paulus  sie  im  Römerbriefe  anführte,  so  hat  für  uns  die  Annahme 
ganz  und  gar  kein  Bedenken,  daß  jene  in  Frage  stehenden  Worte  dem 
Gothen  zunächst  nur  neutestamentliche  waren.  Wir  würden  sie  deshalb 
in  einer  Ausgabe  der  gothischen  Bibelübersetzung  nicht  als  Psalmen- 
bruchstück einreihen,  wie  es  von  einigen  geschehen  ist,  sondern  an  der 
betreffenden  Stelle  des  Römerbriefes,  für  den  wir  darin  bei  unsern 
obigen  Zahlenangaben  auch  noch  zwei  besondere  Versstücke  mit  in 
Anrechnung  gebracht  haben,  deren  erstes  durch  ein  vorangehendes  bloßes 
nist  „nicht  ist"  noch  zu  einem  vollständigen  Verse  geworden  sein 
würde. 

Die  auf  die  beiden  besprochenen  Versstücke  des  Römerbriefes, 
wie  wir  sie  also  bestimmt  glauben  bezeichnen  zu  dürfen ,  in  der  Jo- 
hanneserklärung unmittelbar  folgenden  Worte  jahju  vfdaüpaus  atdrusun 
staua  „und  jetzt  fielen  sie  unter  das  Gericht  des  Todes"  sind  dem 
Neuen  Bunde  nicht  mehr  entlehnt.  In  Bezug  auf  sie  mag  hier  noch 
bemerkt  sein,  daß  in  der  Handschrift  nicht  das  dativische  stauai,  wie 
Maßmann  in  seiner  ersten  Veröffentlichung:  der  Johanneserklärunor  vom 
Jahre  1834  hat,  steht,  sondern  der  Accusativ  staua,  wie  Uppström  mit 
Bestimmtheit  versichert.  Ihm  aber  verdanken  wir  die  genaueste  und 
jetzt  allein  noch  maßgebende  Ausgabe  der  Johanneserklärung,  wie  sie 
mit  enthalten  ist  in  seinen  Fragrnenta  Gothica  selecta  ad  fidem  codicum 
Aihbrosianonmi  Carolini  Vaticani  (Upsala  1861),  über  die  ich  bald  nach 
ihrem  Erscheinen  in  den  Göttingischen  gelehrten  Anzeigen  von  Seite 
1401  bis  1407  genauer  berichtet  habe.  Der  Vollständigkeit  wegen  mag 
hier  noch  bemerkt  sein,  daß  die  oben  besprochenen  beiden  Versstücke 

15* 


228  LEO  MEYER 

aus    dorn   Briete   an    die   Römer    genau    so    wie    früher    von  Maßmann, 
von  Uppström  wieder  gelesen  worden  sind. 

Für  die  in  Wolfenbütte]  bewahrten  Verse  des  Römerbriefes  aber, 
die  naeh  einer  neuen  genauen  Durchsicht  der  Handschrift  in  dem  oben 
angeführten  Werke  von  Uppström  auch  wieder  neu  herausgegeben 
worden  sind,  hat  er  in  der  That  mehreres  von  der  früheren  Lesung 
Abweichende  entdeckt,  das  hier  auch  wieder  kurz  zusammengestellt 
sein  mag.  Capitel  14,  Vers  17  steht  in  der  Handschrift  piudavgard 
und  nicht  das  zu  erwartende  piudcmgardi  „Reich",  für  dessen  auslau- 
tendes i  kein  Platz  mehr  sei;  14,  11  ist  das  ursprünglich  geschriebene 
alla  razdö  von  dem  Schreiber  noch  in  all  razdö  „alle  Jungen"  verän- 
dert, wie  denn  der  Gothe  in  ähnlichen  Verbindungen  mit  dem  Genetiv 
auch  sonst  immer  das  Neutrum  setzt.  Statt  des  unrichtigen  mad  12,  20 
fand  Uppström  deutliches  mat  „Speise",  wie  es  die  Mailänder  Handschrift 
auch  hat.  Es  beschränken  sich  daher  die  kleinen  Verschiedenheiten  in 
den  Versen ,  die  sowohl  in  Mailand  als  in  Wolfenbüttel  bewahrt  sind, 
auf  leitaidau  „es  werde  gelassen"  12,  19,  statt  dessen  die  Mailänder 
Handschrift  das  gewöhnlichere  letaidan  bietet,  und  auf  hairu  „das  Schwert" 
13,  4,  an  dessen  Stelle  in  Mailand  hairau  gelesen  wird,  die  für  den 
Accusativ  minder  gewöhnliche  Form. 

Wie  höchst  wichtig  und  gewinnreich  nun  aber  auch  schon  alle 
bisherigen  neuen  Ausgaben  der  gothischen  Texte  durch  Herrn  Professor 
Uppström  gewesen  sind,  die  der  Silberhandschrift  (Upsala  1854),  die 
der  für  verloren  gehaltenen  zehn  Upsaler  Blätter  (Upsala  1857),  und 
zuletzt  die  der  in  Mailand  bewahrten  Verse  des  Matthäus,  der  in  Wol- 
fenbüttel  erhaltenen  Verse  des  Römerbriefes  und  der  Johanneserklärung, 
welche  letzteren  drei  Sachen  eben  in  den  oben  genannten  Fragmenta 
Gothica  selecta  (Upsala  1861)  zusammengefasst  sind,  so  scheinen  in  der 
That  doch  alle  seine  früheren  Arbeiten  fast  in  Schatten  gestellt  werden 
zu  sollen  durch  seine  neueste,  der  wir  mit  dem  lebhaftesten  Verlangen 
entgegen  sehen,  wir  meinen  seine  Ausgabe  aller  in  Mailand  befindlichen 
gothischen  Denkmäler  und  also  namentlich  der  umfangreichen  Stücke 
der  paulinischen  Briefe.  Schon  auf  der  Philologenversammlung  in  Han- 
nover habe  ich  in  einem  kurzen  Vortrage  vor  der  germanistischen  Sec- 
tion  die  hohe  Wichtigkeit  dieser  in  Aussicht  stehenden  Veröffentlichung 
hervorgehoben  und  sie  namentlicht  in  einigen  Einzelnheiten  verdeutlicht, 
wie  deren  Herr  Professor  Uppström  mir  eine  erkleckliche  Anzahl  in 
freundschaftlichster  Weise  vorläufig  brieflich  mitgetheilt  hatte.  Nun  hat 
der  Druck  bereits  begonnen,  und  wenn  seine  Förderung  auch  noch  ge- 
raume Zeit  in  Anspruch  nehmen  wird,  so  werden  wir  doch  in  nicht  all- 
zuferner  Zeit  der  Vollendung  des  Ganzen  entgegen  sehen  dürfen. 


ÜBER  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXT  etc.  229 

Die  ersten  beiden  Bogen,  in  denen  das  vom  Kölnerbrief  Bewahrte 
schon  vollständig  enthalten  ist  und  einige  Stücke  auch  schon  aus  dem 
ersten  Briefe  an  die  Korinther,  hat  Uppströms  Freundschaft  mir  bereits 
in  die  Hände  gelegt  und  mit  ihnen  in  uneigennützigster  Weise  die.  Er- 
laubniss  völlig  freier  Benutzung.  Da  kann  ich  ihm  nicht  besser  danken, 
und  ich  möchte  es  gern  auf  die  beste  Weise,  als  wenn  ich,  sogleich  nach- 
dem eine  andere  mühvolle  und  langwierige  Arbeit  wieder  die  Hand  frei 
gelassen  hat,  an  diesem  Orte  seine  köstlichen  Blätter  gewissermaßen  mit 
ihm  selbst  wieder  durchlese  und  des  neuen  Gewinnes  gemeinsam  mit 
ihm  mich  von  Neuem  erfreue.  Meine  Bemerkungen  und  Mittheilungen 
sollen  sich  aber  ganz  auf  den  Römerbrief  beschränken.  Aber  auch  an 
diesem  in  der  Mailänder  Handschrift  kaum  anderthalb  hundert  Verse 
zählenden  Stück  wird  sich  schon  aufs  Allerdeutlichste  berechnen  lassen, 
wie  ungemein  viel  Neues  Uppströms  sorgsames  Auge  gefunden  hat  und 
wie  neben  seiner  neuesten  Arbeit  nun  plötzlich  alle  früheren  Ausgaben 
der  gothischen  Denkmäler,  von  ihren  sonstigen  zum  Theil  sehr  großen 
Verdiensten  ganz  abgesehen,  doch  in  ihrem  gothischen  Text  als  völlig 
veraltet  und  wirklich  unbrauchbar  geworden  erscheinen  müßen. 

Im  siebenten  Capitel,  Vers  3,  giebt  Uppström  'ip  jabai  „aber  wenn" 
statt  des  bisherigen  einfachen  jabai,  neben  dem  dem  griechischen  dg 
gegenüber  die  Bezeichnung  des  Gegensatzes  empfindlich  vermisst  wurde; 
Vers  7  wird  gelesen  nis  sijai  und  ebenso  Vers  13  statt  der  früheren 
ni  sijai;  man  las  jenes  nis  sijai  auch  früher  schon  Römer  9,  14;  11,  1  und 
1 1 ,  während  ni  sijai  gar  nicht  im  Römerbriefe  vorkommt.  Über  die 
weibliehe  Form  nimandei  Vers  8  und  Vers  11  statt  des  früheren  un- 
richtigen vimands,  das  nur  männlich  sein  konnte,  habe  ich  schon  im 
neunten  Jahrgange  der  Germania,  Seite  137,  gehandelt  uud  ebenso 
zwei  Seiten  früher  über  Uppströms  naus  vas  „sie  war  todt"  am  Schluß 
des  achten  Verses  statt  des  alten  vas  navis;  die  Form  navis  ist  gänzlich 
beseitigt.  Vers  9  giebt  Uppström  von  dem  bisher  Gelesenen,  oder  darf 
man  wohl  sagen  nur  Gerathenen,  ip  ik  simle  inu  vitop  libaida  at  qvimandein, 
wesentlich  verschieden  ip  ik  qvim  inu  vitdp  simli  'ip  qvimandein ,  dnß 
alsoMaßmanns  nach  qvimandein  eingeschobenes  pan  durchaus  missrathen 
ist;  übrigens  ist,  wo  es  sich  um  strenge  Behandlung  handschriftlicher 
Überlieferung  handelt,  auch  durchaus  unnöthig,  die  zahllosen  Änderungs- 
vorschläge und  auch  wirklich  ausgeführten  Änderungen  dieses  sonst 
so  verdienten  Gelehrten  irgend  wie  zu  berücksichtigen,  und  ganz  ins- 
besondere in  Bezug  auf  die  gothischen  Texte,  in  denen  jeder  Buch- 
stabe ein  schweres  Gewicht  für  uns  hat  und  nicht  gleich  beliebigen 
Meinungen   und  Muthmaßungen  geopfert  werden  kann.   Vers  18  schließ* 


•2'M)  LEO  MEYER 

bei  Uppström  mit  ni  dem  einfachen  griechischen  ov  der  besseren  Hand- 
schriften gegenüber,  während  früher  bigita  „ich  finde"  zugefügt  wurde, 
wie  mehrere  griechische  Handschriften  allerdings  noch  evQiGxa  haben. 
Vers  23  steht  andveihando,  nicht  unrichtiges  andvaihando;  das  einfache 
veihan  „kämpfen"  (nicht  veigan,  wie  mehrfach  mit  Unrecht  geschrieben 
wird)  ist  noch  belegt  Timotheus  2,  2,  4  im  Infinitiv  veihan  und  Ko- 
rinther 1,  15,  32  im  Präteritum  vaih  „ich  kämpfte".  Vers  24  beginnt 
dem  griechischen  xakaincjQog  „unglücklich,  elend"  gegenüber  nicht 
mit  vainans,  sondern  mit  dem  durch  mehrseitige  Muthmaßungen  ge- 
wissermaßen schon  vorbereiteten  vainags,  das  in  den  gothischen  Denk- 
mälern, falls  man  nicht  etwa  veinei  „wenn  doch"  damit  zusammenstellen 
darf,  sonst  keine  nahzugehörige  Formen  zur  Seite  hat;  es  entsprechen 
aber  genau  althochdeutsches  wenac,  icenag,  xceneg  „unglücklich"  mittel- 
hochdeutsches wenec  „unglücklich,  klein,  gering,  wenig"  und  unser 
wenig,  die  man  schwerlich  mit  unserm  weinen,  dem  gothisches  gvaindn 
entspricht,  zusammenbringen  darf. 

Im  achten  Capitel  sind  am  Ende  des  vierten  Verses  die  den  grie- 
chischen alXa  xccrcc  nvevy^a  entsprechenden  Worte  ah  bi  ahmin,  die 
wir  bei  Uppström  lesen,  bisher  ganz  übersehen ;  sie  bilden  den  Schluß 
einer  der  etwas  längeren  handschriftlichen  Zeilen.  Den  Ausgang  des 
neunten  Verses  las  man  früher  habai  pis  ni  ist  is,  was  Maßmann  in 
habai'p  is  ni  'ist  u  änderte,  eine  wegen  des  in  ganz  verschiedener  Be- 
deutung wiederholten  'is  jedenfalls  sehr  wenig  zusagende  Ausdrucks- 
weise ;  Uppström  giebt  habai])  sa  nist  is,  wodurch  alle  Bedenken  gehoben 
werden  und  namentlich  auch  das  die  ungewöhnliche  Trennung  von  ni 
und  ist  betreuende,  statt  deren  sonst  überall  nur  nist  vorkommt.  Die 
Vers  36  ganz  vereinzelt  begegnende  Verbindung  in  ]nth  „deinetwegen", 
statt  deren  man  wohl  hätte  in  peina  erwarten  mögen,  wie  zum  Beispiel 
Markus  8,  35  und  sonst  in  nieina  „meinetwegen"  gebraucht  ist,  giebt 
Uppström  auch.  Im  38.  Verse  waren  die  Worte  ni  libains  „nicht  Leben" 
ganz  übersehen,  Uppström  hat  ni  dauj)us  ni  libains  nih  aggeljns;  im 
folgenden  Verse  steht  dem  griechischen  dvvn6£rai  nicht  mahteiga  ist 
gegenüber,  sondern  nach  dem  gewöhnlicheren  Gebrauche  kürzer  magi; 
nur  die  Participform  dvvdfisvog  ist  ein  paarmal  (Epheser  3,  20;  Ti- 
motheus 2,  3,  7  und   15)  durch  mäht  ei gs  übersetzt. 

Das  neunte  Capitel  erhält  durch  Uppströin  zunächst  Bestätigung 
tiir  die  auffällige  Form  unhveilo  Vers  2  und  für  usbida  in  Vers  3;  dann 
aber  wird  das  trübere  IsraelUai  Vers  4  in  Jsraeleitai  verändert,  wie  die 
fremde  Namensform  auch  sonst  nur  ei  im  Innern  hat,  nämlich  nach 
Römer   11,1    und  Korinther  2,   11,  22.     Vers  6   giebt   Uppström    aus 


ÜBER  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXT  etc.  23 1 

der  Handschrift  us  Israela  statt  des  alten  us  Israel,  wie  der  Gothe 
auch  sonst  ganz  gewöhnlich  den  im  griechischen  und  lateinischen  Text 
unflectierten  hebräischen  Namensformen  gothische  Flexion  zufügt,  wie 
zum  Beispiel  gleich  im  folgenden  Verse  in  in  Isoket.  In  Bezug  auf  die 
wahrscheinlich  zu  fijaida  „ich  hasste"  V.  13  gehörige  Randlesart  andvaih 
„ich  bekämpfte",  wie  man  geglaubt  hat  lesen  zu  dürfen,  müßen  wir 
abwarten,  was  Uppström  in  seinen  Anmerkungen  bringen  wird,  die 
nicht  wie  in  seiner  Ausgabe  der  Silberhandschrift  und  den  übrigen 
gleich  unter  den  Text  gestellt  sind,  sondern  den  Schluß  des  Ganzen 
bilden  sollen.  Dem  schließenden  ov  av  oixxaiQta  Vers  15  gegenüber 
giebt  Uppström  das  unentbehrliche  panei  bleipja  ohne  die  handschrift- 
liche Beglaubigung,  da  er  nach  einem  gewiss  nicht  zu  scheltenden 
Grundsatz  offenbare  Fehler  der  Handschrift  seinem  Text  entzieht. 
Vers  17  erscheint  an  Stelle  des  störenden  larafmi  die  rein  gothische 
Dativform  Faraona;  gleich  darauf  heißt  es  an  Stelle  des  griechischen 
ort,  £tg  avxo  xovxo  i^yetgä  Ob  nicht  mite  in  pize  jah  raisida  puk,  son- 
dern genauer  sich  anfügend  unte  du  pamma  sübm  ur raisida  pule;  neben 
dem  häufigen  urraisjan  „aufrichten,  erwecken"  und  dem  noch  häufigeren 
urreisan  „aufstehen,  sich  erheben"  begegnet  keine  einzige  nahzugehörige 
Form  ohne  das  Präfix  ur —  (für  us).  Statt  des  unrichtigen  andatandi 
Vers  19  giebt  Uppström  andstandip,  das  eine  Zeile  der  Handschrift 
schließt,  wie  mit  allen  Versschlüssen  die  Handschrift  auch  die  Zeilen 
abzubrechen  pflegt.  Im  folgenden  Verse  erhalten  wir  statt  des  stören 
den  gadikis  „Gebilde"  ein  gadigis,  das  mit  dem  nah  darauf  folgenden 
digandin  „dem  Bildenden"  eng  zusammen  gehört.  Von  dem  daraus  sich 
ergebenden  Zeitwort  kommen  sonst  nur  noch  die  passiven  Particip- 
formen  gadigans  (Timotheus  1,  2,  13)  und  digana  (Timotheus  2,  2,  20) 
vor,  was  alles  zusammen  für  das  Gothische  den  in  der  Regel  ange-, 
setzten  Infinitiv  deigan  „bilden"  noch  nicht  erzwingt;  er  ergiebt  sich 
indess  aus  dem  ohne  Zweifel  zugehörigen  daigs  „Teig,  Masse"  und 
wird  auch  sonst  noch  sehr  wahrscheinlich  gemacht  durch  weiter  ver- 
wandte Formen,  wie  das  altindische  dih  (für  digh)  „beschmieren,  be- 
streichen", dem  das  lateinische  fingere  „bilden"  (aus  dhingere  für  dmghere) 
entspricht.  Vers  25  steht  nicht  die  Namensform  Osein,  sondern  Osaien 
also  ausnahmsweise  mit  ai  für  griechisches  rj ,  da  man  ein  altes  'ilöse 
neben  Slorje  doch  schwerlich  wird  vermuthen  dürfen.  Am  Schluß  des- 
selben Verses  steht  statt  der  ungeschlechtigen  Pluralformen  po  unlivbdna 
liubona,  über  die  von  der  Gabelentz  und  Loebe  gar  nichts  bemerken, 
dem  griechischen  xy\v  ovx  rjyaTtrifievnv  r[yanr\^ivY\v  genau  entsprechend 
pöunliubon  liubon.  Für  das  griechische  xycet,u  finden  wir  Vers  27  hröpeip, 


232  LEO  MEYEK 

nicht  das  bisherige  schon  durch  sein  ei  störende  greteip  ;  grütan  über- 
setzt sonst  nur  xhaisiv,  xqcc£,slv  ist  stets  durch  hropjan  oder  auch  uf- 
hropjan  wiedergegeben.  Nicht  das  fragende  niu,  wie  man  früher  gelesen 
hat,  wobei  freilich  die  große  Ähnlichkeit  der  gothischen  xi  und  h  sehr 
leicht  auf  das  Richtige  leitete,  sondern  das  unbedenkliche  nih  finden 
wir  Vers  29  dem  griechischen  sl  [xi]  gegenüber,  das  auch  sonst  noch 
mehrfach  damit  übersetzt  wird.  Der  folgende  Vers  beginnt  mit  liva 
„was",  wo  nach  der  alten  Angabe  die  Handschrift  hvo  haben  sollte, [^und 
schließt  mit  galaubeinai,  deren  drei  Schlußzeichen  früher  nicht  gefunden 
sind;  über  beides  werden  Uppströms  Anmerkungen  ohne  Zweifel  das 
Genauere  angeben.  Noch  ist  für  das  neunte  Capitel  zu  bemerken,  daß 
in  seinem  Schlußverse  die  Handschrift  allerdings  nur  lanbjands  „glaubend" 
bietet,  wie  Uppström  mir  brieflich  mittheilte,  den  zahllosen  Formen  mit 
dem  Präfix  ga  gegenüber  ohne  Zweifel  aber  nur  durch  ein  Versehen, 
weshalb  im  Texte  auch  galau'jands  gegeben  ist. 

In  Bezug  auf  das  zehnte  Capitel  ist  für  Vers  7  noch  zu  erwarten, 
ob  Uppström  über  einige  am  Rande  gefundene  Buchstaben,  rjo  wie  an- 
gegeben ist,  etwa  Genaueres  mittheilen  wird.  Im  neunten  Verse  steht 
nicht  fraujan,  sondern  der  Dativ  franjin,  von  vorhergehendem  andhaitis 
„du  bekennst"  abhängig;  ähnlich  ist  das  häufigere  andhaitan  „bekennen" 
auch  sonst  nur  mit  dem  Dativ  verbunden.  Im  selben  Verse  wurden  in 
urraisida  us  daufiaim  „er  erweckte  von  den  Todten"  die  Silben  da  us 
nicht  vermisst,  sondern  stehen  in  der  Handschrift  über  der  Zeile,  wie 
Uppström  mir  schreibt;  Maßmann  giebt  es  nicht  an,  von  der  Gabelentz 
und  Loebe  aber  haben  es  in  ihren  Nachträgen  schon  bemerkt.  Auch 
im  elften  Verse  ist  in  galaubjunds  das  ga  übergeschrieben.  Der  folgende 
Vers  enthält  bei  Uppström  sa  sama  „der  selbe",  wo  man  das  erste  sa 
in  der  Handschrift  bisher  nicht  fand.  Vers  14  steht  nicht  bloßes  pammei 
„welchem",  sondern  dujtammei,  von  ni  galaubidSdun  „sie  glaubten  nicht" 
abhängig;  beide  Verbindungsweisen,  bloßer  Dativ  oder  Dativ  mit  du, 
sind  bei  galaubjan  sehr  gewöhnlich.  Über  das  schließende  inu  merjandan 
„ohne  Verkündigenden"  ist  noch  nichts  bemerkt,  nach  der  alten  Mit- 
theilung stände  in  der  Handschrift  störendes  Ina  statt  inu.  Vers  18 
giebt  Uppström  andins  „Glänzen",  eine  bisher  nur  unsicher  gelesene 
Form,  über  die  seine  Anmerkungen  gewiss  auch  genauer  berichten 
werden;  die  Grundform  andi-  „Gränze"  scheint  sonst  nur  noch  belegt 
in  der  Zusammensetzung  andi-lausaize  „gränzenloser"  Timotheus  1,  1,  4, 
wo  aber  die  eine  Handschrift  andalausaize  haben  soll;  in  der  Zusammen- 
setzung könnte  indess  das  andi-  auch  sehr  wohl  aus  andja  „Ende" 
verkürzt  sein.    Statt   des    alten  durchaus    bedenklichen    inuh   piudörn  in 


ÜBER  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXT  etc.  233 

'piuda  Vers  19,  dem  griechischen  \%  ovx  e&vsi  sjiI  s&vsi  gegenüber, 
bringt  Uppström  alle  Schwierigkeit  auflösend  'in  unpiudön  'in  piudai 
„in  Nichtvölkern,  in  einem  Volke",  daß  also  das  gleich  folgende  un- 
frapjandein  „unverständig"  Dativ  ist,  nicht,  wie  man  früher  meinen 
mußte,  Accusativ;  die  Zusammensetzung  uripiuda  „Unvolk,  Nichtvolk" 
begegnet  nur  hier,  ist  also  eine  neugewonnene  Wortform,  wenn  sie 
auch  schon  früher  gemuthmaßt  worden  ist.  Vers  20  giebt  Uppström 
bigitans  varf)  paim  ohne  mip  vor  der  letztgenannten  Dativform ,  wie 
früher  gelesen  wurde;  Maßmann  hat  das  mip  allerdings  auch  nicht, 
aber,  da  er  gar  nichts  darüber  sagt,  wohl  nur  aus  Versehen. 

Das  elfte  Capitel  hat  gleich  in  seinem  ersten  Verse  eine  wesent- 
liche Besserung  erfahren,  es  steht  nicht  das  unmögliche  managein  sein- 
amma,  sondern  arbja  seinamma  „seinem  Erbe",  wornach  der  Gothe 
also  nicht  xbv  kccov  gelesen  haben  kann ,  sondern ,  wie  auch  ein  paar 
andere  Handschriften  haben,  xv\v  xXrjgovo^iiav ,  das  auch  sonst  immer 
durch  arbi  übersetzt  ist.  Der  zwölfte  Vers  beginnt  nicht  mit  up]mn 
„aber",  wie  man  bis  jetzt  hatte,  sondern  mit  ip ,  das  noch  mit  mehr 
Nachdruck  entgegensetzt;  im  folgenden  Verse  finden  wir  piudom  ohne 
das  vorausgehende  Demonstrativ  paim  der  alten  Ausgaben.  Der  dann 
folgende  Vers  hat  nach  dem  voraus  gesandten  ei  hvaiva  „ob  etwa" 
statt  des  indicativen  brigga  jetzt  ein  optatives  briggau  erhalten,  das  mit 
dem  bald  folgenden  gajiasjau  also  im  schönsten  Einklang  steht.  Im 
15.  Verse  ist  die  störende  Verbindung  des  männlichen  hvas  „wer"  mit 
dem  weiblichen  andanumts  „Annahme"  verschwunden,  und  mit  einem 
zugewonnenen  ö  heißt  es  jetzt  sehr  einfach  hva  so  andanumts  „was  (ist) 
die  Annahme".  Zwei  Unglücksformen  Vers  17  und  18,  dort  das  dati- 
vische vaurhtsa  und  hier  accusativisches  vaurts  finden  wir  auch  nicht 
mehr;  als  Dativ  giebt  Uppström  vaurtai,  als  Accusativ  vaurt,  zwei 
ganz  regelmäßige  Casusformen  zu  der  auch  sonst  mehrfach  gebrauchten 
weiblichen  Grundform  vaurti-  „Wurzel".  Nicht  quipais,  sondern  die 
Indicativform  qvipis  beginnt  den  19.  Vers,  dem  griechischen  Futur  egsig 
gegenüber.  Vers  22  steht  nicht  mehr  das  anstößige  appan  „aber", 
sondern  das  erwartete  aippau  „sonst",  mit  dem  auch  noch  Korinther 
1,  15,  29  das  griechische  IneC  übersetzt  ist,  und  Korinther  1 ,  7,  14 
fjttl  ccqcc.  In  diesem  Verse  steht  nicht,  wie  man  früher  las,  ]>is  vilpeis, 
sondern  pis  vilpjis  „des  wilden",  statt  dessen  man  wohl  die  schwache 
Form  pis  vilpjins  erwarten  mußte,  wie  Uppström  auch  in  seinen  Text 
aufgenommen  hat;  der  selbe  Vers  enthält  noch  eine  wichtige  Verände- 
rung in  der  Participform  intrusgips  „eingepfropft"  an  Stelle  des  frü- 
heren intrusgans,  die  einzige  Bildung,  nach  der  man  bisher  ein  starkes 


2IU  LEO  MEYER 

Verb  Intrisgan  anzusetzen  sich  für  berechtigt  hielt,  das  also  nun  erloschen 
ist;  die  noch  zugehörigen  gothischen  Bildungen  schließen  sich  eämint- 
lich  an  ein  abgeleitetes  Zeitwort  intrusgjan.  Im  folgenden  Verse  war 
das  unentbehrliche  unveisans  „unwissende"  früher  übersehen;  es  geht 
dem  Vocativ  broprjus  unmittelbar  voraus.  Für  das  elfte  Capitel  ist 
dann  nur  noch  zu  bemerken,  daß  Vers  33  dem  griechischen  ca  ßa&og 
gegenüber  o  diupipa  gelesen  wird,  wo  man  das  ö  früher  nicht  hatte. 

Das  zwölfte  Capitel  zeigt  Vers  10  nicht  mehr  friapvamüdai,  son- 
dern friapvamildjai  „liebesmild,  liebreich",  das  also  mit  unmildja 
„lieblos"  Timotheus  2,  3,  3  in  vollstem  Einklang  steht  und  außer 
Zweifel  stellt,  daß  unser  milde  in  gothischer  Grundform  mildja\ lautete; 
von  nahzugehörigen  Formen  finden  wir  in  unsern  gothischen  Denk- 
mälern sonst  nur  noch  das  weibliche  mildipa  „Milde,  Erbarmung,, 
Filipper  2,1.  Im  16.  Verse  giebt  Uppström  vor  hnaivam  „niedrigen" 
den  früher  nicht  gelesenen  Artikel  paim;  dann  ist  aber  nah  voraus 
noch  eine  Störung  beseitigt,  die  in  den  Worten  ni  hauhipa  fropjandans 
lag,  dem  griechischen  firj  xcc  vxpriXa  q)Qovovvxsg  gegenüber.  Außer  in 
der  mehrfach  begegnenden  Verbindung  pata  sarno  frapjan  „das  selbe 
denken,  einmüthig  sein",  die  auch  gerade  in  diesem  16.  Verse  vor- 
kommt j  steht  nämlich  sonst  nie  der  Accusativ  neben  frapjan,  sondern 
der  Dativ,  wie  noch  neulich  von  Arthur  Köhler  in  seiner  schätzens- 
werthen  kleinen  Schrift  'Über  den  syntaktischen  Gebrauch  des  Dativs 
im  Gothischen,  (Dresden  1864)  hervorgehoben  ist.  Da  ist  aber  Seite  27 
aus  Versehen  angegeben,  es  habe  sich  statt  jener  störenden  Verbindung 
die  Lesart  ni  hauhaba  fra!pjandans  ergeben;  Uppström  giebt  ni  hanbaba 
Imgjandans,  wie  zum  Beispiel  Filipper  2,  2  auch  das  griechische  tu 
avxo  (pQovelv  durch  pata  sarno  Imgjan   „das  selbe  denken"  übersetzt  ist. 

Im  13.  Capitel  sind  von  Uppström  mehrere  kleinere  Wörter  bei- 
gebracht, die  früher  übersehen  waren,  so  steht  Vers  6  dem  griechischen 
£lq  ctvto  xovxo  7CQog  xccQxspovvxeg  „eben  dazu  beharrlich  arbeitend" 
im  Gothischen  gegenüber  in  pamma  silhin  skalkinöndans  „in  demselben 
dienend",  worin  man  früher  das  in  unbeachtet  gelassen  hatte,  das  in 
der  Handschrift  eine  Zeile  schließt,  und  Vers  9  fügt  Uppström  nach 
aiiabusne  ein  ist  zu,  das  in  der  Handschrift  auch  den  Schluß  einer 
ziemlich  langen  Zeile  bildet.  Dann  ist  Vers  8  unmittelbar  vor  misso 
„gegenseitig"  noch  die  Pronominalform  izvis  „euch"  hervorgetreten; 
so  steht  das  misso  nirgend  mehr  ohne  zugefügtes  Pronomen :  denn  die 
einzige  Stelle,  wo  es  außer  an  der  vorliegenden  früher  noch  so  vorkam, 
Galater  5,  26 ,  ist  durch  Uppström ,  wie  er  mir  schon  früher  brieflich 
mittheilte,    auch  anders  geworden;    die  Handschrift    hat    dort  nicht  ni 


ÜBER  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXT  etc.  235 

vairpaima  ßautandans  missd  usliailandavs  an  Stelle  des  griechischen  fif] 
yivcdfie&cc  h£v6dot,oi  dl^Xovg  3iQotcccA.ov(ievoi ,  sondern  ni  vairpaima 
flautai  uns  missd  ushaitandans  „werden  wir  nicht  prahlerisch ,  uns  ein- 
ander herausfordernd",  durch  welche  letztere  Änderung  ein  neues  Ad- 
jectiv  flauts  „prahlerisch"  ans  Licht  gekommen  ist  und  die  störende 
Verbalform  flautan  beseitigt,  statt  deren  aus  der  einzig  belegten  Form 
ni  ßauteip  „sie  prahlt  nicht"  Korinther  1,  13,  4  nur  ein  ßautjan  sich 
ergiebt.  Im  schon  angeführten  neunten  Verse  ist  noch  eine  ganz  neue 
Wortform  gewonnen:  statt  des  bisherigen  faihugeironjais  giebt  Uppström 
ein  durchaus  neues  faihugeigais  „du  seiest  habsüchtig",  das  als  zusammen- 
gesetzt nur  ein  abgeleitetes  Verb  sein  kann  mit  dem  Präteritum  faihu- 
geigaida.  Die  Verbalform  faihugeiron,  die  eben  nur  hier  vorkam,  ist  damit 
also  erloschen.  Man  hatte  aber  an  zwei  Stellen  noch  nahzugehörige 
weiter  bestätigende  Substantive,  nämlich  faihugeiro  Timotheus  1,  6,  10 
als  Nominativ  dem  griechischen  (pilagyvgia  „Habsucht"  gegenüber  und 
faihugeironi  Kolosser  3,  5,  dem  griechischen  nksovs^Cav  entsprechend 
als  Accusativ,  statt  dessen  man  ein  naheliegendes  faihugeiron  vermuthet 
hat  als  regelmäßig  gebildeten  Accusativ  zu  jenem  weiblichen  faihugeiro. 
Nun  fand  aber  Uppström  an  der  letzteren  Stelle  vielmehr  faihugeigon  und 
an  der  vorausgehenden/m'/iw^r^o,  die  sich  also  deutlich  an  jenes  faihngeigan 
„begehren"  anschließen,  und  weiter  wohl  nah  zusammenhängen  mit  dem 
mehrere  Male  auftretenden  ga-geigan  oder  ga-geiggan  „gewinnen",  mit  dem 
das  griechische  xsQdaivsiv  übersetzt  wird.  Mit  jenem  faihugeiron  und  fai- 
hugeiro ist  aber  auch  noch  eine  dritte  bisher  dazu  gestellte  Form  gefallen, 
nämlich  das  sächliche  gairuni,  das  man  aus  dem  Dativ  gairunja  Thessaloni- 
cherl,4, 5  entnahm,  wo  Uppström  vielmehr  gairnein  ans  Licht  gebracht  hat, 
das  dem  griechischen  nad-os  „Leidenschaft"  übersetzend  gegenübersteht, 
während  es  Korinther  2,  7,  7  und  11  dem  griechischen  ejiiTto&nöig  „Ver- 
langen" und  Korinther  2,  8,  19  und  9,  2  dem  griechischen  TtQO&vpia 
„Lust,  Bereitwilligkeit"  entspricht.  Somit  ist  alles  verschwunden,  was 
die  bisher  angesetzte  auch  in  sich  durchaus  unwahrscheinliche  Verbal- 
form  geiran  „begehren"  anzusetzen  hätte  erlauben  können;  was  dazu 
gestellt  worden  ist,  beschränkt  sich  jetzt  auf  wenige  Formen,  die  sämmt- 
lich  auf  ein  adjectivisches  gairna-  „verlangend"  zurückkommen.  Darin 
steckt  aber  ganz  gewiss  kein  Grundvocal  i,  sondern  a  und  es  stellt  sich 
unmittelbar  zum  altindischen  hdryati  (aus  altem  ghdryati)  „er  liebt,  er 
verlangt",  zu  dem  zum  Beispiel  auch  das  lateinische  grälus  (aus  ghrätu*) 
„erwünscht"  gehört.  —  Über  drugkaneim  „Trunkenheiten"  ,  das  im 
13.  Verse  entgegentritt,  werden  Uppströms  Anmerkungen  ohne  Zweifel 
Näheres  sagen:    von  der  (isibelentz   und  Loebe  gaben  das  bedenkliche 


236      LE(>  MEYEB,  ÜBEB  DEN  HANDSCHRIFTLICHEN  TEXi  etc. 

dragkameim,  bemerken  aber  in  der  Anmerkung  zu  drugkaueim  Galater 
5,  21,  daß  dort  vielmehr  bei  neuer  Prüfung  drugkameim  gelesen  sei,  für 
das  nun  drugkaneim  werde  gesetzt  werden  müssen.  Wir  haben  in  drag- 
kanei  „Trunkenheit"  das  einfach  gebildete  Abstractum  zu  der  Particip- 
form  driigkans,  wie  sie  zum  Beispiel  Korinther  1,  11,  21  mit  ut  dem 
griechischen  [is&vei  „er  ist  trunken"   gegenübersteht. 

Im  14.  Capitel  gestaltet  sich  gleich  im  ersten  Verse  der  auffällige 
Pluralgenetiv  mitond  „der  Gedanken"  von  der  Grundform  initoni-  durch 
Uppström  in  das  regelmäßige  mitöne  um,  wie  auch  Epheser  2,  3  das 
gleichbedeutende  gamitone  schon  früher  gelesen  wurde  und  zum  Bei- 
spiel Markus  7,  21  der  entsprechende  Pluralnominativ  mitoneis  sich 
findet.  Im  dritten  Verse  enthält  wirklich  die  Handschrift  das  unrichtige 
pa?ia  maljandin  statt  des  richtigen  pana  matjandan  »den  starken",  wie 
auch  Uppström  in  seinen  Text  aufnahm ,  während  sich  einige  Wörter 
früher  das  handschriftliche  frakuni  statt  frahmni  rer  verachte"  eher 
festhalten  ließ.  Auch  im  folgenden  Verse  hat  Uppström  eine  hand- 
schriftliche Form  verändert,  nämlich  das  ganz  vereinzelt  stehende  ga- 
stopanan  „feststellen",  das  dem  griechischen  6xi\6ai  gegenüber  steht, 
in  gaslopan.  Wenn  der  Zusammenhang  jener  Form  mit  standan  „stehen" 
und  dem  Präteritum  stop  „ich  stand"  auch  unverkennbar  ist,  so  hatte 
man  doch  keine  andere  abgeleitete  Form  dieses  sonst  so  häufigen  Ver- 
bums ,  die  sich  ganz  nah  dazu  stellen  ließ ,  als  das  versschließende 
ungastöpanai  ,.unstät,  unbeständig"  Korinther  1,  4,  11.  Statt  dessen 
hat  nun  aber  Uppström  ein  kürzeres  ungaslöpai  gefunden  und  das  hat 
jene  Änderung  der  handschriftlichen  Lesart  wohl  veranlasst. 

Von  Vers  9  an  befindet  sich  der  übrige  Theil  des  14.  Capitels 
und  ebenso  was  vom  15.  Capitel  bewahrt  ist,  in  den  Wolfenbüttler 
Stücken,  von  denen  schon  oben  die  Rede  war.  Für  die  Schlußverse 
des  16.  Capitels  ist  durch  Uppström  noch  dem  griechischen  TsQztog 
gegenüber  die  Form  Tairtius  gebracht,  statt  des  bisherigen  durch  sein 
inneres  e  anstößigen  Tertius.  Damit  haben  wir  das  für  den  Römerbrief 
durch  Uppströms  unermüdliche  Bemühungen  neu  Gewonnene  im  We- 
sentlichen bezeichnet,  das  für  den  verhältnissmäßig  geringen  Umfang 
in  der  That  ganz  außerordentlich  viel  ist  und  für  unser  Verständniss 
des  Gothischen  von  allerhöchster  Bedeutung.  Als  Ankündigung  der 
Arbeit  Uppströms  mag  dieß  hier  genügen;  wenn  wir  erst  so  glücklich 
sind,  das  Unschätzbare  vollständig  in  Händen  zu  halten,  darf  ich  wohl 
in  ausführlicherem  Bericht  in  dieser  Zeitschrift  darauf  zurückkommen. 
GÖTTINGEN,  den   15.  Februar   18(J5.  LEO  MEYEli. 


237 


NEUES  BRÜCHSTÜCK  VON  ALBRECHT  VON 
HALBERSTADT. 


Ein  glücklicher  Zufall  führte  mir  vor  einiger  Zeit  ein  neues 
Bruchstück  von  Albrecht  von  Halberstadt  zu.  Der  Herr  Assessor 
Steinfeld  übergab  mir  nämlich  einen  beschriebenen  Pergamentstreifen, 
der  ihm  beim  Durchsuchen  der  auf  dem  hiesigen  Regierungsgebäude 
befindlichen  Acten  unter  die  Hände  gerathen  war.  Dieser  Streifen  ent- 
hält 144  Verse  von  Albrechts  Ovidübersetzung  (Ovid.  Metam.  VI, 
440  —  480).  Der  Augenschein  lehrt,  daß  er  ein  Stück  desselben  Exem- 
plares  ist,  von  welchem  ein  anderes  Stück  mein  Freund,  der  Herr 
Geh.  Archivrath  Dr.  Leverkus,  auf  dem  hiesigen  Rathhause  aufzufinden 
das  Glück  hatte.  Ohne  Zweifel  gehörte  es  zu  der  gräflich-oldenburgi- 
schen Bibliothek,  die  Graf  Christoph  (f  1566)  gesammelt  hat,  die 
später  zum  Theil  verbrannt,  zum  Theil  zerstreut  ist.  Was  Leverkus 
in  Haupts  Zeitschrift  f.  d.  A.  II,  360  -  7  über  das  Äußere  der  Hand- 
schrift mitgetheilt  hat,  gilt  auch  von  diesem  Bruchstücke;  es  findet 
sich  indess  dort  ein  Druckfehler,  der  hiermit  berichtigt  wird.  Wenn 
es  dort  heißt,  die  Schrift  sei  eine  schöne  und  große  Majuskel,  so  ist 
das  unrichtig;  es  muß  'Minuskel'  heißen.  Außerdem  ist  noch  zu  er- 
wähnen, daß  die  Columne  des  neuen  Bruckstückes  36  Zeilen  enthält, 
während  die  Columne  des  alten  Bruchstückes  nur  35  hat.  Bemerkens- 
werth  ist  noch,  daß  oben  ein  großes  C  und  unten  das  römische  Zahl- 
zeichen IX  steht.  Damit  ist  die  9.  Lage  der  Hs.  bezeichnet  und  unser 
Blatt  war  somit,  die  Lage  zu  4  Doppelblättern  (einem  Quaternio)  ge- 
rechnet, das  72.  der  Hs. 

Leider  ist  aber  auch  dieses  Bruchstück  nicht  ganz  unversehrt 
auf  uns  gekommen;  die  Scheere  des  Buchbinders  hat  es  beschnitten, 
wodurch  mehrere  Buchstaben  zum  Opfer  gefallen  sind;  sodann  ist  mit 
großen  Buchstaben  darauf  geschrieben: 

Copia  küche[n] 

Abrechnun[g] 
623. 
Dies  hat  an  den  betreffenden  Stellen  das  Lesen  einiger  Wörter  ersehwert. 
Die  Jahreszahl  [1]623  —  das  ältere  Bruchstück  diente  als  Umschlag 
eines  Einquartierungsregisters  aus  dem  Jahre  1625  —  lässt  vermuthen, 
daß  um  diese  Zeit  die  damals  vielleicht  noch  unversehrte  Handschrift 
zerrissen  und  zu  Buchbinderzwecken  verbraucht  sein  muß. 


•j.S.x  A.  LUBBEN 

Es  folgt  nachstellend  eine  wortgetreue  Abschrift;  Alles  was  zwi- 
schen Klammern  steht,  ist  ergänzt;  es  fehlte  entweder  am  Rande  voll- 
ständig oder  war,  in  der  Mitte  stehend,  unleserlich.  Die  Ergänzungen, 
die  mit  geuauer  Berücksichtigung  des  Raumes,  den  die  fehlenden  Buch- 
staben eingenommen  haben  würden,  gemacht  sind,  rühren  von  Leverkus 
und  mir  gemeinschaftlich  her. 

a.       Diu  jvrowe  irem  manne 
"ob]  ich  ettes wanne 
Ju  v]liz  in  hulden  icht  getete, 
vo]lgt  herre,  miner  bete. 
5.       Lat  Jmich  varen  über  se, 
vf]  daz  daz  ich  gese 
Den]  vater  vnde  die  swester  min. 

inajch  des  aber  nicht  sin, 
Diu]  swester  kome  zu  mir  here. 
10.  vf]  daz  er  dich  gewere, 

Gib]  ime  den  eit  ze   phande, 
daz]  wir  sie  ime  ze  lande 
Sond]en  in  uil  kürzen  tagen. 

ich]  wil  iz  ze  grozer  [ere]  sagen, 
15.      Mac]h  min  wille  vure  gan." 

de]r  vrowen  bete  wart  getan. 

Der]  koning  nicht  en  beite, 

wa]n  daz  er  sich  bereite 

Mit]  den  schüfen  an  die  vart. 

20.  ou]ch  stunt  der  wint  dare  wart, 

Dar]  der  koning  wolde  vare. 

dc]s  quam  er  uil  schiere  dare. 
Do]  der  sweher  vernam, 
da]z  sin  eidem  dare  quam, 
2.").       Er]  in  gesehen  wolde. 

do]  tet  er  als  er  solde. 
Er]  grüzte  sine  geste, 

di]e  snoden  vnde  die  beste, 
Mi]t  sconem  antfange. 
30.  do]  ne  redete  nicht  lange 

Tejreus  die  krumbe, 

erjen  sagete  war  vmbe 
Er]  dar  komen  were. 
"dilch  lazet  biten  sere 


NEUES  BRUCHSTÜCK  VON  ALBRECHT  VON  HALBERSTADT.         ->39 

35.      Di]d  tochter  uz  der  mazen, 

d]az  du  sie  wellest  lazen 

I».      Ir  s wester  gesellen. 

mach  unser  wille  geschehn, 
\V  iltu  dar  an  genenden, 
40.  daz   wir  sie  heim  senden 

In  kurzen  tagen  beide, 

daz  swer  ich  bi  dem  eide." 
Die  wile  quam  her  gegan, 

dar  vmbe  daz  biten  wart  getjan]. 
45       An  grozeme  homvte 
kleidere  uil  gute 
Trüch  sie  ane  uon  golde. 

ob  sie  tragen  solde 
Da  ze  rome  ein  keiserin, 
50.  des  wil  ich  gewis  sin, 

Sie  worden  da  uil  tiure. 
doch  was  div  creatiure 
So  wunnechlich  dar  vnder, 
daz  man  gotes  wunder 
55.      Dar  ane  mochte  scowen. 

vür  megede,  vür  vrowen, 
Vür  alle  erdesche  wip 

g[at]  ir  wWneehlicher  lip 
Ze  uorne  alse  verne 
60.  so  der  tage  sterne, 

Swenner  luter  uf  gat, 

vnd  in  diu  trübe  verlar, 
Vnde  die  Sternen  alle 
vil  gare  mit  talle 
(>.">.      Mvzen  ime  vnt  wichen, 
recht  al  samelichen 
Erleschete  div  reine 
daz  edele  gesteine 
An  ir  übe  also  gare, 
70.  daz  is  niemen  wart  gewar[c|. 

Durch   ir  selbes  scone 
sie  truch  eine  kröne 


240 


A.  LUHBKN 

c.  In  der]  koninginne  sal. 

si]e  trat  uil  lise  in  den  sal, 
75.      Diu  sc]one  phylomena, 

vnd]  ir  gesellen  dar  na. 
Dar]  under  sie  ze  uorn  schein, 

wu]nnechlicher  uil  dan  ein 
Bin]  me  in  dem  meyen. 
80.  ein]er  wilden  feyen 

Gelic]he  sie  erl uchte. 

daz]  sie  so  scone  duchte 
Dem]  gaste  zu  dem  male, 

daz]  wart  ir  beider  quäle. 
85.      Wan  d]o  sie  Tereus  gesach, 

ni]e  geschieht  daz  ime  gescach. 
Gar  er]  der  rede  vergaz, 

vnd]  allez  swigende  saz. 
Er  be]gund  en  binnen 
90.  ra]zen  uon  vnsinnen 

Vnd  v]on  gedanken  manechvalt. 

do]  gedacht  er  mit  gewalt 
Pand]yony  dem  alden 

die]  maget  uor  behalden, 
95.      Vnde]  sie  beherten 

mit]  bliitegen  s werten. 
Do  ge]dachter  aber,  wie 

er]  einer  vrowen,  div  sie 
Hete]  in  grozer  hüte, 
100.  ver]gebe  mit  deme  gute, 

Daz  si]e  daz  kint  verriete 

dur]ch  Ion  vnde  durch  miete, 
Vnd]  ob  sie  ouch  ze  lone 

eisch]ete  die  kröne 
105.       Vnd]  aisin  koning  riebe. 

also]  tobeliche 
Was  er]  des  tiubels  genoz, 

in  d]uchte  nicht  ze  groz, 

d.  Alle  ding  durch  sie  ze  tvne. 
J10.  so  tumplichen  kvne 

Machet  ime  div  minne 
d:\z  herz  vnd  al  die  sinne. 


NEUES  BRUCHSTÜCK  VON  ALBRECHT  VON  HALBERSTADT.         241 

Daz  swigen  ducht  in  al  ze  lanc, 
went  in  div  liebe  betwanc 
115.     Keren  ander  weide 

mit  bete  ioch  mit  leide 
Zu  siner  vrowen  botescaft. 

div  minne  tet  in  redehaft. 
Swen  er  uz  dem  wege  trat 
120.  vnd  uzer  mazen  gebat, 

Verrer  den  er  solde, 

so  sageter,  daz  wolde 
Sin  vrowe  recht  al  samelich, 
iz  wäre  uil  vmbillich7 
125.      Ob  er  nicht  en  tete, 

des  in  sin  vrowe  bete. 
Ouch  weinet  er  dar  vnder; 

wie  getan  ein  wunder, 
Daz  meinen  an  der  erden 
130.  vber  ne  mach  werden. 

Zu  sinem  ungelucke 

ouch  hanget  an  deme  ruck[e] 
Vf  deme  vater  uil  na 
div  scone  philomena 
135.      Mit  wizen  iren  henden, 
vnde  bat  sich  senden 
Vlizechlichen  über  se, 

daz  sie  die  swester  gese. 
Dar  vmbe  kuste  sinen  mvnt 
140.  die  scone  maget  wol  dusent  [stunt,] 

Des  vater.  zu  dem  male 

daz  was  ein  groz  quäle 
Dem  ungetruwen  gaste, 
vnde  wucherte  vaste. 
Was    die  Reime   betrifft,    so   bietet   dieses  Bruchstück    folgendes 
Bemerkcnswerthe  dar.  were  (für  wcere)  :  sere  (wie  Br.  a.  278).  heiserln : 
sin  49.  unliuichen  :  alsameliehen  65.  (hier  begegnet  also  -liehen  im  Reime 
s.  Bartsch  Albr.  v.  H.  CLXXXVI).  konincriche  :  tobeliche  140.  alsamellh: 
billlcli  123  (s.   Bartsch  CCXLII).  Rührende  Reime,  die  fast  eine  Lieb- 
haberei Albrechts   zu    sein    scheinen,    giebt  es    selbst   auch    in    diesem 
kleinen  Bruchstück  mehrere.  Außer  dem   bereits  angeführten   lieh  :  lieh 
noch  salzsal  73.    über  st:ges<?  5.    137.     alle '.mitalle  03.    nä :  Philouiend 

GERMANIA  X.  IG 


242  A.  LUBBEN 

75.  133.  —  Die  niederdeutsche  Sprache  ergiebt  sich  aus  dem  mangeln- 
den Umlaut  in  snode,  scone,  kuone,  vber,  ungelucke,  rucke,  ungetruive; 
(Umlaut  des  a  in  e  findet  sich  in  henden  :  senden  135);  ferner  aus  ein- 
zelnen Ausdrücken  wie  alden  :  behalden  93.  honing  73.  140.  vntivichen  65. 

BEMERKUNGEN. 

V.  1.  Diu  vrowe  irem  manne,  zu  ergänzen  etwa:  sagete,  nämlich 
Procne  zum  Tereus. 

V.  3.  vliz  getete:  'wenn  ich  euch  je  Fleiß  und  Eifer  gethan  habe', 
d.  h.  gegen  euch  je  (dienst)beflissen  gewesen  bin.  (Ovid.  440  si  gratia, 
dixit,  Vlla  mea  est.)  In  Müllers  mhd.  Wb.  findet  sich  unter  vliz  (3,  352) 
nicht  die  Redensart:  einem  vliz  tuon;  indess  steht  sie  dem  vlizen  tuon: 
do  loart  von  schämen  vrowen  vilmichel  vlizen  getan  (Nibel.  261,  4.  1593,  4) 
und  der  xoirt  gen  sinen  gesten  sich  sere  vlizen  began  (725,  4)  grammatisch 
und  logisch  so  nahe,  daß  an  ihrer  Richtigkeit  wohl  kein  Zweifel  ist. 

V.  25.  Man  hätte  hier  ein  vnde  erwartet:  'als  sein  Schwäher  ver- 
nommen hatte,  daß  sein  Eidam  dahin  gekommen  war  und  ihn  besuchen 
wollte,  da  that  er  (der  Schwäher)  etc.';  und  ich  war  auch  geneigt, 
dies  zu  ergänzen;  allein  Leverkus  belehrte  mich,  daß  die  letzte  Hälfte 
des  durchschnittenen  r  noch  dastehe  und  also  die  Ergänzung  von  vnde 
unwahrscheinlich  sei.  Ergänzt  man  er,  so  beginnt  mit  er  der  Nachsatz 
und  gesehen  steht  in  der  Bedeutung  des  einfachen  sehen.  Vielleicht  — 
denn  der  Ausdruck  hat  etwas  Holperiges  —  hat  ein  anderes  Wort 
als  er  da  gestanden.  Wickram   (nach  Bartsch  S.   108,  V.  25)  hat: 

do  der  sweher  sin  vernam 

daz  sin  tochterman  quam 

und  in  heimsuchen  wolde 

do  tete  er  als  er  solde. 
Wickram  ist  aber  für  die  Herstellung  des  ursprünglichen  Textes   eine 
gar  zu  unsichere  Autorität. 

V.  28.  die  snoden  vnde  die  beste]  Zusammenfassend  :  alle  miteinander; 
wie  auch  Walther  von  der  Vogel  weide  seinen  Gruß  bietet:  Quoten  tac, 
baes  xinde  guol  (Parz.  297,  25).  Auffallend  ist  hier,  daß  in  demselben 
Verse  nach  dem  Artikel  die  starke  und  die  schwache  Form  des  Ad- 
jectivs  steht. 

V.  31.  die  krumbe  reden]  Umschweife  machen;  eine  sonst  nicht 
belegte  Redensart. 

V.  39.  dar  an  genenden]  'Willst  du  es  wagen,  so  schwöre  ich  dir, 
daß  wir  sie  bald  wieder  heimsenden  werden'. 

V.  45.  an  grozeme  h.]  In  großem  Hochmuthe,  Stolz.  Ovid  451. 
Ecce  venit  magno  dives  Philomela  paratu.  Das  Komma  ließe  sich  auch 


NEUES  BRUCHSTÜCK  VON  ALBRECHT  VON  HALBERSTADT.         243 

ohne  Beeinträchtigung  des  Sinnes  nach  homüte  setzen:  fSie  kam  stolz, 
herrlich  hergegangen'.  Vielleicht  steht  es  sogar  besser  da,  indem  dann 
das  Folgende  nicht  so  überladen  erscheint. 

V.  51.  worden  —  wurden  als  Conj.  Imperf.  Als  Indic.  Imperf.  steht 
worden  Brachst,  a.  35. 

V.  59.  zevorne]  ze  vorne  gän  vure  übertreffen;  mit  Dativ  bei  Bartsch 
Albr.  S.  250,  V.  151: 

ich  gie  doch  eteswanne 
an  kinden  unde  an  manne 
an  cidemen  unde  an  snorn 
manger  kunegin  zuvorn. 
cf.   V.  77.  darunder  de  ze  vorne  schein;  sie  erschien  als  die  erste,  vor- 
züglichste. 

V.  66.  alsamelichen].  Als  Adv.  nicht  in  Müllers  mhd.  Wb.  auf- 
geführt. 

V.  75.  Philomena.  Über  diese,  besonders  bei  den  Franzosen  nicht 
seltene  Verderbniss  von  Philomela  s.  Grimm  und  Schindler,  latein. 
Dichtungen  des   10.  und  11.  Jahrh.  S.  322. 

V.  77.  gesellen]  hier  von  den  Gesellschafterinnen ,  welche  die 
Fürstentochter  umgeben. 

V.  82.  daz  sie  so  scone  duckte  dem  gaste].  Ein  Beispiel  zu  dünken 
mit  dem  Dativ;  denn  gaste  kann  nur  Dativ  sein. 

V.  87.  gar].  Diese  Ergänzung  von  Leverkus;  ich  stimmte  für  daz- 
als  Einleitung  des  Erklärungssatzes  zu  daz  ime  geschach. 

V.  90.  razen].  Dies  ist  freilich  ein  Wort,  das  der  mittelhoch- 
deutschen Sprache  fast  ganz  fremd  ist,  und  das,  wo  es  erscheint,  mit  .«, 
nicht  mit  z,  geschrieben  wird;  da  indess  ein  Begriff  der  Art,  'daß  er 
von  Verstand  kömmt',  nothwendig  ist  (cf.  Bartsch  Albr.  S.  109,  V.  76  sq. 
ir  schone  in  enzunde  \  und  tet  in  also  brinne  \  daz  er  vergaz  der  sinne  \ 
und  gewan  gedanke  manecvalt*)  und  die  Ergänzung  toben  oder  t umhin 
wegen  des  noch  stehenden  Restes  eines  z  unzulässig  war,  so  haben 
wir  nichts  Besseres  zu  finden  gewusst. 

V.  94.  vorbehalden]  vorenthalten,  nicht  wieder  herausgeben. 
V.  95.  beherten]  Ovid  464.  et  saevo  raptam  defendere  hello. 
V.   100.    vergebe]  einem  mit  guote  vergeben,  bestechen    (Ovid  461. 
nutricisque  fidem  corrumpeiej. 

V.  116.  mit  bete  jorh  mit  leide].  Die  schwierige  Stelle  ist  vielleicht 
so  zu  erklären:  'die  Liebe  nöthigte  ihn  zum  zweitenmale  (das  erstemal 
ist  es  V.  40  geschehen  :  aber  T.  wurde  in  seiner  Bede  durch  die  Er- 
scheinung der  Philomela  unterbrochen)   die  Botschaft  seiner  Gemahlin 

16* 


244  A-  EUI3BEN,  NEUES  BRUCHSTÜCK  etc. 

auszurichten,  indem  er  die  PL.  bat ;  doch  that  er  es  mit  Leid,  wie  ja 
liebe  und  leide  zusammen  gehören  ;  das  joch  ist  demnach  im  adversa- 
tiven Sinn  zu  nehmen,  wie  häufig;  s.  Müllers  mhd.  Wb.  u.  d.  W.  Die 
beiden  mit  sind  verschieden  aufzufassen  ;  das  erste  mit  (bete)  giebt  den 
Gegenstand  an,  in  Bezug  worauf  die  Aussage  stattfindet,  in  Betrefi', 
wie  Nibel.  496,  3.  wir  sümen  uns  mit  den  mceren,  und  421,  3.  alle  Prün- 
hilde  man  möhten  samfte  gän  mit  ir  übermüete;  das  zweite  mit  (leide) 
bezeichnet  Gemeinschaft,  Verbundensein;  das  joch  mit  leide  ist  daher 
wohl  zwischen  zwei  Kommata  zu  setzen.  Ovid  466  ff.  nee  capiunt  in- 
clusas  pectora  flammas.  Jamque  moras  male  fert;  cupidoque  revertitur 
ore  Ad  mandata  Procnes. 

V.  119.  siven  er  üz  dem  wege  trat].  Die  bildliche  Redensart  erklärt 
sich  hinlänglich  aus  dem  Folgenden :  'wenn  er  nicht  die  Linie  des  ge- 
ziemenden Austandes  inne  hielt.  Ovid  469.  quotiesque  rogabat  Vlte- 
rius  justo. 

V.  129.  meinen].  Das  Wort  kann  auch  niemen  gelesen  werden; 
dies  schien  uns  keinen  passenden  Sinn  zugeben.  Was  soll  aber  dieses  meinen 
bedeuten?  meinen  als  'gedenken,  liebend  gedenken'  als  synonym  mit 
minnen  ist  auch  dem  Zusammenhange  nach  sinnlos.  Der  Gedanke  würde 
allerdings  nicht  unpassend  sein:  'Es  ist  nichts  stärker  als  die  Liebe, 
wie  sich  auch  an  dem  Beispiele  des  Tereus  zeigt';  aber  dieser  lässt 
sich  weder  mit  Güte  noch  mit  Gewalt  aus  den  Worten  herauslesen. 
Einen  Schlüssel  zur  Erklärung  giebt  Ovid.  Dieser  sagt  V.  471  fg. : 
Addidit  et  lacrimas;  tamquam  mandasset  et  illas.  Proh  Superi!  quan- 
tum  mortalia  pectora  caecae  Noctis  habent!  ipso  sceleris  molimine 
Tereus  Creditur  esse  pius.  Es  erhebt  also  Ovid  Klage  über  die  Fin- 
sterniss  und  Bosheit  im  Herzen  des  Menschen,  der  das  Verbrechen 
selbst  in  den  Schein  der  Tugend  zu  kleiden  verstehe.  Etwas  Ähnliches 
wird  auch  wohl  Albrecht  sagen  wollen.  'Tereus  weinte  auch  dabei ; 
das  waren  aber  nur  verstellte  Thränen ,  Krokodilsthränen :  welches 
Wunder  ist  es  doch,  daß  Lug  und  Trug  (meinen)  in  der  Welt  nicht 
aufhören,  daß  man  dessen  nicht  überhoben  sein  kann!'  Bedenklich  sind 
indess  bei  dieser  Erklärung  erstens  der  Infinitiv  meinen,  indem  das 
Verbum  meinen  in  diesem  Sinne  sonst  nicht  in  Gebrauch  ist;  sodann 
der  absolute  Gebrauch  von  über  teerden.  Vielleicht  hat  der  Schreiber 
hier  einen  Fehler  gemacht.  Wie  aber  diese  Stelle  sonst  zu  erklären 
oder  zu  heilen  sein  mag,  weiß  ich  nicht. 

V.   132.    ouch  hanget   an   dem   rucke    vf  dem    vater  F.]    Ovid  475. 
patriosque  lacertis   Blanda  tenens  humeros. 

V.   141.    des  vater].    Nachholende    Erklärung    des    dnen    V.    139. 
Der  Punkt  nach  vater  rührt  nicht  von   uns  her,    sondern   steht   in  der 


REINHOLD  KÜHLEE,  EIN  ENGEL  FLOG  DURCHS  ZIMMER.  245 

Handschrift  selbst,  die  sonst  ohne  Bezeichnung  der  Interpunction  ist, 
nur  daß  an  einigen  Stellen  am  Schlüsse  der  Zeile  ein  Punkt  steht, 
der  aber  nicht  die  Geltung  eines  Interpunctionszeichens  haben  kann. 
Nach  den  graphischen  Regeln  des  MA.  aber  würde  in  der  Mitte  kein 
Punkt  stehen ,  wenn  er  nicht  die  Bedeutung  irgend  einer  Unterschei- 
dung haben  sollte.  Der  Schreiber  will  demgemäß  wohl  so  construieren: 
rdie  Jungfrau  küsste  den  Mund  ihres  Vaters.  Ganz  besonders  dieser 
Umstand  war  es,  der  dem  Tereus  Qual  verursachte',  tomalen  in  diesem 
Sinne  ist  gut  mittelniederdeutsch.  Verwirft  man  diese  Interpunction 
des  Schreibers,  so  ist  ein  Punkt  noch  zu  dem  male  zu  setzen,  das  dann, 
dem  gewöhnlichen  Sprachgebrauch  gemäß7  wie  auch  V.  82,  nichts 
anders  heißen  würde  als  'damals',  fin  jener  Zeit'. 

OLDENBURG,  im  Juni  1865.  A.  LÜBBEN. 

EIN  ENGEL  FLOG  DURCHS  ZIMMER. 


Gibt  es  für  diese  bekannte  Redensart  ältere  Belege?  Im  Grimm- 
schen Wörterbuch  fehlt  sie,  und  demnach  haben  den  Verfassern  keine 
Beispiele  für  dieselbe  vorgelegen  und  sie  haben  so  sie  anzuführen  ver- 
gessen. Daß  sie  ihnen  bekannt  war,  wäre  jedesfalls  anzunehmen,  auch 
wenn  nicht  Jacob  Grimm  sie  anderwärts  erwähnt  hätte.  Er  sagt  näm- 
lich gelegentlich  in  seinem  Aufsatz  über  das  finnische  Epos  (Höfer's 
Zeitschrift  für  die  Wissenschaft  der  Sprache  1,  55):  'Wenn  plötzlich 
unter  versammelten  Menschen  Stille  entsteht,  heißt  es:  ein  Engel  ist 
hindurch  gegangen  ,  ein  Engel  flog  hindurch ,  sein  hehres  Erscheinen 
hat  den  weltlichen  Lärm  geschwichtigt.  Die  Griechen  sagten  'Eg^rjg 
ix  stör}  Ade  *).  —  Auch  Sanders  weiß  nur  zwei  Belege  aus  Schriftstellern 
unsres  Jahrhunderts  beizubringen  **). 

Aus  den  Werken  Fernan  Caballero's  sehe  ich  ,  daß  die  Redens- 
art auch  in  Spanien  geläufig  ist.  In  den  Cuentos  y  Poesias  populäres 
audaluces  dieser  Schriftstellerin  lesen  wir  (S.  41  der  Leipziger  Aus- 
gabe): 'Sabemos  que  cuando  varias  personas  reunidas  callan,  no  es, 
porque    vaya    el   coche    sobre    arena   como    dicen   las   personas   cultas. 


*)  Zu  dieser  griechischen  Redensart  hat   bereits  Franz  Passow   in  seinem  grie- 
chischen Wiirterlmche  bemerkt:  unser 'ein  Engel  flog  durchs  Zimmer'. 

**)  Mörike  Maler  Nolten,  Stuttgart  1832,  S.  244:  Ists  nicht  ein  artig  Sprüch- 
wort,  wenn  man  bei  der  eingetretenen  Pause  eines  lango  gemüthlich  fortgesetzten  Ge- 
sprächs zu  sagen  pflegt:  es  geht  ein  Engel  durch  die  Stube?  Immermann  Münchhausen, 
Düsseldorf  1838,  1,  71:  Der  Mythus  sagt,  in  solchen  Zeiten  (liege  ein  Engel  durch  das 
Zimmer,  aber  nach  der  Länge  derartiger  Pausen  zu  urtheilen,  müßen  zuweilen  auch 
Engel  diese  Flugübungen  anstellen,  deren  Gefieder  aus  der  Übung  gekommen  ist. 


246  LITTERATUR. 

sino  porque  ha  pasado  sobre  ellas  un  angel,  infundiendo  al  aire  que 
mneven  sus  alas,  el  silencio  del  respeto  ä  sns  airaas,  sin  que  defina 
la  causa  sa  comprension .  Und  in  der  Novelle  La  familia  de  Alvareda, 
Madiid  1856,  S.  49:  'Dicen  euando  todos  callan  a  la  vez,  que  un  angel 
ha  volado  sobre  nosotros,  y  el  aire  de  sus  alas  nos  ha  infundido  el 
respeto  del  silencio'.  Und  in  der  Novelle  Un  verano  en  Bornos,  Ma- 
drid '858,  S.  131:  rAcaso  habra,  segun  la  poetica  creencia  religiosa 
del  pueblo,  pasado  volando  un  angel  entre  nosotros,  causando  el  aire 
de  sus  alas  el  silencio,  esa  incontestable  senal  de  respeto'. 

WEIMAR,  Februar  1865.  REINHOLD  KÖHLER. 

LITTERATUR. 


Deutsche  Bibliothek,  herausgegeben  von  Heinrich  Kurz.    3.-6.  Bd.:  H.  J.  Chr. 

v.    Grimmeishausen    Simplicianisehe    Schriften.    —     7.    Bd.: 

Jörg    Wickram 's     Rollwagenbüchlein.      Leizig.      J.    J.     Weber. 

1863  —  1865.  8. 
Die  freundliche  Aufnahme,  welche  die  beiden  ersten  Bände  dieses  verdienst- 
vollen Unternehmens  fanden,'  darf  unbedingt  in  gleichem,  wenn  nicht  höherem 
Maße  auch  den  vorliegenden  entgegengebracht  werden,  die  uns  zunächst  den 
Simplicissimus ,  den  bedeutendsten  Roman  seiner  Zeit,  ein  für  Culturgeschichte 
höchst  wichtiges  und  daher  für  weitere  Kreise  interessantes  Denkmal  nebst  einer 
Auswahl  aus  den  übrigen  Schriften  Grimmelhausens  bieten.  Dieselbe  Sorgfalt 
und  Umsicht,  mit  der  der  Herausgeber  an  den  ersten  Bänden  arbeitete,  findet 
sich  auch  hier  wieder  mit  lobenswerther  Ausdauer  angewendet,  um  dem  Leser, 
sei  er  Fachmann  oder  nicht,  durch  kurze  aber  gründliche  Einleitungen,  Erklä- 
rungen und  Anmerkungen,  sowie  ein  sehr  dankeswerthes  Wörterverzeichniss  am 
Schlüsse  das  Verständniss  möglichst  zu  erleichtern.  Dafür  haben  wir  dem  Her- 
ausgeber unsern  vollsten  Dank  auszusprechen,  der  dadurch  nicht  im  geringsten 
vermindert  werden  soll,  wenn  wir  in  Folgendem  hie  und  da  auch  etwas  zu  be- 
richtigen oder  der  Ansiebt  des  Herausgebers  eine  andere  gegenüberzustellen 
haben.  Wenn  wir  uns  bei  diesen  Bemerkungen  auf  die  beiden  den  Simplicissimus 
enthaltenden  Theile  (doch  die  weitaus  wichtigsten  von  allen)  beschränken,  so 
geschieht  dies  um  den  Raum  der  Germania  nicht  zu  sehr  in  Anspruch  zu 
nehmen  für  ein  Werk,  das  streng  genommen  außer  den  Grenzen  ihres  Be- 
reiches liegt. 

Die  Einleitung  im  3.  (resp.  1.)  Bd.  stellt  außer  der  Litteratur  und  der 
Bibliographie  auch  alles,  was  wir  über  die  Person  des  Verfassers  wissen,  ge- 
drängt aber  sorgfältig  zusammen.  Dabei  wird  S.  XVIII — XXII  die  Frage  wieder 
besprochen,  ob  Grimmeishausen  Protestant  oder  Katholik  war.  Unserer  Ansicht 
nach  ist  es  am  wahrscheinlichsten,  daß  er  zwar  von  protestantischen  Eltern 
stammte,  aber  später  katholisch  wurde.  Für  das  erstere  sprechen  sein  Geburtsort, 
seine  Widmungen,  der  Verlagsort  seiner  Schriften  und  mehrere  auch  von  Kurz 
S.  XIX  angeführte  Stellen  seiner  Schriften,  für  den  Übertritt  zum  Katholicismus 
das  Gespräch  zwischen  Simplicius  und  Bonamicus  und  die  Notiz  im  Todtenbueh 
von    Renchen.     Das    Gespräch    zwischen    Simplicius    und    Bonamicus    scheint    uns 


LITTERATUR.  247 

wenigstens  viel  ernstlicher  gemeint,  als  das  Passow  zugeben  will;  die  Suprematie 
des  Papstes  abgerechnet,  die  unerwähnt  bleibt,  werden  die  übrigen  streitigen 
Glaubenslehren  von  Bonamicus,  der  den  Katholioismus  vertritt,  keineswegs  'mehr 
entschuldigt,  als  gerechtfertigt,  sondern  im  Gegentheil,  wenn  auch,  wie  es  von 
einem  Grimnielshausen  zu  erwarten,  nicht  fanatisch,  aber  doch  mit  aller  Ent- 
schiedenheit und  Schärfe  der  protestantischen  Lehre  gegenüber  als  die  einzige 
volle  Wahrheit  hingestellt  und  Simplicius  ist  zum  Schluß  vollständig  überzeugt, 
daß  seine  Prediger  ihn  auf  die  falsche  Fährte  geführt  hatten.  Das  'entschuldigen', 
das  Passow  darin  finden  will,  ist  vielmehr  eine  ziemlich  strenge  Abweisung  aller 
unbegründeten  Verdächtigungen  des  Katholicismus.  Die  Notiz  im  Todtenbuch 
von  Renchen  :  saneto  (sacramento  ?)  Eucharistiae  pie  munitus  obiit  hat  die  volle 
Beweiskraft,  die  ihr  Passow  gab.  Keller  und  mit  ihm  Kurz  sind  im  Irrthum, 
wenn  sie  meinen,  diese  Worte  könnten  auch  auf  einen  Protestanten  gehen,  denn 
damals  wie  heut  konnte  die  katholische  Kirche  nur  diejenigen  von  protestan- 
tischen Geistlichen  gespendeten  Sacramente  als  solche  anerkennen,  zu  deren  Aus- 
spendung nach  ihrer  Lehre  kein  Priester  nothwendig  ist:  die  Taufe  und 
die  Ehe.  Zum  Überfluß  spricht  das  Bonamicus  an  mehreren  Stellen  der  'Ange- 
regten Ursachen  sehr  deutlich  aus,  so  daß  es  zu  wundern  ist,  daß  es  Kurz  ent- 
gehen konnte.  Die  Stellen  sind  folgende.  Nachdem  Bonamicus  zweimal  vom 
protestantischen  Abendmahl  als  von  einem  vermeinten  Sacrament'  und  'ver- 
meinter Empfahung  gesprochen,  fährt  er  fort  (Gesammtausgabe  Nürnberg 
1695.  8.  3,  6  7  5):  Das  Ablatt  und  der  Wein,  den  der  Prädicant  mit  sich  bringt, 
seind  vor  seiner  Segnung  eben  so  ein  schön  Sacrament  als  darnach,  und  darnach 
so  gut  gemein  Brod  und  Wein  als  zuvor,  wie  sie  selbst  bekennen  .  Und  als 
ihn  Simplicius  fragt,  was  er  mit  dem  vermeinten  Sacrament  sagen  wolle,  ob 
die  Protestanten  nicht  das  rechte  Sacrament  hätten,  erwidert  Bonamicus  ganz 
entschieden  (S.  6  7  6):  Nein,  ihr  habts  nicht,  weil  ihr  keine  Priester  habt,  die 
es  machen  können.  Denn  daß  man  Brod  und  Wein  zum  Leib  und  Blut  Christi 
segne,  darzu  gebort  ein  göttliche  Kraft,  welche  keiner  haben  kan ,  als  der  sie 
ordentlicher  Weise  von  Christo  durch  die  Apostel  und  dero  Nachkömmlinge  die 
catholische  Bischöfe  empfängt:  derer  Empfahung  sich  euere  Piädicanten  nicht 
rühmen  können  und  dannenhero  auch  die  Worte  das  ist  mein  Leib,  das  ist 
mein  Blut  nicht  kräftiger  als  ein  Comoediant  über  Brod  und  Wein  sprechen : 
daß   es   nämlich    nur   bloß  leeres    und  lauteres   Brod    und   Wein    bleibt    und    kein 

Sacrament  wird Über   diß   gestehen    sie    (die   Prädicanten)    auch,     daß    es 

nach  ihrer  Segnung  Brod  und  Wein  bleibe  und  durchaus  kein  Sacrament  sei, 
wenns  nicht  genossen  wird.  Derohalben  folgt,  daß  es  ihre  Segnung  nicht  zum 
Sacrament  mache  ,  und  weils  deine  Genießung  eben  so  wenig  macht  ,  ihr 
allen  t  halben  ein  Un-  Sacra  inen  t  habt.  Diesen  Stellen  gegenüber  kann  es  wohl 
kaum  mehr  einem  Zweifel  unterliegen ,  daß  ein  katholischer  Pfarrer  die  Notiz 
im  Renchener  Todtenbuche  von  einem  Protestanten  nicht  schreiben 
konnte,  daß  also  Grimmelshausen  als  Katholik  gestorben  sei.  Dazu  kommt  nun 
noch  die  ebenfalls  von  Passow  mitgctheilte  Notiz,  daß  im  Bisthum  Straßburg, 
zu  welchem  Renchen  damals  gehörte,  alle  Prätores  Katholiken  sein  mußten. 
Aus  dieser  Notiz  lässt  sich  vielleicht  ein  Anhaltspunkt  gewinnen  für  die  Fest- 
stellung der  Zeit,  in  diu  der  Übertritt  fällt.  Wie,  wenn  statt  daß  man  nach 
Kurz  eine  Ausnahme  von  der  Regel  machte,  Grimmelshausen  sich  entschlossen 
hätte,  um  Prätor  in  Renchen  werden  zu  können,  seine  Confession  zu  ändern? 
Das   Motiv  wird   zwar  Vielen  odios   erscheinen   und   daher  verworfen  werden,   aber 


248  LITTERA.TUR. 

bei  einem  Mann,  der  wie  Gr.  von  sich  selbst  sagt,  daß  er  weder  Petrisch  noch 
Paulisch  sei  und  der  offenbar  nicht  sehr  viel  religiöses  Bedürfniss  empfand, 
seheint  es  mir  nicht  so  sehr  bedenklieh.  Dann  mußte  er  spätestens  166  6  oder  6  7 
übergetreten  sein,  denn  im  letztgenannten  Jahre  ist  er  schon  Prätor.  In  diese  Zeit 
müßte  dann  auch  das  angezogene  Gespräch,  die  Rechtfertigung  seines  Schrittes,  fallen. 
Was  die  vorliegende  Ausgabe  betrifft,  so  weicht  sie  von  der  Keller's  darin 
bedeutend  ab,  daß  ihr  und  wie  uns  scheint  aus  schlagenden  Gründen  der  Druck 
D  anstatt  B  zu  Grunde  gelegt  ist.  Nicht  ebenso  einverstanden  erklären  können 
wir  uns  mit  der  Orthographie.  Hier  wird  doch  dem  Bestreben  nach  diplomati- 
scher Treue  zu  weit  nachgegeben.  Was  sollen  all  die  überflüssigen,  zum  Theil 
falschen  Dehnungszeichen ,  die  barbarischen  Consonantenhäufungen  und  Verdop- 
pelungen und  der  ganze  Wust  inconsequenter  Orthographie  jener  Zeit,  an  der 
oft  der  Setzer  ebensoviel  Antheil  hat  als  der  Autor?  Gewisse  Eigentümlich- 
keiten, soweit  sie  diabetisch  oder  in  der  Lautlehre  begründet  sind,  müßen  aller- 
dings bewahrt  werden,  alles  Übrige  sollte  man  vereinfachen  und  consequenter 
machen ;  der  Forscher  lernt  aus  jeuer  hässlichen  Orthographie  nichts  und  beim 
Lesen  stört  sie  nur.  Jedesfalls  heißt  es  die  diplomatische  Genauigkeit  zu  weit 
treiben,  wenn  man  wie  Kurz,  der  Inconsequenz  der  Drucke  folgend,  den  Infinitiv 
mit  zu  bald  zusammenschreibt,  bald  kaum  eine  Zeile  weit  entfernt  wieder  trennt 
(I,  13,  7.  8.  7  6,  15  u.  ö.).  Da  könnte  man  doch  ebensogut  die  wirre  Inconsequenz 
der  Interpunction  auch  aus  den  alten  Drucken  in  die  neuen  Ausgaben  aufnehmen. 
Was  die  beinahe  überreichen  Erklärungen  unterm  Text,  die  Anmerkungen 
und  das  auch  dem  Fachmann  höchst  willkommene  Wörterverzeichniss  am  Schlüsse 
sämmtlicher  Bände  betrifft,  so  kann  man  darüber  im  Allgemeinen  nur  volles  Lob 
aussprechen.  Hie  und  da  ist  ein  Irrthum  untergelaufen  oder  eine  Stelle  unerklärt 
geblieben,  wie  es  bei  einer  Arbeit  von  solchem  Umfang  leicht  geht.  In  den 
folgenden  Bemerkungen  sollen ,  ohne  auf  absolute  Vollständigkeit  Anspruch  zu 
machen,  solche  Stellen  besprochen  werden.  I,  9,  6.  ist  deren  unrichtig  durch 
den  (Dat.  Plur.  des  Artikels)  erklärt;  es  bezieht  sich  auf  Sucht  und  ist  Dat.  Sing. 
wie  I,  6  9,  2  8.  —  2  8.  Die  neue  Aufstellung  des  Abgesangs  scheint  uns  unrichtig, 
denn  es  entstehen  dadurch  Zeilen  mit  bloßem  Binnen-  ohne  Endreim;  wir  würden 
daher  die   Aufstellung  Lachmann's   (zu  Walther  S.    205)   vorgezogen  haben: 

Laß    dein 

Stimmlein 

Laut   erschallen,        denn   vor   allen        kannst   du   loben 

Gott  im  Himmel  hoch  dort  oben.  — 
65,  18.  Daß  von  einem  Gebäck,  das  den  Namen  Türkischer  Bund  führt,  nicht 
die  Rede  sein  könne,  zeigt  der  Zusammenhang,  es  kann  nur  der  Türkenbund 
(Turban)  im  eigentlichen  Sinne  gemeint  sein.  —  6  6,  13.  versehen  ist  hier  so- 
viel als  'ausgeben,  bezahlen  für's  Anschauen',  ähnlich  gesagt  wie  veressen,  ver- 
trinken'. —  103,  23.  weil  naut  im  Schank  war  =  'weil  Noth  im  Schank  war, 
ihnen  nichts  geschenkt,  nichts  zu  trinken  gegeben  wurde?  —  13  2,  14.  Hippe 
ist  ein  oblatförmiger  Kuchen,  das  Wort  ist  noch  heute  im  Gebrauch  in  Hohle- 
hippen',  wie  diese  Kuchen  genannt  werden,  wenn  sie  cylinderförmig  eingerollt 
sind.  Schindler  2,  221.  —  135,  15.  Gauckelfuhr  ist  nicht  wie  Kurz  erklärt: 
'Narren/Wir,  Narrenzw//,  von  einem  Zug  ist  gar  keine  Rede.  War  dem  Heraus- 
geber das  mhd.  gougel/uore ,  närrisches  Gebahren,  nicht  aus  Walther  31,  29  u.  a. 
erinnerlich?  — ■  17  1,  3.  Die  Erklärung  der  Redensart  zu  häufen  fallen  durch 
nieder,  auf    die  Erde  f.'   ist,  wenn  auch   nicht  gegen   den  Sinn,   doch   mindestens 


LITTERATUR  249 

ungenau;  zu  häufen  ist  natürlich  soviel  als  zusammen,  übereinander'.  Derselbe 
Mangel  an  Genauigkeit  begegnet  öfter  in  den  Ei-klärungen.  —  177,  3.  Der 
Ausdruck  gern  so  groß  für  leicht  s.  g.  hätte  bei  der  sonstigen  Ausführlichkeit 
der  Erklärungen  wohl  Erwähnung  verdient.  —  18  7,  6.  laureten  ist  nicht  'be- 
trogen ,  sondern  sie  erspähten  den  Augenblick,  wo  es  bei  dem  Andern  Geld 
zu  erhaschen  gab'.  —  2  2  0,  25.  Kost  kann  hier  nur  von  der  Speise  gemeint 
sein.  —  22  7,  1.  Wildbahne  scheint  ohne  Zweifel  Wildgehege  zu  bedeuten, 
Wildban  als  Jagdrecht  ist  masc.  —  249,  19.  ich  ist  zu  streichen.  —  257,  22. 
ob  natürlicher  Mensch  hier  soviel  als  sterblicher  bedeuten  solle,  zweifle  ich,  es 
genügt  die  Bedeutung  wirklicher,  gewöhnlicher.  —  261,  15.  Ja-Herre  bedeutet 
sonst  allerdings  einen,  der  zu  allem  Ja  sagt,  hier  scheinen  jedoch  dem  Zusammen- 
hang nach  eher  jene  Herren  verstanden,  die  überall  Recht  behalten  wollen  und 
zu  allem,  was  sie  sagen,  nur  ein  Ja  hören  können.  —  3  92,  11.  Complimenle 
bedeuten  nicht  Genüsse,  sondern  wie  2  9  2,  1.  Lobreden,  Artigkeiten,  Schmei- 
cheleien. — -  3  3  5,  28.  Die  Erklärung  von  gemeint  durch  betrogen,  hintergangen, 
getäuscht  ist  wieder  zwar  dem  Sinne  nach  zutreffend,  aber  sprachlich  ungenau, 
indem  der  Sinn  von  Betrug  erst  durch  den  Beisatz  mit  der  allcrgrösten  Untreue 
dazu  kommt;  einen  meinen  heißt  im  Gegentheil  ihn  lieben  und  der  Ausdruck 
ist  hier  ironisch  zu  nehmen,  wie  Äsop  II,  45,  3  9  ff.  vgl.  Liebrecht  Germ.  7,  49  7. 
— ■  3  46,  2  2.  neiden  steht  hier  in  seiner  ursprünglichen  Bedeutung  hassen'.  — ■ 
3  5  2,  1.  heunt  mhd.  hlnte  hint  aus  hinaht  ist  nicht  heute',  sondern  diese  Nacht, 
heute  Nacht'  und  heunt  Nacht  ist  also  ein  Pleonasmus.  —  3  6  0,  10.  Die  Stelle 
ist  ohne  Zweifel  zu  erklären  :  wenn  irgend  das  eine  (Theil  d.  i.  Exemplar)  nicht 
hinüber  käme  (an  seinen  Bestimmungsort).'  —  II,  134,  11.  ist  verdrängt  wohl 
Druckfehler  statt  vordrängt.  —  168,  28.  Der  Sinn  ist  wahrscheinlich:  einen 
Brief  bis  auf  den  kleinsten  Strich  so  zu  schreiben  (nämlich  in  Chiffren),  daß  nie- 
mand ihn  entziffern  kann.  Was  der  Herausgeber  zur  Erklärung  beibringt,  genügt 
nicht.  —  2  6  8,  6.  Catharinen-Oel  soll  jedenfalls  ein  heilsames  Ol  bedeuten;  der 
Ausdruck  erklärt  sich  vielleicht  am  besten  aus  der  Legende ,  der  zufolge  vom 
Sarg  der  hl.  Katharina  v.  Alexandrien,  nachdem  die  Engel  ihn  auf  dem  Berg 
Sinai  beigesetzt  hatten,  Öl  floß,  das  alle  Krankheiten  heilte;  vgl.  Germ.  8,  17  9. 
186.  — -  282,  10  soll  kaum  auf  eine  besondere  jüdische  Ceremonie  hinge- 
deutet, wie  wir  eine  solche  auch  nirgends  zu  finden  im  Stande  waren,  sondern 
wohl  einfach  die  Stärke  des  Mästens  ausgedrückt  werden.  —  29  6,  8.  9.  Die 
Redensart  dieser  und  jener  =  der  Teufel,  hätte  im  Wörterverzeichniss  nicht  unbe- 
merkt bleiben  sollen ;  mit  der  Erklärung  anthue  für  ausseng  ist  der  Sinn  der 
Stulle  allerdings  nur  sehr  allgemein  getroffen.  Ich  glaube,  die  Meuder  will  sagen: 
daß  dies  (nämlich  was  du  so  unmäßig  saufest)  der  Teufel  mit  seinem  Feuer 
wieder  herausbrenne',  heraussenge.  —  3  10,  2  9  ist  eoaeuiren  nicht  abgehen, 
sondern  entfernen.  —  3  12,  9.  Unter  Nasenschleiferei  ist  ohne  Zweifel  nur  die 
Kunst  verstanden,  die  Nasen,  wie  es  weiter  unten  Z.  15  heißt,  nach  belieben 
proportionirn,   ihnen   eine   beliebige   Gestalt   geben   zu   können. 

War  die  Nachlese  zum  Simplicissimus  schon  eine  nur  geringe ,  so  haben 
wir  zum  Rollwagenbüchlein  noch  weniger  zu  bemerken.  Genaue  Nachforschungen 
in  der  mittelalterlichen  Novellenlitteratur  werden  vielleicht  die  Nachweisungen 
noch  hie  und  da  ergänzen  helfen,  gewiss  hat  aber  Kurz  Recht,  wenn  er  (S.  XXXV) 
vermuthet,  viele  Geschichten  möchten  nach  mündlicher  Überlieferung  erzählt  sein. 
Zu    den   Anmerkungen    nur    Folgendes:     20,    19.    Butts   tauben  ast    gehört 


250  LITTEEATÜR. 

wohl  zu  den  Ausdrücken,  die  Grimm  2,  279  gesammelt  sind,  wo  dieses  Beispiel 
fehlt.  —  28,  12  in  der  Wüste  predigen  heißt  allerdings  tauben  Ohren  predigen, 
hier  aber  kann  es  diesen  Sinn  nicht  haben,  da  der  arm  gebliebene  Landsknecht 
ja  im  Gegentheil  der  Predigt  des  b.  Johannes  folgte.  —  4  3,  7.  in  glaubhoftig 
sehe  ich  nur  einen  Ausdruck  der  Bekräftigung  wie  wahrhaftig,  traun,  in  der 
That  etc.  Die  Bedeutung  nach  glaubhaf Ligen  Berichten  vermuthe  ich  darin  weniger. 
—  53,  12.  rochen  zusammen.  K.  erklärt  trafen  zusammen?  Sollte  es  nicht 
eher  bedeuten  erregten  zusammen  solchen  Gestank  d.  h.  Unwillen  und  Auf- 
sehen? —  69,  2.  Feder schioing er  ist  wohl  Raufbold,  Renommist.  Nach  vorne 
gerichtete  Federn  gelten  unter  den  Bauern  noch  heute  als  Aufforderung  zu 
Streit  und  Rauferei.  —  8  9,  19  verküsen  ist  gering  achten,  verzichten.  Wickram 
will  sagen:  Kein  Frevel  war  den  Bauern  zu  groß,  um  auf  ihn  zu  verzichten, 
von  ihm  abzulassen  oder  um  ihn  nicht  gering  anzusehen,  sich  nichts  aus  ihm 
zu  machen.  —  13  4,  15.  vgl.  hiezu  die  Erzählung  die  Nachtigall  bei  v.  d.  Ha- 
gen  GA.    2,    7  1. 

Das  Rollwagenbüchlein  des  Jörg  Wickram  erscheint  hier  zum  ersten  Mal 
vollständig:  bisher  war  es  jedem,  der  nicht  in  der  Nähe  einer  größeren  Biblio- 
thek lebte,  nur  in  einzelnen  Proben  zugänglich.  Und  doch  verdient  es  trotz  dem 
harten  Urtheil,  das  Gervinus  (3,  125  f.)  über  Wickram  fällt,  nicht  vergessen 
zu  werden.  Es  ist  eine  Sammlung  von  Schwänken  und  kurz  skizzierten  Erzäh- 
lungen, wie  der  Verfasser  selbst  sagt,  bestimmt,  in  schiffen  und  auf  den  roll- 
wegen  *)  deßgleichen  in  scherheuseren  und  badstuben  erzählt  zu  werden  und 
reich  genug  an  echtem  Kernwitz,  um  auch  heute  noch  zu  erfreuen  und  zu  unter- 
halten ;  freilich  muß  man  über  manche  Derbheit,  über  manches  Wort,  das  bei 
uns  in  guter  Gesellschaft  nicht  darf  genannt  werden  (und  das  schon  Fischart 
nicht  eben  billigte),  ein  Auge  zudrücken.  Aber  ehe  man  Wickram  deshalb  ver- 
urtheilt,  muß  man  erwägen,  daß  man  zu  seiner  Zeit  die  Geschlechtsverhältnisse 
mit  großer  Unbefangenheit  und  Nnivetät  anzusehen  und  zu  behandeln  gewohnt 
war,  was  aus  der  gleichzeitigen  Litteratur  allenthalben  hervorgeht.  Und  darauf 
möchte  ich  das  Hauptgewicht  legen,  um  die  im  Rollwagenbüchlein'  begegnenden 
Zoten  in  Einklang  zu  bringen  mit  der  im  Vorwort  ausgesprochenen  Absicht  des 
Verfassers,  mit  seinem  Buch  die  unverschämten  Erzählungen,  wie  sie  auf  Roll- 
wagen gebräuchlich  wären  und  an  denen  züchtige  Frauen  und  Mädchen  An&toß 
nehmen  müßten,  zu  verdrängen.  Wenigstens  ist  mir  die  von  Kurz  schon  beim 
Esopus  ausgesprochene  und  hier  wiederholte  Ansicht,  daß  die  Verfasser  ihren 
ursprünglichen  Zweck  vergaßen  und  nur  an  männliche  Zuhörer  dachten  (Einl. 
S.   XLIV)   wenig   wahrscheinlich. 

Über  Wickram's  Leben  wissen  wir  sehr  wenig,  das  Wenige,  was  durch 
umsichtige  Bemühung  über  ihn  und  sein  Geschlecht  zu  gewinnen  war,  hat  Kurz 
sorgfaltig  (S.  V — X)  zusammengestellt.  Darnach  war  er  wahrscheinlich  aus  Colmar 
gebürtig,  Meistersänger  und  zwar  Gründer  der  Colmarer.chule,  die  er  nach  einer 
eigenhändigen  Notiz  zu  Weihnachten  154(5  eröffnete.  Als  Stadtschreiber  zu 
Burckheim  nennt  er  sich  im  Rollwagen  und  andern  Schriften.  Welches  Burg- 
heiin  gemeint  ist,  das  Elsäßische  oder  Badische,  ist  nicht  entschieden,  doch 
neigen   die   Vermuthungen   zum    letzteren.     Sei   Todesjahr    lässt   sich   ebensowenig 


*)  Fuhrwerke,  die  den  Verkehr  an  bestimmten  Tagen  zwischen  entfernten  Orten 
herstellten,  wie  die  sauber  nachcopierte  Titclvignete  zeigt,  nicht  unähnlich  unsern 
Leiterwagen. 


LITTERATUR.  251 

sicher  bestimmen  als  sein  Geburtsjahr.  1562  nennt  ihn  der  Buchdrucker  Thiebold 
Berger  bereits  als  verstorben,  Kurz  vermuthet  das  Ende  155  6  oder  155  7  als 
die  Zeit  seines  Todes,  da  nach  dem  letztgenannten  Jahr  k»  ine  seiner  Schriften 
mehr  in  erster  Ausgabe  erscheint,  was  nach  der  reichen  Fruchtbarkeit,  die  er  in 
den    5  0er  Jahren   entwickelt,   allerdings   auffallen   muß. 

Der  neuen  Ausgabe  ist  natürlich  die  älteste  s.  1.  1555  zu  Grunde  ge- 
legt: die  Zusätze  in  Bb  (1557)  und  C  (Mühlhaus<-n  s.  a)  sind  als  Anhang 
mitgetheilt.  Zu  den  von  Kurz  Einleit.  XVI  ff.  beschriebenen  Ausgaben  können 
wir  noch  zwei  aus  der  Wiener  Hofbibliothek  hinzufügen,  eine  aus  dem  J.  1555 
o.  O.  u.  Dr.  und  eine  gedr.  zu  Mühlhausen  s.  a.  Keine  von  beiden  ist  iden- 
tisch mit  den  entsprechenden  bei  Kurz  A  und  C.  Die  hier  folgende  Beschrei- 
bung  wird  das   zeigen. 

l)  1555  o.  O.  u.  Dr.  Titel  Bl.  Al.:  Das  Rolwagen  büchlin  (schwarz). 
Ein  newes  vor  \  vnerhvrts  buchlein,  darinn  |  vil  guter  schwenck  vnnd  Historien 
be  |  griffen  werden,  so  man  in  Schiffen  vnd  auff  den  |  Rollwägen  erzelen  mag, 
die  schweren  Melan  |  colischen  gemuter  zu  ermundtern.  Allen  Kauf  |  leuten,  so 
die  Messen  hin  vnd  wider  brau  |  chen  zu  einer  Kurtzweil  an  tag  bracht  |  durch 
Jörg  Wickramen,  Stadt  |  schreyber  zu  Burckhaym,  Anno  |  1 5  5 5 .  Titelbild  wie 
in  A,  ein  Rollwagen,  aber  in  umgekehrter  Richtung  fahrend  und  nur  mit  zwei 
voreinandergespannten  Rossen.  Bl.  lb  leer.  Bl.  2a  (mit  der  Sign.  A2)  Dedication : 
Dem  Ersamen  Jürnemen  \  vnd  achtbaren  Martin  Neuen  |  Burger  vnd  Wirt  zu 
der  Blumen  zu  Col-  |  mar,  meinem  insondern  gunstigen  |  Herren  vnd  guten  | 
Freund.  |  ES  haben  sich  die  Alten  vor  langer  zeyt  [  eines  gemeinen  Sprichworts 
gebrau-  |  chet  u.  s.  w.  Schluß  der  Dedication  Bl.  2h  Z.  2  4.  Z.  18.  Datum  Burek- 
haim,  auff  Marie  das  newe  |  Jar,  nach  der  geburt  vnsers  Seligmachers  |  1555. 
Jar  |  Ewer  allzeit  dienstwilliger.  |  Jörg  Wickram,  Statt-  |  Schreiber  zu  Burck-  | 
haim.  |  (schwarz)  Bl.  3a  (A3)  Zum  gütigen  Leser  (schwarz).  |  ES  ist  von  alter 
her,  freuntlicher  |  vnnd  gütiger  Leser,  ein  Sprich-  |  wort  vnder  vilen  gewesen, 
u.  s.  w.  Schluß  3  6.  Z.  24.  Dein  allzeit  williger  |  Jörg  Wickram.  |  Bl.  4a  (Ax) 
Wie  ein  gut  frum  man  am  [  Kochersperg,  einem  guten  ein-  |  feltigen  ein  Walfart 
verdinget,  |  zu  Sant  Veiten  zu  \  Wallen.  [  DJeweil  wir  jetzundt  auch  auff  |  einer 
fart  oder  reiß  sind  u.  s.  w.  Am  Schluß  ist  das  Exemplar  unvollständig,  es  sind, 
da  auch  Bl.  Ml  ausgeschnitten  ist,  im  Ganzen  9  2  Bll.  8  ohne  Zahlbezeichnung 
und  Columnentitel.  Die  Signaturen  ^gehen  von  Ay  bis  M5.  Bl.  92b  Z.  17,  der 
Schluß  entsprechend  Bl.  6  2b  Z.  2  3  in  A.  Darzü  helff  vns  |  Gott  der  Vatter, 
Gott  der  |  Son,  vnd  Gott  der  hei-  (  lig  Geist,  Amen  |  .  Hierauf  folgt  auf  der- 
selben Seite  noch  der  Titel  einer  neuen  Erzählung,  die  ich  in  keiner  Ausgabe 
finde:  Vonn  einem  Wirt,  welcher  sei-  |  nem  Pfarrer  in  der  büß  nachfol-  |  gen 
wolt,  weil  er  jm  im  Eh-  |  bruch  nachgefol-  |  get  hett.  |  Unsere  Ausgabe  hatte 
also  mehr  Erzählungen  als  A  und  schon  das,  verbunden  mit  dem  Umstand,  daß 
diese  an  die  unveränderte  Reihe  der  früheren  bloß  äußerlich  angefügt  werden, 
wobei  der  Schluß,  den  Wickram  seinem  Büchlein  gab,  an  nunmehr  unpassender 
Stelle  stehen  blieb,  spricht  dafür,  daß  unsere  Ausgabe  nicht  von  Wickrain  selbst 
herrühren  kann  ,  sondern  unberechtigter  Nachdruck  ist.  Noch  mehr  bestätigt 
wird  diese  Ansicht  durch  das  Bestreben  unserer  Ausgabe,  den  Dialekt  des  Ver- 
fassers zu  verwischen:  so  steht  statt  semliche  fast  durchgehends  solliche,  statt 
har,  harfir,  her,  herfur,  die  2.  Plur.  ihr  sind  wird  fast  durchgehends  in  seit 
geändert,  oft  wird  sogar  die  gute  hochdeutsche  Form  in  der  Meinung,  sie  6ci 
alamannisch,    geändert,     was    Kurz  Einl.   XXXVI    schon    beim    Verfasser    selbst 


252  LITTERATUR. 

bemerkte,  z.  B.  erscheint  öfter  rauchlos  statt  ruchlos  in  A.  Ist  diese  Aus;; 
nun  zwar  als  Nachdruck  für  den  Text  werthlos,  so  wäre  es  doch  interessant, 
die  Zusätze  kennen  zu  lernen.  Vielleicht  findet  sich  irgendwo  noch  ein  voll- 
ständiges Exemplar  dieser  Ausgabe,  aus  der  sie  dann  rnitgetheilt  werden  können. 
Nach  dem  Titel  gleich  des  ersten  Zusatzes  ist  manches  Neue  zu  erwarten,  was 
sich    in   keiner  andern   Ausgabe   findet. 

2)  o.  J.  Mülhusen ,  bei  Hans  Schirenbrand  und  Peter  Schmid.  Bl.  la. 
Titel :  Das  Rollwagen  büchlin,  |  Der  Erst  Teil,  j  Ein  neüws  Buch-  \  lein,  darinn 
vil  guter  schwände  (roth)  |  vnd  Historien  begriffen  werden ,  so  man  in  |  schiffen 
vnd  auff  den  Rollwagen,  deßgleychen  inn  barbier  heüsern  vnd  badstuben,  zu 
langweyligen  zeyten  |  erzelen  mag,  sampt  einem  kurtzen  Register,  Yetzt  [  viderumb 
von  neüwem  getruckt,  |  gemert  vnd  gebessert.  |  Durch  Jörg  Wickgrammen  |  Statt- 
schreyber  zu  Burckhaini  (roth).  Hierauf  die  Titelvignete.  Der  Rollwagen  ähnlich 
wie  in  der  oben  beschriebenen  Ausgabe,  mit  3  Pferden;  im  Vordergrunde  neben 
der  Landstraße  ein  Fluß ,  worauf  ein  Schifflein  in  entgegengesetzter  Richtung 
vom  Wagen  fährt,  in  dem  außer  dem  Fährmann  2  Paare  sitzen,  reebts  ein  Mann, 
mit  der  Linken  eine  Frau  um  die  Schultern  fassend,  in  der  Rechten  einen  Becher 
haltend,  links  zwei  Männer  im  Gespräch.  Im  Hintergrund  auf  einem  Hügel  zwei 
Hunde.  Die  Vignette  wurde  später  zum  Theil  roth,  braun  und  grün  bemalt. 
Bl.  1  .  Der  Jungkfrawen  Gloß  |  über  den  Rollwagen  |  .  Holzschnitt,  drei  Weiber 
um  einen   Brunnen  plaudernd,   wieder  bemalt.     Darauf  folgende  Verse 

Ir  gspilen  mein  ich  muß  euch  sagen  Der  wägkürtzer  der  ist  das  dritt 

Es  ist  nit  lang  vor  wenig  tagen  Ich  dorfft  warlich  wol  wetten  mit 

Hab  ich  drey  neüwe  büchlin  glesen  Einem  umb  ein  groß  gut  vnd  gelt 

Das  erst  ist  der  Rollwagen  gwesen  Wo  man  trib  in  der  gantzen  weit 

Das  ander  büchlin  wol  bekannt  So  seltzam  bossen  vnd  gut  zotten 

Das  ist  die  Garten  gsellschaft  gnant  Ja  wenn  wir  thüu  einander  spotten 

Beym  brunnen  so  wir  wasser  reichen 
Horts  mancher  thet  in  dhosen  seichen. 

Bl.  2*  (ohne  Zahlbezeichnung  mit  der  Sig.  Aij)  Zum  gütigen  Leser  |  ES  ist  von 
alter  här,  freundtlicher  |  vn  gütiger  Leser,  ein  sprüchwort  vnder  vilen  gewesen 
u.  s.  w.  Schluß  der  Vorrede  2b.  Z.  2  3  Dein  allzeyt  williger  |  Jörg  Wickram  | 
Bl.  3a  (mit  Zahlbez.  1  und  Sign.  Aiij)  Von  einem  Schärer  der  ei-  |  ner  Dorff- 
frauwen  einen  Dorn  |  auß  einem  Fuß  zohe  |  ES  begab  sich  auff  ein  zcyt  |  zu 
Basel  in  der  kleinen  statt  u.  s.  w.  Bl.  3b  (mit  Zahlbez.  3)  Von  einem  der  sein 
schuld  beyehtet  j  IM  Schweitzerland  zu  Lucern  ist  es  inn  der  |  Fasten  u.  s.  w. 
Bl.  1 5b  (mit  Zahlbez.  2  6)  Z.  1 7  Wie  ein  gut  from  mann  am  Kochers-  |  sperg 
einem  guten  einfaltigen  ein  Walfart  |  verdinget,  zu  Sanct  Veyten  |  zu  wallen  |  . 
DIeweyl  wir  yetzund  u.  s.  w.  Bl.  7  5b  (mit  Zahlbez.  146)  Z.  24  (Nam)  men 
preysen  vnd  ehm.  Darzu  helff  vns  Gott  |  der  Vatter,  Gott  der  Sun,  vnd  Gott  | 
der  heilig  Geist,  |  A  |  M  -f-  E  |  N.  Bl.  7  6a  (Z.  14  7)  Einer  kennt  seine  eigne 
hendt-  |  schuch  nimmer  |  MAn  sagt  gemeinlich  etc.  Schluß  Bl.  i)4b  (Z.  188) 
Z.  4.  (vnko-)sten  der  schandtlichen  vnnd  |  lästerlichen  plo  |  derhosen  |  .  Ende 
des  Rollwagen  |  bücblins  j  Nun  volget  härnach  das  |  Register  |  Bl.  9  5a  (ohne 
Zahlbez.  mit  Sign.  iV.)  Register  vnnd  kurtze  anzei-  |  gung  an  welcher  Colum 
ein  ie  |  des  zu  finden  sey  |  Schluß  des  Registers  Bl.  9  8"  (ohne  Zahlb.  und  Sign.) 
Z.  8.  Gelruckt   zu   Mülhusen   im   oberen   El  j  saß,   durch  Hans  Schirenbrand  |  vnd 


MISCELLEN.  253 

Peter  Schmid.  9  8b.  Holzschnitt  (bemalt)  rechts  spielt  ein  Weib  die  Harfe,  wozu 
links  ein  Mann  im  Narrengewande  tanzt.  Die  Hände  hat  er  erhoben,  in  der 
rechten  schwingt  er  eine  kurze  Peitsche.  Die  Frau  ist  durch  einen  schwaizen 
Rahmen  abgetrennt.  2  ungezählte  Blätter  Vorstoß;  9  8  mit  Seitenzahl  1  — 188 
und  4  ungezählte  Bll.  8°  mit  Sign.  A — N  und  Columnentitel,  links:  Das  Roll- 
wagen, rechts:  Büchlin.  Die  Ausgabe,  wahrscheinlich  nach  C  besorgt,  enthält 
sämmtliche  Erzählungen  aus  A,  ausgenommen  Nr.  38  (die  auch  C  fehlt),  Bb  und 
C  und  dazu  auf  S.  4  und  5  noch  eine  überzählige,  die  wir  hier  in  gereinioler 
Orthographie  mittheilen. 
Von  herrn  Hansen  derwürst  trüg  im  sack,  und  wolt  Mesz  halten. 
Es  was  einmal  ein  pfaff  im  Fricktal,  der  hieß  herr  Hans,  der  gieng  umb 
S.  Martins  tag  und  wolt  mesz  halten.  Als  er  aber  durch  die  dorfer  gieng  (wie 
es  dann  ein  dorf  an  dem  anderen  hat)  und  eben  in  der  zeit  was,  daß  die  bauren 
die  schwein  metzgen  oder  schlachten ,  so  kumpt  er  in  ein  dorf,  da  ein  beürin 
gemetzget  hat,  die  ruft  dem  pfaffen  hinzu  und  sprach:  herr  Hans,  herr  Hans, 
kompt  und  nempt  da  die  wärst,  dann  ich  hab  die  beste  sauw  gemetzget,  so  ich 
im  stall  gehaht  hab.  Do  sprach  herr  Hans:  Ach  mein  liebe  frauw,  ich  hab  nichts 
darinn  ich  si  trage.  Do  gab  die  beürin  dem  pfaffen  ein  leinis  säcklin,  und  thet 
im  die  würst  darein.  Also  nam  der  pfaff  das  säcklin  mit  den  wursten  und  steckt 
es  binden  auf  den  rugken  under  den  gürtel,  geht  damit  sein  straß  seine  bauren 
zu  versehen  und  mesz  ze  halten.  Als  er  nun  über  den  altar  kumpt  und  es  an 
der  zeit  was  daß  er  elevieren  oder  den  Herrgott  aufheben  solt,  kumt  der  sigrist 
von  binden  zu  und  wil  im  die  alb  aufheben.  In  dem  ers  aber  also  aufhebt, 
vermeint  der  gut  herr,  es  seie  ein  hund  und  schmöcke  im  nach  den  wursten, 
und  gedenkt  nit  mer  an  den  sigristen,  der  hinder  im  kniet,  stoßt  derbalben 
mit  dem  einen  fuß  und  trift  den  sigristen  an  halß,  daß  (5)  er  vier  staflen 
herunder  fiel  :  dann  er  vermeint,  es  wer  ein  hund  und  wölte  im  die  würst  fressen. 
Do  liefen  die  bauren  zu ,  und  meinten  der  sigrist  bette  den  hinfallenden  siech- 
tagen,   so   stieß   in   aber   der  pfaff  also   übel   etc.  J.  LAMBEL. 


MISCELLEN. 


i. 

Übersicht 

der   Vorlesungen   über  deutsche   Sprache   und   Litteratur,   welche   auf   den   Univer- 
sitäten   Deutschlands    und    der    Schweiz    im   Jahre    1864  —  1865    sind    gehalten 

worden.  '*) 

1.  Basel.    Wackernagel:    I.   IT.    Germ.    Alterthümer;    vgl.    Grammatik 
der   Deutschen,   Griech.   und   Latein.;   germanist.   Kränzchen. 

2.  Berlin.    I.    Müllenhoff:    Nibelungen;    Abriss    der    nord.    Grammatik 
und   Eddalieder J   altdeutsche  Übungen.  — ■  Maßmann:   Über  den   Ursprung  der 


*)  Germania  IX,  4S)f>  habe  ich  an  meine  Fachcollegen  dio  Bitte  gerichtet,  mich 
in  meinem  Streben  nach  Vollständigkeit  und  Genauigkeit  der  Angaben  durch  künftige 
regelmäßige  Zusendung  der  Lectionscataloge  zu  unterstützen.  Aus  dem  Umstand,  daß 
mir  nur  ein  einziger  Catalog  zugeschickt  wurde,  muß  ich  vermuthen,  meine  Kitte  sei 
unbemerkt  geblieben,  daher  ich  dieselbe  zu  wiederholen  mir  erlaube. 

PFEIFFER. 


254  MISCELLEN. 

deutschen  Sprache;  goth.  Sprachdenkmäler;  Übungen  im  Lusen  der  Handschriften 
und  Documente.  —  Steinthal:  Über  Form  und  Charakter  der  indogermani- 
schen Sprachen,  bes.  Griechisch,  Latein  und  Deutsch.  —  II.  Müllenhoff: 
deutsche  Grammatik;  altd.  Metrik  und  Minnesangs-Frühling  von  Haupt;  deutsche 
Übungen.  —  Maß  mann:  Handschriftenkunde;  goth.  Sprachdenkmäler;  über 
den  Ursprung  der  deutschen  Sprache.  —  Steinthal:  Wesen  und  Geschichte 
der  epischen  Poesie. 

3.  Bern.  I.  Pabst:  Geschichte  der  neudeutschen  National  -  Litteratur 
von  Luther  bis  zum  Anfang  des  19.  Jhs.  —  Tob  ler:  Erklärung  von  Boethius 
de  consol.  philos.  mit  der  ahd.  Übersetzung;  deutsche  Mythologie  mit  Rück- 
sicht auf  Schweiz.  Volksglauben.  —  IL  Papst:  Geschichte  der  alt-  und  mhd. 
Litteratur;  Erklärung  ausgewählter  Gedichte  deutscher  Classiker.  —  Tob  ler: 
mhd.   Grammatik;    Erklärung  mhd.   Liederdichter  nach   Bartsch. 

4.  Bonn.  I.  Diez:  Markus  des  Ulfilas.  —  Simrock:  Geschichte  der 
deutschen  Sprache  und  Litteratur;  ausgewählte  altd.  Gedichte.  —  v.  Noorden: 
deutsche  Litteraturgeschichte   des  Mittelalters.    — -    IL  Diez:     altd.   Grammatik. 

—  Simrock:  deutsche  Mythologie;  ausgewählte  Gedichte  Walthers  von  der 
Vogelweide. 

5.  Breslau.  L  Stenzler:  vergl.  Grammatik  der  indogerm.  Sprachen.  — 
Rückert:  goth.  Grammatik  mit  Übersetzungsübungen;  über  die  hauptsächlich- 
sten Epiker  des  deutsch.  Mittelalters:  Hartmann,  Wolfram,  Gottfried;  germanistische 
Gesellschaft.  —  Friedr.  Pfeiffer:  Gothisch.  —  IL  Rückert:  deutsche  My- 
thologie;  germanir-st.   Gesellschaft.  ■ —  Pfeiffer:   altsächsisch   und  Heüand. 

6.  Erlangen.  Rud.  v.  Raumer:  I.  geschieht!.  Grammatik  der  deutschen 
Sprache ;  über  althochdeutsche  Sprachdenkmäler.  —  II.  Geschichte  der  deutschen 
Litteratur  seit  Lessing ;  über  goth.   und  ahd.   Sprachdenkmäler. 

7.  Freiburg.  M.  Lexer:  I.  Geschichte  der  deutschen  Litteratur;  goth. 
Grammatik;  deutsche  Gesellschaft.  —  IL  Geschichte  und  System  der  altd.  Religion; 
mhd.   Grammatik  und   Lecture  aus  den   Gedichten  Walthers  von  der  Vogelweide. 

8.  Gießen.  I.  Weigand:  Geschichte  der  deutschen  Nat.-Litteratur  bis 
1720;  ausgewählte  Gedichte  Walthers  von  der  Vogelweide.  —  Zimmermann: 
Geschichte  der  deutschen  Nat. -Litteratur  bis  1300;  über  Wolfram  v.  Eschenbach. 

—  IL  Weigand:  Grammatik  der  goth.  Sprache  und  aus  der  Bibelübersetzung 
des  Ulfilas  das  Evang.  Matthai.  —  Zimmermann:  Geschichte  der  deutschen 
Nat.-Litteratur  vom  Ausgang  des  13.  bis  zum  Beginn  des  18.  Jhs.;  die  deutsche 
Nat.-Litteratur  der  Jahre    17  94 — 1815. 

9.  Göltingen.  I.  W.  Müller:  deutsche  Litt.-Geschichte ;  alt-  und  mhd. 
Dichtungen;  diplomat.  und  paläographische  Übungen;  deutsche  Societät.  — 
L.  Meyer:  goth.  Sprache  und  Ulfilas  Erklärung.  —  Tittmann:  deutsche 
Heldensage.  —  IL  Müller:  bist.  Grammatik  der  deutschen  Sprache;  Walther 
von  der  Vogelweide;  deutsche  Societät.  —  L.  Meyer:  Tacitus'  Germania; 
altsächsisch  und  Heliand.  —  Bohtz:  Geschichte  der  deutschen  Nat.-Litteratur 
von  Lessing  bis  jetzt.  —  Tittmann:  Geschichte  der  neuern  deutschen  Lit- 
teratur. 

10.  Graz.  Tomaschek:  I.  Althochdeutsch,  Grammatik  und  Lecture; 
die  deutschen  Dichter  der  Gegenwart  in  Charakteristiken  und  Kritiken.  — 
IL  althochd.  Lecture;  die  deutschen  Dichter  der  Gegenwart.     2.   Folge. 

11.  Greif sivald.    Hocfer:  I.   ausgewählte   Capitel  der  vergl.   Grammatik; 


MISCELLEN.  255 

einige  goth.  Stücke  und  älteste  deutsche  Gedichte,  nach  vorausgeschickter  gram- 
matischer Unterweisung.  —  II,  Erklärung  von  W.  Wackernagels  kleinem  altd. 
Lesebuch. 

12.  Halle.  I.  Leo:  ausgewählte  Stellen  aus  Dietrich's  altnord.   Lesebuch. 

—  Pott:  Vergleichung  der  goth.  und  ahd.  Sprache  mit  den  beiden  classischen. 

—  Zacher:  deutsche  Grammatik;  Einleitung  in  die  deutsche  Grammatik;  litt.- 
hist.,  exeg.-krit.  und  grammat.  Übungen.  —  Lucae:  Hartmann's  von  Aue  Gre- 
gorius.  —  IL  Leo:  isländ.  Grammatik.  —  Zacher:  ausgewählte  Capitel  der 
deutschen  Grammatik;  Wolframs  von  Eschenbach  Parzival;  Übungen  der  deut- 
schen Gesellschaft.  —  Haym:  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  im  18.  und 
19.  Jhd.  —  Lucae:  Geschichte  der  altern  deutschen  Litteratur  und  Erklärung 
ausgewühlter  Stücke  aus  Wackernagels  oder  Schades  altd.  Lesebuch.  —  Heyne: 
Geschichte   der  Kirchenbaukunst  im   deutschen  Mittelalter. 

13.  Heidelberg.  I.  Holtzmann:  Geschichte  der  deutschen  Litteratur 
bis  Schiller's  Tod;  germanische  Alterthümer  mit  Erklärung  von  Tacitus'  Ger- 
mania.—  Lemcke:  Schiller  und  seine  Dramen.  —  v.  Reicklin- Meldegg: 
ästhet.  Vorlesungen  über  den  1.  und  2.  Thl.  von  Göthe's  Faust.  — ■  IL  Holtz- 
mann: deutsche  Mythologie;  ausgewählte  alt-  und  mhd.  Stücke.  —  Lemcke: 
Geschichte  der  deutschen  Poesie  seit  Opitz ;  Lebensbilder  aus  der  Litteratur- 
und   Kunstgeschichte. 

14.  Innsbruck.  Zingerle:  I.  Gottfrieds  von  Straßburg  Tristan;  Ge- 
schichte der  neuesten  deutschen  Litteratur ;  alt-  und  mhd.  Übungen,  —  II.  Bo- 
ners  Edelstein;   mhd.   Metrik;   über  Schiller's  Leben   und  Werke;    mhd.  Übungen. 

15.  Jena.  I.  Schleicher:  Mittelhochdeutsch  und  Nibelunge.  —  Klop- 
flei seh:  deutsche  Mythologie;  Kunstkritik  und  deutsche  Mythologie.  — 
11.  Schleicher:  Geschichte  der  altern  deutschen  Litteratur.  —  Klop- 
flei seh:  Übuogen  im   Bereich   der  nord.-heidn.  Realalterthümer. 

16.  Kiel.  I.  Weinhold:  deutsche  Grammatik;  über  Göthe  s  Leben  und 
Schriften.  —  Groth:  Geschichte  der  deutschen  Sprache  und  Poesie  seit  1600. 
—  II.  Wein  hold:  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  bis  zum  16.  Jhd.; 
ausgewählte  altd.  Sprachdenkmäler.  —  Th.  Möbius:  Übersicht  der  germanischen, 
besonders  nord.  Sprachen,  nebst  goth.  Grammatik.  —  Groth:  deutsche  Syntax; 
über  Göthe  s  Faust.     2.   Theil. 

17.  Königsberg.  Schade:  I.  deutsche  Grammatik;  mhd.  Sprachproben 
nach  s.  Lesebuch ;  Einleitung  in  die  Geschichte  der  deutschen  Sprache.  — 
II.  altdeutsche  Metrik ;  Gedichte  Walthers  von  der  Vogelwcide ;  goth.  und  ahd. 
Sprachdenkmäler. 

18.  Leipzig.  I.  Zarncke:  Nibelungenlied  (nach  s.  Ausg.);  Otfried's 
Evangelien-Harmonie  (nach  Kelle);  deutsche  Gesellschaft;  Lachmaun's  Anmer- 
kungen zu  Iwein.  —  Th.  Möbius:  nord.  Mythologie;  altnord.  Leseübungen.  — 
Minckwitz:  Gesch.  der  deutsch.  Poesie  seit  Schiller's  Tode.  —  IL  Zarncke: 
altnord.  Grammatik  mit  Übungen  im  Übersetzen;  über  Walther  von  der  Vogel- 
weide; über  Wolframs  Parzival;  Übungen  der  deutschen  Gesellschaft  (Althoch- 
deutsch, Erklärung  Otfrieds  etc.).  —  Fiat  he:  über  Göthe  und  Schiller  (Leben, 
Werke  und  Kunst).  —  Minckwitz:  Geschichte  der  deutschen  Poesie  seit 
Schiller's   Tode   (Forts.).  —   Brandes:   germanistische   Gesellschaft. 

19.  Marburg.  I.  Justi  IL:  Heliand;  Geschichte  der  altd.  Poesie.  — 
Lange:   Tacitus'   Germania.   —   Bickell:   Angelsächsisch;   vgl.   Grammalik   der 


256  MISCELLEN. 

indo^orin.  Sprachen.  —  II.  Just i  II. :  vergl.  Grammatik  der  indogerm.  Sprachen; 
angelsächsisch.   —   B  ick  eil:   Gothisch. 

2  0.  Manchen.  (Die  Lectionscataloge  sind  weder  im  litt.  Centralblatt, 
noch   scheinen  sie  in  der  Augsburger  allg.   Zeitg.  veröffentlicht.) 

21.  Münster,  I.  Storck:  Geschichte  der  neuern  deutschen  Litteratur.  — 
II.  Deycks:  Geschichte  des  deutschen  Epos  und  Erklärung  der  Nibelungen. 
Storck:   Fortsetz,  der  Geschichte   der  deutschen  Litteratur ;   ahd.  Grammatik. 

2  2.  Prag.  Kelle  I. :  althochd.  Grammatik;  Geschichte  der  deutschen 
Litteratur  im  Mittelalter;  Iwein.  —  II.  Grammatik  der  mhd.  Sprache;  mhd. 
Mc trik  ;   ausgewählte  mhd.  Lesestücke. 

23.  liostoch.  Bartsch.  L:  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  vom 
16.  Jhd.  an;  deutsch-philolog.  Seminar.  —  II.  über  Göthe's  Faust;  ausgewählte 
mhd.   und   provenz.   lyr.   Stücke   (im   Seminar). 

24.  Tübingen.  I.  v.  Keller:  deutsche  Grammatik  mit  Sprachproben  nach 
W.  W^ckernagel'a  Lesebuch;  Lieder  der  alten  Edda.  —  Holland:  deutsche 
Mythologie;  Gudrun;  Beowulf.  —  II.  v.  Keller:  deutsche  Litt.-Geschichte ; 
Otfried's  Evangelienbuch;  Nibelungenlied.  —  Holland;  Erklärung  von  Göthe's 
Gedichten. 

25.  Wien.  I.  Pfeiffer:  Erklärung  des  Nibelungenliedes;  neuhochdeut- 
sche Grammatik  mit  bist.  Begründung;  deutsche  Gesellschaft.  —  W.  Seh  er  er: 
Erkläruno-  deutscher  Lyriker  des  12.  Jhs.  nach  des  Minnesangs  Frühling.  — 
Boller:  vgl.  Grammatik  der  indogerm.  Sprachen.  —  IL  Pfeiffer:  Geschichte 
der  deutschen  Litteratur  von  der  ältesten  Zeit  bis  zur  Reformation;  deutsche 
Gesellschaft.  —  Scherer:  Über  die  öst.  Litteratur  des  12.  und  13.  Jhd.  — 
Boller:   Wortbildung   der   indogerm.   Sprachen. 

2  6.  Würzburg.  I.  Contzen:  Geschichte  der  deutschen  Nat.-Litteratur 
seit  1750.  —  H.  Müller:  vgl.  Grammatik  der  indogerm.  Sprachen;  über  die 
Bedeutung  der  griech.  und  lat.  Quellen  für  die  Kunde  der  germ.  Sprache.  ■ — 
IL  Contzen:  deutsche  Alterthumskunde.  —  Müller:  ausgewählte  Stücke  der 
altd.  Poesie;  Grundzüge  der  vgl.  Grammatik  der  indogerm.  Sprachen.  —  Wegele: 
deutsche   AlterthQmer   mit   Zugrundelegung   der   Germania   des   Tacitus. 

27.  Zürich.  I.  Ettmüller:  Geschichte  der  deutschen  Litteratur.  l.Thl. : 
Mittelalter  ;  der  Nibelunge  not;  Poetik  (Lehre  von  der  Dichtkunst).  —  Schweizer: 
Grammatik  des  Gothischen ,  Alt-  und  Mittelhochdeutschen,  mit  Übungen.  — 
Vi  seh  er:  über  Göthes  Faust.  - —  Wislicenus:  die  deutsche  Heldensage;  die 
Edda.  —  II.  Ettmüller:  altnord.  u.  ags.  Grammatik  nebst  Leseübungen;  Er- 
klärung des  Reineke  de  Vos,  nach  Hoffmann's  Ausg.  —  Schweizer:  Inter- 
pretationsübimgen  an  altd.  Texten.  —  Wislicenus:  gothisch;  das  Nibelungenlied. 


2. 

Die  kostbare  Liedersammlung  aus  dem  16.  Jhd.  —  143  weltliche  und 
geistliche  —  im  Ganzen  8  2  Piecen  aus  der  Bibliothek  Möhlmann's  in  Stade 
hat  der  Antiquar  Star  gar  dt  in  Berlin  unlängst  käuflich  erworben.  —  Ihrer 
wird  schon  in  dem  Vorwort  zum  Schneeberger  Gesangbuch  v.  J.  1784  von 
Tromler  Erwähnung  gethan  und  ist  aus  dem  Nachlasse  des  Predigers  Sied  hoff 
an  Möhlmann  übergegangen.  Daß  dieser  Schatz  nicht  ins  Ausland  wandere, 
soll   der   Zweck   dieser  Notiz   sein. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN 

AUF  DEN  HANNOVERSCHEN  GOLDBRACTEATEN  UND  AUF 
DENKMÄLERN  HOLSTEINS  UND  SCHLESWIGS, 

ENTZIFFERT  VON 

FRANZ  E.  CHR.  DIETRICH. 


Der  Geschichte  leisten  vor  allen  andern  solche  Denkmäler  frü- 
herer Jahrhunderte  wichtige  Dienste,  welche  mit  Schrift  versehen  sind 
und  einer  Vorzeit  angehören,  über  die  auch  nur  spärliche  Nachrichten 
in  Schriftwerken  vorkommen,  wie  es  der  Fall  ist  mit  der  gesammten 
norddeutschen  Geschichte  in  der  vorkarolingischen  Zeit. 

Der  auf  den  folgenden  Blättern  vorgelegte  Versuch,  die  Inschrif- 
ten der  Dannenberger  Runenbracteaten  zu  deuten  und  ihnen  Aussagen 
über  die  Zustände  des  alten  Sachsenlandes  an  der  Niederelbe  abzu- 
gewinnen, darf  daher  nach  seinen  schon  jetzt  zur  Wahrscheinlichkeit 
gebrachten  Ergebnissen  die  Aufmerksamkeit  der  Freunde  des  Alter- 
thumes  in  Anspruch  nehmen. 

Nicht  zu  trennen  waren  aber  von  den  genannten  Denkmälern  die 
noch  wichtigeren  und  umfänglicheren ,  mit  Runen  beschriebenen  Ge- 
brauchsgegenstände,   welche    in    Holstein    und    besonders   reichlich    in 

BÖ  / 

Schleswig  zu  Tage  gekommen  sind,  schon  wegen  der  verhältnissmäßigen 
Nachbarschaft  der  Fundorte,  namentlich  aber,  weil  die  Art  der  Runen 
genau  dieselbe  ist,  als  auf  den  hannoverschen  Bracteaten. 

Früher  dachte  man  bei  Gegenständen  des  Alterthums,  wenn  man 
von  Runen  dabei  hörte,  sofort  nur  an  nordische  Völkerschaft  und  Hei- 
math. Zur  endlichen  Beseitigung  dieses  Vorurtheils  dient  auch  die 
hier  gegebene  Untersuchung. 

Die  hauptsächlichsten  und  sichersten  Ergebnisse  derselben  sind, 
daß  die  Sprache  der  gesammten  besprochenen  Runeninschriften,  was 
nicht  ohne  Interesse  für  Schleswig  ist,  einem  Dialeet  angehört,  der 
im  Allgemeinen  als  ein  nordsächsischer  bezeichnet  werden  muß,  und 
daß  die  durchgehends  hier  angewendete  Runengattung  nicht  die  angel- 
sächsische, geschweige  denn  die  nordische  ist,  sondern  eine  Art,  wovon 
die  angelsächsische  die  Tochter  ist,  und  welche  die  ältere  deutsche 
heißen  muß,    nicht   sowohl  wegen  der  übereinstimmenden  sogenannten 

GERMANIA   \  17 


258  FRANZ  DIETRICH 

marcomannischen  Runen,  :ils  wegen  der  deutschen  Sprachgestalt  der 
bei  weitem  größten  Mehrzahl  der  sie  enthaltenden  Inschriften. 

Die  einzige  Berechtigung  dieser  Benennung  aber  kann  nun  auch 
deshalb  gar  nicht  mehr  geleugnet  werden,  weil  vor  kurzem  eben  die- 
selbe Runenart  in  einem  uralten  Grabe  der  Bourgogne.  und  zwar  in 
ehemaligem  Besitz  und  Gebrauch  eines  burgundischen,  nicht  fränki- 
schen,  Volksstammes  gefunden  worden  ist. 

Um  meinen  Lesungen  der  gedachten  Inschriften  diejenige  Sicher- 
heit über  den  Thatbestand  der  auf  den  Denkmälern  vorliegenden  Schrift- 
züge zur  Unterlage  zu  bringen,  die  für  die  sprachliche  Bestimmung 
des  Inhalts  erforderlich  ist,  habe  ich  die  Copien  wo  immer  möglich 
mit  den  Originalen  aufs  Neue  verglichen. 

Für  die  zahlreichsten,  die  Schleswiger  Alterthum9gegenstände 
leisteten  den  Dienst  des  Originals  die  Photographien,  welche  im  ersten 
Band  von  Thorsen's  Runendenkmälern  (Kopenh.  1864)  in  Farbendruck 
gegeben  sind.  Bei  den  Dannenberger  Bracteaten  gebrauchte  ich  außer 
der  zuerst  1860  in  der  Zeitschrift  für  Niederdeutschland  veröffentlich- 
ten Abbildung,  sicherstellende  Abdrücke  von  den  Originalen,  welche 
Hr.  Archivrath  Dr.  Grotefend  in  Hannover  mit  der  dankenswerthesten 
Gefälligkeit  mir  zugehen  ließ. 

Die  mehrfach  verglichenen  sonstigen  Runenbracteaten,  welche  im 
königl.  Museum  zu  Kopenhagen  aufbewahrt  werden,  sind  nach  den 
Abbildungen  benutzt,  welche  in  dem  f Atlas  for  nordisk  Oldkyndighed' 
(Kjöbenh.    1857)  erschienen  sind. 

Während  eigentliche  Goldmünzen  des  Alterthums  in  verschie- 
denen deutschen  Ländern  aufgefunden  worden  sind,  gehören  die  dünnen, 
nur  auf  einer  Seite  ein  Gepräge  tragenden  und  mit  einem  Ohr  zum 
Anhängen  bestimmt  gewesenen  goldenen  Schaustücke,  oder  die  Gold- 
bracteaten ,  deren  ziemlich  viele  im  Umfang  des  heutigen  Däne- 
mark und  auf  schwedischen  Küstengegenden  ausgegraben  sind,  in 
Deutschland  zu  den  Seltenheiten.  Man  kannte  einzelne  am  Rhein  und 
in  Baiern  gefundene,  so  wie  einige  andere,  die  aus  Meklenburg,  Hol- 
stein und  Schleswig  stammten,  das  meiste  Aufsehen  erregten  durch 
ihr  bestimmbares  Alter  die  von  Cöslin  in  Pommern  nach  Berlin  ge- 
kommenen. Eine  Runeninschrift  enthielt  nur  ein  Meklenburger  Bracteat, 
so  wie  der  bei  Cöslin  mitgefundene  goldene  Ring,  dessen  kleine  In- 
schrift noch  ungelöst  ist,  was  eben  auch  von  den  wenigen  Runenzeichen 
der  Sehleswiger  gilt. 

Uni  so  erfreulicher  war  es,  daß  im  Königreich  Hannover  in  dem 
einen  Jahr  1859  außer  einer  den  Bracteaten  ähnliehen  goldenen  Spange, 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  259 

drei  eigentliche  Bracteaten  bei  Landegge,  und  was  der  nach  Umfang 
und  Inhalt  bedeutendste  Fund  war,  bei  Dannenberg  elf  Stück  zum 
VTorschein  kamen ,  von  denen  vier  mit  gleichartigen  Runen  versehen 
sind,  und  zwei  offenbar  ganze  Sätze  in  Runenschrift  enthalten.  Alle 
drei  Funde,  von  denen  der  Dannenberger  besonders  nach  seinen  In- 
schriften hier  besprochen  werden  soll,  wurden  ausführlich  beschrieben 
von  Dr.  C.  L.  Grotefend,  in  der  Zeitschrift  des  historischen  Vereins 
für  Niedersachsen,  Jahrgang  1S60,  Hannover  1861,  S.  391 — 400,  und 
wurden  die  Bracteaten  selbst  nach  ihren  Hauptarten  abgebildet  auf 
Taf.  I,  Nr.  1—7  und  Taf.  II,  Nr.  8,  die  Goldspange  Nr.  9. 

Über  den  Fundort  und  die  in  früherer  Zeit  wechselnd  gewesenen 
Bewohner  und  Herren  der  Umgegend  ist  Folgendes  bekannt  *).  Eine 
geraume  Strecke  nördlich  vom  Einfluß  der  Havel  in  die  Elbe  berührt 
Meklenburg  das  erstemal  die  Elbe  bei  dem  schon  durch  seinen  Namen 
auf  wendische  Gründung  hinweisenden  Orte  Dömitz.  Dieser  Stadt 
ungefähr  gegenüber  liegt  an  der  Jeetze  oder  Jeetzel,  nicht  sehr  weit 
südlich  von  ihrer  Mündung  in  die  Elbe  die  kleine  Stadt  Dannen- 
berg mit  einem  alten  1376  vollends  zerstörten  Schloss,  welches  an 
die  Stelle  eines  noch  älteren  getreten  war.  Seit  dem  13.  Jahrh.  im 
Besitz  der  Herzöge  von  Braunschweig  und  Lüneburg,  war  es  im 
12.  Jahrh.  der  Mittelpunkt  einer  eigenen  Grafschaft,  und  zwar  hatte 
der  erste  1158  erwähnte  Graf  von  Dannenberg  diese  Gegend  den  hier 
von  jenseit  der  Elbe  her  eingedrungenen  Wenden  wieder  abgewonnen. 

Daß  es  ursprünglich  eine  sächsische  Niederlassung  war,  beweist 
der  deutsche  Name,  Dannenberg  ist  der  Berg  des  Danno  oder  Dano. 
ein  sächsischer  Name,  der  unter  Kaiser  Hlothar  in  den  Tradd.  von 
Corvey  §.  357  vorkommt.  In  der  karolingischen  Zeit  und  früher  ge- 
hörte die  Gegend  wohl  noch  zum  Bardengau,  der  die  Elbe  bei  Har- 
burg zur  Nordgrenze  und  denselben  Strom  nordöstlich  zur  Grenze 
hatte,  nur  wenig  westlich  von  Dannenberg  liegt  an  der  Ilmenau  die 
schon  in  ihrem  Namen  bedeutsame  Stadt  Bardowick.  Man  nimmt  an, 
daß  die  letzte  südlichste  Strecke  der  Ostgränze  der  Wald  war  zwischen 
der  Ilmenau  und  der  Jeetze  (Delhis  in  der  Hall.  Encycl.  VII,  1821 
n.  Bardengau).  In  die  von  den  Longobarden  verlassenen  Gegenden 
breitete  sich  der  ostfalische  Stamm  der  Sachsen  aus,  während  die  frü- 
heren Angrivarier  an  der  Weser  verblieben. 

In    der   Nähe  von    Dannenberg    liegt    das    Dorf  Nebenstedt,    auf 


*)  C.  Einfeld,    in  der  Zeitschr.  d.  bist.  Vereins  f.  Nieders.  Jahrg.   1859,  S    201. 
L860,  S.  73.  74. 

IT* 


260  FRANZ  DIETRICH 

einer  sumpfigen  Wiese  dieses  Orts  wurden  die  11  Bracteaten,  etwa 
einen  Fuß  tief  vergraben,  aufgefunden.  In  Bezug  auf  die  Beschreibung 
derselben  verweise  ich  auf  den  vorhin  genannten  ausgezeichnet  genauen 
Bericht  des  Herrn  Dr.  Grotefend. 

Nach  dem  Gesichtspunkt  des  Umfangs  der  Runeninschriften  und 
der  Runenlosigkeit  stellen  sich  5  Arten  in  folgender  Ordnung  dar. 
Obenan  steht  der  Bracteat  mit  18  Runen,  dessen  Bild  die  männliche 
Figur  ist  mit  den  zwei  Ringen  am  Gelenk  der  rechten  Hand  (Grotef. 
Nr.  2),  demnächst  folgt  der  mit  15  Runen,  dessen  nahe  verwandtes 
Bild  ohne  Ringschmuck  ist  und  die  rechte  Hand  weniger  hoch  hat 
(Grotef.  Nr.  1),  eine  dritte  Art  mit  6  Runen  und  sehr  undeutlicher 
nicht  menschlicher  Figur,  die  links  einem  Vogelkopf  ähnlich  ist,  stellt 
sich,  in  Runen  und  Bild  gleich  >  auf  zwei  Bracteaten  des  Fundes  dar 
(Gr.  Nr.  5  und,  wo  nur  der  Rand  verdoppelt  ist,  Nr.  6);  eine  vierte 
Art  gibt  ohne  Runen  das  völlige  Bild  eines  Mannes  mit  Schlangen 
(Gr.  Nr.  4,  gefunden  in  drei  Exemplaren),  die  fünfte  enthält  nur 
Schlangenwerk  als  Verzierung  ohne  Runen  (Gr.  Nr.  5,  gefunden  in 
vier  Exemplaren). 

In  dieser  Reihenfolge  sollen  nun  zunächst  und  vornehmlich  die 
Bracteaten  mit  Inschriften  zur  Besprechung  kommen,  um  den  Versuch 
einer  Entzifferung  vorzulegen,  und  zwar  ohne  irgend  ein  Vorurtheil 
über  ihre  Heimat,  einstweilen  daher  auch  ohne  Berücksichtigung  der 
in  dem  mehrerwähnten  gelehrten  Bericht  S.  393  ausgesprochenen  Mei- 
nung, daß  die  Dannenberger  Bracteaten  wegen  der  Ähnlichkeit  mit 
denen  des  Kopenhagner  Atlas  und  schon  wegen  der  gleichartigen 
•Runen  ihrem  Vaterland  nach  als  skandinavische  zu  betrachten  seien. 
Man  ist  dem  trefflichen  dänischen  Gelehrten,  Dr.  Thomsen  in  Kopen- 
hagen ,  an  den  sich  Herr  Dr.  Grotefend  als  einen  vorzugsweise  durch 
Studien  über  die  Bracteaten  verdienten  Forscher  um  Auskunft  gewen- 
det hatte,  da  ihm  selbst  jener  Atlas  nicht  zugänglich  war,  zu  Dank 
verbunden  für  vergleichende  Bemerkungen,  namentlich  für  die  Hinwei- 
sung auf  einen  seinem  Bilde  nach  mit  den  ersten  Dannenbergeru  sehr 
ähnlichen  Goldbracteaten  (Nr.  218  des  Atlas),  der  auf  Fünen  gefunden 
wurde,  nur  mit  einer  andern  Inschrift.  Inzwischen  von  dem  Urtheil 
über  den  Ursprung  dieser  Schaumünzen  konnte  fürs  Erste  um  so  mehr 
abgesehen  werden,  da  es  noch  nicht  eine  Deutung  der  Inschriften  zur 
Seite  hatte.  „Eine  Lesung  der  Runeninschriften  dieser  Bracteaten," 
so  heißt  es  S.  394  des  Berichtes  mit  Einschluß  dessen  von  Fünen, 
„ist  bisher,  obgleich  die  Bedeutung  der  einzelnen  Runen  bekannt  ist, 
nicht  gelungen,  da  man  noch  nicht  einmal  weiß,  in  welcher  Sprache 
diese  Runeninschriften  verfasst  sind." 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  261 

Auch  seit  1860  ist  dem  Schreiber  dieser  Zeilen  eine  Lesung  der- 
selben nicht  bekannt  geworden ,  da  er  sieh  aber  bereits  mit  manchen 
andern  der  ältesten  Inschriften  in  Runen  der  sogenannten  angelsäch- 
sischen Gruppe,  wie  auf  dem  goldenen  Hörn  aus  der  Nähe  von  Ton- 
dern,  dem  Ring  von  Bukarest,  dem  Stein  von  Tunöe  in  Norwegen 
u.  a.  eingehend  beschäftigt  hat,  hält  er  sich  für  hier  mitzusprechen 
berechtigt,  nachdem  er  insbesondere  auch  dem  Verständniss  derjenigen 
in  gleichen  Runen  veifassten  Inschriften  näher  gekommen  ist,  welche 
sich  auf  fast  fünfzig  der  Goldbracteaten  des  werthvollen  Kopenhagner 
Atlas  vorfinden,  der  ihm  durch  die  Güte  der  alle  wissenschaftliche 
Forschung  so  gefällig  unterstützenden  Göttinger  Bibliothekare  zur  Be- 
nutzung überlassen  wurde. 

Über  die  muthmaßliche  Zeit  und  Heimat  der  Dannenberger 
Bracteaten  wird  nach  der  Deutung  ihrer  Inschriften  gehandelt,  es  sind 
einfach  aus  Schrift  und  Inhalt  derselben  gemachte  Folgerungen ,  über 
die  ich  gern  Belehrung  annehme,  sie  werden  aber  stehen  oder  fallen 
mit  dem  Ergebniss  über  das,  was  auf  diesen  merkwürdigen  Gegen- 
ständen des  Alterthumes  geschrieben  steht.  Um  aber  zu  diesen  vor 
allem  wichtigen  Aussagen  dieser  Gegenstände  über  sich  selbst  zu  ge- 
langen, bedarf  es  klarer  Vorstellungen  über  die  Schrift,  die  keineswegs 
eine  gemischte  ist,  und  des  ruhigen  Fortschreitens  von  der  Bedeutung 
und  der  Richtung  der  Schriftzeichen  zur  Bildung  klarer  Worte  durch 
naturgemäße  Abtheilung  der  scriptio  continua,  und  durch  die  so  wenig 
und  so  einfach  als  möglich  vorzunehmende  Ergänzung  von  ausgelas- 
senen Lauten. 

Denn  von  vorn  herein  darf  man  nicht  erwarten,  daß  alles  werde 
vollständig  ausgeschrieben  sein,  und  daß  alles  nach  unserer  gramma- 
tischen Erkenntniss  gut  werde  in  Schrift  gesetzt  sein;  dieses  nicht, 
weil  die  alten  Goldschmiede  sich  durch  keine  Schulbildung  über  die 
schwankende  Aussprache  und  Schreibung  des  Volkes  erheben  konnten, 
und  auch  die  Runenmeister,  je  weiter  zurück,  desto  weniger  Sprach- 
meister waren,  wie  jeder  wissen  kann,  der  sich  einigermaßen  um  Runen- 
inschriften bekümmert  hat;  und  auch  das  erste,  daß  alle  Laute  weiden 
in  die  Schrift  aufgenommen  sein,  ist  namentlich  in  Absicht  auf  Vocale 
eine  vergebliche  Erwartung,  weil  gerade  auf  so  kleinen  Denkmälern 
wie  Münzen  sind,  besonders  wenn  die  Zeichen,  wie  es  hier  meist  der 
Fall  ist,  verhältnissmäßig  groß  gemacht  werden,  der  schon  durch  das 
Bild  beschränkte  Raum  zu  Auslassungen  von  Vocalen  in  bekannten 
geläufigen  Wörtern  nöthigen  konnte.  Mit  keinen  andern  als  diesen, 
durch  die  Natur  der  Sache  gerechtfertigten  Voraussetzungen  wenden 
wir  uns  nun  zur  Untersuchung,  und  zwar 


2(52  FRANZ  DIETRICH 

Über  den  Inhalt,  der  Inschriften. 

Die  Schriftzeichen  der  drei  Danncnberger  Inschriften  sind  im 
Allgemeinen  dieselben  sehr  alten  Runen,  die  auf  dem  goldenen  Hörn 
erschienen,  auf  dem  Ring  von  Bukarest  und  auf  dem  Stein  von  Tunöe. 
Durch  diese  Denkmäler  ist  ein  fast  vollständiges  Runenalphabet  dar- 
gestellt, welches  mit  dem  angelsächsischen  am  nächsten  verwandt,  doch 
auch  einige  Abweichungen  enthält,  durch  die  es  sich  als  einfacher  und 
alterthümlicher  erweist. 

Der  Lautwerth  dieser  Runen  steht  in  der  Weise  vollkommen  fest, 
in  welcher  er  bei  den  unter  sich  verschiedenen  Erklärungen  des  gol- 
denen Horns  von  nordischen  Gelehrten  wie  Munch  und  von  deutschen 
wie  Jacob  Grimm  und  Müllenhoff  übereinstimmend  angesetzt  wurde, 
und  kann  durch  den  Versuch,  einzelne  wieder  ins  Ungewisse  und 
Schwankende  zu  ziehen,  den  Rafn  zu  Gunsten  eines  dänischen  Inhalts 
der  gedachten  Inschrift  machte,  und  zwar  um  die  modern  nordische 
Copula  og  herauszubekommen,  nicht  im  mindesten  wieder  unklar  und 
ungewiss  gemacht  werden.  Die  Rechtfertigung  dieser  Behauptung  wird 
indess  bis  zuletzt  aufzuheben  sein,  damit  hier  der  Gang  der  Unter- 
suchung nicht  aufgehalten  wird. 

Zwei  auf  den  Dannenberger  Bracteaten  etwas  eigentümliche 
Zeichen,  die  auf  den  genannten  verwandten  Denkmälern  nicht  ganz 
so  auftreten,  werden  nach  ihrer  Stellung  sofort  aus  ihrem  anfänglichen 
Dunkel  erhoben  zu  völliger  Klarheit.  Wenden  wir  uns  zunächst  zur 
größten  der  Inschriften,  wo  nur  eins  der  fraglichen  Zeichen  vorkommt, 
so  ist  am  wenigsten  Schwierigkeit  in  der  Lesung  und  Deutung. 

1.   Der  Bracteat  mit  18  Runen. 

Es  ist  der  auf  Grotefends  Tafel  die  zweite  Stelle  einnehmende, 
dessen  Bild  ziemlich  ähnlich  ist  mit  dem  des  voranstehenden  Bracteaten: 
ein  großer  Kopf  mit  einem  Diadem  in  den  bloßen  Haaren ,  welches 
durch  kleine  Kreise  angedeutet  ist,  darunter  sind  vereinzelt  die  Hände 
und  die  Füße  zu  sehen  in  gebogener  Stellung:.  Das  Diadem  scheint 
von  der  Stirn  an  in  die  Höhe  zu  gehen  und  über  dem  Kopfe  her  zu 
laufen,  vielleicht  nur  die  alte  ungeschickte,  das  Gedachte  mit  aus- 
drückende Zeichnung,  welche  andeuten  soll,  daß  der  Kopfschmuck 
rings  herum  gehe. 

Die  rechte  Hand  ist  mit  geschlossenen  Fingern  nach  dem  Mund 
gehalten,  als  sollte  sie  Speise  oder  ein  Trinkgefäß  heranführen,  die 
linke  ist  mit  ausgebreiteten  Fingern  nach  unten  gerichtet. 

Von  der   bildlichen   Darstellung    können   die   Inschriften ,    die  ja 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  ete.  263 

meist  mit  einem  besondern  Stempel  zum  Bild  hinzugethan  wurden, 
unabhängig  sein ,  eine  ähnliche  Richtung  der  Hände  rindet  sich  auf 
verschiedenen  Bracteaten  des  Atlas  (Nr.  26,  84,  85,  218),  immerhin 
aber  könnte  ein  Runenmeister  einen  Spruch  auch  einmal  zu  der  wenn 
auch  sonst  üblichen  Gestalt  nach  seiner  Auffassung  in  Beziehuno-  ge- 
setzt haben,  deshalb  sollte  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  hier  das  Bild 
den  Schein  erregt,  als  stellte  es  einen  edlen  an  Ringen  reichen  Herrn 
dar,  der  eben  Befriedigung  von  irgend  einem  Genuße  hat,  obwohl  dieser 
Betrachtung  kein  besonderes  Gewicht  gegeben  weiden  soll. 

Der  erste  Schritt  zum  Lesen  der  Inschrift  ist,  daß  man  die  Rich- 
tung der  Schrift  bestimmt,  wodurch  zwar  noch  nicht  der  Anfang,  aber 
die  Reihenfolge  der  Laute  gegeben  ist. 

Es  gibt  neben  den  zweiseitigen  Runenzeichen,  die  bei  jedem  Lauf 
der  Schrift  sich  gleich  bleiben,  wie  die  für  E,  auch  mehrere  einseitige, 
die  einen  Zusatz  zum  Stabe  nur  auf  einer  Seite  haben,  wie  ^  für  L, 
und  £  für  A,  Runen,  welche  bei  der  Schreibung  von  rechts  nach  links 
die  umgewendete  Richtung  mit  dem  Zusatz  auf  der  linken  Seite  be- 
kommen. Nun  ist  aber  auf  unserem  Bracteaten  die  Rune  für  A  am 
linken  Oberarm  und  über  die  Stirn  umgewendet  gestellt,  und  dasselbe 
gilt  von  der  Rune  L,  welche  links  und  rechts  dem  zuletzt  gedachten 
A  benachbart  ist,  so  wie  von  dem  Zeichen  für  TB  dem  linken  Ober- 
arm gegenüber,  mithin  ist  die  Schrift  von  rechts  nach  links 
zu  lesen. 

Der  Anfang  der  in  zwei  Absätzen  vorliegenden  Inschrift  kann 
daher  nur  entweder  über  der  Stirn  der  Figur,  oder  am  linken  Hinter- 
fuß gesucht  werden.  Das  letztere  hat  die  Analogie  vieler  Denkmäler 
für  sich,  auf  denen  von  unten  nach  oben  gelesen  werden  muß.  wie 
es  z.  B.  auf  den  Blekinger  Steinen  der  Fall  ist. 

>  Demzufolge    ergiebt  sich    die  Runenreihe,    nach  Umwendung  der 
einseitigen  Zeichen  in  folgender  Gestalt  und  Ordnung: 

m^YHtr      fcrMtxsYnr 

Das  zweite  Zeichen  kann  nicht  wohl  etwas  anderes  sein  als  ein  N, 
dessen  sonst  durchgehender  Querstrich  nur  halb  gemacht  oder  nur 
halb  erhalten  ist.  Den  sehr  kleinen  Haken  oben  nehme  ich  als  eine 
Ausweichung  des  Meißels  beim  Eingraben  des  Grundstriches  in  den 
Stempel. 

Das  dritte  Zeichen,  welches  auch  zweimal  auf  dem  folgenden 
Bracteaten  vorkommt  (bei  Grotefend  Nr.  1),  muß  das  für  S  sein, 
welches  sonst  fehlen  würde,  da  sein  Nichtvorkommen  unter  zusammen 


2(54  FRANZ  DIETRICH      ;, 

33  Runen  bei  der  Häufigkeit  dieses  Lautes  in  germanischen  Spraehen 
unwahrscheinlich  wäre,  und  da  es  den  beiden  Zeichen  £  und  $,  die 
auf  dem  goldnen  Hörn  und  beziehungsweise  auf  dem  Stein  von  Tunöe 
für  aS  vorkommen,  ähnlich  ist.  Fast  ebenso  zeigt  es  sich  auch  zwei- 
mal auf  dem  Bracteaten  Nr.  85  des  Atlas. 

An  die  angelsächsische  Bedeutung  des  Zeichens  *t,  welches  im 
Runenliede  den  Namen  eoh  (Pferd)  führt,  und  für  EO  steht,  ist  schon 
deshalb  gar  nicht  zu  denken,  weil  bei  dessen  Anwendung  hier  eoa 
folgen  würde,  und  auf  dem  andern  Bracteaten,  wo  es  zweimal  wieder 
vor  Vocalen  steht,  sich  erst  ein  eou,  dann  ein  eoau  ergeben  würde. 
Überdies  ist  die  genannte  Bedeutung  bisher  nur  in  handschriftlichen 
Alphabeten,  noch  nie  auf  einem  Denkmal  nachgewiesen  worden. 

Da  nun  der  Lautwerth  der  übrigen  Runen  feststeht ,  so  kann 
ohne  Bedenken  in  lateinische  Schrift  umgeschrieben  werden;  indem 
ich  dies  thue,  führe  ich  gleich  einen  zweimal  zwischen  vier  Consonan- 
ten,  die  natürlich  nicht  alle  unmittelbar  folgen  konnten,  ergänzten  Vocal, 
und  die  Wortabsetzung,  welche  durch  die  Erklärung  gerechtfertigt  wird, 
in  der  Umschreibung  ein: 

INSATH   MiD   TiL   ALET    GOMÜL. 

Als  erstes  Wort  kann  wegen  der  folgenden  vier  Consonanten 
nichts  mehr  angenommen  werden,  als  insa\>,  ein  componiertes  Adjectiv, 
dem  im  Lateinischen  ein  per-satur  entsprechen  würde.  Der  zweite 
Theil  ist  das  altsächsische  Adj.  sad,  Plur.  sade,  wie  in  dem  Satze: 
Nu  sint  thina  gesti  sade  Hei.  62,  21,  vgl.  87,  22.  88,  1.  und  angels. 
säd  :  Jii  säde  vaeron,  in  Thorpes  Psalmen  80,  15  and  sade  vurdon  eb.  77,  29. 
Der  erste  Theil  der  Composition,  welcher  auf  das  Innerliche  verweist 
und  daher  verstärkend  wirkt,  hat  sich  nicht  nur  im  Isländischen,  son- 
dern auch  im  Ags.  reichlich  erhalten,  wie  in  indryhten  (pernobilis), 
inj'rod  (persapiens) ,  inflede  (peraquosus),  vgl.  meine  Besprechung  der- 
selben in  Haupt's  Zeitschr.  XI,  413,  wo  auch  Beispiele  dafür  aus  dem 
Plattdeutschen  beigebracht  sind.  Die  hier  auftretende  Form  des  Adj. 
8äfh  mit  th  ist  älter  als  die  mit  d,  weil  sie  durch  das  lat.  satnr  ge- 
fordert ist.    Noch  im  Gothischen  besteht  th  neben  d  in  dem  Wort. 

mid,  die  bekannte  Präposition,  regiert  hier,  wie  das  Folgende 
zeigt,  nicht  einen  Dativ,  sondern  einen  Accusativ.  Diese  Verbindung 
ist  für  das  Althochdeutsche  und  für  das  Angelsächsische  mit  unzweifel- 
haft hinlänglichen  Belegen  gerechtfertigt  in  meiner  Abhandlung  über 
den  instrumentalen  Gebrauch  des  Accusativs,  der  aus  dem  adverbialen 
hervorgeht,    in  Haupt's  Zeitschr.  XI.  393—409.    Daß    hier   die    Präp. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  265 

f  mit'  nach  dem  'satt'  steht,  kann  nicht  befremden,  da  die  Vorstellung 
des  Sattseins  unter  die  des  Voll-  oder  Angefülltseins  gehört,  wonach 
sich  das  fMit'  z.  B.  in  den  ags.  Ps.  64,  12  und  im  Cädmon  G-  319  zeigt. 
til  heißt  gut.  Dieses  Adjectiv,  wofür  das  gothische  gatils  nur  die 
Bedeutung  passend,  füglich  hat,  ist  im  Angelsächsischen  in  dem  aus- 
gedehntesten Gebrauch  für  die  Begriffe  angemessen  und  gut.  Es  wird 
nicht  nur  von  Personen  gesagt  für  gut  und  brav,  wie  wenn  tue  and 
yfle  gute  und  böse  entgegengesetzt  werden,  Cädm.  II,  610,  sondern 
auch  von  Sachen  aller  Art,  so  von  einem  Kampfe,  der  nicht  angenehm 
war,  Beov.  2609,  von  gutem  Rathe  in  Räths.  16,  16,  von  einem  guten 
Lohne,  Cädm.  Gen.  18 J0. 

alet,  ungenau  gesprochen  oder  geschrieben  für  aleth,  ist  das  Ge- 
tränk, welches  noch  jetzt  in  England  Ale  heißt,  bei  den  alten  Sach- 
sen alo  in  alofat  Hei.  61,  8-,  bei  den  Angelsachsen  ebenso,  und  mit 
Brechung  des  Vocals  ealo;  woneben  auch  die  längere  Form  olad  (ur- 
sprünglich alad),  sowie  mit  Umlaut  alod,  und  mit  der  Brechung  ealad 
für  dieselbe  Art  Bier  vorkommt.  Daß  diese  Nebenform  von  sehr  alten 
und  im  alltäglichen  Leben  vom  häufigsten  Gebrauch  war,  dafür  scheint 
schon  der  Umstand  zu  beweisen,  daß  sie  bereits  in  den  frühesten  Ur- 
kunden die  Flexion  verloren  hat,  denn  solchen  Verlust  erleiden  nur 
die  durch  den  Gebrauch  abgenutztesten  Wörter.  Bereits  in  einer  Ur- 
kunde vom  Ende  des  8.  Jahrh.  bei  Kemble  Dipl.  Anglosax.  1,  203 
liest  man  den  Genitiv  dreimal  nur  in  der  Form  alod,  und  so  lautet 
es  auch  bei  Alfred:  tvegen  fätels  fall  ealad  odde  väteres,  zwei  Gefäße 
voll  Bieres  oder  Wassers,  im  1.  Cap.  des  Orosius,  so  wie  in  einer 
Urkunde  von  835:  dritig  ombra  alad,  Dipl.  1,  312.  Ebenso  heißt  es 
im  Dativ:  bütan  flaesce  and  ealad,  (außer  Fleisch  und  Ale)  statt  ealade, 
in  Thorpe's  Laws  p.  357.  Übrigens  waren  mehrerlei  Arten  von  Alath 
bei  den  Angelsachsen  vorhanden.  Man  unterschied  fremdes,  insbeson- 
dere welisches  von  dem  einheimischen,  und  bei  diesem  lauteres,  d.  h. 
gewöhnliches  und  unversetztes,  also  wohl  bitteres,  von  einem  linden 
d.  h.  süßgemachten.  Diese  drei  Arten  kommen  Dipl.  1,  203  neben 
einander  vor.  Noch  jetzt  gibt  es  in  England  neben  dem  süßen  ein 
bitteres  und  altes  Ale.  Ein  Schenkort  dieser  Getränke  hieß  cedp-ealeäel, 
den  Priestern  mußte  verboten  werden  ät  ceapealedelum  zu  essen  oder 
zu  trinken ,  Th.  Laws  p.  473.  —  Das  Genus  des  Wortes  alo  ist  in 
allen  alten  Dialekten  das  Neutrale,  danach  wird  auch  das  synonyme 
alad  dasselbe  gehabt  haben.  Hier  liegt  es  vor  durch  die  Endungen 
der  damit  verbundenen  Adjectiva. 

gomul  ist  die  dunkelvocaligc  Nebenform  des  einst  mehreren  Dia- 


266  FEÄNZ  DIETRICH 

lekten  gemeinsamen  Adj.  gamal,  alt.  Das  Gothische  gewahrt  es  nicht; 
sein  Vorhandensein  im  Althochd.  ist  durch  Eigennamen  vorausgesetzt, 
vgl.  Grimm  Gramm.  3,  618;  im  Altsächs.  durch  das  davon  abgeleitete 
Verbum  gamalon  altern,  Uiel.  2,  24.  Im  Angelsächs.  ist  es  so  gangbar 
wie  im  Altnordischen,  besonders  im  Sinne  von  senex,  doch  nicht 
minder  auch  von  Sachen,  so  heißt  es  vom  Schwerte:  sveord  Beovulfes, 
gomol  and  graegmacl  (alt  und  graufleckig)  B.  2682,  wie  vom  Vogel 
Phönix:  gomol,  gedrum  frod  Phon.  154,  womit  auch  unser  gomul  der 
Form  nach,  so  nahe  als  nöthig  ist,  belegt  und  gerechtfertigt  wird. 

Die  Wortstellung  der  Runeninschrift  ist  vollkommen  dem 
höheren  Alterthum  gemäß.  Die  beiden  Prädicate  des  Aleth ,  gut  und 
alt,  sind  durch  das  Nomen  getrennt,  die  Stellung  beruht  darauf,  daß 
in  alter  Zeit  ein  attributives  Adjectiv  auch  seinem  Hauptwort  nach- 
gestellt werden  kann.  Daher  findet  sich  von  zwei  solchen  Adjectiven 
oft  eins  vor-  und  das  andere  nachgesetzt.  Für  das  Mittelhochdeutsche 
wurde  dies  nachgewiesen  von  Grimm  Gr.  4,  489  durch  Verbindungen 
wie:  ein  ziere  lodfen  breit.  Für  das  Angelsächsische  kann  ich  dieselbe 
Stellung  belegen;  of  pissum  strongan  style  heardan  (von  diesem 
starken,  harten  Stahle)  liest  man  in  dem  Räths.  41,  79,  hi  deupne 
smi,  dulfon  vidne  (si  gruben  einen  tiefen  weiten  Brunnen)  in  Thorpes 
Ps.  56,  8.  Ein  anderes  Wort  steht  zwischen  zwei  Adjectiven  in :  fram 
päm  eceum  hider  äctehtm  bcorgum  (von  den  ewigen  edeln  Bergen  hierher) 
Ps.  75,  4.  In  reiner  Prosa  wäre  diese  Wortstellung  gleichwohl  auf- 
fallend, aber  ganz  einfache  Prosa  liegt  eben  auch  hier  nicht  vor. 

Der  Runenspruch  trägt  die  Alliteration  an  sich,  indem  insap 
und  aleth  vocalisch  gebunden  sind.  Hieraus  erklärt  sich  einerseits,  daß 
statt  des  einfachen  Adjectivs  'satt*  eine  Composition  damit  (insap)  vor- 
gezogen wurde,  und  andererseits,  daß  das  zweite  Prädicat  (gomul) 
seinem  Substantiv  nachgesetzt  wurde,  damit  dieses  Substantiv,  welches 
den  Hauptstab  trug,  nicht  die  letzte  Stelle  erhielte,  was  nach  einem 
bekannten  Gesetz  der  Alliteration  unstatthaft  ist.  Die  rythmische  Zeile, 
sehr  ebenmäßig  gebaut,  da  in  jeder  Hälfte  zwei  Hebungen  mit  vier 
Silben  sind,  hat  nun  ebenso  regelrecht  den  Reimstab  bei  jedesmal  der 
ersten  Hebung. 

Was  nun  den  genaueren  Sinn  und  die  Anwendung  des  ohne 
Verbum  ausgesprochenen  alliterierenden  Spruches  betrifft,  der  nach 
seiner  Bauart  etwas  formelhaftes  hat,  so  wird  es  wohl  kein  großes 
Bedenken  haben  können ,  das  Verbum  substantivum  im  Imperativ 
oder  Optativ  zu  ergänzen.  Der  Ausdruck:  Reichlich  satt  mit 
gutem  alten  Ale  (seiest  du),  würde  in  einer  Reihe  stehen  mit  dem 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  267 

ahd.:  wir  iamer  bilde  (simös),  d.  h.  mögen  wir  immer  fröhlich  sein! 
sowie  mit  dem  altn.  vel  ])u  kominn!  (sei  du  willkommen!)  und  dem 
mhd.  gote  und  mir  wiUehommen  (sistu)  Gr.  Gramm.  IV,  132.  So  wäre 
es  ein  Trinkspruch  für  den  dauernden  Besitzer  des  Bracteaten  gewesen, 
womit  ihm  jederzeit  ein  guter  und  fröhlich  machender  Trunk  gewünscht 
worden  wäre,  eine  Art  %aiQE  itivmv.  Allerdings  sind  Glückanwün- 
schungen  auf  den  Bracteaten  des  Kopenhagener  Atlas  vertreten,  und 
eben  auch  solche,  die  eine  Befriedigung  durch  besondere  alltägliche 
Bedürfnisse  aussprechen.  Es  kann  aber  auch  sein,  daß  der  Runenmann, 
sowie  der  Besteller  oder  der  Träger  des  Bracteaten,  mehr  als  Wunsch, 
nämlich  Bannung  eines  Gutes  oder  Genusses  dabei  beabsichtigte,  daß 
der  Spruch  in  Beziehung  steht  zu  dem  besprochenen  Bild,  um  das  er 
herumsteht,  und  daß  demnach  ein:  ist  oder  war  dieser  zu  ergänzen 
wäre.  Auf  die  Wirkung,  welche  man  mit  dem  Ansichtragen  eines 
solchen  beschreibenden  oder  epischen  Spruches  erwarten  konnte,  kommen 
wir  bei  Prüfung  des  zweiten  Spruches  zurück. 

2.  Der  Bracteat  mit  15  Runen. 

Das  Bild  zeigt  denselben  nach  links  gewendeten  Profilkopf  mit 
demselben  Haarschmuck  (bei  Grotef.  Nr.  2)  als  auf  der  vorigen  Schau- 
münze. Die  rechte  Hand  ebenfalls  aufgerichtet  nach  dem  Kinn  zu,  die 
linke  herabgehend ,  nur  sind  an  beiden  Händen  die  Daumen  von  den 
übrigen  Fingern  abgestreckt,  die  Beine,  die  gleich  unter  den  Händen 
beginnen,  ebenfalls  vereinzelt  ohne  Rumpf,  sind  deutlicher  in  der  Be- 
wegung des  Gehens.  Die  Handringe  fehlen  hier.  Nur  sind  um  das  Bild 
herum  einzelne  große  Ringe  dargestellt  wie  um  und  zwischen  dem 
vorigen. 

Dieser  Bracteat  ist  etwas  größer  als  der  zuerst  besprochene,  und 
sein  Rand  scheint  eine  andere  losere  Art  von  Flechtwerk  zu  enthalten. 
Gleichwohl  ist  die  Ähnlichkeit  zwischen  beiden  in  Bild  und  Schrift- 
zeichen so  groß,  daß  man  sicher  mit  Grotefend  einerlei  Anfertiger  bei 
beiden  annehmen  kann. 

Die  Richtung  der  Schrift  ist  auch  hier ,  wie  die  einseitigen  Zei- 
chen beweisen,  die  von  rechts  nach  links.  Denn  das  A-Zeichen 
gegenüber  dem  Munde  der  Figur  ist  so  gewendet ,  nicht  minder  das 
L-Zeichen  am  Hinterkopfe  ,  und  das  U-Zeichen  bei  der  Biegung  des 
linken  Arms.  Ausnahmsweise  hat  seine  gewöhnliche  Richtung  das  U 
vor  den  Fingern  der  rechten  Hand.  Die  Schrift  will  wie  die  vorige 
und  wie  gewöhnlich  von  innen  heraus  gelesen  sein,  nur  das  U  vor  dem 
Vorderfuße  steht  dann  auf  dem  Kopfe,    da  es    von   unten   und   außen 


2ßg  FRANZ  DIETHICH 

gesehen    seine   gewöhnliehe  Form    hat.    Vielleicht    um  den  Schluß   zu 
bezeichnen. 

Die  Einerleiheit  des  Runenritzers  lässt  erwarten,  daß  der  Anfang 
der  Inschrift  auch  hier  rechts  unten  am  Hinterfuß  des  Bildes  zu  suchen 
sei.  So  ergiebt  sich  mit  den  nöthigen  Umwendungen: 

jnpxYr      xrnnxiYh 

Die  Runen  sind  derselben  Art  wie  auf  dem  vorigen  Bracteaten, 
und  daher  ist  das  erste  Zeichen  und  das  dritte  des  zweiten  Absatzes 
unbedenklich  für  S  zu  nehmen. 

Das  dritte  Zeichen  des  ersten  Absatzes  ist  kein  völliges  Dreieck, 
wonach  es  ein  Ven  sein  würde ,  sondern  ist  oben  offen.  Ich  halte  es 
für  ein  P,  dessen  Figur  unter  den  angelsächsischen  Runen,  wie  denen 
der  altern  Art,  ein  wahrer  Proteus  ist.  Sie  ist  gewöhnlich  aus  der  Rune 
für  fc  durch  eine  oder  zwei  Öffnungen  auf  der  rechten  Seite  differen- 
ziirt.  Auf  dem  Goldbracteaten  von  Vadstena  erscheint  sie  in  der  Gestalt 
y  mit  Öffnung  nach  oben ,  die  Abrückung  und  Vereinfachung  der 
rechten  Seite  mag  die  vorliegende  Gestalt  herbeigeführt  haben.  Auf 
der  ags.  Inschrift  des  Kreuzes  von  Bewcastle,  dessen  erstes  Wort  pinas 
ist,  erscheint  sie  mit  Öffnung  nach  unten,  in  der  Gestalt  (?  (Wormius 
dan.  lit.  p.  161).  In  den  ags.  Alphabeten  der  Handschriften  und  bei 
Cynevulf  in  Exeterbook  hat  sie  Öffnung  sowohl  nach  oben  als  nach 
unten,  und  Auseinanderrückung  der  beiden  Ecken  oder  Schleifen  der 
rechten  Seite  erlitten,  zu  f,  fc  und  £.  (Hickes  thes.  gramm.  isl.  p.  4 
Tab.  VI  unten.) 

Das  zweite  Zeichen  der  zweiten  Reihe  hat  den  Schein  der  L-Rune, 
sie  ist  aber  sachlich  wenig  wahrscheinlich  zwischen  G  und  S,  zumal 
da  schon  drei  Consonanten  ohne  Vocal  vorhergehen.  Auf  dem  Brac- 
teaten  ist  ohne  Umdrehung  die  Gestalt  1,  ist  dies  verritzt  für  einen 
einfachen  Strich  |  ,  so  ergiebt  sich  das  Erwartete,  ein  Vocal.  Diese 
Conjectur  lässt  sich  sprachlich  rechtfertigen,  wovon  nachher,  sie  ist 
aber  auch  graphisch  sehr  wahrscheinlich  zu  machen  durch  die  Ver- 
gleichung  der  ags.  Schreibung  der  Rune  für  i  in  Cynewulfs  Räthseln, 
sowie  auf  dem  Stein  von  Dover  (Arch.  Brit.  Bd.  28  Tab.  XVI  Fig.  13), 
wo  sie  oben  einen  Zusatz  hat,  durch  den  sie  ebenso  der  Rune  f  für  L 
ähnlich  wird.  Giebt  man  der  Vermuthung  Raum,  so  lässt  sich,  mit 
Ergänzung  eines  a  zwischen  GM  und  vor  dem  hier  unmittelbar  fol- 
genden L  abtheilen 

SUP     GaMaL  GISAUG     IMU. 

Begränzt  ist  das  erste  Wort  süp  durch  die  Wahrscheinlichkeit  des 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  269 

zweiten,  eines  Adjectivs,  mit  dem  man  schon  vom  vorigen  ßracteat 
her  bekannt  ist. 

Das  Nomen  süp  gehört  zu  dem  Verbum  süpan  (sorbere,  bibere), 
welches  im  Angels.  die  Übersetzung  ist  von  absorbere  in  Thorpes 
Psalmen  68,  15.  123,  3  (wo  gesüp  in  dafür  steht).  Die  Angelsachsen 
gebrauchten  es  im  edelsten  Stil  vom  Trinken  der  Menschen.  So  heißt 
es  in  einer  Stelle  vom  Abendmahlskelch:  er  nahm  einen  Kelch  and 
tealde  his  gingrum  of  to  siipen?ie,  und  gab  seinen  Jüngern  davon  zu 
trinken,  Alfric  Hom.  2,  244.  Demnach  steht  dem  Nomen  süp  die  Be- 
deutung Trunk  zu,  eigentlich  ein  Schluck  (sorptio).  So  kommt  es  in 
mehreren  neueren  zum  germanischen  Kreise  gehörigen  Sprachen  vor, 
und  ist  thatsächlich  auch  im  Angelsächsischen,  nur  in  der  durch  Um- 
laut getrübten  Form  syp  vorhanden. 

gamal,  wovon  die  Vocale  nicht  mitgeschrieben  sind ,  es  war  ja 
ein  allbekanntes  häufiges  Wort,  könnte  auch  gomul  ergänzt  werden, 
in  welcher  Gestalt  es  für  den  Begriff  alt  in  der  vorigen  Inschrift  als 
Prädicat  des  Ale  erschien.  Da  es  hier  nach  dem  folgenden  transitiven 
Verbum  ein  Accusativ  sein  muß,  die  Masculinendung  des  adject.  Acc. 
aber  ein  n  enthalten  müßte,  so  ergiebt  sich,  daß  süp  als  Neutrum  be- 
handelt ist,  während  es  in  modernen  Sprachen  Masculin  ist.  Das  sächliche 
Geschlecht  ist  im  Altnordischen  dafür  herrschend,  auch  hier  kann  es 
sich  nach  dem  von  Ale,  Bier  gerichtet  haben. 

gisaug  imu  (suxit  sibi)  habe  ich  des  klaren  Sinnes  halber  und 
nach  der  Forderung  der  nachher  zu  erwähnenden  Alliteration  hergestellt 
aus  glsaugimu,  da  der  Zeichnung  nach  auch  unter  den  Runen  l  und  i 
sehr  ähnlich  sind.  Denn  einigermaßen  wahrscheinliche  Worte  könnten 
nur  gewonnen  werden,  wenn  man  zwischen  g  und  /  einen  Vocal  er- 
gänzte, aber  das  allenfalls  denkbare:  geh  aug'  imu  d.  h.  ein  alter  Trunk 
erheitert  ihm  das  Auge,  wäre  höchst  gezwungen  und  nicht  ohne  meh- 
rere grammatischen  Härten.  Die  Entdeckung  aber  zu  machen,  daß  das 
nordische  og  (und)  hier  vorliege,  daß  Gilsa  ug  Jmu  zu  lesen,  und 
dativisch  „für  den  Gilsi  und  die  Ima"  zu  erklären  sei ,  überlasse  ich 
billig  denjenigen,  welche  eine  halb  alt,  halb  modern  skandinavische 
Inschrift  herauszubringen  wünschen  würden. 

Die  Form  gisaug  ist  das  regelrechte  alte  Prät.  von  gisügan,  welches 
fast  gleich  mit  sügan,  noch  stark  erhalten  ist  in  unsern  saugen,  ich  sog ; 
im  Gothischen  hat  sein  Dasein  nur  eine  Spur  in  einem  derivierten 
Verbum  (sugün)  hinterlassen,  während  es  im  Alth.  und  Altnord,  voll- 
ständig vorhanden,  im  Ags.  fast  verdrängt  ist  durch  das  verwandte  sücan. 
Auflallen  kann    neben  dem  gothisch-sächsischen  Consonantenstand  der 


270  FRANZ  DIETRICH 

vorigen  Inschrift  und  dieser  selbigen,  der  sich  in  säp  verräth,  der  un- 
verschliflene  reine  Diphthong;  darüber  wird  weiter  unten  bei  der  Be- 
stimmung über  Alter  und  Ort  der  Inschrift  eine  Aufklärung  versucht. 
Einstweilen  sei  nur  bemerkt,  daß  reine  Diphthongen  bei  alten  Conso- 
nanten  außer  im  Gothischeu  und  Nordischen ,  auch  z.  B.  im  alten 
Fränkischen,  wie  die  Namen  bei  Gregor  von  Tours  unwiderleglich  be- 
weisen ,  noch  in  vollem  Umfang  geblieben  sind ,  obwohl  sie  später 
Einschränkungen  erleiden. 

Der  Zusatz  des  im«,  des  Dativs  vom  Personalpronomen,  wie  es 
im  8.  Jahrhundert  im  Heliand  noch  vollständig  neben  im  auftritt,  be- 
ruht auf  dem  reflexiven  Gebrauch  dieses  medialen  Dativs,  der  im  Ahd., 
Alts,  und  Ags.  vorhanden ,  und  am  häufigsten  im  Altsächs.  ist.  Da 
findet  sich:  gong  imu  Hei.  61,  1.  73,  1.  giwet  imu  60,  21.  63,  18.  82,  17. 
93,  9.  128,  3.  13.  för  imu  82,  4.  17.  imu  stSg  82,  7.  imu  gisteg  130,  15. 
stud  imu  72,  23.  endi  imu  ivunode  128,  3.  moste  imu  libbien  125,  21. 
bigan  imu  wahsen  73,  11.  15  u.  a.,  was  sich  ebenso  bei  dem  Plural 
wiederholt,  vgl.  Gr.  Gramm.  4,  37  f. 

Zu  übersetzen  ist  also  das  Ganze  potum  veterem  suxit  sibi,  und 
deutsch  könnte  man  sagen :  Einen  alten  Trunk  nahm  er  zu  sich. 
Was  das  heißen  solle,  davon  sogleich;  vorher  wolle  man  die  Bauart 
dieses  Spruches  beachten. 

Eine  nicht  geringe  Bestätigung  für  die  gegebene  Erklärung  der 
Inschrift  ist  sicher  dies,  daß  sie  wieder  einen  alliterierenden  Spruch 
herausstellt,  und  einen  nach  alter  Weise  gut  gebauten  Vers  mit  vier 
auf  zwei  Hälften  gleichmäßig  vertheilten  Hebungen  ,  wozu  noch  ins- 
besondere die  gleiche  Stellung  der  Stäbe  wie  in  der  vorigen  Inschrift 
kömmt.  Vergleicht  man  die  beiden  Sprüche: 
insa]>  mid  til  alet  gomul, 
süp  gämal  gisäug  imu, 

so  zeigt  sich,  wie  jedesmal  der  Reimstab  auf  die  erste  Hebung  der 
Halbzeilen  fällt,  und  wie  übereinstimmend  daher  beide  Sprüche  ge- 
baut sind. 

Es  fragt  sich  aber,  was  nun  der  letztere  Spruch  für  einen 
Sinn  haben  konnte,  nach  seiner  Stellung  auf  dem  als  Schmuck 
eetrao-enen  Bracteaten.    Einen  Wunsch  für  den  Besitzer,    wie  er    sich 

OD 

in  der  Inschrift  des  vorigen  finden  lässt,  enthält  er  wenigstens  zunächst 
und  unmittelbar  nicht,  da  er  in  erzählender  Form  ausgesprochen  ist. 
Schwerlich  kann  er  auch  bloß  als  eine  witzige  Bemerkung  des  Runen- 
meisters zu  dem  fröhlichen  Aussehen  des  mit  Diadem  gezierten  edlen 
Herrn,  der  die  Hände  vergnüglich  ausbreitet,  betrachtet  werden.  Denn 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RHNEN  ßtc.  271 

-ein  Dichten  und  Sehreiben  in  Kuneu  für  den  Zweck  einer  müßigen 
Betrachtung  oder  Beobachtung  ist  im  höheren  Alterthum  wenig  wahr- 
scheinlich. 

Regelmäßig  sollte  das  Schreiben  und  Ansichtragen  von  Kunen- 
wörtern  oder  Sprüchen  dem  Eigenthümer  etwas  Gutes  ,  irgend  einen 
Glücksstand  bringen  und  sichern.  Einer  Person  das  Übel  fernzuhalten 
oder  ein  Glück  stetig  zu  verbinden  ,  genug  den  Zauber  darf  man  als 
Zweck  der  getragenen  Bracteaten  ansehen.  Zauberformeln  aber 
wurden  nicht  nur  in  Form  einer  Anwünschnng,  sondern  auch  in  Form 
einer  Erfahrung  oder  einer  geschehenen  Thatsache,  deren  Wiederholung 
entweder  ausdrücklich  angewünscht,  oder  durch  das  Reden  davon  still- 
schweigend herbeigeführt  gedacht  wurde,  von  den  zauberkundigen  Per- 
sonen des  Heidenthums  aufgestellt  und  ausgesprochen. 

Für  die  erzählende,  einst  völlig  epische  Form  von  Zaubersprüchen 
erinnere  ich  an  die  Merseburger  Heilsegen.  Der  Spruch ,  welcher  aus 
Fesselung  der  Feinde  helfen  soll,  beginnt  mit  einer  Erzählung  von  den 
Jungfrauen,  die  die  Kriegsfesseln  einst  zusammenhefteten,  ist  aber  durch 
seine  Abkürzuno;  bereits  ohne  Angabe  des  Erfolgs,  die  ehedem  nicht 
gefehlt  haben  wird ;  der  andere  Zauber,  der  die  Beinverrenkung  heilte, 
bringt  eine  noch  vollständige  Erzählung  von  dem  einst  verrenkten  Beine 
des  Pferdes  Balders,  welches  durch  Besprechung  mehrerer  Göttinnen 
hergestellt  wurde.  Die  nicht  ausgesprochene  Anwendung  auf  die  gerade 
vorliegende  Verrenkung  scheint  zu  beweisen,  daß  man  die  Wirkung 
schon  von  dem  Zurückgehen  auf  die  alte  Thatsache  erwartete. 

Man  kann  nicht  wissen,  aus  welchem  Zusammenhang  die  Formel 
„Einen  alten  Trunk  nahm  er  zu  sich"  herstammen  mag.  Liegt  ihr  eine 
Göttergeschichte  zu  Grunde,  so  lässt  sich  etwa  an  Vodan  denken,  dem 
Gunnlath  auf  goldnem  Stuhle  den  Trunk  des  kostbaren  Meths  gab, 
der  ihm  den  Geist  der  Dichtkunst  erregte,  wie  das  Hävamal  erzählt. 
mit  noch  größerer  Wahrscheinlichkeit  aber  doch  wohl  an  den  weithin 
verehrten  Thor  oder  Donar,  der  nach  dem  eddischen  llammerliede 
drei  Faß  Meth  zu  sich  nimmt,  der  in  der  Trinkwette  bei  dem  Riesen 
Utgardaloki  nur  das  Meer  nicht  auszutrinken  vermag,  und  der  einst 
den  Äsen  zu  ihrem  Gebrau  den  Riesenkessel  des  Ilymir  durch  Kraft 
und  List  zu  verschaffen  wusste.  Ich  vermag  auf  dem  Bilde  des  Brac- 
teaten nichts  zu  entdecken,  was  auf  einen  Gott  hindeutete,  denn  die 
sogenannte  Thorsmarke,  die  crux  ansata,  zu  welcher  hier  das  X 
der  G  -  Rune  umgestaltet  ist  ,  ist  ein  zu  unsicheres  Anzeichen. 
Wenn  aber  auch  die  bildliche  Darstellung  auf  einen  gewöhnlichen 
menschlichen  Edeling  geht,  konnte  immerhin  der  Spruch  davon  unab- 
hängig auf  eim'  alte,  ehedem  bekannte  Erzählung  zurücksehen. 


272  FRANZ  DIETRICH 

So  viel  ist  indesseu  klar,  daß  die  beiden  Dannenberger  Runen- 
sprüche,  wenn  anders  sie,  wie  ich  behaupten  muß,  richtig  gelesen  und 
übersetzt  sind,  in  die  Reihe  von  Formeln  gehören,  wodurch  ein  Ge- 
tränkzauber beabsichtigt  wurde.  Wie  lange  die  Meinung  fortdauerte, 
daß  man  Speise  und  Trunk  durch  Zauber  herstellen  könne,  beweisen 
zahllose  Mährchen  mit  ihrem  Tischchen  decke  dich,  und,  mit  Anknü- 
pfung an  viel  höheren  Segen ,  die  Sage  von  der  heiligen  smaragdenen 
Schüssel,  dem  Gral.  Im  Heidenthum  wurden  Götter  angerufen  und 
durch  Gelübde  ihr  Beistand  gebunden,  auch  schon  wenn  etwas  darauf 
ankam ,  gutes  Bier  zu  brauen ,  wovon  ein  bekanntes  Beispiel  in  der 
nordischen  Halfssaga  erzählt  ist. 

Ebenso  konnte  man  überall  im  germanischen  Heidenthum  Runen- 
sprüche benutzen,  um  gutes  Ale  oder  anderes  gutes  Getränk  zu  ge- 
winnen, und  sich  reichlicher  Fülle  desselben  gleichsam  zu  vergewissern. 
Das  nordische  Heidenthum  hat  einen  Namen  dafür,  wenn  es  von  al- 
lerlei Bierrunen  „allar  ölrünar"  (Sigurdrifumäl  V.  10)  spricht,  er  setzt, 
richtig  verstanden,  Zaubersprüche  voraus,  durch  die  mau  zum  gedeih- 
lichen Genuß  guten  Ale's  zu  gelangen  wähnte. 

Denn  das  Wort  rün  bezeichnete  ebenso  den  geheimnissvollen  Spruch 
als  die  geheimnissvolle  Schrift,  da  es  im  Hävamäl  V.  147  mit  //otT, 
und  V.  153  mit  galJr  (Zauberspruch)  synonym  steht,  wie  es  auch  im 
Sigurdr.  V.  5  der  Fall  ist.  Wie  nun  die  in  Brunhilds  Spruehliede, 
dem  Sigurdrifumäl,  neben  den  ölrünar  genannten  sigrünar  als  solche 
Zaubersprüche  bezeichnet  werden ,  die  zu  Sieg  verhelfen ,  wie  die  fol- 
genden biargrünar  Formeln  sind,  die  das  hiarga  (die  Geburtshilfe)  be- 
fördern, die  niälrünar  zu  guter  Rede,  die  hugrünar  zu  guter  Einsicht 
helfen,  so  ist  die  allgemeine  Bedeutung  der  ölrünar,  daß  sie  zu  gutem 
Getränk  verhelfen ,  und  die  im  Sigurdr.  V.  7  hervorgehobene  Hilfe 
gegen  die  Folgen  einer  möglichen  Besprechung  des  Trankes  ist  nur 
eine  besondere  Art  dieser  Getränksprüche. 

Es  wird  also  dem  Geist  des  Alterthums  nicht  zuwider  sein,  wenn 
man  in  den  beiden  alliterierenden  Runenformeln  der  besprochenen  Brac- 
teaten  eine  eigene  Art  der  Alezaubersprüche  sieht.  Wer  sie  umgebunden 
an  sich  trugf,  konnte  ihrem  Inhalt  nach  zwar  nicht  gerade  bei  der  Zu- 
bereitung  des  Getränks  darauf  eine  Einwirkung  erwarten ,  aber  wohl 
für  seine  Lebenszeit  den  Genuß  davon  und  die  Sättigung  damit  sich 
anzuzaubern  glauben.  — 

Wir  wenden  uns  nun  zur  Erklärung  der  Inschrift  auf  den  zwei 
noch  übrigen  Bracteaten,  welche  kürzeren  Umfangs  und  anderer  Art  ist 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN   RUNEN  etc.  273 

3.  Die  zwei  Bracteaten  mit  6  Runen. 

Es  ist  ein  und  dieselbe  Inschrift,  welche  auf  den  Bracteaten  Nr.  5 
und  6  bei  Grotefend  auf  der  linken  Seite  hineingedrängt  ist  in  den 
geringen  vom  Bilde  übrig  gelassenen  Raum. 

Nur  die  Randverzierung  ist  verschieden,  die  bildliche  Darstellung 
auf  beiden  ist  genau  dieselbe,  denn  die  beiden  dunkeln  Flecke  auf  dem 
Bracteaten  mit  doppeltem  Rande  sind  nach  Hrn.  Dr.  Grotefends  Be- 
merkung spätere  Verletzungen. 

Über  den  dunkeln  Sinn  des  Bildes,  welches  fast  das  ganze  Innere 
der  Scheibe  einnimmt,  —  in  der  Mitte  stellen  sich  drei  Wülste  dar, 
die  rechte  und  die  unterste  scheint  in  einen  Zweig  auszugehen,  die 
links  gewendete  in  einen  Vogel  mit  großem  Kopf  und  einem  nach  links 
aufgesperrten  Schnabel,  —  kommt  uns  eine  auf  gelehrter  Vergleichung 
beruhende  Deutung  des  Kopenhagner  Gelehrten ,  des  Conferenzraths 
Dr.  Thomsen,  welche  Dr.  Grotefend  a.  a.  O.  beibringt,  entgegen.  Es 
heißt  da  S.  346:  „nur  die  Vergleichung  einer  ziemlichen  Reihe  von 
ähnlichen  Goldbracteaten  (s.  z.  B.  Danske  Medailler  ok  Mynter  Gl.  1 
Fig.  l27),  wie  sie  der  oftgenannte  Atlas  bietet,  lässt  ein  Pferd  in  ihr 
erkennen."  Weiter  ist  nichts  gesagt,  wie  dies  zu  erkennen  möglich  werde. 

Zur  Erklärung  füge  ich  hinzu,  daß  die  Möglichkeit  es  so  anzu- 
sehen entsteht,  wenn  man  die  Figur  nicht  wie  gewöhnlich  von  unten, 
dem  Ohr  gegenüber,  sondern  von  der  rechten  Seite  her  betrachtet. 
Dann  kann  das  Stück,  welches  das  Ansehen  eines  Vogels  hat,  für  den 
Kopf  des  Pferdes  genommen  werden,  mit  einem  sehr  großen  Auge, 
über  dem  sich  unmittelbar  die  Ohren  erheben;  man  muß  freilich  an- 
nehmen, daß  die  beiden  Vorderfüße  zu  einer  Wulst  zusammengeflossen 
wären,  wie  auch  die  Hinterfüße  nur  eine  Wulst  darstellen  würden, 
was  bei  einem  galoppierenden  Pferde  wohl  erträglich  wäre.  Aber  schwer 
begreiflich  wäre,  wie  die  Masse  der  Fußpaare  jedesmal  in  einen  viel- 
gliedrigen  Zweig  endigen  könnte,  und  wenn  die  beiden  Querbänder 
über  die  mittlere  und  hintere  Wulst  die  Gurte  wären,  wie  sie  nicht 
auf  Brust  und  Rücken,  sondern  an  Vorder-  und  Hinterschenkeln  an- 
gebracht sein  sollten. 

In  der  That  fehlt  es  in  dem  Atlas,  worauf  verwiesen  wird,  wenn 
auch  nicht  an  sehr  rohen  Pferd  ge  stalten ,  wie  Nr.  152 — 156,  so  doch 
an  einer  analogen  Auflösung  der  Hufe  in  Finger  oder  Zweige.  Auch 
ist  unter  allen  dort  vorgeführten  253  Bracteaten  und  Münzen  meines 
Wissens  nur  ein  einziger  Fall,  nämlich  Nr.  90  vorhanden,  wo  das  Ohr 
durch  Versehen   unrichtig  angelöthet  ist,  und  man  bei  der  Betrachtung 

GKKMAN1A  X.  18 


Ü74 


FKANZ  DIETRICH 


des  Bildes  seinen  Standpunkt  auf  der  Seite  nehmen  muß.  Nach  dem 
allem  bleibt  zwar  die  Möglichkeit,  daß  ein  Pferd  vom  Münzer  beab- 
sichtigt ist,  aber  einige  Wahrscheinlichkeit  hat  es  nicht. 

Bei  der  natürlichen  Betrachtung  vom  gewöhnlichen  Standpunkt 
aus  stellt  sich  in  der  Mitte  des  Bildes  ein  nach  links  gebogenes  Hörn 
dar  mit  allerdings  phantastischen ,  aber  doch  erklärbaren  Zuthaten. 
Die  alten  Trinkhörner  der  Germanen  waren  unten  wie  oben  ofi'en  *). 
Dir  vorhin  so  genannte  Vordergurt  bezeichnet  den  oberen  Rand  des 
Ilornes ,  der  untere  Rand  ist  zwar  nicht  bei  Nr.  6,  aber  auf  Nr.  5 
angedeutet  bei  der  Biegung  links  nach  dem  Vogel  zu.  Ein  Zweig 
scheint  unmittelbar  aus  diesem  untern  Ende  herauszuwachsen.  Dies 
leitet  auf  die  Vorstellung  eines  Füllhorns.  Aus  dem  oberen  Ende  er- 
heben sich  gleichmäßig  nach  links  und  rechts  umgebogene  Ströme, 
die  sich  als  Ausströmungen  der  Lebensfülle  betrachten  lassen.  Die 
linke  geht  aus  in  den  Kopf,  den  Lebenssitz  des  gedachten  Vogels, 
die  rechte  Strömung  endet  in  dem  Boden  einer  herabgehenden  Figur, 
die  einem  Baumstamm  mit  Zweigen  gleicht ,  woran  sich  der  schon 
besprochene  zweite  Gurt  als  der  Boden  ansehen  lässt,  aus  dem  sich 
der  dicke  Stamm  erhebt ,  wobei  man  ihn  natürlich  von  oben  her  an- 
sehen muß.  Über  dem  Ganzen  zeigt  sich  wieder  ein  Thierkopf,  dessen 
dünner  Leib  mit  der  linken  Ausströmung  in  Verbindung  gesetzt  ist. 
Vielleicht  also  sollte  die  Fülle  des  Naturlebens  in  seinen  Haupt- 
erscheinungen ,  dem  thierischen  Leben  und  dem  Pflanzenwachsthum, 
zur  Darstellung  gebracht  werden,  als  ein  einziger  Lebensstrom. 

Allerdines  ist  das  Füllhorn  bisher  nur  aus  griechischer  und  rö- 
mischer  Mythologie  bekannt.  Doch  liegt  die  Vorstellung  eines  Quellens 
und  Ausströmens  des  Lebens  in  den  germanischen  Mythen  von  den 
Brunnen  unter  dem  Weltbaum,  und  eine  nur  zu  wenig  bekannte  Göttin 
der  Fülle,  die  sich  schon  mit  der  Amalthea  vergleichen  ließe,  ist  auch 
bei  uns  vorhanden  in  der  Person  der  Fulla,  die  nur  in  der  nordischen 
Darstellung  als  Dienerin  der  obersten  Göttin  erscheint,  in  der  deutschen 
aber,  nach  den  Merseburger  Zaubersprüchen,  unabhängig  als  Schwester 
einer  Göttin.  Vielleicht  konnte  auch  das  Giallarhorn,  das  Trink-  und 
Signalhorn  Heimdalls,  als  ein  lebenspendendes  betrachtet  werden. 

Übrigens  wäre  selbst  ein  Einfluß  römischer  Vorbilder  nichts 
Unerwartetes.  In  allen  Gegenden  Deutschlands,  auch  in  Nordsachsen, 
z.  B.  bei  dem  Lengericher  Fund,  sind  römische  Kaisermünzen  aus- 
gegraben worden,  deren  Kehrseite  bald  eine  Friedensgöttin  mit  Zwvig 


*)  Vgl,  m.  Abh.  de  inscript.  duabus  rmiicis,  ad  Gothorum  gentein  relatis  p.  fo'. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  275 

und  Füllhorn,  bald  eine  Felicitas  mit  Stab  und  Füllhorn,  bald  eine 
Fortuna  mit  Füllhorn  vor  Augen  stellte. 

Doch  dies  sei  nur  als  Vermuthung  gegeben,  die  gegen  jede  ein- 
leuchtendere Erklärung  der  bildlichen  Darstellung  bereitwillig  zurück- 
genommen werden  soll,  gegen  die  aber  nicht  schon  das  eingewendet 
werden  kann,  daß  sie  etwas  Neues  unter  die  symbolischen  Zeichen 
und  Zierrathen  der  Bracteaten  bringen  würde  *). 

Die  Inschrift,  deren  Inhalt  von  dem  Bilde  völlig  unabhängig  sein 
kann,  ist  auf  beiden  Bracteaten  identisch,  wenn  auch  in  einzelnen  Zügen 
ein  wenig  verschieden.  Die  Richtung  der  Schrift  ist,  wie  aus  der  Stel- 
lung der  fünften  Rune  wahrscheinlich  wird,  von  links  nach  rechts, 
so  daß  zugleich  von  unten  nach  oben  gelesen  werden  muß: 

1  y  r  r  ►  m 

So  namentlich  auf  Nr.  6.  —  Auf  Nr.  5  bei  Grotefend  ist  das  fünfte 
Zeichen  mit  einem  kleineren  rechten  Zusatz  versehen  und  um  so  deut- 
licher ein  TH.  —  Ebenda  steht  bei  dem  ersten  Zeichen  der  links  ab- 
gehende Haken  etwas  tiefer,  wodurch  jedoch  nichts  geändert  wird; 
es  ist  die  auch  in  nord.  Denkmälern  häufige  verkürzte  Gestalt  des  f, 
die  auch  unserer  Runengattung  zusteht.  Umzuschreiben  ist  also 
TMLLTHE. 

Die  schon  oben  erwähnte  Beschränktheit  des  Raums  für  die  In- 
schrift auf  diesem  Bracteaten,  der  fast  ganz  durch  die  bildliche  Dar- 
stellung eingenommen  ist,  ist  offenbar  der  Grund  der  auflallenden 
Erscheinung,  daß  von  den  6  Runen  nur  eine  einzige,  und  zwar  die 
letzte  ein  Vocal  ist,  daß  mithin  für  die  beginnenden  vier  Consonanten 
mindestens  zwei  Vocale  ergänzt  werden  müßen.  Dies  aber  macht  die 
Deutung  der  kurzen  Inschrift  zu  einer  viel  schwierigeren  als  die  der 
beiden  vorigen  war.  Etwas  einigermaßen  Wahrscheinliches  lässt  sich 
aus  dem  Kreise  des  Möglichen  doch  vielleicht  durch  die  Analogie 
anderer  Inschriften  empfehlen. 


*)  Denn  jedenfalls  neu,  d.  h.  auf  keinem  der  Bracteaten  des  Atlas  vorhanden, 
ist  das  Bild,  welches  einen  von  Schlangen  umgebenen  Mann  darstellt  (Grotef.  Nr.  4), 
und  wenigstens  in  seiner  besondern  Zusammenstellung  neu  das  auf  den  beiden  Landeg- 
ger  Bracteaten  (Grotef.  Nr.  7.  8),  worin  ich  zwei  sich  kreuzende  Vögel  erkenne,  die 
mit  ihren  Schnäbeln  gegen  einen  gehelmten  Kopf  gerichtet  sind.  Um  freilich  die  rechts 
für  sich  stehende,  sehr  entstellte  Figur  als  einen  Kopf  wieder  zu  erkennen,  dessen  Helm 
nach  links  hin  sich  in  einer  Verzierung  endet,  bedarf  es  der  Erinnerung,  daß  die  Helme 
der  Bracteaten  mit  ihrem  hintern  Ende  oft  in  einen  Vogelkopf,  oder  einen  sonstigen 
langen  Schweif  ausgehen. 

18* 


276  FRANZ  DIETRICH 

Am  einfachsten  würde  man  in  der  Inschrift  einen  Namen  ver- 
muthen,  sei  es  des  Besitzers  oder,  was  viel  öfter  vorkommt,  des  Mün- 
zers. Einen  wahrscheinlichen  Namen  zu  finden  gelänge  aber  nur,  wenn 
man  annimmt,  daß  die  erste  Rune  1  oder  \  jedesmal  aus  ^  d.  h.  a 
entstellt  wäre.  Ein  Name  Amalpe  würde  zusammengesetzt  sein  aus 
Amal-peo,  der  erste  Theil  ist  in  deutschen  Namen  häufig,  wie  in  Amal- 
beraht,  Arnalhere,  Amalthrud,  der  andere  nicht  weniger  gewöhnlich, 
wie  in  Arindeo,  Adildeo,  Eccantheo,  Gotatheo  trad.  Fuld.  p.  135,  Wolf  theo 
eb.  69.  209,  und  in  gothischen  Namen  Agintheus,  Alatheus,  Arintheus, 
FeleiheuSj  Flacitheus,  Odotheus,  Gottheus.  Im  Ags.  Vathpeo  Frauenname 
im  Beovulf. 

Bedenken  erregt  nur  das  alsdann  .überflüssig  geschriebene  zweite  L7 
während  der  Vocale  zwei  weggelassen  wären,  da  am  wenigsten  Con- 
sonanten  überflüssig  geschrieben  zu  werden  pflegen. 

Danach  wird  es  gerathener  sein,  das  erste  L  als  das  Ende,  das 
zweite  als  den  Anfang  eines  Wortes  zu  betrachten,  und  die  überlieferte 
Schreibung  der  Runen  nicht  zu  verlassen. 

Für  das  zweite  Wort  muß  dann  natürlich  ein  Vocal  zwischen  L 
und  TH  ergänzt  werden;  nimmt  man  den  zunächst  liegenden  a,  so 
ergiebt  sich  lape,  welches,  sei  es  Dativ  oder  Nominativ,  sich  dadurch 
empfiehlt,  daß  sein  Vorkommen  auf  Bracteaten  mehrfache  Analogie  hat. 
Unter  den  Anwünschungen  von  Glücksgütern ,  wrelche  im  Atlas  auf 
den  Runeninschriften  der  Bracteaten  vorkommen,  zeigt  sich  zweimal, 
nämlich  auf  Nr.  84  und  101  des  Atlas  auch  das  Wort  läpa.  In  der 
historischen  Zeit  bedeutet  lad,  ags.  laett  den  Besitz,  früher  aber  muß 
es  Gut  und  noch  weiter  Glück  oder  Glückseligkeit  bedeutet  haben, 
denn  das  negierte  Adj.  ags.  unlaed  ist  elend,  unselig  (Andr.  30  im  sitt- 
lichen Sinne)  und  gothisch  unledi  Elend,  Armuth.  Unser  läpe!  ist  also 
mit  voller  Wahrscheinlichkeit  durch  Glück  zu  erklären  und  für  einen 
dasselbe  anwünschenden  Ausruf  zu   halten. 

In  dem  ersten  Worte  könnte  ein  einfacher  Eigenname  liegen  und 
die  Person  genannt  werden,  der  das  Glück  angewünscht  wurde,  wie 
es  der  Fall  ist  auf  der  ags.  Münze  des  4.  Jahrhunderts:  „victuria  Adulfo", 
Ilickes-Fountaine  Tab.  III,  wenn  nur  eine  Dativendung  ersichtlich  wäre. 
Da  diese  fehlt,  so  wird  es  sicherer  sein,  um  nicht  zu  viele  Vocale  er- 
gänzen zu  mäßen,  ein  Adjectiv  darin  zu  suchen,  welches  als  Prädicat 
zu  dem  Wort  für  Glück  oder  Gut  treten  kann. 

Nun  kann  aber  die  erste  Rune  1  nichts  anders  sein,  als  die  auch 
auf  den  Uuneninschriften  anderer  Bracteaten  vorkommende  Abkürzung 
von  f,  was  also  geschrieben  steht,  ist,  da  die  zweite  Rune  durch  die 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  KUNEN  etc.  277 

vorigen  Inschriften  fest  steht,  wenn  man  es  in  lat.  Unzialen  ausdrückt, 
TML,  und  dies  wird  nach  Analogie  von  GaMuL  auf  dem  unter  Nr.  2 
besprochenen  Dannenberger  Bracteaten ,  durch  TaMuL  zu  ergänzen 
sein.  Nachzuweisen  steht  ein  ags.  Adj.  tamul  (domefactus ,  domabilis), 
denn  es  zeigt  sich  ags.  nntamul  (indomabilis)  in  den  gl.  Prucl.  674. 
Im  Gegensatz  zu  der  nach  gewöhnlicher  Erfahrung  herrschenden  Ver- 
änderlichkeit, Launenhaftigkeit  und  Unfesselbarkeit  des  Glückes  wäre 
hier  ein  gezähmtes,  dem  Eigenthümer  heimisch  bleibendes  Glück  an- 
gewünscht. Dürfte  man  ein  tämul  annehmen  und  aus  dem  mhd.  zceme, 
gezceme  (angemessen,  angenehm)  erklären,  so  käme  der  Wunsch  auf 
gut  Glück!  hinaus,  aber  die  sprachliche  Begründung  dafür  wäre  um 
so  misslicher,  da  bei  den  ags.  Dialecten  das  Verbum  timan,  gatimau 
(geziemen)  abgeht,  während  tamul,  wenn  es  auch  selten  ist,  fest  steht. 
Auch  so  noch  ist  parallel,  was  sich  mehrmals  auf  den  sonstigen  Gold- 
bracteaten  mit  sächsischen  Runen  angewünscht  findet:  (h)el  til  (Atlas 
Nr.  237,  auch  Nr.  132.  133.  220)  d.  h.  gut  Heil! 

Genau  dasselbe  Adjectiv  würde  hervorgehen,  wenn  man  die  zweite 
Rune  Y  für  eo  nehmen  dürfte,  wie  ihr  Werth  in  dem  ags.  Runenliede 
durch  eolx  bezeichnet  ist,  und  in  den  von  Hickes  gramm.  isl.  p.  4  auf 
Tab.  VI  im  zweiten  Alphabet,  auch  im  vierten  und  fünften.  Dann  wäre, 
ohne  daß  ein  Vocal  ergänzt  zu  werden  brauchte,  das  Adj.  teol,  in  der 
klaren  Nebenform  zu  til  (gut)  ausgesprochen.  Auf  allen  Inschriften  ist 
indessen  meines  Wissens  der  voealische  Gebrauch  jener  häufigen  Rune 
noch  niemals  nachgewiesen ,  und  so  wird  man  sich  bis  auf  weiteres 
mit  der  vorhin  vorgeschlagenen  Lesung,  die  auf  sicherer  Bedeutung 
der  Zeichen  beruht,  begnügen  müßen. 

II.  Von  der  Zeit. 

Über  die  Zeit  der  Dannenberger  Bracteaten  sagt  das  Einzelne  des 
Fundes  selbst  nicht  viel  aus.  Zusammen  mit  den  11  Goldbracteaten, 
wovon  vier  die  besprochenen  Runeninschriften  enthalten,  sind  Stücke 
verrosteten  Eisens  gefunden  worden.  Aber  das  sogenannte  Eisenalter, 
dem  sie  dadurch  zugewiesen  werden,  ist  ein  sehr  weitschichtiger  Be- 
griff. Das  ist  nicht  etwa  vorzugsweise  die  Zeit,  die  der  Einführung 
des  Christenthums  im  Norden  zunächst  vorhergeht,  sondern  offen  ist 
der  ganze  Zeitraum  seit  der  Berührung  mit  den  Römern  in  den  ersten 
nachchristlichen  Jahrhunderten. 

Das  Zeitalter  der  Goldbracteaten  überhaupt,  von  denen  253  aus 
verschiedenen  Ländern  meist  aus  nördlichen  Fundorten  abstammende 
in  dem  Kopenhagner  Atlas  abgebildet,  und  von  Thomsen  in  den  An- 


278  FRANZ   DIETRICH 

naler  for  nordisk  Oldkyndighed  1855  S.  265  ff.  beschrieben  und  mit 
Abhandlungen  über  Zeit  und  Ort  ihrer  Entstehung  abgehandelt  sind, 
wird  von  diesem  Gelehrten  zu  weit  ausgedehnt,  es  ist  mit  voller 
Wahrscheinlichkeit  auf  den  Zeitraum  vom  4. — 7.  Jahrh.  zu  bestimmen. 

Die  Dannenberger  Bracteaten  scheinen  mir  zu  den  älteren  zu 
gehören,  schon  weil  die  Runenschrift,  stimmend  zu  der  des  goldnen 
Horns ,  älter  ist  als  die  angelsächsische,  die  wir  seit  dem  8.  Jahrh. 
in  England  entwickelt  finden,  und  namentlich  die  Gestalt  \  für  das  S 
sonst  nur  auf  den  ältesten  Bracteaten,  und  ähnlich  auf  dem  Ring  von 
Cöslin  erscheint,  der,  offenbar  ein  Zauberring,  zusammen  gefunden 
wurde  mit  Münzen,  deren  jüngste  von  Leo  I.  (457 — 474)  ist,  und  Ende 
des  5.  Jahrh.  oder  Anfang  des  6.  zu  setzen  ist.  Seine  Inschrift  enthält 
sälu,  einen  ähnlichen  Heilswunsch,  wie  die  Dannenberger  Bracteaten 
Nr.  5  und  6  mit  ihrem  Mpe,  Glückseligkeit. 

Damit  stimmt  die  alterthümlicbe  Zeichnung  in  den  bildlichen 
Darstellungen  der  Bracteaten  überein,  die  sich  zwar  als  Nachahmungen 
besserer  Vorbilder  zu  erkennen  geben ,  aber  sich  nur  an  die  ältesten 
Nachahmungen  anschließen  lassen.  Dahin  ist  zu  rechnen,  daß  das  Auge 
der  männlichen  bärtigen,  mit  Händen  und  Füßen  aber  ohne  Mittelleib 
dargestellten  Figur  auf  Nr.  1  und  2  noch  ein  einfacher  Kreis  mit  einem 
Punkt  im  Centrum ,  noch  nicht  die  volle  ovale  Zeichnung  mit  den 
Augenwinkeln  ist,  und  daß  an  allen  Seiten  neben  den  Figuren  Ringe 
erscheinen  (auf  Nr.  1  sind  ihrer  6,  auf  Nr.  2  zwei  und  dreimal  drei), 
die  vielleicht  auf  Reichthum  an  goldnen  Ringen  hinweisen  sollen,  deren 
die  zweite  Figur  auch  drei  am  Handgelenk  hat.  Nur  das  letztere  hat 
mehrfache  Analogie  auf  sonstigen  Bracteaten. 

Zahlreiche  Windungen  von  Schlangen  giebt  es  auf  den  Dannen- 
berger Bracteaten  Nr.  3,  von  dem  vier  Exemplare  gefunden  wurden, 
und  Nr.  4,  von  dem  sich  drei  gleiche  Stück  zeigten.  Auf  Nr.  4  vermag 
ich  in  der  Figur  am  Hinterkopf  des  Mannes  nicht  einen  Vogel  zu  er- 
kennen, sondern  trotz  des  schnabelförmig  aussehenden  Vorderkopfes 
nur  wie  in  Nr.  3  und  hier  gegenüber  eine  Schlange.  Da  sich  nun  eine 
dritte  um  den  Leib  windet,  die  in  den  linken  Fuß  zu  beißen  scheint, 
der  Kopf  des  Mannes  aber  krampfhaft  nach  hinten  gebogen  ist,  so 
geht  die  Darstellung  auf  einen  drei  Schlangen  Preis  gegebenen  Mann, 
und,  da  er  waffenlos  ist,  wird  nicht  an  die  vermuthete  Abbildung  des 
Kampfes  Thors  mit  der  Midgardsschlange  gedacht  werden  können, 
wohl  aber  an  einen  in  einen  Schlangenhof  geworfenen  Mann,  wie  es 
der  Gunthere  der  Heldensage  ist.  Wenn  sich  aber  aus  der  Häufigkeit 
der  Bracteaten  mit  Schlangenwindungen,  wie  Nr.  3  darstellt,   auf  eine 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  279 

Zeit  allgemeiner  Beliebtheit  derartiger  Verzierungen  schließen  lässt, 
so  eignet  sich  dies  bereits  fürs  6.  und  7.  Jahrh. ,  denn  im  Beovulf 
kommt  die  Schlaugenverzierung  (vyrmfäh)  schon  auf  Schwertern  vor, 
auch  zeigt  sie  sich    auf  dem  sehr  alten  goldenen  Hörn  von  Gallekuux. 

Die  Zeit  endlich  eines  Bracteaten,  dessen  Bild  mit  dem  auf  Nr.  1 
und  2  nahe  verwandt  ist,  und  wie  gleichen  Geschmack,  so  auch  gleiche 
Zeit  verräth,  lässt  sich  durch  Mitgefundenes  annähernd  bestimmen. 
Dies  ist  der  bei  Bolbro  auf  Fünen  ausgegrabene  Bracteat  Nr.  218  des 
genannten  Atlas,  über  dessen  eigenthümliche,  aber  in  Runen  derselben 
Art  geschriebene  Inschrift  weiter  unten  die  Rede  sein  wird. 

An  derselben  Stelle  mit  diesem  Nr.  218  ist  ein  massiver  Gold- 
halsring gefunden  worden  (nach  Annaler  f.  n.  Oldk.  1855,  S.  336) 
gleicher  Art  und  Arbeit  mit  dem  in  dem  Funde  von  Broholm  auf 
Fünen ,  bei  dem  auch  ein  Bracteat  von  Constans  und  Constantius 
(407—411)  zum  Vorschein  kam,  Nr.  6  des  Atlas  (vgl.  Annaler  a.  a.  O. 
S.  336  und  282),  sowie  ein  anderer  Nr.  11  mit  dem  Bilde  eines  Fürsten, 
dessen  Namen  ich  nach  den  umstehenden  deutschen  Runen  lese  Gun- 
thious,  ein  Gunthiuchus  aber  war  König  der  Burgunder  um  490. 

Nach  allen  den  besprochenen  Anzeigen  wird  man  das  Alter  der 
Dannenberger  Bracteaten  ungefähr  auf  das  6.  Jahrhundert  mit  Wahr- 
scheinlichkeit ansetzen  können. 

III.  Über  die  Heimath 

der  in  Rede  stehenden  Bracteaten  wird  natürlich  durch  den  Fundort 
an  sich  nichts  entschieden.  Daraus  daß  sie  bei  Dannenberg  im  alten 
Sachsenlande  ausgegraben  sind,  folgt  nicht,  daß  sie  altsächsische  Be- 
sitzthümer  und  noch  weniger,  daß  sie  sächsische  Arbeit  waren,  ent- 
standen unter  denselben  Sachsen. 

Eben  darum  aber  muß  es  Erstaunen  erregen,  daß  man  den  er- 
wähnten ähnlichen  Bracteaten,  der  im  Atlas  mit  Nr.  218  bezeichnet  ist, 
sofort  für  einen  in  Skandinavien  entstandenen  erklärt,  weil  er  auf  der 
Insel  Fünen  gefunden  ist,  und  die  crux  ansata,  das  von  nordischen 
Gelehrten  sogenannte  Thorzeichen  tragen  soll,  welches  aber  diesmal, 
in  der  Reihe  der  Runen  stehend,  vielmehr  selbst  eine  Rune  ist. 

Man  beruft  sich  freilich  auf  die  Zusammeno-ehörigkeit  dieser  Stücke 
mit  den  meisten  übrigen  Bracteaten,  auf  denen  dieselbe  Runenart  herrscht, 
und  die  zum  größten  Theil  in  Kopenhagen  aufbewahrt  und  in  skan- 
dinavischen Küstenländern  aufgefunden  sind. 

Es  sind  auf  Gothland  und  in  andern  nordischen  Ländern  Tau- 
sende   von   cufischen    Münzen    ausgegraben    worden,    und    haben    sich 


28()  FRANZ  DIETRICH 

ebenda  Tausende  mit  lateinischer  Schrift  gefunden ,  deren  Inhalt  sie 
als  angelsächsische,  im  alten  England  geprägte  erwies;  die  Entscheidung 
über  die  Heimath  von  Altert hüniem,  die  mit  Inschriften  versehen  sind, 
kommt  doch  ganz  und  gar  nicht  aus  den  Fundorten,  sondern  aus  der 
Sprache  und  den  Schriftzügen  der  Inschriften,  denn  bildliche  Darstel- 
lungen ,  symbolische  Zeichen  und  Verzierungen  wiederholen  sich  im 
Mittelalter  in  allen  Ländern  mit  ähnlichen  Gestaltungen,  wie  denn  z.  B. 
das  Schlangenwerk  (auch  auf  den  Bracteaten  im  Atlas  Nr.  187 — 197) 
keineswegs  bloß  nordisch  und  angelsächsisch  ist,  sondern  auch  auf 
fränkischen  und  alemannischen  Bildwerken  vorkommt,  und  zwar  gerade 
die  auf  Bract.  3  erscheinenden  sogenannten  zerhackten  Schlangen,  die 
nur  unbeholfene  Darstellung  fortgehender  vom  jedesmal  deckenden 
Theil  der  Windung  unterbrochener  Schlangenlinien  sind,  giebt  es  auch 
auf  Denkmälern  der  alemannischen  Gräber,  vgl.  Lindenschmid ,  die 
vaterl.  Alterthümer  zu  Sigmaringen,  Mainz  1860  S.  110.  Eben  so  wenig 
führen  Bilder  und  Kreuzeszeichen  sicher. 

Wie  ist  man  aber  bei  Bestimmung  des  Volkes,  unter  dem  die 
Runen  tragenden  Bracteaten  entstanden,  zu  Werke  gegangen?  Ich  habe 
keine  anderen  Beweise  für  Skandinavien  zu  entdecken  vermocht,  als 
die  Hinweisung  auf  bildliche  Darstellungen,  die  mit  der  nordischen 
Mythologie  zusammen  hängen  sollen,  und  zwar  auf  Verehrung  Thors 
und  Odhins,  als  ob  diese  nicht  durch  alle  germanische  Länder  gegangen 
wäre  —  thatsächlich  ist  sie  nicht  einmal  vorhanden  —  und  hauptsäch- 
lich die  Berufung  auf  die  Ausgrabung  solcher  Bracteaten  in  skandina- 
vischen Gegenden  und  in  Norddeutschland,  wo  sie  dann  auf  Kriegs- 
züofen  von  Wikingern  verloren  sein  sollen  -  als  ob  nicht  die  berufenen 
Raubzüge,  welche  die  Normannen  zu  Schiffe  und  zu  Lande  nach  allen 
Gegenden  hin  ausführten,  diese  verlockenden  schimmernden  Schmuck- 
sachen als  Beute  aus  der  Fremde  in  den  Norden  gebracht  haben  könnten. 

Das  Verfahren,  wonach  man  die  Gol d bracteaten  mit 
Runeninschriften  der  nicht  nordischen  Art  ohne  Weiteres  bloß  wegen 
des  Fundortes  für  in  Skandinavien  gemünzte  erklärt, 
wo  das  Münzen  erst  gegen  Ende  des  10.  Jahrb.  von  den  Angelsachsen 
gelernt  wurde,  und  zwar  ohne  irgend  eine  der  über  50  In- 
schriften gelesen  und  in  Bezug  auf  die  Sprache  geprüft 
zu  haben,  muß  als  ein  wissenschaftlich  unbegründetes  bezeichnet 
werden. 

Um  zu  einer  haltbaren  Bestimmung  über  die  Anfertigungsorte 
der  Bracteaten  zu  gelangen,  muß  man  vor  allem  Klarheit  über  die 
Heimath    der  ihnen  eigenthümlichen  Runenart   verbinden   mit    den  Er- 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  281 

gebnissen  über  die  in  den  Inschriften  herrschende  Sprachgestalt,  und 
dann  nach  culturhistorischen  Erkenntnissen  seine  Richtung  nehmen. 

1.  Es  kann  niemanden  einfallen  zu  läugnen,  daß  die  Runenart 
der  besprochenen,  sowie  der  sonstigen  Bracteaten  nicht  die  nordische 
ist,  mit  der  die  Inschriften  in  skandinavischer  Sprache  in  Schweden, 
Norwegen  und  Dänemark  geschrieben  sind.  Wenn  aber  nordische  Ge- 
lehrte die  Meinung  zu  verbreiten  suchen,  daß  die  Runenzeichen  der 
Bracteaten  gemischte  seien,  indem  nordische  mit  angelsächsischen  ver- 
setzt seien,  so  beruht  das  entweder  auf  Unkenntniss  oder  auf  dem 
Streben,  den  weniger  in  die  Runenarten  Eingeweihten  Sand  in  die  Augen 
zu  streuen,  um  für  die  Zuweisung  derselben  an  nordischen  Ursprung 
der  Inschriften  einen  Boden  zu  gewinnen. 

Das  Thatsächliche  ist  kurz  gefasst  dieses.  Es  giebt  drei  Gattungen 
von  Runenschrift,  deren  Feststellung  in  den  älteren  Schriften  über 
Runen  auch  bei  Willi.  Grimm  noch  nicht  klar  sein  konnte,  weil  die 
Inschriften  mit  den  seltenern  Runenarten  noch  unentziffert  waren  *). 
Alle  drei  Gattungen  haben  mehrere  Zeichen  gemeinsam ,  weil  sie  ja 
gleichen  germanischen  Ursprungs  sind,  aber  die  besondern  zur  Gattung 
gehörigen  sind  auf  den  Denkmälern  gleicher  Art  eben  so  constant. 

Die  skandinavische  Gattung  von  nur  16  Zeichen  unterscheidet 
sich  durch  ihre  Einfachheit,  wonach  sie  eine  Reihe  von  Lauten  durch 
die  nächst  verwandten  mit  vertreten  lassen,  oder  was  später  herrschend 
wird,  durch  diacritische  Puncte  oder  Striche  unterscheiden  muß.  Die 
angelsächsische  Gattung,  wie  sie  im  alten  England,  und  zwar  mit 
den  im  ags.  Runenlied  benannten  30  und  mehr  Zeichen  auftritt,  ist  dem 
lateinischen  Alphabet  angepasst,  hat  selbständige  Zeichen  für  die 
früher  durch  die  verwandten  Laute  vertretenen  oder  diacritisch  unter- 
schiedenen Laute  D,  E,  G,  P,  V,  hat  ein  neues  Zeichen  für  NG  und 
ein  abweichendes  für  M  eingeführt,  so  wie  für  die  dem  ags.  eigenthüm- 
lichen  vocalischen  Laute  EA,  EO  und  andere,  und  gebraucht  ein  neues 
Zeichen  für  O,  nachdem  das  ältere  für  diesen  Laut,  genannt  üthel, 
den  umgelauteten  Namen  oethel  oder  ethel  bekommen,    und  nur  für  oe 


*)  Gegenwärtig  vollkommen  ungenügend  ist  auch,  was  1837  in  dem  Leitfaden 
zur  nordischen  Alterthumskunde  S.  7(J.  77  über  die  nicht  nordischen  Runen  gesagt  ist, 
da  dem  skandinavischen  Alphabet  nur  ein  angelsächsisches  zur  Seite  gestellt  ist,  aber 
ein  vielfältig  verstümmeltes,  worin  so  irrige  Angaben  stehen,  wie  daß  die  Rune  Asc 
für  u  stehe,  während  sie  nie  für  O  vorkommt,  dein  ja  das  diflferenziierte  Zeichen  p  ge- 
geben ist,  z.B.  Codex  Exoniensis  p.  -IM';,  1.  (J.  10.  -107,  1,  und  dal;  zwischen  den  wirk- 
lichen Runen  für  II  und  K  vier  Zeichen  eingeschoben  sind,  die  jedes  zugleich  11,  K,  <' 
bedeuten  sollen. 


282  FRANZ  DIETRICH 

oder  t  zu  gebrauchen  war.  Von  dieser  rein  angelsächsischen 
Gattung:  ist  die  herrschende  S c h r i f t  der  Bracteaten  v e r- 
schieden.  Sie  gehört  zu  der  dritten  deutschen,  nach  den  Denk- 
mälern nordsächsischen  Gattung,  welche  den  Sachsen  zwischen  Elbe 
und  Weser  und  den  Angeln  in  Schleswig  zuzuschreiben  ist,  und  am 
nächsten  der  angelsächsischen  Art  verwandt,  22  besondere  Zeichen 
besitzt.  Ihr  Alphabet  liegt  fast  vollständig  auf  der  Inschrift  des  goldenen 
Ilorns  vor,  und,  nur  in  Bezug  auf  das  Zeichen  für  M  und  ein  auf 
lat.  x  beschränktes,  hinüberleitend  zum  ags.  Alphabet,  auf  den  Brac- 
teaten von  Wadstena.  Unterschieden  ist  dieses  vom  Ags.  vornehmlich 
dadurch,  daß  es  keine  besondere  Zeichen  hat  für  ä,  ea,  eo,  io,  y,  daß 
£  noch  für  o  gilt,  daß  die  Zeichen  für  C  und  NG  noch  einfacher  sind, 
und  daß  für  M  noch    ausschließlich    die   alte  Rune  Y  gebraucht  wird. 

Die  auf  den  Dannenberger  Inschriften  gebrauchte  Runengattung 
verweist  sie  also  auf  deutschen,  nicht  auf  skandinavischen  Ursprung, 
wie  es  eben  mit  dem  goldnen  Hörn  der  Fall  ist,  dem  Rafn  nur  durch 
unglaubliche  Verdrehungen,  wie  weiterhin  bewiesen  werden  soll,  einen 
skandinavischen  Schreiber  anzudeuten  vermochte.  Auch  auf  den  übrigen 
Goldbracteaten  herrscht  die  dritte  Runengattung,  indem,  wie  man  mir 
einstweilen  glauben  kann,  kein  einziger  die  skandinavische  Schriftart 
an  sich  trägt,  ein  einziger  aber  nur  die  angelsächsische  Gattung.  Schon 
dies  lenkt  vollkommen  von  skandinavischer  Heimath  ab,  es  müßte  denn, 
wie  bei  den  verwandten,  übrigens  aber  mit  nordischen  Zeichen  ge- 
mischten Blekinger  Inschriften ,  die  Sprache  ein  skandinavischer  Dia- 
lect  sein. 

2.  Ziehen  wir  also  nun  besonders  die  Sprache  der  oben  be- 
sprochenen Dannenberger  Bracteaten  in  Betracht,  mit  deren  Bild  und 
Gepräge  der  Bracteat  Nr.  218  des  Atlas  so  große  Ähnlichkeit  hat, 
daß  er  auch  in  Bezug  auf  die  Heimath  nicht  wohl  weit  davon  getrennt 
werden  kann,  wenn  anders  nicht  die  verschiedene  Inschrift  abzugehen 
nöthigt. 

Auf  dem  mehrfach  gedachten  Bracteat  Nr.  218  muß  der  Anfang 
rechts,  nicht  wie  Thomsen  wollte,  links  gesucht  werden*),  denn  die 
Richtung  der  einseitigen  Zeichen  fordert  die  Lesung  von  rechts  nach 
links,    hiernach  sind  die  deutlich  ausgeprägten  Runen  so  anzuordnen: 

y  r  n  t:M  HrnYx^i5 


*)  Thomsen  Anualer  for  nord.  Oldkyndighed  1855  S.  272,  die  Inschrift  beginne 
mit  Otha. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  283 

Setzt  man  dies  in  lateinische  Schrift  nach  dem  deutschen  Runenalphabet 
um,  so  zeigt  die  Reihe  MLUTEAbLUMGObA,  daß  zwischen 
den  beiden  ersten  Consonanten  ein  Vocal  zu  ergänzen  ist,  übrigens 
aber  drei  Worte  vorhanden  sind ,  von  denen  das  erste  ein  Eigenname 
ist,  nämlich  Malut,  eaplum  göpa,  denn  der  Doppelpunkt  nach  dem 
vierten  Zeichen  lehrt  deutlich  nach  Malut  zu  interpungieren. 

Der  Zusatz  zum  Eigennamen  ist  wesentlich  derselbe,  der  apelum. 
gdd  lautend,  im  Beov.  V.  1870  einem  König  beigelegt  wird,  hier  ist 
nur  die  grammatisch  eben  so  mögliche  schwache  Adjectivform  vor- 
gezogen und  d  weicher  wie  dh  gesprochen.  Das  Prädicat  heißt  also 
„gut  von  Geschlecht",  ein  solenner  Ausdruck  für  einen  vornehmen 
Herrn,  wie  hiernach  der  Malut  war,  für  den  der  Bracteat  wahrschein- 
lich angefertigt  wurde.  Malet  ist  ein  englischer  Name,  das  EA  für  A 
ist  im  Angelsächsischen  berechtigt,  auch  im  Altsächsischen  spuren- 
weise vorhanden,  im  altnordischen  aber  unerhört,  die  schwache  Adjectiv- 
endung  ags.  a,  alts.  o,  ursprünglich  aber  gleichfalls  «,  würde  altnord.  i 
sein.  Die  Sprache  gehört  also  einem  deutschen  und  zwar  einem  säch- 
sischen, vielleicht  dem  ags.  Dialecte  an. 

Blicken  wir  zurück  auf  die  drei  Legenden  der  vier  Dannenberger 
mit  Runen  versehenen  Bracteaten,  die  ich  hier  nach  der  Ordnung  der 
Untersuchung    und    mit    cursiver    Bezeichnung    der    ergänzten   Vocale 

wiederhole: 

1.  insab  m?'d  ti]  alet  gomul, 

2.  sup  gamal  gisaug  imu, 

3.  tamwl  labe, 

Nr.  218.  Malut,  eaplum  göpa, 
so  ist  im  Allgemeinen  der  deutsche,  unnordische  Charakter  der  Sprache 
über  allen  Zweifel  erhaben.  In  der  Norroena,  der  den  skandinavischen 
Reichen  im  höheren  Alterthum  gemeinsamen  Sprache,  müßte  der  erste 
Spruch  gelautet  haben:  insapr  ruep  gdtt  öl  gamalt;  neben  öl  (Ale,  Bier) 
zeigt  sich  nur  das  (Neutrum?  und)  Masc.  öldr  als  Synonym,  wovon 
der  Dativ  öldri  Hav.  140  beweist,  daß  R  zur  Ableitung  des  Worts 
gehörte.  Nur  im  Angelsächsischen  findet  sich  neben  alo  die  Nebenform 
a/o(f,  die  dem  alet  d.  h.  aleth  der  Inschrift  am  nächsten  steht.  Das 
Adj.  til  ist  nur  ags. 

Der  zweite  Spruch,  unter  der  bei  ihm  nothwendigen  Voraussetzung, 
daß  ihm  ein  neutrales  süp  (Trunk)  zu  Grunde  liegt,  ins  Nordische 
übertragen,  wäre:  süp  gamalt  saug  konum  oder  vielmehr  ser,  denn  der 
reflexive  Gebrauch  des  persönlichen  Demonstrativs  ihm,  ihn,  der  im 
Deutschen  bis  in  Luthers  Bibelübersetzung  fortdauernd    zu  finden    ist, 


284  FRANZ  DIETRICH 

blieb  dem  Altnordischen  jederzeit  fremd,  welches  zum  Ausdruck  jener 
Reflexion,  die  einem  Medium  des  Verbums  gleich  kommt,  entweder 
aer  und  sik,  oder  seine  Mediatform,  hier  saugt  statt  saugsk,  zu  ge- 
brauchen hatte. 

Die  dritte  Formel  würde,  wenn  es  ein  Neutrum  lad  im  Sinne 
von  Besitz  und  allgemein  Wohl  oder  Glück  gegeben  hätte,  da  dem 
Adj.  nur  tamr  zur  Seite  steht,  geheißen  haben:  tarnt  lap.  Aber  das 
Nordische  könnte  zur  Erklärung  des  mehrfach  auf  Bracteaten  begeg- 
nenden lapu  (Glück)  schon  deswegen  nicht  herbeigezogen  werden, 
weil  eine  Spur  dieser  allgemeinen  Bedeutung  nur  in  dem  gothischen 
und  angelsächsischen  Adjectiv  unläp,  goth.  unleds  (unglücklich,  elend) 
vorhanden  ist.  Gothisch  aber  die  Sprache  der  Bracteaten  zu  nennen, 
wäre  vollkommen  willkürlich. 

Lässt  man  sich  nach  wissenschaftlicher  Methode  durch  die  aus- 
gemachten Thatsachen  wirklich  leiten,  daß  das  zweimal  gebrauchte 
Adjectivum  gamal  den  beiden  sächsischen  Dialecten  zuständig  war, 
daß  die  adj.  Composition  insa]j  (sehr  satt)  allgemein  sächsisch  ist  *), 
daß  die  Wörter  til  und  tamul  nur  angels.  sind,  daß  aleth  nur  im  Ags. 
nachweisbar,  und  daß  der  Begriff  von  lad  oder  lädu,  sowie  die  Ver- 
bindung eaplum  göfta  vorzugsweise  dem  Ags.  zuzuweisen  sind,  so 
muß  für  die  H e i m a t h  der  Sprache  der  Landstrich  erklärt 
werden,  aus  dem  die  Sachsen  mit  den  Angeln  und  Juten 
nach  England  zogen. 

England  selbst  wird  als  Heimath  nur  deshalb  unwahrscheinlich, 
weil  es  zu  früh  das  Christenthum  annahm ,  als  daß  die  durch  unsere 
Bracteaten  vorausgesetzte  allgemeine  Pflege  solcher  mit  Runensprüchen 
behafteter  Anmiete,  die  ohne  solche  wohl  eine  Zeitlang  geduldet  werden 
konnten,  sich  unbedenklich  annehmen  ließe,  und  auch  durch  einige 
nicht  unbedeutende  sprachliche  Erscheinungen ,  nämlich  daß  auf  der 
zweiten  Inschrift  die  sächsische  Form  itvu  ,  nicht  die  constante  ags. 
him  vorkommt,  ferner  das  sächs.  svgan  mit  G,  und  nicht  das  angels. 
sücan  mit  C,  sowie  auch  daß  in  dem  gisaug  eben  dieser  Inschrift  der 
volle  Diphthong  au  auftritt;  da  der  Entstehungsort  des  zweiten  Brac- 
teaten von  dem  des  ersten,  des  Gepräges  halber,  untrennbar  ist,  bei 
den  Angelsachsen  in  England  aber  ein  reiner  Diphtong  weniger  als 
im  diesseitigen  Altsächsischen  zu  belegen  ist. 


*)  Nächst  dem  oben  S.  7  über  das  Ags.  Bemerkten  ist  für  das  Sächsische  zu 
vergleichen  Woeste  Volksüberlieferungen  der  Grafschaft  Mark,  Iserlohn  1848,  der  als 
noch   gangbar  die  Compp.   infett  (sehr  fett),   inbrav   (sehr  brav)  anführt. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  285 

Im  alten  Sachsenlande  dagegen  muß  es  mehrere  Gegenden  ge- 
geben haben,  in  denen  entweder  wegen  längerem  Verbleiben  bei  ur- 
sprünglicher Sprachgestalt,  oder  wegen  Nachbarschaft  und  Mischung 
mit  nordthüringischen  und  andern  hochdeutschen  Stämmen,  das  Schwan- 
ken zwischen  reinen  Diphthongen  und  ihrer  Zusammenziehung  sich 
länger  erhielt.  In  dem  südsächsischen  des  Heliand,  welcher  der  Gegend 
von  Lippe-Detmold  mit  Recht  zugewiesen  ist,  zeigen  sich  noch  im 
9.  Jahrh.  einige  Spuren  des  au  (in  glau  und  krau),  die  heutige  platt- 
deutsche Volkssprache  um  Lippe  herum  hat  noch  beträchtliche  Bei- 
mischung von  Diphthongen;  das  nördlichere  Sächsich  von  Corvey, 
dessen  Schenkungsurkunden  sich  bis  an  die  Nordelbegegenden  erstrecken, 
giebt  nach  dem  Zeugniss  der  Eigennamen  noch  seit  dem  9.  Jahrh. 
herrschend  zwar  die  Contraction  des  au  in  ö,  lässt  aber  doch  darin, 
daß  daneben  auch  noch  d  erscheint,  eine  größere  Nähe  nach  dem  rei- 
nen Diphthong  hin  erkennen*),  und  verräth  die  noch  nicht  weit  zurück- 
liegende Zeit  des  Schwankens  darin  bei  dem  ai  dadurch,  daß  dafür 
ebenso  ä  als  e  gesprochen  wird,  daß  ei  (aus  egi)  neugebildet  wird, 
(z.  B.  in  Ailmer  statt  und  neben  Agilmer) ,  und  daß  zuweilen  dicht 
nebeneinander  noch  altes  ei  neben  e,  in  den  Fällen,  wo  auch  das  Hoch- 
deutsche ei  hat,  auftritt.  Als  Beispiele  für  dieses  Schwanken  entnehme 
ich  aus  den  Traditiones  Corbejenses:  „Autburga  in  pago  Asterburgi 
§  22,  Steinhem  43,  Lahheim  137;  Adallef  et  Ellilef  et  Hrodleif  308; 
Waldisleif  268;  Sileif  476."  Noch  in  den  sächsischen  Psalmen  zeigt 
sich  feit  und  feitit  neben  fet  (feist). 

Da  nun  in  den  genannten  Urkunden  auch  der  ags.  Übergang  des 
kurzen  a  zu  e  (ags.  a)  und  selbst  zu  i  vorkommt,  wie  z.  B.  gut  statt 
gast  gesagt  wurde,  und  die  Brechungen  des  a  zu  ea,  des  e  (?)  vor  r 
zu  belegen  sind,  und  da  die  alte  Gestalt  der  schwachen  Masculina  der 
angelsächsischen  noch  vielfach  gleich  ist,  wofür  ich  mich  berufe  auf 
„Dodica  comes  169,  Enna  172  und:  pro  fllio  suo  Ennan  78,  pro  patre 
suo  Abban  24,  pro  filio  suo  Hadda  129,"  so  wird  um  so  weniger  Be- 
denken sein  können,  daß  eine  nordsächsische  Gegend  zwischen  Weser 
und  Elbe  genügt,  um  auch  die  weniger  im  Altsächsischen  gewöhnlichen 
sprachlichen  Erscheinungen  der  obigen  Inschriften  zu  erklaren,  wenn 
man  namentlich  für  das  Übrigsein  von  Diphthongen  die  Zeit  dieser 
Bracteaten  in  Anschlag  bringt,  die  mindestens  ins  6.  Jahrhundert 
zurück  zu  setzen  sein  kann. 


*)  Wie  in  Asterburg,  hdh  [hoch)  in  HähgSr,  Häburg,  Häanstedihüsen ;  gäk  (gauch) 
in  Gäkeshüsen,  gät  (g6t)  in  Amalgät,  Gätmir;  Rädenbeke  (Rotheiibaeh) ,  Rärbeke i  (Rohr- 
bach). Offenbar  steht  dem  au  dieses  ä  näher  als  ags.  ea  und  das  gewöhnliche  6. 


286 


FRANZ  DIETRICH 


3.  Wenn  denn  die  Art  der  Runen,  und  was  noch  wichtiger  ist, 
die  Sprachgestalt  der  Inschriften  zu  den  nördlichen  Sachsen  und  unter 
ihnen  am  meisten  zu  einem  den  Angeln  nahe  stehenden  Stamm  führt, 
so  könnte  nur  noch  die  Frage  sein,  ob  einem  solchen  sächsischen  Volks- 
stamm denn  auch  der  Besitz,  und  was  aus  der  Sprache  hervorgehen 
würde,  die  Anfertigung  von  Goldbracteaten  mit  Runeninschriften  sich 
zutrauen  lasse. 

Für  diese  mehr  culturgeschichtliche  Frage  stehen  freilich  einige 
Mittel  zur  Beantwortung  erst  aus  dem  8.  und  9.  Jahrh.  zu  Gebote, 
wo  die  schriftlichen  Quellen  für  jene  Gegenden  anfangen  umfäng- 
licher zu  werden. 

Reichtimm  an  goldenen  Schmucksachen  ist  genug  durch  solche 
vorausgesetzt.  Das  Epos  von  Beovulf,  welches  im  8.  Jahrh.  seine  heu- 
tige Gestalt  erhielt,  durch  einen  angelsächsischen  Dichter,  kann,  wo 
es  kostbare  Waffen,  Kleinode  und  sonstige  uns  alterthümliche  Gegen- 
stände und  Sitten  beschreibt,  natürlich  wissenschaftlicher  Weise  nicht 
als  Quelle  für  die  Alterthümer  der  Geaten,  Dänen,  Friesen  u.  s.  w, 
an  denen  dergleichen  erwähnt  wird,  gebraucht  werden.  Das  wäre  un- 
gefähr ebenso,  als  wenn  man  den  Dichter  des  Heliand  als  Zeugen  für 
die  Sitten  und  Zustände  der  Bewohner  Palästinas  zu  der  Zeit,  die  er 
schildert,  benutzen  wollte.  Die  alten  Dichter  lassen  eben  die  Personen 
jeder  Zeit  in  dem  Costume  ihrer  eignen  auftreten. 

Im  Beovulf,  dessen  Verfasser  mithin  nur  als  Zeuge  für  die  bei 
den  Angelsachsen  gewöhnlichen  Anschauungen  gelten  kann,  ist  vielfach 
die  Rede  von  goldenem  Helmschmuck  (segn  aus  lat.  signum),  von  gol- 
denen Kleinoden  mit  Bildwerk  (sigl,  aus  lat.  sigillum),  wobei  man 
theils  an  gegrabene  Gemmen  zu  denken  hat,  theils  aber  auch  an  um- 
gehängte Medaillen  mit  Bildwerke  erinnert  wird  *),  wozu  auch  Schau- 
münzen mit  Fürstenbildern,  wie  sie  vom  römischen  Reiche  her  ver- 
breitet wurden**),  gedient  haben  mögen,  insbesondere  vom  goldenen 
Halsschmuck  {mene,  oder  halsmene,  letzteres  Übersetzung  von  crepundia 
gl.  Aid.  2167,  von  ornamenta  eb.  3996,  von  lunulae  Haupt  IX,  517, 
von  torques  aurea  Gen.  41 ,  42  Alfric :  dyde  gyldene  healsmyne  ymbe 
las  svuran  für:    et  collo  torquem  auream  circumposuit)    welcher  Hals- 


*)  Denn  sigl  wird  glossiert  theils  durch  ornamentum  annuli  (Gemme),  theils  durch 
bulla  (Amulet)  gl.  Erf.  20  und  ist  daher  ganz  verschieden  von  sigl  (früher  sugil)  Sonne. 
**)  Neben  den  guldine  scattös  für  den  Stater  Hei,  98,  19  und  andere  goldene 
Münzen  117,  1  gab  es  auch  diure  medmos,  kostbare  Kleinode,  und  solche  heißen  bei 
den  Angelsachsen  insonderheit  siglu:  geseah  mäddumsigla  fehl,  gold  glitnian  B.  2758 
Mg  und  siglu  31Ü5. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  287 

schmuck,  auch  im  Hei.  52,  7  als  hftag  halsmeni  bekannt,  theils  aus 
halbmondförmig  zusammengesetzten  concentrischen  Ringen  bestand, 
da  sie  lunulae  genannt  werden  (eine  Abbildung  eines  solchen  in  der 
Zeitschr.  des  hist.  Vereins  für  Niedersachsen  1860  S.  40  u.  Worsaae 
Afbildninger  fra  det  kon.  Museum  kph.  1854  Nr.  171  —  die  Sache 
wird  jetzt  auf  Haarschmuck  bezogen  — ) ,  theils  als  goldene  Ketten, 
theils  als  goldene  Bänder  (svurhedli)  oder  massive  Halsringe  (healsbedh, 
B.  1196.  2173)  mit  vorn  angehängten  Goldmünzen  und  Medaillen. 

Auch  ein  Name,  der  die  als  Halsschmuck  getragenen  Bracteaten 
andeutet,  ist  bei  den  Angelsachsen  vorhanden.  Das  schon  besprochene 
lunulae  wird  auch  wiedergegeben  durch  menescillingas ,  d.  h.  Schil- 
linge und  zwar  Goldmünzen,  getragen  am  Halsband,  so  in  den  Epinaler 
Glossen  Nr.  428  vom  9.  Jahrhundert,  sie  sind  verwandt  mit  den  säch- 
sischen (ags.)  Glossen  im  Sanct  Galler  Codex  Nr.  299,  worin  lunulae 
glossiert  wird  durch  hlibas  vel  scillingas,  letzteres  sind  wieder  die  Gold- 
schillinge oder  Bracteaten,  ersteres  die  scheibenförmigen  Brustschilder. 

Aufgefunden  sind  nun  in  den  nordsächsischen  Gegenden  nicht  etwa 
einzig  die  1 1  bei  Dannenberg,  sondern  auch  3  mit  Öhren,  wenn  auch 
nicht  mit  Runen  versehene  Goldbracteaten  bei  Landegge  im  Amt  Mep- 
pen, jetzt  im  Besitz  des  Herrn  Hofbuchhändler  Dr.  Hahn  in  Hannover, 
die  gleiches  Alterthum  in  Anspruch  nehmen ,  so  wie  4  in  der  Nähe 
von  Hamburg  auf  holsteinischem  Boden  *),  mehrere  einzelne  in  Holstein 
und  in  Anglien,  und  auch  6  Goldbracteaten  in  Cöslin,  zugleich  mit 
dem  oben  besprochenen  goldenen  Ring,  der  in  sächsischen  Runen  das 
sächs.  Wort  sälu  (Glück)  an  sich  trägt. 

Wo  nun  der  Name  für  goldene  Schmuckmünzen  zu  Hause  ist, 
dahin  muß  auch  die  Bekanntschaft  mit  der  Sache  gelangt  sein,  und 
so  haben  wir  im  Lande  der  Sachsen  und  Angeln  diejenigen  als  Eigen- 
thümer  zu  betrachten,  in  deren  Nähe  die  Bracteaten  aus  Gräbern  oder 
vergrabenen  Schätzen  wieder  zum  Vorschein  gekommen  sind,  und  will- 
kürlich wäre  es,  überall  ein  verlorenes  Eigenthum  von  durchziehenden 
Fremden  darin  sehen  zu  wollen. 

Eine  andere  Frage  ist  noch ,  ob  sich  aus  allgemeinen  Gründen 
geschichtlicher  Art  auch  Entstehung  von  Goldbracteaten  und  zwar  mit 
Runen  im  alten  Sachsenlande  wahrscheinlich  machen  lasse. 


*)  Zeitschr.  für  Niederdeutschi.  1860  S.  396  ff.  u.  393  not.  Dagegen  die  ebend. 
S.  397  beschriebene  schüsselartige  Goldspange  von  Sievern,  in  welcher  3  Ottonische 
Denare  lagen  aus  Cöln,  scheint  mir  fränkischen  Ursprungs  zu  sein,  da  die  Verzierung 
in  ihrem  Innern  dem  eigens  fränkischen  Giebelschmuck  gleich  ist. 


288  FRANZ  DIETRICH 

Sind  auch  die  bildlichen  Darstellungen  in  der  Zeichnung  sehr 
roh,  so  setzt  doch  die  Verarbeitung  des  dünnen  Goldblechs,  das  Prägen 
der  Figur  und  dann  der  Umschrift,  so  wie  die  Einfassung  des  runden 
Stücks  mit  gewundenem  Golddraht  einige  Kunstfertigkeit  voraus.  Diese 
konnten  die  Sachsen  von  ihren  Nachbarn,  den  Franken,  welche  zuerst 
das  Ausmünzen  des  Goldes  von  römischen  Provincialen  angenommen 
hatten,  und  mit  denen  sie  oft  und  bereits  eben  im  6.  Jahrh.  im  Kampf 
gegen  die  Thüringer  verbündet  waren,  sehr  wohl  gelernt  haben. 

Ob  der  Ausdruck  vunden  gold  in  Beovulf,  was  auch  bei  den  alten 
Sachsen  (Hei.  16,  24  wundern  gold  te  gehu  ohne  Veranlassung  des  Textes) 
erwähnt  wird,  nur  spiralförmig  zu  Ringen  gewundenes  Gold  bedeutet, 
wofür  aber  der  besondere  Ausdruck :  wuntane  longa  gilt ,  oder  auch 
den  Golddraht  einschließt,  kann  ich  nicht  entscheiden.  Aber  einen  alten 
lange  dunkel  gewesenen  Ausdruck  für  zu  Blech  geschlagenes  Gold 
gewährt  der  älteste  ags.  Dichter  in  der  Verbindung  faeted,  faet  gold, 
wie  von  mir  ausführlich  bewiesen  ist  (in  Haupts  Zeitschrift  XI,  420  fi.). 
Und  da  solches  nicht  nur  an  Schwertern,  an  Bechern  (jaeted  vaege  B.  2254), 
an  Pferdezäumen,  an  Helmen,  Schilden  und  Ringen  als  getriebene  Ar- 
beit vorkommt,  sondern  auch  einzeln  neben  Ringen  und  andern  Gegen- 
ständen als  selbständiger  Theil  von  Schätzen  erscheint,  B.  1094.  1922. 
2247,  so  lässt  sich  bei  solcher  Ausbreitung  des  Gebrauchs  und  dem 
Erscheinen  des  Goldblechs  in  besonderen  Stücken  des  Männerschmucks 
und  Besitzes  nicht  verkennen,  daß  diese  Bearbeitung  eine  heimische 
war,  und  daß  es  auch  in  dem  Lande  der  Angeln  und  Sachsen  nicht 
an  Goldschmieden  fehlte,  welche  feinere  Goldarbeiten  auszuführen  ver- 
mochten. Dazu  gewähren  aber  die  goldenen,  im  alten  Anglien  gefun- 
denen Hörner  eine  Bestätigung  aus  sehr  früher  Zeit. 

Mit  Recht  ist  bemerkt  worden,  daß  die  Bilder  der  runden  Gold- 
bleche, die  Bracteaten  benannt  werden,  meist  Nachahmungen  byzanti- 
nischer Goldmünzen  sind,  indem  an  die  Stelle  der  Kaiserbilder  all- 
mählich einheimische  Fürsten  und  vornehme  Herren  oder  Edelinge 
traten.  So  können  auch  die  Heilswünsche  der  germanischen  Bracteaten 
als  Nachahmungen  oder  Fortsetzungen  der  Wünsche  betrachtet  werden, 
die  durch  die  Inschrift  Salus,  Felicitas,  Pax,  Fortuna  u.  s.  w.  für  Ober- 
haupt und  Reich,  meist  mit  den  dazugehörigen  Bildern  auf  der  Kehr- 
seite der  römischen  Kaisermünzen  erscheinen. 

An  solchen  Vorbildern  fehlte  es  unter  den  alten  Sachsen  und 
Angeln  keineswegs.  Für  die  byzantinischen  Goldmünzen  war  eine  eigene 
Benennung  keisuring,  ags.  caesering  vorhanden,  der  man  die  Entstehung 
aus  dem  Kaiseiibilde  ansieht,  und  wovon  man  aus  dem  Hildebrandslied 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  289 

des  8.  Jahrhunderts  erfährt,  daß  sie  gelegentlieh  auch  umgeschmolzen 
wurden  zu  Armringen. 

Auch  sind  dort  silberne  und  goldene  Kaisermünzen  in  beträcht- 
licher Menge  aus  hinlänglich  früher  Zeit  wieder  aus  dem  Boden  zu 
Tage  gekommen.  Wichtiger  als  der  Neu  h  aus  er  Münzfund  von  344 
Denaren,  die  bis  M.  Antoninus  reichten,  war  der  Lengericher  Fund 
('beschrieben  von  Dr.  Fr.  Hahn.  Hannover  1854),  der  neben  deutschen 
Ringen  und  römischen  Schmucksachen  Goldmünzen  von  Constantius 
Magnus  und  dessen  Söhnen  bis  361  enthielt,  und  nach  Hahn  S.  34—38 
noch  im  4.  Jahrhunderte  als  der  Schatz  eines  Sachsen  in  der  Erde 
verborgen  wurde. 

Von  vornehmen  Sachsen  besessen  waren  auch  offenbar  die  5  zu 
Schmuck  und  Schaustücken  verwendeten,  weil  mit  Öhren  versehenen 
römisch-byzantinischen  Goldmünzen,  welche  mit  einem  großen  goldenen 
Ring  zusammen  im  Mulsumer  Moor  im  Gebiete  von  Bremen  gefunden 
wurden,  Münzen  von  Valentinian  (363 — 376),  von  Leo  I.  (457—474) 
und  von  Anastasius,  der  mir  nicht  der  spätere  Anastasius  von  713, 
sondern,  nach  den  vorigen  Münzen,  Anastasius  I.  (491  —  518)  zu  sein 
scheint;  ein  Fund  also  aus  dem  6.  Jahrb.,  beschrieben  von  Blumenbach 
im  neuen  vaterl.   Archiv  für  d.  Königreich  Hannover  v.  1824  S.  342  ff. 

Übrigens  sind  die  als  sächsisch  von  mir  bezeichneten  Nachbil- 
dungen der  Fürstengestalt  auf  den  Dannenberger  Bracteaten  gerade  so 
durch  bessere  Mittelstufen  vermittelte,  und  in  der  Ausführung  gerade 
so  barbarisch  und  roh  ausgefallene,  wie  wir  sie  bei  diesem  noch  wenig 
gebildeten  Stamm  im  5.  oder  6.  Jahrh.  erwarten.  Die  Köpfe  haben 
zwar  die  üblichen  Diademe,  ausgedrückt  durch  Reihen  von  Perlen  oder 
Punkten  um  die  Stirn,  und  auch  über  die  Oberseite  des  Kopfes  hin- 
weg, aber,  und  das  theilt  nur  der  genannte  Bracteat  Nr.  218  mit  den 
Dannenbergern,  die  Figuren  des  Leibes,  die  sonst  eng  anliegende  Be- 
kleidung haben,  sind  vollkommen  nackt  dargestellt,  auf  Nr.  218 
selbst  mit  Zeichnung  der  Brustwarzen  und  Erhebungen  (die  sich  auch 
auf  Dannenb.  Nr.  4  erkennen  lässt,  sogar  mit  einer  Andeutung  des 
Nabels).  Gemeinsam  haben  sie  auch  das  Verschwenderische  in  Bezeich- 
nung des  Reichthums  an  Ringen,  und  zwar  geben  D.  Nr.  2  und  Atlas 
Nr.  218  nicht  nur  Ringe  am  Gelenk  der  rechten  Hand,  sämmtliche 
Figuren  scheinen  auch  Ringe  um  den  Hals  zu  haben,  D.  Nr.  4  stellt 
zwei  massive  Ringe  um  den  Hals  dar,  D.  Nr.  1  eine  Kette  kleiner  Ringe, 
D.  Nr.  2  und  Nr.  218  einen  breiteren  Halsschmuck,  den  man  bei  seiner 
Ausdehnung  unmöglich  für  die  Zeichnung  eines  Bartes  halten  kann, 
sondern  nur  für  eins  der  besprochenen  halsmenu 

t.i.rniANiA  X.  19 


290  FRANZ  DIETEICH 

Aber  die  Bracteaten  tragen  zum  Theil  Runenin Schriften.  Für 
die  Bekanntschaft  der  alten  Sachsen  mit  den  Runen  ist  es  wenigstens 
ein  Anzeichen,  daß  das  Wort  dafür  vorhanden  ist.  Der  Verfasser  des 
Heliand  hatte  zwar  bei  seinem  Stoffe  keine  Veranlassung ,  sein  rüna 
im  Sinne  von  Schrift  zu  gebrauchen;  hätte  er  auch  das  alte  Testament 
bearbeitet,  so  würde  er  bei  der  Geheimschrift,  die  an  der  Wand  er- 
schien, in  Daniels  Geschichte  darauf  geführt  worden  sein,  wie  der 
Angelsachse  Cädmon ,  der  eben  an  dieser  Stelle  rün  für  Schrift  ge- 
braucht, die  durch  runenkundige  Männer  (rüncräflige)  entziffert  wird. 
Ebenso  werden  die  Runenbuchstaben  vom  ags.  Dichter  des  Beovulf 
erwähnt;  er  kennt  solche  auf  Schwertgrifi'en ,  um  den  Namen  des  Be- 
sitzers daran  zu  schreiben,  B.   1695. 

Ein  nicht  undeutliches  Anzeichen  des  Gebrauchs  der  Runen  zum 
Zauber  sind  die  mit  rün,  rüna  zusammengesetzten  Personennamen,  wor- 
über Grimm  D.  Myth.  1175  und  Müllenhoff  zur  Runenlehre  S.  42 — 56 
aufgeklärt  haben.  Solche  Compositionen  sind  bei  den  alten  Sachsen 
noch  eben  so  gangbar  als  im  Althochdeutschen.  Die  Corveier  Tradi- 
tionen gewähren  den  Frauennamen  Frithurün,  sowie  Rüngtr  und  Itim- 
heri  als  Mannsnamen. 

Viel  bestimmter  spricht  das  Zeugniss  des  angelsächsischen  Ge- 
brauchs. Obwohl  die  frühe  Annahme  des  Christenthums  der  Fortdauer 
der  Runen  ungünstig  sein  mußte,  so  sind  die  in  England  erhaltenen 
Denkmäler  mit  angelsächsischen  Runen  begreiflich  zwar  wenige,  aber 
doch  genug,  um  die  einstige  allseitige  Anwendung  der  Runen  der 
zweiten  Gattung  zu  beweisen.  Auf  drei  Ringen  gibt  eine  solche 
Inschrift  die  Worte  einer  unverständlich  gewordenen  Zauberformel. 
Christliche  Münzen  unter  dem  northumbrischen  König  Eanred  (808  bis 
840)  prägen  ihren  Namen  auch  noch  mit  Runen  *).  Ein  Kreuz  zu  Bew- 
castle  in  Nordengland,  ein  anderes  zu  Lancaster,  besonders  ein  drittes 
zu  Ruthwell,  ist  mit  vielen  Runen  beschrieben.  In  Dover  ist  ein  Grab- 
stein zum  Vorschein  gekommen,  mit  dem  rein  ags.  Namen  Gislheard 
in  ags.  Runen;  er  war  ein  Christ,  wie  das  seinem  Namen  vorgesetzte 
Kreuz  beweist**),  um  so  mehr  wird  dadurch  als  Sitte  vorausgesetzt, 
daß  die  heidnischen  Sachsen  auch  ihren  angesehenen  Todten  Runen- 
steine  errichteten. 


*)  Archaeol.  Brit.  Tom.  XXV  (1S34)  im  Fund  von  Hexham,  nach  p.  306*  nämlich 
Plate  XXXV  und  LVI  Nr.  13  Brother,  und  PI.  XL1  Nr.  218  Wintred. 

**)  Arch.  Brit.  XXV  p.  604.  Zwei  Namen  in  Runen  von  Grabsteinen  in  Hartlepool 
in  Northumberlaud  gab  Kemble  Arch.  Brit.  XXVIII  PI.  XVI,  nebst  andern  Runen- 
nschriften  von  Denkmälern  und  aus  Handschriften. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  291 

Man  wählte  zu  Begräbnissstätten  in  heidnischer  Zeit  vorzugsweise 
gern  Anhöhen;  weist  daher  der  Name  eines  Berges  auf  Runen  hin, 
so  liegt  die  Vermuthung  nahe,  daß  er  einst  Runensteine  hatte.  Einen 
Ort  (te)  Runibergun  gab  es  im  Gau  Maerstem  bereits  im  6.  Jahrhundert, 
in  dessen  Nähe  die  Thüringer  530  von  den  Sachsen  und  Franken  nach 
Widukind  besiegt  wurden.  Von  Alten  (Zeitschr.  d.  Ver.  für  Nieders. 
1860  S.  4)  weist  den  Ort  nach  in  dem  heutigen  Dorf  Ronnenberg  im 
Amt  Wennigsen  mitten  zwischen  Deister  und  Leine. 

Wie  es  aber  auch  mit  dem  Ursprung  dieses  Namens  stehe,  so 
kann  man  doch,  da  sich  die  Sachsen  und  Angeln  in  England  noch  in 
christlichen  Zeiten  der  Runen  bedienten,  wie  von  northumbrischen  Un- 
terthanen  des  9.  Jahrh.  und  von  dem  Dichter  Cynewulf  im  8.  Jahrh. 
feststeht,  den  genannten  Stämmen  den  Gebrauch  dieser  entschieden 
heidnischen  Zeichen  in  ihrer  heidnischen  Vorzeit  und  mithin  in  ihrer 
alten  Heimath  in  Anglien  und  dem  nördlich  der  Elbe,  sowie  zwischen 
Weser  und  Elbe  gelegenen  Sachsenlande,  mit  keinem  Schein  eines 
Rechtes  absprechen. 

Dafür  reden  aber  auch  Thatsachen ,  die  besonders  in  Bezug  auf 
das  alte  Anglien  reichlich  vorhanden,  hier  einer  besonderen  Zusammen- 
stellung und  Erläuterung  bedürfen. 

IV.  Die  Denkmäler  Holsteins  und  Schleswigs,  welche  deutsche  Runen 

enthalten. 

Gänzlich  abzusehen  ist  hier  natürlich  von  den  Steindenkmälern 
christlicher  Zeit,  auf  denen  Grabschriften  in  skandinavischen  Runen, 
besonders  in  Schleswig  gefunden  worden  sind  *).  Es  handelt  sich  eben 
nur  um  die  Schriftart,  wie  die  der  Dannenberger  Bracteaten  ist. 

In  dieser  Art,  d.  h.  in  deutschen  Runen,  sind  nun  erstlich  noch 
einige  kurze  Inschriften  auf  Goldbracteaten  aus  den  genannten  Herzog- 
thümern  vorhanden. 

Allem  Anschein  nach  aus  Holstein  stammt  der  in  Hamburg 
aufbewahrte  Bracteat  Nr.  219  des  Atlas,  dessen  Bild  die  meiste  Ähn- 
lichkeit mit  dem  oben  erwähnten  Nr.  218  hat,  beschrieben  bei  Thomsen 
Annaler  S.  336.  Die  Inschrift  von  links  nach  rechts  gelesen  lautet  f*  r  H? 
was,  wie  anderwärts  ausführlicher  bewiesen  werden  wird,  in  hALU 
umzusetzen,  und  durch  halü,  ags.  haelo,  Heil!  zu  erklären  ist. 


*)  Verzeichnet  im  7.  Bericht  der  Schlesw.  Hülst.  Lauenb.  GfeseUsch.  von  1842 
S.  10.  Am  besten  abgebildet  und  erklärt  in  P,  G.  Thursen  De  Danske  Runemindes- 
maerker  Bd.   1  (iSlesvig)  Kiöb.   1SU4. 

19* 


2{)2  FRANZ  DIETRICH 

In  Schleswig  gefunden  sind  zusammen  jetzt  fünf  Bracteaten  mit 
deutschen  Runen.  Darunter  gibt  der  von  Skrydstrup  im  Amt  Haders- 
leben, Nr.  83  des  Atlas,  zwei  Inschriften,  am  rechten  Rande  nämlich 
von  links  nach  rechts  gelesen,  wiederum  das  obige  hALU  Heil!  in 
der  Mitte  aber  fünf  Runen,  von  denen  die  vierte  £  eine  Binderune  ist, 
die  aus  N  und  A  zusammengesetzt  scheint,  so  daß  daraus  LAUNAM, 
d.  h.  zur  Belohnung!  (ein  Dativ  Plural  von  laun  Lohn)  hervorgeht, 
so  wie  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  das  besonders  große  und  schöne 
Schaustück  ein  Geschenk  war. 

Nr.  88  des  Atlas,  aus  der  Nähe  von  Hadersleben,  zeigt  —  nur 
gerade  auf  den  Stempel  eingeritzt  und  daher  in  verkehrter  Richtung 
auf  das  Goldblech  geprägt  —  die  beiden  Runen  AL,  d.  h.  die  aus 
der  sonstigen  Form  des  Worts  (Jijälu  abgekürzte  Gestalt  (A)a/,    Heil! 

Nr.  253  von  Ulderup,  dargestellt  in  der  Vorrede  des  genannten 
Atlas,  hat  vier  undeutliche  Runen,  die  wahrscheinlich  das  auf  den 
Bracteaten  häufige  MACU,  Gemach!  anwünschen  sollen. 

Nr.  117  des  Atlas,  aus  der  Gegend  von  Eckernförcle,  nennt  rechts 
unten  den  Namen  des  Anfertigers  IVITA,  der  seiner  Endung  nach 
unnordisch  ist,  und  wenn  Ivita ,  was  unbedenklich  ist,  für  Ibita  ge- 
sprochen ist,  sich  in  sächsischen  Urkunden  nachweisen  lässt,  links  oben 
aber  das  Verbum  dazu,  TaVADa,  d.  h.  fertigte  an,  machte;  dasselbe 
Verbum ,  welches  auch  auf  dem  goldenen  Hörn  nach  dem  Namen  des 
Künstlers  am  Ende  steht. 

Dazu  kommt  ein  Bracteat  mit  einer  Umschrift  von  37  Runen, 
der  erst  1863  in  Skodborg  Sogn  ausgegraben  und  in  Thorsens  DeDanske 
Runemindesmaerker  Bd.  1  nach  S.  324  zusammen  mit  den  vier  vori- 
gen in  Farbendruck  dargestellt  ist.  Das  Bild  ist  hier  ausführlich  er- 
klärt, über  die  Inschrift  aber  findet  sich  nur  dies  bemerkt,  daß  10  Runen 
zweimal,  und  von  diesen  wieder  die  letzte  Gruppe  von  6  Runen  zu- 
sammen dreimal  vorkommt.  Die  Zeichen  sind  im  Ganzen  die  auf  den 
Bracteaten  gewöhnlichen  deutschen  Runen,  doch  merkwürdig  und  von 
den  übrigen  abweichend  ist  er  durch  ein  viermal  vorkommendes  Zeichen 
besonderer  Art.  Nämlich  an  der  sechsten,  vierzehnten,  drei  und  zwan- 
zigsten und  drei  und  dreißigsten  Stelle,  wenn  man  von  unten  dem  Öhr 
gerade  gegenüber  zu  zählen  anfängt,  findet  sich  ein  *=j,  welches  auf  den 
ersten  Anschein  für  ein  abgerundetes  ng  gehalten  werden  könnte.  Da 
es  aber  an  der  vierzehnten  Stelle  auf  ein  n  folgt,  so  ist  dieser  Werth 
vollkommen  unwahrscheinlich;  ich  erkläre  es  für  ein  S,  indem  es  dem 
Zeichen  V\  am  ähnlichsten  ist,  und  weil  unter  den  37  Runen  sonst 
kein  S  vorkommen  würde,  was  bei  einem  so  gewöhnlichen  und  häufigen 
Laute  wegen  die  Erwnrtnns-  wäre. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  293 

Aus  der  Richtung  der  Zeichen  geht  hervor,  daß  die  Schrift  von 
rechts  nach  links  zu  lesen  ist.  Den  Anfang  setze  ich  unten,  genau 
dem  Mittelpunkt  des  Öhrs  gegenüber.  So  stellt  sich  die  Reihe  heraus : 
VINA  USA  ALA  VIN  SA  LA  VI  DA  USA  ALA,  VINA  USA  ALA. 

Hierin  ist  in  dem  dreimaligen  ALA  schwerlich  etwas  anderes 
als  das  in  den  bisherigen  Bracteaten  häufige  {Ji)äl  zu  suchen,  zumal 
da  in  SALA  das  ebenfalls  geläufige   säl   (Glück)    deutlich   hervortritt. 

Daher  erkläre  ich:  vinn-ä  üsa  (h)dla,  vinn  sola  vidä,  üsa  (A)a/a, 
vinn-d  üsa  (Ji)äla,  d.  h.  mache  unser  Heil,  mache  weites  Glück,  unser 
Heil,  mache  unser  Heil;  angeredet  ist  das  Goldstück  als  Amulet  oder 
Zaubermittel,  welches  das  Glück  und  Heil  herbeizaubern  soll.  —  In 
vinn-ä  und  vinn  liegt  der  Imp.  von  vinnan  (gewinnen,  eig.  erkämpfen), 
das  erstemal  mit  der  Interjection  -ä,  die  dem  Imp.  im  Mhd.  so  ge- 
wöhnlich angehängt  wird,  und  selbst  Substantiven,  wenn  sie  als  Ausruf 
gebraucht  sind  (Grimm   Gramm.  3,  290  f.) 

Daß  aber  in  den  Herzogthümern  einst  ein  Volk  wohnte,  welches 
sehr  reich  an  Gold  und  Goldschmuck  war,  das  beweisen  für  Holstein 
die  beiden  Goldschalen  von  Depenau  (hochd.  Tiefenau),  in  deren  einer 
ein  großer  über  4  Loth  schwerer  Goldring  lag,  ferner  der  Armring 
von  Bebensee  bei  Segeberg,  sowie  für  Schleswig  der  Ring  von  Rends- 
burg und  das  ebenfalls  goldene  Armband  aus  der  Nähe  von  Apenrade. 

Die  wichtigsten  in  Schleswig  gehobenen  Schätze  sind  die  mit 
Runen  der  deutschen  Art  beschriebenen  Geräthe,  das  goldene  Hörn, 
das  goldene  Stirnband  und  der  kürzlich  erst  bekannter  gewordene 
bronzene  Schildbuckel,  welche  noch  ausführlicher  zur  Sprache  kommen 
müssen. 

1.  Das  goldene  Hörn  mit  32  Runen, 

welches  1734  bei  Gallehuus  unweit  Tondern  gefunden  wurde,  an  der- 
selben Stelle,  wo  beinahe  hundert  Jahre  früher  ein  ähnliches  goldenes 
Trinkhorn,  aber  ohne  Inschrift,  zu  Tage  gekommen  war  —  beide  jetzt 
aber  nur  noch  in  Abbildungen  vorhanden,  am  besten  dargestellt  am 
Ende  des  vielgenannten  Kopenhagener  Atlas,  —  ist  seiner  Inschrift 
nach  so  vielfältig  und  gründlich  behandelt,  daß  die  Lesung  in  der  That 
bei  Allen  feststeht,  und  nur  über  die  Erklärung  der  Legende  Verschie- 
denheit obwalten  kann ,  wozu  auch  der  Verfasser  dieser  Zeilen  einen 
Beitrag  lieferte  in  der  Schrift  fDe  inscriptionibus  duabus  runicis,  ad 
Gothorum  gentem  relatis'.  Marb.  1860,  worin  auch  der  hauptsächlich- 
sten früheren  Deutungen  gedacht  ist.  Unter  diesen  war  ihm  damals 
die  Abhandlung  von  Rafn  entgangen ,  welche  sich  in  den  Annaler  for 
nordisk  Oldkyndighed,  Kiöbenh.   1855  S.  347-381   findet. 


294  FRANZ  DIETRICH 

Diese  Abhandlung  gelangt  zu  dem  Ergebniss,  daß  zwar  die  Runen 
altangelsächsiche  seien,  die  Sprache  aber  mit  alleiniger  Ausnahme  des 
ersten  Namens  rein  altnordisch  S.  379.  Daß  Rafn  dabei  gleichwohl 
nicht  das  al tangeis.  Alphabet  zu  Grunde  gelegt  hat,  sondern  in  der 
Bedeutung  mehrerer  Runen  sich  etwas  eigenes  erfunden  hat,  wird  sich 
sogleich  zeigen.   Die  Runen  sind  nach  der  altern  Copie : 

M<  NrMF^XF'STIY  !  IWrioFY  l  H£R+f*  1  tmM*  \ 
Während  als  Legende,  nach  der  sonstigen  Geltung  dieser  Runen, 
übereinstimmend  von  Munch,  Jacob  Grimm,  Müllenhoff  und  Massmann 
angesetzt  wurde  EK  HLEVAGASTIM  .  HOLTJNGAM  .  HORNA. 
TAVIDO.,  was,  um  nur  der  ersten  Erklärung  des  nordischen  Gelehrten 
zu  gedenken,  von  Munch  übersetzt  wurde:  „Ego  Hleva  hospitibus 
silvicclis  (s.  Holsatis)  cornua  fabricavi"  giebt  Rafn  S.  372,  ohne  in  der 
von  ihm  befolgten  Copie  andere  Varianten  zu  finden,  als  ein  Theilunu;s- 
zeichen  nach  der  6.  Rune,  und  ein  ^  im  Anfang  des  letzten  Wortes 
statt  f,  die  Lesung 

ECHLEV  .  OG  OSTIR  .  HULTJNGOR  .  IiURNO  .  TvO  VIgpU. 
die  er  umsetzt  und  erklärt  durch:  „Echlev  äk  Ästi'r  (Eyleifr  ok  Ästyr) 
Hyltfngar  hurna  tvä  (tvo)  vigpu",  d.  h.  die  Holtinger  (Holsteiner) 
Echlev  und  Astyr  weiheten  die  zwei  Hörner. 

Dabei  muß  schon  die  Willkür  im  höchsten  Grade  auffallen,  wo- 
mit die  in  Unzialen  gegebene  Legende  bei  der  erklärenden  Umschrei- 
bung in  gewöhnliche  kleine  Buchstaben  wieder  verlassen  und  vielfältig 
umgeändert  wird.  Steht  in  der  Inschrift  OG  als  zweites  Wort,  so  kann 
dies  nimmermehr  zugleich  äk  sein,  denn  sieht  man  einstweilen  von  der 
Vermengung  von  A  mit  O  ab,  welche  die  ags.  Schrift  in  allen  Alters- 
chassen  unterscheidet,  so  ist  es  doch  unerhört,  daß  die  Rune  X  die 
in  der  Unzialschrift  richtig  durch  G  gegeben  ist,  unter  der  Hand  ver- 
tauscht wird  mit  K ,  für  welchen  Laut  die  ags.  Alphabete  dieselbe 
Rune  haben  wie  für  C. 

Aber  die  in  Unzialen  gegebene  Transcription  selbst  ist  vollkommen 
falsch.  Denn  erstlich  ist  die  Deutung  der  von  ihm  vorgezogenen  Va- 
rianten grundlos.  Das  Zeichen,  welches  nach  der  6.  Rune  in  der  andern 
Copie  (Krysings)  steht,  nämlich  '  der  kleine  Haken  am  obern  Ende 
der  Zeile,  würde  nicht  ein  Theilungszeichen  sein  können,  wofür  jeder 
Beweis  fehlt,  wofür  hier  vielmehr  die  übereinandergesetzten  Punkte 
jedesmal  wo  Theilung  der  Worte  ausgedrückt  werden  sollte,  gebraucht 
wurden,  sondern  es  wäre  die  Rune  für  C  oder  K,  und  da  diese  an 
der  gedachten  Stelle  sprachlich  höchst  unwahrscheinlich  ist,  so  schwindet 
.schon   hier   die   vermeintliche    Vorzüglichkeit    der    andern    Copie.    Die 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  295 

zweite  Variante,  die  sie  giebt,  daß  an  der  T-Knne  des  letzten  Wortes 
vorn  ein  Strich  mehr  ist,  wird  dadurch  unsicher,  daß  Krysing  in  seinen 
zwei  Abschriften  das  einemal  *v\  das  anderemal  nicht  dasselbe  gab,  und 
wenn  wirklich  auf  dem  Original  ein  solcher  Strich  mehr  war,  so  kann 
er  nur  als  eine  Verritzung  betrachtet  werden,  nimmermehr  aber,  wie 
Rafn  will,  als  eine  Binde-Rune  für  TV,  denn  wenn  an  die  T-Rune  das 
Charakteristische  der  V-Rune  angesetzt  wurde,  so  mußte  es  die  Ge- 
stalt "£  annehmen  oder  f ;  genug  der  Zusatz  mußte  rechts  stehen,  und 
ein  Zusatz  links  konnte  vieles  andere,  nur  nicht  TV  ausdrücken. 

Auf  ebenso  bodenloser  Willkür  beruht  andererseits  Rafns  Abwei- 
chung von  der  herrschenden  Bestimmung  der  in  beiden  Copien  gleichen 
Runenzeichen.  Ohne  die  geringste  Spur  eines  Beweises  ist  S.  370  be- 
hauptet, £  bezeichne  hier  den  Laut  U  und  den  davon  abgeleiteten 
Laut  Y,  während  doch  diese  rein  sächsische  und  ags.  Othel-Rune  in 
alter  Zeit  nichts  anders  als  O  bedeutet  (im  Ags.  oe)  und  in  allen  Runen- 
alphabeten  vielmehr  p)  für  U  und  Y  vorhanden  ist.  Deutlich  ist  also, 
die  Behauptung  ist  rein  erfunden  zu  dem  Zwecke ,  eine  altnordische 
Sprachform,  das  hyltingar ,  herauszubringen,  nach  einem  Sprachstand, 
von  welchem  der  durch  das  vermeintlich  altn.  hurna  statt  Hörn  voraus- 
gesetzte um  viele  Jahrhunderte  verschieden  sein  würde. 

Für  die  weitere  Versicherung,  daß  f:  neben  A  auch  O  bedeute, 
welche  Einschwärzung  der  nordischen  Bedeutung  schon  bei  Bredsdorf 
vorkam,  und  schon  von  Munch  aufgegeben  wurde,  wird  zwar  von  Rafn 
S.  370  ein  Beweis  versucht,  er  führt  zwei  Denkmäler  dafür  an,  wovon 
das  zweite  von  ihm  selbst  als  nicht  entscheidend  bezeichnet  ist,  da  er 
sagt,  daß  es  hier  6  oder  d  ausdrücke.  Das  erste  ist  die  Spange  von 
Himlingöie  (Annaler  1836 — 1837  p.  345  Tab.  VII).  Aber  welche  Sicher- 
heit entsteht  aus  dieser  Inschrift  von  sechs  Runen?  Rafn  las  DORISO, 
um  Thorir  ö,  d.  h.  Thorir  hat  (ist  der  Eigenthümer  dieser  Spange), 
und  somit  etwas  altnordisches  zu  gewinnen;  ich  sehe  davon  ab,  daß 
o  statt  ä  unbewiesen  ist,  daß  im  Anlaut  I)  für  Th  graphisch  höchst 
unwahrscheinlich  ist,  da  es  jederzeit  für  TH  ein  besonderes  Zeichen 
gab,  so  viel  ist  klar,  daß  da  der  Schlußvocal  £  geschrieben  ist,  was 
natürlich  O  ist,  das  zweite  Zeichen  und  der  erste  Vocal  f*  nicht  auch 
O  bedeuten  kann,  sondern  A  sein  muß,  daß  also  der  vorliegende,  un- 
nordisch auf  O    endigende  Name    höchstens    DARISO   sein   könnte*); 


*)  Wahrscheinlich  ist  es  nur  eine  Nachlässigkeit  oder  ein  Druckfehler,  daß  S.  3SO, 
wo  der  Name  in  Runen  ausgeschrieben  ist,  an  der  entscheidenden  Stelle  als  zweite  Rune 
die   für   U  steht,   da  die   A-Rune  auch   durch    Kafn   S.   :!70   anerkannt   ist 


296  FRANZ  DIETRICH 

wobei  es  hier  von  geringerem  Belang  ist,  daß  das  erste  Zeichen  wahr- 
scheinlich als  ein  H  aufzufassen  ist,  so  daß  als  Name  des  Eigenthü- 
mers  oder  Anfertigers  vielmehr  Hariso  hervorgeht,  der  altnordisch 
Hersi  lauten  würde. 

Gegen  die  Behauptung,  daß  f5  im  sächs.  und  ags.  Alphabet  zu- 
gleich O  bedeute,  streiten  die  triftigsten  Gründe;  einmal  der  Name 
ags.  Äse,  dem  ein  asc  ohne  Umlaut  vorhergeht,  woneben  aber  ein  ose 
unerhört  sein  würde;  zweitens  die  Gewissheit,  daß  für  den  Laut  O  im 
älteren  sächs.  Alphabet  vielmehr  die  Rune  £  feststeht,  im  jüngeren 
angelsächsischen  aber  die  Rune  |tf,  daß  also  kein  Bedürfniss  entstehen 
konnte  ,  noch  ein  anderes  Zeichen  für  denselben  Laut  herbeizuziehen, 
wodurch  vielmehr  die  Schreibung  beschädigt  worden  wäre;  und  endlich 
drittens,  daß  thatsächlich  die  zuerst  genannte  Rune  auf  allen  Denk- 
mälern der  sächs.  u.  ags.  Schriftart  nur  A  bedeutet,  was  im  Einzelnen 
klar  zu  machen  erst  dann  nothwendig  würde,  wenn  das  Gegentheil 
nachzuweisen  versucht  werden  sollte. 

Für  das  goldene  Hörn  ist  es  offenbar  von  Rafn  nur  versichert 
worden,  um  die  rein  nordische  Copula  ok  herauszubringen,  mit  aller 
möglichen  wissenschaftlichen  Sicherheit  ist  aber  so  eben  bewiesen,  daß 
die  Lesung  OG  für  |*X  hier  eme  graphische  Unmöglichkeit  ist,  ebenso 
wie  das  in  der  Umschreibung  dafür  untergeschobene  äk,  was  aber  nach 
seiner  eigenen  Betrachtung  über  das  Vocalzeichen  nur  AG  oder  OG 
sein  könnte,  und  jeder  der  einigermaßen  über  Sprachgeschichte  klar  ist, 
muß  einsehen,  daß  für  „die  zweite  Hälfte  des  5.  Jahrhunderts"  (Rafn 
S.  378)  dieses  og  statt  aulc  auch  eine  sprachliche  Unmöglichkeit  wäre. 

Willkürlich  für  jede  Zeit  vor  dem  8.  Jahrh  ist  ferner  die  Be- 
hauptung, daß  Y  unter  den  sächsischen  Runen  nicht  soll  M  sein,  son- 
dern R;  aber  alles  bisherige  übertrifft  an  leichtsinnigem  Uniherfahren 
der  Einfall,  daß  die  Rune,  welche  im  ags.  Däg  heißt,  und  im  älteren 
deutschen  oder  sächsischen  Alphabet  die  Figur  ^  hat,  nicht  bloß  D, 
wie  aus  dem  Namen  ]~>äg  hervorgeht,  sondern  auch  GTH  bedeutet 
haben  soll,  was  S.  372  in  dem  Alphabet  versichert,  und  S.  375  mit 
der  Legende  des  Bracteaten  von  Tjörkö  bei  Carlskrona  Nr.  102  des 
Atlas  belegt  wird,  in  welcher  das  Dagzeichen  die  drittletzte  Stelle 
einnimmt,  aber  auch  als  zwölftes  Zeichen  vom  Ende  in  derselben  Gestalt 
vorkommt. 

Ist  aber  was  unter  dieser  Annahme  herauskommt,  etwas  Wahr- 
scheinliches oder  auch  nur  Erträgliches?  Rafn  hat  bei  seiner  Lesung 
von  den  35  Runen  der  Inschrift  nicht  weniger  als  12,  womit  er 
nichts  anzufangen  weiß  ,  als  unerklärlich  über  Bord  geworfen  ,  obwohl 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  297 

sie  völlig  deutlich  geschrieben  und  in  ihrer  Bedeutung  sicher  sind.  In- 
dem ich  seine  Lesung  anführe  ,  setzte  ich  sie  wieder  hinein ,  und  be- 
merke, daß  die  zwei  Punkte,  die  zwischen  den  beiden  Absätzen  der 
Inschrift  stehen,  im  Original  zwei  kleine  Kreise  sind,  die  als  Theilungs- 
zeichen  gebraucht  sind,  wie  die  drei  Kreise  am  Ende  des  Ganzen. 

Rafn  liest:  pör  paer  rünor  „an  vllhacurv  eu  helgpar  kuni  rtrögpiu, 
und  erklärt:  Thor  seien  die  Runen  (die  angeführten  nämlich)  geheiligt; 
(obwohl  nicht  por  paer,  sondern  ])ur  ter  geschrieben  steht)  und  fügt  die 
Versicherung  hinzu:  jede  von  den  12  Runen  hat  für  den  Eigenthümer  des 
Amulets  ihre  besondere  Bedeutung  gehabt.  Über  das  Jcuni  rnijgpiu  er- 
fährt man  weiter  nichts  als  „die  Schlußworte  lassen  sich  schwer  erklä- 
ren, mycip,  dementia?"  —  Da  ist  denn  doch  wohl  nichts  leichter  als 
dies  zu  sehen,  eine  Erklärung  von  35  Runen,  wobei  12  über  Bord 
geworfen  und  9  andere  durch  ein  Fragezeichen  ihrem  Schicksal  über- 
lassen ,  in  der  That  aber  sinnlos  werden ,  ist  eben  keine  Erklärung, 
worauf  irgend  etwas  gebaut  werden  kann:  sie  muß  auf  unrichtiger 
Lesung  beruhen. 

Der  Versuch  einer  wenigstens  vollständigen  Erklärung  nach  der 
gewöhnlichen  Bedeutung  der  Zeichen  soll  anderwärts  begründet  werden: 
nothwendig  sind  in  der  Mitte  und  sonst  einige  Ergänzungen  ;  ich  ver- 
muthe:  f HURTE  RUNOMAN  ViLL  HACUan  RuNE  HELD  AM 
CUNIDrUDIU,  d.  h.  der  Runenmann  Thurte  will  die  Runen  zum 
Heil  der  Cunidrud  einstechen,  mit  einem  Verbum ,  dem  ahd.  hakjan 
stechen,  hauen  entspricht. 

Jedoch  es  bedarf  gegenwärtig  nur  des  ebengelieferten  Beweises, 
daß  der  Vorschlag  Rafns  in  Bezug  auf  die  Inschrift  Nr.  102  in  sich 
zu  einer  Deutung  gänzlich  unzulänglich  ist,  um  das  Urtheil  zu  be- 
gründen, daß  die  darauf  gewagte  Behauptung,  die  Rune  für  D  könne 
auch  GTH  vertreten,  nothwendig  zurückzuweisen  ist. 

Damit  fällt  auch  die  Annahme,  das  letzte  Wort  der  Inschrift  des 
goldenen  Horns  sei  vigpu,  in  Nichts  zusammen,  und  stehen  bleibt  die 
längst  gefundene  Erkenntniss,  daß  die  letzte  Gruppe  zwischen  den 
Abtheilungspunkten  TAVIDO  (fecit)  zu  schreiben  ist. 

Die  sicheren  Ergebnisse  dieser  kritischen  Beleuchtung  der  Erklä- 
rungen Rafns  sind  diese:  erstlich  die  Runen  des  goldenen  Horns  sind 
ihrer  Bedeutung  nach  keine  anderen,  als  die  des  einfacheren  deutschen 
Alphabets,  woraus  die  ags.  entstanden  sind,  namentlich  bezeichnet  Ae. sc 
hier  nur  A,  die  Rune  Othel  nur  O,  das  Däg  nur  D,  und  das  bei  den 
Angelsachen  Eolx  benannte,  auch  dem  lat.  x  zugewiesene  Zeichen  viel- 
mehr M,  was  es  von  jeher  war. 


298  FRANZ  DIETRICH 

Das  andere  geht  aber  eben  so  sicher  hervor,  die  Sprache  ist  nicht 
die  skandinavische,  sondern  ein  von  der  gothischen  Stufe  formell  noch 
nicht  ganz  entfernter  sächsischer  Dialect,  der  materiell  dem  ags.  am 
nächsten  steht,  weil  favjan  (machen)  nur  im  ags.  erhalten  ist,  und  dort 
auch  das  hleva  in  Hlevagast   seine  Erklärung  findet. 

Wenn  gleich  nun  Rafus  Deutung  wegen  der  Willkürlichkeiten 
ihrer  Lesung  vollkommen  haltlos  und  in  ihrer  der  Inschrift  fjesfebenen 
Sprachgestalt  voller  Undinge  ist,  so  daß  sie  nur  seinem  dänischen 
Patriotismus  zu  verzeihen  ist,  so  hat  sie  doch  etwas  Gutes,  was  nicht 
übergangen  und  nicht  gering  angeschlagen  werden  soll:  es  ist  der 
Vorzug,  den  gewöhnlich  die  Deutungen  der  nordischen  Gelehrten  vor 
denen  der  deutschen  haben,  nämlich  der  richtige  epigraphische  Tact  und 
der  gesunde  Geschmack  für  alterthümliche  Erscheinungen,  welcher  in 
der  Erkenntniss  Hegt,  daß  hier  der  Anfertiger  oder  Schenker  mit  Namen 
genannt  sein  muß.  Etwas  so  Unerhörtes,  wie  der  Satz  enthält  „Ich 
habe  den  Holtingen  die  Hörner  gemacht  oder  geschenkt",  ohne  alle 
Nennung  eines  Namens  dazu,  wie  er  bei  deutschen  Erklärern  Beifall 
gefunden  hat,  das  haben  sich  nordische  Ausleger,  die  mit  ihren  In- 
schriften vertraut  sind,  nicht  zu   Schulden  kommen  lassen. 

Und  so  entnehme  ich  selbst  aus  diesem  einzigen  guten  Sinn,  der 
Rafns  sonst  unrichtig  ausgefallener  Deutung  zu  Grunde  liegt,  eine 
gewisse  Bestätigung  für  meine  schon  mehrmals  vertheidigte  Erklärung 
„EK  HLEVAGAST  (th)IM  HOLTINGAM  HÖRN  ATAVIDO«: 
d.  h.  ich  Hlevagast  habe  den  Holtingen  das  Hörn  gemacht;  zu  welcher 
ich  jetzt  hinzufügen  kann,  daß  die  Form  des  Dativplurals  thim  in 
dieser  Aussprache  sich  auch  auf  dem  Bracteaten  Nr.  112  des  Atlas 
.völlig  sicher  vorfindet. 

Ein  anderes  in  Schleswig  gefundenes  wichtiges  Denkmal  ist 

2.  das  goldene  Diadem  von  Strarup. 

Im  Jahr  1840,  wie  es  scheint,  fand  der  Gutsbesitzer  Kammerrath 
Kier  auf  Strarup,  welches  Gut  zu  dem  Kirchspiel  Dalbye  gehört,  in 
einem  Hügel  einen  goldenen  Stirnring  von  dem  Umfang  eines  Teller- 
randes und  der  Dicke  eines  Federkiels.  Auf  einer  Abplattung  desselben 
standen    äußerlich    einige   Verzierungen,    inwendig    aber    die    5  Runen 

Die  erste  Nachricht  davon  kam  im  6.  Bericht  der  schlesw.  holst. 
Gesellschaft  vom  Januar  184!  mit  der  Bemerkung,  daß  man  in  der 
Inschrift  „Lurup  oder  Rurop  (viell.  für  Strarup)"  also  den  Ort  des 
Eigenthümers    zu    linden    geglaubt    habe.    Eine  Abbildung   erschien  in 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  299 

den  Annaler  for  nord.  Oldkyndighed  1842-1843  Tab.  VIII  von  Rafn 
mit  der  Erklärung  p.  167—71,  die  er  auch  1855  p.  380  ebenso  wieder- 
holte, wonach  zwei  Worte  darin  liegen  sollen,  nämlich  Luftr  ö,  letz- 
teres statt  ä  (dabet),  ersteres  der  Name  des  Besitzers  im  6.  Jahrh. 
Ähnlich  hatte  einmal  Müllenhoff  hingeworfen,  aber  nur  im  Scherz,  der 
Name  Ve/'ga  auf  dem  Meklenburger  Bracteaten  könne  vielleicht  Veig  ä 
abgetheilt  werden  (Veig  habet),  und  dies  werde  nordischen  Gelehrten 
gefallen  *). 

Auf  diese  Weise  kann  man  sich  freilich  aller  unnordischer  Namens- 
formen der  schwachen  Declination,  sofern  sie  unbequem  sind,  entledi- 
gen, daß  man  das  a  absondert,  und  für  das  Verbum,  nord.  ä,  welches 
früher  äh  oder  äg  lauten  mußte  und  in  noch  älterer  Zeit  aig  (aih)  wie 
im  Gothischen  für:  Er  eignet,  hat  zu  eigen.  Wie  und  wann  und  wo 
dies  zu  ö  hätte,  werden  können ,  den  Nachweis  ist  Rafn  schuldig  ge- 
blieben. 

Der  Name  des  Denkmals,  von  welchem  wir  nicht  wissen  können, 
ob  der  Anfertiger  oder  der  Besitzer  genannt  ist,  lautete  den  Runen 
zufolge,  natürlicher  Weise  LUTHRO,  welcher  aus  liuth  Gesang,  goth. 
liuthön  singen  erklärt  werden  kann,  und  am  nächsten  dem  im  goth. 
liuthareis  Sänger  einfacher  erhaltenen  ags.  loddare,  herumziehender  Sän- 
ger, zu  stehen  scheint. 

Bei  weitem  die  wichtigste  Runeninschrift  ist  die  noch  ungelesene, 
die  auf  einem  sehr  alten  runden  Schilde  erst  vor  kurzer  Zeit  entdeckt 
worden  ist: 

3.  Der  bronzene  Schildbuckel  von  Taschberg. 

Unter  einer  großen  Menge  von  Überresten  besonders  römischer 
Waffen  und  Rüstungsstücke,  fanden  sich,  in  einem  Moor  bei  Taschberg, 
südlich  von  Flensburg  in  der  Nähe  von  Siiderbrarup,  auch  mehrere 
bronzene  Schildbuckel;  einer  der  römischen  trug  auf  dem  äußern  Rande 
in  lateinischen  Buchstaben  die  Inschrift  AEL.  AELIANUS,  einer  aber 
der  für  nichtrömische  und  wahrscheinlich  germanische  erkannten  hat 
auf  der  inneren,  dem  Holze  zugewendet  gewesenen  Seite  des  Randes 
6  mit  einem  scharfen  Griffel  dünn  eingeritzte,  hier  und  da  jetzt  ab- 
geriebene Runen,  welche  namentlich  gegen  rechts  hin  durch  zufällig 
entstandene    Querstriche,    einmal   auch    durch  Ausgleiten   des    Griffels 


*)  Müllenhoff  im  14.  Berieht  der  sehlesw.  holst.  Gesell.  S.  19  Anm.,  wo  übrigens 
der  unzerstüekelte  Name  Veiya  durch  den  hochd.  Mannsnamen  Weiko  belegt  und  somit 
ßicher  gestellt  wurde. 


3()0  FRANZ  DIETRICH 

entstellt  sind.  Die  folgende  Darstellung  derselben  ist  entlehnt  ausEngel- 
hardts  Schrift:  Thorsbierg  Mosefund  u.  s.  w.  Kjöbenh.  1863,  womit 
die  Beurtheilung  von  Waitz  in  den  Göttinger  gel.  Anz.  1863  S.  1655 
bis  1661  zu  vergleichen  ist.  In  der  genannten  Schrift  Note  8  Nr.  16 
ist  die  Inschrift: 

H-  I  X  *  M 

Aus  der  Richtung  der  letzten  Rune,  der  für  a,  ergibt  sich,  daß  die 
Schrift  von  rechts  nach  links  zu  lesen  ist.  Die  Runen  selbst  sind 
aber  nicht,  wie  Engelhardt  sagt,  „oldnordiske  eller  gotiske"  —  es  gibt 
nämlich  zwar  angeblich  gothische  Namen,  aber  durchaus  keine  gothi- 
schen  Runenzeichen  dazu  — ,  sondern  die  der  dritten  Art,  die  säch- 
sischen, aus  denen  die  angelsächsischen  hervorgiengen,  wie  schon  das 
Zeichen  X  für  g  nebst  dem  Alter  der  Inschrift  beweist. 

Das  vierte  Zeichen  von  links  oder  das  dritte  von  rechts  ist  die 
alte  Rune  für  S,  das  fünfte  von  rechts  her  ist  ein  |,  woran  der  obere 
Strich  nur  eine  Ausgleitung  des  von  unten  nach  oben  gezogenen  Griffels 
sein  kann,  das  letzte,  oder  von  links  das  erste  hat  auch  eine  Fortsetzung 
des  Querstrichs  zu  viel,  und  stellt  sich  als  ein  H  dar.  Ich  muß  indes 
aus  sachlichen  Gründen  vermuthen,  daß  in  diesem  Zeichen  noch  ein 
den  vorigen  kreuzender  Querstrich  einst  vorhanden  war,  und  daß  die 
Rune  für  D  beabsichtigt  ist. 

So  ergibt  sich  —  einen  Namen  muß  man  nach  Analogie  des 
Aelianus  erwarten  —  der  Name  AISGID,  schwerlich  aber  Aisgih, 
weil  als  zweiter  Theil  eines  Namens  ein  -gih  vollkommen  unwahr- 
scheinlich ist. 

Der  erste  Theil  des  Namens  zeigt  sich  in  den  Namen  Eis-got, 
Eis-ulf,  Eis-ward,  die  in  den  Tradit.  Corbej.  236.  324.  281  auf- 
treten, und  aus  Egisgdt,  Egisulf,  Egisward  entstanden  sind.  Die  beige- 
brachten Namen  sind  altsächsische,  neben  denen  auch  viele  hochdeutsche 
mit  Egis-  vorhanden  sind.  Dieses  Wort  ist  umgelautet  aus  dem  go- 
thischen  agis  n.  Schrecken,  woraus  das  vorliegende  Ais-  zusammen- 
gezogen ist.  Im  Mittelhochdeutschen  bestand  eislich  (schrecklich)  noch 
neben  egeslich,  doch  bereits  das  Ags.  hat  in  demselben  Sinne  eiseg  und 
(in  den  Epinaler  Glossen)  eislic  neben  dem  gewöhnlichen  egeslic. 

Die  zweiten  Theile  von  zusammengesetzten  Namen  pflegen  den 
meisten  Wandlungen  in  ihrem  Vocal  ausgesetzt  zu  sein;  offenbar  ist 
auch  hier  eine  solche  vor  sich  gegangen,  denn  das  -gid  entspricht 
einem  in  sehr  alten  Namen  gangbaren  -ged,  welches  z.  B.  vorkommt 
in  dem  Namen  der  Frau  Pipins  des  zweiten,  der  bei  Bouquet  Rerum 
Franc.  Script.  II,  654a  geschrieben  ist:  Alpa-  gedis.  Aus  dem  6.  Jahrh. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  UUNEN  etc.  301 

nennt  Procopius  IV,  33  einen  Meli  gedius.  Dieses  -ged  ist  aber  con- 
trahiert  aus  -gaid;  nach  Jordanes  c.  16  gab  es  unter  Ostrogotha  einen 
gothischen  Heeresführer  Ar-gaitus,  d.  h.  Hari-gaid.  Derselbe  Bestand- 
teil zeigt  sich  in  mehreren  langobardischen  Mannsnamen:  Ar-gaid 
bei  Paulus  Diac.  VI,  24,  Rat-chait  eb.  VI,  26,  und  Gaid-nl/lV,  3. 
Das  Wort  gaida  bedeutete  nach  den  langobard.  Glossen  einen  kurzen 
Speer,  es  ist  das  goth.  gardv,  ags.  gäd,  alts.  ged.  Was  aber  die  vor- 
liegende Behandlung  des  Vocals  betrifft,  so  gleicht  sie  dem  oben  er- 
wähnten pim  statt  paim,  pem,  und  der  Aussprache  Gesa  lieh  (bei  Pro- 
copius Güelich-os)  für  den  Namen  des  Sohnes  Alarichs,  der  die  West- 
gothen  507 — 511  beherrschte,  den  Cassiodor  Gesalec,  die  Series  re- 
gum  Gothorum  bei  Bouquet  aber   Gezalaicus  nennt. 

Die  nunmehr  klare  Bedeutung  des  alten  Namens  ist  also  Schrecken- 
speer, so  daß  er  seinem  zweiten  Theile  nach  den  nachher  häufigem 
Compositionen  mit  -ger,  -gär  (aus  gais)  entspricht,  in  denen  allmählich 
die  Nennung  des  Geers,  die  den  mit  einem  Geer  bewaffneten  Krieger 
meinte,  erlischt,  und  nicht  viel  verschieden  von  Mann  wird. 

Die  Wichtigkeit  dieses  Taschberger  Denkmals  besteht  darin, 
daß  als  seine  Zeit  die  um  das  dritte  Jahrhundert  feststeht,  wie 
Engelhardt  in  der  angeführten  Schrift  p.  73  aus  den  mitgefundenen 
römischen  Münzen,  die  bis   194  p.  Chr.  reichen,  klar  bewiesen  hat. 

4.  Die  bronzene  Zwinge  von  Taschberg. 

Eine  Inschrift  von  20  Runen  fand  sich  auf  den  beiden  Seiten 
einer  rundlichen  Zwinge  zu  einem  abgebrochenen  hölzernen  Geräthe, 
so  daß  auf  jede  Seite  10  Runen  gebracht  waren,  und  nur  noch  Reste 
des  hölzernen  Gegenstandes  in  der  Zwinge  erschienen.  Dargestellt  ist 
das  merkwürdige  Denkmal  in  Farbendruck  in  dem  genannten  Werk 
von  Thorsen  auf  der  dritten  Tafel  nach  S.  324  vgl.  S.  354.  Die  deutlich 
erhaltenen  Runen  sind,  indem  ich  die  beiden  Reihen  neben  einander  stelle: 
+  IH*<bRfcklY    *PM>A>nH*Y 

5  10  15  20 

Die  fünfte  Rune  ist  deutlich  NG,  nur  abgerundet,  während  sie  sonst 
eckig  ist.  Die  sechste  ist  offenbar  eine  Binde-Rune,  R  enthält  erstlich 
ein  n?  was  als  17.  und  auf  dem  Diadem  von  Strarup  die  Rune  für  U 
ist,  und  sodann  f*{  die  Nebenform  des  D;  die  15.  ist  eine  nicht  un- 
gewöhnliche Vereinfachung  der  Rune  für  U.  Daher  ist  umzuschreiben : 

NI   VANGUDA   RIMOVLTHU    fHUVAM. 
Keinerlei  Wortabtheilung  ist  durch  Punkte  angegeben,    um    so    mehr 
liegt  einzig  die  Forderung  vor,  nach  sprachlichen  Gründen  der  Wahl- 


302  FRANZ  DIETRICH 

scheinlichkcit  die  Worte  abzuth eilen.  Da  nun  das  letzte  Wort  nicht 
thuthuvam,  sondern  nur  tlmvam  sein  kann,  ein  Nomen  in  Form  des 
Pluraldativs ,  und  da  der  Anfang  deutlich  die  Negation  ni  ist,  diese 
aber  in  alter  Zeit  unmittelbar  vor  dem  Verbum  zu  stehen  pflegte,  so 
wird  das  zweite  Wort  vcmguda,  was  seiner  Endung  nach  möglich  ist, 
ein  Verbum  schwacher  Conjugation  sein.  Zwischen  den  drei  Conso- 
nanten  V  L  TH  ist  aber  nothwendig  ein  Vocal  zu  ergänzen ;  ich  ver- 
mnthe  daher,  daß  mit  der  unbedenklichen  Ergänzung  eines  I  nach 
dem  V  zu  lesen  ist: 

ni    vanguda    rimo   v  (i)  1  p  u    nuvam 

wahrscheinlich:  nicht  behagte  Ruhe  den  Burschen  der  Wilde  (Wildniss). 
Ein  sprichwörtlicher  Ausdruck  ist  in  der  Inschrift  möglich,  da  sie  Al- 
literation an  sich  trägt  (v:v),  und  da  Sprichwörter  in  alter  Zeit  mehr 
als  in  der  neuern  das  Präteritum,  die  Form  der  Erfahrung  zu  haben 
pflegen.  Da  vang  im  Alts,  wonniges  Feld  ist,  wie  mhd.  wunne,  wünne, 
liebliche  Wiese,  dann  Wonne,  und  da  hiervon  abgeleitet  mhd.  mir 
wurmet^  mich  erfreut  bedeutet,  so  ist  von  vang  ein  vangian  in  gleichem 
Sinne  anzunehmen.  Zu  goth.  rirnis,  Ruhe,  mag  sich  rimo  verhalten, 
wie  zu  goth.  sigis,  ags.  sigor,  das  alts.  sigi,  ags.  sige,  nur  daß  es  als 
Abstractum  die  Form  des  Feminin  erhielt.  Spuren  der  kürzern  Form 
zeigen  sich  in  altdeutschen  Personennamen. 

Das  Subject  vilpu,  welches  der  Alliteration  halber  dem  Object 
nachgesetzt  ist,  enthält  die  rein  ags.  Endung  der  von  Adjectiven  ab- 
geleiteten Abstracta,  welche  auf  den  Bracteaten  auch  in  den  Wörtern 
ftälu  (Glück)  und  (h)älu  (Heil)  mit  u  erscheint.  Es  ist,  nur  mit  der 
kleinen  Anomalie  des  p  statt  d,  abgeleitet  von  vild  (wild).  Die  Wilde 
kann  nach  altnordischer  Bedeutung  das  Umherirren  in  der  Wildniss 
sein,  oder,  nach  allgemeiner  Geltung,  die  Ungezähmtheit. 

Für  den  Dativplural  puvam  lässt  sich  nun  mehrfache  Analogie 
beibringen ,  nämlich  das  Holtingam  des  Goldhorns ,  das  launam  des 
Skrydstruper  Bracteaten,  das  heldam  des  Bracteaten  von  Tjörkö  (Nr.  102), 
und  ein  te  villam  des  Wäsbyer  (Nr.  153  des  Atlas).  Der  Stamm  puo 
kann  schwerlich  etwas  anderes  sein  als  piuv ,  goth.  thius  (wovon  der 
Nora.  pl.  thivös,  der  Dat.  pl.  thivam  lautet),  ags.  peov,  was  hier  nur 
den  Diener,  ursprünglich  aber  den  Jüngling  oder  Knaben  (als  Knappen) 
bezeichnete.  In  der  älteren  Bedeutung  für  den  jungen  Mann  muß  es 
liier  genommen  werden,  wie  das  synonyme  ags.  pegn,  was  derselben 
Wurzel  angehört.  —  Endlich  sind  auch  noch  einige  kleinere  Inschriften 
auf  hölzernen  Gegenständen  zu  erwähnen. 


INSCHRIFTEN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  303 

5.   Die  Pfeile  vom  Nydamer  Wiesen  moor. 

Auf  einer  sumpfigen  Wiese  bei  Nydam  im  Sundewitt  wurden 
hölzerne  Pfeile  und  Pfeilstücke  ausgegraben,  theils  mit  einzelnen,  theils 
mit  mehreren  Runen  beschrieben ,  die  in  dem  mehrgenannten  Werk 
von  Thorsen  nach  p.  358  abgebildet  sind.  Von  den  vier  dargestellten 
Pfeilen  trägt  einer  die  Rune  für  M,  ein  anderer  die  für  L,  ein  dritter 
aber  eine  Binde-Rune,  das  Zeichen  %  worin  von  rechts  nach  links  ge- 
lesen offenbar  f*  £,  d.  h.  (Ji)äl  (Heil)  enthalten  ist. 

Der  vierte  giebt  ^A1;  ich  nehme  an,  daß  es  für  ^A  verschrie- 
ben ist,  und  nichts  anders  als  das  so  oft  angewendete,  auch  auf  den 
Bracteaten  so  oft  vorkommende  Zauberwort  (h)dlu  (Heil!)  beabsichtigt. 
Vgl-  IV,  1.  

Fassen  wir  nun  die  Ergebnisse  zunächst  über  die  Denkmäler  aus 
Holstein  und  Schleswig  zusammen,  so  ist  unverkennbar,  die  Runen 
stellen  dieselbe  unskandinavische  Art  dar ,  wie  die  im  alten  Sachsen- 
lande gefundenen  Goldbracteaten.  Die  sächsischen  Bewohner  der 
Länder  nördlich  der  Elbe  bis  nach  Anglien  hin ,  bei  denen  einst  ein 
großer  Reichthum  an  Gold  vorhanden  war,  bedienten  sich  der  un- 
nordischen Runenart  zu  Inschriften  auf  Waffen,  Trinkhörnern,  Ringen 
und  andern  Schmucksachen  schon  wenigstens  seit  dem  3.  Jahr- 
hundert, und  über  das  6.  hinaus. 

Daß  aber  die  Bewohner  der  genannten  Gegenden  in  der  eben 
gedachten  Zeit  dem  sächsischen  Volksstamme  angehörten,  das  beweist 
die  Übereinstimmung  der  Sprache  auf  den  dort  gefundenen  Bracteaten, 
auf  dem  Golddiadem  und  auf  dem  Schilde  mit  der  Sprachgestalt  der 
Inschrift  des  goldenen  Horns,  welche  ohne  alle  Widerrede  unskandi- 
navisch ist,  und  vielmehr  eine  ältere  Stufe  des  Diaiects  darstellt,  den 
wir  bei  den  Angelsachsen  in  England  wiederfinden,  den  wir  daher  mit 
voller  wissenschaftlicher  Wahrscheinlichkeit  dem  alten  Anglien  zuzu- 
schreiben haben. 

Daß  dahin  auch  der  Name  des  ältesten  Denkmals  Aisgid  gehöre, 
beweist,  wenn  der  zweite  Theil  richtig  bestimmt  ist,  der  Umstand, 
daß  kein  nordischer  Name  mit  — geid  componiert  ist,  welches  Wort 
eben  auch  als  Appellativ  dem  Altnordischen  fehlt  und  abgesehen  da- 
von schon  die  Erscheinung,  daß  der  erste  Compositionstheil  eis —  wie 
auch  eqis —  den  skandinavischen  Namen  wie  diesen  Dialecten  selbst 
abgeht,  während  die  offene  Form  und  namentlich  auch  die  Contraction 
davon  beiden  sächsischen  Dialecten  besonders  geläufig  ist.  Der  Besitzer 
des  Schildes  war  also  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ein  Krieger  von 
sächsischem  Blute.  


304  FRANZ  DIETRICH 

In  Hinsicht  auf  die  Dannenberger  Runenbracteaten,  denen  die 
Untersuchung  hauptsächlich  gewidmet  war,  ergibt  sich  nun  mit  um 
so  größerer  Sicherheit,  erstlich  daß  sie  nicht  darum,  weil  ihre  Bilder 
und  Runen  denen  gleichen,  die  auf  Bracteaten  von  meist  skandinavischen 
Fundorten  vorkommen,  nordischen   Ursprungs  sein  müßen. 

Schon  1849  gab  Müllenhoff  bei  seiner  Erklärung  der  Inschrift 
des  goldenen  Horns  im  14.  Bericht  der  schlesw.  holst.  Gesellschaft 
mit  Recht  das  Urtheil  ab:  „Die  Ansicht,  daß  alle  und  jede  Denkmäler, 
die  für  den  epigraphischen  Gebrauch  der  Runen  sprechen,  bis  auf  einige 
wenige  in  England  erhaltene,  unbedenklich  für  nordisch  anzusehen  seien, 
ist  nunmehr  als  beseitigt  zu  betrachten,  und  zwar  durch  Entzifferung 
einer  Inschrift,  die  unserer  Vorzeit  zunächst  angehört." 

Der  inzwischen  aufgetretene  Versuch  einer  Lesung  derselben, 
wonach  die  Sprache  „reen  oldnordisk"  sein  sollte,  ist  in  dem  obigen 
nach  allen  Seiten  hin  vollständig  widerlegt. 

Dazu  ist  nun  durch  meine  Entzifferung  der  mit  gleichen  Runen 
geschriebenen  Inschriften  von  Strarup  und  von  Taschberg  der  Nach- 
weis zweier  weiterer  Denkmäler  gekommen,  welche  den  Gebrauch  dieser 
Runen  einem  deutschen  Namen  führenden  Volksstamme  und  zwar  seit 
dem  3.  Jahrh.  sichern. 

Ferner  sind  Bracteaten  aus  Schleswig,  der  Heimath  des  goldenen 
Mornes,  und  aus  Holstein  nachgewiesen,  die  zufolge  der  Sprache  ihrer 
Inschriften,  als  Heimath  eben  die  Gegenden  ihrer  Fundorte  in  Anspruch 
nehmen,  wie  z.  B.  die  Vergleichung  des  Ivita  taoada  mit  Hlevagast 
tavido  klar  macht,  und  die  Vergleichung  des  mehrfachen  hälu  mit 
ags.  haelu  unbedingt  fordert. 

Hieraus  springt  aber  in  die  Augen  zunächst  die  Möglichkeit, 
daß  die  Dannenberger  Bracteaten  dem  weniger  südlich  gelegenen  säch- 
sischen Lande,  wo  sie  gefunden  sind,  entsprungen  sein  können,  weil 
die  nah  verwandten  und  nahe  wohnenden  Anglier  ebenfalls  Bracteaten 
schlugen. 

Geboten  aber  wird  diese  Annahme,  d.  h.  die  Möglichkeit  der 
deutschen  Heimath  wird  zu  voller  Wahrscheinlichkeit  durch  die  oben 
S.  284  aus  der  Sprache  der  Dannenberger  Inschriften  umständlich  ge- 
lieferte Beweisführung  dafür,  daß  der  unnordische  und  vielmehr  deutsche 
Dialect  derselben  stark  hervortretende  Eigenthümlichkeiten  des  Angel- 
sächsischen an  sich  trägt,  davon  aber  auch  nach  nicht  unbedeutenden 
Merkmalen  noch  verschieden  ist,  wonach  er  in  den  Kreis  des  allgemein 
Altsächsischen  zu  verweisen  ist.  Die  Dannenberger  sind  daher  im 
Sachsenlande   zwischen  Bremen,    Hamburg  und  Bardowiek  zu  Hause. 


INSCHR'FTKN  MIT  DEUTSCHEN  RUNEN  etc.  355 

Endlich  kann  auch  das  Urtheil  über  die  gelegentlich  im  Obigen 
mitbesprochenen  Denkmäler,  die  mit  sächsischen  Runen  beschrieben 
und  auf  Inseln  oder  Küsten  Skandinaviens  gefunden  sind,  das  Urtheil, 
so  unbequem  es  auch  nordischen  Gelehrten  sein  wird,  nicht  mehr 
schwankend  sein.  Der  ags.  Sprache  nach  (vgl.  S.  24)  gehört  der  Bracteat 
Nr.  218  des  Atlas,  der  nach  Fänen  gekommen  ist,  in  die  Landschaft 
Anglien  als  seine  ursprüngliche  Heimath ,  von  ebendaher  mag  der 
Bracteat  Nr.  102  etwa  durch  einen  schwedischen  Wikinger  in  die 
Gegend  von  Carlskrona  mit  fortgenommen  worden  sein ,  denn  seine 
Sprache  ist  sächsich  (und  das  heldam,  Dat.  pl.  von  held  findet  sich 
für  Heil  nur  im  Angelsächsischen),  und  daß  auch  die  Spange  von 
llimlingöe  (vgl.  S.  295)  eine  Beute  aus  sächsischen  Landen  sei,  geht 
aus  der  sächsischen  Endung  des  darauf  stehenden  Namens  deutlich  hervor. 

Die  noch  bitterere  Folgerung  aus  all  den  sprachlichen  Unter- 
suchungen der  bisher  zur  Sprache  gekommenen  Denkmäler,  daß  näm- 
lich dadurch  auch  die  bisher  festgeglaubte  nordische  Heimath,  der 
mit  den  besprochenen  verwandten  Bracteaten  nordischer  Fundorte,  in 
Frage  gestellt  wird,  kann  hier  nur  angedeutet  werden,  die  nicht  fern 
liegende  Entscheidung  darüber  bleibt  einer  vollständigen  sprachlichen 
Erforschung  aller  Runeninschriften  der  übrigen  zahlreichen  Goldbrac- 
teaten  vorbehalten. 

KLEINE  MITTHEILUNGEN 

VON 

C.  W.  M.  GREIN. 


1.  Das  Reimlied  des  Exeterbuchs. 

Daß  dieses  ags.  Reimlied,  das  ganz  in  derselben  künstlichen  Weise 
wie  das  altn.  Gedicht  Höfudlausn  Egils  Skallagrimssonar  (Dietr.  Leseb. 
S.  55)  durchgehends  den  Endreim  neben  der  Alliteration  durchführt, 
den  Dichter  Cynevulf  zum  Verfasser  hat,  setzt  die  überaus  nahe 
Verwandtschaft  des  Inhalts  mit  dem  des  Epilogs  zu  Cynevulfs  Elene 
außer  Zweifel.  Meine  durchgreifenden  zum  Theil  kühnen  Änderungen 
des  sehr  corrumpierten  Textes  habe  ich  an  den  betreffenden  Stellen 
meines  Sprachschatzes  bereits  im  Allgemeinen  begründet.  Zur  Vervoll- 
ständigung dieser  Begründung  gebe  ich  hier  nun  statt  eines  ausführ- 
lichen Commentars  einfach  eine  möglichst  wörtliche  lateinische  Über- 
Setzung  meiner  Textrecension  (Bibl.  d.  ags.  Poesie  II,  139—141),  die 
natürlich   weit  entfernt  ist,  auf  Classicität  Anspruch  machen  zu  wollen. 

L.U'.iJANLA   X.  20 


306  c-  w-  *•■  < ; ui :ix 

Mihi  vitam  concessit,  qui  haue  hicem  revelavit  et  splendidam 
disciplinam  eximie  revelavit.  Hilaris  fui  facetiis,  ornatns  novis  laeti- 
tiarum  deliciis,  florum  decoribus.  [5.]  Viri  me  visitarunt,  (convivia 
non  defecerunt),  thesauri  largitione  gavisi  sunt;  ornati  currebant 
equi*)  in  campis  admissariorum  gressibus  suaviter  cum  longis  mem- 
brorum  festinationibus,  quum  fuit  plantis  expergefacta  terra  fructetosa 
[10.1  sub  coelis  expansa,  turma  equestri  supertecta.  Hospites  ierunt, 
joculationem  inimiscuerunt,  voluptatem  prolongarunt,  Isetitiis  ornarunt. 
Navis  (?)  labebatur  per  divortium  in  latum:  erat  in  maris  fluento  iter, 
ubi  mihi  coniitatus  non  defecit.  [15.]  Habui  altam  conditionem ;  non 
erat  mihi  in  aula  inopia,  quin  strenuus  verbis  eo  equitaret:  saepe  ibi 
vir  evspectavit,  ut  in  aula  videret  thesauri  distributionem  viris  accep- 
tam.  Tumidus  fui  potentiä:  prudentes  me  laudabant,  pugnä  tuebantur, 
[20. J  pulchre  comitabantur,  ab  hostibus  defendebant.  Ita  me  Jaetitiae 
concessio  sustinuit,  familia  circumdedit;  fundi  divitias  possedi,  pedise- 
quorum  potestatem  habui :  sicut  segetis  plantam  **)  habui  sedem  do- 
minicam ,  carminum  verbis  cantavi;  laetitia  pacis  non  decrescebat, 
[25.1  sed  fuit  ludicerrima  joculatio,  sonans  chorda:  durans  pax  rivum 
lamentationis  amputavit.  Famuli  erant  fortes,  sonans  erat  harpa,  so- 
nore clangebat;  sonitus  strepebat,  tibiae  modulatio  clangebat  valde, 
non  minuebatur:  [30.]  arcis  aula  contremuit,  lucida  eminuit.  Robur 
invaluit,  divitiae  expergefiebant,  laetis  redundabant,  commodis  polle- 
bant;  animus  invaluit,  mens  gavisa  est,  fides  pullulavit,  gloria  abun- 
davit,  [35.]  successus  laetificavit,  [venustas  splenduit]  :  aurum  paravi, 
gemma  circumvolitavit  (i.  e.  distributa  est);  thesaurum  machinatus 
sum,  concordia  arctabatur.  Strenuus  fui  in  ornamentis,  überaus  in 
.armaturis;  fuit  jubilatus  meus  dominicus ,  conversatio  jucunda.  [40.] 
Terram  protexi,  populis  cantavi.  Vita  mea  erat  diu  in  hominum 
societate  gloriae  dedita,  narrationum  stndiosa. 

Nunc  pectus  meura  est  turbidum,  luctuosis  sortibus  pavidum, 
molestiae  laboribus  propinquum :  conditio  nocte  effugit,  [45-]  quae 
antea  die  erat  grata.  Ingreditur  nunc  profundus  igne  thesaurus  in- 
cendii  florescens  pectori  innatus,  volatu  affluxus.  Nequitia  (?)  effloruit 
valde  in  mente;  animi  naturam  aggreditur  fundo  carens  moeror  ci- 
sternae  instar,  [50.]  in  malum  promptus  urit,  amare  accurrit.  Fessus 
laborat,  longam  peregrinationem  ingreditur,  gravem  cruciatum  con- 
tinuum,  anxietatibus  hiscit:  prosperitas  ejus  evanescit,  gaudio  priva- 
tur,  artificiis  privatur,  laetitiis  non  studet.  [55.]  Jubila  sie  hie  cadunt, 


*)  ornatos  a^itabant  equos? 
öl  \i\  quod   erevit,  planta? 


KLEINE  MITTHEUiUNGEN  307 

dominationes  ruunt;  vitam  hie  viri  perdunt,  crimina  saJpe  eligunt. 
Fiduin  tempus  est  nimis  segne,  infirmum  ineumbens ;  altae  sedi  male 
profecit  et  omne  Studium  (?)  depressum  est.  Sic  nunc  mundus  con- 
vertitur,  fatum  affert  [60.]  et  odium  apprehendit ,  viros  dehonestat. 
Virorum  genus  perit,  mortis  hasta  lacerat,  fraudulenta  iniquitas  certat, 
sagittam  nequitia  candefacit,  mutuationis  cura  mordet,  audaciam  se- 
nectus  exscindit  (?),  exihum  rixa  importat  (?)  ,  inimicus  jusjurandum 
inquinat,  [65.]  peccati  laqueus  expanditur,  insidiae  labuntur  (?).  Luc- 
tuosus  moeror  fodit ,  sculptilia  mueor  tenet,  armatura  Candida  pol- 
luitur,  aestatis  calor  frigescit.  Terrae  divitiae  ruunt,  inimicitia  asstuat, 
terrae  vis  inveterascit,  vigor  frigescit.  [70.]  Mihi  haec  fatum  texuit 
et  meritum  dedit,  ut  foderem  sepulcrum,  et  diram  constitutionem 
evitare  carne  nequeo,  quum  [mors]  sagittis  praeeeps  diem  violenta 
arreptione  surripit,  quum  nox  venit,  quae  mihi  patriam  invidet  et 
me  hie  habitatione  privat.  [75.]  Tunc  corpus  jacet,  membra  vermis 
comedit  et  voluptatem  gerit  et  eibum  sumit,  donec  sint  ossa  de- 
strueta  usque  ad  unum  et  ultimo  [supersit]  nullum  nisi  necessitatis 
sors  peccatis  hie  dueta.  Fama  non  est  segnis.  [80.]  Antea  hoc  beatus 
cogitat,  eo  saepius  se  castigat,  se  abstinet  amaris  peccatis,  exspeetat 
melius  gaudium,  recordatur  gratiae  praemiorum,  ubi  sunt  misericor- 
diae  gaudia  jueunda  in  coelorum  regno.  Agiteduin!  nunc  sanetis  si- 
miles  peccatis  liberati  eo  intendamus  redemti,  [85.]  a  maculis  defensi, 
gloriä  honorati,  ubi  genus  humanuni  debet  laetum  coram  Creatore 
verum  deum  aspicere  et  semper  in  pace  gaudere! 

2.  Zu  den  Räthseln  des  Exeterbuchs. 

Eins  der  glänzendsten  Verdienste  Dietrichs  ist  seine  scharfsinnige 
Behandlung  der  zahlreichen  Käthsel  des  Exeterbuchs  in  H.  Z.  XI, 
448 — 90  und  XII,  232 — 52,  wo  unter  andern  auch  eine  zusammen- 
hängende Lösung  der  sämmtlichen  89  Käthsel  gegeben  ist.  Bei  weitem 
die  überwiegende  Mehrzahl  seiner  Deutungen  steht  in  der  Hauptsache 
zweifellos  fest,  wenn  auch  hier  und  da  einzelne  Züge,  die  der  Dichter 
von  seinem  Gegenstande  aussagt,  in  ihrer  Beziehung  auf  diesen-  noch 
mehr  oder  weniger  dunkel  bleiben.  Bei  einigen  Räthseln  jedoch  scheint 
mir  Dietrichs  Lösung  weniger  zutreffend  und  ich  will  hier  den  Versuch 
machen,  meine  abweichende  Ansicht  über  diese  Käthsel  vorzutragen, 
natürlich  weit  entfeint,  Dietrichs  großes  Verdienst  um  die  Käthsel  im 
Geringsten  schmälern  zu  wollen:  hat  er  doch  selbst  in  dem  zweiten 
seiner  eben  genannten  Aufsätze  bereits  einzelnes  zurückgenommen, 
was  er  in  dem  ersten  aufgestellt  hatte. 

20* 


308  C.  W.  M.  GREIN 

Nr.  14  deutet  Dietrich  auf  die  22  Buchstaben  des  Alphabets 
und  bezieht  die  an  der  Wand  hängenden  Felle  auf  die  in  den  Bücher- 
gestellen an  der  Wand  befindlichen  Membranen  (bocfell);  die  Zahl  22 
bringt  er  durch  Summierung  der  Zehn  (v.  ])  mit  6  Brüdern  und 
Schwestern  (v.  2)  heraus.  Die  Zulässigkeit  dieser  Summierung  muß 
ich  in  Abrede  stellen;  es  ist  gar  nicht  einmal  ausdrücklich  von  sechs 
Schwestern,  sondern  nur  im  Allgemeinen  von  Schwestern  die  Rede, 
deren  Zahl  sich  daher  aus  den  directen  Zahlenangaben  des  Räthsels 
auf  eine  einfache  Weise  unmittelbar  ergeben  muß:  was  aber  in  v.  1—2 
über  die  Zahlen  gesagt  ist,  kann,  wie  es  dasteht,  nicht  füglich  anders 
verstanden  werden,  als  daß  es  im  Ganzen  zehne,  nämlich  6  Brüder 
nebst  deren  (4)  Schwestern  waren.  Vor  allem  passt  auf  Dietrichs  Deu- 
tung in  keiner  W7eise  der  Inhalt  von  v.  6b— 9%  daß  die  in  Rede  ste- 
henden Wesen  sollten  graue  Gewächse  zerfleischen  (sceoldon  müde 
slitan  hasve  blede).  Wohl  aber  passt  alles  auf  die  einer  Häutung  unter- 
zogen gewesene  Raupe  und  zwar,  wie  ich  bereits  in  meiner  Bibl.  II, 
410  angab,  speciell  auf  eine  Raupe  aus  der  Familie  der  Spanner 
(Phalaenodea  oder  Geometrae)  mit  ihren  10  Füßen,  von  denen  die 
vorderen  6  mit  Krallen  versehenen  Hauptfüße  als  Brüder,  die  hinteren  4 
an  der  Spitze  verbreiterten  Stummelfüße  als  Schwestern  bezeichnet  sind. 

Nr.  53  deutet  Dietrich  als  2  durch  ein  Seil  verbundene 
Eimer,  welche  eine  Magd  trägt.  Die  erste  Hälfte  dieser  Deutung 
ist  sicher  richtig;  auf  die  zweite  Hälfte  aber  passt  v.  5—8  nicht,  daß 
die  Magd  nur  zu  dem  einen  von  beiden  in  enger  Verbindung  stand 
(väs  pdra  odrum  getevge)  und  doch  beider  Fahrt  lenkte.  Es  sind  viel- 
mehr die  durch  ein  Seil  verbundenen  Brunneneimer,  von  denen 
der  eine  in  die  Höhe  geht,  während  der  andere  in  den  Brunnen  (räced) 
hinabfahrt  (vgl.  den  Brunnen  im  Reineke  Fuchs,  wo  Reineke  den  Wolf 
überlistet).  Dem  aufsteigenden  Eimer,  den  sie  heraufzieht,  ist  die  Magd 
yrtenge  und  durch  dies  Heraufziehen  setzt  sie  zugleich  den  andern 
Eimer  mit  in  Bewegung. 

Nr.  59  ist  Dietrichs  Deutung  auf  den  Ziehbrunnen  mit 
einem  Schwengel  zweifellos  richtig;  hinsichtlich  des  Namens  aber 
kann  ich  ihm  nicht  beistimmen.  Er  nimmt  die  3  ryhte  rünsta/as  des 
Namens  als  Consonanten  (im  Gegensatz  zu  dem  von  Aldhelm  für  die 
Vocale  gebrauchten  Namen  literae  nothae),  was  zu  burna  (Born)  stimme, 
zu  dem  noch  das  Wort  räd  kommt,  also  rädburna.  Ich  fasse  dagegen 
die  ryhte  rünstafas  als  'wirkliche  Runen'  im  Gegensatz  zu  Bad,  das 
zwar  auch  der  Name  einer  Rune  ist,  hier  aber  nicht  als  wirkliche  Rune, 
sondern  als  Wort  gelten  soll.  Der  aus  3  Buchstaben  bestehende  Name 
des  Brunnens  aber  ist  pyt,  das  ohnedies  gerade  die  Grube  des  Brun- 


KLEINE  MITTHEILUNGEN.  ;;0<) 

nens  ist,  während  burna,  bume  mehr  die  Quelle  bezeichnet.  Statt  des 
aller  Deutung  widerstrebenden  furum  v.  15  setze  ich  das  den  ags. 
Schriftzügen  nach  überaus  nahe  liegende  fultnm  (Hilfe) :  dem  pyt  als 
dem  allgemeinen  Namen  für  Brunnen  kommt  noch  das  Wort  räd  zu 
Hilfe,  um  die  hier  gemeinte  specielle  Art  von  Brunnen  als  räd-pyt 
(Reitbrunnen,  mit  Rücksicht  auf  den  reitenden  Schwengel)  zum  Unter- 
schied von  der  andern  in  Nr.  53  angedeuteten  Brunnenart  näher  zu 
bezeichnen. 

Nr.  65:  Die  Runen  dieses  Räthsels  V.  I.  B.  E.  H.  Ä.  b.  E.  F. 
A.  EA.  S.  P  combiniert  Dietrich,  indem  er  b  für  D  nimmt,  zu  ped 
bedh-svifeda.  Ich  glaube  nicht,  so  ansprechend  diese  Deutung  auch 
erscheint,  daß  wir  sämmtliche  Runen  zur  Bildung  eines  einzigen  Na- 
mens verwenden  dürfen,  da  die  Erzählung  des  Räthsels  deutlich  in 
drei  scharf  gesonderte  Gruppen  zerfällt,  welche  die  Namen  von  3  un- 
bekannten Größen  ergeben.  Scheiden  wir  die  Runen  B.  E.  H.  A 
(=  bedli)  als  Namen  des  Getragenen  und  EA  als  Namen  des  Wassers 
(ed),  über  welches  der  Hauptgegenstand  fliegt,  ab,  so  bleiben  für  den 
letzteren  (deutlich  genug  als  zusammengehörig  bezeichnet  durch  die 
Zusätze  pryda  dcel  und  sylfes  päs  folces,  zur  Gesellschaft  selbst  gehörig) 
die  Runen  V.  I.  p.  E.  F.  A.  P.  S.  Bildet  man  alle  möglichen  Permu- 
tationen dieser  8  Runen,  so  bietet  sich  darunter  nur  die  Gruppierung 
A.  S.  P.  I.  n.  E.  V.  F  als  einer  Deutung  fähig.  Nimmt  man  nämlich 
V  für  U,  so  hat  man  aspide-üf  oder,  b  für  D  genommen,  aspide-üf. 
Die  erste  Worthälfte  aspide  m.  aspis,  coluber  habe  ich  in  meinem 
Sprachschatz  nachgewiesen,  und  für  die  zweite  Hälfte  bietet  sich  hie 
vultur  pes  üf  Alf.  gr.  922  und  die  Glosse  'bubo  üf  Wr.  gl.  29,  so- 
wie ahd.  üvo  bubo  dar.  Somit  wäre  aspide-üf  der  Name  eines  schlangen- 
fressenden Raubvogels;  der  bedh  aber  ist  nichts  anderes  als  eine  sich 
krümmende  Natter,  die  er  beutefroh  (c/efeah)  über  ein  Wasser  flie- 
gend im  Schnabel  trägt. 

Am  Schluß  seiner  ersten  Abhandlung  über  die  Räthsel  des  Exeter- 
buchs  (H.  Z  XI,  489—90)  behandelt  Dietrich  anhangsweise  noch  das 
in  meiner  Bibl.  II,  410  abgedruckte  Prosarät hsel,  welches  die  Eva 
zum  Gegenstande  hat.  Im  Einzelnen  weiche  ich  theilweise  von  Diet- 
richs Deutung  ab.  Meine  Auffassung  ist  folgende:  „Grüße  du  meinen 
Bruder  (Adam),  meiner  Muttor  (der  Erde)  Bauer  (ceorP) ,  den  mein 
Eigen-Weib  (agen-vlf,  die  der  Eva  unterthane  Erde)  gebar,  und  ich 
war  meines  Bruders  (Adams)  Tochter  und  bin  meines  Vaters  (Gottes) 
Mutter  geworden  (als  Ahnfrau  Christi)  und  meine  Kinder  sind  ge- 
worden meines  Vaters  (Adams)  Mutter  (Erde,  d.  h.  sie  sind  im  Tode 
wieder  zur  Erde  geworden)."' 


310  C.  W.  M.  GREIN,  KLEINE  MITTHEILUNGEN. 

3.  Das  Wessobrunner  Gebet. 
Mehr  denn  ein  Versuch  ist  gemacht  worden,  dies  kleine  Gedicht 
kritisch  herzustellen  und  namentlich  seinen  zweiten  Theil  in  eine  regel- 
rechte metrische  Form  zu  bringen.  Keiner  dieser  Versuche  ist  zu  einem 
völlig    befriedigenden    Resultate    gelangt.    Ich    gebe    hier    einen  neueu 
Versuch,  indem  ich  das  Gedicht  in  folgender  Weise  herstelle: 
Dat  gafregin  ih  mit  firahim  firiwizzö  meista, 
dat  ero  ni  was  noh  ufhimil, 
noh  paum  noh  pereg  [noh  pulga]  ni  was 
ni  [sand]   nohheinig,  noh  sunna  ni  seein 
5.     noh  mäno  ni  liuhta  noh  der  märeo   seo. 
Do  dar  iuwiht  ni  was  enteo  ne  wenteo, 
enti  dö  was  der  eino  almahtieo  cot, 
manno  miltisto,  enti  dar  warum  auh  manake  mit  inan 
cootlihhe  keista,  enti  cot  heilac! 
10.     cot  almahtieo!  du  himil  enti  erda  gaworahtös 
enti  du  so  manac  coot  man  mim  forgäpi. 
Forgip  mir  in  dino  gaiätiu  rehta  galaupa 
enti  willeon  cötan,  wistöm  enti  spähida 
enti  [tiurlihha]   craft  tiuflun  za  widarstantanne 
15.     enti  [ellan  cötan]  arc  za  piwisanne 
enti  dinan  willeon  za  gawurehanne! 
v.  3 — 4:    pulga,    bulga,    altn.  bylgia,    mhd.  nhd.  brdge,    Welle,  Woge 
(s.  Müller  mhd.  Wb.  I,  125  und  Grimm  DW:);  durch  meine  Ergänzungen 
schließt  sich  unser  Gedicht    enger  an  die  Stelle  der  Völuspa  an,    wo 
es  heisst:  vara  sandr  ne  scer  ne  svalar  uunir,  iörd  fannsk  ceva  ne  upphiminv  ; 
statt  scei?t    hat  das  MS.  stein.    —    v.  6:    niuuiht   MS.    ist  nicht  niwilu, 
sondern  in  iuuuiht  =  iuwiht  aufzulösen,    wodurch  die  Alliteration  voll- 
ständig geregelt  ist.   —    v.  9:  geista  MS;    in  9b  mitten  im  Satz  plötz- 
liches Überspringen   in    eine    directe    Anrufung  Gottes,    wodurch   das 
mit  v.   12   beginnende  eigentliche  Gebet  eingeleitet  ist.    —    v.    11:     du 
mannum  so  manac  coot  MS.    —    v.    12:  in  dino  ganada  MS.;  gardfi  h. 
consilium,   secretum,  mysterium ;  daß  der  Schreiber  unserer  Handschrift 
garätiu  zu  ganada  machte,    erklärt  sich  leicht  aus  der  Annahme,    daß 
in  seiner  Vorlage,    die  er  nachlässig   genug    scheint   abgeschrieben  zu 
haben,  das  r  in  der  dem  n  näher  kommenden  Form  des  ags.  r  stand, 
während  er  ti  leicht  für  ein  d  und  das  u    für  ein  nach  oben  offenes  a 
verlesen  konnte;    beiläufig   sei    bemerkt,    daß  in  der  letzten  Silbe  von 
ganada  unsere  Handschrift  gerade  ein  solches  nach  oben  offenes  a  hat 
(s.  das  Facsimile  in  Gräters  Bragur  V,  1 18).  —  v.  13:  e.otan  uuilleon  MS. 


:;n 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  J UNGEHALTEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

MAX  RIEGER. 


Die  von  Simrock  in  seinem  Wartburgkriege  S.  309  erwähnte 
Papierhandschrift  des  Lebens  der  h.  Elisabeth,  die  mir  durch  seine 
freundliche  Vermittelung  zur  Benutzung  anvertraut  war,  enthalt  hinter 
jenem  Leben  eine  bisher  unbekannte  zweite  Bearbeitung  des  von  Ludwig 
Bechstein  (Wartburg-Bibliothek  Heft  1,  1855)  herausgegebenen  Spieles 
von  den  zehen  Jungfrauen.  Die  Handschrift  ist  auf  ihrer  letzten  Seite 
vom  Sonntag  Cantate  1428  datiert  und  wäre  sonach  ohngefähr  hundert 
Jahre  jünger  als  die  Mühlhäuser,  wenn  anders  deren  Alter  von  Bech- 
stein nicht  zu  hoch  geschätzt  ist.  Aber  die  Vergleichung  beider  ergiebt 
neben  einer  Masse  gleichgültiger  Verschiedenheiten  der  Bearbeitung 
zahlreiche  Fälle,  worin  die  jüngere  Handschrift  nicht  nur  den  bessern, 
sondern  den  allein  richtigen  Text  überliefert:  so  in  den  ersten  zwei 
Reden  gleich  fünfe  (Z.  3.  11  f.  22.  32.  33  f.);  und  wenn  der  Text  in 
der  Jüngern  Gestalt  durch  Interpolationen  angewachsen  ist,  so  denke 
ich  in  dem  der  altern  Handschrift  sogar  zwei  Interpolationsschichten 
nachzuweisen.  Reicht  daher  ihre  Aufzeichnung,  wie  Bechstein  meinte, 
bis  in  die  Zeit  der  historisch  bezeugten  Aufführung  des  Spieles  (1322) 
hinauf,  so  dürfen  wir  diese  Aufführung  jedenfalls  nicht  für  die  erste 
halten,  müßen  vielmehr  die  Abfassung  und  erste  Aufführung  des  Spieles 
um  einen  nicht  näher  zu  bestimmenden  Zeitraum  über  1322  empor 
rücken.  Ein  Umstand  freilich  erregt  Zweifel,  ob  der  Mühlhäuser  Text 
die  treue  Gestalt  des  1322  vor  Landgraf  Friedrich  aufgeführten  Spieles 
gewähre.  Die  betreffende  Stelle  des  chron.  S.  Petri  sagt:  ubi  dum 
quinque  virgines  fatue  precibus  b.  virginis  Marie  et  ornnium  sanctorum 
non  possent  gratiam  invenire ;  während  eine  Fürbitte  der  Heiligen 
neben  der  der  Jungfrau  Maria  in  keinem  der  beiden  überlieferten  Texte 
vorkommt.  Indes  kann  der  Chronist  aus  ungenauer  Kunde  so  ge- 
schrieben haben. 

Wie  dem  sei,  die  beiden  abweichend  ausgebildeten  Texte,  des 
Spieles,  die  uns  vorliegen,  geben  für  sein  Fortleben,  für  seine  Beliebt- 
heit auf  dem  geistlichen  Volkstheater  ein  Zeugniss,  das  uns  fast  so 
viel  werth  ist,  als  die  Kenntniss  seiner  ursprünglichen  Gestalt  sein  würde. 
Es  kommt  dazu,  daß  die  Handschrift  von  1428  in  oberhessischer  Mund- 
art  geschrieben    ist,    also   auch    die    örtliche    Verbreitung    des    Spieles 


312  MAX   RIEGER 

bezeugt.  Freilich  die  Bearbeitung,  die  sie  enthält,  stammt  so  gut  wie 
der  Mühlhäuser  Text  aus  Thüringen.  Nicht  nur  sind  die  thüringischen 
Keime,  die  den  Infinitiv  mit  abgeworfenem  n  voraussetzen,  mit  wenigen 
wohl  zufälligen  Ausnahmen  (wie  Z.  506  und  521)  vom  Bearbeiter  nicht 
weggeschafft,  nicht  nur  zahlreiche  reimende  Infinitive  auf  e  vom  ober- 
hessischen Schreiber  sogar  treu  wiedergegeben :  sondern  die  ganze 
Masse  von  etwa  160  Reimzeilen,  die  sich  nur  hier  und  nicht  im  Mühl- 
häuser Texte  vorfindet,  zeigt  in  den  Reimen  neben  derselben  volks- 
mäßigen Ungenauigkeit  auch  dasselbe  mundartliche  Gepräge  wie  der 
den  beiden  Handschriften  gemeinsame  Rest.  Die  Beispiele  ergeben  sich 
so  zahlreich  auf  den  ersten  Blick  ,  daß  ich  ihre  Aushebung  füglich 
ersparen  kann. 

Nicht  bedeutungslos  ist  auch  die  Weglassung  sämmtlicher  latei- 
nischer Gesänge,  neben  welchen  in  der  Mühlhäuser  Handschrift  der 
deutsche  Text  in  alter  Weise  als  Auslegung  hergeht,  verbunden  mit 
der  deutschen  Abfassung  aller  scenischen  Anweisungen.  Will  man  nicht 
das  Unwahrscheinliche  annehmen,  daß  die  oberhessische  Handschrift 
aus  bloßer  literarischer  Liebhaberei  am  deutschen  Texte  statt  zu  dem 
Zweck,  als  Grundlage  der  Aufführung  zu  dienen,  sei  hergestellt  worden, 
so  zeigt  sich  in  jenem  Umstände,  wie  das  deutsche  Schauspiel  sich 
hier  bereits  auf  eigene  Füße  gestellt  und  die  Anlehnung  an  den  latei- 
nischen Text,  ans  dem  es  hervorgewachsen,  aufgegeben  hat. 

Das  Spiel  von  den  zehn  Jungfrauen  nimmt  durch  Einheit  der 
Handlung  und  gute  dramatische  Entwickelung,  durch  einen  in  aller 
volksmäßigen  Kunstlosigkeit  edeln  Ton,  durch  echtes  Gefühl  und  die 
Macht  ergreifenden  Ausdruckes  eine  so  hohe  Stelle  unter  den  Denk- 
mälern unserer  alten  dramatischen  Litteratur  ein,  daß  ihm  durch  den 
Abdruck  einer  zweiten  Bearbeitung  gewiss  nicht  zu  viel  Ehre  geschieht 
und  daß  ich  auch  nicht  zu  viel  zu  thun  fürchte,  wenn  ich  dem  Texte 
von  1428,  den  ich  mit  B  bezeichne,  die  Abweichungen  des  schon  be- 
kannten A  beigebe.  Jeder  wird  so  über  das  Verhältniss  beider  zu 
einander  desto  leichter  urtheilen;  ich  selbst  kann  Vieles  sparen,  was 
sonst  hervor  zu  heben  wäre,  und  über  Anderes  mich  kürzer  fassen. 

Bei  den  Verschiedenheiten  im  Textbestande  scheint  mir,  wenn 
ich  von  den  geringfügigen,  mehr  vom  Zufall  der  Überlieferung  be- 
dingten absehe,  das  größere  poetische  Verdienst  überwiegend  auf 
Seiten  von  B  zu  stehen.  Ich  mache  darauf  aufmerksam,  wie  der  Zusatz 
Z.  83 — 90  eine  gute  Ausführung  des  sonst  etwas  mager  dastehenden 
Rathes  in  Z.  82  giebt;  wie  die  Zeilen  95 — 104  frische  Züge  aus  dem 
Leben  hinzufügen.     Die   weitere  Ausführung  der  Verlegenheit  ums  Ol 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  373 

in  zwei  Reden  171 — 206  statt  der  einen  von  A  ist  an  sich  zweckmäßig 
und  zum  Theil  gut,  doch  leidet  die  zweite  Rede  an  Wiederholungen. 
Vortrefflich  ist  aber  die  in  215—250  eintretende  Rückkehr  zu  der 
leichtsinnigen  Stimmung,  aus  welcher  die  thörichten  Jungfrauen  schon 
bis  zur  Verzweiflung  aufgerüttelt  schienen;  vortrefflich  daß  sie  wieder 
völlig  beruhigt  sitzen  und  spielen,  da  der  Bräutigam  kommt  und  die 
klugen  Fünfe  zur  Hochzeit  holt.  Demselben  Streben  nach  psychologi- 
scher Ausführung  und  dramatischer  Steigerung  entspringt  nach  dieser 
Scene  der  Zusatz  291 — 352.  Wieder  regt  sich  in  einer  der  Thörichten 
die  vorhin  aus  dem  Sinn  geschlagene  Sorge  ums  Ol  und  wird  von  der 
andern  abermals  beschwichtigt;  nun  aber  bemerkt  mit  Entsetzen  die 
dritte  —  sie  war  auch  die  erfolglose  Warnerin  in  131  ff.  —  daß  die 
Klugen  bereits  zu  der  Hochzeit  eingegangen  sind.  Die  vierte,  die  noch 
immer  gutes  Muthes  gewesen ,  beruhigt  auch  jetzt  noch  und  räth, 
Gottes  Barmherzigkeit  mit  Bitten  zu  rühren;  die  fünfte,  nicht  ohne 
strafenden  Spott  über  den  späten  Rath ,  stimmt  ihm  lebhaft  bei,  und 
nun  folgt  erst  die  Anrufung  Gottes,  die  sich  in  A  gleich  an  den  Ein- 
gang der  klugen  Jungfrauen  zur  Hochzeit  anschließt. 

Das  poetische  Verdienst  dieser  Zusätze  von  B,  die  Zuträglichkeit 
zur  dramatischen  Wirkung,  die  man  ihnen  nachrühmen  muß,  darf  na- 
türlich nicht  verführen,  in  ihnen  ursprüngliche,  in  A  nur  ausgefallene 
Bestandteile  des  Spieles  zu  sehen.  Es  ist  vielmehr  durchaus  wahr- 
scheinlich, daß  nach  Anleitung  des  zu  Grunde  liegenden  heiligen  Textes 
(dum  autem  irent  emere  venit  sponsus  Matth.  25,  10)  während  des 
vergeblichen  Versuches  der  thörichten  Jungfrauen  irgendwo  Öl  zu 
kaufen ,  die  Erscheinung  des  Bräutigams  erfolgte  und  die  Anrufung 
der  göttlichen  Barmherzigkeit  durch  jene  sich  an  die  Einführung  der 
klugen  zur  Hochzeit  unmittelbar  anschloß.  Hat  man  nur  den  Stoff  im 
Auge,  so  fehlt  bei  diesem  Zusammenhange  nichts,  und  eine  reichere 
dramatische  Ausbildung  aus  ursprünglicher  mehr  liturgischer  Einfalt 
ist,  was  wir  erwarten  dürfen.  Aber  das  Spiel  kam  nicht  nur  diesem 
einen  glücklichen  Interpolator  unter  die  Hände.  Ein  anderer  hat  uns 
seine  Spuren  in  A  hinterlassen,  und  diese  werden  um  so  leichter  als 
das  was  sie  sind  erkannt,  nachdem  ihnen  nunmehr  die  Handschrift  B 
ihr  Zeugniss  versagt. 

Die  8  Zeilen,  welche  A  hinter  380  einschiebt,  sind  zwischen  der 
vorhergehenden  und  nachfolgenden  Rede  nicht  nur  müssig  und  über- 
lästig, sondern  stören  die  dem  dramatischen  Fortschritt  dienliche  Ver- 
theilung  der  Rollen ,  wonach  die  dritte  Jungfrau  zur  Anrufung  der 
Maria  räth   und  die  vierte  den  Rath  ausführt.  Ich  denke,  der  Bearbeiter 


314  MAX   KIKCF.K 

fühlte  sich  zu  diesem  Einschub  verpflichtet,  weil  er  eine  andere  An- 
rufung Gottes  und  der  Jungfrau  413 — 428  getilgt  hatte,  um  seine 
Teufelseene  anzubringen.  Diese,  fremdartig  und  die  Einheit  der  Hand- 
lung störend  wie  sie  ist,  führt  nicht  einmal  das  Motiv,  von  dem  sie 
ausgeht,  den  Rechtsanspruch  des  Teufels  auf  Verdammung  der  Sünder, 
zu  einiger  Befriedigung  aus.  Ja  sie  ist  in  sich  selbst  von  so  übler 
Beschaffenheit,  daß  dieselbe  nur  durch  die  Annahme  zweier  Interpo- 
lationsschichten erklärt  wird.  Z.  9 — 27  der  Scene  verdanken  offenbar 
ihre  Entstehung  dem  Wunsche,  das  dankbare  Tberna  der  Teufelei 
etwas  reicher  auszubeuten,  als  es  der  erste  Interpolator  gethan ;  leider 
kam  die  Rede  des  Secundus  diabolus  sowohl  an  sich  wie  im  Ver- 
hältniss  zum  folgenden  sehr  ungeschickt  heraus,  und  um  sein  Mach- 
werk anzuknüpfen,  setzte  der  Pfuscher  ganz  einfach  den  Rechtsspruch 
des  Herrn,  den  er  vorfand,  bereits  nach  Z.  4,  so  daß  er  nun  Z.  5—8 
und  40 — 43  mit  denselben  Worten  vorkommt.  Die  erste  Interpolations- 
schicht hatte  mit  Z.  1 — 4,  28 — 44  wenigstens  einen  gesunden  Zusam- 
menbang, wenn  auch  dürftigen  Gehalt.  WTie  der  zweite  Interpolator 
vom  ersten,  so  borgte  dieser,  nur  weniger  plump,  vom  echten  Texte 
selbst.  Die  viermal  variierte  Phrase  vom  rechten  Gericht  (Z.  2.28.  39.40) 
geht  zurück  auf  Z.  458  ich  müz  nu  vil  rechte  richte,  und  Z.  3.  4  nü 
laz  dese  vorvluchten  schar  one  orteil  zu  der  helle  var  auf  die  Worte  der 
Maria  Z.  447  f.  laz  dese  jemerlichen  schar  ane  orteil  zu  dinir  wertschaft 
var;  im  zweiten  Fall  ist  freilich  die  Nachahmung  sinnlos,  weil  der 
Teufel  das  Urtheil  gerade  verlangen  muß,  das  Maria  abzuwenden  wünscht. 
Andrerseits  könnte  Maria  sich  nicht  so  ausdrücken,  wie  sie  448  thut, 
und  wäre  das  feierliche  und  ausführliche  Urtheil  in  Z.  458 — 472  müßig, 
wenn  der  Herr  auf  Antrag  des  Teufels  bereits  geurtheilt  hätte. 

Betrachtet  man  nun  die  16  Zeilen,  welche  B  statt  der  Teufelseene 
bringt,  so  lassen  sie  als  Einleitung  zur  zweiten  Fürbitte  der  Maria 
nichts  zu  wünschen  übrig,  mochten  aber  dem  Interpolator  nach  seinem 
Machwerk  überflüssig  vorkommen.  Ich  glaube  daher  in  dieser  nur  von 
B  überlieferten  Stelle  den  ursprünglichen  in  A  verdrängten  Text  er- 
kennen zu  dürfen. 

Die  kunstlose  Reimprosa  des  Dialoges  war  dem  oberhessischen 
Schreiber  von  1428,  oder  dem  frühern,  dem  er  folgte,  vollkommen 
mundgerecht,  die  Strophe  in  den  Wechselgesängen  dagegen  unver- 
ständlich. Nachdem  er  sie  zwei  oder  dreimal  leidlich  wiedergegeben 
hatte,  begann  er  ihre  Glieder  aus  einander  zu  nehmen  und  sie  in 
Reimpaare  umzuarbeiten.  Während  ich  daher  im  Dialog  die  Handschrift, 
welche  die  Reimzeilen  absetzt,  einfach  wiedergebe,  habe  ich  die  durch 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  315 

metrische  Form  dazu  auffordernden  Wechselgesänge  auf  Grund  von  A 
mit  Benutzung  von  B  kritisch  bearbeitet,  wobei  ich  mich  der  ortho- 
graphischen Barbarismen  entschlagen  durfte.  Verdient  doch  dies  kleine 
Denkmal,  dem  das  untergegangene  Volksepos  von  Walther  und  Hilde- 
gund  die  Form  geliehen  hat,  unsere  besondere  Liebe. 

Im  Dialog  wie  in  den  Strophen  ist  Auszuwerfendes  durch  Klam- 
mern, Ergänzungen  durch  Cursivschrift  bezeichnet,  Besserungen  aus 
der  andern  Quelle  oder  aus  Vermuthung  sind  in  den  Strophen  voll- 
zogen, im  Dialog  nur  unter  dem  Texte  vorgeschlagen. 

Die  Überschrift  von  B,  die  sich  auf  St.  Ausnistins  Auslegung 
des  Gleichnisses  bezieht,  weiß  nicht  was  sie  sagt.  Das  Spiel  hat  mit 
jener  tiefsinnigen  Deutung,  die  sich  in  sermo  XCIII,  ferner  in  §.  74 — 81 
De  gratia  novi  testam.  und  in  Nr.  59  De  div.  quaestt.  findet,  auch 
nicht  das  Mindeste  gemein. 

Sanctus  Augustinus  leid  vns  uß  das  byspelle  von  den  zehen 
juncfrauwen,  der  funfe  wyse  vnde  funfe  dorecht  waren,  vnde  hebit 
sich  ane  als  dan  hernoch  geschreben  stet. 

Nu  ruffet  an  die  guten 

Marien  gotes  muter, 

daz  sie  bidde  sere 

ir  liebes  kint  vor  vns  armen  sundere  *). 

Got  sprichit  zu  eyme  engele. 

Frunt  myn,  ich  will  dich  senden 

verre  in  daz  elende 

zu  mynen  lieben  frunden: 

den  soltu  daz  künden 

vnde  allen  mynen  hulden,  5 

die  durch  mich  liden  wulden 

mancher  hande  hertzeleit, 

vnde  sage  yne  by  myner  warheit, 

daz  ich  yne  darumbe  wulle  geben 

ewig  lone  vnde  ewig  leben,  10 

Abweichungen    des    Mültlhauser    Textes    (A)     und    Besserungsvor- 
schläge  zum   ober  hessischen   (B). 

*)  Statt  dieses  Eingangs  liest  A:  Nu  swigit  üben  lute.  lazzit  v  berlutr. 
swigit  lazt  vch  kunt  tun.  von  deme  üben  gotis  son.  Jhesu  Christ  wy  sücze 
syn   name   czu   nennen   ist. 

1    Frunt  niyn]  lies  Bot*  mit  A-      3    lieben]  holden.      9    wulle]    wtl. 


3.16  MAX  RIEGER 

vnde  sage  yne  daz  sie  nicht  enbeiden, 
sie  sullen  sich  bereiden 
zu  myner  großen  wirtschafft, 
[Bl.  I1']         die  ich  durch  ir  liebe  han  gemacht: 

ich  wil  sie  by  mich  setzen  15 

vnde  alles  vngemaches  ergetzen. 

Der  engel  sprichet  zu  den  juncfrauwen. 
Nu  höret,  ir  lieben,  sunder  spot: 
vch  enbudt  von  hymel  der  riche  got, 
vnser  aller  scheppere 

gar  liepliche  mere,  20 

der  uch  alle  lieber  hat 
dan  ye  kint  syme  vater  ader  muter  wart, 
daz  ir  alle  bereidt  syt 
zu  siner  großen  hochtzyt, 

es  sy  dag  ader  nacht,  2j 

daz  sin  mit  guden  wercken  werde  gedacht, 
ir  sullet  auch  sin  alle  gemeine 
gar  kusche  vnde  reine; 
ir  sullet  auch  tragen  alle  gewisse 

burnende  liecht  zu  rechtem  bekentnisse ;  30 

so  wil  got,  der  hymelische  brutegum, 
durch  liebe  noch  uch  selbes  komen. 
so  wen  he  dan  bereidt  findet, 
ach  wie  wol  dem  gelinget! 
[2]        wer  auch  sin  bereidunge  zu  Jange  spart,  35 

we  dem  daz  er  ye  geborne  wart! 

Die  erste  wyse  sprichet  alsus. 
Eya,  nu  mirke  vnser  yglich 
daz  wir  alle  sin  dotlich. 
der  dot  suchet  faste  herzu 

beide  spade  vnde  fru:  40 

vnser  keine  ym  nommer  enpluget. 
wir  wißen  nit,  wanne  er  sin  netzen   über  vns  zuget 

11  nicht  beyten.  12  su  en  sullen.  16  alles  fehlt.  17  ir  fehlt.  18  vch 
enputit  der  hemelichsche  got.  2  2  wan  icheyn  kinde  syn  mutir  eder  syn  vater 
wart.  2  7  sin  fehlt.  2  8  sy  gar.  2  9  tragen  fehlt.  3  0  bornde]  lampeln  tragen  czü 
cyme  rechten  bekeyntenisse.  3  2  dorch  üwere  libe.  selbes]  selben.  3  3  wan  he 
(\en  bereyte  vch  vindit.  3  4  dem]  vch  den.  3  6  deme  wirt  we  daz  her  ie  gewari. 
4  1    nommer   enpluget]    enphlüt.      42     wißen]    enwizzen.      zuget]    slet. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  317 

ader  sin  angel  swinde. 

ich  wil  vns  einen  guden  rat  finden. 

wir  sin  geladen  alle  gemeine,  4") 

beide  groß  vnde  kleine, 

darzu  die  jungen  vnde  die  alden 

zu  den  freuden  manigfalden. 

wir  sullen  in  vnser  kintheit 

werben  vmbe  Sicherheit:  50 

wirdet  es  an  daz  alder  gespart, 

wir  mögen  versumen  die  wirtschafftfart. 

findet  vns  [got]  der  brutegum  bereidet, 

so  werdent  wir  geleidet 

zu  den  freuden,  die  kein  ende  hat.  55 

[2h]         sehet  ir  lieben,  daz  ist  myn  rat. 

Die  ander  wise  sprichet  alsus. 

Frauwe,  wir  sullen  noch  dime  rade  faren. 

wir  sullen  auch  daz  nit  lenger  sparen 

(gewisheit  ist  zu  allen  dingen  gut), 

wir  sullen  wenden  vnsern  mut  60 

nach  gütlichen  dingen: 

so  mag  vns  wol  gelingen. 

was  hulff  vns  vnser  gampilen? 

wir  bereiden  vnser  ampilen. 

daz  wirdt  in  truwen  vnser  fromme  :  65 

so  mögen  wir  zu  der  wirtschaffte  kommen. 
Die  erste  dorechte  sprichet  alsus: 

Lieben  swester,  volget  myner  leren: 

wir  sullen  vns  an  den  rat  nicht  keren. 

ich  wil  vns  einen  beßern  geben. 

wir  sullen  nach  vil  lange  leben.  •" 

wir  finden  geschreben  also  vil, 

daz  got  des  sunders  dot  nicht  enwil, 

dan  er  sich  bekere  vnde  ommer  lebe. 

diesen  guden  rat  ich  vns  gebe: 
43  edir  synen  angel  slynden.  44  guden]  bezzern.  50  vmme  eyne  sicher- 
heyt.  5  1  wer-  iz.  52  fart  fehlt.  53  got  fehlt  55  Lies  in  der  ireude;  in  dy 
vroude  A.  kein]  nicht.  56  set  liben  swestern  daz  dunkit  mich  vnse  beste  rat. 
57  Frauwe]  lies  truwen;  entrouwen  A.  sullen]  wollen  gern,.  58  rn  woln  iz  oucb. 
6  2  wol  fehlt.  6  3  waz  helfen  vns  vnse  sehapel.  6  4  lampelen.  6d  10 1  fehlt. 
6  7  Swe^tere  liben.  6  8  wollen.  6  9  beßern]  bezzern  rat.  7  2  enw.l]  wel. 
TA    dan]    lies   mit    A    war,    da/.,     ommer]    lange.       7  4    ich    bin    eyn    bezzer   rat   gebe. 


318  uax  kikokii 

godes  barmhertzekeit  ist  also  vi],  75 

[3]         daz  ich  mich  truwen  dar  vff  laißen   wil. 

wir  wullen  vns  vnsers  jungen  lybes  wol  genyden. 

got  thu  mit  vns  ader  gebiede, 

zu  der  wirtschafft  kommen  wir  nach  harte  wol. 

laßet  vns  die  ^pielsteine  holn  80 

vnde  vergeßen  vnser  leide. 

wir  wullen  vns  auch  von  diesen  scheiden: 

wir  wullen  gen  an  ein  ander  stat. 

sehet,  swestern,  daz  ist  myn  rat. 

sie  werden  irs  gemudes  nommer  fry:  85 

wir  wullen  iach  nit  lenger  by  yne  sine. 

was  mögen  sie  vns  geraden? 

wir  kommen  zu  der  wirtschaftete  also  trade, 

als  ir  irgen  keine : 

vns  ist  ir  bedden  als  ein  steine.  90 

Die  ander  dorechte  sprichet  alsus : 
Intruwen,  wir  wullen  gerne  volgen  diner  lere, 
wer  sulde  sich  nach  keren 
an  fasten  vnde  an  bedden 
als  die  alden  tempeltreden? 

die  sagen  vns  dovon  also  vil,  95 

daz  ich  es  nommer  gefolgen  wil. 
sie  mogent  wol  laißen  abe : 
[3b]         wir  wullen  vnsern  willen  habe. 

want  teden  wir  große  cleider  an? 

so  musten  wir  zu  metten  vnde  zu  vesper  gan  100 

vnde  vnsern  salter  lesen : 

intruwen,  des  wullen  wir  alle  ledig  wesen. 

wir  wullen  dantzen  vnde  reyen 

mit  phaffen  vnde  mit  leien. 

wir  frauwen  vns  nach  wol  ein  zwentzig  jare;  105 

die  wyle  werdent  vns  wol  grae  die  hare, 

daz  vnser  dan  achtet  nymant  me: 

sehet,  so  wullen  wir  dan  ein  ander  leben  an  ge. 

7  5  also]  so.  7  7  genyden]  nite.  7  8  ader]  wy  be.  7  9  harte]  vil.  80  lacz. 
die]  den  bal  vH  die.  holn]  here  hol.  82  auch  fehlt,  diesen]  desen  alten  tempel 
treten.  8  3 — 9  0  fehlen.  91  Wy  volgen  gerne.  9  3  an  beten  vn  an  vasten. 
94  also  dy  alten  tempeltretere.  95—  1  H4  fehlen.  99  want]  lies  wanne.  105 
wol  ein  zwentzig]  drizzic.  106  darnoch  laze  wy  schere  abe  vnse  Bart  107  f. 
fehUk. 


DAS  SPIEL   VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  319 

also  hau  ich  mich  versunne, 

daz  ich  dan  wil  werden  ein  gude  nunne.  110 

als  es  dan  kommet  zu  oistern, 
•  to  thun  wir  vns  in  ein  kloister: 
hat  vns  dan  got  die  wirtschafft  beschert, 
ich  weiß  dazs  vns  sancte  Peter  nommer  gewert. 

Die  dritte  wise  sprichet  alsus: 
Frauwet  uch,  lieben  swester  myn:  115 

got  wil  vns  dolden  vngemach  vnde  pyn, 
daz  er  vns  schliffe  gemach, 
was  vns  ommer  geschieht  ader  ye  geschach, 
[4]         daz  wirdet  vns  vffgerichtet  schone 

mit  dem  tusentfeldigen  lone.  120 

waß  nu  ob  vns  die  lüde 
haßen  ader  nyden, 
'       es  mag  vns  nit  geschad<m: 
got  wil  vns  seibist  liep  haben. 

werden  wir  [dan]  von  den  luden  versmehet,  125 

was  vns  dan  got  lieplich  enphehet! 
nu  syt  fro  vnde  wol  gemut: 
der  milde  got  ist  also  gut, 
er  gibt  vns  sicherliche 
daz  frone  hymelriche.  1^0 

Die  dritte  dorechte  sprichet  alsus ; 

Waffen,  herre,  waffen! 

ich  vochten  groß  straiffen: 

daz  mag  vns  sicher  gescheen. 

wie  lange- wullen  wir  alsus  mußig  gen, 

daz  wir  vns  nicht  besinnen?  135 

wir  sulden  ye  etzwas  beginnen, 

daz  vns  doren  nutze  were. 

nu  sin  wir  guder  wereke  lere. 
10  9  —  112  vfi  begeben  vns  in  eyn  closter.  neyn  ich  wel  noch  beyte  bez 
ostern.  also  habe  ich  mich  vorsunnen.  vn  wel  den  werde  eyn  nunne.  113  die 
wirtschafft]  syn  riche.  114  ich  weiz  wol  daz  iz  vns  numniir  sente  peter  gewart. 
116  wil  vns]  lies  wolde  wit  A.  117  dorch  daz.  schüfe.  1  1 8  geschieht]  ge- 
schee.  119  schone]  vil  schone.  120  hundert valdigen.  121  —  123  sint  wy  nu 
von  den  luten  gehazt.  von  vnser  geselleschai't  gesazt.  waz  mac  vns  daz  geschade. 
124  seibist]  selben.  125  dan  fehlt.  128  ist  also]  der  ist  so.  130  frone] 
schone.  132  groß]  gotis.  133  sicher]  lies  schiere;  daz  vns  daz  schire  möge 
...sehe    A.       134     alnus]    so.      135     vorsinnen.       186.  ye  fehlt.       138    lere]    so    lere. 


;••),)  MAX   RIEGER 

intruvven,  wir  sulden  wachen 

vnde  vns  bereide  machen.  140 

[4']         wir  wissen  nit  wanne  der  bruteguui  kommet; 
so  han  wir  leider  wenig  gerumet 
vnser  wirtschaflftgezauwe : 
wes  mögen  wir  vns  dan  gefrauwen? 

Die  vierde  dorechte  sprichet  alsus: 
Do  snllen  wir  truwen  borgen  des  wir  nit  enhan.  145 

wir  wullen  zu  jenen  juncfrauwen  gan : 
mich  duncket  sie  syn  gereide, 
sie  mögen  wol  des  brutegams  beiden, 
wir  wullen  sie  mit  gutlichen  sidden 

harte  flyßlichen  bidden  150 

vnde  frolichen  versuchen, 
daz  sie  vns  geruchen 
irs  oleys  zu  geben : 
daz  kommet  vns  vil  eben. 

Die  ander  dorechte  sprichet  alsus: 
Wir  bidden  uch,  juncfrauwen  wol  gemut,  155 

daz  irs  durch  uwer  selbs  ere  dut: 
vns  ist  des  oleies  gebrosten, 
vnser  lampaden  sint  gar  verloschen, 
gude  wercke  sin  vns  leider  dure: 

nu  gebet  vns  zu  sture  160 

[5]         vwers  oleies  ein  deile, 

daz  uch  volge  glucke  vnde  heile. 

Die  vierde  wise  sprichet  alsus: 
Ir  lieben,  wie  gerne  wirs  uch  teden, 
ob  wirs  die  stade  heden! 

sulden  wirs  uch  mit  deiln,  165 

so  wurde  es  vns  beiden  zu  dein. 

139  intruwen]  trüve.  142  lies  gevromet  mit  A.  143  gezauwe]  ge 
schowe.  144  wes]  waz.  dan]  toren.  Darnach:  dy  wile  wy  leben  in  den  sorgen. 
145  — 146  da  sul  wy  trouwen  borgen,  des  wy  selben  nicht  enhan.  wy  sulten 
czü  den  wisen  gan.  147 — 148  Fehlen.  149  vii  mit  flelichen  seten.  150  sul 
wy  sü  gutlichen  beten.  15  1  Lies  flelichen;  fliziclichen  A.  152  vns]  vns  loren. 
153  eres  oleys  röchen  czü  gebene.  155  wol]  hoch.  156  daz  ir  durch  vwers 
selbes  ere  willen  tut.  157  gebrochen.  158  gar]  vns.  163  Liben  wy  teten 
gerne  vwt-re  bete.  164  ob  wirs]  wer  daz  wy.  166  so  gewinne  wy  iz  lichte 
vzu   cleyne. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  321 

vns  duncket  beßer  da/,  ir  get 

vnde  uch  selbes  vor  sehet: 

wir  mögen  es  uch  nit  mit  geteiln. 

kauftet  es  do  irs  findet  feil.  170 

Die  erste  dorechte  sprichet  alsus: 
Eya  vater,  oberster  got! 
vns  ist  des  oleys  also  not, 
want  vns  dorheit  versumet  hat: 
nu  gib  vns,  herre,  selbs  dinen  rat, 

war  wir  noch  dem  oleie  mögen  gan.  175 

wir  keufften  es  gerne,  wisten  wir  wo. 
eya!  hette  ymands  icht  oleis  veil, 
der  es  vns  hude  mit  wulde  teil, 
dem  wulden  wir  vnsers  gutes  geben 
als  vil  ers  selber  wulde  nemen.  180 

Die  ander  dorechte  sprichet  alsus : 
[5b]         Waffen  hude  vnde  ommer  me! 

war  sullen  wir  noch  dem  oleie  gen? 

owe  was  sulden  wir  ye  geborn! 

wir  mußen  haben  godes  zorn: 

ist  es  daz  vns  des  oleys  gebricht,  185 

so  leßet  man  vns  zu  der  wirtschafft,  nicht. 

nu  get  mich  an  die  leide, 

daz  ich  mich  sal  scheiden 

von  mynen  swestern  allen: 

darumbe  ist  mirs  übel  gevallen.  190 

weren  wir  by  ein  blieben  biß  here, 

so  hetten  wir  erfüllet  vnser  beger. 

daz  zu  so  radet  was  ir  wißet. 

wer  nu  ichtsicht  vergißet 

siner  wirtschaff'tgezauwe,  195 

der  endarff  sichs  nommer  gefrauwen. 

do  lyt  auch  vil  schaden  an: 

ane  oleie  werden  wir  nommer  in  gelan. 

168  vor]  vmme.  169  mögen]  inmogen.  171 — 206.  Dafür  A:  O  vil 
süze  milter  got.  dorch  dyne  martir  vn  dorch  dyne  tod.  so  gerüche  dich 
erbarmen,  hüte  obir  vns  vil  armen,  eya  liben  swestere  ratet  hy  czü.  prüvet 
waz  wy  mögen  tu.  vns  ist  des  oleys  gebrochen.  vnse  lamptlen  sin  vns  vor 
loschen,  wüste  wy  wo  des  oleys  beten.  myt  czüchten  vn  mit  guten  esten. 
wan  iz  were  leyder  vnse  schade,  solde  wy  vnse  lampelen  verloschen  trage. 
GERMANIA  X.  21 


322  MAX  ßlßGEK 

wir  wullen  nach  versuchen  me, 

ob  jmant  vnß  jamer  an  sehe[n],  200 

der  vns  wysete  etzwar, 
do  wir  sin  keufften  etlichen  zar: 
[6J         want  sullen  wir  sin  anig  bliben, 

man  wiset  vns  mit  sele  vnde  mit  libe 

von  der  wirtschafft  an  eine  stadt,  205 

do  vnser  nommer  wirdet  rat. 

Die  dritte  dorechte  sprichet  alsus:  *) 
Ach  wer  sal  sich  erbarmen 
vber  vns  vil  armen, 

ader  welch  rat  sal  vnser  werden  ommer  me? 
war  sullen  wir  nach  dem  oleie  ge?  210 

des  were  vns  so  rechte  not, 
hette  ich  tusent  marcke  von  gulde  rot, 
die  wulden  wir  alle  darumbe  lan, 
mocht  es  vns  werden  ein  eynig  dran. 

Die  vierde  dorechte  sprichet  alsus: 
Wir  wißen  nit  was  vns  wirret,  215 

daz  wir  alsus  sin  verjrret 
allen  disen  langen  dag. 
ob  es  vns  dan  nit  werden  mag, 
zwar  darumbe  wullen  wir  keinen  kommer  dol. 
zu  der  wirtschafft  kommen  wir  rechte  wol.  220 

wanne  jene  werden  do  hyne  gan, 
so  volgen  wir  yne  faste  nahe: 
[6b]         kommen  wir  dan  hien  yn  vor  die  thore, 

zwar  man  gestoißet  vns  nommer  wider  hervor. 

der  dan  gerne  gebe  vnde  nicht  enhat,  225 

des  willen  nymet  man  vor  die  dait. 

sehet,  lieben,  als  mag  vns  auch  wol  gescheen. 

wir  enwullen  ioch  doling  vorbaß  gegen. 

sint  vns  des  oleys  nicht  mag  werden, 

so  setzen  wir  vns  uff  diese  erden:  230 

wir  ruwen  wole  ein  gude  wile. 

warumbe  sulden  wir  ioch  sere  ile, 

*)  Secunda  fatua.  20  7  sal  sich]  wel  sich  obir  vns.  209  sal  vnser  werden] 
wirt  vns  vil  armen.  210  ge]  hene  ge.  211  were  vns]  nü  vns  ist.  212  ich] 
lies  wir  nach  A.  213  alle  darumbe]  gerne.  214  daz  iz  vns  worde.  215 — 25  0 
fehlen.      22  8    Vgl.   29  2.   3  2  3. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  323 

des  vns  doch  nit  not  ist? 

wir  haben  nach  wol  ein  frist. 

wir  mögen  wol  frylich  beiden.  235 

wir  durften  vns  nach  nit  bereiden 

vnde  vnser  wirtschafftgezauwe: 

wir  wullen  vns  nach  ein  wile  mit  einander  frauwen. 

duncket  es  uch  gut  alle  gemeine, 

so  spielen  wir  dirre  spielsteine.  240 

Die  erste  dorechte  sprichet  alsus: 
Intruwen,  nu  sprichet  vnser  keine  dar  widder. 
swester,  setzen  wir  vns  hie  nyder 
vnde  vergeßen  vnser  swere. 
vnser  eine  sage  der  andern  ein  mere, 

ader  ob  es  uch  geualle,  245 

[7]         spieln  wir  mit  diesem  balle, 
wirft'  mir  den  balle  here! 
dit  spiel  sal  ein  gude  wile  weren, 
biß  daz  wir  gesehen, 
ob  ymand  zu  der  wirtschafft  werde  gen.  250 

Nu  sitzent  die  dorechten  juncfrauwen   an  eyner  stad  vnde   kommet   der 
brutegum    mit  zweien  engelen  vnde   die  engele   hebent   ane   vnde   spre- 

chent  alsus: 

Hie  kommet  der  wäre  brutegum. 

der  zu  der  wirtschafft  wulle  kommen, 

dem  wirdt  not  daz  er  sy  bereidt: 

es  sy  ime  liep  ader  leit, 

man  beidet  siner  muße  nicht  me,  255 

want  es  uch  ist  gesaget  e, 

ir  sullet  sin  bereidt  zu  aller  zit: 

want  got  des  nit  enplit, 

daz  er  ymand  thuwe  kunt, 

wie  der  dot  komme  ader  zu  welcher  stunt.  260 

Die  funffte  wyse  hebet  alsus  ane: 
Wir  haben  der  wer! de  ere 
versmehet  durch  die  godes  lere, 
hoffart  vnde  oppekeit 
han  wir  verkorn  durch  die  ewekeit, 

251  Hie]  Set  hy.  252  wer  zu.  25  3  wirdt]  ist.  2  54  eme.  255  wan 
man.  25  6  want  es  uch  ist]  iz  ist  vch  vel.  25  7  sin  bereidt]  bereyte  sy. 
2  60    wie]   wane.      26  3    oppekeit]   kundicheit.  0.  „ 


324  MAX  RIEGER 

vndc  alles  daz  in  der  werlde  [lustig]  ist,  265 

[7b]         daz  han  wir  gelaßen  durch  vnsern  herren  Crist, 
den  wir  gesehen  han  vnde  mynnen 
vnde  liep  han  von  allen  vnsern  synnen. 

Jhesus  sprichet  zu  den  wisen: 
Syt  ich  uch  han  fanden 

gereide  zu  allen  stunden,  270 

dar  vinbe  wil  ich  uch  breiigen 
vß  diesem  elende 
zu  der  ewigen  selekeit. 
die  uch  myn  vater  hat  bereit. 

Maria  cronet  sie  vnde  sprichet  alsus: 
Syt  willekommen,  lieben  kint  myn:  275 

ir  sullet  nommer  leit  me  geliden  ader  pin. 
ich  wil  uch  selbes  Ionen 
mit  der  hymelischen  krönen. 

Die  funffte  wise  sprichet  alsus: 
Gelobet  sistu,  milder  got. 

du  hast  vns  bracht  vß  großer  not  280 

vnde  vns  wol  gelonet  vnser  erbeit 
mit  der  ewigen  selekeit. 
ere  vnde  lob  sy  dir,  milder  Crist, 
want  du  ein  rechter  richter  bist. 

gelobet  sistu,  heiliger  geist,  285 

[8]         want  din  hulffe  allermeist 

vns  zu  diesen  freuden  hat  bracht. 

wol  vns  daz  vnser  ye  wart  gedacht, 

want  wer  din  antlitz  beschauwen  mag, 

den  duncken  dusent  jare  als  ein  dag.  290 

2  65  lustig  fehlt.  266  Crist]  ihesum  crist.  26  7  —  6  8  an  den  wy  gelouben. 
vn  han  ge  mit  vnsen  ougen.  vn  den  wy  von  herzen  minnen.  mit  alle  vnsen 
sinnen.  2  70  bereyt.  27  1  dar  vmme  wel  ich  vch  geben,  ewic  Ion  vn  ewic  leben, 
vfi  wel  vch  selben  brenge.  Nach  27  4  maria  libe  mutir  myn.  ich  bevele  dy 
dese  ivnfrüwelyn.  du  salt  sü  bi  dicb  selben  seczen.  vn  alle  ers  vngemachs 
ergezczen.  275  lieben]  ir  vzerwelten.  276  ir  sult  nummir  vngemach  lide  eder 
pyn.  27  7  selben.  27  8  der  hymelischen]  den  ewigen,  ir  sult  daz  hemelriche. 
besieze  mit  mir  ewicliche.  27  9  got]  crist.  2  80.  281  du  hast  vns  in  korczer 
vrist.  wol  gelonet  alle  vnsir  erbeyt.  288  ye  fehlt.  Darnach:  wol  uns  hüte 
vn  vmmir  mer.  daz  wy  dich  ie  sohlen  gesen.  2  89  wan  wy  bi  dy  wese  mag. 
2  90   den]   dem.      als  fehlt. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.         325 

Die  dorechten  sitzen  nach  vnde  die  erste  sprichet  alsus: 
Intruwen,  wir  ruwen  nu  zu  lange: 
wir  sulden  vorbaß  sin  gegangen, 
vns  ist  gar  übel  gescheen, 
daz  wir  nit  noch  dem  oleie  han  gesehen, 
des  vnser  keine  enhat.  295 

eya  der  vns  nach  gebe  sinen  rat, 
war  wir  darnoch  mochten  gegen, 
so  mocht  vns  nommer  baß  gesehen; 
dan  brengen  wirs  nit  zu  der  wirtschafft, 
so  wirdt  vnser  do  nommer  gedacht.  300 

Die  ander  dorechte  sprichet  alsus : 
Was  magestu  gesorgen? 
sitz  nyeder,  wir  wullen  sin  gnug  geborgen, 
gehabe  dich,  biederbe  meyd,  wole. 

der  brudegum  wirdt  vns  nach  selbs  zu  der  Wirtschaft  holen : 
siech,  so  werden  wir  dan  frolich  do  hien  geleidt.  305 

[8bl         wiltu  wenen,  vnser  schußein  sin  auch  do  bereidt? 

Die  dritte  dorechte  sprichet  alsus: 
Owe  was  rades  ist  vns  gegeben! 
zezar  über  vnser  lip  vnde  vnser  leben, 
daz  wir  also  übel  sin  bereidt! 

zezar  über  vnser  großen  dorheit,  310 

der  wir  so  ferre  gefolget  han! 
stet  vff  vnde  lat  vns  gan. 

mich  duncket,  jene  syn  zu  der  wirtschafft  gegangen. 
wir  haben  geseßen  alzu  lange, 

daz  wir  nit  mite  sin  gegen:  315 

owe  wie  dorlich  ist  vns  gesehen! 
betten  wir  mit  yne  gegangen, 
so  hette  man  vns  lieplich  enphangen: 
nu  aber  des  nit  ist  gesehen, 

so  mußen  wir  vns  selber  vor  sehen.  320 

ob  wir  ommer  künden  kommen  dar, 
so  wulden  wirs  furter  me  bewar. 

Die  vierde  dorechte  sprichet  alsus: 
Wir  enwullen  ioch  toling  haben  vninut. 
ich  weiß  wol,  got  ist  also  gut, 

2  01—352  fehlen. 


326  MAX  RIEGER 

daz  er  durch  sin  barmhertzekeit  325 

enleßet  vns  vnser  dorheit 
[9]         doling  entgelden, 

daz  er  vns  icht  zu  sere  scheide. 

stet  vff,  wir  wullen  gen 

vnde  ym  lieblich  flehen,  330 

daz  ers  thuvve  durch  sine  gude 

(vnde  sehe  an  vnser  demude) 

vnde  durch  die  großen  smacheit, 

die  er  an  dem  crutze  leit, 

vnde  durch  alle  sine  pin,  335 

daz  er  vns  laiße  zu  der  wirtschafft  hien  yn. 

Die  funffte  dorechte  sprichet  alsus: 
Intruwen,  daz  ist  ein  gut  rat. 
wo  daz  den  din  hertze  behalden  hat! 
hettistu  vns  geraden  hude  san, 

so  weren  wir  mit  den  andern  zu  der  wirtschafft  gegan.        340 
zetar  über  vnser  reien  vnde  über  den  dantz, 
vber  ballespil  vnde  manchen  rutenkrantz, 
daz  wir  also  sere  dar  vff  sin  verflißen, 
daz  wir  ny  kein  bekentenisse 

hatten  gein  gode  345 

vnde  alles  taden  widder  sin  gebode! 
daz  ist  vns  nu  von  hertzen  leit, 
daz  wir  vnser  dorheit 
[9b]         also  vil  gefolget  han. 

stet  vff,  wir  wallen  gan:  350 

wir  haben  geseßen  gnug. 

ich  hoffen  daz  man  vns  nach  gnade  dut. 

Die  erste  dorechte  sprichet  alsus: 
Herre  vater,  hymelischer  got, 
thuwe  es  durch  diuen  bitteren  dot, 

den  du  liede  an  dem  crutze  frone,  355 

vnde  habe  vnser  armer  juncfrauwen  schone, 
vns  hat  leider  versumet  vnser  dorheit: 
laß  vns  genyßen  diner  großen  barmehertzekeit 
vnde  Marien,  der  lieben  muter  din, 
vnde  laß  vns  zu  der  wirtschafft  hien  in.  360 

35  4   thuwe  es]   wy  beten  dich.    35  6  juncfrauwen]   vrowen.    35  7    leider  fehlt. 
tumpheyt.      358   nü   laz.      359    der]   di.      3  60    vns   armen  czü   dyner.     hien  fehlt. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  327 

Jhesus  spriehet  alsus : 
Wer  die  zyt  der  ruwe  versumet  hat 
vnde  nit  enbußete  sin  missedat, 
kommet  der  vor  myn  thore  stan, 
er  wirdet  nommer  in  gelan. 

Die  ander  dorechte  spriehet  alsus: 
Thuwe  vff,  herre,  din  thore!  365 

die  gnadenlosen  junefrauwen  sten  hie  vore. 
wir  bidden  dich,  lieber  herre, 
daz  du  din  gnade  wullest  zu  vns  keren. 

Jnesus  spriehet  alsus: 
[10]         Ich  weiß  nit  wer  ir  syt, 

want  ir  zu  keiner  zyt  370 

mich  seiden  erkant  hat 

nach  die  andern  myn  hantgedat: 

des  wirdt  uch  vil  unuerdroßen 

die  hymelthore  vor  besloßen. 

Die  dritte  dorechte  spriehet  alsus: 
Sint  vns  got  hat  verseid,  375 

so  bidden  wir  die  reinen  meid, 
muter  aller  barmehertzekeit, 

daz  sie  sich  erbarme  über  vnser  große  hertzeleit 
vnd  bidde[n]  iren  sone  vor  vns  armen, 
daz  er  sich  über  vns  wulle  erbarmen.  380 

Die  vierde  dorechte  spriehet  alsus:*) 
Maria  muter  vnde  meit, 
vns  ist  dicke  geseit, 
du  sist  aller  gnaden  vol : 
nu  bedurfien  wir  gnaden  wol. 

361  syne  czyt  der  jogent.  362.  363  vn  syne  sunden  nicht  gebuzit  hat. 
korat  her  vor  myn  riche  stan.  3  64  nommer]  nicht.  366  junefrauwen  sten]  vrowen 
sint.  36  7  wir]  vn.  3  68  din  fehlt,  vns]  en.  3  69  weiß]  enweiz.  37  1  seiden] 
lies  selben  mit  A.  372  noch  den  andirn  armen  ny  eyn  gut  getat.  3  73  vil]  al. 
37  4  die  hymelthore]  daz  schone  hemelriche.  3  75  got]  nü  got  selber.  37  6  die 
reinen]  mariarn  dy  milde.  377  muter]  vn  die  inütir.  3  79  vn  bete  er  trüt  kint. 
380  er]  is.  wulle  fehlt.  Darnach:  Quarta.  Wy  beten  dich  maria  mutir  vn  mayt. 
wan  du  dyne  barmeherezicheyt  nimane  vor  sayst.  daz  du  betes  den  muten  got. 
gar  lypliche  dorch  sinen  tot.  den  he  an  deme  cruce  leyt.  dorch  aller  men- 
schen selickeit.  daz  he  synen  czorn  vn  synen  vnmüt  von  vns  kere.  dorch  sich 
selben  vn  dorch  aller  iunevrowen  ere.  *)  Quinta.  382  ia  ist  vns  dicke  von 
dy  gesayt.      3  83    du]    daz   du.       3  84   wol]   also   wol. 


328  MAX  RIEGEH 

diß  bidden  wir  dich  sere  385 

durch  aller  juncfranwen  ere, 

daz  du  biddest  dinen  sone  vor  vns  armen, 

daz  er  sich  über  vns  wulle  erbarmen. 

Maria  sprichet  alsus: 

[10b]       Hettit  ir  mir  ader  myme  kinde  ye  keinen  dinst  getan, 

daz  muste  uch  nu  zu  staden  stan.  390 

des  entadet  ir  leider  nicht: 

des  wirdit  vnser  beider  bedde  vnuerfenclich. 

doch  wil  ich  versuchen  an  myme  lieben  kinde, 

ob  ich  keine  gnade  möge  finden. 

Maria  feilet  vff  ir  knye  vor  vnsern  herren  vnde  sprichet: 

Eya  liebes  kint  myn,  395 

gedencke  an  die  armen  muter  din. 

gedencke  an  die  manifaldigen  not, 

die  ich  leid  durch  dinen  dot. 

herre  sone,  do  ich  din  genas, 

do  hatte  ich  wedder  hus  nach  palas,  400 

dan  alles  armude: 

daz  leit  ich  [alles]  durch  din  gude. 

ich  hatte  mit  dir  arbeit,  daz  ist  wäre, 

me  wan  dru  vnde  dryßig  jare. 

siech,  liebes  kint,  des  lone  mir  405 

vnde  erbarme  dich  über  diese  armen  hier. 

Jhesus  zu  Marien  sprichet: 

Muter,  gedencket  an  die  wort, 
die  sie  finden  geschrieben  dort: 
[llj         wölken  unde  erden  sal  zugen, 

mine  worte  sullen  ommer  stille  sten.  410 

du  nach  alles  hymelisch  here 
mögen  einen  sunder  nit  ernern. 

3  85  vn  beten  dich  vel  sere.  38  7  vor]  noch  vor.  3  88  wulle  fehlt. 
389  ye  keinen  dinst]  icheyn  lip.  391  des  enhat  {der  Rest  fehlt).  392  des 
vurt  ich  daz  onser  beyder  bete  sy  vnvorvenclich.  3  93  ich]  iz.  39  4  möge] 
an  eme  konde.  3  95  liebes  kint]  übe  son.  39  6  gedenke  hüte  an.  39  7  ge- 
dencke] vn.  398  dot]  bittirn  tot.  4  00  hatte]  enbatte.  401  alles  fehlt. 
405  mir]  du  mir.  406  hier]  alhy.  407  gedenke.  408  vunden  beschreben. 
4  0  9.  410  hemel  vn  erde  solde  er  czu  ge.  er  myne  wort  in  bruchen  solden 
ste.      411    du  nach]  dar  noch-      412   mochte, 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  329 

Die  erste  dorechte  sprichet  alsus :  *) 

Eya  herre,  durch  dine  gude 

entwich  hude  dim  gemude 

vnde  erzorne  dich  nit  so  sere!  415 

durch  aller  juncfrawen  ere 

siech  an  hude  vnser  ianierkeit. 

was  wir  gein  dir  getan  han,  daz  ist  vns  leit: 

wir  wullen  din  gebot  nie  halden  stede. 

erhöre  hude  diner  muter  bedde  420 

vnde  laß  vns  armen  juncfrauwen 

din  wirtschafft  beschau  wen 

Maria,  aller  sunder  drosterin, 

hilff  vns  zu  der  wirtschafft  hien  in! 
Maria  sprichet  alsus : 

Ich  will  gerne  uwer  vorsprecherin  sin.  4"2.~> 

weret  ir  von  sunden  fry, 

so  mocht  ir  desto  baß  herin  kommen. 

ich  wil  aber  vor  uch  bidden  myn  kint  Jhesrxm. 
[llb]  Maria  sprichet  alsus: 

Liebes  kint,  la  dich  myner  bede  nit  verdrießen. 

laß  hude  vnser  trehen  vor  din  äugen  fließen  430 

vnde  gedencke  an  daz  vngemach, 

daz  von  diner  martel  mir  geschach, 
*)  413 — 42  8  dafür  A:  Lucifer  ad  dominicam  persona  m. 
Here  du  gelabes  my.  daz  du  recht  richter  wolles  sy.  nü  Iaz  dese  vorvluchten 
schar,  ane  orteyl  czü  der  helle  var.  Dominica  persona.  Recht  gerichte  sal 
ge  sehe  (ö).  dy  vor  vluchten  muzen  von  mir  ge.  in  dy  tyfen  helle,  wan  sü  sullen 
werde  der  täfele  geselle.  Vnus  diabolus  sc.  Belczebüg  dicit.  Jhesus  der  redt 
wol  in  vnse  spei,  dy  keten  ich  vns  here  hole  wel  (l0).  he  sy  wib  oder  man. 
den  wy  gevan  dar  an.  wy  wellen  met  eme  yle.  wy  wellen  en  böses  weys 
vüre  hundert  myle.  Secundus  diabolus  Lucifer.  Here  got  vil  libe  (15). 
wys  ein  recht  richtere.  du  salt  ouch  vornemen  myne  mere.  ich  lucifer  vn  alle 
myn  her.  wy  clagen  dir  daz  dorch  vnsen  rat.  dy  sundere  sich  vorsumit  hat  (2  0). 
von  en  so  lide  wy  pyne  me  wan  trophen  in  dem  mere  sten.  des  hette 
wy  alles  nicht  getan.  hette  sü  von  der  sunden  gelan.  des  sin  sü  vorvlücht 
ane  czel  (2  5).  sweuil  bech  vfi  alliz  we.  daz  habin  sü  mit  vns  vmmirme. 
Dominica  persona.  Nü  wel  ich  recht  richter  sy.  nu  sege  böser  tüfel  my. 
nü  sprich  an  vorvluchte  geyst  (3  0).  worvmme  bastü  allir  meyst.  dese  iunc- 
vrowen  czü  den  sunden  bracht.  daz  nummir  wirt  gedacht.  Secundus  Lu- 
cifer. Here  daz  tet  ich  darvmme.  wan  ich  en  vorgvnde  (3  5).  mynes  hemel- 
riches  stat.  der  ich  leydir  nummirme  gehabe  mac.  here  schephere.  nü  richte 
recht  obir  dese  sündere.  Dominica  persona.  Recht  gerichte  sal  gesche  (4  0). 
dy  vorvluchten  muzzen  von  my  ge.  in  dy  tifen  helle,  vn  werde  der  tüfele 
geselle.  Omnes  diaboli  clamant.  Prelle  here  prelle.  429  Eya  libes  kint 
myn.       4  30   nü   ben   ich   doch    dy   mütir   dyn.      4  32    mir   von   dyner   martir. 


o'M  MAX  RIEGER 

do  ein  swert  durch  myne  sele  ging. 

so  was  ich  pine  durch  dich  enphing, 

der  lone  mir  mit  diesen  armen  435 

vnde  laß  sie  dich  erbarmen. 

du  bist  ir  vater  vnde  sie  din  kint: 

gedencke  wie  sure  sie  dir  worden  sint 

mit  mancher  hande  vngemach«. 

mit  so  welcher  hande  sachg  449 

der  sunder  dich  erzornet  hat, 

so  ist  er  doch  din  hantgedat. 

drut  sone  guter, 

erhöre  din  muter. 

ob  ich  dir  ye  keinen  dinst  getede,  445 

so  gewere  mich  dieser  einigen  bede 

vnde  laß  diese  jemerlichen  schare 

ane  vrteil  zu  hymel  varn. 

Jhesus  sprichet  alsus: 

Nu  swyget,  frauwe  muter  myn: 

die  redde  mag  nit  gesin.  450 

[12]         die  wyle  sie  in  der  wernde  waren, 

guder  wercke  sie  verbaren, 

gereidt  was  yne  alle  bosheit: 

des  versage  ich  yne  alle  barmhertzekeit, 

want  sie  ir  dort  nit  geruchten.  455 

des  beuel  ich  sie  den  verfluchten: 

ir  spade  ruwe  daug  zu  nicht«. 

ich  wil  nu  zu  rechte  richten. 

get,  ir  verfluchten  ane  sele  vnde  ane  libe, 

von  mir  wil  ich  uch  vertriben:  4(30 

get  in  daz  füre,  daz  [uch]  bereidt  ist 

dem  tufel  vnde  sime  genist. 

sunder,  gang  von  mir: 

droist  vnde  gnade  versagen  ich  dir. 

kere  von  den  äugen  myn,  465 

min  antlitz  wirdt  dir  nommer  schin. 
43  4  so  was  ich]  waz  ich  ie.  435  der]  dez.  436  sie  dich]  dich  obir  sü. 
438  eya  nü  gedenke.  43  9  mancher  hande]  lies  manchem  nach  A.  44  0  so  fehlt. 
hande]  leyge.  441  dich  der  sundir.  44  2  eya  vil  libe  gotis  craft.  44  3  guter] 
vil  gutir.  44  4.  44  5  nü  erhöre  dynir  mutir.  vn  ab  ich  dy  icheyn  gut  getete. 
4  48  hymelj  dynir  wertschaft.  449  Nu  fehlt.  45  0  mag]  dy  mag.  45  4  alle] 
lies  mine  nach  A.  455  ir]  myn.  458  wil  nu  zu]  müz  nü  vil.  461  uch 
fehlt.       46  2    den  tufelen   vn   alle  ere  genist.      46  3   arme  sündere. 


das  spiel  von  den  zehen  Jungfrauen.  331 

scheide  von  myme  riche, 

daz  du  vil  jemerliche 

mit  dinen  sunden  verlorn  hast: 

drag  mit  dir  der  sunden  last.  470 

gang  hien  vnde  schry  ach  vnde  we: 

din  wirdt  rad  nu  iach  nommer  me. 

Nu  furent  sie  die  tufele  hien  vnde  die  erste  sprichet  alsus: 
[I2b]        Ach  dieser  jemerlichen  vart! 

owe  daz  ich  ye  mentsch  wart! 

waffen,  muter,  daz  du  mich  ye  getruge!  475 

daz  du  mich  nit  zu  hant  ersluge, 

e  ich  zu  der  werlte  quam ! 

daz  mich  der  dot  nit  ennam, 

e  dan  mir  cristen  name  wart  kunt! 

daz  ich  nit  enstarb  als  ein  hunt,  4S0 

e  ich  den  heiligen  dauff  enphing, 

daz  man  mich  nit  dar  vor  enhing! 

so  were  mir  nu  nit  also  we. 

nu  muß  ich  clagen  aber  als  e. 

owe,  vater,  daz  ich  ye  din  kint  wart!  485 

warumbe  zuge  du  mich  so  zart, 

daz  du  mich  nit  erdrencketes, 

do  du  mir  verhengetes 

mines  willen  alzu  vil? 

nu  mag  ich  nach  enwil  490 

gewunschen  dan  daz  ich  eyne  krode  were, 

aller  der  werlde  vnmere, 

so  kruche  ich  doch  in  eynen  phule: 

nu  muß  ich  arme  des  tufels  stule 

ommer  eweclich  besitze.  495 

wer  nu  habe  witze, 
[13]         der  gedencke  was  deme  sy  beschert, 

der  mit  sunden  von  hynnen  vert. 

471  hien]  hen  von  my.  we]  owe.  472  iach]  noch.  47  3  dieser]  der. 
474  owe  fehlt.  475  muter]  mütir  obir  dich.  47  6  czü  hant  nicht.  47  9  e  dan] 
er.  480  enstarb]  starp.  4  82  daz  man  mich  san  nicht  erhing.  4  83  were] 
werde,  also]  so.  4  84  aber  fehlt.  48  6  so]  ie  so.  4  90  nü  enmac  ich  nich 
gewünsche  noch  enwel.  491  gewunschen  dan]  wan.  4  93  phule]  vnreynen  phül. 
49  6    wer  nü  ha   synne   vn   wicze.      49  7    gedencke]   denke. 


332  MAX  RIEGER 

Die  ander  dorechte  sprichet  alsus: 
Waffen  hude  vnde  ommer  mere! 

wir  haben  vns  versumet  alzu  sere.  500 

wer  sal  sich  erbarmen 
vber  vns  vil  armen? 
nu  windet  uwer  hende 
vnde  schryet  elende, 

want  do  wir  ommer  sullen  sin,  505 

do  werden  wir  nommer  fry  der  pin. 
nu  weinet,  armen,  sere: 
ja  nu  geschieht  vns  nommermere 
drost  nach  gnade  me. 

wie  sal  es  vns  armen  ergen?  510 

wanne  wir  geweinen  also  sere 
als  waßers  ist  in  dem  mere, 
so  hebet  sich  vnser  weinen  aller  erst, 
ach  Maria  aller  herist, 

daz  wir  mit  vnseren  äugen  515 

den  freudenrichen  got  nommer  sullen  beschau  wen! 
nu  schryet,  reuffet  uß  die  hare. 
nu  aller  erst  ist  vns  vffenbare 
worden  an  dieser  stunde 
[13b]         alle  vnser  sunde,  520 

die  wir  by  manchen  jaren 
vnserm  bichtere  ny  wulden  geoffenbaren, 
owe  verfluchte  hoffart! 
du  bist  vns  nu  alzu  stark: 

die  wyle  got  in  dem  hymel  sal  leben,  525 

so  mußen  wir  in  der  helle  qwelen. 
owe  vnreine  kundekeit! 
du  gibist  vns  iamer  vnde  leit. 
owe  haß  vnde  nyt, 
wie  sure  ir  vns  worden  syt!  5o0 

499  hude  vnde  fehlt.  501  nu  sich  niraan  wel  irbarme.  502  vns]  vns 
sunderin.  5  03  windet]  windit  alle.  504  vn  clagit  des  enelende.  505  want  fehlt. 
506  fry  der  pin]  pine  fri.  508  nu  und  vns  fehlt.  510  owe  wy  saliz  vns 
erge.  511  sere]  vel.  514  noch  clage  wy  armen  allerserst.  516  freuden 
fehlt,  sullen  nummer.  5  18  ist  vns]  iz  vns  worden.  5  19  an  deser  selben  stunde. 
52  1  mangeme  iare.  522  vffenbare.  5  24  du  bist]  lies  din  Ion  ist;  dy  Ion 
ist  vns  worden  alezü  starc  A.  526  qwelen]  lies  sweben  nach  A.  52  7  vnreine] 
vorvluchte. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  333 

ir  werdet  vns  alzu  leide: 

wir  mußen  vns  von  gode  scheiden. 

Die  dritte  dorechte  sprichet  alsns : 
Nu  boret,  lieben,  lat  uch  sagen, 
verneinet  jemerliche  clage. 

mir  armen  gnadenlosen  meit  535 

got  sin  riche  bat  verseit 
vnde  sin  liebe  muter  Maria 
mag  mir  nommer  zu  staden  gesta: 
mir  sin  die  heiligen  gar  gebaß. 

nu  vernemet  myne  clage  baß.  540 

der  tufel  ist  mir  selber  gram, 
[14]         daz  er  mir  alles  guden  vergan: 
darumbe  alles  daz  nu  leben  hat, 
daz  enhulffe  mir  nit  daz  myn  wurde  rat. 
owe  her  dot,  daz  ir  myn  nit  enruchet!  545 

wie  bin  ich  so  gar  verfluchet! 
ir  wäret  doch  über  mynen  lip 
gar  vnbarmhertzig  vor  der  zit. 
eia  dot,  mochtistu  mich  getoden, 

so  enhede  ich  nit  so  großer  node.  550 

eya  dot,  gib  mir  doch  rat, 
want  myn  pine  keine  end[e]  enhat. 
mir  were  lieber  ein  ewig  sterben 
dan  alsus  ein  ommer  werende  leben. 

seligen  lüde,  do  versinnet  uch  by,  555 

also  liep  uch  daz  sy, 

daz  ir  icht  kommet  in  die  grundelosen  pin, 
do  inne  wir  armen  [juncfrauwen]  eweclich  mußen  sin. 

Die  vierde  dorechte  sprichet  alsus: 
Nu  höret,  seligen  alle,  die  do  leben, 
wir  sin  uch  zu  eime  Spiegel  gegeben,  560 

532  wan  wy  vns  muzzen.  533  höret]  hercz.  534  clegeliche.  535  niirj 
daz  mir.  536  sin  riche]  vns  syne  hulde.  538  nommer]  nicht.  539  die  hei- 
ligen gar]  ouch  alle  syne  heyigen.  540  myne]  vn6er  aller.  541  vns  selbyn. 
5  42  wan  her  vns  gütis.  54  4  daz  hilfit  vns  nicht  daz  vnsir  vmme  werde  rat. 
5  45  nicht  geruchtit.  5  46  so  gar]  arme  so.  54  7  ie  vare  doch  obir  mynen  lip  gar 
vnbarmehcrczic.  5  48  varumme  nemet  ie  nü  mich  nicht.  55  0  so  enhede  ich  nit] 
daz  ich  nicht  dorfte  lide.  551  dot]  gruwelichir  tot.  5  52  nicht  endes.  5  53  ewig] 
lies  jemerlich  mit  A.  65  4  ommer  werende]  vnreyniz.  556  uch]  also  vch.  55  7  gna- 
delosen  pyne.    5  58    dy  wir  armen  muzzen  ewiclichen  lydc.    55  9    alle  fehlt,   do]   nu. 


334  MAX  RIEGER 

daz  ir  bilde  by  vns  sullet  nemen 
vnde  wartet  flyßlich  wie  ir  sullet  leben, 
ir  sullet  in  uwern  lebetagen 

got  vnde  sin  lieben  muter  [Marien]  vor  äugen  haben. 
[14']         wir  wanden  wir  sulden  lange  leben  565 

vnde  wulden  nicht  noch  godes  hulde  streben, 
der  dot  was  vns  verborgen: 
des  mußen  wir  ommer  sorgen 
vnde  pine  liden  ane  ende. 

eya,  nu  windet  uwer  hende:  570 

alle,  die  in  sunden  leben, 
die  bidden  got  daz  er  yne  gut  ende  gebe 
vnde  rechte  ruwe  vmbe  ir  sunde: 
daz  raden  ich  yne  als  ein  frunt  sim  frunde, 
want  wer  sin  guden  wercke  gespart  575 

biß  an  sin  lesten  hienefart, 
des  ruwe  wirt  gar  deine, 
daz  wißet  alle  gemeine: 
also  ist  vns  gesehen  vil  armen; 

des  laßet  uch  erbarmen.  580 

daz  wir  des  nit  geruchten, 
des  sin  wir  die  verfluchten, 
die  in  die  helle  mußen  gen 
vnde  pine  liden  von  e  zu  e. 

Die  funffte  dorechte  sprichet: 
Owe  gruwelicher  dag,  585 

daz  dir  nymant  enpliehen  mag! 
owe  daz  din  y  wart  gedacht! 
[15]         ja  sin  wir  hude  uß  allen  freuden  bracht, 
nu  mögen  wir  dir  wol  fluchen, 
syt  unser  got  vnde  sin  liebe  muter  Maria  nit 

wollen  geruchen.  590 

eya  muter  aller  barmhertzekeit, 
syt  du  nit  macht  gewenden  vnser  groß  hertzeleit, 

561    nemet.      562    lebet.      563   an.     lebenden  tagen.      564    Marien  fehlt. 

56  6    des  wolde   wir  armen   toren   nicht.     568    wir]   wy  armen.      57  1    die]   dy  nü. 

57  2  die  bidden]  vn  betet.  yne]  vch  eyn.  573  ir]  uwere.  5  74  yne]  vch. 
57  6  sin]  dy.  57  7  des]  der.  gar]  vil.  579  gesehen  vns.  580  des]  daz. 
582  die]  der.  584  von  e  zu  e]  ane  eynde  vm  mir  me.  58  7  owe  we  dyn 
ny  gedacht.  590  wollen  geruchen]  wel  rüche.  591  aller]  maria  der.  59  2  er- 
wenden   macht. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEHEN  JUNGFRAUEN.  335 

wem  sullen  wir  es  dann  künden? 

so  mögen  wir  vns  wol  vermunden, 

daz  vns  armen  nommer  drost  nach  gnade  me  geschieht       595 

die  wyle  godes  ryche  stet. 

owe  sunde,  welch  ein  toderinne  du  bist! 

want  vor  dir  wenig  ymant  genist, 

by  den  du  wirdest  funden 

an  iren  lesten  stunden.  000 

owe  stinckeninge  sunde! 

suide  ich  durchgrunden 

die  manicfaldigen  pinefn], 

die  wir  durch  dich  mußen  liden, 

die  were  groß  ane  zal.  605 

nu  höret,  lieben,  über  al, 

ob  es  icht  sy  ein  pin  groß, 

daz  wir  ommer  mußen  sin  der  tufele  genoß? 

was  sulde  großer  pin  me, 

wanne  daz  wir  got  vnde  sin  lieben  muter  nommer 

sullen  gesehe?  010 

darumbe  raden  ich  uch  mit  truwen 
daz  ir  büß  enphahet  vnde  ruwen 
vnde  die  sunde  me  bewart, 
ob  ir  wullet  vermyden  diese  jemerlichen  vart. 

Post  hec  fatue  vadant  inter  populum  cantando  planctos. 
Prima  cantat: 

Nu  hebet  sich  groz  schrigen     und  weinen  ummerme:  615 

got  hat  uns  vorvlüchet,     von  eme  hiz  er  uns  ge. 

wi  haben  en  erzornit,     uns  wirt  nummir  rät: 

des  lät  üch,  Üben,  unse  not  erbarme,     wan  iz  uns  kumirlichen  gilt. 

Alie  respondent  ad  quemlibet  versum: 

Owe  unde  owe, 

sul  wi  Jhesum  Cristnm  nummir  me  gese!  620 

594  vns]  iz.  5  95  armen  nommer  fehlt,  me]  nummir  mer.  5  96  dy 
wyle  daz.  59  9  den]  dem.  600  iren]  erer.  601  stinckeninge]  vorfluchte. 
60  2  wer  sal  dich  nü.  603  pyne  (  :  lide).  605  were]  wert.  507  es]  daz. 
ein  fehlt.  6  09  me  fehlt.  610  nommer]  nummir  mer.  611  mit  fehlt.  612  büß 
enphahet]  beezyte  enphat  büze.  613  die  fehlt.  614  vor  myde  wollit.  617  vns 
A  wie   209    (neben  vnser   544);  vnser  B.    618   lat  B,   lazet  A. 


336  MAX  KIEGEJR 

Secunda  fatua. 
Wi  clagen  üch  liben  allew     was  unse  herre  tet: 
ja  enwalde  he  nicht  erhöre     siner  mütir  bet. 
die  bat  vor  uns  vil  armen:     daz  enhalf  uns  leider  nicht, 
he  sprach  'war  urnme  solde  ich  mich  [obir  sü]  erbarmen?     jo  getäten 

sü  ni  nicht  dorch  mich.' 

Tertia  fatua  vertit  se  ad  Mariam  inclinando  caput,  cantat: 
Maria  gotis  mütir,     bis  du  ein  loserin,  625 

so  kom  ouch  uns  zu  hülfe,     wan  wi  gevangen  sin. 
du  worde  gotis  mütir     dorch  unse  missetat: 
nü  kom  vil  schire,  reine  vrouwe  gute!     der  tüfel  uns  gevangen  hat. 

Quarta  fatua. 
Nü  clagit,  armen,  alle     daz  unser  [ie]  wart  gedächt, 
uns  haben  unse  sunde     in  gröz  herzeleit  gebrächt.  630 

wi  muzzen  in  der  helle     manigen  kummer  dol. 
ie  liben,  weinit  unse  ungevelle     und  hütit  üch,  so  tut  ir  wol. 

Quinta  fatua. 
Sint  sich  got  der  gute     [obir  uns]  nicht  irbarmen  wel 
noch  sin  übe  mütir,     wo  sül  wir  armen  hen? 

her  Tot,  wolt  ir  uns  morden,     so  were  uns  also  wol:  635 

wi  muzzen  anders  ewiclichen  sorge,     [beide]  jämer  unde  kummer  dol. 

Item  prima  fatua. 
Got  unser  nicht  gerüchet     noch  di  übe  mait. 
ja  si  wi  vorvlüchet,     daz  si  üch  geclait. 
ie  mosfit  üch  wol  vorsinne     bi  unser  henevart, 
und  wolt  ie  gotis  hulde  wol  gewinne,     so  si  di  sunde  me  bewart.     640 

Secunda  fatua. 
Ich  clage  üch  liben  allen     daz  ich  vel  arme  mait 
zü  ewiclichem  valle     ben  jemerlich  betait. 
di  wile  di  vil  guten     in  vrouden  sollen  lebe, 
so  müz  ich  ummerme  mit  den  vorvlüchten     in  endeloser  pine  swebe. 

621  alle]  vgl.  641.  62  2  siner  B,  syne  A.  bedt  B,  gebet  A.  6  24  obir 
su]  vgl.  6  3  3.  628  schire]  schine  A,  B  abweichend.  629  ie  A  B\  vgl.  aber 
6  5  7.  631  manchen  B,  groczen  A.  63  2  ie  vrowen  weynit  vnse  A,  weinet  ir 
lieben  dit  B.  633  obir  uns]  vgl.  6  2  4.  6  35  also]  armen  A ;  eya  der  vns 
wulde  ermorden  der  thede  vns  armen  also  wol  B.  6  38  gecleit  B ,  gesagt  A. 
04 2    so   ienierliehe   ben   betagt   A,   bin   vil  jemerlich   gezalt  B. 


DAS  SPIEL  VON  DEN  ZEITEN  JUNGFRAUEN.  337 

Tertia  fatua. 
Nu  haben  alle  rüwe,     di  in  der  werlde  sint!  645 

nü  wel  uns  icheine  sune  gebe  der  meide  kint. 
he  wel  uns  vortribe:  wi  ubel  ist  uns  gesehen! 
he  wiset  uns  met  sele  und.  ouch  met  libe     da  wi  got  nummirme  gesen. 

Quarta  fatua. 
O  we  dirre  leide     und  jemerlicher  vartl 

nii  muzze  wi  uns  scheide     von  der  hemelischen  schar.  650 

got  den  vroudenrichen     den  gesen  wi  nurnmir  nie: 
so  ist  uns  alle  vronde  gar  vorswunden     i.nd  allez  herzeleit  insten. 

Quinta  dicit: 
Owe  desir  swere     und  engestlicher  not! 
nü  mögen  wi  nicht  ersterbefn]     und  sin  ewielichen  tot. 
di  grnndelöse  pine     di  werdit  unse  grab:  655 

da  muzze  wi  jämer  ewielichen  lide,     wan  niman  uns  gehelfen  mac. 

Quarta  fatua. 
Ach  und  we  uns  [vilj  armen,     vvaz  solde  wi  geborn! 
got  hat  vil  groze  martir     gar  an  uns  vorlorn 
und  sine  tiefen  wunden     helfen  uns  leidir  nicht: 
wi  sin  vorvarn  an  unsen  letsten  stunden     gar  äne  rüwe  und  äne  bicht.  660 

Quinta. 
Vrünt  unde  mäge,     ie  endorft  üch  muwe  nicht: 
spende  unde  gäbe     daz  ist  uns  gar  ein  wicht, 
waz  man  uns  gutes  tete,     daz  were  gar  vorlorn : 
ein  tot  baz  hülfe  denne  ein  selgeiete.     wi  hau  vordinet  eotis  zorn. 

Alie  respondent: 
Des  si  wi  ewielichen  vorlorn.  665 

G45  haben  />,  habit  A.  riiwe  A.  04G  sune  B ,  rüwe  A.  647  bO] 
er  B,  vn  A.  owe  wie  ubel  ist  vns  gescheen  />';  wo  sul  wy  armen  heu  .1, 
vgl.  034.  C49  owe  wie  jemerliche  wir  hinnen  varn  B.  G51  A  B  den  vrouden 
riehen  got;  den  fehlt  in  B.  G5G  gehelffen  /-',  geheile  A.  657  wi]  wir  y  B- 
GG2  wicht  77,  nicht  .A.  6G3  waz  man  vns  gutes  noch  tut  daz  ist  gar  vorlorn  A, 
want  was  man  vns  gudea  tede  daz  were  verlorn  B.  6  64  denne]  dem  ^ ;  B  ab~ 
weichend,   tum  fehlt    A. 


GERMANIA  X.  22 


33S  J-  LAMBEL 

ZUM  HILDEBRANDSLIEDE. 


Man  hat  zur  Vergleichnng  mit  der  deutschen  Sage  von  dem  Kampf 
zwischen  Ilildebrand  und  Hadebrand  die  persische  von  Iiustum  und 
Zohrab  herbeigezogen:  gewiss  mit  Recht,  aber  viel  näher  auf  euro- 
päischem Boden  lag  eine  andere  Fassung  derselben  Sage,  die  sich  mit 
unserem  deutschen  Gedichte  noch  viel  unmittelbarer  berührt  als  die  ferne 
persische:  ich  meine  das  gallische  Gedicht  von  Conlach  und  Cuchullin 
(M'  Lauchlan  and  Skene  The  Dean  of  Lismore's  book  S.  50  —  53  der 
englischen  Übertragung  und  34 — 36  der  Originale).  Latham  hat  in  den 
Transaetions  of  the  royal  society  of  literature,  second  series,  vol.  VII, 
p.  474— 481  bereits  darauf  hingewiesen,  freilich  nicht  genügend,  indem 
er  die  eigentliche  Vergleichnng  dem  Leser  selbst  überlässt  und  das 
deutsche  Gedicht  ihm  unüberwindliche  Hindernisse  des  Verständnisses 
scheint  entsxearenorestellt  zu  haben;  trotz  dem  und  trotz  der  geringen 
Verbreitung  solcher  englischer  Bücher  in  Deutschland  würde  ich  es 
dabei  haben  bewenden  lassen,  hätte  ich  nicht  in  den  Zügen  der  galli- 
schen Sage  eine  weitere  Bestätigung  zu  finden  geglaubt  für  die  neue, 
unlängst  (Germania  9,  310 — 315)  von  M.  Rieger  vorgebrachte  und 
durch  germanische  Belege  gestützte  Ansieht,  einerseits  daß  dem  Kampf 
zwischen  Vater  und  Sohn  mehrere  Kämpfe  zwischen  Hadebrand  und 
einzelnen  Helden  aus  Hildebrands  Heer  voraufgiengen ,  andererseits, 
daß  nicht  der  Fall  des  Vaters,  sondern  umgekehrt  der  des  Sohnes 
den  unzweifelhaft  tragischen  Schluß  unseres  Gedichtes  gebildet  habe. 
Ich  gebe,  um  dem  Leser  das  Urtheil  zu  erleichtern,  den  Inhalt  des 
gallischen   Gedichtes  vollständig  aber  kurz  an. 

Conlach,  der  Sohn  Cuchullins,  kommt  nach  Erin  in  das  Land 
des  ruhmreichen  Connor.  Dieser  fordert  seine  Mannen  auf,  dem  kühnen 
Jüngling  zu  begegnen.  Aber  er  schlägt  ihrer  ein  Hundert,  darunter 
Connal,  den  Bruder  des  Königs.  Da  sendet  dieser  nach  Cuchullin, 
daß  er  zu  Hilfe  komme  und  den  Fremdling  bezwinge.  Als  der  Greis 
den  Jüngling  sieht,  fragt  er,  von  Ahnung  gerührt,  ihn  um  Namen  und 
Heimath.  Aber  dieser  hat,  eh'  er  von  Hause  fortzog,  gelobt,  sie  vor 
niemand  zu  nennen,  'sonst,  sagt  er,  dir  zu  Liebe  würd'  ich  sie  sagen.' 
„Dann,  erwidert  der  Greis,  mußt  du  mit  mir  fechten,  oder  erzähle 
deine  Mähre  als  Freund:  wähle,  theurer  Jüngling,  aber  gedenke,  daß 
es  gefährlich  ist,  mit  mir  zu  fechten;  laß  uns  nicht  fechten,  ich  bitte 
dich  darum."  Umsonst.  Der  Kampf  entbrennt  und  der  Jüngling  fallt 
tödtlich  getroffen.  Aber  der  Sieger,  fährt  das  Gedicht  schön  fort,  hat 


ZUM  HILDEBRANDSLTEDE.  339 

an  diesem  Tag  den  Sieg  verloren,  denn  nun  erführt  er  von  dem  Ster- 
benden, daß  es  sein  eigener  Sohn  sei,  den  er  ungeboren  in  der  Hei- 
math gelassen,  um  in  die  Fremde  zu  ziehen,  und  den  er,  als  sieben- 
jährige Wanderung  sie  endlich  zusammengeführt,  unwissend  erschlagen, 
und  darüber  verfällt  er  in  unvergleichbaren  Kummer. 

Die  Verwandtschaft,  und  zwar  wie  gesagt,  eine  viel  nähere  als 
das  persische  Gedicht  zeigt,  ist  nicht  zu  verkennen.  Hier  wie  dort 
haben  wir  einen  Vater,  der  furlet  in  lante  luttilat  sitten  prüti  in  Iure 
harn  umvahsan  oder  gar  noch  ungeboren,  und  der  endlich,  nachdem 
der  Sohn  ihm  nach  langer  Wanderung  begegnet,  unwillig  mit  ihm 
kämpfen  muß,  nachdem  er  ihn  vergebens  vor  dem  Kampf  gewarnt. 
Die  Voraussetzungen  der  Handlung  treffen  so  genau  zusammen,  als 
man  es  wünschen  kann.  Aber  auch  was  Rieger  vermuthet,  findet  sich: 
die  Kämpfe,  die  dem  Gefecht  der  beiden  vorausgehen,  in  denen  der 
Sohn  Sieger  bleibt  und  gerade  dadurch  den  Vater  zwingt  einzugreifen, 
nur  sind  sie  im  gallischen  Gedicht  an  anderer  Stelle  angebracht,  was 
übrigens  den  Vergleich  nicht  viel  beeinträchtigen  wird;  bedeutsamer 
ist,  daß  auch  der  von  Rieger  supponierte  tragische  Schluß  in  gleicher 
Weise  erfolgt,  was  mir  um  so  schwerer  ins  Gewicht  zu  fallen  scheint, 
als  die  Voraussetzungen,  wie  gesagt,  so  bis  ins  Einzelne  stimmen  und 
nicht  wie  im  Fersischen  der  Vater  den  Kampf  unvermeidlich  macht, 
sondern  wie  im  Deutschen  der  Sohn,  wenn  auch  etwas  milder,  die 
Friedensinahnungen  des  Vaters  zurückweist. 

WIEN,   12.  December  1864.  J.  LAMBEL. 


ZU  FREIDANK. 


3,  9 — 14.  vgl.  den  Anhang  der  Heidelberger  Hs.  des  Freidank 
bei  Pfeiffer  Z.  d.  Litteraturg.  S.  76,  Str.  7,  5—7  *wä  er  (got)  erkennet 
reinen  viuol,     da  nimt  er  willen  für  daz  guot.     den  wehsei  niemon  mPre  tuot. 

6,  22  ist  die  von  6  Hss.,  darunter  AB,  bezeugte  Leseart  allez, 
der  W.  Grimm  in  der  ersten  Ausgabe  folgte,  vorzuziehen. 

7,  5*.  wan  der  uns  l>rähte? 

7,  10.  vgl.  Germania  7,  470  ff. 

11,  23.  vgl.  Germania  8,  304. 

27,  21  ff.  vgl.  die  'Himmelstraße',  Gedicht  des  14.  Jahrhunderts 
in  Wolfsohn's  Nord.  Revue  1,  181:  sich  hebet  nach  dime  dode  einkriec: 
den  er1 'en  icere  dtn  gut  liep,  die  worme  wollent  drn  fleisch  nagen,  der  düfel 
ivil  din  sele  haben ;  doch  wird  dies  nicht  speciell  vom  Wucher,  sondern 

22  * 


340  J.  LAMBEL 

vom  Alter  überhaupt  gesagt.  Weiter  vgl.  altd.  Bl.  1,  31  Der  tvfel  hett 
gern  die  seile  (:  Michahel),  der  wurm  das  fleisch,  der  frimt  das  gut. 

31,  12.  13.  vgl.  'Himmelstraße'  (Nord.  Revue  1.  180)  Und  merke 
daz  Wund/r  allen  dingen  magst  niht  wart  dri  dinc  hie  vinden,  diu  dinein 
übe  in  disem  leben  drust  und  freude  mögen  gegeben:  daz  ist  libes  bist  und 
gut  und  erc,  da  werbe  wir  alle  nach  gar  sere,  und  wie  vast  xoir  sie  begern, 
so  mogent  sie  uns  niht  lange  toern. 

38,  13.  Daß  'mit  gewalt1  dem  ganzen  Spruch  nicht  recht  ange- 
messen sei,  hat  schon  W.  Grimm  in  der  Anmerkung  erkannt;  man 
erwartet  vielmehr  einen  die  böse,  hinterlistige  Absicht  bezeichnenden 
Ausdruck:  ich  schlage  daher  vor  mit  geveerde  zu  lesen. 

40,  24.  AGaEH  lesen:  suchen  und  der  Conj.  scheint  hier 
ganz  an  seinem  Platze:  arm  und  reich,  jeder  soll  sich  zu  seines  glei- 
chen halten ;  nach  V.  22  kann  man  dann  (:)  setzen  statt  des  (.). 

48,  9  ist  zeren,  wie  in  der  1.  Ausg.  nach  13  Hss.,  darunter  ABD, 
steht,  gewiss  richtig;  vgl.  Germ.  2,   142  n.  44. 

58,  6  ist  die  durch  die  überwiegende  Zahl  der  Hss.  gebotene 
Lesart  der  1.  Ausg.  sam  tuot  sorge  den  lotsen  herzustellen;  vgl.  übrigens 
inhaltlich  den  Anhang  der  Heidelberger  Hs.  (Pfeiffer  Z.  d.  Litt.  S.  84) 
St.  25,  6.  sorge  derret  sam  der  rosi. 

60,  23.  vgl.  Heidelb.  Anh.  (Pfeiffer  S.  74)  3,  7  siver  im  selben  wol 
gevallet,  der  treu  gouches  houbet. 

63,  10  scheinen  nur  bf  das  richtige  zu  überliefern  den  andern 
schelten. 

73 ,  6.  7.  Die  alten  erben  hat  W.  Grimm  als  Vorfahren ,  Eltern 
erklärt.  Aber  warum  sollen  bloß  die  Fürsten  an  ihren  Kindern  Feinde 
haben?  Freidank  machte  diese  Erfahrung  überhaupt  an  allen  Reichen 
42,  3 — 6,  und  die  Einschränkung  derselben  an  dieser  Stelle  scheint 
unpassend.  Ich  sehe  in  den  alten  erben  die  Sprossen  alter,  durch 
Reichthum  und  Macht  hervorragender  Geschlechter,  auf  die  die  Fürsten 
wegen  ihrer  wachsenden  Größe  eifersüchtig  und  ihnen  daher  feind 
sind:  denn  wie  der  forsten  ebenhere  steeret  des  riches  ere  (73,  7.8),  so 
könnten  wieder  den  Fürsten  die  unter  ihrer  Herrschaft  stehenden  ade- 
ligen Geschlechter  gefährlich  werden.  Auch  W.  Wackernagel  scheint 
nach  Gloss.  S.  78  die  Stelle  so  zu  fassen. 

75,  18—20.   vgl.  Berthold  'von  der  e    (S.  309,   1.  14  ed.  Pfeiffer) 

Ez  gent  drie  wege  zem  himelriche  von  der  heiligen  h-istenheit Per 

eine  wec...  der  heizet  diu  heilige  e;  der  ander  heizet  icitwentuom;  der 
dritte  heizet  magettuom.  Die  hiuscheheit  bei  Freid.  neben  dem  magetuom 
kann  nichts  anderes  sein,  als  die  Witwenkeuschheit,  von  der  in  der 
Predigt  Bertholds  die  Rede  ist. 


ZU  FREIDANK.  341 

86,  21.  vgl.  Zingerle  Sprichwörter  S.  17.  110,  wo  dies  Beispiel 
nachzutragen  ist. 

87,  26.  Ich  vermnthe,  vinden  wird  mit  12  Hss.,  darunter  0,  zu 
streichen  sein. 

95,  16.  17.  vgl.  Iwein  2702 — 8  die  wisen  wellen,  ezn  habe  delieiniu 
grcezer  kraft,  danne  unsippiu  seUeschaft,  gerate  si  ze  guole,  und  sint  si 
in  ir  muote  getriuioe  under  in  beiden,  so  sich  gebruoder  scheiden. 

120,  5.  6.  vgl.  Graf  und  Dietherr  Rechtssprichwörter  S.  218. 

120,  27.  121,   1.  vgl.  Rechtssprich  Wörter  S.  74. 

121,  26.  27.  vgl.  Boner  49,  94. 

131,  19.  Berthold  533,  38  sie  stelent  sich  diepliche  ze  der  helle. 

138,  17.  vgl.  Morolf  230.  Fastn.  337,  3. 

139,  9.  10.  vgl.  Tristan  9,  1-6  (ed.  Maßmann)  swer  keinen  schaden 
vertragen  kan,  da  wehset  dicke  schade  van  und  ist  ein  veiclieher  site:  hie 
vähet  man  den  bern  mite,  der  richet  einzele  schaden,  unz  er  mit  schaden 
toirt  beladen. 

142,  5.  6.  vgl.  gold.  Schm.  902.  den  (krebz)  siht  man  a/lez  hin- 
der  sich  kriechen  unde  galten. 

146,  13.  14.  vgl.  bei  Zingerle  Sprichw.  S.  33  u.  160  die  ver- 
wandten Fassungen  dieses  Spruchs,  aus  denen  sich  ergibt,  daß  anstatt 
simele,  das  W.  Grimm  in  der  2.  Ausg.  nach  C  an  die  Stelle  des  in 
der  Überlieferung  vereinzelt  stehenden  albel  gesetzt  hat,  der  Name 
eines  kleinen  unbedeutenden  Fisches  gestanden  haben  muß.  Die  Hss. 
gehen  ziemlich  auseinander,  ich  vermuthe  das  Richtige  in  der  Lesart 
v.  IHM.  und  lese  smerle,  woraus  die  (Korruption  in  simile  sehr  leicht 
erklärlich  ist.  Dem  Gedanken  geschieht  mit  dieser  Lesart  vollkommen 
Genüge:  smirle,  smerle  oder  smirlinc,  smerlinc  ist  ein  kleiner  Fisch, 
identisch  mit  Gründling,  s.  Frisch  2,  207,c,  der  aus  dem  Grobianus 
(Frankf.  Christ.  Egenolfs  Erben  1572)  Fol.  127a  anführt:  wann  kleine 
Fisch  werden  aufgetragen  soltu  mit  schmirlein  fidlen  den  kragen,  und 
schmirlein  fundulus  aus  einem  vet.  voc.  v.  1482  nachweist.  Weitere 
Belege  dazu  finden  sich  Grabianus  Tischzucht  (1538)  im  6.  Artikel, 
„wann  schmirlen,  gründien,  krebssen  oder  ander  dergleichen  kleine  fisch 
auff  den  tiseh  kummen"  Bl.  Az.  und  Diefenbaeh  S.  252  s.  v.  fundulus, 
270  s.  v.  gubea,  558  s.  v.  suates,  mhd.  Wb.  IP  426a. 

163,  15.  vgl.  Germania  4,  374.  5,  64.  486. 

164,  16.  'Peinliche  Strafen*  sehe  ich  in  dem  Ausdruck  noch  den 
ganzen  Zusammenhang  nicht;  es  ist  wohl  überhaupt  Sehaden  gemeint, 
wie   in   dem    von  W.   Grimm  angezogenen  Vers   von  der  Trunkenheit. 

179,  18  —  21.  vgl.  Muspilli  (Denkmäler  von  Müllenhoft'  u.  Scherer) 
23.  24  u.  94  —  98.  so    mac  huckan  za  diu,  sorgen  dräto:  der  sih  sunt  igen 


342  KARL  SCHENKL,  ZUM  MÄRCHEN  „DER  GAUDIEB  etc." 

uueiz  u.  dar  ni  ist  &6  listic  man,  der  dar  uuiht  arlivgan  niegi,  daz  er 
kitarne  tätd  dehheina,  niz  al  fora  khuninge  kikhundit  uuerde,  üzzan  eriz 
mit  alamuasnü    . .  .    enti  mit  fastun  diu  virind  kipuazta. 

WIEN,  8.  December  1864.  J.  LAMBEL. 

ZUM  MÄRCHEN  „DER  GAUDIEB  UND  SEIN 

MEISTER"    (Grimm  68). 


In  diesem  Märchen  beredet  der  Gaudieb,  welcher  die  Kunst  ge- 
lernt hat,  sich  in  beliebige  Gestalten  zu  verwandeln,  seinen  Vater,  ihn 
als  Pferd,  Windhund  u.  dgl.  zu  verkaufen,  worauf  er  dann  immer  wieder 
seine  frühere  Gestalt  annimmt  und  so  den  Käufer  um  das  Geld  betrügt, 
das  seinem  Vater  zu  Gute  kommt.  Wir  wollen  nun  hier  aufmerksam 
machen,  daß  sich  ein  ganz  ähnlicher  Zug  in  der  Sage  von  Erysichthon 
findet.  Als  nämlich  Erysichthon  vom  verzehrenden  Hunger  gequält  wird, 
verkauft  er  seine  Tochter  Mestra,  um  sich  für  den  Erlös  Nahrung  zu 
verschaffen.  Diese  aber  weiß  sich  durch  die  Gabe  der  Verwandlung, 
die  Poseidon  ihr  verliehen  hat,  dem  Käufer  zu  entziehen  und  zu  ihrem 
Vater  zurückzukehren,  wie  es  bei  Ovid  Met.  VIII,  874  heißt: 

Sa?pe  pater  dominis  Triope'ida  vendit;  at  illa 

Nunc  equa,  nunc  ales,  modo  bos,  modo  cervus  abibat: 

Prasbebatque  avido  non  iusta  aliincnta  parenti. 
Bezeichnend  ist  auch  der  Name  MijGtqcc,  d.  i.  „die  Ersinnerin,  Erfin- 
derin", worüber  noch  Pott  Zeitschrift  für  vergl.  Sprachforschung  Bd.  6, 
S.  357  ff.  zu  vergleichen  ist.  Endlich  sei  noch  bemerkt,  daß  die  ganze 
Sage  von  Erysichthon  bisher  wohl  falsch  erklärt  worden  ist  (wie  bei 
K.  O.  Müller  Dorier  I,  404,  Preller  griech.  Myth.  I,  606,  2.  Aufl., 
Welcker  griech.  Myth.  III,  107).  Erysichthon  ist  nämlich  ein  Beiname 
des  Poseidon,  und  deutet  auf  den  Umstand  hin,  daß  das  Meer  fort 
und  fort  an  das  feste  Land  anschlägt  und  dasselbe  abspült.  Die  Woge, 
welche  immer  fort  gierig  am  Ufer  leckt  und  niemals  ruht,  ist  die 
Grundlage  zu  jenem  Bilde  verzehrenden  Hungers,  das  uns  in  der  Sage 
begegnet.  Und  so,  meine  ich,  ist  auch  der  Umstand  erklärt,  daß  Ery- 
sichthon den  heiligen  Ilain  der  Demeter  zerstört  (Ovid  743  ff.  Kalli- 
machos  in  seinem  Hymnos  auf  die  Demeter  32  ff.).  Bedeutsam  ist  noch, 
daß  diese  Saj;e  in  Thessalien,  wo  der  Kultus  des  Poseidon  besonders 
zu  Hause  war,  einheimisch  gewesen  ist.  Auch  nennt  Piaton  im  Kritias 
p.  114,  c  unter  den  Söhnen  des  Poseidon  einen  Mi'jötcoq,  welcher  der 
oben  erwähnten  MrjöTgu  entspricht. 

GRAZ.  KARL  SCHENKE. 


343 

BIBLI06KAPH1SCHE  ÜBERSICHT 

DER 

ERSCHEINUNGEN  AUF  DEM  GEBIETE  DER  DEUTSCHEN 
PHILOLOGIE  IM  JAHRE  1864. 

VON 

KARL  BARTSCH. 

I.    Begriff  und  Geschichte  der  deutschen  Philologie. 

1.  Steinthal,  Heinrich,  Philologie,  Geschichte  und  Psychologie  in  ihren 
gegenseitigen  Beziehungen.  Ein  Vortrag,  gehalten  in  der  Versammlung  der 
Philologen  zu  Meißen  186  3  in  erweiternder  Überarbeitung,  gr.  8.  (IV,  7  6  S.) 
Berlin    18  64.     Dümmler.      %   Rthlr. 

Vgl.  Rivista  Italiana  1864,  208;  Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslandes  1864, 
Nr.  34  (von  Bechstein);  Litter.  Centralbl.  1865,  Nr.  4;  Österr.  Wochenschrift  1865,  Nr.  5. 

2.  Dwight,  B.  W.,  Modern  philology  :  its  discoveries,  history  and  iniluence. 
2    Voll.    8.    London    1864.     Trübner.     24  Shill. 

3.  Bechstein,  Reinhold,  Die  deutsche  Philologie  in  Jacob  Grimm's 
Todesjahr. 

Deutsehe  Jahrbücher  für  Politik  und  Litteratur,  1864,  April  und  September. 

4.  Erinnerung  an  Joseph  Freiherrn  von  Lassberg  auf  der  alten  Meersburg. 

Historisch-politische  Blätter,  53,  425  —  441.  505—522.  Meist  nach  mündlichen 
Mittheilungen  Lassberg's. 

5.  Grimm,  Jacob,  Rede  auf  Wilhelm  Grimm  und  Rede  über  das  Alter. 
Zweiter  unveränderter  Abdruck.  Mit  zwei  Photographien,  gr.  8.  Berlin  1864. 
Dümmler.     ~/3   Rthlr. 

Vgl.  Bibliographie  1863,  Nr.  1,  und  Blätter  für  litterarische  Unterhaltung  1864, 
Nr.  22;  Europa  1864,  Nr.  23. 

6.  Scholl,   Adolf,  Erinnerungen   an   Ludwig   Unland. 

Orion,  Monatschrift  für  Litteratur  und  Kunst.  (Hamburg  1863.)  1.  Bd.  2.  lieft, 
S.  122—132. 

7.  Keller,  Ad.   v.,    Urkundliches   zu   Uhland's  Leben. 

Würtembergischer  Staatsanzeiger  1863 ,  Nr.  25  ;  Berichtigung  mehrerer  verbrei- 
teter Irrthümerj  Geschichte  von  Uhland's  Anstellung  in  Tübingen ;  Verzeichnis*  seiner 
Vorlesungen  und  bedeutenderen  Zuhörer. 

8.  Vi  scher,  Fr.  Tb..,  Ludwig  Unland. 
Kritische  Gänge,  neue  Folge.    4.  Heft,  S.  i)\) — 16!). 

9.  Ludwig   U  bland. 

The  quarterly  review.  July  1864,  S.  34 — 5U.  Anlehnend  an  mehrere  deutsehe 
Schriften  über  Uhland   und  an  die  von  Holland   besorgte  Ausgabe  der  Gedichte  (1863). 

10.  Sandvoß,  Fr.,  Rede  auf  Uhland,  gehalten  bei  der  Uhlandfeier  in 
Fricdland.     8.     Friedland    1864.     Richter.     5   Ngr. 

11.  Klüpfel,    K.,   Johann   Ludwig   Uhland. 
Unsere  Zeit,  Bd.  VII,  Februar  1863,  S.  81  —  108. 

12.  Scher  er,   Wilhelm,    Jacob   Grimm.     Eistcr   Artikel. 

Preußische  Jahrbücher  1864,  December,  S.  632  —  680.  Januar  1865,  S.  1  —  32. 
Das  Umfassendste  und  Eingehendste,  was  bis  jetzt  über  J.  Grimm  geschrieben  worden. 


344  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

Dieser  erste  Artikel  gibt  nach  einer  Geschichte  der  deutschen  Philologie  von  ihren  An- 
langen als  Einleitung  eine  Darstellung  von  Grimm's  Leben  und  Entwicklung  bis  etwa  1816. 

IS.   Zarncke,   Jacob   Grimm. 

Die  Wissenschaften  im  19.  Jahrhundert  (Sondershausen  18f>4).  9.  Bd.  I.  Heft. 
Die  in  der  germanistischen  Section  der  Philologenversammlung  zu  Meißen  gehaltene 
Kede;  vgl.  Germania  9,  123 — 127. 

M.  Haupt's  Gedächtnissrede  auf  Jacob  Grimm,  gehalten  am  7.  Juli  1804  in  der 
Berliner  Akademie  (vgl.  Monatsbericht  1864,  Juli),  ist  noch  nicht  im  Druck  erschienen. 

14.  Jacob    Grimm    über    Schule   und    Lehrer. 
Protestantische  Blätter  für  das  evangelische  Österreich  1864,  Nr.  6. 

15.  Jacob   Grimm's    Schüler   und   Verehrer   nach   ihrer  kirchlichen   Seite. 
Evangelische  Kirchenzeitung  1864,  75.  Bd.,  1.  Heft. 

16.  Baudry,  F.,  Les  freres  Grimm,  leur  vie  et  leurs  travaux.  8.  (48  S.) 
Paris    186  1.     Durand. 

Extrait  de  la  Revue  germanique  et  franeaise ,  livraison  du  1.  Fevrier  1864. 

17.  Zwei   Lieblinge   des   deutschen   Volkes. 

Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslandes  1864,  Nr.  1,  S.  2 — 4. 

18.  Eine  Erinnerung  au  die  Brüder  Grimm. 
Österreichische  Wochenschrift  1S64,  Nr.  8. 

Ich  schließe  hier  noch  an: 

19.  Grimm,  Jacob,  Kleinere  Schriften.  1.  Band:  Reden  und  Abhand- 
lungen,    gr.    8.   (IV,    412    S.)     Berlin    1S64.     Düinmler.     2%   Rthlr. 

Vgl.  Österr.  Wochenschrift  I8b'5,  Nr.  3 ;  Kölnische  Zeitung  Nr.  72 ;  Kivista  ital.  235. 

2  0.    Neuere    Germanisten.     IL    Karl    S  i  m  r  o  c  k.     III.    Adalbert  Kuhn. 

Dlustrirte  Zeitung  1864,    Nr    1080  und  1112.     Vgl.  Bibliographie   1863,    Nr.   14. 

Eine  Selbstbiographie  von  Vilmar  enthält  das  zweite  Heft  der  Grundlage  zu  einer 

Hessischen  Gelehrten-,  Schriftsteller-  und  Künstler-Geschichte  von  Gerland  in  Kassel  1864. 

IL   Handschriftenkunde    und  Bibliographie. 
2 1 .   Zahn,   Verzeichniss   der  Handschriften  der    k.  k.   Universitätsbiblio- 
thek zu   Graz. 

Beiträge  zur  Kunde  steiermärkischer  Geschichtsquellen.    1.  Jahrg.    Graz  18b'4. 

2  2.   Scherer,    Gustav,  Nachlese  stil't-sauctgallischer  Manuscripte. 

Mittheilungen  zur  vaterländischen  Geschichte.  Herausgegeben  vom  historischen 
Verein  zu  S.  Gallen.  2.  Heft,  1863.  Nachträge  zu  des  Verfassers  St.  Gallische  Hand- 
schriften (1859). 

23.  Bibliotheca  philologica,  oder  geordnete  Übersicht  aller 
auf  dem  Gebiete  der  classischen  Alterthumswissenschaft  wie  der  älteren  und 
neueren  Sprachwissenschaft  in  Deutschland  und  dem  Auslande  neu  erschienenen 
Bücher.  Herausgegeben  von  Dr.  Gustav  Schmidt.  16.  Jahrg.  186  3.  2.  Heft, 
Juli  bis  December;  17.  Jahrgang  1864,  1.  Heft,  Januar  bis  Juni.  gr.  8. 
(S.  63 — 150  und  1 — 74.)  Göttingen  1864,  Vandenhoeck  und  Ruprecht.  8  und 
7    Ngr. 

24.  Grässe,  Theodor,  Tresor  de  livres  rares  et  preeieux  ou  nouveau 
dictionnairc  bibliographique.  26  —  30.  Livr.  gr.  4.  (reicht  bis  T.  VI,  S.  96). 
Dresden    1864.     Kuntze.    ä   2   Rthlr. 

25.  Brunei,  Jacques  Charles,  Manuel  du  libraire  et  de  l'amateur  de 
livres.  5me  edition  entierement  refondue  et  augmentee  d'un  tiers  par  Tauteur. 
Paris,   Didot. 

T.  V.  der  Schluß  des  Ganzen.    Vgl.  Litter.  Centralbl.   1864,  Nr.  45. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  345 

26.  Weller,  Emil,  Repertorium  typographicuni.  Die  deutsche  Litteratur 
im  ersten  Viertel  des  16.  Jahrhunderts.  Im  Anschluß  an  Hain's  Repertorium 
und  Panzer's  deutsche  Annalen.  Lex.  8.  (XVIII,  506  S.)  Nördliugen  1864. 
Beck.     sVo    Rthlr. 

Vgl.  Bulletin  du  bibliophile  beige  XX,  4. ;  Anzeiger  f.  Kunde  d.  deutsch.  Vorzeit 
1865,  Nr.  3. 

2  7.  Wiechmann,  C.  M. ,  Meklenburgs  altniedersäehsische  Litteratur. 
Ein  bibliogi-aphisches  Repertorium  der  seit  der  Erfindung  der  Buchdruckerkunst 
bis  zum  dreißigjährigen  Kriege  in  Mecklenburg  gedruckten  niedersächsischen  oder 
plattdeutschen  Bücher,  Verordnungen  und  Flugschriften.  Erster  Theil.  Bis  zum 
Jahre    1550.     8.     (X,    220   S.)     Schwerin    1864.     Bärensprung.     1 '/4   Rthlr. 

Vgl.  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Nr.  11. 

III.   Sprachwissenschaft    und  Sprachvergleichung. 
28.    Steinthal,    IL,    Über    den    gegenwärtigen    Zustand    der    Sprach- 
wissenschaft. 

Haym's  preußische  Jahrbücher  13,  563 — 587. 

2  9.   Sandvoß,  Fr.,   Zur  Wissenschaft  der  Sprache. 
Blätter  für  litterarische  Unterhaltung  1864,  Nr.  24. 

3  0.  Raum  er,  Rudolf  von,  Herr  Professor  Schleicher  in  Jena  und  die 
Urverwandtschaft  der  semitischen  und  indoeuropäischen  Sprachen.  Ein  kritisches 
Bedenken,    gr.    8.    (17    S.)    Frankfurt   a.   M.    1864.    Heyder   u.   Zimmer.    3    Ngr. 

Entgegnung  auf  eine  Recension  Schleicher's  über  Räumer' s  15.  Abhandlung  der 
gesammelten  sprachwissenschaftlichen  Schriften  (Bibliographie  1863 ,  Nr.  46)  in  Kuhn's 
und  Schleichers  Beitrügen  zur  vergleichenden  Sprachforschung  (Bd.  IV,  Heft  2).  Vgl. 
Schleicher  in  den  Beiträgen  4,  365 — 368. 

3  1.  II  i  r  z  e  1 ,  Ludwig;   Zum  Futurum   im  Indogermanischen. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  13,  215 — 223. 

IV.  Deutsche  Grammatik. 
3  2.   V  i  1  m  a  r,   A.   F.   C,   Anfangsgründe  der  deutschen   Grammatik,   zu- 
nächst   für  die    oberen  Classen   der  Gymnasien.      I.  Lautlehre    und  Flexionslehre 
nebst  gothischen   und  althochdeutschen  Sprachproben.   6.  Aufl.   gr.  8.   (VIII,  9  6  S.) 
Marburg    186  4.    Elwert.     12   Ngr. 

33.  Hahn 's,  K.  A.,  Mittelhochdeutsche  Grammatik.  Neu  ausgearbeitet 
von  Dr.  Fricdr.  Pfeiffer,  Stadtbibliothekar  in  Breslau.  8.  (XV.  2  00  S.)  Frank- 
furt  a.   M.    18  65.     Brönner.     2  4   Ngr. 

Eine  gänzlich  umgearbeitete  neue  Ausgabe,  die  auch  mit  einem  Abriss  der  mhd. 
Metrik  (S.  161  — 1!»5)  versehen  ist.    Vgl.  Allgem.  Litt.-Zeitung  1865,  Nr.  8. 

34.  Thurnwald,  A.,  Lehrbuch  der  mittelhochdeutschen  Sprache  für 
Gymnasien,     gr.    8.     (VI,    199    S.)     Prag    18  64.     Tcmpsky.     21    Ngr. 

35.  Aasen,  Norsk  Grammatik.  Omarbeidct  Udgave  af  Dct  norske 
Folkesprogs   Grammatik.'     S.     (XVIII,    400    S.)     Christiania    186  4.    Mailing. 

36.  A  Gram  mar  of  the  Ani;!o-Saxon  Tongue,  from  the  Danish  of 
Erasm.  Rask,  by  Benjamin  Thorpe.  Second  edition,  corrected  and  iniproved.  8. 
(VI,    192    S.)    London    1865.     Trübner. 

37.  Marsh,  G.  P.,  The  origin  and  bislory  of  the  cnglish  languagc.  8. 
London    18  63.    Low. 

38.  Da  vi  n,  K.  II.  G.,  Die  Sprache  der  Deutsehen  nach  ihrer  Geschichte, 
ihrer   Litteratur    und    ihren   Mundarten    dargestellt    und    für   Deutschlands   Volks- 


346  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

selmllebrer ,     sowie    für    den    Gebrauch    in    Schullehrer  -  Seniinarien   etc.     gr.   8. 
(VIII,    351    S.)     Erfurt    1864.     Körner.     1 '/2   Rtülr- 

39.  Der  od  e,   V.,  Analogies  de  la  langue   Quichee  et  du  Flamand. 
Bulletin  du  comite  flamand  de  France.    T.  III,  1863. 

40.  Pfeiffer,   Franz,    Die  Kanzleisprache  Kaiser  Ludwigs  des  Baiern. 
Pfeiffer's  Germania  9,  159 — 172.  ' 

41.  Holtzmann,  Adolf,   Das  lange  A. 
Germania  9,  179—191. 

42.  Tob  ler,   L.,  Über  die  Bedeutung  des  deutschen  ye-   vor  Verbis. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  14,  108 — 138. 

43.  Köhler,   Arthur,   Über  den  syntaktischen   Gebrauch  des   Dativs  im 
Gothischen.    Inaugural-Dissertation  (Göttingen).     8.     (54   S.)    Dresden    1864. 

44.  Birlinger,   A.,   Die  substant.  neutra  auf  -ir  im  Pluralis.    Wechsel 
der  IV.  und  V.  Classe    der  starken   Zeitwörter.    Participia  depon.   (part.  prät.  etc.) 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  14,  159 — 160. 

45.  Meyer,  Leo,  Über  das  deutsche,   insbesondere  gothische  Adjectivum. 
Germania  9,  137 — 145. 

46.  Zingerle,   J.  V.,  Zum   Gebrauch   des   Comparativs  im  Mittelhoch- 
deutschen. 

Germania  9,  403—406. 


47.  Weber,  Dr.  Franz,  Lehrer  in  Halberstadt,  Magister  Fabian  Franck, 
der  erste  deutsche  Orthograph.    8.    Halberstadt   1863. 

48.  Rochholz,  E.  L.,  Briefe  über  die  Rechtschreibung,  gerichtet  an 
eine    deutsche    Frau.     gr.   8.    (VII,    113    S.)     Aarau   1864.     Christen.     12   Ngr. 

Vgl.  Vogler,  Musik-  und  Litteraturblatt  1864,  Nr.  10;  Magazin  für  die  Litt,  des 
Auslandes  1864,  Nr.  48;  St.  Galler  Blätter  1865,  Nr.  3;  Europa  1865,  Nr.  13;  Allgem. 
deutsche  Lehrerzeitnng  1864,  Nr.  12. 

49.  Schreiber,  Prof.  Job  Max,  Einheit  der  deutschen  Schreibung. 
Denkschrift  an  den  Lehrerverein  die  Volksschule  in  Wien.  2.  Auflage,  gr.  8. 
(16    S)  Wien    1864.    Hoffmann  u.   Ludwig.     6   Ngr. 

V.  Deutsche  Lexicographie. 

50.  Mittelhochdeutsches  Wörterbuch  mit  Benutzung  des 
Nachlasses  von  G.  F.  Beneke,  ausgearbeitet  von  W.  Müller  und  Fr.  Zarncke. 
2.   Bd.,    2.  Abth.,    3.  Lief.    (S.    385 — 576.)   Slahe  —  Stande.    1    Rthlr. 

51.  Engl  mann,  L. ,  Glossar  zum  mittelhochdeutschen  Lesebuch,  gr.  8. 
München    186  4.    Lindauer.     4   Ngr. 

Vgl.  Bibliographie  1863,  Nr.  374. 

5  2.  Kehr  ein,  J.,  Ältcrneuhochdeutsches  Wörterbuch.  Ein  Beitrag  zur 
deutschen  Lexicographie.  Besonderer  Abdruck  aus  des  Verfassers  Sammlung: 
Katholische  Kirchenlieder,  Hymnen,  Psalmen,  aus  den  ältesten  deutschen  gedruck- 
ten Gesang-  und  Gebetbüchern.   8.  (IV,  150  S.)  Würzburg  1865.   Stahel.    1  Rthlr. 

5  2\   Jütting,  W.  A.,  Biblisches  Wörterbuch.    Leipzig    1864.    Teubner. 

Vgl.  Germania  10,   114—115  (von  R.  Bechstein). 

5  3.  Deutsches  Wörterbuch  von  Jacob  Grimm  und  Wilhelm 
Grimm.    Fortgesetzt  von  Dr.  Rudolf  Hildebrand  und  Dr.  Karl  Weigand.    Fünften 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  347 

Bandes    erste   Lieferung.     [K  -  Kartenbild].     Bearbeitet    von    Dr.    H.    Hildebrand, 
hoch   4.    (Sp.    1  —  24  0).   Leipzig    186  4.   Hirzel.     %    Rtblr. 

Vgl.  Litt.  Centralbl.  1864,  Nr.  34.  Österr.  Wochenschrift  Nr.  37;  Grenzboten 
1865,  Nr.  1. 

54.  Sanders,  Daniel,  Wörterbuch  der  deutschen  Sprache.  Mit  Belegen 
von  Luther  bis  auf  die  Gegenwart.  28. — 31.  Lieferung,  gr.  4.  (Bd.  2,  S.  1121 
bis    1440.)     Leipzig    1864.    O.  Wigand.    a   %   ßthlr. 

55.  Bouterwek,  Niederdeutsches  Glossar  zu  dem  Büchlein  von  der 
Rache  und   einigen   die  Wiedertäufer  betreffenden   Schriften. 

Zeitschrift  des  Bergischen  Geschichtsvereines,  1.  Band,  4.  Heft. 

5  6.  Fritzner,  Job.,  Ordbog  over  dat  gamle  norske  Sprog.  4.  u.  5.  Heft, 
[hrimforssin-noring].     Christiania    186  3 — 6  4. 

57.  Stratrnann,  F.  H.,  A  dictionary  of  the  englLh  language  on  the 
13,  14.  and  15.  centuries.  Part  I.  gr.  8.  Crefeld  1864.  Gehrich  in  Comni. 
1    Rtblr.    3'/,    Ngr. 

Vgl.  Litt.  Centralbl.   1865,  Nr.   10,  Sp.  268  (von  Grein). 

5  8.  Müller,  Eduard,  Etymologisches  Wörterbuch  der  englischen  Sprache. 
1.   Lieferung.     8.    (S.   1 — 176.)   [A-Carve.]     Cöthen    1864.     Scbettler.     3/»   *&tk\r. 

Das  Werk  ist  auf  sechs  Lieferungen  berechnet,  deren  drei  erste,  die  Buchstaben 
A  —  K  umfassend ,  den  ersten  Theil  bilden  werden.  Mit  der  dritten  wird  die  Vorrede 
ausgegeben,  die  den  Plan  und  Zweck  erörtern  soll ;  ebenso  ein  Quellenverzeichniss.  Das 
Ganze  hat  wissenschaftliche  Haltung.  Vgl.  Litter.  Centralbl.  1865 ,  Nr.  10  (Grein) ; 
Herrig's  Archiv,  36.  Band,  4.  Heft. 

59.  Vries,  Dr.  M.  de,  Middelnederlandsch  Woordenboek.  1.  Heft. 
A  -  Afdinken.  (IV,  128  Sp.)  Royal  8.  's  Gravenhage  1864.  Nijhoff.  (Leipzig, 
Brockhaus.)     1 6   Ngr. 

Vgl.  Litt.  Centralbl.  1865,  Nr.  25. 

59a.  De   Vries  en  te  W  i  n  k  e  1  ,   Woordenboek  der  Nederlandsche  Taal. 
Arlev.   I.    's   Gravenhage    1864.    Nijhoff.     16   Ngr. 
Vgl.  Litt.  Centralbl.  1865,  Nr.  25. 


60.  R  o  c  h  h  o  1  z  ,  ,E.  L.,   Die   deutschen   Ortsnamen. 

lllustrirte  Zeitung  1096-  Eine  Recension  von  Förstemann's  Ortsnamen  (Bibl. 
1863,  Nr.  72). 

61.  B(e  c  h  s  t  e  i  n),   R.,   Fremde   Ortsnamen   in  Deutschland. 

Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslandes  1864,  Nr.  31;  ebenfalls  an  Förstemann 
angelehnt. 

62.  L  ü  t  o  1  f ,  Alois,   Zur  Ortsnamenkunde,  besonders  in   den  fünf  Orten. 
Der  Geschichtsfreund.   20.  Bd.    Einsiedeln  1864. 

63.  Oligschlägcr,  F.  W.,  Beiträge  zur  mittelalterlichen  Ortskunde 
des   Niederrheins. 

Annalen  des  historischen  Vereins  für  den  Niederrhein.   15  Heft.   Köln  1864. 

61.  Fontaine,  Essai  etymologique  sur  les  noms  de  lieux  du  Luxein- 
bourg   germanique. 

Publications  de  la  societe  pour  la  recherche  et  1a  conservatimi  des  muuuments 
historiques  dans  le  grand  duche  de  Luxembourg.    Annee  1862.    Lnxeinbourg. 

65.  Bechstein,  R.,   Harz. 
Germania  9,  294. 

66.  Griechen   und   Deutsche   und  ihre  Personennamen, 
Europa  1864,  Nr.  3. 


348  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

67.  Crecelius,  Dr.  W. ,  Collectac  ad  augendam  noininurn  propriorum 
Saxonieorum  et  Frisiorum  scientiam  spectantes.  I.  Index  bonorum  et  redituum 
monusteriorum  Werdinensis  et  Helmostadensis  sasculo  X  vel  XI  consoriptus. 
(Programm  des  Gymnasiums  in  Elbcrfeld  186  4.)  8.  (3  8  S.)  Berlin  186  4. 
Cal vary.     2  0   Ngr. 

Enthält  das  Heberegister  der  Klöster  Werden  und  Helmstadt.  Vgl.  Germania 
9,  432 — 484  (von  F.  Stark).    Anzeiger  für  Kunde  der  deutsehen  Vorzeit  1865 ,    Sp.  40. 

68.  Stracker  jan,  K.,  Die  jeverländischen  Personennamen  mit  Berück- 
sichtigung  der   Ortsnamen,     gr.    4.    (46    S.)    Jever    1864.    Mettcker.      1 2  x/2   Ngr. 

6  9.  Ruprecht,  L. ,  Die  deutschen  Patronymica ,  nachgewiesen  an  der 
ostfriesischen  Mundart,  gr.  4.  (2  3  S.)  Göltingen  186  4.  Vandenhoeck  u.  Ruprecht 
in   Comm.     8   Ngr. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Hildesheim  1864. 

7  0.   W  i  1 1  a  t  z  e  n,  P.  J. ,  Die  Personennamen  auf  Island. 
Bremer  Sonntagsblatt  1864,  Nr,  8. 

71.  Andresen,  Dr.,  Die  deutschen  Familiennamen.  Programm  der 
Realschule  erster  Ordnung  in  Mühlheim  a.  d.   Ruhr.     gr.   4.   (20   S.) 

Vgl.  Litter.  Centralbl.  1864,  Nr.  16,  Sp.  376.  Zusammenstellung  der  Familien- 
namen nach  Gruppen,  in  der  Weise,  wie  man  es  mit  den  Namen  einer  bestimmten  Stadt 
gethau ,  und  mit  beigefügten  Etymologien. 

7  2.  Bechstein,  R. ,  Die  deutschen   Familiennamen. 

Die  Wissenschaften  im  19.  Jahrhundert.    9.  Bd.,    1.  Heft.    Sondershausen  1864. 

7  2a.  Becker,  Friedr.,  Die  deutschen  Geschlcchtsnamcn,  ihre  Entstehung 
und  Bildung.  (Programm  der  Gewerbeschule  zu  Basel  1863  —  64.)  4.  (27  S.)  Basel 
186  4.    Felix  Schneider. 

73.   Latendorf,  Friedr.,   Zu   den   deutschen  Appcllativnamen. 

Germania  8,  208—210.  9,  449  fg. 

73a.  Verwijs,  Dr.  E. ,  De  namen  der  vrouw  bij  den  Germaan.  Eenc 
Voorlezing. 

De  vriije  Fries.    10.  Deel,  Nieuwe  Recks.  4.  Deel,  1.  Stuk.  Leeuwardeu  1863.  8. 


7  4.   Holtzmann,   Ad.,  Der  Name   Germanen. 
Germania  9,  1-13. 

7  5.   Mahn,  Dr.  K.   A.   F.,  Über  den   Ursprung  und  die   Bedeutung   des 

Namens  Germanen.    Ein  Vortrag  in  der  germanistisch-romanistischen   Section   der 

n   Hannover  tagenden   Versammlung   deutscher   Philologen    und   Schulmänner    am 

29.   September    186  4    gehalten.     8.     (3  2    S.)     Berlin    1864.     Dümmler.     10    Ngr. 

Vgl.  Germania  10,   113  (von  A.  Holtzmann). 

7  6.  Glück,  C.  W.,  Die  neueste  Herluitung  des  Namens  Baier  aus  dem 
Keltischen  beleuchtet,  gr.  8.  (17  S.)   München  186  4.   Finsterlin  in  Comm.   '/6  Rthlr. 

Abdruck  aus  den  Verhandlungen  des  historischen  Vereins  für  Niederbayern.   10.  Bd. 

7  7.  Glück,  C  W.,  Der  deutsche  Name  Brachio  nebst  einer  Antwort 
auf  einen  Angriff  Holzmanns.   gr.  8.   (15  S.)    München  1864.    Finsterlin.    5  Ngr. 

7  8.   Pauli,   C,   Deutsche  Etymologien. 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung.  14.  Bd.,  S.  97  —  103.  Behandelt 
goth.  duginnan,  ahd.  bägan,  goth.  fadar,  mothar,  brothar. 

79.   Hof  mann,   Conrad,  Nasahelm. 
Germania  9,  228  fg. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  349 

80.  Möller,  Fr.,  Beide. 
Germania  9,  45G. 

81.  Müller,  K.,  Das  Wort  Natur. 

Die  Natur,  herausgegeben  von  O.  Ule  und  K.  Müller,  18G4,  Nr.  13.  Vgl.  Bibliogr. 
1S63,  Nr.  82. 

81a.  H  o  1  z  e  r,  Anton,  Die  Fremdwörter  im  Deutseben.  (Programm  des 
Gymnasiums  in  Krems    1864.)     4.   (15   S.)    Krems    18G4.    Max.  Pammer. 

VI.   Deutsche  Mundarten. 

8  2.  R  ü  c  k  e  r  t,  H.,  Die  deutsche  Schriftsprache  der  Gegenwart  und  die 
Dialekte. 

Deutsche  Vierteljahrsschrift  1864,  Juli— September,  S.  90—137. 

83.  Morikofer,  J.  C. ,  Die  schweizerische  Mundart  im  Verbältniss 
zur  hochdeutschen  Schriftsprache  aus  dem  Gesichtspunkte  der  LandesbeschaÖen- 
heit,  der  Sprache,  des  Unterrichts  etc.  Neue  Ausgabe.  8.  (VI,  158  S.)  Bern 
18G4    (18  3  8).     Heuberger.     '/2    Rthlr. 

84.  Haupt,   Mundart   der  drei   Franken. 

Enthalten  in :  Bavaria.  Landes-  und  Volkskunde  des  Königreiches  Bayern.  3.  Bd. 
1.  Abth.  S.  191-266. 

85.  Maister,  Andreas,  Die  Vocalverhaltnisse  der  Mundart  im  Burg- 
grafenamte.    4.   (18    S.)     Innsbruck    1864. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Meran  für  1863 — 1864. 

86.  Seh  rö  er,  K.  Jul.,  Versuch  einer  Darstellung  der  deutschen  Mund- 
arten des  ungrischen  Berglandes ,  mit  Sprachproben  und  Erläuterungen.  [Au9 
dem  4  4.  Bande  der  Sitzungsberichte  der  Akademie  der  Wissenschaften  abge- 
druckt]. Lex.  8.  (l  86  S.  mit  einer  Karte).  Wien  1864.  Gerold  in  Comra. 
1  %   Rthlr. 

8  7.  Schröer,  Karl  Jul.,  Die  Laute  der  deutschen  Mundarten  des  un- 
grischen Berglandes.  [Aus  den  Sitzungsberichten  18  04  der  Akademie  der  Wissen- 
schaften abgedruckt.]    Lex.  8.    (78   S.)    Wien  1S64.    Gerold  in  Comm.    12    Ngr. 

88.  Petters,  Ignaz,  Beitrag  zur  Dialekt -Forschung  in  Nordböhmen. 
4.   (12   S.) 

•     Sonderabdruck   aus  dem  Jahresberichte   des   Leitmeritzer  Obergymnasiums  1864. 

89.  Petters,  Ignaz,  Andeutungen  zur  Stoffsammlung  in  den  deutschen 
Mundarten  Böhmens.    8.    (52    S.)    Prag    1864. 

In:  Beiträge  zur  Geschichte  Böhmens,  Abtheil.  II,  Bd.   1,  Nr.  2. 

9  0.  Rank,  Joseph,  Deutsche  Sprachalterthömer  im  Dialekte  des  Böhmer- 
waldes. 

Österreichische  Wochenschrift  1864,  Nr.  53. 

91.   Müller,   Max,   Über  die   Mundarten   in   Schleswig- Holstein. 

Das  Ausland  1864,  Nr.  41. 

9  2.  Kok,  J. ,  Det  danske  Folkesprog  i  Sönderjylland  forklaret  af  Old- 
nordisk,  Gammeldansk  og  de  nynordiske  Sprog  og  Sprogarter.  1.  Deel.  8. 
(438    S.)    1863.     2   Rthlr.    12    Ngr. 

93.  Lyngby,  K.  J.,  Udsagnsordenes  Böjning  in  den  jyske  Lov  og  i  den 
jyske   Sprogart.     8.    (l  30    S.)      186  3.     2  4   Ngr. 


350  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

94.  Birlinger,  Dr.  Anton,  Schwabisch-augsburgisches  Wörterbuch.  Im 
Verlag  der  k.  b.  Akademie  der  Wissenschaften.  8.  (VIII,  49  0  S.)  München 
1864.    Franz   in   Comm.     22/3    Rthlr. 

Ein  Anhang  (S.  451 — 490)  enthält  Lieder,  Sagen,  Sitten,  Kinderspiele. 

95.  Schöpf,  J.  B.,  Tirolisches  Idiotikon.  Herausgegeben  auf  Veranlas- 
sung und  durch  Unterstützung  des  Ferdinandeums.  8.  Lieferung,  gr.  8.  (S.  673 
bis    7  6  8)    Innsbruck   1864.    Wagner.    14   Ngr. 

9  6.  Schiller,  Gymnas.-Oberl.  Dr.  Karl,  Zum  Thier- und  Kräuterbuche 
des  mecklenburgischen  Volkes.  3.  Heft.  gr.  4.  (42  S.)  Schwerin  1864.  Stiller 
in   Comm.     Y3    Rthlr. 

9  7.  Rietz,  Joh.  E.,  Ordbok  öfver  Svenska  Allmoge-Spraket.  4.  u.  5.  Heft 
(bis  Löte,  S.   400).    Lund    18  63. 

Vgl.  Bibliogr.  1163,  Nr.  92. 

9  8.  Gutzeit,  W.  v. ,  Wörterschatz  der  deutschen  Sprache  Livlands. 
1.  Lieferung.    8.    Riga   (Leipzig)    1864.     I    Rthlr. 


9  9.  Germaniens  Völkerstimmen.  Sammlung  der  deutschen 
Mundarten  in  Dichtungen,  Sagen,  Märchen,  Volksliedern  etc.  Herausgegeben 
von  Joh.   Math.  Firmenich-Richartz.   2  7.  Lief.  Berlin  1864.  Schlesinger.   V2  Rthlr. 

100.  Breitenstein,  Jonas,  's  Vreneli  us  der  Bluemmatt.  Ein  Idyll 
aus  dem  Baselbiet  in  allemannischer  Mundart.  8.  (IV,  198  S.)  Basel  18  64. 
Georg.     24   Ngr. 

101.  Na  dl  er,  Karl  Gottfried,  Fröhlich  Palz,  Gott  erhalt's !  Gedichte 
in  Pfälzer  Mundart.  4.  Auflage,  gr.  16.  (X,  346  S.)  Frankfurt  a.  M.  1864. 
Brönner.    2/3    Rthlr. 

Vgl.  Erheiterungen  1864,  Nr.  6;  S.  Galler  Blätter  Nr.  20;  Volksblatt  für  Stadt 
und  Land  48;  Kritische  Blätter  13;  Thüringer  Zeitung  166. 

102.  Verse  und  Reime  eines  alten  Pfälzers.  In  pfälzischer  Mundart.  8. 
(IV,    124   S.)    Heidelberg    1864.    Winter.     T/2   Rthlr. 

10  3.   Greistorfer,   Karl,    Die   oberösterreichischen  Dialektdichter. 
Programm  des  Obergymnasiums  zu  Linz  1863. 

104.  Kiesheim,  A.  v.,  's  Schwarzblatl  aus'n  Weanerwald.  Gedichte  in 
österreichischer  Volksmundart.  3.  Band.  2.  Auflage.  8.  (VIII,  176  S.)  Wien 
18  64.    Gerold.    1    Rthlr. 

105.  Schnadahüpfeln,  450,  Österreicher  G'sang'ln,  nebst  Gesängen 
aus  den  Alpcnscenen  „'s  letzte  Fensterin"  etc.  32,  (VIII,  152  S.)  Weiden  1864. 
Straub.    3   Ngr. 

106.  Feldzug  ka'gen  de  Trichinen.  Humoivske.  Ei  schläs'scher  Schprocho. 
8.    Leobschütz    1864.    Bauer.    2l/„   Ngr. 

107.  Giebelhausen,  C.  F.  A.,  Nischt  wie  lauter  Hack  un  Mack, 
alles  dorchenannerdorch.  Ein  Denkstein  der  alten  Mansfelder  Mundart  gesetzt. 
1.   Heft.    8.    Hettstädt    1865.    Hüttig.     l/4   Rthlr. 

108.  Plattdeutsche   Litterat  ur. 
Blätter  für  litterarische  Unterhaltung  1864,  Nr.  12. 

109.  Sackmann,  J. ,  Plattdeutsche  Predigten  aus  Flugblättern  des 
vorigen  Jahrhunderts  zusammengetragen  und  mit  andern  merkwürdigen  Predigten 
derselben  und  späterer  Zeit  herausgegeben  von  Frd.  Voigts.  8.  (14  3  S.)  8.  Aufl. 
Celle    1864.    Schulze.     V,   Rthlr. 

Vgl.  St.  Galler  Blätter  1805,  Nr.  6;  Blätter  für  litter.  Unterhaltung  Nr.  26. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  351 

110.  Reuter,   Fritz,  sämmtliche   Werke.     1.   Bd.:   Läuseben  un  Rimels. 

7.  Auflage.    8.    (XVIII,   269    S.)    Wismar    1864.    Hinstorff.    1    Rthlr. 

111.  Dieselben,  3.  Band:  De  Reis'  nacb  Belligen.  2.  Auflage.  8. 
(XVIII,   294   S.)    Ebenda.    1   Rthlr. 

112.  Dieselben,  4.  Band:  Twei  lustige  Geschichten.  5.  Auflage.  8. 
(26  8   S.)    Ebenda.    1    Rthlr. 

113.  Dieselben,   7.   Band:  Hanne  Nute  un  de  lütte  Pudel.    3.  Aufl. 

8.  (307    S.)    Ebenda.     1    Rthlr. 

114.  Dieselben,  8.  und  10.  Band:  Ut  mine  Stromtid.  1.  Theil. 
3.   Aufl.    (VI,   293   S.)     3.  Theil   (IV,    345    S.)    Ebenda,    a   1    Rthlr. 

Vgl.  Litt.  Centralbl.  1864,  Nr.  44. 

115.  Groth,  Klaus,  Quickborn.  9.  Auflage,  gr.  IG.  (XU,  304  S.) 
Hamburg    186  4.    Perthes- Besser  und  Mauke.    1    Rthlr.    6   Ngr. 

116.  Groth,  Klaus,  En  geschichte  vun  min  Vetter  voer  min  Herzog 
to  sin  Geburtsdag  den  6.  Juli  1864.   kl.  8.   (15  S.)    Kiel  1864.  Schwers.    3  Ngr. 

117.  Ein   plattdeutscher  Volksdichter  (Claus   Groth). 
Illustrirtes  Familienjournal  1864,  Nr.  45. 

118.  Leder,  fiv  nie,  ton  Singn  un  Beden  voer  Schleswig-Holstein.  8. 
Hamburg    18  64.    Perthes-Besser  u.  Mauke.    3   Ngr. 

119.  Justus,  L.  (L.  Schuemann) ,  Dat  Bödekerlied.  4.  Uplage.  Han- 
nover  18  64.    Kniep.    2   Ngr. 

VII.   Deutsche   Mythologie. 

120.  Simrock,  Karl,  Handbuch  der  deutschen  Mythologie  mit  Einschluß 
der  nordischen.  2.  sehr  vermehrte  Auflage,  gr.  8.  (X,  631  S.)  Bonn  1864. 
Marcus.     22/3    Rthl. 

Vgl.  Allgemeine  Zeitung  1864,  Nr.  302 — 304;  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen 
Vorzeit,  Nr.  11;  Germania  10,   107 — 113  (von  F.  Liebrecht). 

121.  Reusch,  Dr.  R.,  Die  nordischen  Göttersagen,  einfach  erzählt.  Mit 
Holzschnitten  nach  Zeichnungen  von  L.  Pietsch.  8.  (IV,  139  S.)  Berlin  1865. 
Schindler.    2/3   Rthlr. 

Vgl.  St.  Galler  Blätter  1864,  Nr.  48;  Kölnische  Zeitung  Nr.  265;  Europa  43; 
Hamburg.  Nachrichten  1864,  Nr.  265;  Dresdener  Journal  Nr.  238;  AltpreuIHsche  Mo- 
natsschrift 1865,  Nr.  1. 

122.  Ricard,  S.,  Precis  de  la  mythologie  Scandinave,  d'apres  les  meil- 
lcurs  sources  avec  des  illustrations  et  un  commentaire.  8.  (VIII,  5  7  S.)  Copen- 
hague    1863.    Hagerup.    14   Ngr. 

Ganz  werthlos. 

123.  S  ai  n  t  i  n  e,  X.  B.,  La  mythologie  du  Rhin  et  les  contes  de  la 
mere-grand.    18.    (318   S.)    Paris    18  63.    Ilachette.    3  V2   Francs. 

124.  Naturmythen. 
Illustrirte  Zeitung  1104;  nach  Rocliholz. 

12  5.  Weininger,   IL,   Nachklänge   aus   der  deutschon  Vorzeit. 

Unterhaltungen  am  häuslichen  Ileerd   1864,  Nr.  52. 

12  6.   Meyer,  Joh.,   Seelen  und   Blumen. 

Der  Unoth.     Zweites  Heft. 

127.   Pletscher,   A.,    Der   Schimmilirütcr   in   Schieitheim. 

Der  Unnoth.     Zweites  Heft. 


352  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

128.  Weininger,  Hans,   Das   wilde   Heer.     I.   II. 
Deutsches  Museum   [864,  Nr.  40.  50. 

1  29.   S  c  h  weiche  1,  Robert,  Ostern,  die  Göttin  Ostara  und  die  Ostereier. 
Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslandes   1864,  Nr.    II,  S.  210-214. 
13  0.   B  i  r  1  i  n  g  e  r,   A.,   Nachtfahrerin. 
Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit    IS64,  Spalte  248. 
131.  Müller-Samswegen,   E. ,     Culturgeschichtlich.es   über   Unehr- 
liche,  Verrufene  und   Hexen. 

Blätter  für  litterarische  Unterhaltung   1864,  Nr.  25. 

13  2.   D  e  r  s  e  1  b  e,   Zur  Litteratur  der  Hexenprocesse. 

Ebendaselbst   1864,  Nr.  28. 

133.  Birlinger,   A.,   nin   beschwerung   zu   der   ruetten. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  96.  Aus  München,  cod. 
gerni    733. 

Zur   vergleichenden   Mythologie  gehören: 

134.  Braun,  Julius,  Naturgeschichte  der  Sage.  Rückführung  aller 
religiösen  Ideen,  Sagen,  Systeme  auf  ihren  gemeinsamen  Stammbaum  und  ihre 
letzte  Wurzel.  1 .  Band.  gr.  8.  (IV,  444  S.)  München  1864.  Bruckmann.  2 '/3  Rthlr. 

Vgl.  Heidelberger  Jahrbücher  1864,  Nr.  54;  Litter.  Centralbl.  1865,  Nr.  14; 
Allgemeine  Zeitung  1864,  Nr.  230;  Österreichische  Wochenschrift  Nr.  45  (Die  Einheit 
der  Mythologieen) ;   Blätter  für  litter.  Unterhaltung  Nr.  37;    Bremer  Sonntagsbl.  Nr.  41. 

135.  Delbrück.  Berthold,  Die  Entstehung  des  Mythos  bei  den  indo- 
germanischen Völkern. 

Zeitschrift  für  Völkerpsychologie  3.  Bd.,  ;'».  Heft. 

136.  Seh  war  tz,  F.  L.  W. ,  Die  poetischen  Naturanschauungen  der 
Griechen,  Römer  und  Deutschen  in  ihrer  Beziehung  zur  Mythologie.  1.  Band. 
Sonne,  Mond  und  Sterne.  Ein  Beitrag  zur  Mythologie  und  Culturgeschichte  der 
Urzeit,    gr.    8.   (XXIT,    298    S.)     Berlin    1864.    Besser.     1    Rthlr.    26    Ngr. 

Vgl.  Heidelberger  Jahrbücher  1864,  Nr.  ,">2,  von  F.  Liebrecht;  Zeitschrift  für 
das  Gymnasialwesen   1865,  S.  22i;-2:>.4;  Germania    10,   104—105. 

137.  Sonne,  Sprachliche   und   mythologische    Untersuchungen. 

Vgl.  Bibliographie  1S63,  Nr.  12!l;  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung 
13.  mi-445.  14,  1—33. 

138.  Kuhn,  A.,   Indische   und   germanische   Segenssprüche. 
Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung   13.    I!'     71,    113—157. 

130.  Miklosich,  F.,  Die  Rusalien.  Ein  Beitrag  zur  slawischen  My- 
thologie. [Aus  den  Sitzungsberichten  der  Akademie  der  Wissenschaften.]  Lex.  S. 
(2  0    S.)    Wien    180  4.    Gerold    in    Comm.     4    Ngr. 

140.  WrCatko,  Vorstellungen  dir  heidnischen  Böhmen  von  Seele 
und   Leib. 

Sitzungsberichte  der   kön.   böhm,   Gesellschaft   der  Wissenschaften  in  Prag   1863 

141.  Monin,   Philologie   gauloise.    Dieux   et   deesses. 
Revue  des  Societes  savantes  des  departements.    T.  II.    1863. 

VIII.   Sagen  u  n  d   M  iL  r  e  h  c  n. 

142.  Bechstein,    Reinh.,   Sagen-   und   Milrchen-Litteratur. 
Blätter  für  litter.   Unterhaltung   IS64,  Nr,  36 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  353 

143.  Grimm,  Jacob  und  Wilh.  Grimm,  Kinder-  und  Hausmärchen. 
Große  Ausgabe.  2  Bde.  8.  Aufl.  gr.  16.  (XXX,  914  S.)  Göttingen  1864. 
Dietrich.    2    Rthlr. 

144.  Grimm,  Brüder.  Kinder-  und  Hausmärchen.  Kleine  Ausgabe. 
11.    Aufl.     16.    Berlin    1864.    Duncker.     ]/2    Rthlr. 

145.  Simrock,  Karl,  Deutsche  Märchen,  gr.  16.  (VIII,  37  3  S.) 
Stuttgart    1864.     Cotta.     1  '/G    Rthlr. 

Vgl.  Orient  und  Occident  III,  2;  Kölnische  Zeitung  1864,  Nr.  320. 

146.  Bechstein,  Ludwig,  Neues  deutsches  Märchenbuch.  Neue  wohl- 
feile  Ausgabe.     8.    (V,    306    S.)    Wien    1864.    Hartleben.     12    Ngr. 

14  7.   Pflaume,   K.   L.   W.,    Deutsche   Märchen. 
Illustr.  Familienjournal  1S64,  Nr.  9,   12,   16,  20,  22,  25. 

148.   Mich  eisen,   Ed.,   Deutsche   Märchen,   Skizzen   und   Phantasien(?). 
Aus  der  Heimat  von  Roßmäßler  1864,  Nr.  25 — 27. 

14  9.  Liechti,  S. ,  Zwölf  Schweizer-Märchen.  16.  Frauenfeld  1865. 
Huber.    2 1    Ngr. 

150.  Meier,  Prof.  Dr.  Ernst,  Deutsche  Volksmärchen  aus  Schwaben. 
Aus  dem  Munde  des  Volkes  gesammelt  und  herausgegeben.  3.  Auflage.  8. 
(XII,    3  22    S.)     Stuttgart    18  64.    Schober.    2  1    Ngr. 

151.  Holland,   H.,   Ein   altbayorisches   Märchen. 
Bayerische  Zeitung  1864,  Morgenblatt  298. 

15  2.  Vernaleken,  Theodor,  Österreichische  Kinder-  und  Hausmärchen. 
Treu  nach  mündlicher  Überlieferung.  8.  (VII,  35  5  S.)  Wien  1864.  Braumüller. 
1%   Rthlr. 

Umfasst  60  Märchen,  meist  ihrem  Inhalte  nach  schon  bekannt,  aber  mit  abwei- 
chenden Zügen,  aus  Niederösterreich,  Böhmen  und  Mähren.  Die  Anmerkungen  S.  341 
bis  355  enthalten  Verweise  auf  ähnliche  Sammlungen.  Vgl.  Litter.  Centralblatt  1864, 
Nr  51,  Sp.  1234  fg.  (von  Kuhn);  Allgem.  Litteratur-Zeitung  1864,  Nr.  13;  Novellen- 
zeitung 1865,  Nr.  6. 

153.  Bartsch,    Karl,   Schlesische   Märchen   und   Sagen. 

Schlesische  Provinzialblätter .  neue  Folge,  3.  Band.  S.  224  ff.  Aus  einer  beim 
Krakauer  Brande  1850  untergegangenen  Sammlung  K.  Weinhold's. 

154.  Schenk  1,  K. ,  Das  Märchen  von  Sneewittchen  und  Shakespeare's 
Cymbeline. 

Germania  9,  458—460. 

155.  Köhler,   Reinhrld,   Zu   dem   Märchen   von   dem   dankbaren  Todten. 
Orient  und  Occident,  3.  Bd.,  S.  93—103 

156.  Simrock,  Karl,  Der  gute  Gerhard  von  Köln.  Erzählung.  Andere 
Auflage.     16.    (III,    146    S.)    Stuttgart    186  4.    Cotta.     %    Rthlr. 

157.  Storni,   Theodor,   Die  Regentrude.    Ein   Mittsommermärchen. 

Illustr.  Zeitung  Nr.    1100 

Wegen  der  darin  befindlichen  Beziehungen  auf  deutsche  Märchen  sei  noch 
erwähnt: 

158.  Hahn,  Consul  J.  G.  v.,  Griechische  und  albanesisebe  Märchen. 
Gesammelt,  übersetzt  und  erläutert.  8.  (XX,  6  58  S.)  Leipzig  18  64.  Engelmann. 
3    Rthlr. 

Vgl.  Heidelberger  Jahrbücher  1864.  S.  203  —  220  (von  F.  Liebrocht':  Litterar. 
Centralbl  Nr.  32,  Sp.  758  (von  Kuhn);  Chronik  der  Gegenwart  I,  5;  Allgem.  Lütter« 
Zeitung  1865,  Nr.  !). 

GEKMANIA  X.  23 


354  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

159.  A  1  s  a  t  i  a.  Beitrage  zur  elsäßischen  Geschichte,  Sage,  Sitte  und 
Sprache.  Herausgegeben  von  A.  Stöber.  Neue  Folge.  1862 — 1864.  1.  Abth. 
gr.    8.    (225    S.)    Basel    1864.    Bahnmaier   in    Comm.     1    Rtblr.    24    Ngr. 

16  0.  Schön  huth,  Ottmar,  Die  Burgen,  Klöster,  Kirchen  und  Capellen 
Badens  und  der  Pfalz,  mit  ihren  Geschichten,  Sagen  und  Märchen.  21.  und 
2  2.   Lieferung.     12.    (2.   Bd.   S.    385 — 480).    Lahr    1864.    Geiger,    ä    3    Ngr. 

161.  Lauer,   J.,   Der   vergrabene   Schatz.     Sage   aus   der   Pfalz. 
Münchener  Sonntagsblatt  1864,  Nr.  9. 

162.  Birlinger,  Anton,  Volksthümliches  und  Geschichtliches:  Aus 
den    Stauden ;    der   Kreuzpartikel   von    Klimmach    ob   Augsburg. 

Bayerische  Zeitung  1864,  Morgenblatt  Nr.  193. 

163.  B  a  v  a  r  i  a.  Landes-  und  Volkskunde  des  Königreichs  Bayern,  be- 
arbeitet von  einem  Kreise  bayerischer  Gelehrter.  2.  Bd.  Oberpfalz  und  Regens- 
burg, Schwaben  und  Neuburg.  2.  Abtheilung,  gr.  8.  (VI,  S.  545  —  1188). 
3.  Bd.:  Oberfranken,  Mittelfranken.  1.  Abtheilung.  8.  (480  S.)  München 
1863—64.    Litter.    artist.    Anstalt.     2  %    und    2    Rthlr. 

16  4.   Fentsch,   Über   bayerische   Sitte   und   Sage.    Vortrag. 

Zeitschr.  des  Vereins  zur  Ausbildung  der  Gewerke  in  München.   14.  Jahrgang,  1864. 

165.   Zwei   Sagen   aus  dem   bayerischen   Innthale. 

Bayerische  Zeitung  1864,  Morgenblatt  Nr.  5. 

16  6.  Wucke,  C.  L.,  Sagen  der  mittleren  Werra  nebst  den  angrenzenden 
Abhängen  des  Thüringer  Waldes  und  der  Rhön.  2  Bde.  8.  (l.  Bd.  XV,  150  S.) 
Salzungen    18  64.    Scheermesser.     1    Rtblr. 

Vgl.  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1865,  Nr.  5. 

167.  Hör  mann,  L.  v.,  Die  saugen  Fräulein  und  das  Nörgele.  Aus  dem 
lyrolischen   Volksleben. 

Heimgarten  1864,  Nr.  28,  29. 

168.  Hinter  huber,  Rudolf,  Aus  den  Bergen.  Geschichten,  Sagen 
und   Wanderbilder,    gr.    16.    (X,    195    S.)    Wien    18  64.    Gorischek.     14   Ngr. 

169.  Kisfaludy,  A. ,  Sagen  aus  der  magyarischen  Vorzeit.  Deutsch 
von   J.  v.   Machik.     S.   (127    S.)    Pesth    1863.    Heckenast  in   Comm.    %    Rthlr. 

17  0.   Meyer,   K.    G.,   Sagen   und   Märchen   aus   der   Vorzeit   Böhmens. 
Die  Biene  1864,  Nr.  31. 

171.    Waldau,   A.,    Böhmische   Christussagen. 

Unterhaltungen  am  häuslichen  Heerd  1864.  Nr.  12:  Das  Fest  der  Vögel,  Sanct 
Peter  als  Spielmann;  Nr.  13:  Die  Bienen,  Jesus  und  die  Seele,  des  Mägdleins  Himmels- 
gang, das  Mägdlein  im  Walde ;  Novellenzeitung  Nr.  21 ;  Magazin  für  die  Litteratur  des 
Auslandes  Nr.  31,  38,  45,  51;   Bremer  Sonntagsblatt  Nr.  45,  47,  48. 

17  2.   Derselbe,   Der   Fichtenbaum.    Böhmische   Sage. 
Novellenzeitung  1864,  Nr.   17. 

17  3.   Derselbe,   Der   wilde   Jäger.    Böhmische   Sage. 
Novellenzeituiig  1864,  Nr.   13. 

17  4.   Derselbe,   Die   Obstbäume   in   der   böhmischen   Sage. 
Die  Biene  1864,  Nr.  32. 

175.   Lausit. zische   Sagen. 
Europa  1864,  Nr.   12;  vgl.  Bibliographie   1S63,  Nr.    156. 

17  6.  Höpfner,  A.,  Sagen  und  Geschichten  der  Altmark  und  Priegnitz. 
Gedichte.     16.    (VIII,    166    S.)    Berlin    1865.    König.     18    Ngr. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  355 

177.  Grothe,  Willi.,  Schildhorn  und  Teufelssee.  Märkische  Sage.  16. 
(VIT,    8  2    S.)     Berlin    1864.    Grothe.     %    Rtblr. 

Vgl.  Illustr.  Journal  1865,  Nr.  7. 

17  8.  Hennings,  Karl,  Sagen  und  Erzählungen  aus  dem  hannoversehen 
Wendlande.     16.     (III,    196    S.)    Lüchow    1864.    Säur.     l/2    Rtblr. 

Vgl.  Europa  1865,   Nr.  11. 

17  9.    Holm,   A.,    Sagen   aus   dem   Fürstenthume   Lüneburg. 
Hausblätter  1864,  4.  Heft,  S.  304. 

180.  Vorm  bäum,  Sem.  Dir.  Frdr.,  Die  Grafschaft  Ravensberg  und 
die  Stadt  und  vormalige  Abtei  Herford  in  ihren  alten  Ämtern,  in  ihren  jetzigen 
landräthl.  Kreisen  und  in  ihren  Geschichten  und  Sagen.  Für  Schule  und  Hans 
dargestellt.  Mit  in  den  Text  gedruckten  Holzschnitten,  gr.  8.  (IV,  120  S.) 
Leipzig    1864.    Hoffmann.     V6   Rtblr. 

181.  Bentlage,  C,   Sagen  aus  dem  Münsterlande:   Die  Kronenschlange. 
Münchener  Sonntagsblatt  1864,  Nr.  38. 

18  2.    Seiler,   Jos.,    Westfälische   Klostersage.    Gedicht. 
Illustr.  Familienjournal   1864,  Nr.   10. 

183.  Zur  Sammlung  der  Sagen,  Märchen  und  Lieder,  der  Sitten  und 
Gebräuche   der    Herzogthümer   Schleswig,    Holstein   und  Lauenburg. 

Jahrbücher  für  die  Landeskunde  der  Herzogthümer  Schleswig,  Holstein  und  Lauen- 
burg, 6.  Band. 

184.  Arnason,  Jon,  Islenzkar  thjddsögur  og  ajfintyri.  2.  Bindi. 
Lex.    8.    (VIII,    581    S.)    Leipzig    18  64.    Hinrichs.    4V3    Rthlr. 

Vgl.  Germania  9,  231  —  245  (von  K.  Maurer). 

185.  Arnason,  J.,  Icelandic  legends.  Translated  by  G.  E.  J.  Powell 
and   E.   Magnusson.     8.    London    1864.    Bentley.     10   s.    6    d. 


186.   Schnellen,    E.,   Die   Thiersage. 

Unterhaltungen  am  häuslichen  Heerd  1864,  Nr.  24. 

18  7.   Zingerle,    Ign.,    Tirol   als   Schauplatz   der  deutschen   Heldensage. 

Osterreichische  Wochenschrift  1864,  Nr.  33,  34. 

188.  Herschel,   Archivar,   zur   Pilatussage. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  364 — 369.  Hauptsächlich 
Abdruck  aus  Johannes  Rothe's  poetischer  Bearbeitung  der  Sage  in  der  Dresdener  11s 
M.  101,  Bl.  29—32;  vgl.  auch  Germania  9,  172  und  unten  Nr.  514. 

189.  Creizenach,  Dr.  Theod. ,  Die  Aencis,  die  vierte  Ecloge  und 
die   Pharsalia   im   Mittelalter.     4.    (3  7    S.)    Frankfurt    a.    M.    18  64. 

Programm  des  Frankfurter  Gymnasiums.  Enthält  die  mittelalterlichen  Traditionen, 
die  sich  an  Virgil  anknüpfen.     Vgl.  Magazin  für  die  Litt,  des  Auslandes   1864,  S.  366. 

190.  Vernaleken,    Theod.,   Die   Sage   vom   heiligen   Georg. 
Germania  9,  471  —  177. 

191.  Oppert,  Gustav,  Der  Presbyter  Johannes  in  Sage  und  Geschichte. 
Ein  Beitrag  zur  Völker-  und  Kirchenhistorie  und  zur  Heldendichtung  des  Mittel- 
alters.    8.    (V,    208    S.)     Berlin    1864.    Springer.     21/,    Rthlr. 

Vgl.  Das  Ausland  1864,  Nr.  41:  Über  den  asiatischen  Erzpriester  Johannes; 
Magazin  für  die  Litt.  d.  Auslandes  '.'>'>:  Der  Priester  Johannes  in  Sage  und  Geschichte ; 
Theol.  Litteraturblatt  1865,  Nr.  6:  Hist.  Zeitschrift    1865,   I,  300. 

23* 


350  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

191  \   Grieben,   Karl,    Die  Vineta-Sage.    Nov.    18  64. 
Kölnische  Zeitung   23  und  24. 

19  2.  Erzählungen  von  Carl  dem  Großen.  Aus  einem  osnabrückischen 
Lagerbuche. 

Mittheilungen  des  historischen  Vereins  zu  Osnabrück,  VII.  Band,   1864. 

193.  Geißler,   Robert,    Der  Kyffhäuser. 
Illustr.  Familien-Journal  1864,  Nr.  1. 

194.  Pasquee,  Ernst,  Über  Inventionen  und  eine  Aufführung  der  Kyff- 
häuser-Sage   am   Hofe   in   Weimar    1627. 

Recensionen  und  Mittheilungen  über  Theater  1864,  Nr.  16. 

195.  Pfannenschmid,   Dr.  H.,   Der  gegenwärtige  Stand  der  Teilsage. 

Allgemeine  Zeitung  1864,  Beilage  140,   141.    Hauptsächlich  an  Liebenau  (Bibliogr. 

1863,  Nr.  190)  anschließend;  der  Verf.  hält  die  mythische  Grundlage  fest. 

19  6.  Lütolf,  Alois,  Ist  der  Versuch  einer  mythologischen  Erklärung 
der   Teilsage   unstatthaft? 

Germania  9,  217—224. 

19  7.   Pfannenschmid,   H. ,   Die  Tellsage  bei  den  Persern. 

Germania  9,  224—226. 

19  8.   Eine  religiöse   Erklärung   der   Tellsage. 

Allgemeine  Zeitung  1864,  Nr.  174.  Knüpft  an  einen  arabischen  Brauch,  wonach 
zur  Zeit  der  Dattelernte  jährlich  ein  fünf-  bis  sechsjähriger  Knabe  unter  eine  Scheibe 
gestellt  und  nach  der  Scheibe  geschossen  wird,  und  sucht  in  der  Sage  einen  allgemeinen 
mythischen  Gedanken. 

19  9.   Ein   historischer   Gesichtspunkt  bei   der   Tellsage. 
Allgemeine  Zeitung  1864,  Nr.  206. 

200.  Roquette,   O.,  Das  schweizerische  Volkstheater  und  die  Tellsage. 
Preußische  Jahrbücher  (1864)  13,  525—533. 

201.  Die   Tellenscbauspiele   in   der  Schweiz   vor   Schiller. 
Grenzboten  1864,  Nr.  30—33. 

202.  Hesse,  L.  F.,  Schrilten  über  die  Erzählung  von  der  Doppelehe 
eines   Grafen   von    Gleichen.    Beitrag    zur  Litteratur   der   deutschen   Sage. 

Serapeum  1864,  Nr.  8,  9. 

203.  Körner,  A. ,  Die  Sage  von  der  weißen  Frau,  oder  Kunigunde 
Gräfin  von  Orlamünde,  Nürnberg  und  Plassenburg.  3.  Auflage.  1  6.  Tübingen 
186  3.     Oslander   in    Comm.     3    Ngr. 

204.  Schönhuth,  Ottmar,  Die  Sage  vom  Ritter  von  Rodenstein  und 
Schnellert,     als    Herold    des    Kriegs    und    Friedens.     8.     (III,    60    S.)    Tübingen 

1864.  Oslander  in    Comm.    4   Ngr. 

205.  Moser,   Otto,   Auerbaeh's   Keller  und   die   Faustsage. 
Illustr.  Familien-Journal   1864,  Nr    30. 

20  6.   Die   Sage   von    der   Amselfelder  Schlacht. 
Das  Ausland  1864,  Nr.  39. 

207.    Köhler,   R.,   Sagen  von  Landerwerbung  durch   zerschnittene  Häute. 
Orient  und  Occident  3,   185—187. 

2  0  8.    Wappensagen. 

Bayerische  Zeitung  1864,  Morgenblatt  Nr.  6. 

209.    Weininger,    Hans,   Wappensagen. 
Bayer.  Zeitung  1864,  Morgenblatt  Nr.   149  ff. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  357 

IX.   Volks-   und   Kinderlieder,    Sprichwörter,   Sitten 
und   Gebräuche. 

210.  Mittler,  Dr.  Ludwig,  Deutsche  Volkslieder.  Zweite  mit  einem 
Quellenverzeichniss  vermehrte  wohlfeilere  Ausgabe.  Lex.  8.  (VII,  1028  S.) 
Frankfurt  a.   M.    1865.    Völcker.    2    Rthlr. 

Bis  auf  das  angefügte  Quellenverzeichniss  nur  eine  Titel-Ausgabe. 

211.  Volkslieder,  deutsche,  aus  alter  und  neuer  Zeit  gesammelt 
und  mit  (Klavierbegleitung  versehen  von  T.  W.  Arnold.  1.  Heft.  gr.  8.  Elber- 
feld    1864. 

Vgl.  Litter.  Centralbl.  1865,  Nr.  2. 

212.  Volksliederbuch,  neues.  Sammlung  der  beliebtesten  Gesänge 
aus  alter  und  neuer  Zeit.  Dritte  Auflage.  32.  (VIII,  152  S.)  Weiden  1864. 
Straub.     3    Ngr. 

213.  Über  das   deutsche   Volkslied. 

Mittheilungen  des  Vereins  für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen.  2.  Jahr- 
gang.   1864. 

214.  Volkslieder,    schwäbische.    Beitrag   zur   Sitte   und   Mundart  des 

schwäbischen  Volkes,   gr.  8.  (IV,  172  S.)   Freiburg  i.  Br.   1864.    Herder.  3/4  Rthlr. 

Vgl.  Volksblatt  für  Stadt  und  Land  1865,  Nr.  28;  Blätter  für  litter.  Unterhal- 
tung Nr.   18. 

215.  Volkslieder,   schottische   und   schweizer. 
Europa  1864,  Nr.  34. 

216.  Rodenberg,  Jul.,  Die  Schweizer  Kühreihen.  Ein  Beitrag  zur 
Geschiebte   des   Volksliedes. 

Illustr.  Familienbuch  1864,  IV,  8,  S.  264. 

217.  Süß,  Maria  Vincenz,  Salzburgische  Volkslieder  mit  ihren  Singweisen. 
8.    (XVI,    37  2    S.)    Salzburg    1865.     Mayr.     1    Rthlr.    18    Ngr. 

Vgl.  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Nr.  II;  Österreichische 
Wochenschrift  Nr.   14. 

218.  Ein   Gottscheer  Volkslied,   mitgetheilt   von   L.   A.   Frankl. 

Magazin  für  Litteratur  des  Auslandes  1864,  Nr.  30.  Gottschee,  ein  Landstrich 
im  südlichen  Krain. 

219.  Volkslieder,  polnische,  der  Oberschlesier,  ins  Deutsche  über- 
tragen  von   Hoffmann   von   Fallersieben. 

Schlesische  Provinzialblätter ,  neue  Folge,  3.  Bd.,  7.  —  9.  Heft.  Vgl.  Bibliogr. 
1863,  Nr.   194. 

220.  Hommel,  Friedrich,  Geistliche  Volkslieder  aus  alter  und  neuerer 
Zeit  mit  ihren  Singweisen.  Lex.  8.  (XIX,  309  S.)  Leipzig  1864.  Teubner. 
1    Rthlr.    21    Ngr. 

Vgl  Blätter  fär  litter.  Unterhaltung  1864,  Nr.  35 ;  Anzeiger  für  Kunde  der  deut- 
schen Vorzeit  1865,  Nr.   5;  Das  Reich  Gottes  1864,  Nr.  52. 

221.  Crecelius,  Wilhelm,  Über  zwei  ältere  geistliche  Lieder  und 
ihre   Fortpflanzung   im    Volksmunile. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Nr.  11,  Sp.  409 — 413. 

222.  Schade,  Oskar,  Deutsche  Handwerkslieder,  gesammelt  und  heraus- 
gegeben.    16.    Leipzig    18  64.    Vogel.     1    Rthlr. 

Vgl.  Blätter  für  litter.  Unterhaltung  18<>'5,  Nr.  11;  Europa  1864,  Nr.  52;  Wissen- 
schaftliche Beilage  zur  Leipziger  Zeitung  IStiö,  Nr.  28;  Magazin  für  die  Litteratur  des 
Auslandes,  Nr.   16. 


358  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

223.   Grün,   Anastasius,    Robin   Hood.     Ein    Balladenkranz    nach   alteng- 
lischen   Volksliedern.     8.    (VI,    224    S.)     Stuttgart    1864.    Cotta.     2  7    Ngr. 

Freie    dichterische    Gestaltung.     Vgl.    Österreich.    Wochenschrift    1864,    Nr.    19; 
Blätter  für  litter.  Unterhaltung  21;  Unterhalt,  am  häusl.  Heerd  28;  Kölnische  Ztg.  225. 


224.   Voll  mar,   P.,   Kinderreime   aus   Schaffhausen. 
Der  Unoth,  3.  Heft.     Vgl.  Bibliogr.   1S63,  Nr.   196. 

22  5.   Birlinger,   A.,   Zur  älteren   Räthsellitteratur. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  449.  Aus  Müuchen ,  cod. 
germ.  756,  ßl.  44b. 

226.  Sandvoß,   Friedr.,   Zur   Sprichwörterlitteratur. 
Blätter  für  litterar.  Unterhaltung  1864,  Nr.  49. 

227.  Die   Sprichwörter. 
Unterhaltungen  am  häuslichen  Heerd  1864,  Nr.  23. 

228.  Wand  er,  K.  F.  W.,  Deutsches  Sprichwörter-Lexikon.  Ein  Haus- 
sehatz für  das  deutsche  Volk.  5. —  8.  Lieferung,  hoch  4.  (Sp.  513 —  1024.) 
Leipzig    1864.    Brockhaus,    ä   2/3    Rthlr. 

Vgl.  Allgemeine  Schulzeitung  1864,  Nr.  8,  21;  Schles.  Provinzialhlätter,  neue 
Folge,  III,  5,  6. 

229.  Zingerle,  Dr.  J.  V.,  Die  deutschen  Sprichwörter  im  Mittelalter, 
gr.    8.    (l  99    S.)-   Wien    186  4.    Braumüller.     1    Rthlr.    16    Ngr. 

Vgl.  Litter.  Centralbl.  1864,  Nr.  34;  Allgemeine  Litteratur-Zeitung  Nr.  21,  37; 
Blätter  für  litt.  Unterhaltung  Nr.  31 ,  41 ;   Magazin  für  die  Litteratur  d.  Auslandes  34. 

2  30.  Neander's,  Michael,  Deutsche  Sprichwörter,  herausgegeben  und 
mit  einem  kritischen  Nachwort  begleitet  von  Friedrich  Latendorf.  kl.  8.  (5  8  S.) 
Schwerin    1864.     Bärensprung.      j ^   Rthlr. 

Vgl.  Blätter  für  litterar.  Unterhaltung  1864,  Nr.  49;  Anzeiger  für  Kunde  der 
deutschen  Vorzeit  1865,  Nr.   1;    Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslande«,  Nr.   15. 

231.  Steiger,  Karl,  Pretiosen  deutscher  Sprichwörter.  Mit  Variationen. 
Ein  Angebinde  auf  alle  Tage  des  Jahres.  2.  Aufl.  8.  (IV,  450  S.)  St.  Gallen 
1865.    Scheitlin   u.   Zollikofer.     1  l/2    Rthlr. 

23  2.  Frischbier,  H. ,  Preußische  Sprichwörter  und  volksthümliehe 
Redensarten.     8.    (104    S.)    Königsberg    1864.    Nürmberger.     V»    Rthlr. 

233.  Rethwisch,  E. ,  Plattdeutsche  Redensarten.  Couplet,  gr.  8. 
(4    S.)    Hamburg    1864.    1    Ngr. 

234.  Bulletin  de  la  societe  Liegeoise  de  litte'rature  wallone.  Cinquieme 
Annee.    Liege.     12. 

Enthält  von  H.  Hoffmann  in  Hamburg  ein  Verzeichniss  in  Norddeutschland  üb- 
licher Sprichwörter,  welche  mit  deu  in  Dejardin's  wallonischem  Dictionnaire  aufgeführten 
wallonischen  stimmen  (S.   17 — 25). 

235.  S  uringar,  W.  H.  D.,  Verhandeling  over  de  proverbia  communia, 
ook  proverbia  seriosa  geheeten  ,  de  oudste  verzameling  van  Nederlandsche  Spreek- 
woorden.     4.     Leiden    1864.     2    Rthlr. 

2  3  6.  Harre  bom  de,  P.  J. ,  Spreekwoordenboek  der  Nederland.  taal, 
of  verzameling  van  Nederland.  spreekwoorden  en  spreckwoordenlijke  uitdrukkingen 
van    vioegercn    en    lateren   tijd.     3.   Deel.    gr.    8.     1863. 

"J37.    Nemo,    Historische    Sprichwörter    und    Verwandtes. 

Sehlesische   Provinzialhlätter,  neue  Folge.    3.  Bd.,  1.  Heft. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  359 

2  3  8.   Das   apologische   oder   Beispielssprielrwort. 

Blätter  für  litterar.  Unterhaltung  1864,  Nr.  8. 

239.  Reinsberg-Düri  ngsfeld,  O.  v.,  Das  Kind  im  Sprichwort. 
8.    (IV,    107    S.)    Leipzig    18  64.    Fries.     V3    Rthlr. 

24  0.   Das   Kind   im   Sprichwort. 

Europa  1864,  Nr.  28;  an  das  vorige  anknüpfend. 

241.  Reinsberg-Düri  ngsfeld,  O.  v.,  Das  Wetter  im  Sprichwort. 
8.    (VII,    216    S.)    Leipzig    1864.    Fries.    2/3    Rtblr. 

Vgl.  Europa  1864,  Nr.  40;  Novellenzeitung  44;  Der  Globus  7  Bd.,  7.  Lieferung; 
Österreich.  Wochenschrift  1865,  Nr.  10;  Magazin  für  Litteratur  des  Auslandes  Nr.    1J. 

2  4  2.   Der   Teufel   im   deutschen   Sprichwort. 

Unterhaltungen  am  häuslichen  Heerd  1864,  Nr.  9. 


24  3.  Volksbücher,  die  deutschen.  Gesammelt  und  in  ihrer  ursprüng- 
lichen Echtheit  wiederhergestellt  von  Karl  Simrock.  10.  Band.  8.  (V,  54  7  S.) 
Frankfurt   a.   M.    18  64.    Brönner.     1 T/3    Rthlr. 

Enthält:  Die  sieben  Schwaben,  das  deutsche  Räthselbuch  (dritte  Sammlung), 
Oberon,  Eulenspiegel,  Helena.  Vgl.  Allgem.  Litteraturzeitung  1S64,  Nr.  18;  St.  Galler 
Blätter  18;  Litter.  Centralbl.  Nr.   10,  Sp.  237;  Novellenzeitung  28. 

244.  Volksbücher,  deutsche,  nach  den  ältesten  Ausgaben  hergestellt 
von     Dr.    Karl    Simrock.      39.  —  43.    Heft.     Frankfurt    a.    M.    1864.      Brönner. 

1  Thlr.    6   Ngr. 

Enthält:  Die  sieben  Schwaben,  Oberon,  Eulenspiegel,  Helena  und  Pontus  und 
Sidonia. 

2  4  5.  Schönhuth,  O.  F.  H. ,  König  Appollonius  von  Tyrus.  Eine  gar 
wunderbare   und   rührende   Historie.     8.   (64    S.)    Reutlingen    1864.    Fleischhaut r. 

2  Ngr. 

Von  demselben  Verfasser  ebenda:  Faust  (160  S.,  4  Ngr.);  Genovefa  (48  S.,  1  Ngr.) ; 
der  arme  Heinrich  (32  S. ,  1  Ngr.);  Crescentia  (32  S. ,  1  Ngr.);  Heinrich  der  Löwe 
(40  S.,  1  Ngr.);  Heymonskinder  (144  S.,  5  Ngr.);  Magelone  (88  S.,  2  Ngr.);  Schwanen- 
ritter  (56  S.,  2  Ngr.). 


2  4  6.  Der  heutige  Volksglaube. 
Illustr.  Zeitung  Nr.  1074. 

247.  Holland,    H.,   Verschiedene    Sitten   aus   alter   Zeit.     I.   Steintragen, 
Holztragen,    Kettenabbeißen. 

Westermann's  illustr.  Monatshefte  Nr.  90,  März  1864- 

248.  I  1  w  o  f,   Fr.,   Germanistisches   aus   Shakespeare. 

Germania  9,   158 — 59.    'Die  Ruthe  küssen'  in  Richard  II  ,  Akt  4,  Scene  2. 

249.  Meyer,    Elis.,    Aberglauben    aus   der   Stadt   Schaffhausen    und   aus 
Merishausen. 

Der  Unoth,  3.  Heft. 

2  5  0.   Holland,   IL,    Donner   und   Blitz    im   altbaierischen   Volksglauben. 

Westermann's  illustr.  Monatshefte,   Dccember  1S64. 

251.    DerWerth    alter   Überlieferungen    aus   den   Dörfern   Thüringens. 

Die  Grenzboten  1864,  Nr.    III. 

25  2.     Grohmann,   V.,     Aberglauben   und   Gebräuche   aus   Böhmen   und 


360  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

Miiliren.      Gesammelt   und   herausgegeben.     I.   Band.     gr.    8.     (X,    350    S.)      Prag 
1864.    Calve   in   Comm. 

In:  Beiträge  zur  Geschichte  Böhmens.  Herausizejeben  von  dem  Vereine  für  Ge- 
schichte der  Deutscheu  in  Böhmen.  Abtheilung  II,  Band  II.  Vgl.  Allgem.  Litteratur- 
Zeitung  1865,  Nr.  9. 

253.  Siegmund,  F.  ,  Aus  der  Heimatb.  Ernst  und  Scherz  aus  dem 
Leben  der  Deutschen  in  Böhmen.  1.  Heft.  8.  Reichenberg  18  64.  Schöpfer 
u.   Wage.     Vo    Rthlr. 

25  4.   Volksbrauch   und   Aberglaube   im   Erzgebirge.    I.   II. 

Grenzboten  1864,  Nr.  35,  36;  nach  Spiess  (Bibliographie  1862,  Nr.  111). 

255.  Rudi  off,   Grußformen. 
Schlesische  Provinzialblätter,  3.  Band.  1    Heft. 

256.  Pommerland,  das  liebe.  Monatsschrift  zur  Hut  und  Pflege 
pommerscher  Heiligthümer  und  pommerschen  Volksthumes.  Im  Auftrage  des 
Vereins  Pommerania  herausgegeben  von  Pastor  W.  Quistorp.  1.  Jahrgang.  1864. 
12   Nummern,    gr.    8.    Anclam    1864.    Dietze   in   Comm.     2/3    Rthlr. 

Enthält  mancherlei  Mittheilunsren  aus  dem  Volksleben,  so  Erntegebräuche  und 
Erntesprüche  aus  Rügen,  hinterpommersche  Volkssprüche  u.  s.  w. 

257.  Hartmann,  H.,  Der  Volksaberglaube  im  hannoverschen  West- 
falen  (Landdrostei   Osnabrück). 

Mittheilungen  des  historischen  Vereins  zu  Osnabrück,  VII.  Band,  1864. 

25  8.    Sitten    und   Gebräuche   der  holsteinischen   Bauern. 
Unterhaltungen  am  häuslichen  Heerd  1864,  Nr.  34  —  36. 

2  5  9.   Die  Nordschleswiger.    Ihre  Abstammung,   Sprache  und  Sitte. 
Grenzboten  1864,  Nr.  24. 

260.  Sitten,  Gebräuche  und  Charakter  der  Westdalekarlier.  (Aus  dem 
Schwedischen.) 

Ausland  1864,  Nr.  21   fg. 

26  i.    Deutsche  Volks-  und  Gedenkfeste.    I.  Die  Kinderzeche  in  Dinkelsbühl. 
Die  Gartenlaube  1864,  Nr.  2. 

262.  Rößler,   R.,   Sitten   und  Gebräuche  der  Schlesier   bei   ihren  Festen. 
Schlesische  Provinzialblätter,  neue  Foljie,  3.  Band,  1.  Heft. 

263.  Arvin,  Des  Schlesiers  Geburt,  Hochzeit  und  Begräbniss,  Freud 
und   Leid;   seine   Volksfeste,   häusliche   und   öffentliche  Feierlichkeiten. 

Schlesische  Provinzialblätter,  3.  Band,  3. — 8.  Heft,  enthält  Kindtaufe,  Kinder- 
spiele, Hochzeit  und  Begräbniss. 

26  4.  ßeinsber  g-Düringsfeld,  O.  v.,  Festkalender  aus  Böhmen. 
Ein  Beitrag  zur  Kenntniss  des  Volkslebens  und  Aberglaubens  in  Böhmen.  Neue 
(Titel-)  Ausg.    gr.  8.   (XVI,  62  7  S.)  Prag  186  4  (l86l).   Kober.    1  Rthlr.  18  Ngr. 

265.  Waldau,   A.,    Das   Schütteln   der  Bäume   in   Böhmen. 
Unterhaltungen  am  häuslichen  Heerd  1864,  Nr.  42. 

266.  Hartmann,  Hermann,  Die  Familienfeste  des  westfälischen  Land- 
volkes. 

Bremer  Sonntagsblatt  1864,  Nr.  18:  Die  Taufe;  Nr,  32:  Die  Hochzeit. 

267.  Hartmann,  Hermanm  Beschreibungen  einiger  festlicher  Aufzüge 
und   Gebräuche   und   Mittheilung   einer  Sage   vom   Bischof  Piewit. 

Mittheilungen  des  historischen  Vereins  zu  Osnabrück,  VII.  Band,   1864. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  361 

268.    B  rosin,   Dr.   Oscar,   in   Wehdem,   Kreis  Lübbeke,   ein   Volksfest. 

Ebendaselbst. 

2  69.   Zingerle,   J.    V.,   Faschingsbräuche   in    Tirol. 

Bayerische  Zeitung  1864,  Nr.    17  ff.    Morgenblatt. 

27  0.   Löffler,   Ludw.,  Volksfeste   der   Deutschen.    VI.    Das  Osterwasser. 

Über  Land  und  Meer  1864,  Nr.  26. 

2  7 0a.  Thurnwald,  A.,  Das  Pfingstreiten.  Aus  der  Gegend  von  Cho- 
tieschau. 

Mittheilungen  des  Vereins  für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen ,  3.  Jahr"-. 
Prag  1864. 

2  7  1.   Das   Johann  isfest. 

Unterhaltungen  am  häusl.  Heerd  1864,  Nr.  29. 

27  2.  Scholtz,  Alexander,  Gymnasiallehrer  in  Großglogau,  Der  Jobannes- 
name  und   seine   Bedeutung  im   deutschen   Volksglauben.     4.    Glogau    18  64. 
Programm  des  Gymnasiums. 

273.  Müller,   W.   von  Königswinter ,    Das   Sanct   Martinsfest   am   Rhein. 
Gartenlaube  1864,  Nr.  46. 

2  7 3\  Feierabend,  Aug.,  Der  Samichlaus  (St.  Nicolaus)  in  der  Inner- 
schweiz. 

Über  Land  und  Meer  1864.  Nr.  15. 

274.  Rei  nsberg-D  üringsf  eld,   O.  v.,   Deutsche  Weihnachtsgebräuche. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.  1121. 

2  7  5.   Simrock,   Karl,   der   Weihnachtsbaum. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.   1121. 

276.  Rochholz,  E.  L.,  Weihnachten  und  Neujahr  in  der  Schweiz. 
St.   Nikolausabend   etc. 

Grenzboten  1864,  Nr.  49  ff. 

277.  Opel,  J.  O.,  Das  Pölzinger  Weihnachtsspiel.  Neue  Mittheilungen 
aus  dem  Gebiete  histor.  antiquar.  Forschungen.  Im  Namen  des  thüring.  sächs. 
Vereins  herausg.  v.  J.  O.  Opel.    1  0.  Bd.  1.  Hälfte.   Halle  und  Nordhausen  1  8  63.    8. 

278.  Pro  hie,   H,    Weihnachten   im   Harze. 
Über  Land  und  Meer  1864,  Nr.   13. 

279.  Ein  Herodesspiel  aus  dem  Eulengebirge  und  ein  Cbristkindellicd 
aus   dem   Riesengebirge;   mitgetheilt   von   Rob.   Scbück    und   J.   G.   Kutzner. 

Schles.  Provinzialblätter  N.  F.  3.  Band,  2.  Heft. 

28  0.   Weihnachten    und   Neujahr  in    Schleswig-Holstein. 
Illustrirte  Zeitung  Nr.  1122. 

281.  Hochzeit  und  Ehe.  Eine  culturhistorische  Skizze  aus  dem  alten 
Münchener  Leben. 

Illustrirte  deutsche  Monatshefte  von  Westermann,  Nr.  95. 

282.  Thurnwald,    A.,   Die   Bauernhochzeit  in   der   Tepler   Gegend. 

Mittheilungen  des  Vereine«  für  Geschichte  der  Deutschen  in  Böhmen,  3.  Jahr- 
gang, 1864,  Nr.  1. 

283.  Müller,   A.   K.,   Eine   Bauernhochzeit   in    Mecklenburg. 
Illustrirtes  Familienjournal  1864,  Nr.  49. 

284.  Leibbert,    Otto,    Hochzeitsgebräuuhe   im    westlichen   Norwegen. 
Das  Ausland   1864,  Nr.  50. 


362  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

285.  Lütolf,  Alois,  Sanct  Kümmerniss  und  die  Kümmernisse  der  Schwei- 
zer.    Mit  Darstellungen   der   Kümmerniss-Bilder   zu   Bürgein,   Steina   und   Ehrlen. 

Der  Geschichtsfreund,  19.  Band  (1863.) 

2  8  6.   Weininger,   H.,   Die   St.   Leonhardsfahrten   in   Oberbayern. 

Münchener  Sonntagsblatt  1864,  Nr.  32. 

2  8  7.  Aus  dem  bairischen  Gebirge.  I.  Das  Bauernspiel  zu  Kiefersfelden. 
II.   Zum   Tatzelwurm. 

Illustrirte  Zeitung  Nr.  1089—92  und  1093—95. 

2  88.  Feifalik,  J.,  Volksschauspiele  aus  Mähren  mit  Anbang:  1.  Stern- 
dreherlieder,  2.  Weihnachtslieder,  3.  de  sancta  Dorothea;  Pas^ional  1495,  und 
einem   Nachtrage.    8.    (VII,    232    S.)    Olmütz    1864,    Hölzel.    1  \    Rthlr. 

Vgl.  Österreich.  Wochenschrift  1864,  Nr.  37. 

X.   Alterthümer   und   Kulturgeschichte. 

289.  Diefenbach,  Lorenz,  Vorschule  der  Völkerkunde  und  der  Bildungs- 
geschichte, gr.  8.  (XII,  746  S.)  Frankfurt  a.  M.  1864,  Sauerländer.  3  Rthlr.  20Ngr. 

Vgl.  Göttinger  Gel.  Anzeigen  1865,  Nr.  5 ;  Blätter  für  literar.  Unterhaltung  Nr.  9 ; 
Osterreichische  Wochenschrift  Nr.  11;  Deutsches  Museum  Nr.  10;  Wissenschaftl.  Bei- 
lage der  Leipziger  Zeitung  1864  Nr.  84;  Aus  der  Heimath  Nr.  45.  Kuhn  und  Schleicher, 
Beiträge  4,  373 — 377. 

290.  Brugsch,   Dr.   Heinrich,   Germanen   und   Perser. 
Aus  dem  Orient  von  Brugsch,  2,  Theil. 

291.  Pfahler,  G. ,  Handbuch  deutscher  Alterthümer.  gr.  8.  (7  7  7  S.1 
Frankfurt  a.  M.    1864 — 5.    Bräuner.    3  Rthlr.    4  Ngr. 

292.  Horae  ferales;  or  studies  in  the  archeology  of  the  northern  nations. 
By  the  late  John  M.  Kemble,  edited  by  R.  G.  Latham ,  and  A.  W.  Franks, 
director  of  the  society  of  antiquaries.  Mit  3  4  Tafeln,  gr.  4.  Berlin  1864.  Asher. 
3  L.   3  e. 

Enthält  vier  Abhandlungen  Kemble's,  unter  denen  die  wichtigste  die  Todten- 
verbrennung  und  das  Begräbniss  bei  den  nordischen  Völkern  betrifft.  Vgl.  Göttinger 
Gel.  Anzeigen  1864,  Nr.  37,  S.  1469  —  76  (von  G.  Waitz);  Magazin  für  d.  Lit.  d.  Aus- 
landes Nr.  16 ;  Europa  Nr.  23. 

293.  Staub,  J.,  Die  Pfahlbauten  in  den  Schweizerseen.  Mit  Holzschnitten 
u.    8    Tafeln,    gr.  8.    (180  S.)    Zürich  186  4,    Schabelitz  in  Comm.    12  Ngr. 

29  4.   Maurer,   Franz,   über  Alter,   Zweck   und  Bewohner  der  Pfahlbauten. 

Ausland  1864,  Nr.  39  ff. 

295.  Die  dänischen  Kjökken  möddin  gs,  die  Pfahlbauten  in  der  Schweiz 
und   Deutschland   und   die   irischen   Seewohnungen. 

Der  Globus  von  K.  Andree,  6.  Band. 

2  9  6.  Jäger,  Alb.,  Über  das  rhätische  Alpenvolk  der  Breuni  oder  Breonen. 
[Aus  den  Sitzungsberichten  1863  der  Wiener  Akademie.]  Lex.  8.  (9  0  S.) 
Wien  1863,    Gerold  in  Comm.    14  Ngr. 

297.  Schmitz  -  Aur  b  ach,  C.  v.,  Die  Baiern,  ein  teutisches  Urvolk 
und  Stammväter  der  Boji,  und  das  Land  Altbaiern  von  tiefster  Urzeit  her  echt 
teutisch    und   Stammland   der   Baiern. 

Archiv  für  das  Studium  der  neuern  Sprachen  von  L.  Herrig  34,  466 — 478. 

2  9  8.   Dederich,    Oberlehrer   in    Emmerich,   Der   Gau   der   Attuarier. 
Mittheilungen  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthumskunde  in  Frankfurt  a.  M. 
2.  Band,  Nr.  3. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  363 

299.  Ritter,   Über   die   Namen    der   Chatti   oder   Catti. 

Jahrbücher  des  Vereins  von  Alterthumsfreunden  im  Rheinlande,  18.  Jahrgang 
2.  Heft,  S.  19—27. 

300.  Frau  Stadt,  Pastor,  Die  Suevenstämme  des  mittleren  Deutschlands. 
Archiv   für   die    sächsische   Geschichte ,    von  W.  WachsmuJh    und   K.  v.  Weber. 

I.  Band,  1863. 

301.  Hylte  n  -  Cavallius,    G.   O.,    Wärend   och    Wirdarne,    ett  försök 

i    Svenska   Etbnologi.    2.    Haftet.    8.    (S.  235  —  503,    nebst   Nachtrug   und    Anmer- 
kungen  S.  I— XIII)    Stockholm  186  4. 

Vgl.  Bibliogr.  1863,  Nr.  235;  beide  Hefte  bilden  den  ersten  Theil  dieses  fürden 
Mythen-  und  Sagenforscher  ergiebigen  Werkes;  er  enthält  I.  Land  och  Folk,  S.  1 — 107. 

II.  Hadna-kult  S.   108—203.  III.  Hadna-tro  S.  204—503. 

302.  Taciti  Germania.  Ex  Hauptii  recensione  recngnovit  et  perpetua 
annotatione  illustravit  Frid.  Kritzius.  Editio  altera  aucta  et  emendata.  8.  (XVI, 
13  1  S.)   Berlin  1864.   Schneider.    18  Ngr. 

303.  Boot,  J.  C.  G. ,  Over  de  Germania  von  Tacitus.  In:  Verslagen 
en  Mededelingen  der  koninklijke  Akademie  van  Wetensehapen.  Afdeeling  Letter- 
kunde.   7.  Deel.   Amsterdam  18  63.    8. 

3  04.  Mün  scher,  Dr.  Fr.,  Beiträge  zur  Erklärung  der  Germania  des 
Tacitus.   Zweite  Abtheilung.    4.    (4  6  S  ) 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Marburg  1864. 

305.  Göbel,   E,,   Zur   Germania  des   Tacitus. 

Eos,  Süddeutsche  Zeitschrift  für  Philologie  und  Gymnasialwesen.  1.  Jahrg.  4.  Heft. 
305a.  Halm,  Über  einige  controverse  Stellen  in  der  Germania  des  Tacitus. 
Sitzungsberichte  der  bayer.  Akademie  der  Wissensch.  zu  München.   1864.  2.  Heft. 

306.  Becker,   J.,    Zu   Tacitus. 

Rheinisches  Museum  für  Philologie,  19.  Band  (1864)  S.  637-639.  Handelt  über 
Albruna,  Germania  cap.  8. 

3  0  7.  Baumstark,  A.,  Über  das  Romanhafte  in  der  Germania  des  Tacitus. 
Eos  1.  Jahrgang  1.  Heft. 

308.  Wiedemann,   Th.,   Über   eine   Quelle   von   Tacitus'   Germania. 

Forschungen  zur  deutschen  Geschichte  4.  Band  l.  Heft.  Versucht  nachzuweisen, 
daß  Tacitus  und  Horaz  (für  eine  Ode)  aus  derselben  verlorenen  Quelle  geschöpft  haben. 

309.  Fiedler,   Über   den   Wohnsitz   der   Veleda. 

Jahrbücher  des  Vereins  von  Alterthumsfreunden  im  Rheinlande,  37.   Heft. 

3  10.    Holtzmann,    Ad.,    die    Centeni    der    Germanen. 

Jahrbücher  des  Vereins  von  Alterthumsfreunden  im  Rheinlande.  38.   1 1  <  i't. 

311.  Brockhaus,  F.  A.,  De  comitatu  Germanico.  8.  (61  S.)  Jena  1863. 
Haliili  tationsschrift. 

Handelt  cap.  1 — 4  von  dem  Gefoltrswesen  dos  Tacitus.  und  cap.  5—1(1  von  den 
merovin^ischen  Antrustionen,  welche  beide  Erscheinungen  der  Verf  als  Entwickelung 
einer  Grunderscheinung  darstellt.   Vgl.  Literar.  Centralblatt    L864,   Nr.  39. 

312.  Pe ucker,  General  v.,  Das  deutsche  Kriegswesen  der  Urzeiten  in 
seinen  Verbindungen  und  Wechselwirkungen  mit  dem  gleichzeitigen  Staats-  und 
Volksleben.  3.  Theil.  Wanderung  über  die  Schlachtfelder  der  deutschen  Heere 
der  Urzeiten.  1.  Theil.  Die  Kampfe  in  den  beiden  letzten  Jahrhunderten  vor 
dem  Beginne  unserer  Zeitrechnung,  gr.  8.  (XI,  4  15  S.J  Berlin  186  4,  Decktr. 
2    Rthlr.    (1-3:    6  Rthlr.) 


3G4  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

Vgl.  Germania  9,  22Ü  fg.  (von  A.  Holtzmann);  Militär-Literatur-Zeitung  1864, 
Nr.  9;  Göttiwr.  Gel.  Anzeigen  1865,  Nr.  1  (von  G.  Waitz);  Litterar.  Centralbl.  1865, 
Nr.  8;  Deutsch.  Museum  1865,  Nr.  3;  Mag.  f.  d.  Litt.  d.  Ausl.  1864,  Nr.  49. 

313.  Silberschlag,  K.,  Das  Kriegswesen  der  Deutschen  von  den  ältesten 
Zeiten  bis  in    die   erste   Hälfte   des    8.   Jahrhunderts.   I.   II. 

Deutsches  Museum  1864,  Nr.  20.  21. 

314.  Derselbe,  Das  Kriegswesen  der  Deutschen  von  der  Zeit  Karls 
des   Großen   bis   zum   Ende   des   Mittelalters. 

Deutsches  Museum  1864,  Nr.  25. 

315.  Über  das  Kriegswesen  vom  13.  bis  17.  Jahrhundert  in  Baden, 
Bayern,   Elsaß,   Schweiz,   Vorarlberg.   Hessen   und   Rheinpreußen. 

Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Oberrheins  von  Mone,  16,  1  — 17;  Fortsetzung 
im  17.  Bande  (1865). 

316.  Der  Stat  Passaw  Zewg  Regisster.  Ein  Beitrag  zur  altern  Kriegs- 
wissenschaft.   Mitgetheilt   von   Erhard. 

Verhandlungen  des    historischen  Vereines    für  Niederbayern,    10.  Band,    1.  Heft. 

317.  Thorsen,  P.  G. ,  De  Danske  Runemindesmaärker ,  forklarede  af 
P.  G.  Th.  1.  Afdel.,  Runemindesmajrkcrne  i  Slesvig.  (IV,  359  S.)  Kjöbenhavn 
18  64,   Hagerup.    3  Rthlr.    22lj2  Ngr. 

318.  Dieterich,  Lyc.  Prof.  Rect.  Dr.  U.  W.,  Enträthselung  des  Odini- 
schen Futhork  durch  das  semitische  Alphabet.  8.  (VIII,  9  5  S.)  Stockholm  1864, 
Maass.    18  Ngr. 

Vgl.  Litter.   Centralbl.  1864,  Nr.  7,  Sp.   178—180. 

319.  Die  Alterthümer  unserer  heidnischen  Vorzeit.  Nach  den  in  öf- 
fentlichen und  Privatsammlungen  befindlichen  Originalien  zusaminengt stellt  und 
herausgegeben  von  dem  römisch  -  germanischen  Centralmuseum  in  Mainz  durch 
dessen  Conservator  L.  Lindenschmit.  2.  Bd.  1.  Heft.  gr.  4.  (8  Taf.  und  1 0  S. 
Text.)   Mainz  1864,    v.  Zabern.    5/o  Rthlr. 

320.  Eye,  Dr.  A.  v. ,  und  Jac.  Falke,  Kunst  und  Leben  der  Vorzeit 
von  Beginn  des  Mittelalters  bis  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  in  Skizzen  und 
Originaldenkmälern.  2.  nach  chronologischer  Reihenfolge  zusammengestellte  Aus- 
gabe in  3  Bänden.  3.  Bd.  3  —  5.  Heft.  gr.  4.  (3  2  Taf.  und  3  2  Bl.  Text.)  Nürn- 
berg 1864,   Bauer  u.  Raspe,   a    1  Rthlr. 

321.  Stillf  r  ied  -  Alcan  tara,  Rudolf  Graf,  Alterthümer  und  Kunst- 
denkmale  des  Erlauchten  Hauses  Hohenzollern.  Neue  Folge.  10.  Lieferung. 
(2.  Band,  4.  Lief.)  Imp.  Fol.  (6  Steintaf.  und  12  S.  Text  mit  eingedruckten  Holz- 
schnitten.)   Berlin   1864,    Korn.    1 1  l/3  Rthlr. 

322.  Alterthümer  und  Denkwürdigkeiten  Böhmens.  Mit  Zeichnungen 
von  Jos.  Hellich  und  Wilh.  Kandier.  Beschrieben  von  Ferd.  B.  Mikowec  und 
K.  Wl.  Zap.  2.  Bd.,  10.  u.  11.  Lief.  (S.  173  —  208  mit  6  Stahlst.)  Prag  1864, 
Kober.   ä    1 2  Ngr. 

323.  Photographisches  Album  böhmischer  Alterthümer.  Nach  den 
Originalen  aufgenommen  von  dem  ersten  hiesigen  Maler  und  Photographen 
J.  Brandeis.  Text  von  B.  Mikowec.  Fortgesetzt  von  A.  Ambros.  10  Hefte. 
Prag  186  4,   Kuranda.    4  0  Rthlr. 

3  24.  R  u  p  p,  Theophil,  Aus  der  Vorzeit  Reutlingens  und  seiner  Umgegend. 
Mit  vier  Photographien,    gr.  8.    (50  S.)    Reutlingen  1864. 

Vgl.   Anzeiger  für  Kunde  der  deutscheu  Vorzeit  1865,  Nr.   1;  Lit.  Centr.  Nr.  19. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  ^G.-, 

3  2  5.    Birnbaum,    H.,   Zur   Alterthumskunde   Skandinaviens. 
Blätter  für  litter.  Unterhaltung  1864,  Nr.  23. 

326.  Antiquarisk  Tidskrift  för  Sverige  utgifven  af  Kongl.  Vitterhets- 
Historie-  och  Antiquitets  Akademien,  genom  Bror  Emil  Hildebrand.  1.  Delen. 
(VIII,    324  S.)    Mit  23  Tafeln    und  eingedr.  Holzsehn.    Stockholm  1864,   Norstedt. 

3  2  7.    Banck,    O.,    Blicke   in   das   Leben    des    Mittelalters. 

Wissenschaftliche  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  1864,  Nr.  62 — 64. 

32».   Das   häusliche   Leben   der   Engländer   im    13.   und    14.   Jahrh. 
Berliner  Revue.  39.  Band,  3.-6    Heft. 

329.  Sachse,  Friedr.,  Über  die  Verstandescultur  der  Deutschen  im  Mittel- 
alter. 8.  (2  8  S.)  Berlin  18  64.  Jahresbericht  über  die  höhere  Knabenschule  in 
Berlin,    Potsdamerstraße   Nr.  3. 

Vgl.   Germania  9,  78. 

330.  Deutsche   Gemüth  1  ich  kei  t  im   Mittelalter. 
Illustrirtes  Familienjonrnal  1864,  Nr.   10. 

331.  (Härtung.)  Deutscher  Trunk.  Kulturhistorische  Skizzen.  (Aus  den 
Collectaneen   eines   Antiquars.)    8.   (7  6  S.)   Leipzig  186  3,    Härtung. 

Nicht  im  Buchhandel. 

3  3  2.    Falke,   Jakob,    Die   irrende    Ritterschaft. 

Raumer's  notorisches  Taschenbuch,  4.   Folge,  4.  Jahrgang,   1S63,  S.   141—232. 

3  3  3.   Roch  holz,   E.    L.,   Frau   Aventiure. 

Illustrirte  Zeitung,  Nr.  J088 

3  3  4.  Reich,  Dr.  med.  Ed.,  Geschichte,  Natur-  und  Gesundheitslehre 
des    ehelichen   Lebens.    8.    (IV,    568  S.)    Cassel  1864,   Krieger.    3  '/.,  Rthlr. 

Enthält  bis  S.  464  eine  Geschichte  der  Ehe,  oder  vielmehr  der  Stellung  der  Ge- 
schlechter zu  einander  bei  gebildeten  und  ungebildeten  Völkern,  der  Heirathsgebräucha  etc 
Vgl.  Litt.  Centralbl.  1864,  Nr.   18. 

3  3  5.   Hertz,   Dt.    W  ,   Über   den   ritterlichen   Frauendienst. 
Heimgarten   1864,  Nr.  44  ff 

3  3  G.  Wolf,  Ferd.,  Über  einige  altfranzösische  Doctrinen  und  Allegorien 
von   der   Minne,     nach   Handschriften    der    k.   k.   Hofbibliothek,     gr.    4.     (60    S.) 

Wien  1864,    Gerold  in  Comm.    5/6  Rthl- 

Besonders  abgedruckt  aus  den  Denkschriften  der  Akademie,  philos.  hist.  Classe, 
13,  135  —  192.  Aus  den  Wiener  Handschriften  2609,  2621,  2585.  Vgl.  Litt.  Centralbl. 
1864,  Nr.  39;  Allgemeine  Litteratur-Zeitung  1865,  Nr.  2. 

337.   Burgundische  Hofsitten. 

Wochenblau  der  Johanniter-Orderjs-Balley  Brandenburg  1864,   Nr.  30,  31. 

33  8.     Über   die   Markbrüder    und   Federfechter    und   über   das   älteste 
bisher  noch   unbekannte,   gedruckte   deutsche   Fechtbuch. 
Deutsche  Turner-Zeitung  1864,  Nr.  45. 

339.  Hautz,  Hofrath  Prof.  Joh.  Fr.,  Geschichte  der  Universität  Heidel- 
berg etc.  (Bibliographie  1863,  Nr.  266)  10. — 14.  (Schluß-)  Lieferung,  gr.  8. 
(2.  Bd.,    XVI,    S.   161 — 507.)   Mannheim    1864.    Schneider,   ä    */3  Rthlr. 

3  3  9\  Schröder,  Dr.  Job.  Fr.,  Das  Wiederaufblühen  der  classischen 
Studien  in  Deutschland  im  15.  und  zu  Anfang  des  16.  Jahrh.,  und  welche  Männer 
es  befördert  haben,    gr.  8.  (IV,  286  S.)  Halle  1864,    Schwetscbke.    1   Rthlr.  6  Ngr. 

Vgl.  Litter.  Centralbl.  1865,  Nr.  12. 

3  4  0.    Der   Buchhandel    im    Mittelalter. 

Das   Ausland    1864,   Nr.    17. 


36(5  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

341.  Finckenstein,  Priv.  Doc.  Dr.  Raph. ,  Dichter  und  Ärzte.  Ein 
Beitrag  zur  Geschichte  der  Litteratur  und  zur  Geschichte  der  Medicin.  Mit  poe- 
tischen Proben  und  gelehrten  Anmerkungen  ausgestattet.  8.  (IV,  20  8  S.)  Breslau 
1864,   Maruschke  u.  Berendt.    5/6  Rthlr. 

342.  Weltliche   Kranken-   und   Armenhäuser   im   Mittelalter. 
Wochenblatt  der  Johanniter-Ordens-Balley  Brandenburg  1864. 

343.  Kriegk,  Ärzte,  Heilanstalten,  Geisteskranke  im  mittelalterlichen 
Frankfurt   am   Main.   Frankfurt  1863.    4. 

Abdruck  aus  den  Schriften  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthumskunde  in 
Frankfurt  a.  M. 

344.  Finckenstein,   R.,   Die  Epidemien   des  15.   und   16.  Jahrhunderts. 
Deutsche  Klinik  von  Göschen  1864,  Feuilleton. 

345.  Vorschriften   eines   mittelalterl.  Kalenders   über  Gesundheitspflege. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  332  —  336.  Mitgetheilt  aus 
dem  Nürnberger  Archiv  von  Jos.  Baader.  Am  Schluße  Reimsprüche  über  diesen  Ge- 
genstand. 

346.  Birlinger,   A.,   Kalender   und   Kochbüchlein   aus   Tegernsee. 
Germania   9,  192  —  207.     Aus    einer   Papierhandschrift    des    15. —  16.    Jahrb.    im 

Münchener  Nanonalmuseum. 

347.  Flügel,  Dr.,  Volksmedizin  und  Aberglaube  im  Frankenwalde.  Nach 
zehnjähriger  Beobachtung   dargestellt.    8.    (VIII,    81   S.)   München  1863,   Leutner. 

Vgl.  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  224. 

34  8.  Fromm,  L. ,  und  C.  Struck,  Sympathien  und  andere  abergläu- 
bische Curen ,  Lebens-  und  Verhaltungsregeln  und  sonstiger  angewandter  Aber- 
glaube, wie  er  sich  noch  heute  im  Volke  findet.  Ein  Beitrag  zur  Kenntniss  des 
mecklenburgischen    Volkes. 

Archiv  für  Landeskunde,  9.  Heft. 


3  4  9.   Leist,   A.,   Die    Sprache   der   Zigeuner.   Nach   eigener   Forschung. 

Das  Ausland  1864,  Nr.  37. 

35  0.   Wesen   und   Sprache   der   Zigeuner. 

Blätter  für  litter.  Unterhaltung  1864,  Nr.  36. 

351.  Die   Gaunersprache. 
Ebendaselbst  1864,  Nr.  30. 

352.  Steinschneider,  M. ,  Jüdisch-deutsche  Litteratur  und  Jüdisch- 
Deutsch.    Mit   besonderer   Rücksicht  auf  Ave-Lallemant. 

Serapeum  1864,  Nr.  4,  5. 

3  5  3.  Heyne,  M. ,  Über  die  Lage  und  Construction  der  Halle  Heorot 
im  angelsächsischen  Beovulfliede.  Nebst  einer  Einleitung  über  angelsächsischen 
Burgenbau.   gr.  8.    (VII,    6  0  S.)   Paderborn  1864,    Schöningh.    l/3  Rthlr. 

Vgl.  Recensionen  über  bildende  Kunst  1864,  Nr.  28;  Anzeiger  für  Kunde  der 
deutschen  Vorzeit,  Nr.  11  ;  Kölnische  Zeitung,  Nr.  190. 

35  4.  Schultz,  Alwin,  Das  altdeutsche  Haus.  Mittheilungen  der  k.  k. 
Central-Commission  zur  Erforschung  und  Erhaltung  der  Baudenkmale.  8.  Jahr- 
gang,  December.    Wien  186  3.    4. 

3  5  5.   Das   Schloß  Runkelstein   bei  Bozen. 

Ileimgarten  1864,  Nr.   17. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  3(37 

35G.  Holland,  H.  ,  Zwei  Burgen:  Tolenstein  an  der  Altmühl  und 
der   Hohen-Twiel. 

Westermann' s  illustrirte  deutsche  Monatshefte,  Nr.  93,   Juni    1864. 

357.   Heß,    IL,    Über   die    mittelalterlichen    Burgbauten    Thüringens. 

Zeitschrift  des  Vereins  für  thüringische   Geschichte,  5.  Band,  4.   Heft, 

3  5  8.   Jungermann,   W.,    Dorfanlage   und   Hausbau    in    Deutschland. 

Gartenlaube   J864,  Nr.  48,  49. 

35  9.   Brückner,   Das   nordfränkische   Bauernhaus. 
Globus  von   K.  Andree,  7.  Band. 

360.  Sammlung  von  Hausmarken  auf  Siegeln  und  an  Archivurkunden 
des   germanischen   Museums. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.   101  —  163 

361.  P  e  e  t  z,  Hartwig,  Beitrag  zu  den  Forschungen  der  Hausmarken  und 
Ilausnamen   im   bayerischen   Hochgebirge   und   im   Franken walde. 

Bayerische  Zeitung  1864,  Nr.   110. 

362.  Inschriften,  deutsebe,  an  Haus  und  Gerätb.  Zur  epigrammatischen 
Volkspoesie.    16.    (XI,    82  S.)    Berlin  1865,    Besser.    '/2  Rthlr. 

Vgl.  Deutsches  Museum  1S64,  Nr.  48;  Volksblatt  für  Stadt  und  Land  98;  Ma- 
gazin für  die  Litt,  des  Auslandes  1865,  Nr.  7;  Herrig's  Archiv  37,    110. 

3  6  3.  Zur  (Häuser-,  Grab-  etc.)  Ins  ehr  ift  e  n  sam  ml  u  n  g.  Aus  dem  Re- 
gierungsbezirk  Magdeburg. 

Volksblatt  für  Stadt  und  Land  1864,  Nr.  83. 

36  4.    Vierling,    A.,    Häuser-Inschriften   in    der   Oberpfalz. 
Bayerische  Zeitung  1864,  Nr.  297,  Morgenblatt. 

3  6  5.  Scheffer,  H. ,  Inschriften  und  Legenden  Halberstädter  Bauten. 
Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Stadt  aus  den  letzten  vier  Jahrhunderten,  gr.  8. 
(VIH,    56  S.)   Halberstadt  1864,   Halm.    l/3  Rthlr. 


366.  Berjean,  Ph.  Ch.,  The  horses  of  antiquity,  middle  ages  and 
renaissance ,  from  the  earliest  monuments  down  to  tbe  sixteentb  Century.  4. 
London  1864,   Dulau.    12  s. 


3  6  7.   Stark,   F.,   Zur  Farbensymbolik. 

Germania  9.   455  fg. 

36  8.   Zingerle,   J.    V.,   Farbenvergleiche   im   Mittelalter. 

Germania  9,  385—402. 

369.   Zingerle.    J.   V.,   röter  munt. 

Germania  9,  402  fg. 


370.  Gott  ehre  das  Handwerk.  Eine  Sammlung  der  alten  Ilandswerks- 
gebräuche  und  Gewohnheiten  verschiedener  Zünfte.  I.  8.  (99  S.)  Meißen  1864, 
Schindler.     '/3  Rthlr. 

3  7  1.  Heffner,  Dr.  Ludwig,  Über  die  Baderzunft  im  Mittelalter  und  spätrr, 
besonders   in   Franken. 

Archiv  des  historischen  Vereines  für  Unterfranken  und  Aschaffenburg,  17.  Band, 
1.  Heft.    Würzburg  1864.    8. 


3^8  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

3  7  2.  Fahne,  A. ,  Die  Düsseldorfer  Schützen  und  die  Kölner  Gewand- 
zunft. Forschungen  auf  dem  Gebiete  der  rheinischen  und  westfälischen  Geschichte, 
v.    A.   Fahne.    2.  Heft.    Cöln  186  4. 

373.   Schultz,   Alwin,   Zur   Geschichte   der  Breslauer  Goldschmied-Innung. 

Zeitschrift  des  Vereins  für  Geschichte  und  Altenhum  Schlesiens.    5    Bd.,  2.  Ht't. 

37  4.  Wehrmann,  C. ,  Die  älteren  Lübeckischen  Zunftrollen.  Heraus- 
gegeben,  gr.  8.   (VIII,   5  26  S.)   Lübeck  1864,   Asschenfeldt.    3  Rtblr. 

Sammlung  von  Statuten  der  Innungen  1330—1543,  voraus  eine  Einleitung  (S.  1 
bis  156),  die  eine  Darstellung  des  Handels-  und  Zunftwesens  in  Lübeck  gibt.  Am 
Schlüsse  (S.  504—526)  ein  Glossar.  Die  Zünfte  folgen  in  alphabetisier  Ordnung  auf 
einander.    Vgl.  Litter.  Centralbl.   1864,  Nr.  23;  Glaser's  Jahrbücher  II,   1. 

37  5.   Wehrmann,   C. ,   Staatsarchivar,    Der   lübeckische   Rathsweinkeller. 
Zeitschrift   des  Vereins    für   lübeckische  Geschichte,   2.  Bd.,    S.  75 — 128    (1863). 
3  7  6.     Siegel     des     Mittelalters     aus     den     Archiven     der    Stadt     Lübeck. 
6.  Heft.   gr.  4.   Lübeck  186  4,   v.  Rohden  in  Comm.    2  4  Ngr. 

377.  Kret«chmer,  A. ,  und  C.  Rohrbach,  Die  Trachten  der  Völker. 
16. — 19.    Lieferung.   Imp.    4.    (S.    201  —  308)    Leipzig  1864,    Bach,    a  22/3  Rthlr. 

Vgl.  Wissenschaftliche  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  1864,  Nr.  60. 

3  7  8.  Von  dem  vnzymlichen  gewandt  etlicher  frawen.  Mitgetheilt  von 
Dr.   A.   Birlinger. 

Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  175  fg  ;  Verordnung  des 
Salzburger  Concils  von  1418,   aus  der  Münchener  Hs.  cod.  germ.  688,  Bl.  238. 

37  9.   Birlinger,   A.,   Über   Gugel   und   Gugelmänner. 

Bayerische  Zeitung  1864,  Nr.   179    Morgenblatt. 

XI.    K  u  n  s  t. 

380.  Schnaase,  Carl,  Geschichte  der  bildenden  Künste.  7.  Band. 
Geschichte  der  bildenden  Künste  im  Mittelalter.  5.  Band.  gr.  8.  (XV,  711  S.) 
Düsseldorf    1864.    Buddeus.     6    Rthlr. 

381.  L  ü  b  k  e,  Prof.  Dr.  Wilh.,  Grundriss  der  Kunstgeschichte.  2.  durch- 
gesehene Auflage.  3.  und  4.  Lieferung,  gr.  8.  (XX,  S.  385  —  763)  Stuttgart 
1864.    Ebner   u.   Seubert.     1    Rthlr.    22    Ngr. 

3  8  2.  Denkmäler  der  Kunst,  zugleich  Bilder-Atlas  zu  Lübke,  Grundriss 
der  Kunstgeschichte.  Volksausgabe.  2.  —  6.  (Schluß-)  Lieferung,  qu.  Fol.  (IV, 
4  8  S.  und  4  6  Kupfertafeln.)    Stuttgart  18  64.    Ebner  u.  Seubert.    5  Rthlr.  12  Ngr. 

383.  Förster,  Prof.  Dr.  Ernst,  Denkmale  deutscher  Baukunst,  Bild- 
nerei  und  Malerei  von  Einführung  des  Christenthums  bis  auf  die  neueste  Zeit. 
207  —  222.   Lieferung.    Imp.    4.    Leipzig    1864.    T.   O.   Weigel.    ä   2/3    Rthlr. 

Vgl.  Litter.  Centralbl.   1864,  Nr.  36. 

384.  Kunstwerke  und  Geräthe  des  Mittelalters  und  der  Renaissance 
in  der  k.  k.  Ambraser  Sammlung,  in  Original-Photographien  herausg.  und  er- 
läutert von  E.  v.  Sacken.  1.  Heft.  Fol.  Wien  1864.  Typographische  Anstalt. 
22/s   Rthlr. 

385.  Denkmale  der  Geschichte  und  Kunst,  der  freien  Hansestadt 
Bremen.     1.    Abth.    2.    Lieferung,    gr.    4.    Bremen    1864.    Müller.     6    Rthlr. 

386.  Baudenkmale,  mittelalterliche,  aus  Schwaben.  Die  ehemalige 
freie   Reichsstadt   Ulm.    Herausgegeben   von   J.   Egle.    Stuttgart    18  64. 

Vgl.  W.  Lübke  in  der  Allgem.  Zeitung  1864,  Nr.  91   S.  1474. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  369 

387.  Baudenkmäler,  mittelalterliche,  in  Kurhessen.  Herausgegeben 
von  dem  Verein  für  hessische  Geschichte  und  Landeskunde.  2.  Lieferung.  Fol. 
(14  S.  mit  eingedr.  Holzschn.  und  7  Steintafeln.)  Kassel  1864.  Freysehmidt 
in   Co  mm.     2  V2   Rthlr. 

388.  Quast,  Ferd.  v.,  Denkmale  der  Baukunst  in  Preußen.  Nach  Pro- 
vinzen geordnet.  Heft  IV.  gr.  Fol.  (4  Steintaf.  und  2  Kupfertaf.  mit  Text 
S.    3  5 — 5  0)    Berlin    18  64.    Ernst   u.   Korn.     25/0   Rthlr. 

389.  Fahne,  A.,  Der  Kölner  Dom  in  seinen  Umgebungen.  Zwei  topo- 
graphische   Bilder    aus   dem    13.    und    16.   Jahrhundert. 

Forschungen  auf  dem  Gebiete  der  rheinischen  nnd  westfälischen  Geschichte  von 
A.  Fahne.    1.  Heft.    Cöln  1864.    Heberle. 

39  0.   Zur   Geschichte   der   Christus-   und   Marienbilder. 

Historisch-politische  Blätter,  54.  Band,  S.  190 — 207.  Anknüpfend  an  Glückselig's 
Christus- Archäologie  (Bibliographie   18b'2,  Nr.  164). 

391.  Schulz,   A.   (San-Marte),   Schildmaler   und   Malerwappen. 
■Germania  9,  463—471. 

392.  Falke,   Jakob,   Die   freien   und  fahrenden   Künstler   des   Mittelalters. 
Illustr.  Familienbuch  IV,  3. 


393.  Ambros,  Dr.  A.  W.,  Geschichte  der  Musik.  2.  Band:  Die  Musik 
des  Mittelalters.    2.  Hälfte.   Breslau  18  64,   Leuckart.    2  Rthlr. 

Vgl.  Götting.  Gel.  Anzeigen  1864,  Nr.  44,  S.  1732—1748  von  E.  Krüger;  Grenz- 
boten 1864,  Nr.   26;  Österreich.  Wochenschrift  Nr.  29;  Dresd.  Journal  Nr.  143. 

3  9  4.  Nohl,  L,  Die  geschichtliche  Entwickelung  der  Musik  in  ihren 
Hauptzügen.     2.   Die   Polyphonie   des   Mittelalters. 

Österreichische  Wochenschrift  1864,  Nr.  4L 

3  95.  Reissmann,  A.,  Allgemeine  Geschichte  der  Musik.  2.  Band 
Lex.    8.   (III,   428    S.)    München    186  4.    Bruckmann.     4   Rthlr. 

Vgl.  Magazin  für  die  Litt,  des  Ausl.  1865,  Nr.  8. 

396.  Westphal,  R.,  Geschichte  der  alten  und  mittelalterlichen  Musik. 
1.   Abtheilung,    gr.    8.   (XII,    248    S.)    Breslau    1865.    Leuckart.     1%    Rthlr. 

XII.   Rechtsgeschichte   und  Rechtsalterthümer. 

397.  Wasserschieben,  H.,  Die  germanische  Verwandtschaftsberech- 
nung und  das  Princip  der  Erbenfolge  nach  deutschem,  insbesondere  sächsischem 
Rechte,    gr.    8.    (4  4    S.)    Gießen    18  64.    Heinemann.     '/3    Rthlr. 

Vgl.  Litt.  Centralbl.  1864,  Nr.  51,  Sp.   1228.     Gegen  Homeyer  gerichtet. 

3  9  7 a.  Lewis,  W. ,  Die  Succession  der  Erben  und  die  Obligationen  der 
Erblasser  nach  deutschem  Recht,  gr.  8.  (VIII,  208  S.)  Berlin  1864.  Weid- 
mann.    1  x/z    Rthlr. 

Vgl.  Litt.  Centralbl.   1865,  Nr.  9. 

398.  Friedberg,  E.,  Ehe  und  Eheschließung  im  deutschen  Mittel- 
alter. Eheschließung  und  Ehescheidung  in  England  und  Schottland.  Zwei  Wir- 
träge.    8.    (67    S.)     Berlin    1864.    Mittler.     12    Ngr. 

Ein  Auszug   aus  des  Verf.  Abhandlung  'zur  Geschichte    der    Eheschließung'    im 
ersten  Bunde  von  Dove's  Zeitschrift,  für  Kirchenrecht  ,  für  ein  größeres  Publicum.   Vgl. 
Litt.  Centralbl.   1864,  Nr.  36;  Bibliotheque  universelle  et  Revue  Suisse,  November  l      t. 
GERMANIA  X.  24 


370  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

89  9.  Laband,  Dr.  Paul,  Die  rechtliche  Stellung  der  Frauen  im  alt- 
römischen   und  germanischen   Hecht. 

Zeitschrift  für  Völkerpsychologie,  3.  Band. 

400.  Bekker,   E.   J.,   Feudalität  und   Unterthanenverband. 

Glaser's  Jahrbücher  für  Gesellschafts-  und  Staats  Wissenschaften,  1,  273  —  288. 
Angelehnt  an  P.  Roth's  Buch  (Bibliogr.  1863,  Nr.  316). 

401.  Dove,  R.  W.,  Das  sogenannte  Sendrecht  der  Main-  und  Rednitz- 
wenden.    Zugleich   ein   Beitrag  zur  Kritik   des  III.   Bandes   von   Pertz   leges. 

Dove's  Zeitschrift  für  Kirchenrecht  IV,  157-175.  Vgl.  Histor.  Zeitschrift  1864. 
2.  Heft,  S.  422. 

402.  Dove,  R.  W.,  Beiträge  zur  Geschichte  des  deutschen  Kirchenrechts. 
I.   Die   fränkischen   Sendgerichte.    1.    2. 

Dove's  Zeitschrift  für  Kirchenrecht,  4.  Bd.,  1.  Heft  (S.  1—45)  und  5.  Bd.,  1.  Heft 
Vgl.  Historische  Zeitschrift  1864,  2.  Heft,  S.  421. 

403.  Franklin,  O.,  Das  königliche  und  Reichshofgericht  in  Deutsch- 
land in   der   Zeit  von   Heinrich   I  bis   Lothar   von   Sachsen. 

Forschungen  zur  deutschen  Geschichte,  4.  Bd.,  3.  Heft. 

404.  Müller,  Amtsrichter,  Die  germanischen  Schöffengerichte  nach  ihrer 
Entwicklung   und   Bedeutung   als   künftige   erstinstanzliche   Gerichte   Deutschlands. 

Archiv  für  die  civilistische  Praxis  46,  125—162.  Handelt  ganz  kurz  auch  von 
den  Schöffengerichten   im  Mittelalter. 

405.  Berchtold,  Dr.  Jos.,  Die  Entwickelung  der  Landeshoheit  in 
Deutschland  in  der  Periode  von  Friedrich  II.  bis  einschliessig  zum  Tode  Ru- 
dolfs von  Habsburg,  staatsrechtlich  erörtert.  1.  Theil.  gr.  8.  (VIII,  156  S.) 
München    1863.    Rieger.    1    Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Litt.  Zeitung  1864,  Nr.  22;  Pözl's  Vierteljahrsschrift  5,  430-436; 
Histor.  Zeitschrift  1864,  2.  Heft,  S.  436;  Haimert,  Vierteljahrsschrift  1864,  Nr.  4;  Litt. 
Ceutralbl.  1865,  Nr.  1:  Litt.  Handweiser  1864,  Nr    26. 

406.  Tomasche  k,  Dr.  J.  A.,  Recht  und  Verfassung  der  Markgraf- 
schaft Mähren  im  15.  Jahrhundert.  Mit  einer  Einleitung  über  die  Geschichte 
des  böhmisch-mährischen  Landrechts  in  seinem  Gegensatz  zum  deutschen  Weich- 
bildrechte.   8.   (8  7    S.)    Brunn    1863.    Nitsch. 

Vgl.  Schletter's  Jahrbücher  (1864)  9,  207. 

407.  Fliegel,  Maxim.,  Quae  sit  ratio  juris  ducalis  in  veteribus  do- 
cumentis   Silesiacis.    8.    (4  0    S.)    Vratislav.    186  4. 

Doctordissertation. 

408.  Lancken,  C.  E.  von  der,  Om  länsförfattningen  i  Sverge  under 
Medeltiden.     8.    (5  6    S.)    Lund    1864. 

Doctordissertation. 

409.  Brandes,  H.,  Dritter  Bericht  über  die  germanistische  Gesellschaft 
an   der    Universität  Leipzig,    gr.    8.    Leipzig  1864.    Dürr.     l/2  Rthlr. 

410.  Weinhold,  Karl,  Über  die  deutschen  Fried-  und  Freistätten.  4. 
(19    S.)    Kiel    1864. 

Zur  Feier  des  Geburtstages  Herzogs  Friedrich  VIII. 

411.  Thomas,   G. ,   Ein   Fragment   zu   den   Ordalien. 

Sitzungsberichte  der  Münchener  Akademie  1863,  II,  S.  262—265.  Aus  cod.  lat. 
Monac.   J4407  (IX— X.  Jahrh.)    Bl.  74''. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  371 

412.  Hiltl,   Georg,    Aus  den  Rechtshallen  des  Mittelalters.    IL    Folter 
und   Strafwevkzeuge. 

Gartenlaube  1864,  Nr.  34,  38. 

413.  K  r  i  e  g  k  ,  G.  C,   Die  Frankfurter  Schuldhaft  und  Frankfurter  Privat- 
gefängnisse im  Mittelalter. 

Deutsche  Gemeindezeitung  1864,  Nr.  19,  20. 

414.  R  u  1  a  n  d 's   Bilder  in   Altpreußen. 
Altpreußische  Monatsschrift  1864,  2.  Heft. 

415.  Das  Wahrzeichen  der  abgehauenen  Hand.    Ein  Königsberger 
Rechtsalterthum. 

Altpreußische  Monatsschrift  1864,  1.  Heft. 

416.  Tobler,   L.,   Über  'Wunn   und  Weid     im  altdeutschen   Recht. 
Neues  schweizerisches  Museum,  herausgegeben  von  W.  Vischer,   H.  Schweizer- 

Sidler,  A.  Kießling.   4.  Jahrg.   3.  Heft  (1864). 

417.  Schramm,  H.,  Das  Wehrgeld.    Ein  Beitrag  zur  Sittengeschichte 
unserer  Vorfahren. 

Hausblätter  1864,  13.  Heft. 

418.  Platner,  Dr.,  Der  Wiederkauf.    Eine  deutsch-rechtsgeschichtliche 
Abhandlung. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  4,  123—167. 
418'.  Homeyer,  G.,  Der  Dreissigste. 
Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1864,  S.  87— 270:  auch  in  Separatabdruck 


419.  Stobbe,  O. ,  Geschichte  der  deutschen  Rechtsquellen.  2.  Abth. 
gr.    8.    (XII,    516    S.)    Braunschweig    1864.    Schwetschke.    2   Rthlr.    16    Ngr. 

Der  erste  Theil  dieses  den  ersten  Band  einer  'Geschichte  des  deutschen  Rechtst 
in  sechs  Bänden  bildenden  Werkes  erschien  1860.  Der  vorliegende  zweite  umfasst  die 
Zeit  von  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  bis  auf  die  Gegenwart;  und  zwar  zuerst  die 
Geschichte  der  Reception  des  römischen  Rechtes  (S.  1  —  142),  dann  die  Geschichte  der 
einheimischen  Rechtsquellen,  und  die  deutsche  Rechtslitteratur.  Vgl.  Litter.  Centralbl. 
1864:,  Nr.  47,  Sp.  1119—21.  Bekker  und  Pözl,  Vierteljahrschrift  VI,  4  (von  Stintzing). 
Altpreußische  Monatschrift  1864,  7.  Heft;  Europa  Nr.  48. 

42  0.  Steffenhagen,  Noch  einige  Nachträge  und  Notizen  zu  Homeyer, 
die   deutschen  Rechtsbücher   des   Mittelalters   und   ihre  Handschriften. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  4,  178 — 185. 

421.  Derselbe,  Litterärgeschichtliche  und  rechtshistorische  Mittheilungen 
aus   Königsberger  Handschriften. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  4,  188 — 204. 

42  2.   Hin  s  chi  us,   P.,   Die   germanischen   Volksrechte. 

Historische  Zeitschrift  1864,  2.  Heft,  S.  391—416.  Anknüpfend  an  den  dritten 
Band  der  Leges  in  Pertz  MonunenteD. 

4  2  3.   Pott,  Romanische  Elemente  in   den  langobardischen  Gesetzen. 

Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  13,  321  —  364  (Schluß). 

4  2  4.  Pertz,  Über  eine  bisher  nicht  bekannte  noch  benutzte  Hs.  der 
Leges   Wisigothorum. 

Monatsbericht  der  k.  preuß.  Akademie  der  Wissenschaften,  Februar  1864. 

24  * 


372  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

4  2  5.  M nassen,  Frdr. ,  Ein  Capitulare  Lothars  I.  [Abdruck  aus  den 
Sitzungsberichten  derAkad.]  Lex.  8.    (4  S.)  Wien  1864,  Gerold  in  Comm.  1 J/2  Ngr. 

426.  Boretius,  Dr.  A. ,  Die  Capitularien  im  Langobardenreich.  Eine 
rechtsgeschichtliche  Abhandlung,  gr.  8.  (XIV,  196  S.)  Halle  1864,  Buchhand- 
lung  des    Waisenhauses.    2  5  Ngr. 

Vgl.  Lit'erar.  Centralbl.  1864,  Nr.  48;  Deutsche  Geriohts-Zeitung  Nr.  50;  Köl- 
nische Zeitung  Nr.  319;  Haimerl,   Viertel  jahrschrift  XV,  1.  2. 

427.  Muther,  Th.,  Kleine  Beiträge  zur  Geschichte  der  sächsischen  Kon- 
stitutionen  und  des  Sachsenspiegels. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  4,   1G8— 174. 

428.  Schröder,  Rieh.,  Zur  Lehre  von  der  Ebenbürtigkeit  nach  dem 
Sachsenspiegel. 

Zeitschrift  für  Rechtsgeschichte  3,  461—480. 

42  9.   Stadtrecht  von   Kirchberg   im   Hunsrücken    124  9. 
Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Oberrheins  von  Mone,  16,  46 — 52  (1863). 

430.  Das  Löwenberger  Kampfrecht  aus  dem  rothen  Buche  des 
Rathsarchivs   zu   Löwenberg  in   Schlesien   mitgetheilt   von    Korn. 

Zeitschrift  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterth.  Schlesiens,  6.  Bd.  1.  Heft. 

431.  Die   Weistbümer. 
Österreich.  Wochenschrift  1864,  Nr.  5. 

43  2.  Weistbümer.  Herausgegeben  und  mit  urkundlichen  Bemerkungen 
begleitet  von   Dr.   Kittel. 

Archiv  des  bist.  Vereines  von  Unterfranken  u.  Aschaffenburg.  17.  Bd.  1.  Heft  (1864). 

433.  Weistbümer  vom  13. — 16.  Jahrhundert  aus  der  Schweiz,  Baden, 
Elsaß,   Bayern   und   Rheinpreußen. 

Zeitschrift  für  die  Geschichte  des  Oberrheins  von  Mone,  17.  Band,  2.  Heft. 

434.  Weisthümer,  mitgetheilt  von  Dr.  Ennen.  Weisthum  von  Paffrath, 
Kreis   Mülheim,   mitgetheilt  von   Dr.   G.   Eckertz. 

Annalen  des  histor.  Vereins  für  den  Niederrhein.  15.  Heft.  Köln   1864.  8. 

434\  Aus  den  österreichischen  Pantai  dingen.  Von  Karl  Obertimpfler. 
(Progr.  des  Ob.  Gymn.  zu  Wiener  -  Neustadt  1864.)  4.  (6  S.)  Wien  1864, 
C.   Gerolds   Sohn. 

435.  Gen  gier,  H.  G. ,  Codex  juris  municipalis  Germaniae  medii  aevi. 
1.  Band,    2.  Heft   (S.  257 — 512).   Erlangen   1864,   Enke.    1  Rthlr.    14  Ngr. 

Vgl.  Bibliogr.  1863,  Nr.  338  und  Germania  9,  76;  Götting.  gel.  Anzeigen  1864, 
S.  864—878  (von  Frensdorff);  altpreuß.  Monatschrift  1864.  Nr.  2;  Histor.  Zeitschrift 
1864.  2.  Heft,  S.  442—445;  Deutsch.  Museum  1864,  Nr.  20;  1865,  Nr.  9;  Lit.  Central- 
blatt  1865,  Nr.   11. 

XIII.   Deutsche  Li  tteraturgeschichte   und   Sprachdenkmäler. 

4  3  6.  Vilmar,  A.  F.  C. ,  Geschichte  der  deutschen  National-Litteratur. 
10.  Auflage.    8.   (XII,    6  24  S.)    Marburg  1864,   Elwert.    2  Rthlr. 

4  3  7.  Kurz,  H. ,  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  mit  ausgewählten 
Stücken  aus  den  Werken  der  vorzüglichsten  Schriftsteller.  4.  Aufl.  8  —  34.  Lief. 
Lex.  8.   Leipzig  18  64,   Teubner.   ä   %  Rthlr. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  3.73 

438.  Burckhardt,  J.  G.  E. ,  Geschichte  der  deutschen  Litteratur. 
Die  Poesie.  Für  Schulen  und  zum  Selbstunterrichte,  gr.  8.  (X,  245  S.)  Leipzig 
1865,   Klinkhardt.    T/2  Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Litter.  Zeitung  1864,  Nr.  40. 

439.  Gredy,  F.  M.  ,  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  für  höhere 
Lehranstalten,  zum  Privat-  und  Selbstunterricht.  3.  verbess.  Aufl.  gr.  8.  (X, 
137  S.)   Mainz  186  4,   Kirchheim.    '/2  Rthlr. 

Vgl.  Litter.  Handweiser  Nr    32. 

440.  Lange,  Prof.  Dr.  Otto,  Grundriss  der  Geschichte  der  deutschen 
Litteratur  für  höhere  Bildungsanstalten.  4.  verbess.  Aufl.  gr.  8.  (VI,  9  2  S.) 
Berlin  18  65,   Gärtner.    8  Ngr. 

Vgl.  Litter.  Handweiser  Nr.  32. 

441.  Scheinpflug,  B. ,  Kurze  Litteraturgeschichte  der  Deutschen 
für  den   ersten  Unterricht,   gr.  8.   (IV,  160  S.)   Prag  186  5,   Dominicus.    %  Rthlr. 

442.  Raumer,  Fr.  v.,  Handbuch  zur  Geschichte  der  Litteratur.    2  Theile. 

gr.  8.   (XIII,    640  S.)   Leipzig  186  4,   Brockhaus.    22/3  Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Litter.  Zeitung  1864,  Nr.  12.  Die  deutsche  Litteratur  des  Mittel- 
alters ist  auf  drei  Seiten  abgehandelt. 

44  3.  Shaw,  Thom.  B.,  History  of  english  literature.  New  edition,  en- 
larged  and  re-written.  Edited  with  notes  and  illustratious  by  Will.  Smith.  12. 
(X,   5  00  S.)   London  1863,   Murray. 

444.  Dalen,  Dr.  C.  von,  Grundriss  der  Geschichte  der  englischen  Sprache 
und  Litteratur.  gr.  9.  (III,  2  4  S.  mit  1  Tabelle).  Leipzig  1864,  Hartmann.   6  Ngr. 

445.  Morley,  H. ,  English  Writers.  The  Writers  before  Chaucer ;  with 
an  introductory  sketch  of  the  four  Periods  of  english  Literature.  London  1864, 
Chapman   and   Hall. 

446.  Elze,  Karl,  Die  englische  Sprache  und  Litteratur  in  Deutschland. 
Eine  Festschrift  zur  3  0  0jährigen  Geburtsfeier  Shakespeares.  8.  (9  2  S.)  Dresden 
1864,   Ehlermann.    15  Ngr. 

Gehört  insofern  hieher,  als  die  sprachlichen  Wechselwirkungen  zwischen  England 
und  Deutschland,  welche  besonders  durch  die  großen  Handelsgesellschaften  vermittelt 
wurden,  von  dem  letzten  Jahrhundert  der  ags.  Periode  an  dargelegt  werden.  Vgl.  Lit- 
terar. Centralbl.  1864,  Nr.  32;  Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslandes  Nr.  46; 
Allgem.  Schulzeitung  1865,  Nr.  7. 


447.  Scherer,  W.,  Über  den  Ursprung  der  deutschen  Litteratur.  Vor- 
trag, gehalten  an  der  k.  k.  Universität  zu  Wien  am  7.  März  18  64.  Aus  dem 
13.  Bande  der  preuü.  Jahrbüoher  besonders  abgedruckt.  8.  (20  S.)  Berlin  1864, 
Reimer.    5  Ngr. 

Vgl.  Litterar.  Centralbl.   1864,  Nr.  24,  Sp.  572—574;  Germania  9,  71  ff-   Grenz- 
boten 1864.  Nr.  39;  Österreichische  Wochenschrift  1864,  Nr.  27-  28. 

448.  Weller,  Emil,  Annalen  der  poetischen  National-Litteratur  der 
Deutschen  im  16.  und  1 7.  Jahrhundert.  2.  Band.  gr.  8.  (VII,  597  S.)  Freiburg 
im  Br.   186  4,    Herder.    2   Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Litter.  Zeitung  1864,  Nr.  37;  Westermanns  illustr.  deutsehe  Mo- 
nntsheftc,  April  1864;  Deutsches  Museum  Nr.  31;  Europa  Nr.  34;  Bremer  Sonntags- 
Matt    L865,  Nr.  4. 


374  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

449.  Hauck,  Dr.  H. ,  Über  Bayerns  Antheil  an  der  Entwicklung  der 
altdeutschen  Dichtkunst. 

Album  des  literarischen  Vereins  in  Nürnberg  für  1864,  S.  235 — 251.  Angelehnt 
an  H.  Hollands  Geschichte  der  altdeutschen  Dichtkunst  in  Bayern. 

450.  Kurz,  Eduard,  Das  Wiederaufleben  deutscher  Dichtung  in  Öster- 
reich seit  der  2.  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts.  (Programm  der  Landes  -  Ober- 
realschule in  Krems    1864.)   (45  S.)    8.   Krems  1864.  Max  Pammer. 

451.  Aurell,  Claes  Joh.  Emil,  Om  bailaden  och  romanzen,  med  särskildt 
afseende   pä   den  Tyska  bailad-  och  romanz-diktningen.   8.  (37  S.)  Upsalal864. 

Doctordissertation;  handelt  auch  von  der  deutschen  Volksballade. 
452.   Wackernagel,   Phil.,    Das  deutsche   Kirchenlied  von  der  ältesten 
Zeit  bis   zum  Anfang   des  17.  Jahrhunderts.    8.  Lieferung.    Lex.   8.   (l.  Bd.  XXV, 
S.  795—897.)  Leipzig  18  64,   Teubner.    2/3  Rthlr. 

Vgl.  Vilmars  pastoral-theologische  Blätter  1864,  S.  49  —  54  (von  Vilmar);  Allg. 
Litter.  Zeitung  1864  Nr.  39;  Magazin  für  die  Litteratur  des  Ausl.  Nr.  19;  Volksblatt 
für  Stadt  und  Land  Nr.  48;  Österreichische  Wochenschrift  1865,  Nr.  4. 

45  3.  Kehrein,  J. ,  Katholische  Kirchenlieder,  Hymnen,  Psalmen,  aus 
den  ältesten  deutschen  gedruckten  Gesang-  und  Gebetbüchern  zusammengestellt. 
3.  Band.  Die  ältesten  katholischen  Gesangbücher  von  Vehe ,  Leisentrit ,  Corner 
u.  A.  in  eine  Sammlung  vereinigt.  3.  Band.  Lex.  8.  (430  S.)  Würzburg  1863, 
Stahel.   2  Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Litter.  Zeitung  1864,  Nr.  33. 

454.  Gesang  und  Lied   im  Mittelalter. 
Europa  1864,  Nr.  42. 

455.  Maehly,  Über  Alliteration. 

Neues  schweizerisches  Museum,  4.  Jahrgang  3.  Heft  (1864). 

45  6.  Zingerle,  J.  V.,  Die  Alliteration  bei  mittelhochdeutschen  Dichtern. 
[Aus  den  Sitzungsberichten  1864  der  Akademie  d.  Wissensch.]  Lex.  8.  (7  2  S.) 
Wien  186  4,   Gerold  in  Comm.    Vs  Rthlr. 

Vgl.  Blätter  für  litter.  Unterhaltung  1865,  Nr.  10. 

457.  Heyne,  M. ,  formulae  alliterantes  ex  antiquis  legibus  lingua  frisica 
conscriptis  extractae  et  cum  aliis  dialectis  comparatae.    8.  (32   S.)    Halle    1864. 

Doctordissertation. 

458.  Heyne,  M.,  Allitterierende  Verse  und  Reime  in  den  friesischen 
Rechtsquellen. 

Germania  9,  437—449. 

459.  Olawsky,  Ed.,  Die  prosodische  und  metrische  Messung  der  Nibe- 
lungenstrophe. 

Neue  Jahrbücher  für  Philologie  und  Pädagogik.  89.  und  90.  Band,  5—9.  Heft. 

460.  Vogelmann,  Prof.  Dr.  Alb.,  Bruchstücke  zur  vergleichenden  Rhyth- 
mik und  Metrik,  gr.  8.   (III,    45  S.)  Ellwangen  1864.    V3  Rthlr. 

461.  Müllenhof f,  Karl,  Altdeutsche  Sprachproben,  gr.  8.  (IV,  124  S.) 
Berlin  18  64,  Weidmann.    2  0  Ngr. 

Vgl.  Zeitschrift  für  die  Österreich.  Gymnasien  1864,  S.  627  fg.;  Anzeiger  für 
Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  384. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  375 

46  2.  Heintze,  A.,  mittelhochdeutsches  Lesebuch  für  höhere  Lehranstalten. 
Zusammengestellt  und  mit  einem  Wörterbuche ,  so  wie  den  Haupt  -  Paradigmen 
der  Flexion   versehen.   8.   (VI,    322  S.)   Stolp  1864,   Eschenhagen.    1  Rthlr. 

Vgl.  dazu  A.  Heintze,  das  mittelhochd.  Lesebuch,  im  Pädag.  Archiv  1864,  Nr.  4. 

463.  Vernaleken,  Th.,  Litteraturbuch.  Deutsches  Lesebuch  nebst  den 
Anfängen  der  Kunst-  und  Literaturgeschichte  ,  Altertumskunde  ,  Mythologie  und 
Poetik.  l.Thl.  Aus  dem  Altertume.  6.  Aufl.   gr.  8.  Wien  1865.  Braumüller.  28  Ngr. 

4  6  4.  Lüben,  A. ,  Auswahl  charakteristischer  Dichtungen  und  Prosa- 
stücke zur  Einführung  in  die  deutsche  Litteratur.  Aus  den  Quellen  entnommen. 
Ein  Lehr-  und  Lesebuch  für  höhere  Schulanstalten  und  zum  Selbstunterricht. 
1.   und   2.   Theil.   gr.  8.   Leipzig  18  64,   Brandstetter.    2  6  Ngr. 

Der  erste  Theil  (VIU,  268  S.)  umfasst  die  Urzeit  bis  Lessing  uud  kostet  12  Ngr. 

465.  Müller,  Friedr.,  Deutsche  Sprachdenkmäler  aus  Siebenbürgen.  Aus 
schriftlichen  Quellen  des  12.  bis  16.  Jahrhunderts  gesammelt.  Herausgegeben 
vom  Verein  für  siebenbürgische  Landeskunde,  8.  (XXXII,  23  6  S.)  Hermann- 
stadt 18  64,    Steinhausen. 

Das  Buch- würde  kaum  aufzuführen  sein,  wenn  nicht  sein  Titel  täuschte; 
vgl.  K.  Schröer  in  Pfeiffers  Germania  9,  477—482. 

466.  Gantter,  L. ,  The  home  treasury  of  british  poetry.  Hausschatz 
der  britischen  Dichtkunst  von  Chaucer  bis  auf  die  neueste  Zeit,  mit  sprachlichen, 
kritischen  und  biographischen  Anmerkungen  begleitet  und  als  Festgabe  zu  Sha- 
kespeares 3  00jäl.rigem  Jubiläum  dargereicht.  Lex.  8.  (5  2  8  S.)  Stuttgart  1863 
bis    6  4,   Becher.    2 '/2  Rthlr. 

467.  Schneider,  Gustav,  Englisches  Lesebuch  aus  den  besten  Schrift- 
stellern nebst  einem  kurzen  Abriss  der  englischen  Litteratur.  gr.  8.  (VIII,  25  6  S.) 
Frankfurt  a.  M.  18  64,   Hermann.    2/3  Rthlr. 

468.  Dietrich,  F.  E.  C. ,  Altnordisches  Lesebuch.  Aus  der  skandinavi- 
schen Poesie  und  Prosa  bis  zum  1 4.  Jahrhundert  zusammengestellt  und  mit 
litterarischer  Übersicht,  Grammatik  und  Glossar  versehen  2.  Auflage,  gr.  8. 
(LXXXVIII,    618  S.)  Leipzig  18  64,  Brockhaus.    2%  Rthlr. 

Vgl.  Litter.  Centralblatt  1864,  Nr.  22,  Sp.  520-522  (von  Grein);  Ileidelb.  Jahr- 
bücher Nr.  30;  Germania  9,  337 — 352  (von  Möbius);  Mag.  für  d.  Litt.  d.  Ausl.  Nr.  42. 

A.     G  o  t  h  i  s  c  h. 

469.  Hahn,  K.  A.  ,  Auswahl  aus  Ulfilas  gothischcr  Bibelübersetzung. 
Mit  einem  Wörterbuch  und  mit  einem  Grundriss  zur  gothischen  Buchstaben- 
und   Flcxionslehre.    2.  Auflage,   gr.  8.   Heidelberg  1864,   Mohr.    a/3  Rthlr. 

47  0.  Bernhardt,  E.,  Kritische  Untersuchungen  über  die  gothische  Bibel- 
übersetzung. Ein  Beitrag  zur  deutschen  Literaturgeschichte  und  zur  Kritik  des 
neuen   Testaments,   gr.  8.   (31  S.)   Meiningen    18  6  4,   Brückner  u.   Renner.    8  Ngr. 

Das  Resultat  dieser  Untersuchungen  ist:  Vulfila  übersetzte  die  Evangelien  nach 
einer  andern  Handschrift  als  die  Episteln;  die  Evangelienhandschrift  stimmte  am  meisten 
zu  A,  der  Hs.  im  British-Museum ;  die  Epistelhandschrift  neigte  sich  der  italienischen 
Gruppe  zu.  Die  gothische  Übersetzung  wurde,  als  die  Guttun  nach  Italien  gekommen, 
nach  d'sr  Itala  corrigiert  und  interpoliert,  besonders  nach  der  Handschrift  von  Brescia, 
dir  äußerlich  große  Ähnlichkeit  mit  dem  cod.  argem  hat.  daher  ein  näherer  Zusammen- 
hang zwischen  beiden  zu  vermnthenj  aueb  der  cod.  Biese,  ist  wohl  von  einem  Gothen 
geschrieben.   Vgl.   Litter.   Centralblatt    1864,    Nr.    17. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT 


B.     Althochdeutsch. 


471.  Müllenhoff,  K.,  und  W.  Scherer,  Denkmäler  deutscher  Poesie 
und  Prosa  aus  dem  8.  — 1 2.  Jahrhundert,  gr.  8.  (XXXV,  548  S.)  Berlin  1864, 
Weidmann.    22/3  Rthlr. 

Vgl.  Germania  9,  55 — 75  (von  Bartsch  und  Holtzmann);  Litterar.  Centralbl.  1864, 
Nr.  10,  Sp.  233—237;  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  Sp.  107  und  223; 
Allgem.  Litter.  Zeitung  Nr.  17;  Zeitschrift  für  die  österreichischen  Gymnasien  15,  357 
bis  360  (von  E.  Dümmler). 

472.  Holtzmann,   Ad.,   Zum   Hildebrandslied. 
Germania  9,  289—293. 

47  3.   Rieger,   Max,   Bemerkungen   zum   Hildebrandsliede. 

Germania  9,  295—320. 

474.  Das  hohe  Lied,  übersetzt  von  Willeram,  erklärt  von  Rilindis  und 
Herrat,  Äbtissinnen  zu  Hohenberg  im  Elsaß  [1147  — 1196].  Aus  der  einzigen 
Hs.  der  k.  k.  Hofbibliothek  zu  Wien  herausgegeben  von  Josef  Haupt,  gr.  8. 
(XXIV,    180   S.)    Wien  1864,   Braumüller.    1  '/3  Rthlr. 

Der  Übersetzung,  die  dem  12.  Jahrhundert  angehört,  liegt  Willeram  zu  Grunde, 
die  Erklärung  aber  weicht  von  der  im  Mittelalter  üblichen  ab,  indem  sie  das  Lied  nicht 
auf  Christus  und  die  Kirche,  sondern  auf  Christus  und  Maria  bezieht.  Der  Herausgeber 
sucht  wahrscheinlich  zu  machen,  daß  diese  Erklärung  von  den  beiden  auf  dem  Titel 
genannten  Frauen  herrühre;  aber  seine  Gründe  sind  so  nichtssagend,  daß  von  einem 
Beweise  nicht  die  Rede  sein  kann.  Vgl.  Litterar.  Centralbl.  1864,  Nr.  5,  Sp.  113 — 115; 
Germania  9,  352-370  (von  Bech);  Allgem.  Litter.  Zeitung  1864,  Nr.  9;  Chronik  der 
Gegenwart  I.  5;  Märkisches  Kirchenblatt  Nr.  5. 

47  5.   Wiedemann,    Theod.,    Wileram,   Abt  zu   Ebersberg. 

Österreich.  Vierteljahrschrift  für  kathol.  Theologie.  III.  Jahrg.    1.  Heft. 

476.   Rieger,   Max,   Altmitteldeutsche   Glossen   zu   Heinrici   Summarium. 

Germania  9,  13 — 29.    Aus  der  Pergament-Hs.  Nr.  6  der  Darmstädter  Bibliothek. 

C.    Mittelhochdeutsch. 

4  7  7.   Bech,   Fedor,   Anthonius   von   Phor. 

Germania  9,  226 — 228.  Als  Verfasser  des  Buchs  der  Beispiele  der  alten  Weisen 
nachgewiesen,  und  zwar  durch  ein  Acrostichon,  wodurch  dem  Verf.  schon  so  manche 
schöne  Entdeckung  geglückt  ist. 

Apollonius  von  Tyrus. 

478.   Wrtätko,  Über  den  antiken  Roman  Apollonius  Tyrius. 

Sitzungsberichte  der  königl.  böhm.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Prag, 
Jahrgang  1863.  Ich  führe  diese  Abhandlung  wegen  des  Zusammenhanges  mit  der 
deutschen  Litteratur  hier  an. 

47  9.   König   Arthur  und   die   Tafelrunde. 

Heimgarten  1864,  Nr.  10. 

Berthold  von  Regensburg. 

480.  Weininger,   H.,   Der   Grabstein   des   Bruders   Berthold. 
Münchener  Sonntagsblatt  1864,  Nr.  50  fg. 

Brant,  Sebastian. 

481.  Wiechmann,   C,    Sebastian   Brant. 
Serapeum  1864,  Nr.   18. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  377 

Eckhart,  Meister. 

482.  Preger,  Lic.  tbeol.  W. ,  Professor  in  München,  Ein  neuer  Tractat 
Meister   Eckharts   und   die   Grundzüge   der   eckhartischen   Theosophie*). 

Zeitschrift  für  historische  Theologie  von  Niedner,  1864,  S.  163—204.  Aus  der 
Münchener  Handschrift,  cod.  germ.  2J4. 

483.  Bach,  J. ,  Meister  Eckhart  der  Vater  der  deutschen  Speculation. 
Als  Beitrag  zu  einer  Geschichte  der  deutschen  Theologie  und  Philosophie  der 
mittleren   Zeit.    8.   (X,    243  S.)   Wien    1864,   Braumüller.    1 2/a  Rthlr. 

Vgl.  Allgem.  Litter.  Zeitung  1864,  Nr.  25;  Litterar.  Centralblatt  1864,  Nr.  33; 
Germania  9,  77;  Götting.  Gel.  Anzeigen  Nr.  31,  S.  1201-1221  (von  H.  Ritter); 
Wiedemanns  Vierteljahrschrift  Nr.  4;  Bayer.  Zeitung,  Murgenblatt  Nr.  155  ff.;  Theol. 
Quartalschrift  1865,  Nr.   1. 

484.  H ei d rieh,  R. ,  Das  theologische  System  des  Meister  Eckhart.  4. 
(2  0  S.)  Posen  1864. 

Programm  des  Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums  in  Poseia.  Vgl.  Germania  9,  78. 

Eilhart  von  Oberge. 

4  85.  Bruchstück  aus  dem  Tristan  des  Eilhart  von  Oberge.  Mitgetheilt 
von  K.  A.  Barack. 

Germania  9,  155 — 158.  Ein  Pergamentblatt  in  8.  vom  Ende  des  12.  Jahrhunderts, 
derselben  Handschrift  angehörig  wie  die  Bruchstücke  in  den  Fundgruben  und  das 
Rothische.  109  Verse. 

486.  Birlinger,  Dr.  Anton,  Bruder  Felix  Faber's  gereimtes  Pilger- 
büchlein,  gr.  8.   (31  S.)   München  1864,   Fleischmann.    9  Ngr. 

Vgl.  Germania  9,  370 — 376  (von  Bechstein);  Blätter  für  litter.  Unterhaltung  1864, 
Nr.  24;  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit,  Sp.  115;  Deutsches  Museum  Nr.  12; 
Europa   Nr.  25. 

Frauenlob. 

487.  Freudenberg,  G. ,  Heinrich  Frauenlob.  Ein  rheinisches  Gedicbt. 
16.   (60  S.)   Wiesbaden  1864,   Limbarth.    14  Ngr. 

Natürlich   von   keiner    wissenschaftlichen  Bedeutung. 

488.  Futilitates  germanicae  medii  aevi,  ad  fidem  codicum  manu  script. 
nunc  primum   editae.    16.   (l6  S.)   O.  O.  1864. 

Ein  Scherz  eines  ungenannten  Fachgenossen. 

488a.  Gedicht  auf  die  Schlacht  von  Seckenheim  (l  46  2) :  das  liet  der 
nyderlag   (von  Gilgenschein). 

Mone's  Quellensammlung  zur  badischen  Geschichte  3.  Band.  Eben  darauf  bezüg- 
lich 'Ein  Lied  von  des  bösen  Fritzen  Schlacht'  von  Hans  von  Westernach. 

489.  Zwei  deutsche  und  drei  lateinische  Gedichte  auf  Peter  von 
Hagenbach   (14  7  4). 

Quellensammlung  zur  badischen  Geschichte  3.  Bd. 


*)  Dieser  Tractat  ist  kein  neuer,  auch  ist  er  nicht  von  Eckhart,  sondern  von 
Bruder  Franke  v.  Köln  und  von  mir  nach  einer  alten  Münchener  IIs.  längst  heraus- 
gegeben in  Haupts  Zeitschrift  8,  243  ff.  Pfeiffer. 


378  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

48 9a.  Geiler  von  Kaisersberg,  Das  Schiff  des  Heils.  In  freier  Über- 
setzung und  Bearbeitung  von  H.  Bone.  8.  (XVI,  444  S.)  Mainz  1864,  Kirch- 
heim.   1  V6  Rthlr. 

Vgl.  Philothea  1865,  Nr.  2. 

Genesis  und  Exodus. 

490.  Bartsch,  Karl,   Zu  Genesis   und   Exodus. 
Germania  9,  213—217. 

Haß,  Cunz. 

491.  Barack,  Dr.,  Hofbibliothekar  in  Donaueschingen,  zum  Lobgedicht 
des  Cunz  Haß  auf  Nürnberg. 

Anzeiger  für  Kuned  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  95  fg.  Nachweis  einer 
zweiten  Ausgabe  (1492)  dieses  in  der  Zeitschrift  für  deutsche  Kulturgeschichte  (1858) 
abgedruckten  Gedichtes,  in  Berlin. 

Die  Heidin. 

492.  Zingerle,  J.  V.,  Die  Heidin  und   Wittich  von  Jordan. 
Germania  9,  29—54. 

493.  Heldenbuch,  das.  Von  Dr.  Karl  Simrock.  5.  Bd.  Auch  unter  dem 
Titel:   Das  Amelungenlied.    2.  Theil.    2.  Aufl.    8.   Stuttgart  1864,  Cotta.     2  Rthlr. 

49  4.  Die  Himelstraze.  Eine  altdeutsche  Pergamenthandschrift  der 
k.   öffentl.   Bibliothek  zu   St.   Petersburg,   mitgetheilt  von  R.   Minzloff. 

Nordische  Revue,  1.  Band,  2.  Heft.  (August  1864). 

495.  Johann  von  Dalberg,  Gedicht  auf  einen  Besuch  Friedrich  III. 
in   Maulbronn   (1473). 

Mone's  Quellensammlung  zur  badischen  Geschichte,  3.  Band.  Ebenda  zwei  Lob- 
gediehte  auf  Johann  von  Dalberg  von  Jacob  Questenberg  (1485)  und  Adam  Wernher 
von  Tbemar  (1491). 

Karl  und  Elegast. 

49  6.  Bech,  Fedor,  Zur  Sage  von  Karl  und  Elegast. 

Germania  9,  320—337.  Mittheilungen  über  eine  von  dem  niederländischen  Ge- 
dichte ganz  abweichende  poetische  Fassung  der  Sage,  aus  einer  Papierhandscbrift  des 
Kapitelarchivs  zu  Zeitz. 

4  9  7.  Fortsetzung  des  Königshofe n. 

Mone's  Quellensammlung  zur  badischen  Geschiebte  3.  Bd. 

49  8.  Liederdichter,  deutsche,  des  XII.  bis  XIV.  Jahrhunderts.  Eine 
Auswahl  von  Karl  Bartsch,  gr.  8.  (LXVI,  390  S.)  Leipzig  18  64,  Göschen. 
1  Rthlr.   24  Ngr. 

Vgl.  Allgem.  Litt.  Zeitung  1865,  22;  Allgemeine  Zeitung  Nr.  131;  Österreich. 
Wochenschrift  1865,  Nr.  12;  Deutsches  Museum  1864,  Nr.  51,  S.  915—918;  Unterhal- 
tungen am  häuslichen  Herd  Nr.  51. 

499.  Lütolf,  Alois,  Urkundliches  zu  mhd.   Liederdichtern. 
Germania  9,  460—463.  Über  Otto  vom  Thurn  und  Eberhard  von  Sax. 

500.  Bartsch,  Karl,  Urkundliche  Nachweise  zur  Geschichte  der  deutschen 
Poesie. 

Germania  9,  145—157.  Meist  auch  zu  Liederdichtern. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  379 

Der  Maget  kröne. 

501.  Zingerle,  J.  V.,  der  maget  kröne.  Ein  Legendenwerk  aus  dem 
XIV.   Jahrhunderte,   gr.  8.   (7  6  S.)   Wien  1864,   Gerold  in  Comm. 

Abdruck  aus  den  Sitzungsberichten  der  phil.  hist.  Classe  der  Akademie  47,  489  ff. 
Mittheilungen  über  eine  noch  unbekannte  Dichtung   aus  einer  Innsbrucker  Handschrift. 

502.  Die  Meinauer  Naturlehre  und  das  Buch  der  Natur.  Ein  Bei- 
trag zur  Geschichte  der  Naturwissenschaften  im  14.  Jahrhundert.  Programm 
des   Gymnasiums  zu   Znaim,    18  62. 

Vgl.  Herrig's  Archiv  34,  460  fg. 

Der  Mönch  von  Salzburg. 

502".  Ampferer,  Jos.,  Über  den  Mönch  von  Salzburg  (Programm  des 
Staatsgymnas.  in  Salzburg  1864.   (3  2  S.)   4.  Salzburg,  Zaunrit'sche  Buchdruckerei. 

Nibelungenlied. 

503.  Mos ler,  Prof.  Karl,  und  Dr.  Nikola  Mosler,  Der  Nibelunge  Noth, 
Heldengedicht  des  12.  Jahrhunderts.  Studien  und  ausgewählte  Stücke  zur  Her- 
stellung des  ursprünglichen  Werkes,  gr.  8.  (XIV,  134  S.)  Leipzig  1864,  Engel- 
mann.   2  Rthlr. 

Vgl.  Germania  9,  245—249  (von  Lambel);  Österreich.  Wochenschrift  1864,  Nr.  29. 

504.  Mosler,  Dr.  N. ,  Ausgewählte  Stücke  der  Nibelunge  Noth  nach 
dem  hergestellten  mittelhochdeutschen  Texte  übersetzt,  gr.  8.  (16  S.)  Düsseldorf 
1864,   Gestewitz.    l/3  Rthlr. 

Vgl.  Österr.  Wochenschrift,  1864,  Nr.  29;  AUgem.  deutsche  Lehrerzeitung  Nr.  44. 

5  05.  Krieger,  Dr.,  Die  Nibelungen.  Altdeutsche  Volkssagen,  nach  den 
vorhandenen  mittelhochdeutschen  Gedichten  erzählt.  8.  (III,  57  3  S.)  Berlin  18  64, 
Winckelmann  u.  Söhne.    1  V3  Rthlr. 

506.  Thausing,  M.,  Nibelungen-Studien.  1.  Der  Dichter.  2.  Die  Küren- 
berger  und  Aribonen.   3.  Pilgrim  und  die  Klage.   4.   Volker  von  Alzei. 

Österreich.  Wochenschrift  1864,  Nr.  2—5. 

507.  Pasch,  Prof.  Conr. ,  Die  Frage  über  die  Entstehung  oder  den 
Dichter  des  Nibelungenliedes.   4.   (15  S.) 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Cilli  1864. 

508.  Schleicher,   August,   Über   Strophe    7  6    der   Nibelunge  Not. 

In:  Symbola  philologorum  Bonnensium  in  honorem  Friderici  Ritschelii  collecta. 
Fase,  prior.  Lex.  8.  Leipzig  1864,  Teubner.  3  Rthlr.  Sucht  den  Text  von  A  als  den 
ecbien  zu  erweisen. 

509.   Höfler,   C.,   Zum  Nibelungenlied.  Ein  Zeugniss.  Wann   erfolgte  zum 
ersten  Male  documentierte  Erwähnung  des  Nibelungenliedes  oder  der  Nibelungensage? 
Germania  9,  152—154.    Vgl.  Haupt's  Zeitschrift  12,  421. 

510.  Nusch,   Zur  Vergleichung  des  Nibelungenliedes   mit  der  Ilias. 
Gymnasialprogramm.  Speier  1863. 

Über   die   Nibelungenstrophe   vgl.   Nr.    45  9. 

Oswald  von  Wolkenstein. 

511.  Der  letzte  Minnesänger. 
Heirogarten  1864.  Nr.  20. 


380  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

512.  Reimchronik  über  Peter  von  Ilagenbach  und  die  Burgunderkriege 
(1432 — 1480). 

Mone's  Qaellensammlung  zur  badischen  Geschichte  3,  183 — 434,  und  Nachträge 
681—684.  1480  in  Breisach  verfasst. 

Reinhard  Fuchs. 

513.  Hansen,  C.  J.,  Dietsche  Letterkunde;  over  Reinaard  den  Vos.  8. 
Antwerpen    18  64. 

513\  Bleek,  W.  H.,  Reynard  the  Fox  in  South- Afrika  or  Hottentot  fables 
and  tales.  Chiefly  translated  froni  original  manuscripts  in  the  library  of  Sir  G. 
Grrey.    8.   London  1864,   Trübner.    3  s.    6  d. 

Aufgeführt  wegen  des  vergleichenden  Studiums  der  Thiersage.  Vgl.  Europa  1864, 
Nr.  17;  Das  Ausland  Nr.  16. 

Rothe,  Johannes. 

514.  Bech,  Fedor,  Über  Johannes  Rothe.  VIII. 

Germania  9,  172 — 179.  Mittheilungen  aus  einer  gereimten  Passion  in  einer 
Dresdener  Handschrift;  vgl.  oben  Nr.  188. 

515.  Tauler's,  Joh.,  sämmtliche  Predigten.  2.  verbesserte  Auflage,  heraus- 
gegeben von  Prof.  Dr.  Jul.  Hamberger  in  München.  3  Bde.  In  6  Lieferungen. 
Lex.  8.  1. — 4.  Lieferung,  (l  :  X,  336  S.,  2:  S.  1 — 240)  Frankfurt  a.  Main  1864. 
ä  18  Ngr. 

Walter  von  der  Vogelweide. 

516.  Walther  von  der  Vogelweide.  Herausgegeben  von  Franz  Pfeiffer.  8. 
(LVIII,    3  38  S.)    Leipzig  18  64,   Brockhaus.    1  Rthlr. 

In:  Deutsche  Classiker  des  Mittelalters.  Mit  Wort-  und  Sacherklärungen  heraus- 
gegeben von  Franz  Pfeiffer.  Erster  Band.  Vgl.  Europa  18b'4,  Nr.  41 ;  Österreich.  Wo- 
chenschrift 41;  Morgenblatt  zur  bayerischen  Zeitung  Nr.  253;  Blätter  für  litterar.  Unter- 
haltung Nr.  43  (von  A.  Henneberger);  Allgem.  Litter.  Zeitung  Nr.  44;  Allgem  Zeitung 
Nr.  313;  St.  Galler  Blätter  Nr.  47;  Litter.  Handweiser  Nr.  29;  Allgem.  litter.  Zeitung 
Nr.  48;  Stuttg.  Beobachter  Nr.  217  (von  Herrn.  Kurz);  Zeitung  für  Norddeutschland, 
Nr.  4781  (von  H.  Pfannenschmid);  Neue  Freie  Presse  Nr.  30;  Deutsche  allg.  Zeitung 
Nr.  463;  Wiener  Botschafter  Nr.  297;  Deutsches  Museum  Nr.  43  (von  R.  Prutz);  Cor- 
respondent  von  und  für  Deutschland,  Nr.  596;  Österreich.  Zeitung  Nr.  258;  Zeitschrift 
für  Gymnasialwesen.  4.  Heft,  S.  316 — 321  (von  W.  Wilmanns). 

517.  Walther's  von  der  Vogelweide  Gedichte.  Vierte  Ausgabe  von 
K.  Lachmann,  besorgt  von  M.  Haupt,  gr.  8.  (XVIII,  234  S.)  Berlin  1864, 
Reimer.    1  Rthlr. 

Der  Text  unverändert;  die  Lesarten  von  t  (der  Kolmarer  Handschrift)  und  ein- 
zelne Bemerkungen  von  Haupt  sind  hinzugefügt.  Vgl.  Europa  1865,  Nr.  1. 

518.  Bechstein,  Reinhold,  Die  neuesten  Forschungen  über  Walther 
von  der  Vogelweide. 

Blätter  für  litterar.  Unterhaltung  1864,  Nr.  5. 

518*.     Spach,    Louis,     Les  Minnesinger:    Walther    von    der  Vogelweide 

(1190  — 1240).    Strasbourg,   impr.   de  veuve  Berger-Levrault    1864.   3  4  pp.   in  8. 

(Extrait   du   Bulletin   de  la   Societe   litt,   de   Strasbourg). 

Früher  erschien  von  demselben  Verf.  ebd.:  Les  Minnesinger:  Godefroi  de  Stras- 
bourg I8t)2.  43  pp.  in  8. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  381 

Wernher  der  Gartenaere. 

519.  Keinz,  Friedrich,  Meier  Helmbrecht  und  seine  Heimat.  Mit  einer 
Karte,     gr.    8.   (9  6    S.)    München    18  65.    Fleischmann. 

Diese  Abhandlung  weist  mit  voller  Evidenz  die  Heimat  des  Gedichtes  nahe  an 
der  Salzach  nach.  In  den  Sitzungsberichten  der  bayer.  Akademie  (am  5.  November 
1864)  gab  Conr.  Hofmann,  der  den  Verf.  zu  dieser  Arbeit  angeregt,  einen  vorläufigen 
Bericht  über  die  Resultate ;  auch  diesem  Berichte  ist  eine  Karte  beigefügt,  auf  welcher 
der  Schauplatz  des  Gedichtes  nach  den  früheren  Auffassungen  angegeben  ist.  Vgl.  Bayer. 
Zeitung,  Morgenblatt,  1865,  Nr.  32. 

520.  Niemeyer,  Der  Bauernsohn  Helmbrecbt  nach  einer  altdeutschen 
Novelle   Wernhers   des   Gärtners. 

Programm.    Dresden  1863. 

521.  Wolfdieterich,  der  große,  herausgegeben  von  Adolf  Holtzmann. 
gr.    8.    (CI,    364   S.)    Heidelberg   1865.    Mohr.    2   Rthlr.     12l/2  Ngr. 

Die  Einleitung  handelt  von  den  verschiedenen  Bearbeitungen,  den  Handschriften 
derselben,  und  gibt  eine  ausführliche  Analyse  des  Inhalts.  Der  Text  ist  nicht  ins  Mhd. 
zurückübertragen,  weil  die  ursprüngliche  Gestalt,  die  ohne  Zweifel  dem  13.  Jahrb.  an- 
gehört, wiederzugewinnen  unmöglich  schien.  Im  Ganzen  2242  Strophen,  mit  Lesarten, 
Namenverzeichniss'  und  einem  Glossar  bemerkenswerther  Wörter  versehen.  Vgl.  Allgem. 
Zeitung  1865,  Nr.  80. 

Wolfram  von  Eschenbach. 

522.  Hense,  Director  Dr.,  Erinnerungen  an  Wolfram  von  Eschenbach. 
4.    (22    S.)    Parchim    1864. 

Programm  des  Gymnasiums  zu  Parchim  1864.  Gibt  eine  Charakteristik  Wolframs 
und  seiner  Werke. 

523.  Meyer,  H.,  Wolfram  von  Eschenbach. 
Bremer  Sonntagsblatt  1864,  Nr.  9. 

52  4.   Glaser,  Ad.,  Der  Parzival  des  Wolfram  von  Eschenbach. 
Westermann's  illustr.  deutsche  Monatshefte,  Nr.  89,  Februar  1864. 


Zur  Litteratur  des    16.  Jahrhunderts: 

525.  Wagner,  Jos.  M.,  Österreichische  Dichter  des    16.  Jahrhunderts. 
Serapeum  1864,  Nr.  18—20. 

526.  Lützelberger,   C,   Einiges  von   den  Meistersängern. 

Album  des  litterarischen  Vereins  in  Nürnberg  für  1864,  S.  210—234.   Aus  Nürn- 
berger Handschriften. 

D.    Altsächsisch. 

52  7.   Zur  Entstehungsgeschichte  des  H  e  1  i  a  n  d. 
Volksblatt  für  Stadt  und  Land  1864,  Nr.  66. 
52  8.   Behringer,    Zur  Würdigung   des  Heliand. 
Würzburger  Schulprogramm   1863. 

E.  Mittelniederdeutsch. 

529.  Latendorf,  Friedr.,  Zu  Reineke  Vos. 
Germania  9,  207  fg.  451—455. 
5  3  0.  Derselbe,   Zum  Theophilus. 
Germania  9,  210—211. 


382  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT, 

531.  Derselbe,  Ein  vermeinter  Anachronismus  im  Sündenfall  des  Ar- 
noldus  Immessen. 

Germania  9,  212  fg. 

53  2.  Pfeiffer,  Franz,  Niederdeutsche  Erzählungen  aus  dem  XV.  Jahr- 
hundert. 

Germania  9,  257  —  289.     Aus  Korner's  Chronik   nach  einer  Wiener  Handschrift. 

F.  Mittelniederländisch. 
53  3.  Bartsch,   Karl,  Flovent.    Bruchstücke  eines  mittelniederländischen 
epischen   Gedichtes. 

Germania  9,  407 — 436.  Die  in  der  vorjährigen  Bibliographie  Nr.  470  erwähnten 
Pergamentblätter. 

53 3a.  Bormans,  J.  H.,  Fragment  d'une  ancienne  traduction  ou  imita- 
tion   en  vers  thiois  de  la  chanson  de  geste  d'Aiol. 

Bulletins  de  l'academie  roynle  des  sciences  de  Belgique.  2.  Serie ,  Tome  XV. 
Bruxelles  1863. 

5  34.  Regel,  Karl,  Mittelniederländische  Plalmen,  Hymnen  und  Gebete, 
aus  zwei  handschriftlichen  Breviarien  der  herzoglichen  Bibliothek  zu  Gotha  in 
Auswahl  mitgetheilt   und   sprachlich   beleuchtet.    4.    (30    S.)    Gotha    1864. 

Vgl.  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1864,  Sp.  383. 
G.  Angelsächsisch. 

53  5.  Grein,  C.  W.  M.,  Bibliothek  der  angelsächsischen  Poesie  in  kri- 
tisch  bearbeiteten   Texten   und   mit  vollständigem  Glossar   herausgegeben.    4.   Bd., 

2.  Heft.     Sprachschatz    der    angelsächsischen   Dichter.      2.   Bd.,    2.   Heft.      gr.    8. 
Göttingen    18  64.     Wigand.    4   Rthlr. 

Der  Schluß  des  ganzen  Werkes ;  vgl.  Germania  9,  484—486  (von  Pfeiffer) ;  Kuhn's 
Zetschrift  14.  Bd.,  3.  Heft  (von  Regel). 

H.   M  i  1 1  e  1  e  n  g  1  i  s  c  h. 

536.  Early  english  alliterative  poems  in  the  West  Midland 
dialect  of  the  fourteenth  Century.  Edited  from  a  unique  Ms.  in  the  British 
Museum,  with  notes  and  glossarial  index  by  Richard  Morris.  8.  (XXXVI,  216  S.) 
London    186  4.    Trübner.     16    s. 

Veröffentlichung  der  Early  English  Text  Society. 

537.  Sir  Gawayne  and  the  grene  knyght:  an  alliterative  romance- 
Poem  (1330 — 1330  A.  D.)  by  the  author  of  early  english  alliterative  poems. 
Reedited  from  Cotton  Ms.  Nero  A  x  in  the  British  Museum  by  Richard  Morris. 
8.   (XX,    124    S.)    London    1864.    Trübner.     10    s. 

538.  Arthur,  a  short  sketch  of  bis  life  and  history  in  early  English 
verses  of  the  first  half  of  the  15.  Century.  Edited  from  the  Marquis  of  Bath's 
Ms.   by  F.   J.   Furnivall.    8.    (VII,    20    S.)    London    1864.    Trübner.    4   s. 

539.  Chaucer.  With  notes  and  glossary  by  Tyrwhitt,  and  portrait  and 
Vignette.    Leipzig   1864.    Denicke.    10   s.    6   d. 

I.  Altnordisch. 

540.  E  d  d  a,  die,  die  ältere  und  jüngere  nebst  den  mythischen  Erzäh- 
lungen  der  Skalda   übersetzt  und  mit   Erläuterungen   begleitet  von   Karl  Simrock. 

3.  verm.  und  verbess.  Aufl.   gr.  8.    (VIII,  514  S.)   Stuttgart  18  64.   Cotta.   2  Rthlr. 

Vgl.  Litt.  Centralb!.  1865,  Nr.  2;  Köln.  Zeitung  1864,  Nr,  85. 


BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT.  383 

541.  Homiliebog,  gammel  Norsk  (Cod.  A.  M.  619.  4),  udgiv.  af 
C.  R.  Unger.  2.  (Schluß-)  Heft.  (S.  161—223  und  Vorrede  S.  I  —  VIII). 
Christiania    18  64. 

54  2.  Heimskringla  eller  Norges  Konges  agaer ,  forfallede  ai  Snorre 
Sturlassön,  udgivne  ved  C.  R.  Unger.  1.  Heft.  (S.  1 — 160,  Text  der  Heinis- 
kringta  bis  zur  Olafs  sage   Trygyvasonar,   Kap.    47)    Christiania    1864. 

543.  Norröne  Skrifter  af  sagnhistorisk  Indhold,  udgivne  af  Sophus 
Bugge.     1.  Heft   (Hälfs   saga  und  Nornagests  thättr).    Christiania  186  4. 

Nr.  541—543  bilden  die  IV.,  V.  und  VI.  Publication  der  'norsk  Oldfkrifcselskab' 
(Bibliographie  1863,  Nr.  487).  Den  deutschen  Leser  wird  namentlich  die  an  vielen  schönen 
Eraendationen  reiche  neue  Augabe  der  Hälfssaga  und  des  Nornagests  tbattr  mit  ihren 
alten  Liederfragmenten  interessieren. 

54  4.  Snorre  Sturlesön,  Norges  Konge-Krönike,  fordansket  ved 
N.   F.   S.   Grundtvig.    2.   Udgave.    1.   und   2.   Heft.    8.   (160   S.)    1863.    12  Ngr. 

545.  Flateyjarbök,  en  Sämling  af  Norske  Konge  sagaer.  II.  Band. 
8.   (7  01    S.)    186  3.    3   Rthlr. 

546.  Eyrbyggia  Saga.  Herausgegeben  von  Guctbrandr  Vigfüsson. 
Mit  einer  Karte»    8.   (IV,  145  S.)    Leipzig    1864.    F.   C.  W.  Vogel.    1  '/3  Rthlr. 

Vgl.  Germania  9,  352;  Litter.  Centralbl.  1865,  Nr.  9. 

547.  Svensso  n,  S.  H.  B.,  Hallfreds-Sago.  Ofversättning  fran  Isländs- 
kan  jemte   Anmärkningar.     8.    (82    S.)    Lund    1864. 

54  8.  Samlingar  utgifna  af  Svenska  Fornskrift-Sällskapet.  41.  Heft. 
(128    S.)    Stockholm    1864. 

Enthält:  Heiige  Bernhards  Skrifter,   1.  Haftet. 

549.  W  i  1  1  a  t  z  e  n,  P.  J.,  Alt-isländische  Volksballaden  und  Heldenlieder 
der  Färinger.  Zum  ersten  Mal  übersetzt.  8.  (VI,  354  S.)  Bremen  1864.  Geisler. 
1  Rthlr.   21  Ngr. 

Vgl.  Europa  1864,  Nr.  48  (Alt-isländische  Volkspoesie);  Litter.  Wegweiser  Nr.  11 ; 
Wissenschaftl.  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  Nr.  99;  Bremer  Sonntagsblatt  Nr.  52; 
Das  Ausland   Nr.  53. 

Wiederum   lasse   ich   einige   Chroniken-   und   Urkundenwerke   folgen. 

55  0.  Die  Chroniken  der  deutschen  Städte  vom  14.  bis  16.  Jahr- 
hundert. 3.  Band.  A.  u.  d.  T. :  Die  Chroniken  der  fränkischen  Städte.  Nürn- 
berg.    3.   Band.    gr.    8.   (XI,   4  63    S.)    Leipzig    1864.    Hirzel.    22/3   Rtblr. 

Vgl.  Göttinger  Gel.  Anzeiger  1864,  Nr.  12,  S.  441—458  (von  Frensdorff);  Preuss. 
Jahrbücher  XIII,  4;  Österr.  Wochenschrift  Nr.  18;  Deutsch.  Museum  Nr.  19;  Grenz- 
boten 1864,  Nr.  26;  1865,  Nr.  9;   Litter.  Centralbl.  1864,  Nr.  31. 

551.  Kurze  Chronik  des  Gotzhaus  S.  Gallen  (1360 — 149  0)  von  einem 
unbekannten  Conventualen ,  besonders  der  Klosterbruch  zu  Rorsach ,  mit  darauf 
bezüglichen   Verträgen   und  Liedern. 

Mittheilungen  für  vaterländische  Geschichte.  Herausgegeben  von  dem  histor. 
Verein  in  St.  Gallen.   2.  Heft  (1863). 

552.  Leben   der  sei.  Liutgart  (1291  — 1348)  aus  dem  XIV.  Jahrhundert. 
Mone's  Quellensammlung  zur  badischen  Geschichte.    3.  Band. 

553.  Gersdorf,  E.G.,  Codex  diplomaticus  Saxoniae  regiae.  2.  Haupt- 
theil.  1.  Band.  Urkundenbuch  des  Hochstifts  Meissen.  1.  Band.  gr.  4.  (XLIV, 
426  S.  und  2  Tafeln  mit  Sicgelabbildungen.)  Leipzig  1864.  Giesecke  und 
Devricnt.     8%    Rthlr. 


384  BIBLIOGRAPHISCHE  ÜBERSICHT. 

Die  gediegene  Einleitung  enthält  u.  a.  Escurse  über  das  Münzwesen  des  12.  bis 
14.  Jahrh.  Die  älteste  deutsche  Urkunde  dieses  Bandes  ist  vom  Jahre  1305.  Der 
zweite  Band  wird  die  Register  nachbringen.  Vgl.  Litter.  Centralbl.  1864,  Nr.  12, 
Sp.  265 — 268;  Germania  9,  376 — 379  (von  Bechstein);  Blätter  für  litter.  Unterhaltung 
Nr.  20;  Wissenschaft!  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  Nr.  57;  Dresdener  Journal  Nr.  81; 
Allgem.  Zeitung  Nr.  240  fg.;  Götting.  Gel.  Anzeigen,  Nr.  43,  S.  1713—1720  (von 
Waitz);  Allgem.  Litteraturzeitung  Nr.  46. 

5  5  4.  Riedel's,  A.  F.,  Codex  diplomaticus  Brandenburgensis.  Sammlung 
der  Urkunden,  Chroniken  und  sonstigen  Geschichtsquellen  für  die  Geschichte 
der  Mark  Brandenburg  und  ihrer  Regenten.  Fortgesetzt  auf  Veranstaltung  des 
Vereines  für  Geschichte  der  Mark  Brandenburg.  1.  Haupttheil.  24.  u.  25.  Bd. 
gr.    4.   (1000    S.)    Berlin    1863.    Reimer,    ä   4  %   Rthlr. 

555.  Urkundenbuch  zur  Geschichte  der  Herzöge  von  Braunschweig 
und  Lüneburg  und  ihrer  Lande,  gesammelt  und  herausgegeben  vom  Archivrath 
Dr.  H.  Sudendorf.  4.  Theil.  1370  —  1373.  gr.  4.  (CLX,  27  0  S.)  Hannover 
1864.    Rümpler.    4   Rthlr. 

Zur  mittellateinischen  Poesie : 

556.  Hobein,  Ed.,  Buch  der  Hymnen.  Ältere  Kirchenlieder  aus  dem 
Lateinischen  ins  Deutsche  übertragen,  kl.  8.  (XXIV,  248  S.)  Schwerin  186  4. 
Stiller.     1    Rthlr. 

Mit  den  lateinischen  Originalen.  Auswahl,  nach  Jahrhunderten  geordnet;  die 
Übersetzungen  sind  meist  gewandt.  Vgl.  Litter.  Centralbl.  1864,  Nr.  44;  Blätter  für 
litternr.  Unterhaltung  Nr.  51;  Allgem.  Litt.  Zeitung  1865,  Nr.  10;  Volksblatt  für  Siadt 
und  Land  1864,  Nr.  94. 

557.  Stadelmann,  H.,  Sionsgrüße.  Eine  Auswahl  altchristlicher  Hymnen 
und  Lieder  aus  dem  Latein,  übersetzt.  16.  (VI,  7  4  S.)  Halle  1864.  Buchh. 
d.   Waisenhauses.      '/3    Rthlr. 

558.  Sehen  kl,  Prof.  Dr.  Karl,  Zur  Kritik  späterer  lateinischer  Dichter. 
[Aus  den  Sitzungsberichten  1863  der  Akad.  d.  Wissenschaften.]  Lex.  8.  (63  S.) 
Wien    1863.    Gerold   in   Comm.    9   Ngr. 

Über  Symposii  aenigmata;  Claudian's  Gigantomachia;  Carmen  de  Philomela; 
Carmen  de  ponderibus  et  mensuris;  Gedichte  der  12  poetae  scholasticae  etc.  Disticha 
de  septem  (aus  XII)  mensibus.    Vgl.  Litter.  Centralbl.   1864,  Nr.   18. 

55  9.   Schmitt-Blank,   Zur  Texteskritik  des  Cornutus. 
Eos.  Süddeutsche  Zeitschrift  für  Philologie,  1.  Jahrgang,  1.  Heft. 

560.  Praefatio  de  S.  Marco  evangelista.  Gereimte  Vorrede  zu  der 
(Quellensamml.  1,  6l)  abgedruckten,  sagenhaften  Erzählung  von  den  Reliquien 
des   heiligen   Marcus. 

Quellensammlung  zur  badischen  Geschichte,  von  Mone.  3.  Band.  Handschrift  des 
10.  Jahrhunderts. 

561.  Planctus   beati   Galli   (um    10  80). 
Ebendaselbst.    Handschrift  des  11.  Jahrhunderts. 

562.  Planctus   huius   Augiae. 
Ebendaselbst.    Aus  dem  13.  Jahrhundert. 

56  3.   Gedichte,   zwei   Salmansweiler,   des    13.   Jahrhunderts. 
Ebendaselbst.     Das  eine   auf  Bischof  Diethalm  von  Konstanz  (1206),   das  andere 

auf  Otto  von  Witteisbach  (1208). 


ERDICHTETE    LIEBESBRIEFE   DES  XV.  JAHRH. 
IN  NIEDERDEUTSCHER  SPRACHE. 


Bei  der  Bearbeitung  des  Göttinger  Stadtarchivs  fand  ich  unter 
Nr.  620  zwölf  Liebesbriefe  und  zwei  Pergamenturkunden ,  die  über 
die  Beziehungen  jener  Auskunft  geben. 

Der  Rektor  der  Stadtschule,  Meister  Curd  Hallis1),  Geistlicher, 
erhält  eine  Reihe  von  Briefen  durch  Vermittlung  seines  Locaten  (Unter- 
lehrers) Hermann  Konemund ,  eines  Sohnes  des  Göttinger  Bürgers 
Konemund  von  Gandra.  Als  Schreiberin  erscheint  Edelend,  Hans 
Schreibers  Ehefrau,  die  von  Liebe  für  den  ehrbaren  Rektor  glüht  (zwei 
ihrer  Briefe  zeigen  als  Liebes-Symbolum  das  bis  auf  die  neueste  Zeit 
beliebte  pfeildurchbohrte  Herz).  Aber  gleich  im  ersten  Briefe  erschei- 
nen für  die  Zeit  ganz  charakteristisch  sehr  materielle  Geldforderungen, 
die  sich  allmählich  steigern,  bis  zuletzt  dem  Liebhaber  die  artige  Summe 
von  18  Goldgulden  und  40  böhmischen  Groschen  abgeschwindelt  ist. 
Denn  es  sind  nicht  wirkliche,  von  jener  Frau  oder  in  ihrem  Namen  ge- 
schriebene Briefe,  sondern  sie  sind  von  dem  Locaten  betrüglich  fabriciert, 
um  Meister  Curd  Geld  abzunehmen;  eine  Absicht,  die  auch  glücklich 
erreicht  ist.  Sie  fallen  sämmtlich  in  die  letzten  Monate  des  Jahres 
1458  und  erst  nach  dem  zwölften  Briefe  scheinen  dem  Magister  die 
Augen  darüber  aufgegangen  zu  sein,  daß  er  das  Opfer  eines  Betrugs 
geworden.  Denn  bis  dahin  hat  er,  wie  ein  moderner  Verliebter,  jedes- 
mal auf  die  Rückseite  des  Briefes  I*  oder  2a  u.  s.  w.  littera  mihi 
missa  ab  Edelinde  geschrieben.  Auf  dem  dritten  steht  außerdem 
zu  lesen,  was  ihn  bis  dahin  seine  vermeintliche  Liebe  gekostet.  Leider 
ist  von  den  Antwortschreiben  des  Magisters  nichts  auf  uns  gekommen, 
doch    sind   auch    so   schon   diese  Briefe   ein    charakteristischer  Beitrag 


')  Über  seine  Annahme  in  Göttingen  sagt  das  Kathsprotokoll :  'A.  etc.  LV.  circa 
festnm  Michahelis  hebbe  we  mester  Curde  Hallis  de  schole  dijt  neiste  iar  uppe  Passeljen 
neistkomende  antoghande  to  regerende  gedan  und  sal  Ion  nomen,  alse  van  older  ge- 
nomen  is,  und  sal  uns  dijt  iar  22'/,  mr  gheven.  —  A.  LVII.  hefft  mester  Cord  Halli.« 
de  schole  noch  eyn  iar  angenamet  uppe  Passchen  nehist  körnende  antogande  unde  schal 
uns  darvon  50  fl.  werd  geldes  geveu,  de  helffte  tippe  Mich,  neist  körnende  unde  de 
andern  helffte  uppe  Passchen  darneist  folgende.  Actum  IV.  feiia  proxima  post  Lucie 
virginis.  —  A.  LIX  iterum  aeeeptavit  scholam  ad  annura  et  dabit  ut  supra,  und  eff  ha 
anders  sek  helde  und  regerde,  so  he  schoJde,  10  schal  he  altijd  orloff  hebben.' 
GERMANIA  X.  25 


386  GUSTAV  SCHMIDT 

zur  Denk-  und  Schreibweise  der  Zeit.  Die  drei  ersten  Briefe  sind 
scheinbar  von  anderer  Hand  geschrieben  als  die  neun  anderen,  aber  der 
Verfasser  hat  nachher  gestanden,  daß  er  sie  alle  zwölf  selbst  geschrieben; 
zudem  sind  sie  absichtlich  wir  würden  sagen  unorthographisch  ge- 
schrieben, die  letzten  neun  außerdem  in  abenteuerlichen  Schriftzügen, 
da  anzunehmen  ist,  daß  die  Frauen  in  den  Städten  keine  besonderen 
Meisterinnen  in  der  Schreibkunst  waren.  So  bieten  die  Briefe  auch 
sprachlich  manches  von  Interesse. 

Als  dieser  Betrug  entdeckt  war,  nahm  der  Rath  die  Sache  in 
die  Hand,  setzte  den  Verfasser  der  Liebesbriefe  fest,  der  [s.  u.  das 
Notariatsprotokoll]  am  4.  Februar  1459  vor  Zeugen  geständig  war, 
indessen  als  Geistlicher  nicht  vom  Rath  bestraft  werden  konnte.  So 
wurde  er  an  den  damaligen  Provisor  des  Mainzischen  Eichsfeldes, 
Grafen  Adolf  von  Nassau,  ausgeliefert.  Sein  Vater  mußte  den  16.  Febr. 
eidlich  vor  dem  herzoglichen  Schultheißen  versprechen,  daß  er  weder 
gegen  die  Stadt  noch  die  Herzoge  von  Braunschweig,  noch  den  Pro- 
visor des  Eichsfeldes  wegen  des  Verfahrens  gegen  seinen  Sohn  irgend 
wie  Gewaltthätigkeiten  sich  zu  schulden  kommen  lassen  wolle. 

Die  Briefe  sind  ganz  genau  copiert,  damit  das  sprachlich  Interes- 
sante besser  hervortritt,  auch  die  letzte  Urkunde :  nur  die  Interpunc- 
tion  ist  gleichmäßig  hinzugefügt. 

GÖTTINGEN,  4.  Oct.  1864.  GUSTAV  SCHMIDT. 


I. 

(Auf  der  Rückseite  steht  von  des  Empfängers  Hand  geschrieben  :    Prima  littera  mihi 

missa  ab  Edel.) 
Myuen  steden  denst  vt  mynes  herten  beger,  myn  leyf,  ek  iu  grole, 
noch  so  enbyn  ek  nicht  ver.  Myn  alder  leueste  myn,  mochte  ek  by  iu 
eyn  halue  stunde  syn,  dat  scholde  my  wol  to  danke  syn:  vnd  wolde 
gy  d6n  nach  deme  synne  myn,  so  schal  dat  wol  körnende  syn.  Myn  leue 
Irunt,  so  alse  iu  wol  to  sinne  were,  dat  wy  to  samende  kernen  schere, 
vnd  dat  nicht  so  drade  is  ghekomen,  dat  en  heft  mynem  herten  nicht 
ghedan  groten  fromen.  Gude  fruntschap  vnd  gud,  dat  iu  nocht  beko- 
men  schaj.,  ven  od  nicht  scholde  komen  over  al.  Myn  leue  gülden 
frunt,  so  alse  Hermans  Konemunt  my  heft  berichtet,  vmme  welker  sake, 
schal  ek  an  iu  dat  bevynden  sodene  trwe  vnd  fruntschap,  so  alse  he 
my  seght  heft  vnd  dot  noch  alle  tid  vnd  stunde,  de  he  by  my  kummet, 
wen  gy  de  so  doyn  willen,  so  schal  iu  von  my  soden  fruntschap  be- 
scheyn  von  my,  dat  gy  des  schullen  to  bet  mögen.  Des  dredden  dages 
na  allen  goddes  beigen  dau  scholde  gy  to  my  gekomen  hebben,  dau 
was  mvn  man  evn  nacht  vte.   dau  scholde  iu  Hannans  my  ghebracht 


ERDICHTETE  LIEBESBRIEFE  DES  XV.  JAHRH.  etc.  3^7 

hebben.  Des  enwolde  he  nicht  don,  he  sede,  gy  hedden  al  iuwen 
ghesellen  redde  gelt  gegeuen  sunder  ome:  anders  hedde  gy  reyde  by 
my  west.  Ek  sege  iu  vor  war,  so  helpe  my  [god?],  dat  ek  iu  alle  tyd 
in  mynem  synne  dacht  und  nach.  So  seght  Hermans  Konemunt  wort 
to  my  von  iu,  de  behagen  my  wol  vnd  met  allem  goyden,  vnd  wat 
Hermans  my  seght,  des  loue  ek  wol  vnd  wet,  dat  he  nicht  en  luch. 
Leue  frunt,  ek  en  dorste  iu  nicht  scriven  vor  dut  erste:  in  kort  schul 
gy  by  my  syn.  Ecken  Remensnyder  sone  heft  dussen  breyf  ghescreven: 
den  roden  remen  2)  den  bewart  wol.  Denket  mynen  wente  sintte  Märten 
auende,  wan  gy  goyden  bogen  syn:  de  wyl  wil  ek  gerne  uppe  iu. 
Dusses  möge  gy  Hermanse  Konemunde  danken,  geue  ome  1  ß.  edde 
2  ß.  uppe  Martens  avent,  de  wil  ek  iu  des  mandages  darna,  so  wil 
gy  vnd  ek  to  haupe  reden,  vnd  de  vil  ek  iu  dreuelt  betalen.  Da  me 
[-de]  heffet  hundert  dusen  gul[den]  iar.  Denket  myr  ok  vaken. 
*)  Edelent. 

Eyn  fruntlick  antwor  enbeiden  my  by  Hermanse,  so  werde  ek  vro. 

(Mynen  alderen  leuesten  frunde,  den  ek  heffe,  mester  Corde:  des 
gelouet  my.) 

II. 

(Auf  der  Rückseite :  2a  litera  mihi  missa  ab  Edel.) 

Met  gansem  flite,  met  stedem  denste,  met  groter  leue  vnde  wer- 
dicheit,  mynen  denst  to  allen  tyden  ane  twivelichet.  Myn  leueste  levf, 
in  trwe  bleyf  vnde  ek  danke  iuwer  goyte,  de  gy  my  hebbet  bewiset: 
des  wil  ek  iu  danken ,  dat  bewinde  gy  in  korter  tyd.  Item  myn  leue 
frunt,  ek  dancke  iu  fruntliken  vnde  leyfliken  vme  iuwe  gaue,  dat  gy 
my  an  myddeweken  sanden  by  Hermanse  Konemunde,  by  namen  eyn 
honnigkoiken,  vnd  de  fruntschap,  de  gy  Hermanse  bewiseden  an  syntte 
Martens  auende  vnde  2  ß,  de  gy  my  sanden,  alse  ek  iu  den  ersten 
breif  screyf.  Myn  leue  frunt,  nu  byn  ek  in  deme  synne  vnde  wil  iu 
des  so  leyfliken  danken  in  körten  tyden,  gy  schuldes  to  bet  mögen. 
Ek  hebbe  rede  welck  tuch  vnd  late  nottol  wat  bringet  von  Erferde, 
dat  ek  iu  wil  dat  wol  af  vordeynen.  Ok  so  wetet,  dat  ek  nicht  goydes 
bogen  up  iu  enbyn,  dat  gy  iuwe  synne  uppe  iuwe  vadderen  3)  de  Ger- 
lageschen settet:  dat  behaget  my  nicht.  Ervare  ek,  dat  gy  iuwe  danken 
uppe  se  setten,  so  schulle  gy  in  mynem  herten  neyne  stede  mer  heffen, 
dat  wil  ek  iu  loven  vnde  ok  wol  holden.    Myn  leue  frunt,  scriven  my 


2)  Mit  dem  der  Brief  umwickelt  war.       5)  Gevatterin. 

")  Hier  ibt  eiu  vou  einem   Pfeil  durchbohrtes   Herz   eingezeichnet . 

25* 


388  GUSTAV  SCHMIDT 

ock  eyn  breif,  daf  my  de  rnorne  werde,  den  wil  ek  Hermanse  laten 
leysen,  so  schulle  gy  mor4)  eynen  breyf  von  my  beffen,  da  schulle 
gy  wat  inne  ervaren.  Ek  hebbe  iu  in  rnynen  syn  ghesat,  dat  ek  iu 
alle  dage  mot  seyn  edder  von  iu  segen:  inet  körten  reden  eyn  ende: 
maked  et  dat  my  morne  tomyddage  werde,  so  wert  iu  weder  eyn  uppe 
den  auent,  so  wil  ek  an  iu  eyne  bede  legen.  Nicht  5)  wen  dusent  gude 
iar.     Mor   so    schulle  gy  wat  ervaren ,   dat  sege  ec  vor  war. 

Edelent. 
(Ohne  Adresse.) 

III. 

(Auf  der  Rückseite  :   Litera  3*.) 

(Item  XIX  ß.  sande  ik  Edelinghe  Scrivers  an  sente  Elisabet  daghe 

den  auent,  do  Hermen  Giselers  by  slcyp  6).     Dat  gelt  sande  ik  or  by 

Hermanße  Konemunde  mynem  locaten  vnd  lech  7)  or  dat.  —  XVIII  dn. 

sande  ik  or  by  Hermanße  Konemunt.  —  II  ß.  do  sey  my  erst  screyf. 

—  III  ß.  gaf  ik  Hermanße  Konemunt  an  sent  Mertins  auent.  —  Item 
V  ß.  sande  or  Hermanß  Konemunt  des  dinstages  na  sente  Elyzabet 
dage  bi  orem  sone  den  auent,  do  ek  or  anlende  (?)  —  Item  I  fl.  an 
golde  sande  ek  or  an  sent  Katherinen  auende  by  Hermanno  Konemunt. 

—  Item  IX  ß.  den  suluen  auent  sande  ik  or  bi  dem  suluen  Hermanse. 
-  Suma  III  fl    III  ß.  IV  dn.) 

Mynen  fruntliken  vnd  willigen  denst,  darmede  dar  ek  iu  ynne 
deinen  kan,  dat  wil  ik  don,  darynne  alse  gy  wol  weten.  So  wetet,  dat 
my  iuwe  scryft  leyfliken  vnd  vol  8)  behaget  hef't.  So  enkan  ek  nicht 
leng  von  iu  blyven,  ek  moyt  iu  sulues  tospreyken,  dat  ga  ui  9)  ot  ga. 
Ek  hadde  iu  sulues  ghescreuen  in  deme  ersten  breue,  dat  gy  des  man- 
dages  na  Martens  daghe  scholden  by  my  wesen,  dat  kam  also  nicht, 
dat  dat  scheyn  konde:  iu  ,0)  wil  ek  Hermanse  segen,  alse  iu  schal 
to  my  bringhen,  so  wil  wey  vnses  dynges  wol  vnder  vns  wol  eyns 
werden.  Ek  enkan  anders  nicht  myn  herte  in  froyden  setten :  wat  we 
vnder  vns  to  sprekende  heffe,  dat  mach  vnser  eyn  deme  andern  segen. 
Gy  synt  de  erste,  deme  ek  breue  ghesant  hebbe:  gy  schullen  ok  wol 
de  leste  syn,  wil  gy  anders  na  mynem  willen  don.  My  heft  in  der 
werde menmchfyn  geselle  anghesunnen  :  desensyn  nochneyne  VIII  daghe 
vorgan,  dat  my  eyn  baut  n)  VI  fl.,  dat  he  moste  eyns  to  my  komen. 
Hermans  de  weyt  dat  vol,  we  he  was,  den  fraget,  de  seght  iu  dat  wol. 
Ek  wolde  iu  vol  vnde  scholde  wol  vele  scryven,   nu  wil  ek  ot  huden 


*)  =  morgen.     »)  ==  nichts  weiter.      ")  Hochzeit  hielt :  ein  Patrizier.      ')  =  lieh. 
=  wol.       ')   =  wie.        '")   =  nnn?        ")  =  bot. 


ERDICHTETE  LIEBESBRIEFE  DES  XV.  JAHRH.  etc.  389 

so  lange  twisch  hyr  vnde  myddeweken,  so  wil  ek  iu  suluen  spreken 
vnd  enwil  ock  nicht  leygen  ,  dat  ek  iu  scriue,  dat  don  ek  in  groter 
leue  vnd  fruntschap  vnde  Hermannus  is  des  io  eyn  sake  ,2).  So  heffe 
gy  my  gheleynt  XVIII  dn.,  II  ß.  vnd  IUI  ß.,  de  ge  Hermanse  geuen 
an  synte  Martens  auende,  dar  doit  to  so  wele  13),  alse  vor  eynen  golt- 
gulden  des  geldes,  uppe  dat  gy  my  reyde  sant  heffen  vnd  sendet  my, 
dat  dat  my  auentlanck  werde,  up  deme  fote  '*)  wil  ek  iu  II  fl.  an  golde 
weder  senden.  Dat  is  de  erste  beyde,  de  iek  an  iu  ghelecht  hebbe, 
de  twidet  I5)  my  vnde  late  des  ok  nicht,  gy  schuldes  nenen  schaden 
hebben.  Ek  wil  eynen  doick  kopen  morne  gait  tyd  vor  IUI  gulde 
wort  geldes,  darvmme  senden  my  by  Hermanse  vnde  weygeret  my  des 
nicht,  gy-schullet  vol  seyn,  wen  on  morne  uppe  hefi'e.  Nicht  mer  men  lö) 
dusent  frolicke  iar.  Latet  des  nicht,  gy  senden  my  io  XIIII  ß. ,  so 
vele  feylt  my  noch  an  den  IUI  guldewort  geldes.  Ek  sende  iu  golt 
weder  :  weset  des  denkende,  dat  ek  dat  kryge,  er  ek  to  deme 
danse  ga,  so  schal  Hermans  to  iu  körnen,  ven  l7)  de  cloke  XIII  sleyt. 

*)  E. 

Weset  dus  dechtich,  alse  ek  iu  scryve. 

(Ohne  Adresse.) 

IV. 

(Auf  der  Rückseite :  littera  4a  missa  ab  eadem.) 

Minen  denst  touorent   nv  vnde  to  allen  tiden,    wat   ek  wormach 

dach  vnd  ok  de  nacht.    Myn  alder  leueste  myn,  ek  danke  iu  gotliken 

vor  dat  gi  my  sanclen  negentein  scillinge,  de  gi  my  sanden  bi  Hermanse, 

vnde  vyf  ß.  by  mynem  sone,  dat  wyl  ek  alle  tyd  vordenen.    So  wetet, 

dat  ot  my  leyt  is,  dat  gi  an   myddeweken  my  gesogt  haden,   des  en- 

laten  iu  nich  vordreten  uppe  de  tid,  alse  iu  Harmans  wol  segen  schal, 

do  wert  my  to  male  lack  ,8),    er   gi  to  my  komen,    went  sundage    so 

moyt  myn  man  to  Kassele  syn,  do  sede  my  Hermans,  gy  wolden  my 

eyn  goltdulden  lenen..    hellen;    hedde  gy  dat  gedan,    dat   scholde   iu 

wol  heffen  gebatten.  Dat  ek  iu  vmme  gelt  byddet,  dat  doy  ek  vmme  sake 

wyllen.     Ek   schal   deme   goltsmede  geuen   VI  fl. ,    wyl  gy    my    1  fl. 

lenen  edder  wat  gy  wyllen,   dat  wyl  ek   iu  wedergeuen,    byn    ek  von 

eyner  iromen  vrvven  gbeboren.  Lene  gy  den  gülden,  dat  schal  tyd  10) 

vordenet  werden,  dat  de  my  worde  noch  auentlack. 

Edelent. 


")  =  Zeuge?     ,s)  =  viel.    ")  auf  der  Stelle.    IS)  das  mhd.  2widen  =  gewähren. 
8)  statt  wen.     ,7)  =  wenn.     '•)  =  lang.     ")  =  altyd. 
*)  E;"~   Her2  rc'.x  Pfei  .    vi e  ober    bei 'Nr    l. 


390  GUSTAV  SCHMIDT 

V. 

(Auf  der  Rückseite:  5"  littera  missa  ab  eadem.  Illam  nota.) 
Mynen  denst  to  allen  tiden ,  wat  ek  godes  vormach ,  den  dach 
vnde  ock  de  nach.  Myn  leue  gülden  gülden  golden  frunt,  myn  leueste 
frunt,  ek  danke  iwer  leue  fruntliken  vnd  gvttliken,  dat  gy  my  sanden 
anderen  halven  gülden ,  1  an  golde,  V2  an  gelde.  Nu  weten,  myn  leue 
here,  dat  Wedekint  Swanenflogel  heft  siner  vrvven  gesant  1  engeis 
graw  laken,  dat  hylt  ver  vnd  twyntich  elen:  des  heft  se  achte  elen 
laten  afgesneden  vnd  nu  heft  se  sesteyne  elen,  nu  de  XVI  elen  heffe 
ek  or  afgekoft,  alt  1  elen  vor  XVI  ß,  vnd  dat  heä'e  ek,  vnd  des  heffe 
betald  achte  gülden  vnd  VI  ß,  de  achte  gülden  guden  gaf  ek  ut  an 
golde,  nv  feylt  my  noch  V  gülden  an  golde  vnd  V2  an  gede  20).  Wolde 
gy  nu  deme  manne  afborgen,  deme  gy  nv  XX  gülden  geuen,  gegen 
Synte  Johanse  2I),  deme  scholde  gy  betalen  in  ver  dagen,  so  schol  iu 
dat  want  morne  tagen  22)  verden,  so  wolde  ek  or  awentlanck  dat  gelt 
geven:  ok  ys  dat  beste  want,  dat  gy  gehat  heffen,  dat  latet  my  to 
wetende  werden,  wen  twey  sleyt,  vnd  scrivet  my  1  breyf,  wat  gy  my 
senden,  so  kryge  ek  dat  want.  Hermans  Konemunt  heft  dat  rede  seyn. 
Nv  alse  ek  iw  begegende  dav  up  deme  kerbowe  23),  daw  wolde  gy  my 
nich  anseyn,  so  homodich  syn  gy.  In  kort  wil  ek  by  iv  syn.  Hefiet 
dusent  gude  nacht.  Edelent. 

Alle  tyd  wil  ek  don,  wat  iw  leyf  is. 

VI. 

(Auf  der  Rückseite:  6*  littera  mihi  missa  ab  eadem.) 
Mit  ganser  leue  vnd  flyte  vnd  ane  arge  lyst.  God  grote  dich, 
leyf,  al  wor  du  byst.  Eyn  leyf  heffe  ek  ghekorenTÜach  gaust  (?)  mynes 
harten  beger :  wen  ek  de  leyte  varen,  dat  brocte  24)  mynem  herten  swer. 
In  leue  ek  moyt  leu.en  eyn  1  vnd  twey  daby,  in  trwe  ek  mot  screuen, 
des  moghe  gy  gelouen  my.  Ach  scheyden  du  bytter  crudelyn,  du  kren- 
kest  myne  mqt,  ach  leyf  mochte  ek  by  dy  syn  vnd  denen  nach  leue 
gloyt,  yd  mach  wol  komen  also,  vnd  dat  ek  doy  myt  herten  fro  nach 
iwem  beger,  ek  sy  gy  den  na  efte  ver. 

Myn  leue  frunt ,  ek  danke  iw  alto  leyflyken,  dat  gy  my  sanden 
V  gülden  an  golde,  des  weyt  ek  iw  goyden  danck,  ek  da  iw  to  goyde, 
dat  schul  gy  wol  befynden.  Nu  wetet,  dat  ek  Harmanse  heffe  gelouet 
11  elen  wandes  morne  to  geuende:  nu  doyt  eyn  dynck  vnd  komet  up 
vse  boyden  25)  vnd  borget  de,  so  wyl  ek  iw  scenken  vnd  met  iu  douen 


20)  =  gelde.      ai)  =  S.  Johannis  Kirche  gegenüber.      **)  «=  morgen  am  Tage. 
2S)  =  Kirchhofe.     a4)  =  brächte.     I5)  =  Kramladen. 


ERDICHTETE  LIEBESBRIEFE  DES  XV.  JAHRH.  etc.  391 

vnd  wyl  dat  sulwen  betalen:  vnd  dat  dot  morne,  wemme  dat  ander- 
male lut  to  der  mysse,  so  wil  ek  wente  myddeweken  awet  by  iu  we- 
sen.  Damede  heffet  dusent  gude  iar.  Edenlent. 

VII. 

(7*  littera  mihi  missa  ab  eadem.) 
Erwerdige  leve  here ,  so  gy  my  heben  gescreuen,  dat  gy  helfen 
ghehalt  twey  elen  wandes,  des  schul  gy  neynen  schaden  hebben,  hedde 
gy  up  my  eyn  heyl  doyck  26)  gehalt,  dat  my  got  help  vnd  hylgen: 
nv  halt  Hermanse  soden  want,  alse  vyf  elen,  vnd  wil  gy  nicht  de  twey 
elen  behaulden,  so  sendet  se  my  weder,  ek  wyl  se  iw  wol  betalen.  So 
scrywe  gy  my,  dat  ek  iw  scholde  senden  eynen  snor  an  iwe  badelaken. 
Myn  lewe  here,  wetet,  vor  dat  gelt,  dat  iw  Hermans  bracte,  da  wolde 
ek  met  1  gulden  yngelaust  twey  par  laken  vnd  II  badelaken  vnd 
III  par  hemede,  de  scholden  iw  iav  wis  2?)  morne  hat  heffen.  No  moyt 
ek  nocht  ennen  dach  beyden,  ek  endorste  iw  nicht  umme  so  wele 
wandes  bydden  to  borgende,  dat  ek  dat  gelt  half  behaulden  hedde. 
Myn  leue  frunt,  wat  gy  ome  borget,  dat  wil  ek,  so  help  my  got,  wol 
betalen.  Ok  so  wyl  ek  iw  in  kort  von  der  pyn  losen,  dat  schal  gy 
befynden  vnd  wyl  ok  iwer  wol  denken  went  my  wol  geyt.  Darmede 
heffet  dusent  gude  iar.  Edelent. 

VIII. 

(8Ta  littera  mihi  ab  eadem  missa.) 

Mynen  denst  ut  al  mynes  herten  gründe  myt  fruntschap  vnd  leve. 
We  de  den  anderen  belucht  vnd  bedruch,  de  is  syn  erger  wen  ieu- 
gerleyge  defe. 

Erwerdige  leue  gulden  frunt,  ek  danke  iwer  lewer  leue,  dat  gy  my 
sanden  II  gulden  an  golde ,  des  wil  ek  alle  tyd  iu  danken ,  wen  gy 
deden  my  leue  daranne,  dat  ek  deme  homodigen  her  kremelynge  28) 
syn  gelt  gaf:  nv  is  Wedekynt  Swanenflogel  ghekomen  vnd  ek  wyl  iw 
nv  von  den  pynen  losen,  dat  schulle  gy  so  befynden.  So  hadde  ek  iw 
laten  beden  umme  gelt,  iw  to  goyde,  dat  gy  iwe  want  hedden  kregen, 
ok  umme  der  Swanenflogelschen  wyllen.  Nv  is  iw  alle  tyd  leyde,  dat 
ek  iw  beheyge.  Hefe  gy  my  leyf,  gevet  Hermanse  soden  gelt,  alse 
II  gulden  vnd  LTH  ß ,  so  möge  iw  nyge  werden  uppe  der  hylgen 
dryger  koninge  dach.  Heffe  gy  my  leyf  in  trwen,  so  sendet  my  dat, 
went  9  sleyt,  so  wyl  ek  or  dat  gelt  gewen.  Heffet  dusent  gude  iar. 

Edelent. 


"     —  ganzes  Stück  Tuch       ;'     (a  bit       /=     --  KrSmer. 


392  GUSTAV  SCHMIDT 

IX. 

(9na  littera  mihi  missa  ab  eadem.) 

Swygen  dat  is  kunst,  claffen  dat  brynget  Ungunst,  allen  luden 
gotlicb,  wenich  luden  heymilich,  sigh  vor  dich,  de  loue  de  is  myslych, 
de  trwe  de  is  eyn  selten  gast,  ve  29)  se  hebbe,  de  hode  30)  se  vast. 

Myn  lewe  frunt,  latet  iwer  lewe  nicht  worlangen  wnd  bydde  iwer 
leve,  dat  gy  nich  vor  unwyllen  nomen,  dat  ek  iu  hebbe  upgeholden, 
ek  enhebbes  nicht  gedan,  dat  ek  iw  heigen  3I)  wylle,  alse  iu  wol  leyde 
vor  is.  Ek  enbyn  der  neyn,  de  so  plech  to  doynde,  gy  heffet  my  ge- 
sant  X  gülden,  des  schul  gy  neynen  schaden  hebben  vnd  vors  X  naarck 
ek  kan  iu  veder  lenen  eyn  gülden  edder  twyntich  32),  so  en  is  de  frwe 
nich  to  hus  ghekomen  met  deme  wände ,  dat  schal  iw  vol  werden, 
wen  gy  schallen  nicht  denken,  dat  ek  iw  oven  wylle.  Wore  Hans  en- 
wech,  gy  scholden  wol  sen,  ef  ek  iw  heygede.  Hermans  de  lyt  my 
dach  vnd  nacht  upme  halse.  Nicht  to  dusser  hyd,  myn  lyf,  myn  syn 
steyd  uppe  iw.  Hochtydet  de  Lyndeschen  vol,  ven  gy  by  se  komen, 
Scryvet  my  1   bref,  so  werde  ek  fro.  Hunde[r]t  dvsent  gvde  iar. 

Edelent. 

X. 

(Decima  littera  mihi  missa  ab  eadem.) 
In  aller  werden  guden  stad,  dede  ek  iw  goyt,  gy  deden  my  quat, 
Borde  ek  my  up,  gy  setteden  my  neder,  erde  ek  iw,  gy  sehenden  my 
weder.  Erwerdige  leue  here,  ek  heffe  iwe  scryft  wol  vorstan,  so  vmme 
de  ersten  beyde,  de  gy  my  beyden,  alse  eynen  snor  an  iwen  badebudel, 
so  bracte  Herman9  my  den  budel  vnde  ek  makede  iw  den  snor:  be- 
haget he  iw  nv,  so  hebbe  ek  gerne  den  snor  gerne  maket  heffen :  so  enwste 
ek  on  to  Gottingen  nicht  deme  ek  scryven  wolde  edder  soden  don 
wolde.  De  anderen  bede  de  schal  ok  scheyn.  So  sede  my  Hermans 
gysteren  von  deme  swartem  wände,  ek  wyl  iw  de  senden,  1  elen  hebbe 
ek  vorcleydet,  ek  wyl  se  betalen  gotliken.  Myn  leue  gülden  frunt,  ek 
wyl  alle  tyd  gerne  don,  wat  iw  leyf  is.  So  clage  ek  iw  over  her  Corde 
Hvllen,  deme  was  ek  schuldich  III  marck,  des  gaf  ek  ome  VI  gülden 
an  myddeweken,  hedde  an  my  synen  wyllen  heffen  wolt,  so  hedde 
ome  in  achte  daghen  neyn  gelt  gegeuen,  so  hebbe  ek  geldes  ennoch. 
Nv  bydde  ek  iw  vmme  aller  frvntschap  vnd  lewe  wyllen,  de  gy  gy 
iw  to  eyner  mynschen  hat  hebben  vnd  borcet   my   twey  gulde  wer83) 


<>ö)  =  wer.      30)  =  hüte.      31)  —  höhnen.      32)  =  ein  Stücker  20  fl.,  wie  man 
noch  hier  zu  Lande  volksthümlich  ?a<rt:    ähnlich  auch  bei  Luther:    ein  Tag-  oder  vier 
Gulden   "'Tth 


ERDICHTETE   LIEBESBRIEFE  DES  XV.  JAHRH.  etc.  393 

geldes,  da  wil  ek  1  pant  iw  vorsettet,  ek  wil  iw  soden  gelt  in  achte 
dagen  weder  senden,  do  ek  des  nycht,  ek  wyl  iw  1  cleynode  senden, 
gy  schullen  XX  gulden  darup  borgen,  dat  gy  deme  nycht  vorlegen, 
deme  gy  dat  af'borgen ,  so  mach  ek  omc  syn  gelt  moghe  geven ,  da 
bydde  ek  iw  vmme,  ek  wyl  iw  leuen  bewysen  met  al  deme*,  dat  ek 
iw  screwen  heffe.  Scrywet  my  von  stnnt,  ef  gy  deme  so  don  wyllen, 
ek  en  wyl  iw  nummer  vmme  gelt  mer  bydden.  Nycht  mer  wen  dusent 
gude  iar.  Edelent. 

XL 

(Undecima  littera  mihi  missa  ab  eadem.) 
Mynen  denst  to  vorent.  Des  latet  iw  nicht  vorlanghen,  met  kör- 
ten reden.  Senden  my  dat  gelt  vor  de  Bemesche,  so  schul  gy  iwen  wil- 
len met  my  morne  hebben.  Ek  danke  iw  leyfliken  wor  iwe  latwarien3*) 

Edelent. 
XII. 

(12ma  littera  mihi  missa  ab  eadem.) 
Goyd  schal  me  met  goydeme  vorghelden.  Met  iweme  gelde  wyl 
ek  iw  nycht  wor  snellen :  darmede  mynen  denst.  Myn  leve  frunt,  so 
alse  gy  vnwyllich  syn  met  Hermanse  umme  soden  gelt,  XVIII  ghu[l|den 
vnde  vertich  Bemesche,  de  vyl  ek  iw  gotliken  veder  senden,  dat  ek 
des  nicht  geholden  heffe,  dat  maket  sake,  doch  en  wyl  ek  nycht  laten, 
ek  wyl  iw  spreyke,  de  warheyt  wyl  ek  iw  scryven  ,  sciywet  my  awent- 
lanck  iwen  syn:  wente  sonavende  wyl  ek  iw  alle  warheyt  scryven. 
Darriede  dusent  gude  iar.  Edelent. 

Das   Protokoll   über   das   Schuld  bekennt  niss   des   Locaten. 

1459,    Febr.    4. 

In  godes  namen  Amen.  Kund  vnde  openbar  sy  allen  den,  de  dyt 
iegenwardighe  instrument  sehin  effte  hören  lesen,  dat  na  Christi  geboid 
vnsers  heren  dusent  veyrhundert  in  dem  negen  vnde  vefftigisten  i;uv, 
der  seueden  indictien,  ame  sondage  des  veyrden  dages  des  manten 
Februarij,  tor  tercie  tid  dagis  edder  darby,  paweßdome  des  allerhilli- 
gisten  vnses  in  god  vaders  vnde  heren  hern  Pii  von  godlicker  vorsich- 
ticheit  des  anderer^  paweses  in  deme  ersten  iare,  in  iegcnwardicheit 
my  openbaren  notarij  vnde  tughen  nabeschreuen  ,  darto  sunderges  ge- 
beden  vnde  geropen,  stunden  vnde  erschineden  personlicken  de  ersamen 
vnde  vorsichtigen  Wedekind  Swaneflogil  de  eider  vnde  Giseler  von 
Munden  de  iunger,  ratmanne  to  Gottingen,  Mentssches  sprengils  vnde 
bisschupdoms,  von  deme  rade  to  Gottingen  sundergen  in  dusser  nage- 


394  GUSTAV  SCHMIDT,  ERDICHTETE  LIEBESBRIEFE  etc. 

sehreuen  sake  geschigket,  de  denne  itwelke  breue  vnde  schriffte,  der 
wol  twelue  by  enander  was,  in  oren  banden  hadden  vnde  de  vor  Her- 
manne Konemunde,  clerico  des  vorscr.  bisschupdoms,  openbarlicken 
lechten ,  de  alle  openden ,  ome  de  ock  in  sine  bände  deden  vnde  ome 
de  eigentlicken  entogiden  37)  vnde  sehin  leten:  de  sulven  breue  denne 
von  eyner  fromen  fruweßnamen  an  mester  Corde  Hallis,  prestere  vnde 
scbolemestere  darsuluest  to  Gottingen,  vthgesand  vnde  geschreuen 
scholden  sin,  so  se  ludeden  vnde  ynnehilden.  Des  fragiden  one  de 
vorbenomeden  Wedekind  vnde  Giseler,  efft  he  icht  sodanne  breue 
hedde  geschreuen  edder  nicht.  De  vorschreuen  Hermannus,  wo  wol  he 
vpgeholden  vnde  gefangen  was,  stund  he  doch  do  suluest  vppe  frigen 
foeten ,  leddich  vnde  loß ,  vnde  nara  sodanne  schriffte  vnde  breue  in 
sine  hande  vnde  besach  de  all,  sede  vnde  bekande  mit  frigeme  gudem 
willen,  vmbetwungen,  vngebunden  alles  dinges,  ock  vngenodiget  vnde 
vngedrunghen,  dat  he  sodanne  breue  all,  wo  wol  id  twyerleye  schrifft 
gestalt  were,  mit  siner  band  vnde  de  so  vorwandelt  hedde,  hinder  so- 
danner  fromen  fruwen,  de  in  den  breuen  benomet  was,  vnde  vthgesand 
scholde  hebben,  sunder  ore  weten,  willen  vnde  fulbord  hedde  gedichtet 
vnde  an  den  vorbenomeden  mester  Corde  geschreuen,  ore  darvon  de- 
ger  vnwitlick,  vnde  hedde  dat  in  deme  synne  vnde  meynunge  gedan, 
den  genanten  mester  Corde  to  bedregende  vnde  dat  he  itwelk  gelt 
darmede  von  ome  wolde  krigen  vnde  erweruen.  So  he  denne  bekande, 
he  gedan  vnde  gelt  so  von  ome  darmede  erworuen  vnde  vpgenomen 
hebbe.  Vppe  dyt  vorschreuen  all  vnde  besunderen  de  vorben.  Wede- 
kind vnde  Giseler  to  des  vorben.  rades  behoff  my  openbaren  notarium 
esscheden  vnde  requirerden,  begherden  darvp  von  my  openbaren  no- 
tario  vorscreuen  eyn  edder  mehir  openbar  bewisinghe  vnde  instrumenta 
one  to  makende  vnde  to  conficerende.  Vnde  dijt  is  gescheen  vppe  deme 
radhuse  to  Gottingen  vorschreuen  vnder  iaren,  indictien,  daghen,  man- 
ten,  stunden  vnde  paweßdome,  so  allet  bouen  gerord  is.  Dar  by,  an 
vnde  ouer  sin  ghewesen  de  vorsichtigen  Clawes  von  Sneyn  hovetman 
vnde  Roland  von  Northen,  borger  to  Gottingen,  des  vorscr.  bisschup- 
doms, also  loffwerdighe  tughen  hirto  sunderges  geesschet,  geropen 
vnde  gebeden. 

Vnde  eck  Andreas  Brun,    Sleßwickes- 

sches    bisschupdoms,    von    macht   der 

(Signum  notarn.)  keyserliken  gewold  eyn  openbarer  nota- 

rius  etc.  etc.  etc. 


sf.  das  rahd.  dugen  =  zeigen. 


395 


KLEINE  BEITRÄGE. 

VON 

FEDOR  BECH. 


1.   Geheime,  geborgze,  gebuscheze  u.  s.  w. 

Zu  den  eigentümlichen  Wortbildungen  mitteldeutscher  Dialecte 
gehören  die  auf  — eze,  — ze  endigenden  Ableitungen  mit  dem  Präfix  ge — , 
über  welche  J.  Grimm  Gramm.  2,  214  u.  3,  526  gehandelt  hat.  Sie 
entsprechen  fast  durchweg  den  niederdeutschen  und  besonders  den 
niederländischen  Wörtern  auf  — ete,  — te,  ja  sind  ihnen  zum  Theil  wohl 
erst  nachgebildet.  Die  Sprache  bedient  sich  ihrer  hauptsächlich  da, 
wo  sie  eine  Menge,  eine  Masse,  ein  Durcheinander  bezeichnen  will. 
Da  dieselben  einem  in  lexikalischer  Hinsicht  noch  wenig  beachteten 
Mischdialeete  angehören,  werde  ich  eine  Zusammenstellung  der  mir 
bisher  erreichbaren  Formen  hier  versuchen. 

Geheime  =  Gebein ,  bei  Pfeiffer,  Beitr.  z.  K.  der  köln.  Mundart 
S.  98;  Karlm.  444,  28  sin  gebentze  xoas  so  groes,  vgl.  Bartsch  über  Karlm. 
S.  285;  im  Mnd.  lautete  die  Form  gebenete,  so  Eike  von  Repgow  im 
Zeitb.  323  (7)  de*  heiseres  gebende  („imperatoris  ossa")  und  351  (12) 
&e  toworpen  al  dat  gebenede;  Sassenchron.  ed.  Scheller  43  er  gebente  ward, 
erhaven;  301  dewile  one  sin  gebente  drog;  oder  gebeinte  wie  256  dewtle 
ön  sin  gebeinte  drog;  Bruder  Hans  Mar.  2406  ein  vleisch  mit  dir,  ein 
bloet  und  ein  gebeinte  (-.vereinte);  strenger  an  das  Niederd.  hält  sich 
auch  das  Passional  ed.  H.  70 ,  69  und  zugen  vaste  hin  zu  tal  sin  ge- 
beinde  über  al,  vgl.  mhd.  Wort.  1,  101b,  43.  —  Geborgtze  =  sponsio, 
vadatio,  bei  Schannat  de  clientel.  356  (a.  1370)  umb  alle  geborgtze  l ei- 
stun ge  atzunge  schaden  u.  s.  w.  —  Gebuschetze  neben  gebuschete  findet 
sich  bei  Diefenb.  Gloss.  501°  s.  v.  rubetum.  —  Gebüwetze  =  mhd  gebü, 
Var.  zu  Megenb.  108,  8  und  S.  804;  Oberlin.  488;  vgl.  gebuode  in 
der  Kaiserchr.  54,  3  (Maßm.  1747)  und  gebuwede  im  Eisenacher  Rechtsb. 
S.  704  und  705;  Job.,  v.  Guben  53,  15  und  29.  —  Gedärmze  =  mhd. 
gederme,  Gramm.  III,  526;  gederme,  Diemer  Wb.  z.  Genesis;  Martina 
101,  95;  Köditz  v.  Salfeld  89,  6;  gedirme  Wb.  zu  Jeroschin  und  zu 
Megenberg.  —  Gedingetze  =  mhd.  gedinge,  im  Henneberg.  Urkundenb. 
ed.  Schöppach  u.  Brückner  III,  139,  20  (a.  1385)  neme  ouch  gräfe  Hein- 
rich von  des  krieges  wegen  fromen  an  sloszen,  an  gefangen,  nämen,  braut - 
Schätzungen,  Schätzungen ,  gedingetzen  oder  andern  sachen  ;  daselbst  Z.  1 1 
auch  sal  gräfe  H.  unser,  unser  heubtlüde  und  amptlüde  gedingetze,  tro- 
stunge  und  Vorwort  holden  und  ähnlich    140,   33;    Schannat   de  clientel. 


396  FEDOE  BECH 

Fuld.  366  (a.   1.388).    Vgl.  gedingete  im  sächs.  Lehnrecht  ed.  Homeyer 

7,  2;  35,  1;  76,  4  n.  8.  —  Kintgedingtze  =  kintgedivgpde,  Kindlinger 
Gesch.  der  Deut.  Hörigk.  S.  600  und  S.  608;  vgl.  Haltaus  Gloss. 
1086  über  kintgedinge.  —  Gehimelze,  mhd.  Wb.  1,  686b,  35  und  Haupts 
Zeitscbr.  11,  547  (436)  ein  gehimeltz  oben  swebet  vor  der  künigin ;  gehimi- 
lizi  laquearia  bei  Graff.  4,  944  aus  einer  Trierer  Handschr.  u.  Diefenb. 
Gloss.  318°  s.  v.  laqnear.  Vgl.  weiter  unten  gemelze.  —  Gehundctze  — 
mhd.  gehünde,  im  Urkundenb.  des  Klost.  Arnsbnrg.  ed.  Baur  Nr.  1133 
(a.  1401)  wir  hän  daz  dosier  gefryghet  von  soll  eher  jngerye  und  gejagetze 
in  erme  hohe  —  alse  da  etzwan  unsz  aldern  sei  sie  besweret  und  uberlacht 
hatten,  so  daz  sie  voitme  dar  yn  mit  gejagetze}  gehundetze  vnd  fogeln 
immer  me  ewechche  gedronget  sollent  werden  von  uns.  Das  Wort  erinnert 
an  die  noch  lebenden  Ausdrücke  hunzen,  verhunzen,  zerhunzen,  vgl. 
Frisch  1,  477b;  Stalder  2,  62;  Schindler  2,  221  und  211.  Zu  den 
Stellen  über  gehünde  im  mhd.  Wb.  1,  728b,  42  füge  noch  J.  Tit.  4801 ,  4; 
5753,  4  des  gehündes  valt  [rrf]  ein  unbilde;  v.  Laber  203;  Helbl.  4,  438; 
Lassb.  LS.  II,  295,  75;  Pfeiffer  zu  Jerosch.  S.  156.  —  G,jagetze  — 
mhd.  gejägede  gejeide  und  gejaget  gejeit,  Urkundenb.  des  Kl.  Arnsb.  1.  1.; 
Jac.  v.  Königshofen  bei  Oberlin.  505  wenne  Isuac  ouch  von  sinem  geje- 
geze  dicke  wol  az.  Vgl.  jagoz  (?)  bei  Graff  5,  581  ■=  jagod.  —  Gekörnte 
=  mhd.  körn,  getreide  (vgl.  gekorne  bei  Frisch  1,  558b),  Förstemann,  Die 
Alt.  Ges.  v.  Nordh.  S.  120  wer  ouch  gekorneze  vorkou/et,  der  sal  zitlihen 
kouf  gebin ,  also  daz  er  keine  tiude  enmache;  an  und  erme  gekorneze  sal 
maus  holde  noch  der  einunge;  vgl.  auch  Nürnb.  Polizeiord.  ed.  Baader 
S.  150  und  151  gekwn's  und  kurnts  =  „geschmolzenes  Metall,  na- 
mentlich Silber  in  Körnern".  —  Gemelze  =  mhd.  gemcelde,  schon  Graff 
Sprachsch.  2,  718  aus  einer  Trierer  Hs.;  Heinr.  v.  Krolew.  1282  und 
1310  (=  gehimelze,  laquearia?)  nach  mhd.  Wb.  2",  25;  Haupts  Zitschr. 

8,  433  letzte  Zeile:  ich  enmag  nicht  mit  Siner  angesiht  sthen  alle  die  spe/te 
und  alle  die  löcher  und  alles  das  gemelze  das  dar  an  (=  an  dem  liüse)  ist; 
Renner  1857  des  ist  manger  leute  leben  als  ein  gemeltze,  daz  man  niht 
eben  merket  und  1862  ez  sei  maure  oder  icant,  an  der  dn  gemeitze  klebet; 
12541  ez  wirt  ofte  ma><ec  gewant  (inangß  loant?)  von  irem  gemeltze  baz 
bekant;  Joh.  Rothe's  Chron.  635  wird  erzählt,  wie  ein  Blitz  die  Wart- 
burg zerstörte  und  vorterbite  vil  schönes  gemelis  (cod.  Dr.  gemelczis) 
wunders,  ferner  wie  das  Schloß,  namentlich  der  Thurm  darauf  wieder 
hergestellt  wurde  und  auch  daz  gemele  (cod.  Dr.  gemelcze)  ein  teil  wedir 
angehabin  von  dem  stride  vor  Lucä;  Wierstraats  Reimchron.  23  gemeels. 
Königshoven  S.  97  gemelze;  Frisch.  1,635"  führt  an  gemahldste;  Diefenb. 
Gloss.    433c.au8  Glossarien  des   15:  Jabrh,   pictnra,    gemelcz,    gemilcze, 


KLEINE   BEITRAGE. 


397 


gemilsche.  —  Gemfiritze  =  mhd.  gemiure,  Kellers  Erzähl.  605,  13  ich 
sach  ein  g emuritze  schon  und  f in,  daz  stvent  enbor  gemarmelt;  sonst  aemü- 
rede  mhd.  Wb.  2%  275  und  Eisenach.  Kechtsb.  S.  708  gemürde.  -- 
Gerufze  =  mhd.  gemofe  gerüefe,  Joh.  v.  der  Pusilie  Chronik  124  alle 
gingen  mit  grossem  gerüfczin  tag  und  nacht  misericordiam  et  pwem;  vgl. 
das  md-  geruofede,  geruofte  im  mhd  Wb.  2%  807.  —  Gesteinte  —  mhd. 
gesteine,  Pfeiffer  Beitr.  zur  K.  der  köln.  Mundart  S.  99;  Janota,  Über- 
setzung der  Psalmen  aus  dem  14.  Jahrb..  (Krakauer  Progr.  1855)  S.  7; 
mnd.  gesteinte  in  der  Minneregel  von  Eberh.  Cersne  4133;  Bruder 
Hans  in  Marienl.  3305;  Merzdorf,  Die  vier  BB.  der  Könige  145  gesfente. 

—  Gestirnze  =  mhd.  gesterne  gestirne,  Janota  1.  1.  S.  7;  mnl.  bei  Kil. 
Duffl.  176  ghesternte  sidus.  —  Gestültze  =  mhd.  gestuole  gestüele,  Weist. 
1,  446  (ä.  1457)  die  da  vor  dem  dorfe  —  under  der  linden  —  vf  iren 
gewonlichen  lantschrannen  und  gestültz  gesezzen  wären ;  448,  Z.  15  und 
Z.  19  si  säzen  vf  ir  gewonlieh  schrannen  und  gestültz;  Diefenb.  Gloss. 
550b  staüum  gesiultz,  gestiltz,  gestolcze,  nd.  gestehe;  Pass.  H.  124,  4 
daz  über  der  engele  köre  dir  diu  gestülde  si  bereit;  Pass.  K.  325,  37  da 
in  bereit  was  worden  ir  gestülde  und  ir  Hat.  —  Geteiltze  =  mhd.  geteilte 
geteilet,  Gedicht  auf  Heinrich  d.  Löwen  aus  dem  15.  Jahrb..  in  Maß- 
manns Denkm.  S.  133  (70  ich  to>l  dir  ein  gedeiltze  geben;  und  in  der 
Hamburg.  Hs.  von  Rudolfs  Weltchron.  bei  Gottfr.  Schütz  (Die  ge- 
reimte Übersetzung  der  hist.  Bücher  des  A.  T.)  II,  S.  232  Josephus 
Daviden  sere  lopte  daran,  daz  in  der  demüde  gezam,  daz  er  diz  gedeiltzte 
nam  und  mit  den  sinen  auch  sin  leben  er  in  ivcige  dö  wolde  geben.  Das 
im  Mhd.  hin  und  wieder  vorkommende  Substantiv  daz  geteilte  bezeich- 
nete das  unter  zwei  oder  mehreren  Dingen  zu  Wählende,  die  Wahl, 
die  Alternative ,  die  Bedingung  —  daz  geteilte  spil;  es  gehören  zum 
Theil  die  im  mhd.  Wb.  3,  25b,  28  fg.  vermerkten  Stellen  hierher, 
außerdem  aber  noch  Grieshab.  Predd.  2,  27,  Z.  4  von  unten  :  der  wh- 
saije  der  gib  im  d>iu  sweriu  geteilten  (?)  =  „trium  rerum  optio" ;  (Jose- 
ners Chron.  38,  Z.  2  dö  gab  inen  der  kunic  driu  geteilte:    antweder  daz 

—  —  oder  daz  —  — ;  45,  Z.  1  dö  gab  er  dem  kunig  zwei  geUilte,  daz 
er  neme  weles  er  wolle,  ant weders  daz  —  —  oder  aber  —  — ;  Die  Hei- 
dinn  (Ges.  Abent.  1,  S.  425)  1350  ich  wil  dir  zwei  geteilte  geben,  diu 
doch  beide  hübsche  sivt  —  Kolocz.  cod.  S.  226,  1352;  Lassb.  LS.  3, 
547,  314  so  daz  geteilt  in  danket  guof ;  und  eben  dahin  gehören  die  im 
mhd.  Wb.  3,  25b  herangezogenen  Stellen  aus  Parz.  215,  13  und  Walth. 
S.  150,  V.  77;  Ernst  v.  Kirchb.  S.  626  um  sind  gefeilte  zuo  gesxoorn 
=  unsere  Lose  sind  fest  bestimmt;  Berthold  ed.  Pfeiffer  226,  3  ez  ist 
gar  ein  ungeteiltez,  daz  ewige  leben   und  der  ewige  tot.  Endlich   wage  ich 


398  FEDOR  BECH 

auch  die  mir  verdorben  scheinende  Stelle  im  Parz.  466 ,  7  hierher  zu 
ziehen:  die  seihen  sint  geteilet'.  AI  der  werlde  ist  geveilet  Bediu  sin  minne 
und  ouch  sin  liaz.  Nu  prüevet  wederz  helfe  bazy  vielleicht  diu  selben  ge- 
teilet al  der  werlde  sint  geveilet  ?  Nicht  zu  verwechseln  mit  dem  hier 
besprochenen  Worte  ist  daz  geteilit,  geteilide  —  die  Theilgenossenscbaft, 
die  geteilen ,  welche  sich  in  ein  gemeinschaftliches  Erbe  theilen,  wie 
z.  B.  Weist.  I,  9,  Z.  3,  4  u.  6;  15  (47);  16  (49);  25  Z.  19;  304,  Z.  1; 
als  st.  m.  =  Theilgenosse  Theilhaber  42,  Z.  5  u.  6  (vgl.  die  ver- 
wandten Ableitungen  geswistergit,  geswisteride,  jungide,  geveieride,  diehteride, 
gediel deride) ;  im  mhd.  Wb.  finde  ich  nichts  davon  vermerkt.  —  Getierze 
=  mhd.  getier,  nach  der  Heidelberger  Hs.  der  Crone  (a.  1479)  zu 
V.  12766  und  bei  Wigand,  Wetzlar.  Beitr.  2,  201  (a.  1521)  ich  wyse 
ere  lichname  den  fögeln  vnd  gedyrtz  in  der  Ivfft  zu  vertzeren;  vgl.  dert 
in  der  Sass.  Chron.  292  und  Merzdorf  1.  1.  36,  54,  147  den  derten  des 
ertrlkes.  —  Gevogelze  =  mhd.  gevügele  (Herrn,  von  Fritzlar  59,  33  ge- 
vogele) ,  Interlinearvers,  der  Psalm,  nach  cod.  Trevir.  S.  364  volatilia 
pennata  diu  gevogelze  gevideret;    mnl.   ghevoghelte   bei  Kilian.  180  Anm. 

—  Gewelz  =  mhd.  geivelde,  Waldung,  Weist.  1,  639  wo  ein  lehnman 
sitzet  baussent  dem  kirspell ,  der  sal  keine  gerechtigkeit  im  hogen  gewelz 
haben;  640  sd  sol  sich  niemands  des  hogen  geweldts  gebrochen;  641  in 
des  lehnhem  holze  oder  gewelz;  alle  drei  Stellen  aus  einem  Kirburger 
Weisthume  des  14.  Jahrh.  Zu  gewelde  vgl.  mhd.  Wb.  3,  472;  J.  Tit. 
5536,  1;  6086,  1;  Karlmeinet  377,  56;  Kehrein,  Samml.  31\  —  Ge- 
wulfze,  gewulfz  =  mhd.  gewelbe,  Pfeiffer  Beitr.  1.  1.  S.  100,  vgl.  das 
mnd.  welvte  in  German.  v.  d.  H.  6,  72.  —  Gezimerze  =  mhd.  gezim- 
bere,  Pfeiffer  Beitr.  1.  1.  S.  100;  md.  gezimmerde,  Fromm,  zu  Herbort. 
15934  (mhd.  Wb.  3,  893b);  EisenacL  Rechtsb.  S.  687  geczüne  und 
gecimmerde.  —   Gewürmze  =  mhd.  gewürme,  Gramm.  3,  526. 

Außer  den  genannten  führe  ich  noch  folgende  Beispiele  an,  von 
denen  ich  die  im  Md.  übliche  Umformung  noch  nicht  nachweisen  kann: 
gebirgete,  gebergete  =  mhd.  gebirge,  Eberhard  Cersne  4272,  Eicke  von 
Repg.  Zeitb.  40,   1,  gebircht  bei  Bruder  Hans  Mar.   1913,  2177,  2992. 

—  Gedurnte,  ebend.  217,  3765  =  mhd.  gedürne.  —  Gehurnte,  ebend. 
3537  =  mhd.  gehürne. 

Dagegen  sind  diejenigen  Wörter,  welche  wie  gedenze,  gekelze, 
gestrenze  auf  einer  andern  Ableitung  beruhen,  oder  in  denen  wie  in 
gebrochze,  gekrechze  die  Endung  — ze  eine  andere  Modification  der  Be- 
deutung als  in  den  oben  angeführten  bewirkt,  absichtlich  unerwähnt 
geblieben.  (Vgl.  Gramm.  3,  526.  —  Koenigshoven  892  geregeze  =  ve- 
litatio  Oberlin  528). 


KLEINE   BEITRÄGE.     -  399 

2.  Poten,  boten  sw.  v. 
Wir  lesen  im  Pass.  K.  439,  46  daz  ich  dir  drfif  ein  glosel  pote 
(\gote).  Köpke  deutet  dieses  poten  hier  im  Glossar  S.  706  und  758  mit 
„verkündigen,  anzeigen",  leitet  es  also  von  böte  nuntius  her.  Ein  solches 
boten  habe  ich  nirgends  wieder  finden  können.  Dagegen  kennen  die 
mnd.  und  mnl.  Dialecte  das  Wort  poten,  boten  =  locare,  ponere,  plantare, 
inserere,  so  z.  B.  das  mnl.  Gloss.  Bernense  aus  dem  14.  Jahrh.  bei  Graff, 
Diut.  2,  219b  inserere  poten  vel  enten  (=  mhd.  impheten);  Frisch.  2,  66b; 
Sachsensp.  ed.  Homeyer  (2.  Ausg.)  28,  2  Anm.  nach  Qfh.  houwet  he 
holt  dat  gesät  oder  potet  is.  Da  das  Passional  auch  sonst  hin  und  wieder 
niederdeutsche  Formen  aufweist,  kann  von  Seiten  des  Dialectes  gegen 
poten  in  diesem  Sinne  um  so  weniger  etwas  eingewandt  werden,  als 
es  so  gedeutet  dem  Zusammenhange  der  Stelle  durchaus  bequem  ist; 
einen  ganz  ähnlichen  Gebrauch  hat  derselbe  Dichter  von  dem  syno- 
nymen pfropfen  gemacht,  vgl.  darüber  Köpke  im  Glossar  S.  757. 

3.  Verwillen,  verweilen,  verzollen. 
Karlmein.  453,  67  id  endoch  neit,  dat  sich  der  man  verwilt  (: schilt); 
diese  Stelle  vermag  ich  mit  Sicherheit  nicht  zu  erklären;  ist  er  verwilt 
sich  =  er  übernimmt  sich  im  Wollen,  überhebt,  übereilt  sich?  so  daß 
es  von  ich  wil  abzuleiten  wäre  ?  Altd.  Beisp.  ed.  Fr.  Pfeiffer  in  Haupts 
Zeitscbr.  7,  343,  76  swaz  snel  ist,  daz  wirt  dicke  laz:  also  verveilet  guot 
vederspil,  der  ez  ze  sere  zwingen  wil;  hier  hat  die  Hs.  A.  also  verweilet 
sich  vil  guot  vederspil,  daher  man  auch  schreiben  könnte  als  verwilet 
sich  vil  guot  v.  (ähnlich  gemessen  wie  vorher  V.  68),  denn  dieselbe  Hs. 
schreibt  auch  reichez  V.  91  statt  riches,  geheit  V.  92  statt  gehit.  Sich 
verwilen  könnte  dem  in  der  Zeile  vorher  gebrauchten  Ausdrucke  laz 
werden  sinnverwandt  sein.  Oder  ist  auch  hier  vielmehr  sich  verwilt  an- 
zunehmen? und  ist  dies  etwa  ein  technischer  Ausdruck  aus  der  Sprache 
der  Falkner?  dem  Zusammenhange  nach  muß  es  nämlich  so  viel  be- 
deuten als  diu  gir,  der  wille  vergdt  im,  denn  die  Worte  wiederholen 
dem  Sinne  nach  das  was  in  V.  56  fg-  gesagt  war:  er  beiwanc  daz  terzel 
so  sere,  daz  im  diu  gir  gar  vergienc  und  in  V.  69  fg.  sus  twinget  manic 
man  sin  lip  durch  ein  woztlxchez  wip  also  lange  unz  üf  die  stat ,  daz  im 
diu  gir  gar  zergät.  Eine  sichere  Entscheidung  lässt  der  so  wenig  be- 
zeugte Ausdruck  bis  jetzt  noch  nicht  zu.  Nicht  besser  steht  es  mit 
jenem  obirwillen  oder  obirwellen,  das  sich  im  König  ßuother  findet 
V.  4468  got  der  gildet  harde  vil,  Swenne  sich  der  mensche  ouir  wil,  So 
tut  he  unrechte,  obwohl  man  auch  hier,  falls  die  Lesart  unverdorben  ist, 
auf  den  ersten  Blick  übersetzen  möchte  mit:    sich  überheben,    sich  zu 


4()(l  FEDOK  BECH 

viel  vornehmen.  Der  Bedeutung,  wenn  auch  nicht  dem  [Stamme  Dach 
verwandt  scheinen  die  Zeitw.  verweilen  und  überwellen.  Das  erstere  ist 
im  mhd.  Wb.  von  schwankender  Hand  untergebracht  unter  wüle  wal 
gnoollen  3,  673",  42  und  675a,  25.  An  der  letzteren  Stelle  —  aus  Die- 
mer 223,  5  —  kömmt  sich  vencellen  dem  sich  verwallen  im  mhd.  Wb. 
3,  47lb,  12  sehr  nahe.  Ich  trage  noch  nach  J.  Tit.  3371,  4  so  ivcenet 
des  Ackriii  und  sin  gesellen,  ir  si  wan  zwene  und  sibenzic,  daz  wir  uns 
sust  mit  armuot  verweilen;  hier  scheint  sich  die  Bedeutung  der  von 
beivellen  im  mhd.  Wb.  672",  43  zu  nähern.  Überwellen  steht  im  J.  Tit. 
3566,  4  man  giht  im  si  unmozre  höchvart  und  den  [*?«]  richeit  überwellet 
(:  gevellei);  an  dieser  Steile  lässt  sich  eine  Ableitung  von  walle  wiel 
gewallen  (mhd.  Wb.  3,  470 — 71  *)  denken,  eigentlich  machen,  daß  etwas 
überwallt,  dann  übertragen:  bewirken  daß  jemand  sich  überhebt,  über- 
müthig  wird. 

Die  eben  aufgeführten  Beispiele  zeigen,  wie  schwierig,  ja  zuweilen 
unmöglich  es  ist,  die  verschiedenen  Ableitungen  von  ich  wil,  ich  wille, 
ich  walle,  welche  sich  so  sehr  ähnlich  sehen,  scharf  zu  sondern  und 
ihren  besondern  Wortstämmen  zuzuweisen.  Die  Sprache  selbst  gewährte 
hier  dem  individuellen  Gefühl  bei  so  naher  Berührung  verwandter 
Stammgebiete  gegen  willkürliche  Grenzverletzungen  keinen  Halt. 

4.  Behielt  Rerouben. 
Marias  Himelf.  von  Conrad  von  Heimesfurt  250  daz  snewize  eren- 
kleit  solt  du  an  dinern  llbe  haben,  nach  Hs.  C.  aber  rechhlaid  statt  eren- 
kleit,  und  eben  so  V.  456  unser  herre  häte  an  sich  geleit  Daz  selbe  sne- 
wize kleit  Daz  ouch  ir  der  enge!  brdhte  nach  Hs.  C.  die  snebeizen  rech- 
hlaid für  daz  seihe  sn.  kleit.  An  beiden  Stellen  scheint  rckleit  =  bärkleit 
dev  ältere  und  echte  Ausdruck  zu  sein,  wenn  man  erwägt,  daß  auch 
V.  515  für  gerewet  in  C.  gerekrhet  geschrieben  ist.  Vgl.  das  alts.  hreogi- 
wädi  und  reluocha  exsequias  bei  Graff.  5,  366.  Im  mhd.  Wb.  vermisse 
ich  noch  rerouben  sw.  v.  =  rauben,  plündern,  welches  Meister  Sigeher 
hat  bei  v.  d.  Hagen  MS.  2,  361a  man  siht  rerouben  eigen,  kirchen,  sträzen, 
dörfer  hern  u.  s.  w. 

5.    Vermeistern. 
Altd.  Beispiele  ed.  Pf.  in  Haupts  Zeitschr.  7,  342  er  betwanc  daz 
terzel  so  sere,  Daz  im  diu  gir  gar  vergienc   Und  darnach  niht  ^ere  vienc. 


*)  Das  im  mhd.  Wort.  3,  470  aus  Ziemann  aufgenommene,  bis  jetzt  'unbelegte* 
verwalten  findet  sich  in  Wolframs  Willeh.  69,  24  nü  heten  ouch  üz  verwallen  sin  ougen 
an  den  stunden  ursprinc  den  si  funden;  verderbt  steht  es  bei  Ulrich  v.  d.  Türlin  im 
Willeh.  ed.  Casparson  S.  52b  der  herze  in  minne  si  verwiel,  wo  bessere  Hss.  ver- 
ÄHithlich  in  minne  fiuwer  wiel  haben  werden. 


KLEINE  BEITRAGE.  401 

Sa«  vermeistert  er  sin  vederspil,   d    h.  verdarb  es  durch  das  Abrichten. 
Im  rohd.  Wb.  ist  dieser  treffende  Ausdruck  übersehen  worden. 
6.  Einzec,  einzigen.  Einzelich,  einzelichen. 

Zu  den  Anführungen  im  mhd.  Wb.  1,  425a  und  in  dieser  Zeit- 
schrift 8,  323  ist  noch  nachzutragen  Fundgr.  1,  364";  Ottocar  in  Maßm. 
Kaiserchron.  2,  626  V.  51  man  sach  sie  dannen  keren  An  urloup  bein- 
ziqen,  Wand  in  beleip  wwerswigen  Des  küniges  krancheit;  Nürnberger 
Polizeiordn.  ed.  Baader  128  (15.  Jahrh.)  nichtz  nicht  hey  einzigen  ver- 
kaufen oder  ausswegen;  129  nicht  mit  eintzigen  tüchen  verkaufen  noch 
aussmessen  (opp.  mit  ganzen  stücken,  samentlich);  140  die  abganc  von  dem 
gezogen  blei  bei  einzigen  jfundsioeiss  verkaufen;  325  was  si  an  pfenning 
bei  einzig  hinleihen.  Andere  Stellen  aus  dem  15.  Jahrh.  im  Glossar  zum 
2.  Band  der  Chronik  der  Fränkischen  Städte  S.  545 ,  auch  1 ,  484". 
Merkwürdig  sind  ferner  einige  Fälle  im  J.  Titurel  6131,  1  er  sitzet  dar 
niht  einzic  (:  vier  und  zweinzic);  5309,  1  die  fumfe  und  ouch  die  zweinzic, 
die  Secundillen  bäten,  alle  sunder  einzic  wann  mit  tjoste  da  gein  im  ge- 
rdte?i;  4209,  2  SSrüt  mit  sunen  zweinzic  den  bruoder  nü  loil  rechen,  die 
wurden  des  gar  einzic,  daz  da  heizet  heim  und  schilde  brechen  und  hier- 
nach bei  Ernst  von  Kirchb.  816  enzig  :  zwenzig.  Verderbt  scheint  die 
Stelle  im  Kenner   13647  (vielleicht  einziger  f). 

Den  adverbialen  Ausdrücken  einzigen,  zeinzigen,  beinzigen  gleich- 
bedeutend findet  man  auch  einzlichen  „singulariteru  in  dem  Windb. 
Psalm.  140,  11,  S.  643;  singulatim  einzlichen  in  Haupts  Zeitschr.  8,  142 
aus  dem  10. — 12.  Jahrb.;  ebrietas  trunchenheit  diu  einzelich  geschit  in 
den  Altd.  Bl.  1,  365  aus  dem  13.  Jahrh.;  ez  xoer  zu  ho  —  daz  gar  zu 
intrichtene  und  enzellich  zu  tichtene  bei  Jerosch.  5868;  entzlichen  vor- 
kaufen in  einer  Urkunde  bei   Dreyhaupt  Beschreibung  des  Saalkreyses 

2,  559  (an.  1350);  eyntzellich  und  elensweise  versneiden  in  Nürnberg. 
Polizeiord.  188;  bey  eyntzlichen  elen  verkaufen  ebend.  Im  mhd.  Wb. 
kann  ich  dies  Wort  nicht  finden;  neuere  Belege  bei  Grimm,  Deutsch. 
Wb.  3,  351  und  358. 

7.    Widernüllen. 
Das  im  mhd.  Wb.  fehlende  Wort    steht   in  den  Altd.  Beispielen 
ed.  Pf.  379,  81   =  Ges.  Abent.  2,  385,  81:    sus  het  er  ividemüllet,  daz 
er  was  betrüllet  *).    Bei  widernüllen  darf  man  zunächst  nicht  an  das  im 

*)  betrüllen  =  bezaubern,  berücken,  bethören,  sieh  mhd.  Wort.  3,  113;  füge  dem 
hinzu  J.  Tit.  2961,  2  di  wisen  sam  die  kinde  Sint  dar  an  betosret  und  betrüllet  (:  ge- 
fallet); behüllet  :  unbetrüllet  2990,  2;  ich  warn  ie  grozzer  valsch  wart  behüllet  Mit  also 
klarem  velle,    sin   Hehler  glänz   manec  ouge  noch  betrüllet  5215,  4.    In  dem  mhd.  Wort 

3,  113",  12,  ist  Bari.  Druckfehler  (ih-  Berth         Berthold  <•.!.  Pfeiffer  56,  29. 

Lii;KMANIAX. 


402  FEDOR  BECH. 

mhd.  Wb.  2",  422b  aufgeführte  „nullen  wühlen"  denken;  letzteres  lau- 
tete wohl  ursprünglich  genauer  nüelen,  worauf  auch  die  Erwähnungen 
von  Oberlin  1138,  Stalder  2,  245  und  Schmeller  2,  689  deuten,  und 
hätte  hiernach  schon  wegen  der  gemeinsamen  Grundbedeutung  fügli- 
cher  unter  nuoil  nuol  =  sulcatorium  ,  beide  zugleich  vielleicht  wieder 
unter  nüwen  nüen,  =  hindere  und  conterere  fricare  (vgl-  Zwei  D. 
Arzneibuch,  von  Fr.  Pfeiffer  S.  [182]  75)  gestellt  werden  sollen.  Näher 
zu  liegen  scheint  mir  das  in  dieser  Zeitschrift  8,  471  berührte  nel  nol 
nulle,  welches  nach  den  dort  gegebenen  Beispielen  aus  der  Elisabet, 
so  wie  nach  Graff  4,  1131;  2,  113  den  Scheitel,  die  Stirn  (auch  den 
Hinterhopf?)  bezeichnete  und  womit  verwandt  ist  die  im  Glossar  zu 
Klaus  Groths  Quickborn  S.  415  besprochene  niederd.  Redensart  „nüel 
dal  fallen  vorn  über  aufs  Gesicht  fallen."  Darnach  könnte  widernüllen 
so  viel  sein  als  mit  dem  Kopf,  der  Stirn  wieder-  oder  zurückstoßen, 
jemand  wieder  eins  versetzen,  sich  rächen. 

8.  Nezzelcehe. 
Altd.  Beisp,  354,  25  dane  schadet  mir  krüt  noch  hör  noch  daz  nez- 
zelcehe (:  spcehe) ;  =  urticetum  urticinetum  nezzelnbuch  bei  Diefenb.  Gloss. 
306c;  vgl.  Gramm.  2,  312  und  Fromm,  z.  Herb.  1577. 

9.  Tarsen,  dcesen. 
Von  dem  bisher  fast  bloß  aus  Notker  (Graff.  5,  229)  bekannten 
und  im  Mhd.  nur  mit  einem  Beispiele  belegten  tossen  oder  dcesen  =  dis- 
perdere,  corrumpere  (mhd.  Wb.  1,  386")  brachte  das  von  Bartsch  in 
dieser  Zeitschr.  8,  273  neu  herausgegebene  Bruchstück  des  „ältesten 
deutschen  Passionsspieles"  *)  in  II,  28  ein  Beispiel:  da  von  wil  ich  mich 
vh'::en,  Daz  ich  si  danne  lasse  Und  ih  die  helle  tcese.  Ganz  ebenso  drückt 
sich  Walther  v.  Rheinau  aus  im  Marienl.  121,  27  daz  ich  den  tievel 
binde  Und  ouch  widerwinde,  Sinen  geicalt  tcese  Und  die  menschen  loese; 
13,  42  si  befunden  ir  leit  toesen  Mit  süezen  wehselkoesen;  130,  36  gotes 
lamp  —  al  der  icelte  sünde  gar  hin  nimt  unde  tceset  Und  von  sünden  laset. 

10.  Ferpel. 

Über    die    mitteldeutschen    Formen    vorebil ,    vorebele ,    vorevelich 

=  mhd.  vrevel,  vrevele,  vrevelich  hat  J.  Grimm  im  Deut.  Wb.  4,   171 

und   174  ausführlich  gehandelt    und    sie    mit  Beispielen    aus  Jeroschin 

und  dem  Kulmer  Recht,  sowie  auf  dem  Umschlag  der  ersten  Lieferung 


*)  Die  Sprache  des  genannten  Bruchstückes  hat  überraschend  viel  Ähnliches  mit 
der  Walthers  von  Rheinau,  was  nicht  bloß  in  der  gemeinsamen  Mundart  seinen  Grund 
zu  haben  scheint.  Zu  riuwaere  S.  278  vergl.  Walth.  133,  44;  zu  pülhiciz  J.  Tit.  5467,  3 
und  v.  d.  Magens  Gernian.  8,  2  ;:>. 


KLEINE  BEITRÄGE.  403 

des  4.  Bandes  aus  Daliinils  Chronik  belegt.  Andere  Beispiele  in  der 
Düringer  Mundart  liefern  die  von  Förstemann  herausgegeben  Nord- 
häuser Gesetze,  worüber  sieh  in  dieser  Zeitschrift  5,  233;  7,  100*). 
Die  Form  virebilt  findet  sich  auch  im  Freiberger  Stadtrecht  (Schott, 
Samml.  III)  S.  281.  Ob  man  bei  Erklärung  dieser  Bildungen  von  einem 
Grand worte  evele  hier  auszugehen  habe,  wie  J.  Grimm  mit  Bezug  auf 
eine  Variante  bei  Jeroschin  9122  gethan  hat,  oder  ob  man  einfach  eine 
Metathesis  annehmen  darf,  wie  z.  B.  in  den  nd.  Wörtern  borst,  verst, 
vorsc,  forst,  versch  —  mhd.  brüst,  vrist,  vrosch,  frost,  vrisch,  wage  ich 
nicht  mit  Bestimmtheit  zu  entscheiden.  Für  die  erstgenannte  Ansicht 
ist  der  vereinzelte  Beleg  aus  Jeroschin  wohl  kaum  ausreichend  und 
gegenüber  der  Lesart  in  der  auch  sonst  besser  berathenen  Königs- 
berger Hs.  höchst  verdächtig;  sieh  in  dieser  Zeitschr.  7,  94.  Die  letz- 
tere Annahme  wahrscheinlicher  zu  machen,  verweise  ich  noch  auf  ein 
bisher  nicht  zu  Rathe  gezogenes  mnd.  Wort,  auf  ferpel,  ßrpel,  ferpelic, 
welches  offenbar  mit  dem  mhd.  frevel  gleiches  Stammes  ist.  So  Kind- 
linger,  Gesch.  der  Hcerigk.  S.  439  (a.  1350)  verpel  ende  all  argelist  hir 
üt  gesproken  und  so  S.  449  (a.  1357).;  452  (a.  1359)  verpel  ind  dröch 
ind  al  argelist  lär  üt  gesproken;  502  (a.  1393)  sunder  irhande  ferpel  off 
arghelist;  Lacomblet,  Archiv.  1,  123  sonder  firpell  gedroch  und  argelist; 
132  sonder  fyrpell  und  argelist;  141  sonder  gedroch  und  fyrpell;  Wier- 
straat  2627  dorch  gyrheit  nyt  ind  firpely. 

11.  Geltich,  glüch. 
Cröne  19659  brd  und  wintbrä  waren  rüch,  Sin  nase  gröz  unde  ge- 
l/1 ch;  19715  geblcet  was  si  (=  diu  wambe)  und  gelüch  (:  buch).  Nach 
Scholls  Vermuthung  bedeutet  das  Wort:  „weit  offenstehend  oder  auf- 
gedunsen" und  gehört  zu  liechen.  Vielleicht  gehört  auch  6037  hierher: 
ez  ist  sieht  unde  rou,  Uz  gewahsen  und  gelou,  wo  V.  rouch  :  gelouch  und 
P.  rieh  :  gleich  hat,  also  wohl  rüch  :  gelüch?  Ein  neues  Beispiel  gewähren 
die  Fragmente  aus  dem  Leben  des  heiligen  Adalbert  von  Nie,  von 
Jeroschin  in  den  Scriptt.  Rer.  Pruss.  II,  S.  428,  V.  274  daz  kint  er 
angesante  ein  such  michel  unde  gröz  —  daz  im  grozer  -wart  der  buch  wen 
al  der  lib  von  sivuhten  glüch  ,  also  daz  von  der  suche  not  dem  kinde  nc- 
hete  der  iöt. 

12.  Jochen,  jöchen,  jouchen. 

Grieshab.  Predd.   1 ,    125     >amson  —  vie  driuhundert  fühse  —   un 


*)  Die  Anführungen  sind  dort  nach  dem  seltenern  Sonderabdruck  gegeben.  In 
der  Zeitschrift  selbst,  'Neue  Mittheilungen'  3.  Band  sind  sie  an  folgenden  Stellen 
zu  finden:  2.  ITeft  S.  7,    12;    II,  45  ;    12,  4!»:  8,    13;  H,  25;    jl,  44. 

2(!  * 


404  FEDÖE  BECH 

bant  entwischen  brinnende  vacella  un  jocliet  *)  si  also  durch  der  haühm 
körn;  2,  42  do  jocheter  die  fühse  mit  den  brinnenden  vacellon  durch  der 
haiden  samen.  Diese  Stellen ,  aus  denen  die  Bedeutung  von  Jochen 
=-jagen,  treiben  unzweifelhaft  erhellt,  sind  im  mhd.  Wb.  1,  773b  über- 
sehen worden;  dort  finden  wir  nur  ein  Beispiel,  ohne  Angabe  einer 
Deutung,  aus  einem  unter  Neidharts  Namen  gehenden  Liede  (v.  d. 
Hagen  MS.  2,  1 13b)  Boppe  jö-het  enunt  her,  wo  Haupt  im  Neidhart 
v.  R.  S.  XLI,  18  gegen  die  Handschriften  gähet  für  jöchet  geschrieben 
hat  (lochet  in  Ca,  jauchet  in  z.).  Für  die  Richtigkeit  der  Überlieferung 
spricht  indessen  auch  eine  Stelle  in  der  jüngst  herausgegebenen  ale- 
mannischen Bearbeitung  des  Hohen  Liedes  70,  9  von  diu  so  jouchet 
siu  der  tieuuel  von  ainer  stete  ze  der  anderen.  Aus  den  genannten  Pre- 
digten Grieshabers  gehört  endlich  noch  hierher  das  Compositum  zer- 
kochen S.  6:  swenne  der  (miethirte)  den  wolf  sihet  komen,  so  lät  er  die 
schäf  un  fliuhet  von  in,  un  swenne  der  icolf  daz  sihet,  so  zucheter  diu 
schdf  un  zeriochet  si  u.  s.  w.  =  Ev.  Johan.  10,  12  ed.  Vulg.  mercenn- 
rius  videt  lupum  venientem  et  dimittit  oves  et  fugit:  et  lupus  rapit  et  dis- 
pergit  oves;  ungenau  ist  hier  die  vom  Herausg.  in  der  Einleitung  zur 
2.  Abtheil.  S.  XXI  gegebene  Erklärung  „zeriochen,  zerreichen",  es  ent- 
spricht vollkommen  dem  dispergere  des  Grundtextes  =  auseinander- 
jagen. Jedesfalls  ist  das  Wort  als  eine  Ableitung  von  jagen  anzusehen 
und  gehört,  nach  den  beigebrachten  Beispielen  zu  urtheilen,  vorzugs- 
weise der  alemannischen  Mundart  an.  Auch  Stalder  2,  71 — 72  kennt 
es  in  den  Formen  jaucken,  jeucken  und  erklärt  es  mit  „vorwärts  treiben, 
zunächst  vom  Vieh";  ebenso^Schmeller  2,  267  rjaugken,  stark  antrei- 
ben"; Frisch  1,  483h  jachen,  jeuchen  jouchen  =  „jagen";  Oberlin  736 
jävhen  und  verjächen ;  vgl.  auch  Diefenb.  Gloss.  250a  „fugare  jachen, 
jechen,  jeuchen,  vel  weg  treiben11.  Ausführlicher  handeln  noch  darüber 
Zarncke  z.  Narrensch.  S.  322  und  Lexer,  kärnth.  Wb.  151.  In  mir 
bekannten  Gegenden  Düringens  hört  man  heute  noch  jochen  und  jechen 
(im  Osterlande  gechen)  =  jagen,  treiben. 

13.  Bezeln,  bezellen. 
Von  dem  mit  einem  Beispiel  aus  Lanzelet  im  mhd.  Wb.  3,  847" 
aufgeführten  bezeln  finden  sich  bei  den  altern  Schriftstellern  noch  fol- 
gende Stellen:  J.  Tit.  5097,  1  mit  mezer  rede  geblüemet  sin  pris  da 
wart  bezellet  {:  gev eilet);  Walth.  von  Rheinau  17,  24  du  unser  geslehte 
Vor  aller  diet  hast  uz  ericelt   Und  dir  ein  lieht  vom  im  bezelt,    vgl.   127, 


*)  Juclicum  über   15,  4  dimisit  »t  huc  i//t(></>ir  discurrerent. 


KLEINE  BEITRÄGE.  405 

16;  132,  64;  135,  7;  138,  43;  H.Lied,  herausg.  von  Jos.  Haupt  64,  4 

swaz  wir  haben,  daz  bezelen  siner  gnade  ==  das  wollen  wir  seiner  Gnade 
befehlen,  anheimstellen ;  86,  8  swaz  ze  guotäte  geschihit,  daz  hezelent  du 
der  gotes  genäde;  und  ähnlich  96,  8;   135,  7;   137,  2. 

14.  Smer  wert  to  kort. 

Die  Redensart  sm[«r]  wert  to  kort  {sin  werdit  zu  kurz)  =  es  geht 
mit  ihm  zu  Ende,  auf  die  Neige,  er  stirbt,  begegnet  in  niederdeutschen 
Urkunden  nicht  selten  und  ist  sogar  in  mitteldeutsche  Gegenden  vor- 
gedrungen; aus  südlichem  Gegenden  kenne  ich  bis  jetzt  kein  Beispiel. 
Mir  sind  davon  folgende  Stellen  zur  Hand:  Eine  Vergleichsurkunde 
zwischen  Erzbischof  Burchard  und  dem  Käthe  der  Stadt  Magdeburg 
aus  dem  J.  1315  bei  Dreyhaupt,  Beschreib,  d.  Saalkreyses  I,  S.  52 
xoere  ok,  dat  unses  herren  under  des  to  kort  worde,  des  god  nicht  en  wiVe, 
so  scholde  u.  s.  w.;  ebendaselbst  II,  853  in  einer  Urkunde  des  Ratlies 
von  Halle  a/S.  vom  J.  1328  di  von  Mansveld  oder  sin  bruder,  af  smer 
tu  kurt  worde,  schal  uns  dat  hüs  weder  autwerden;  Henneberg.  Urkun- 
denb.  3,  S.  27,  2  (an.  1360)  oh  uns  er  s  herin  unde  vatir  zu  kurtz  worde 
bynnen  disser  zeit,  des  god  nicht  enivulle,  so  u.  s.  w. ;  Urkundenb.  der 
Stadt  Hannover  S.  249,  264,  290,  302;  Urkundenb.  von  Göttingen  S.  162 
u.  184;  Homeyer ,  Die  Stadtbücher  des  Mittelalt.  S.  51  (aus  dem 
Quedlinburger  Stadtr.)  svelich  vrowe  hevet  eynen  sone,  de  bi  oren  tideu 
nicht  to  scdle  gät,  wert  der  vrowen  to  kort,  sat  en  de  vader  dar  nä  to 
scole,  he  ne  mach  der  rdde  nieh  behalden  und  die  „Worterklärung"  Ho- 
meyers  dazu  S.  78,  welcher  wohl  darin  irrt,  wenn  er  der  frowen  für 
den  Dativ  hält;  Stadtbuch  von  Cönnern  a/S.  (an.  1434 — 38)  bei  Förste- 
mann,  Neue  Mittheil.  I,  4,  S.  121  wert  sähe,  dat  der  bedderfen  frouwen 
to  kort  wurde,  von  dodes  wegen,  dar  got  lange  vor  sy ,  so  schal  u.  s.  w. 
und  S.  123  äff  or  beider  to  kort  worde.  Zu  vergleichen  ist  endlich  der 
Genitiv  bei  kurz  in  Wolframs  Willeh.  113,  29  des  houbtes  er  d6  kürzer 
wart  und  bei  Förstemann  Alt.  Ges.  v.  Nordh.  S.  175  (bald  nach  dem 
J.  1375)  sie  wolden  der  gerneyn  bürgere  also  vele  uff  reddere  seezre,  duz 
alle  der  rade  in  der  stad  zeu  kortz  worde,  d.  i.  daß  alle  Räder  in  der 
Stadt  darauf  giengen,  nicht  mehr  hinreichten.  Einen  andern  Sinn  ge- 
währen die  Redensarten,  in  denen  bei  kurz  der  Dativ  steht,  so  Gries- 
haber  Predd.  2,  125  werde  aber  dir  ze  kurz  ze  bildende,  dannoch  f er  zage 
niht;  Eisenach.  Rechtsb.  3,  89  (S.  727)  sie  duncken,  daz  en  wedir  got 
und  recht  zeu  korcz  gesche;  Purgoldts  Reehtsb.  8,  29  (S.  239)  her  mag 
den  wirth  darum  beclagen ,  das  her  om  und  seynen  gesten  ;en  kort  getan 
hat,  ivan  her  die  kost  gehlen   »ins;  in  einer  Erfurter    Urkunde  von    1449 


406  FELIX  LIEBRECHT 

in  der  Zeitschr.  d.  Ver.  für  thüring.  Gesch.  3,  S.  324  sie  meynten,  das 
wir  yne  zu  kurtz  thetthen;  Weist.  1  ,  365  und  wer  oueh,  das  ein  vogt 
dem  gotshüs  zu  kurtz  wölt  tun-,  Bruder  Hans  Mar.  4037  wen  ym  noch 
enger  deed  zu  kurtz  =  sich  wider  ihn  vergienge;  Buch  der  Beispiele 
ed.  Holland  15,  15  heb  dich  und  mach  nit  wechßelwort!  es  wirt  dir  zu 
kurtz;  91,  15  er  spien  sin  armbrost  und  leyt  darujf  ein  slräl,  und  ward 
im  zu  kurtz,  das  er  zu  schütz  nit  kummen  mocht, 
ZEITZ,  Februar  1864. 


ZUR  VIRGILIÜSSAGE. 


Daß  es  in  den  ältesten  Zeiten  Sitte  war,  Menschen  lebendig  zu 
begraben,  um  so  Abwehr  von  Feinden  oder  Sicherung  gegen  sonstigen 
Schaden  zu  erlangen,  ist  hinlänglich  bekannt;  vgl.  meinen  Aufsatz  im 
Philologus  21,  687  ff.  „Eine  römische  Sage"  ').  Besonders  war  es  das 
Einstürzen  oder  die  anderweitige  Zerstörung  von  Bauwerken,  die  man 
auf  diese  Weise  verhindern  wollte;  s.  D.  M.  1095 ff. 2);  zu  Gervas.  S.  170. 
A.  Kuhn,  Westphäl.  Sag.  1,  115  zu  no.  122  3).  Statt  lebendiger  Men- 
schen wurden  für  denselben  Zweck  auch  bloß  Leichname  oder  selbst 
nur  Köpfe  oder  statt  beider  auch  metallene  Nachbildungen  in  Anwen- 
dung gebracht;  s.  Philol.  a.  a.  O.  Ebenso  gebrauchte  man  als  Er- 
satzmittel für  die  ursprünglichen  Menschenopfer  wie  bei  andern  Ge- 
legenheiten so  auch  hier  bloß  Thiere;  s.  D.  M.  a.  a.  O.  Scheible's 
Kloster  9,  361  ff.  372  ff.  Nork  hat  dort  von  den  Wahrzeichen  ver- 
schiedener Bauwerke  auf  Thiervergrabungen  bei  Gründung  derselben 
geschlossen;  doch  ist  eher  anzunehmen,  daß  diese  Wahrzeichen  in 
spaterer  Zeit  anstatt  der  letztern  eintraten  und  sie  ersetzten,  wobei 
wahrscheinlich  der  ursprüngliche  Sinn  dieser  Symbole  oftmals  ganz 
verloren  gieng.  Gleiches  lässt  sich  wohl  auch  von  den  Menschenköpfen 
sagen,  die  sich  oft  als  Wahrzeichen  an  Gebäuden  fanden,  so  schon 
;m  der  porta  Raudusculana  zu  Rom  (s.  Germ.  4,  263,  Anm.  14).    Diese 


')  Unter  den  zahlreichen  Druckfehlern  in  demselben  will  ich  hier  nur  folgende 
berichtigen;  S.  687  Anm.  st.  Fuley  1.  Frey  u.  st.  Lykien  1.  Syrien.  —  S.  689  Z.  15  u. 
20  v.  u.  st.  Tali  1.  Toli;  ebenso  S.  690  Z.  16  v.  o.  —  An  letzterer  Stelle  Z.  11  v.  o, 
1.  „ein  wahrsagendes  Zauberhaupt" ;  —  ebend.  Z.  13  v.  u.  1.  „dieser  hat  übrigens  u.  s.  w." 
—  ebend.  Z.  8  v.  u.  st.  369  1.  269. 

')  Zu  den  das.  1096  in  Bezug  auf  Arta  und  Scutari  angeführten  Sagen  vgl. 
Theod.  Kind,  Anthol.  neugr.  Volkslieder.  Leipzig  1861  S.  XXI  u.  205  ff. 

a)  Hieher  gehört  auch  die  Gründungssage  des  Straßburger  Münsters  s.  Günthers 
Sagenbuch  des  deutschen  Volkes   1,  33,  vgl.   Stöber,  Oberrhein,  Sagenbuch  S.  501  ff. 


ZUfi  V1KG1LIUSSAGE.  40 7 

Köpfe  mögen  anfänglich  meist  einen  heitern  ,  lachenden  Ausdruck 
gehabt  haben ;  denn  auch  die  ursprünglichen  Opfer  fielen ,  bei  den 
Römern  und  Griechen  wenigstens,  unter  Lärm  und  Flötenspiel,  „ne 
flebilis  hostia  immoletur" ;  s.  D.  M.  40.  So  meldet  Papebroch  (f  1714) 
in  seinen  Annal.  Antverp.  2,  274,  daß  zu  seiner  Zeit  noch  an  dem 
Leguit  genannten  Gebäude  sich  zwei  sehr  alte  Thürmchen  befanden, 
woran  zwei  durch  Fenster  guckende  Köpfe  gemeißelt  waren,  die  ein- 
ander auszulachen  schienen.  Erst  später  wohl ,  als  die  anfängliche 
Bedeutung  solcher  Köpfe  vergessen  war ,  erhielten  sie ,  vielleicht  des 
Gegensatzes  wegen,  einen  verschiedenen  Ausdruck,  wie  die  zwei  stei- 
nernen Köpfe,  welche  das  Wahrzeichen  der  Stadt  Döbeln  bilden; 
s.  Grässe,  Sagenschatz  des  Königr.  Sachsen,  S.  216,  no.  287.  Gleiches 
meldet  Gervas.  ed.  Liebr.  S.  16  von  der  Porta  Dominica  zu  Neapel,  und 
El-Bekri  in  seiner  Beschreibung  von  Nord- Afrika  (geendet  um  1068)  von 
den  Ruinen  Karthago's  sprechend,  berichtet  unter  anderem  von  denMauern 
des  Theaters :  „On  y  distingue  des  figures  qui  representent  les  vents : 
celui  de  1' Orient  a  1' air  souriant,  celui  de  1' occident,  un  visage  refrogne". 
Journal  asiat.  Vme  serie  12,  520  f.  Der  Bezug  auf  die  Winde  ist  muth- 
maßlich  ohne  allen  Grund  und  nur  von  El-Bekri  erdacht,  um  etwas 
Unverstandenes  zu  erklären.  Wie  aber  bei  Gründungssagen  statt  der 
vergrabenen  Thiere  anch  bloß  Thierhäupter  vorkommen,  z.  B.  bei  den 
karthagischen  ein  Rinder-  oder  Pferdekopf  (s.  Justin.  18,  5.  Aen.  1,  442. 
Steph.  Byz.  vo.Kug%r]d(6v),  so  finden  sich  solche  auch  als  Wahrzeichen, 
z.  B.  das  Wolfshaupt  über  dem  Kirchthor  zu  Georgenzell  (Bechstein, 
Frank.  Sagensch.  S.  47)  und  so  erklärt  sich  denn  auch  der  Ursprung 
der  geschnitzten  oder  gemeißelten  Pferdeköpfe  an  den  Hausgiebeln. 
DM.  626  4).  Wolf,  Niederl.  Sag.  no.  536.  Hocker,  Deutscher  Volks- 
glaube, S.  15  nebst  Anm.  5). 


4)  Die  Schrift  von  Chr.  Petersen,  Die  Pferdeköpfe  auf  den  Bauernhäusern,  Kiel 
1860,  kenne  ich  nur  dem  Titel  nach. 

5)  Hieher  gehört  auch  wohl  die  Sage  von  dem  Pferde  des  Rechenbergers,  welches 
den  Kopf  auf  einem  hohen  Thurme  zum  Fenster  hinausgesteckt  haben  soll.  D.  S.  1,  253. 
Sie  ist  wahrscheinlich  gleich  andern  der  Art  aus  einem  alten  Bildwerk  entstanden.  — 
Da  ich  hier  mehrfach  von  Wahrzeichen  gesprochen,  so  will  ich  diese  Gelegenheit  be- 
nutzen, um  das  von  mir  in  Ebert's  Jahrbuch  für  rom.  u.  engl.  Litt.  3,  151  in  Bezug 
auf  das  Wahrzeichen  der  fränkischen  Stadt  Buchen  Bemerkte  zu  berichtigen ,  indem 
nämlich  dergleichen  zum  Spott  der  Nachbarn  aufgestellte  Bildwerke  sich  auch  in  andern 
Ländern,  z.  B.  Portugal,  zu  finden  scheinen,  wie  sich  aus  folgender  etwas  verhüllter 
Angabe  entnehmen  lässt :  „En  nous  montrant  l'eglise  de  Caminha  [an  der  Mündung  der 
Minho],  Gaspar  nous  mit  au  courant  d'une  particularite"  dont  les  yülea  portugaiees  de  la 
frontiere  offrent,  purait-il ,  plus  d'une  edjtion.     En  guise  d'ornement,  la   bftsiliqiv 


408  FELIX  LIEBRECHT 

Wir  sehen  also,  daß  die  ursprünglichen  averruncierenden  Menschen- 
opfer sich  wie  so  oft  endlich  auch  hierbei  in  bloße  Symbole  ver- 
wandelt hatten,  die  an  die  Stelle  derselben  traten.  Als  ein  solches  ist 
natürlich  auch  jenes  Ei  zu  betrachten,  das  in  dem  Castel  dell'  Uovo 
bei  Neapel  aufgehängt  war  und  woran  Virgilius  das  Schicksal  und  die 
Dauer  dieses  Schlosses  geknüpft  hatte  (s.  meine  Notiz  Germ.  5,  484  ff.)  G). 
Bemerkenswerth  ist  nun  aber,  daß  nach  einer  andern  Sage  Virgil  die 
Stadt  Neapel  selbst  auf  ein  Ei  gebaut  oder  gestellt  haben  sollte  (s.  zu 
Gervas.  106,  Germ.  4,  263,  Anm.  16).  Beide  Versionen  finden  sich 
verbunden  außer  in  den  Volksbüchern  auch  in  folgender  Stelle  des 
Myreur  des  Histors  von  Jean  d'Outremeuse  I,  255  7),  die  manches 
Besondere  bietet:  „Item,  l'an  Vc  et  LI,  le  XIe  jour  de  mois  de  julet, 
commenchat  Virgile  ä  fondeir  une  citeit  qu'  ilh  fist  mult  belle  sns  la 
mere,  et  le  nomat  Naple:  ehest  fut  edifiie  noblement  sor  un  port  de 
mere  et  sour  I  oef  de  ostriche,  le  queile  oef  ilh  mist  apres  chu  en  I 
castel  que  ilh  fondat  enssy  deleis  Naple,  en  I  pileir  entretalhiet;  se 
le  nomat  castel  d'üef;    et   encor  y  est   ilh,    et  dist  ons  qui   moveroit 


aecrochee  ä  Tun  de  ses  angles  une  figure  d'homine;  le  dos  tourne'  vers  l'Espagne,  ce 
personnage  fait  a  l'adresse  de  la  nation  voisine  un  de  ces  gestes  de  moquerie  grossiere, 
de  bravade  indecente ,  dont  la  description  n'est  pas  permise"  S.  Le  Tour  du  Monde. 
Paris  1861  vol.  III  p.  276  (Voyage  dans  les  provinees  du  Nord  du  Portugal  par  Merson 
1857).  Diese  Stellung  unverhüllten  Spottes  war  dem  Leben  entnommen;  s.  Grimm  Wb. 
1,  565  s.  f.  —  Schsefers  Deutsche  Städtewahrzeichen  Leipzig  1858  besitze  ich  leider  nicht. 
6)  Die  Version  des  Cleomades  von  Adenes  wird  von  Du  Meril  Melanges  arche'o- 
lo£lllues  et  litteraires.  Paris  1850,  p.  435  mitgetheilt  und  lautet  so  : 

„Bien  savez  que  Virgiles  fist 

grant  merveille,  quaut  il  assist 

Deus  chastiaus  seur  deus  oes  en  mer; 

et  si  les  sot  si  compasser, 

Que  qui  Tun  des  oes  briseroit, 

tantost  li  chastiaus  fonderoit, 

Ouens  on  auroit  l'uef  brisie. 

Encor  dist  on  que   essaie 

Fu  d'un  des  chastiaus,  et  fondi: 

a  Naples  le  dist  on  ainsi. 

Encor  est  la  I'autres  chastiaus, 

qui  en  mer  siet  et  bons  et  biaus: 

Si  est  li  oes,  c'est  verites, 

seur  quoi  li  chastiaus  est  fondes. 
Der  mittelalterliche  Volksglaube    nahm  an  dergleichen  Vorstellungen  keinen  An- 
stoß,   so   sollte   auch   der  Pharos   von  Alexandrien    auf  vier  gläsernen  Krebsen   ruhen; 
s.  zu  Gervas.  S.   106;  vgl.  A.  Kuhn  Mark.  Sagen  S.  246.  Nr.  230. 

')    Bruxelles   1864.     Collection  de  Chroniques  beiges  inedites ,    publice  par  ordre 
du  Gouvernement. 


ZUR  VIKGILIUSSAGE.  409 

l'oef  la  citeit  croleroit."  Der  Sinn  dieser  Sage  nun,  nach  welcher 
Virgil  Neapel  auf  ein  Ei  (oder  Eier,  wie  es  zuweilen  heißt)  baute  oder 
stellte,  kann  kein  anderer  sein,  als  daß  bei  Gründung  der  Stadt  ein 
Ei  in  die  Grundmauern  gelegt  wurde.  Auffallend  ist  hierbei,  daß 
statt  des  sonst  erwähnten  Hühnerei's  (Villani  sagt  ausdrücklich: 
„el  primo  che  fe  una  gullina)  der  Lütticher  Chronist  ein  Straußenei 
nennt;  denn  auch  in  den  muhammedanischen  Moscheen  werden  Straußen- 
eier aufgehängt  und  eben  solche,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  gleich- 
falls zum  Aufhängen  bestimmt,  haben  sich  in  der  Grotte  zu  Vulci  vor- 
gefunden; s.  Germ.  5,  484  f.,  an  welcher  Stelle  Bachofen's  Deutung 
dieser  Eier  mitgetheilt  ist.  Es  fragt  sich  jedoch,  ob  aus  all'  dem  oben 
Dargelegten  nicht  eher  hervorzugehen  scheint,  daß  jene  Eier  den  Bau- 
werken, an  deren  Decke  sie  aufgehängt  waren,  Sicherheit  und  Bestehen 
verleihen  sollten.  Bachofen  selbst  hat  die  tiefe  Symbolik,  die  sich  mit 
dem  Ei  verknüpfte,  ausführlich  dargelegt  und  es  wäre  daher  nicht 
eben  zu  verwundern,  wenn  bei  Gründungen  von  Bauwerken  statt  der 
ursprünglichen  Menschenopfer  stellvertretend  auch  Eier  verwandt  wurden, 
und  zwar  so,  daß  man  sie  anfangs  in  die  Grundmauern  legte,  später 
aber  an  die  Decke  befestigte,  eine  Versetzung  aus  der  Tiefe  in  die 
Höhe,  auf  welche  der  von  den  andern  abweichende  Bericht  des  Jean 
d'Outremeuse  wahrscheinlich  unwillkürlich  hinweist.  Daß  diese  sym- 
bolischen Eier  zuweilen  aus  Metall  waren,  scheint  aus  Hemmerlin's 
Angabe  über  das  Ei  des  Castel  dell'  Uovo  hervorzugehen;  s.  Germ. 
4,  263,  Anm.  16'.  Auch  bei  andern  derartigen  Symbolen  war  dies  der 
Fall,  wie  wir  gesehen. 

Der  oben  aus  der  Prosachronik  des  Jean  d'Outremeuse8)  mit- 
getheilten,  aufVirgilius  bezüglichen  Stelle  will  ich  nun  hier  in  Kürze 
auch  alle  übrigen  denselben  betreffenden  Nachrichten  dieser  Chronik 
folgen  lassen,  da  sie  manches  Eigenihümliche  enthalten,  was  sich  sonst 
nirgends  findet.  Demnach  war  Virgil  am  6.  Mai  519  der  „Transmigra- 
tion de  Babylone"  zu  Rom  geboren  und  ein  Sohn  des  Königs  Gorgile 
von  Bugie  en  Libe9),  der  sich  während  der  Schwangerschaft  seiner 
Gemahlin  Geda  dort  aufhielt  (p.  197).  Nachdem  der  junge  Virgil  auf 
einer  Insel  die  Schulen  besucht  (p.  211),  begibt  er  sich  im  J.  544 
derselben  Aera  nach  Rom  (p.  226),  woselbst  die  Tochter  des  Kaisers 
Julius  Cäsar,  Namens  Phebilhe,  sich  in  ihn  verliebt  und  ihre  Liebe 
in  jeder  Beziehung  erwidert  sieht,  ohne  daß  sich  jedoch  Virgil  mit 
ihr  ehelich  verbinden  will    (p.  227  f.).    Demnächst    macht  er    zu  Rom 


8)  Er  hat  auch  eine  Reimchronik  abgefasst,  <He  sich  hinter  jener  abgedruckt  findet. 
•)  Bugia  in  Afrika,  in  der  heutigen  Provinz  Constantine. 


41 1)  FELIX  LIEBRECHT 

zwei  eherne  Männer,  von  denen  einer  dem  andern  jeden  Sonnabend 
eine  Keule  zuwirft  und  sie  am  nächsten  Sonnabend  zurückerhält 
(p.  228)  I0);  —  ferner  einen  Spiegel  auf  hundert  Marmorsäulen,  worin 
man  alle  Feinde  nahen  sieht,  so  wie  das  Capitol  und  die  Salvatio 
Rornae  (p.  229)  11);  —  außerdem  einen  kupfernen  Mann  zu  Pferd  mit 
einer  Wage  zum  Abwiegen  der  Waaren.  Auch  baut  er  zu  Rom  in 
einer  einzigen  Nacht  sein  Haus  Casdrea  oder  Cassedrue  (p.  230).  — 
Er  zündet  für  die  Armen  ein  großes  Feuer  an  und  stellt  daneben  einen 
ehernen  Mann,  der  mit  einem  gespannten  Bogen  zielt  (p.  231)  ,2).  — 
Er  setzt  über  die  zwölf  Thore  Roms  ebenso  viele  Kupferstatuen  der 
Monate  des  Jahres,  die  einander  der  Reihe  nach  von  Monat  zu  Monat 
einen  stählernen  Apfel  zuwerfen,  nachdem  sie  ihn  15  Tage  in  der  einen 
und  15  in  der  andern  gehalten  (p.  232),!;  —  Er  macht  vier  Statuen 
der  Jahreszeiten,  die  einander  alle  drei  Monate  gleichfalls  einen  Apfel 
zuwerfen  u),  und  weissagt  von  Maria  und  Christus  (p.  233  f.).  —  Er 
verfertigt  eine  eherne  Fliege,  die  alle  andern  in  der  Umgegend  Roms 
töcltet  (p.  236)  l5),  und  lässt  von  Phebilhe  statt  seiner  eine  Zauber- 
figur in  dem  Korbe  in  die  Höhe  ziehen,  welche  aus  ihrem  Munde 
einen  dichten,  stinkenden  Nebel  und  Finsterniss  in  ganz  Rom  verbreitet, 
während  sie  längs  des  Thurmes  auf-  und  absteigt,  bis  sie  endlich  ver- 
schwindet (p.  237  f.)  16).  —  Er  löscht  alle  Feuer  in  Rom  aus  und  ver- 

l0)  S.  Keller,  Rom.  d.  VII  Sages  p.  154  V.  3958  ff.  Vgl.  Maßmann,  Kaiser- 
chronik 3,  407  über  die  Bildsäulen  der  Wochentagsgötter  zu  Rom. 

")  Hier  wie  sonst  noch  scheint  Jean  d'Outremeuse  oder  seine  Vorlage  verschie- 
dene Versionen  desselben  Gegenstandes  als  besondere  Dinge  aufzuzählen,  wie  z.  B.  die 
verschiedenen  Bildwerke  der  Wochen,  Monate  und  Jahreszeiten ;  so  auch  ist  der  Zauber- 
spiegel eben  nur  die  Salvatio  Romae,  vgl.  Germ.  4,  269  f.  Über  Zauberspiegel  s.  auch 
meine  Bemerkung  in  Benfey's  Or.  u.  Occ.  3,  360.  Die  im  Mittelalter  und  noch  später 
geübte  Katoptromantie  ist  bekannt  genug.  Vgl.  auch  noch  Du  Me'ril  1.  c.  p.  469  f. 

'■?J  Germ.  4,  270.  Einer  ähnlichen  Bildsäule  begegnet  man  in  denGestaRom.  c.  107. 
Der  daselbst  vorkommende  Karfunkel  ist  analog  dem  Feuer  in  der  Virgiliussage  und 
beide  werden  durch  den  abgeschossenen  Pfeil  vernichtet.  Du  Meril  1.  c.  p.  470  Nr.  8 
bemerkt:  „Ge'neralement  ces  grandes  clartes  qui  dissipaient  les  tenebres  etaieut  produites 
par  des  escarboucles ;  voy.  Raoul  de  Cambrai  p.  18  v.  13  et  Ogier  le  Danois  v.  1644." 
Daß  das  eben  erwähnte  Capitel  der  Gesta  Rom.  der  Hauptsache  nach  muthmaßlich  aus 
dem  Orient  stammt,  habe  ich  zu  Gervas.  S.  214  f.  gewiesen. 

,3)  In  der  Fleur  des  histoires  des  Jehan  Mansel  (aus  der  ersten  Hälfte  des 
XV.   Jahrh.)    wird  dieses  Kunstwerk  gleichfalls  erwähnt.    Du  Meril  1.  c.    p.  440  Nr.   1. 

1 4)  Du  Meril  1.  c.  p.  438  ff.  theilt  die  betreffende  Stelle  aus  dem  Cle'omades  mit. 

,5)  Germ.  4,  261.  264.  266. 

16)  Orientalische  Gaukler  und  Zauberer  verstanden  es,  am  hellen  Tage  finstere 
Nacht  hervorzubringen  und  umgekehrt;  s.  die  bei  Dunlop  S.  108  aus  Mandeville  mit- 
jretheilte  Stelle.  Di.'  egyptischen  Zauberer  besaßen  diese  Kunst  übrigens  schön  zu  Mosis 
Zeiten. 


ZÜK  VIKGILIUSSAGE.  411 

lässt  die  Stadt,  versöhnt  sieh  jedoch  wieder  mit  dem  Kaiser  und  zündet 
das  Feuer  wieder  an  (p.  240).  —  Er  bewirkt  durch  Zauberei,  daß  alle 
römischen  Frauen  ihre  Vergehen,  besonders  die  fleischlichen,  mit  lauter 
Stimme  bekennen  (p.  241).  —  Er  will  sich  nach  Cäsars  Tod  an  der 
Kaiserin  Enye  und  an  Phebilhe  wegen  ihrer  Nachstellungen  rächen, 
wobei  sie,  auf  zauberische  Weise  geblendet,  zwei  Hunde  statt  seiner 
und  Octavians  tödten,  wird  jedoch  daran  theilweise  durch  die  Römer 
gehindert  I?)  und  verlässt  deshalb  Rom  zum  zweitenmal,  das  Feuer 
wiederum  auslöschend  (p  248  ff.).  —  Er  zündet  es  wieder  an  nach 
Erfüllung  der  folgenden  Bedingung  von  Seiten  der  Römer:  „Vos  met- 
tereis Phebilhe  en  la  thour  halt  ä  la  fenestre,  ä  laqueile  ma  figure  füt 
sachie  ä  la  corbilhe,  le  cuel  defour  tout  descovierte  jusques  ä  la  chin- 
ture ,  si  c'  on  veirat  tout  son  eistre  et  la  feniestre  qui  oevre  sens  braiie, 
si  que  les  gens  poront  clerement  veioir  le  croissant,  et  ä  celle  croissant 
covenrat  prendre  le  feu  ä  chandelle;  et  ne  le  poirat  li  uns  prendre  ä 
l'autre  ne  rendre,  mains  tous  cascons  venrat  por  ly  a  la  feneistre  del 
ventre  prendre  feu  qui  le  voirat  avoir ,  et  aultrement  ne  1'  aront.  Et 
cascon  jour  fereis  enssi  II  fois."  Phebilhe  stirbt  hierauf  vor  Scham 
(p.  252)  18).  —  Virgil  baut  Neapel  und  das  Castel  delF  Uovo;  er 
macht  eine  Luftbrücke19)  und  einen  Garten  mit  seltenen,  immer  blü- 
henden Pflanzen,  umgeben  von  einer  Luftmauer,  die  eine  wirkliche 
Mauer  scheint,  dahinter  aber  eine  nur  ihm  sichtbare,  wahre  Mauer  hat 
(p.  255)  20).  —  Er  verfertigt  zwei  ewige  Kerzen  und  eine  dergleichen 
Lampe21),  sowie  einen  sprechenden  Kopf22),  sämmtlich  zu  seinem 
besondern  Gebrauch  (p.  257);  —  ferner  für  die  Römer  die  Bocca  della 
veritä  23),  sowie  einen  künstlichen  Reiter,  der  des  Nachts  die  Straßen 
Roms  durchreitet  (p.  258)  24).  —  Er  lässt  in  einer  einzigen  Nacht  durch 


")  "Vgl.  Gervas.  S.  64  f.  namentlich  die  aus  dem  Pseudo-Marcellus  angeführte 
Stelle. 

■8)  Vgl.  Germ.  1,  267  (zu  Ges.  ab.  Nr.  92).  4,  273  ff.  Ferd.  Wolf,  Studien  zur 
Gesch.  d.  span.  u.  portug.  Nationallitt.  S.  106. 

ifl)  Germ.  4,  264. 

20)  Germ.  4,  261.  264.  266.  Auch  Meister  Stephan  im  Artus  de  la  Bretagne, 
so  wie  andere  Zauberer  wussten  dergleichen  Gärten  zu  schaffen;  s.  Dunlop  S.  108  und 
dazu  Anm.  181. 

21)  Germ.  4,  270  Anm.  44.  Über  ewige  Lampen  vgl.  Walter  Scott  Lay  of  kh<§ 
Last  Minstrel,  Canto  II  Str.   17  Anm. 

22)  Germ.  4,  272  f.  265.  Über  zauberische  Köpfe  vgl.  Scheiblfe'a  Kloster  5,  171. 
Philologus  21,  687  ff.;  ferner  Maury,  La  Magie  et  TAstrol.  dans  l'Antiquite  et  au 
Moyen-Äge   Ire  e"d.  p.  59.  60. 

i3)  ©örm.    1.  27-".. 

21)  Germ.  -1,  263  Anm.   1.-). 


4J2  FELIX  LIEBRECHT 

seine  Geister  den  Weg  durch  den  Pausilippo  brechen,  sowie  auch  unter- 
irdische Röhren  legen,  in  denen  zwischen  Rom  und  Neapel  Oel  und 
Wein  hin-  und  herfließet  (p.  259)  25).  —  Er  macht  ein  ehernes  Pferd, 
durch  dessen  Anblick  alle  kranken  Pferde  zu  Neapel  geheilt  werden 
(p.  260)  2,?)  und  baut  für  sich  zu  Neapel  ein  Haus  mit  zwei  kupfer- 
nen Dreschern  am  Eingang  (p.  261)  27).  —  Er  tauft  sich  und  macht 
den  Ägyptern  einen  Kalender,  baut  auch  die  künstlichen  Bäder  (p.  262)  28). 
—  Er  ergötzt  seine  Tischgäste  durch  mancherlei  Gaukelspiele  und  Ver- 
wandlungen (p.  263  f.)  29).  —  Er  befragt  seinen  Zauberkopf  wegen  der 
Zeit  seines  Todes  und  dieser  antwortete  ihm,  er  solle  seinen  Kopf  vor 
der  Sonne  hüten.  Virgil  versteht  darunter  den  Zauberkopf,  erkrankt 
aber  an  einem  Sonnenstich  (p.  269  f.)  30).  —  Er  stirbt  am  6.  Mai  des 
Jahres  571  der  Transmigration  de  Babylone,  wird  aber  noch  59  Jahre 
lang  vermöge  einer  von  ihm  getroffenen  Vorrichtung  für  lebend  ge- 
halten, bis  der  Apostel  Paulus  ihn  in  Neapel  aufsucht  und  seinen  Tod 

-25)  Germ.  4,  261.  Gervas.  S.  108.  Die  unterirdische  Röhrenleitung,  welche  auch 
der  Renars  contrefais  erwähnt  (s.  die  Stelle  bei  Du  Meril  p.  441)  erinnert  an  die  zwi- 
schen Trier  und  Cöln  s.  Kaiserchronik  3,  307.  519  f.  und  Zusatz  S.   1188. 

26)  Germ.  4,  263.  236.  Man  erinnert  sich  hierbei  der  ehernen  Schlange  4Mos.  c.  21. 

2")  Nach  dem  Volksbuch  sind  es  24  Drescher,  s.  Dunlop  S.  1 87b. 

28)  Germ.  4,  260.  266. 

29)  Hirschjagden  mit  Hunden  erscheinen  und  verwandeln  sich  dann  in  Tänzer 
und  Tänzerinnen ,  welche  auf  Tellern  frische  Trauben  tragen ,  obwohl  es  im  März  ist. 
Das  stimmt  alles  fast  wörtlich  zu  der  bereits  oben  (Anm.  16)  erwähnten  Stelle  des 
Mandeville,  wo  die  Belustigungen  geschildert  werden,  welche,  während  der  Tartaren- 
chan  bei  Tafel  sitzt,  stattfinden  und  wo  es  von  den  Gauklern  und  Zauberern  desselben 
heißt:  „Hierauf  lassen  sie  Tänze  aufführen  von  den  schönsten  Mägdlein  der  Welt, 
die  auf  das  prächtigste  gekleidet  sind.  Dann  lassen  sie  andere  Mägdlein  hereinkommen, 
welche  goldene  Becher  mitbringen  und  dann  den  Herren  und  Damen  zu  trinken  geben. .  . 
Und  dann  lassen  sie  eine  Hirsch-  und  Eberjagd  hereinkommen  mit  Hunden,  die  mit 
offenem  Maule  einherrennen ;  und  viele  andere  Dinge  noch  thun  sie  durch  ihre  Zauber- 
kunst, daß  es  ein  Wunder  ist  anzuschauen. u 

30)  Diese  Weissagung  findet  sich  bereits  in  dem  zuweilen  dem  Gauthier  von 
Metz  beigelegten  Gedichte  Image  du  Monde,  wovon  Le  Grand  im  V.  Band  der  Notices 
et  Extraits  einen  Auszug  gegeben,  Du  Meril  1.  c.  die  Virgil  betreffenden  Stellen  im 
Original  mitgetheilt  hat;  die  in  Rede  stehende  p.  432.  Letzterer  erinnert  daran,  daß  es 
schon  in  Virgils  Vita  bei  Servius  heißt:  „Valetudinem  ex  solis  ardore  contraxit."  — 
Von  solch  trügerischen,  weil  falsch  verstandenen  Antworten  in  Bezug  auf  den  Tod  des 
Fragenden,  wie  sie  hier  der  Zauberkopf  dem  Virgil  ertheilt,  kommen  zahlreiche  Bei- 
spiele vor  im  Alterthume  wie  in  der  neuern  Zeit;  s.  G.  C.  Lewis,  Untersuchungen  über 
die  Glaubwürdigkeit  der  altröm.  Gesell,  deutsch  von  Liebrecht.  Hann.  1858  Bd.  II,  S.  350 
Anm.  und  Notes  and  Queries  2nd  Ser.  Bd.  IV  p.  352  ff.  V.  174  ff.  Über  den  polnischen 
Zauberer  Twardowsky,  s.  ScheiMe's  Kloster  XI,  265  ff.  526  ff.  Vgl.  auch  Görres,  Heldenb. 
von  Iran  2,   130,  die  Weissagung,  welche  Jesdegerd  in  Bezug  auf  die  Quelle  Su  erhält. 


ZUK  VIRGILIUSSAGE.  413 

entdeckt s ').  Seine  Gebeine  werden  in  einem  Kasten  nach  dem  von 
ihm  gebauten  Schlosse  Ventoise  gebracht,  wo  sie  noch  sind  und  Stürme 
hervorrufen,  sobald  der'  Kasten  von  dem  Stuhle,  worauf  er  steht,  auf- 
gehoben wird  (p.  275  f.)  32). 

Hiermit  schließt  die  Chronik  ihre  Virgil  betreffenden  Angaben, 
von  denen  ich  minder  bedeutende  Einzelheiten  übergangen  habe.  In 
dem  Mitgetheilten  wird  man,  wie  bereits  erwähnt,  manches  sich  sonst 
nirgends  Findende  bemerken  und  darunter  besonders  die  Zauberfigur 
im  Korbe,  die  dem  Virgil  die  ihn  nach  allen  andern  Versionen  tref- 
fende Schande  ersparen  soll,  so  wie  das  hier  zweimal,  während  sonst 
nur  einmal  ausgelöschte  Feuer  u.  s.  w.  Von  allen  dem  Virgil  beige- 
legten Wunderwerken  werden  sich  aber  bei  fortgesetzter  Forschung 
die  meisten  auf  orientalischen  Ursprung  zurückführen  lassen,  wie  wir 
dieß  bei  verschiedenen  schon  gesehen,  so  z.  B.  bei  dem  Zauberspiegel, 
der  ehernen  Fliege,  der  plötzlichen  Finsterniss,  der  für  Menschen  ge- 
haltenen und  getödteten  Hunde,  des  ehernen  Pferdes  u.  s.  w.  u.  s.  w., 
wozu  auch  die  Angabe  des  Gervasius  gehört,  daß  ganz  Neapel  auf 
unterirdischen  Säulen  ruhe  33) ,  denn  Benjamin  von  Tudela  berichtet 
von  Alexandrien  gleichfalls :  „The  city  is  built  upon  arehes  which  are 
hollow  below."  S.  Early  Travels  in  Palestine  ed.  by  Thom.  Wright. 
Lond.  1848,   p.  122.     Und   so  wie    in   Neapel    und   Rom   eine   Schola 


31)  Nach  der  Image  du  Monde  wie  auch  nach  andern  Versionen  stirbt  Virgil  in 
Rom ;  der  Apostel  Paulus ,  der  bald  darauf  anlangt ,  hört  von  seinem  Tode  und  dringt 
in  seine  Zauberwohnung  ein ;  Du  Meril  1.  c.  p.  456  ff.  In  den  übrigen  Umständen 
weichen  die  Berichte  bedeutend  von  einander  ab. 

32)  Germ.  4,  259.  293  f.  Der  lapis  manalis ,  wenn  fortgerückt,  bewirkte  Regen. 
Über  sonstige  auf  ähnliche  Weise  erregte  Ungewitter  und  Stürme  s.  Gervas.  S.  14(j  ff. 
meine  Nachträge  in  den  Heidelb.  Jahrb.  1863  S.  584  f.  Zu  dem  Gerv.  S.  148  über  den 
Regenstein  der  Orientalen  Angeführten  füge  man  noch  Oppert,  der  Presbyter  Johannes 
in  Sage  und  Geschichte.  Berlin  1864  S.  104;  vgl.  S.  102  Anm.  2.  Ob  ein  Schloß  Na- 
mens Ventoise  (ital.  also  Ventosa)  in  der  Nähe  von  Neapel  je  existiert  hat,  weiß  ich 
nicht  zu  sagen.  Wahrscheinlich  verdankt  es  Dasein  und  Namen  der  oben  mitgetheilten 
Sage.  —  In  Betreff  des  Germ.  4,  2!I4  (vgl.  Ger/as.  S.  159  ff.)  erwähnten  Zauberbuchs 
des  Virgil  will  ich  hier  noch  folgende  Stelle  aus  Vincent.  Bellov.  Spec.  Hist.  2(i,  4 
mittheilen:  „Alio  tempore  cum  dormiret  idem  pater  [sc.  Sanctus  Hugo,  abbas  Clunia- 
censis]  vidit  per  somnium  sub  capite  suo  cubare  serpentum  multitudinem  et  ferarutn, 
subitoque  capitale  excutiens  et  exquirens  supposita,  invenit  librinn  maronis  forte  ibi 
collocatum:  mox  abjecto  codice  singulari  in  pace  requievit  cognovitque  modum  materiaa 
libri  visioni  congruere,  quem  obscoenitatibus  et  gentiliura  ritibus  plcnum  indignum  erat 
cubiculo  sancti  substerni  " 

33)  „Cum  civitas  illa,  in  ambitum  plnrimum  spatiosa,  tota  coluninis  subterrancis 
innitatur."   p.  14  meiner  Ausgabe. 


414  FELIX  LIEBRECHT 

Virgilii  gezeigt  wurde  (s.  Germ.  4,  268.  275),  so  meldet  derselbe 
jüdische  Reisende,  daß  er  in  Alexandrien  eine  Schola  Arütotelis  ge- 
sehen. Er  erzählt  nämlich  in  Betreff  dieses  im  Mittelalter  nicht  weniger 
als  Virgil  sagenberühmten  und  ebenso  wie  dieser  von  einem  Weibe 
genarrten  Weltweisen  3*) :  „In  the  outskirts  of  the  city  was  the  school 
of  Aristotle,  the  preceptor  of  Alexander.  The  building  is  still  very 
handsome  and  large,  and  is  divided  into  many  apartments  by  marble 
pillars.  There  are  about  twenty  schools,  to  which  people  flocked  from 
all  parts  of  the  world  iu  order  to  study  the  Aristotelian  philosophy." 
Immer  mehr  Sagen  hefteten  sich  an  Virgil,  wie  später  an  Faust,  sie 
weisen  aber  immer  wieder  auf  östlichen  Ursprung :  so  das  nach  Enenkel's 
Bericht  von  Virgilius  in  Rom  zum  Minnen  geschaffene  steinerne 
Weib,  s.  Maßmann,  Kaiserchronik  3,  451.  Wir  begegnen  hier  einer 
rabbinischen  Tradition;  denn  Praetorius,  Anthropodemus  Pluton.  1,  250 
erzählt  folgendes :  „Eben  diese  gottlose  Buben  [nämlich  die  Rabbinen] 
tichten  auch ,  wie  der  Christen  ihr  Heerführer  Armillns  seyn  werde, 
darwieder  ihr  Messias  streiten  soll:  Nun  beschreiben  sie  den  Armillum 
folgender  Gestalt  (beym  D.  Christiani  de  libro  R.  Benjaminis  Tudelensis 
&  R.  Menasse  Ben  Israel  in  üb.  spes  Israelis  p.  m.  72.  73) ,  das  zu 
Rom  ein  großer  Marmel-stein  sey,  in  gestalt  eines  schoenen  Mägdeleins, 
der  von  keines  Menschen  Hand  gemachet,  sonder  von  GOTtes  Krafft 
erschaffen  sey.  Und  zu  solchen  sollen  die  verzweifeltsten  Menschen 
und  bösesten  Leute  der  gantzen  Welt  zusammen  kommen,  denselben 
erwärmen  mit  ihrem  Beyschlaffe ,  drauff  wurde  GOtt  etliche  Tropffen 
des  Samens  mitten  im  Steine  verhalten,  und  drauß  ein  Kind  erschaffen, 
das  eine  Menschen-Gestalt  gewinnen  wurde,  wenn  der  Stein  bei  der 
Geburt  zerberste,  und  solchen  wurde  man  Armillum  heissen,  der  wurde 
ihr  Wiedersacher  sein,  und  die  Hey  den  wiirden  ihn  Antichristum 
heissen."  —  Aus  dem  Orient  stammt  aber  auch  die  wunderlichste  der 
Thaten  des  Virgilius,  die  sich  im  Mittelalter  und  noch  später  so  viel- 
fach erzählt  findet,  wie  er  nämlich  das  Feuer  in  ganz  Rom  ausgelöscht, 
und  auf  welche  Art  es  wieder  angezündet  worden,  welches  Ereigniss 
übrigens  wie  so  viele  andere  nur  auf  ihn  übertragen  war,  da  es  sich 
bereits  vorher  in  Bezug  auf  den  Zauberer  Heliodor  und  eine  griechische 
Dame  in  Umlauf  befand  (vgl.  Germ.  1,  267.  4,  275).  Den  hierher 
gehörigen  orientalischen  Bericht  nun  will  ich  vollständig  mittheilen, 
da   in  demselben   gleichfalls  von   einem    berühmten  Zauberer  die  Rede 


34)  Vgl-  v-  d.  Hagen  Ges.  Ab.  Nr.  II  und  dazu  Germ.  I,  258.  Benfey  Pantschat. 
I,  4(.:i  f.  so  wie  dessen  Or.  u.  Occ.   1,  543  Nr.   10. 


ZUR  VIRGILIUSSAGE.  415 

und  er  überhaupt  in  mehrfacher  Beziehung  interessant  ist.  „Le  savant 
et  vertueux  Abou  Jakoub  es-Sekaki  (dont  le  livre  intitule  La  clef  de 
la  science  de  la  rhetorique  et  de  V  Sloquence  est  un  des  ouvrages  ele'gants) 
etait  profondement  verse  dass  les  sciences  merveilleuses  et  les  con- 
naissances  etonnantes,  dans  1'  art  de  soumettre  les  genies,  dans  les  en- 
chantements,  l'invocation  des  etoiles,  les  talismans,  la  magie  et  les  pro- 
prietes  des  corps  terrestres  et  des  astres.  Cela  ayant  ete  revele  ä 
Djaghatai-Khan  35)  par  le  moyen  d'Habech  Amid  (son  vizir)  et  d'un 
autre  des  ofüciers  attaches  ä  son  service,  il  manda  ce  savant  et  en  fit 
son  compagnon  et  son  commensal.  Sekaki  montrait  continuellement 
au  roi  des  choses  merveilleuses,  ce  qui  augmentait  la  bonne  opinion 
et  la  consideration  de  Djaghatai  ä  son  egard.  Voici  un  de  ses  traits: 
Un  jour  que  Djaghatai -khan  etait  assis  sur  un  siege,  il  vit  plusieurs 
herons  qui  volaient  dans  le  ciel;  il  porta  aussitot  la  main  ä  son  arc 
et  ä  ses  fleches.  Sekaki  lui  dit:  „Lequel  de  ces  herons  1'  empereur 
veut-il  voir  tomber  par  terre  ?"  Djaghatai  r^pondit:  „Le  premier,  le 
dernier  et  celui  qui  se  trouve  au  milieu."  Sekaki  traca  un  cercle  sur 
la  terre,  recita  une  invocation  magique  et  fit  un  signe  avec  le  doigt. 
Ces  trois  herons  tomberent  aussitot  par  terre.  Djaghatai  s'en  mordit 
les  doigts  d' etonnement.  II  devint  le  disciple  et  l'admirateur  d'Abou 
Jacoub,  a  un  tel  point  qu'il  lui  montrait  les  plus  grands  egards.  — 
Vers  le  meine  temps,  Sekaki  dit  ä  Djaghatai:  „,,/i  V Jpoque  oü  je  me 
trouvai  ä  Bagdad,  je  fus  mecontent  du  vizir  du  Khalife  et  j'  empechai  par 
mes  enchantements  le  feu  de  brüler  (litteralement:  je  liai  de  feu),  de  sorte 
que  les  habitants  avaitnt  beau  faire  tous  leurs  efforts,  on  ne  pouvait  V  allumer. 
Au  bout  de  trois  jours  et  autant  de  nuifs,  une  plainle  gfox&rale  s  kUva. 
Le  Khalife  sut  que  cela  etait  un  ouvrage  de  mon  art;  il  me  manda  et  me 
dit:  „Düie  le  feu".  Je  rSpondit:  „Je  le  ferai ,  lors/pu' on  aura  proclame 
dans  Bagdad  que  cet  acte  a  StS  ope'rd  par  Sdkaki,  et  lorsque  le  vizir  aura 
baisS  le  derriere  d'un  chien" .  On  agit  de  la  sorte  et  Sekaki  delia  le  fea.Uu 
En  un  mot,  la  faveur  de  Sekaki  aupres  de  Djaghatai  devint  si  grande 
que  le  feu  de  la  Jalousie  et  de  l'envie  s'alluma  dans  l'esprit  du  vizir 
et  qu'il  mit  tous  ses  soins  ä  detruire  ce  modele  des  hommes  de  hh'- 
rite.  .  .  .  Sur  ces  entrefaites,  Sekaki  soumit  ä  son  pouvoir  la  planete  de 
Mars  et  fit  paraitre  dans  la  tente  de  Djaghatai  une  armee  de  feu,  dont 
les  bagages  et  les  armes  etaient  6galement  de  feu.  Djaghatai  ayau'. 
ete  rempli  de  crainte,  ä  la  vue  de  ce  spectacle,  I  fabeeh  trouva  le  moyen 
de  calomnier  Sekaki  et  dit:  „Puisque  Sekaki  a  le  pouvoir  (Toperer  de 

35)  Zweiter  Sohn  Dscliingiskans.  Er  regierte  in  Tuiau  und  flössen  Depehdettzien 

und  starb  um    \'2-V2  * 


41  <;  C.  W.  M.  GREIN 

pareils  actes,  il  peut  se  faire  qu'il  ambitionne  le  rang  supreme,  et 
qu'il  assemble  une  armee  de  feu  contre  l'empereur."  Ce  discours  ayant 
fait  impression,  Djaghatai-Khan  fit  emprisonner  Sekaki.  Celui-ci  mou- 
rut,  apres  avoir  passe  trois  ans  en  prison."  Dies  erzählt  die  Histoire 
des  Khans  mongols  du  Turkistan  et  de  la  Transoxiane,  extraite  du 
Habib  Essiier  de  Khondemer  et  traduite  du  persan  par  Defremery, 
s.  Journ.  asiat.  IVme  ser.  19,  85  ff.  In  diesem  persischen  Bericht  also 
wird  gleichfalls  durch  einen  Zauberer  das  Feuer  in  einer  ganzen  Stadt 
ausgelöscht  und  erst  dann  wieder  angezündet,  nachdem  der  Schuldige 
fast  ebenso  entehrt  ist,  wie  die  Königstochter,  in  der  Virgilssage.  Noch 
näher  dieser  letzteren  liegt  jedoch  eine  kurzgefasste  Angabe,  die  sich 
bei  arabischen  Schriftstellern  findet;  s.  Freytag,  Arabum  Proverbia 
2,  445  no.  124:  „Üccurrit  podici  caniculae."  —  Narrant,  regem  quen- 
dam  Edessae  extinctis  ignibus  imperasse,  ut  homines  ignem  ad  podicem 
caniculae  mortuae  accenderent.  Hanc  autem  ob  causam  homines  emi- 
grasse."  Welcher  von  diesen  zwei  Berichten,  ob  der  persische  oder 
der  arabische,  dem  ursprünglichen  näher  steht,  lässt  sich  zwar  zur  Zeit 
noch  nicht  sagen;  doch  zweifle  ich  nicht,  daß  durch  weitere  Forschungen 
sich  die  älteste  Gestalt  dieser  sonderbaren  Erzählung  einmal  wird 
sicherer  feststellen  lassen. 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBRECHT. 

ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN 

DICHTER. 

VON 

C.  W.  M.  GREIN. 


Bei  der  Bearbeitung  meines  Sprachschatzes  der  ags.  Dichter  hat 
sich ,  wie  zu  erwarten  stand ,  eine  ganze  Reihe  von  Besserungen  der 
zu  Grunde  gelegten  Texte,  wie  diese  in  den  beiden  ersten  Bänden  der 
ags.  Poesie  stehen,  ergeben;  aber  leider  habe  ich  dabei  auch  noch 
manche  Druckfehler  in  den  Texten  entdeckt.  Alles  dies  (auch  was  ich 
der  Art  schon  am  Schluß  der  beiden  Textbände  mittheilte)  stelle  ich 
hier  einfach  zusammen,  die  Druckfehler  mit  einem  Sternchen  bezeich- 
net: bei  der  Angabe  von  Interpunctionsänderungen  wird,  wenn  bloß 
die  Vershälfte  dabei  angegeben  ist,  immer  das  Ende  dieser  Vershälfte 
gemeint.  Den  Beovulf  und  die  Gedichte  der  Sachsenchronik  habe  ich 
einstweilen  mit  Stillschweigen  übergangen,  ersteren  weil  ich  ihn  eben  jetzt 
von  neuem  im  Zusammenhange  durcharbeite,  und  letztere  weil  dieselben 
nach  Thorpes  trefflicher  Ausgabe  der  Sachsenchronik  einer  ganz  neuen 
Bearbeitung  bedürfen. 


ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN  DICHTER.  417 

i 

GENESIS.   47:  redemdde  adj.  pl.  nom.   —  60:  sticpe.  —  72:  seo- 
modon  svearte  (pl.)  mW  [gemyrde].  —  80:  *veoxon.  —  90:  verige  gästas. 

—  135:  ofer  timber.  —  156:  vidlond.  —  235:  *ni6tad.  —  444:  häled- 
helm.  —  452:  %vurdon.  —  475:  him  to  [vuldre]  vceron  vitode  gepingdo  on 
pone  liedri  heofon;  zieht  man  meine  frühere  Ergänzung  vor,  so  ist  to 
als  adv.  (insuper)  zu  nehmen.  —  502:  scßdtes  vestimenti  (Lye)?  — 
555 :  [svä]  hvilc  airende,  svä.  —  563-64 :  svä  ic  pe  visie  cet  (esum)  pisses 
ofätes  (vgl.  Phon.  401) ;  im  Glossar  ist  die  Stelle  unter  cet  2)  acc. 
nachzutragen;  die  Note  zu  564  ist  zu  tilgen.  —  702:  Iure  (MS)  als 
pleonastisches  Reflexivum.  —  752:  heofonrice.  —  762:  *gesponne.  — 
835:  nis  me  on  vorulde  niod  (nicht  möd).  —  849:  *forgeäte.  —  866: 
hedn  hleö&rade  hrägles  pearfa:  „Ic  vreö  nie...".  —  884:  freddrihten. — 
996:  *hölunge.  —  1030:  brOdorcvealmes.  —  1115:  *mode.  —  1132:  menge 
tcean.  —  1138a  Komma.  —  1211:  vgl.  dagegen  H.  Z.  XI,  403.  — 
1256:  cneoriin.  --   1265a  Komma;  1269"  Punkt.  —  1311:  cvic-lifigendra. 

—  1326:  *bedtad.  —  1341 :  mereflöd  ncsan.  —  1405,  Note:  ed  monne  MS 
ist  in  ednioune  (d.  i.  edniovne)  aufzulösen.  —  1412:  v7dla?id.  —  1418-19: 
siddan  nägledbord  (adj.)  für  seleste  flod  up  ähdf.  —  1469-70:  püs  pe  hed 
gesittan  svide  verig  on  treoves  telgurn  forhtum  moste.  —  1472  und  J496  die 
Noten  zu  tilgen.  -  1538:  vidland.  —  1546-49  sind  einfacher  so  her- 
zustellen: 

and  heora  feuver  vif  Phercoba, 
Olla,    Olliua,    Olliuani 
nemde  vceron,  \pd  genered  häfde] 
vcerfäst  meiod  vätra  läfe. 

1638:  vidfolc.  —  1642b:  frdd?  —    1650:  anmod.      -   1 656'   kein  Kolon, 
1657a  und  1657'  Komma,  1658"  Kolon.  -      1664:  bearm.     -  1676:  hlcedre. 
1684:  *redemöd.      -  1688  die  Note  zu  tilgen.      -  1699:  /m  Bau? — 
1795  kein   Komma.  1797:  sigora  seif  cyning  sod  gecyäde.    —    1821 

die  Note  zu  tilgen.  1831:  for freöndmynde.  -      1862:  hägstealdra.  — 

1865:  *egesum  (MS).   -        1905:  eaü-tela.  1954:  cenig  veorded  (statt 

a'jve  MS).  --  1987 :  folc-getrume.  L995:  *genihtsum.  —  2000'' Kolon 
und  2001"  kein  Zeichen;  eecgum  ensibus.  -  2008'  und  2008''  Komma  ; 
die  Note  zu  tilgen.  2038:   feollan  (?).    —    2042:    peödenholdra.    — 

2047":  [him  mid  sidedon],  —  2051:  hildevulfas.  ■  2065  die  Note  zu 
tilgen;  2064''  Komma,  2005"  und  2066'    kein  Zeichen.      -    2079:  *sttäe. 

—  2118,  Note:  and  nichl  Präposition  (el  sancta  fides).  —  2148'':  ac pu 
[selfa]  most  und  2149a:  heonon  hüde  lajdan.  2165'  kein  Zeichen  und 
2165"  Komma,  —  2182-83  sind  so  abzutheilen: 

GEltMANJA  X,  27 


418  C.  W.   M.  GREIN 

fügen  freöbeamum:  faste  mynted 

ingepancum,  pät  me  äfter  sie 

eaforan  sine  yrfeveardas, 
2186:  rcedeitpine.  —  2205:  sidland.  —  2208:  *sceddect.  —  2234:  bryde 
lamm  auf  den  Rath  seiner  Frau.  —  2251 :  *gif  ic  mot  und  mint  vealdan 
über  das  Meinige  schalten.  —  2257:  *pu.  —  2282:  drihienhold.  — 
2291:  frumgäran.  —  2299:  *vedx.  —  2324  f.  gif  ge  pät  tdcen  gegäd 
sod-geledfan  (inst.)  mit  wahrem  Glauben;  hiernach  ist  im  Glossar  das 
subst.  sod-geledfa  nachzutragen.  —  2400 :  Lothes  mag  (ledhtes  MS).  — 
2492:  redemode  adj.  pl.  —  2494:  gistmägen  die  Schaar  der  Gäste  d.  i. 
die  zwei  Engel.  —  2538:  die  Note  zu  tilgen.  —  2661 :  airendu  {-da  MS). 

—  2705:  *ceghvär  eordan  (ohne  on).  —  2706:  vunian.  —  2729,  Note: 
fletvadas  MS  nach  Thorpe.  —  2732  :  ceara  (MS)  imper.  sg.  mit  dem 
acc.  c.  inf.  incit. . .  secan.  —  2747  f.  vielleicht  [vid]  heora  bregoveardas 
bearnum  Scan  monrim  mägect.  —  2786a  Komma  und  2786b  Punkt.  — 
2790:  *äsendest.  —  2793:  fredtn  =  freöum  ingenuo?  —  2810:  giena 
speöv.  —  2833:  *siddan.  —  2877b  Komma. 

EXODUS.  2:  Moyses  ist  Genitiv,  und  das  Subject  in  dem  von 
gefrigen  habbad  abhängigen  acc.  c.  inf.  ist  domas.  —  15:  godes  andraca 
(Moses)  gyrdvtte  band.  —  27 :  *gesette.  —  33 :  in  gere  (==  geare  penitus). 

—  46:  heofon  (lamentatio)  pider  becom;  die  Noten  zu  46  und  50  zu 
tilgen.  —  68:  genyddon  MS  ist  herzustellen.  —  87:  peodenholde.  — 
99b  kein  Komma.  —  108a  Komma,  108b  Kolon  und  110b  kein  Zeichen. 

—  115:  *barn.  —  145:  am  Schluß  der  Note  lies  dnvig?  —  156:  *Fa- 
raonis.  —  158:  peödmearc  (?)  —   159:  güd-[fana]  (?)  —    165:  *oefenleöd. 

—  167: /aZ  (fulMS).  —  169:  gehoeged.  —  176,  Note:  Jivcel  lüencan  MS. 

—  182:  peodenholde.  —  194:  ec  anlceddon.  —  197:  päm  mägenheapum 
(zu  häp  adj.).  —  238:  bealubenne.  —  242:  modheapum  (zu  häp  adj.)  — 
253:  beohäta  (=  biluda).  —  266:  *andraidan.  —  283:  and  (MS)  ist  zu 
tilgen.  —  293:  eorlas  cerglade.  —  305b:  [hie  ece\drihten].  —  307:  ge~ 
hyndon  (vgl.  Cri.  1525).  —  313:  an  ononette.  —  321:  in  der  Note  lies 
*gyldenne.  ■ —  333:  *saivtcingas.  —  339:  gearu  (d.  i.  ge-earu).  —  352: 
*him.  —  369 :  foldan  (gen.)  von  eallura  eordcynne  abhängig.  —  398  f. :  cid- 
fyr  onbran,  fyrst  ferhdbana:  no  py  fcegra  väs!  399"  ist  der  Scheiterhaufe 
als  der  erste  zu  einem  Menschenopfer  bestimmte  und  399b  geht  auf 
Tsaac.  —    454:  genäp.  —  456:  ac  behindan  beledc  (intr.)  vyrd  mid  vo3ge. 

—  469:  doch  wohl  mit  Lye  fordganges  ner.  465:  cyre.  —  470  f. 
sand  bäsnodon  vitodre  vyrde.  —  482:  lagu  (nom.)  land  (acc.)  gefedl,  die 
Fluth  fiel  über  das  Land  her.  —  491:  vi-trod  d.  i.  vtg-trod  (acc).  — 
504,  Note:  huru  fädmum  MS.  —  514:  dgeat  von  dgitan.  —  524:  gin- 
fästangod  {ginf ästen  MS).  —  532:  vräceum.  —  564:  *  After. 


ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN  DICHTER.  419 

DANIEL.  4 :  ond  (?)  Moyses  hand.  —  37ft :  dugoda  dyrust  gentium 
prasstantissima  vel  fortissima.  —  53:  and  [lieht]  vest  faran.  —  62:  svilc 
eallsvä  alles  was.  —  66:  ßa  gen.  pl.  von  feoh?  —  119:  ]>ät  him  metod 
väf.  —  136:  nearon  ge  ihr  seid  nicht  (zu  neom).  —  143:  *sveltad.  — 
192:  on  herige  [here]-byman  sungon  und  in  der  Note  lies  herige  MS.  — 
200:  tö  böte  engl,  to  hoot  insuper.  —  205:  vazron  MS  ist  herzustellen; 
hedran  nom.  pl.  conipar.  von  hedh  (vgl.  Dan.  491).  —  207:  heg  an  per  - 
ficere;  patrare  (vgl.  gehegaii),  wonach  im  Glossar  II,  29  das  unter  hegan 
Gesagte  zu  berichtigen  ist;  ]>is  hcedengyld  diesen  heidnischen  Götzen- 
dienst. —  220:  wohl  eher  äväcodon  'nachgäben',  so  daß  vereda  drillten 
auf  den  Heidenkönig  geht;  hiernach  Glossar  I,  46  unter  äväcian  zu 
berichtigen.  —  221:  ne  pan  mai  gen  hvyrfe  (mce=ma).  —  228:  frecne 
adv.  —  247  ff.  vielleicht  so: 

volde  vulfheort  cyning  veall  on  stealle 

tserne  ymb  cefäste  \eall  purhgledan] 

[purh  äldes  ledman],  od  pät  up  gevät 

Ug  ofer  leofum  u.  s.  w. 
277:  dedvdrids  (-dreds).  —  302:  hyldeledse.  —  305:  ws  ec  —  317: 
frumcyn.  —  321:  hdd  (s.  Glossar  unter  hdd  Nr.  6).  —  322  ff.:  odde 
brirn  farodes  scevaroda  sand...  grynded  (=grinded);  oder  öd  =  and  wie 
Ps.  13528  und  pät  brim  (n.)  beizubehalten?  —  345:  fyr  procul?  — 
413:  pät  ]>e  (=  ]jätte)  prjj  syndon  geboden.  —  417:  '*cväd.  —  435:  bende. 

—  480,  Note:  lies  vitigad.  —  490  die  Note  zu  tilgen.  —  512:  onveg. 

—  559 :  veste  (?).  —  563 :  bked  bid  und  *geveöx.  —  577 :  veced.  — 
591:  [viteledste]  vyrcan.  —  593:  *aldre.  —  604:  anhydig.  —  620:  hred 
(=  hräd  celer,  repentinus).  —  633 :  nid  gepafian  sein  Unrecht  einzu- 
gestehen. —  648:  pur  he.  —  651:  ÖdJnU  gumfredn  (dat.)  godes  in  gast 
becvom  ro&dfäst  sefa.  —  658:  godspellode.  —  678:  *him.  —  722:  hed  seid. 

AZ ARIAS.  2:  purh  hätne  %;  nach  2b  statt  nach  2a  das  Komma. 
67 :  *dcedhvatan.  —  125:  *bihealded.  —  127 :  ealdgecynd.  —  161:  *bryne- 
brögan.  —  163b  Komma. 

JUDITH.    23:  *and  hlydde.  —   63:  *beddes.   -    112:  beäftan.  - 
116:  hellebryne.    —    158:  [on  last]  pära  Imdda.    —    211:    Mldekdä. 
222:  hildenädran.  —  243:  vrehton.  —  267:  bälc.  —  269:  sveorcend/erhde 
(adj.)  —  285:  *gesvutelod.  —  287:  mid  nUum.  —  333:  and  compvtgi; 
die  Note  zu  tilgen. 

SATAN.  7:  deöpne  ymblyt  dene  ymbltaldeä  (ymbliealdeit  ist  Druck- 
fehler). —  20:  Adam.  --24:  Um  pär.  -42:  vergun.  —  66:  an  reor- 
dadon  redeten  ihn  an.  —  130:  limvästmnm  und  gelutian.  —  145:  seolfa 
nom.  pl.  —  146":  [pära  cefästra],  —    147:  tt  ägan  v.w  Eigen.   -■   169: 

27* 


420  c-  W.  M.  GREIN 

l">  gyt  fi'vl"  '•'*'^'/''  fireha  kerde  (—  hirde).  —  211:  *vli(e.  —  222:  *heo- 
frnjiredtas.  —  260:  *halded.  —  301:  *cuma&.  —  319:  hreöpan  riefen, 
schrien.  —  332 :  verigan.  —  357  :  stencas  (?).  —  376 :  rnid  liine  cum  eo. 

—  409:  in  vuldre.  dat.  statt  acc.  wie  bei  Verbis  der  Bewegung  n.  s.  w. 

—  444:  elomma.  —  479:  pät  he.  —  483,  Note:  äpla  MS.  —  504: 
pces  menigo  hanc  multitudinem.    —    517:    näs  ndn.   —    522:  andleofan. 

—  589:  *purh  his  Icecedom.  —  609:  gesceävian.  —  614":  [gegnum]  gon- 
gan.  —  634:  nid  abyssurn.  —  641  :  firne  MS.  —  658:  *heofendema.  — 
725:  sf/nne  =  sinne  suum.  —  731:  invitum. 

CR1ST.  Ludw.  Chr.  Müller  Collectanea  Anglo-Saxonica  (Havnise 
1835)  theilt  nach  Grundtvigs  Abschrift  den  Anfang  des  Crist  (v.  1 — 29) 
mit;  daselbst  finden  sich  folgende  Abweichungen  von  Thorpes  Text: 
7.  geond  eordb..g  eall;  9.  gesvutula;  10.  forlet;  12,  cräftiga;  20.  eddga 
us ;  22.  nu  ve  for  ]>earfe;  24.  pät  he  ne  liete  ..oje  sprecan;  26.  sunnan 
virnde  (vilsid  ist  Thorpes  Conjectur,  nach  dem  das  Wort  im  MS  un- 
sicher ist).  —  Folgendes  sind  meine  Verbesserungen:  7.  geond  eord- 
b[yri]g,  wonach  im  Glossar  eordburg  f.  arx  terrestris  nachzutragen  ist 

—  23:  pone  pe,  wie  auch  im  MS  steht.  —  24:  pät  he  ne  Mte  [hed]fc 
sprecan  ceärfulra  jung  (concionem,  multitudinem).  —  26:  sunnan  vyrnde 
(part.  pl.)  denen  die  Sonne  verwehrt,  vorenthalten  ist;  im  Glossar 
unter  vyrnan  nachzutragen.  —  42:  geondspreöt.  —  47:  ryne.  —  59: 
sylfa  (für  sylfe)  nom.  sg.  f.  —  69:  nidum.  —  77:  *monvisän.  —  93: 
mund  triihne,  wie  im  MS  steht;  inne  bei  Thorpc  ist  Druckfehler.  — 
163:  videferS.  —  199:  die  Ergänzung  [man]  ist.  überflüssig;  conn  c.  gen. 

—  237:  pinne  engem  fredn.  —  241:  fromeyn.  —  328n  Komma;  fiurhpe 
durch  welches.  —  340:  anmddlice-.  —  406:  *älce.  —  471  die  Note  zu 
tilgen  (vgl.  Tlym.  83).  • —  482:  vidvegas.  -  559:  pe  lim.  —  597:  *ge- 
fremmanne.  -  605:  vtdlond.  —  612:  *peödne  (nicht  drihtne).  —  629n 
Semicolon  und  631aKomma.  —  667:  snyttrucräft.  —  724:  gebyrdu.  — 
802:  verig.  —  805:  scäcen.  --  807:  *bilocen.  -  888:  *monna.  —  854'' 
Komma.  —  951:  *bearhtma.  —  953 :  feorö  vitä  (vgl.  v.  975).  —  976: 
bläst.  —  979:  hedhcleofu.  —  999:  *aml.  1186:  vmdon.  —  1207: 
deädfirenum.   —   1270:  *vite.  —   1272:  vräc  vinnende.    —   1291:   *pät  hi. 

—  1321:  *synrust  pvedn.  1360:  *tryvnedon.  —  1364:  *vordum.  — 
14.1;)'    Komma  und  1440'  pone  ic;  noch  on/ing  Kolon.  —   1400:  *goda. 

—  1455:  pe  ge  fremedon.  1493:  *svtctast.  —  1565:  verges.  —  1583: 
and  rar  veorde.  —  1636:  *leo/aä,  —  1657:  ddm-eddigra  und  1656'' 
kein  Zeichen.  —    1685'    vgl.  Apocal.   19°. 

HÖLLENFAHRT.  2:  geonge  (Gang.).  -  28  ff.:  Johannis  de- 
eollatio  lallt  auf  den  29.  August;    zwischen  diesem   und   dem  nächst- 


ZUR  TEXTKRITIK  DEK  ANGELSÄCHSISCHEM   DICHTER.  421 

folgenden  Ostermontag  (April)  liegen  7  volle  Monate;  daher  sind  diese 
Verse  nunmehr  so  herzustellen: 

pät  he  nie  gesoh[te  ymb  seo/on]  mdnad, 
ealles  folees  fruma ;  nu  [is  se  fyrst\  sceacen : 
reue  ie  ful  sxn.de  und  vitod  [talige], 
[  fiätte  us]  to  däge  u.  s.  w. 
74:  *cyneprymma.  —  87 :  helledorum.  --  122:  for pmre  me[aglan  mcer]an 
näma  (s.   Glossar  unter  nom).  —  125:  *prymmum.- 

DOMES  DÄG.  14:  gylp%.  --  32:  godes.  -  -  48:  *ouldre.  —  57" 
Semicolon  und  57'   kein  Zeichen. 

REDEN  DER  SEELEN.  24;i  Komma.  -  24b:  M  ]m.  -  40: 
prymful  punedeät.  —  49:  gescenta.  —  119:  ncedle.  —  124:  verge.  — 
135:  sdftlice(?).  —  139:  0/  MS  braucht  nicht  geändert  zu  werden,  da 
die  Seele  vom  Himmel  kommt,  den  Leichnam  zu  besuchen.  —  154: 
älangad. 

CKAFTAS.  53:  sunt  \on]  fealone  vmg  stefnan  steöred. 

VYRDE.  25:  svorcen/erd.  —  74:  vi/  und  dahinter  ein  Komma; 
75a  Komma:  die  Note  zu  75  zu  tilgen.  —  83:  Iwtan  scralletan  scearo 
se  ]>e  hledped  nägl  neömegende  (s.  Glossar  unter  scearu).  95:  seeop. 

MOl).     14:  vinburgum.  20:  evide  scralletad.    —    24:    prymrn§ 

pringed;  in  der  Note  lies  pryme  pringe  MS.  --  55"  Komma,  77''   Ko- 
lon und  79a  Komma. 

SCHÖPFUNG.     6:  pä  pe  ddgra  gehvam  park  dorn  godes.    -      19: 
bevriten  nom.  absolutus.  --  37:  pis  here  spei         40:  miclan  gecynd.  - 
47:  vlite.   —    49:  *tid.  —  7<>:   ütgärseeges. 

PHÖNIX.     15:  MäU.    ■       49:  Nute:    lies  heolstercofan   Grdtv.      - 
54:  särvracu.  —  75:  beöd  ist  zu  tilgen;  nach  77''   Komma:  77  ist  nom. 
(acc.)  absolutus.  —   12(5:  hremig.       -    213'    kein   Komma.         240:  bräd 
veorded.    —    296:  bläcum  nach  dem 'metallis'  i\y>   Lactantius.  —    31!): 
Mm  pät  edd.    —    3GG:  purli  äledfyr  und   365'1  kein  Zeichen.  373: 

"./'/   of  ascan.    —    399:  Viälges.  -  ■    433 :  feorhgeong  adj.  nom.  434: 

bläst.   ■      622:  snyttrueräft.  —  (143:  on  rode  treove   räfnun. 

PANTHER.    14:  eyddan.     -  21:  *gcesthälige.    -  38:  prednilUa. 

WALFISCH.   1'    kein  Komma,  da  fitie  subst.  ist.  -     22:  hedhfyr. 
35:   vemad.  —  73:  ädoylme  (?). 

REI5I1UIIN.  3-4:    . .  .fäger,  pät  vordi  p(    gecoäd  vuldres  caldor. 

WANDERER.  29:  veman.  -  34:  selesecgas.  38  Komma.  — 
4G:  vegas.  —  77:  hrydge  pä  ederas  und  77"  Komma.  —  100''  und  l02l 
Komma,   102'    kein  Zeichen. 


422  c  w-  M-  GREIN 

SEEFAHRER.    26h:  frefran  meahte.  —   33:  forpon  \mec\  cnyssact. 
5lb:  pone  pe?  —    51a:  Semicolon  und  52b  Komma?  —    63:  vaüveg  (?). 
68b  und  69h  Komma.    —     llOb  kein  Zeichen,    da  gevis   und   ckene  auf 
möd  gehen.  —  112b:  vielleicht  [bütan  leahtor]-bealo. 

KLAGE.    15:  herh-eard.  —  25:  ge  neah,  — ■  31:  herum.  —  53 
on  langotte  (?). 

BOTSCHAFT.  8:  scealt  (sc.  pu).  --20:  listumf  —  36:  [and  on] 
elpeode  edel  healdc[d].  —  40:  on  yda  geong  (Gang). 

RUINE.  1 :  vyrde  gebrceco?i  fata  confregerunt  (eum).  —  3 :  hreörge 
ruinosi.  —  4:  hrungeat-torras  berufen  oder  bloß  hrungeat  (sg.)  berofen, 
hrim  on  Urne;  denn  torras  v.  4  könnte  irrthümlich  dem  Schreiber  aus 
v.  3  nochmals  in  die  Feder  gekommen  sein;  hrungeat  ist  hrung-geat 
Balkenthor,  Gatterthor.  —  7:  valdendvyrhtau.  —  8:  cnea  gen.  pl.  von 
cneöo.  —  17:  lämrindum.  —  21:  veallvälan.  —  28:  vestenstadolas.  — 
31:  tedfor  gedpu  und  scedded.  —  32:  hröstbedges  hröf. 

DEÖR.  1:  be  vimman  (=vifman)?  —  14:  Hilde  n.  pr.  —  27: 
*päs.  —  32h  Komma  und  33a  kein  Zeichen.  —  33  :  gescedvad  manifestat. 

FINNSBURG.  1:  [beorhtre  hor]nas  nach  Rieger.  —  5:  ac  her 
fyrd  beräd.  —  6.  *güdvudu.  —   12:  vindad. 

BYRHTNÖTH.  2":  das  Komma  zu  tilgen.  —  53b  und  85b  Komma. 
—  173:  Gepance  pe  mit  Ellipse  von  ic.  —  182:  big  stodon.  —  256: 
ofer  eall.  —  302:  *cruncon.  —  310:  ealdgenedt. 

MENOLOGIUM  aus  dem  Cod.  Cot.  Tiber.  B.  I  am  Ende  der 
Sachsenchronik;  von  v.  1-30"  gibt  Thorpe  in  seiner  Ausgabe  der  Sach- 
senchronik ein  Facsiinile;  daraus  ergeben  sich  folgende  handschrift- 
liche Lesarten:  1.  äcennyd;  5.  tiid;  7.  sekalendus;  10.  gerüm;  11.  tiid; 
15.'  emb;  19.  and  ]>äs ;  23.  emb ;  25.  svyle.  —  Auch  die  Abweichungen, 
welche  Bouterweck  in  seiner  Ausgabe  des  Menologium  (Calendcvide) 
hat,  stelle  ich  für  sich  zusammen,  obgleich  man  bei  seiner  Art  die 
Texte  zu  behandeln  nicht  immer  sicher  ist,  ob  er  Handschriftliches 
oder  eigene  Änderungen  gibt:  30.  vel  gelivär;  65.  forpan  hi  hvearfaä; 
70.  vtse  (carmine);  71.  nihgontyne;  73.  rozran;  74.  hälig\r\a;  85.  drovade; 
95.  eahta;  97.  Augustinus ;  124.  ofer  midne  sumor  micle  gevisse  (valde 
certo);  125.  feorhbealo ;  137.  smicere  gebrihted;  142.  geyved;  178.  menigo; 
180.  geyved;  188.  seofon  nihtum  (Emendation);  210.  embe ;  213.  pe  iu; 
229.  pe  man.  —  Folgende  Besserungen  sind  in  den  Text  aufzunehmen: 
7.  se  holend  us;  10.  gerüm;  15.  emb;  19.  *andpäs;  23.  emb;  28.  päs  pe; 
70.  vise;  75.  in  bar  hracte(?);  76a  \päs  embe  siex  niht] ;  101.  guman 
ä  fyrn;  124".  *ofer  midne  sumor;  136-37.  ein  ]>äs  ist  zu  tilgen;  137b. 
smicere  gebrihted;  178.  menigo;  188.  seofon  nihtum;  211.  fän  gode  ini- 
mici  deo. 


ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN  DICHTER.  423 

FATA  APOSTOLORUM.  14*  Kolon  und  15"  Komma.  -  36; 
ealdre.  —  43:  genedde?  —  49:  pces  (—  päs  In).  —  64,J  kein  Komma 
und  93b  Komma. 

ANDKEAS.  4:  hneötan  (von  hnätau).  —  39:  gedrehte.  —  64:  seödad. 

—  116*  kein  Zeichen  und  116''  Komma  (sc.  vesan).  —  198:  vidland. 
— -  230 :  *cempan.  —  2431'  kein  Komma,  da  bläc  Verbum  ist.  —  262 : 
medelhegendra.  —  298:  ära.  —  384 :  p eödenhold.  —  H2:  bri'm.  —  483: 
este  vyrdest  gnädig  wirst.  —  495:  hviled  von  Jtvelan.  —  499:  udldde 
{-läfe  MS).  —    504:  brondstäfne.  —    552:  vis  (unflect.  acc.)  on  gevitte. 

—  575:  gif  n.  beneficium.  —  609:  mädelhegende.  —  659:  symble  (inst.); 
im  Glossar  ist  die  Stelle  unter  syinbel  (festivitas  etc.)  nachzutragen  und 
unter  symble  adv.  zu  streichen.  —  828:  lyftgeldc.  —  839:  bläst.  — 
848:  fore  gescräf  zuvor.  —  850:  birihte.  —  934:  vega.  —  954:  scealpin 
hrä  dceled  vundum  veordan,  vättre  gelicost  faranßode  bldd.  —  958:  slage. 

—  964:  pät  me  (MS).  —  998a:  Punkt.  --  1001:  godes  dryhtendom.  — 
1069  kein  Komma.  —  1080:  unhydige.  —  1081:  ladspell.  —  1085: 
*ah  pär.  1 J  04" :  Komma  und  1104b  keins.  1141":  [pearl  and] 
Prohtheard.  —  1156:  freöd  (freöndMS).  —  1 160* Komma.  —  1161  :vinräced. 

—  1171:  verigesf  —  1173:  hellehinca.  —  1175:  gefered.   —  W&Q-.  gemet. 

—  1189:  *and.  —  1192a:  Ausruf'ungszeichen.  -  1193'':  and  [on].  — 
1232:  tragmazlum  ieön  tomgenidlan.  —  1243:  hat  of  heolfre.  —  1244: 
untveddne.  —  1259:  *svylee.  —  1262''  Komma  und  1263"  kein  Zeichen. 

—  1303:  *reordad.  —  1343:  ealdgenidla.  —  1397:  heard  ond  hetegrim: 
väs  se  u.  s.  w.  —  1444'  kein  Komma.  —  1445:  lic  laslan.  -  1482b 
Kolon,  1483a  kein  Zeichen,  1484b  Komma  {eall  noin.).  —  1491: 
fyrnsägen.  —  1510:  hvät!  pu.  —  1539:  ütmyne.  —  1554:  blästas.  — 
1608:  *gumcystum.  —  1621:  gefered.  —  1637:  purh  fäder  j 'alt um.  — 
1702:  Achaie.  —  1706b  kein  Komma. 

JULIANA.  33"  Komma  und  34a  kein  Zeichen.  —  67:  darad- 
häbbende.  —  73 :  torne  adv.  —  83:  vinburgum.  —  187 :  fennan.  —  214: 
scmläce.  —  232 :  läägenidla.  —  235 :  milde  modsefan.  —  287 :  *geblissad. 

—  313:  äsengan.  —  334:  gemete  adj.  —  392:  cräfte  (dat.),  während 
gude  inst.  ist.  —  428:  purh  vuldor  cyningij).  —  429:  verga.  —  434: 
*orvigue.  —  476:  blöde  spiovedan.  —  479:  onveg.  —  488b  kein  Komma. 

—  490:  gesohte.  —  499:  feorman.  —  504b  kein  Komma.  —  527:  sdr- 
vräce.  —  679:  onsöhte.  —  709:  seofad?  —  720:  vrcece. 

GÜTHLAK.  23"  Komma.  —  24:  *Is  pes.  —  55:  *br$gan.  — 
107:  sid  pam  (seitdem).  —  155:  snyttrucräft.  —  239:  l'iß  (MS).  — 
256 :  in  fri-erf.  —  27 1  :  vidor  säce  und  270"  kein  Komma,  —  299 : 
*edäm$dum.  —  305"  Kolon.  —  323:  hväder  (ob.)  —  353:  fägerran.  — 


424  c    w    M    GREIN 

388:  brucan  praet.  pl.  392:  nöcter.  —    467:  äßeryld.  —  482:  viel- 

leicht me  ]w)ine  [«ige]  sendeck,  se  usic  sinian  mag.  —  488:  vitian  volde  (?). 

—  502''    Komma.    —    503":  'welchen   als    einen  Vorgänger'.    —    ."» 1 2 
Komma  und  512b  kein  Zeichen.    —    516:  gcnste.  —    577:  *gepyncdum. 

—  594:  räf'nad.  —  622.  rninne.  —  679:  *fore.  —  701:  brfice.  --  740: 
geralde  (von  gereccan).  —  763b  kein  Komma.  —  764:  räfnad.  —  788: 
*foo'.  —  816:  äfnan.  —  827"  Komma.  --  832a:  pcere.  --  875:  vidstod 
und  sfrmd  Za^M.  —  917:  *üäs  s<?.  —  920:  longfyrst.  —  970:  anhoga.  — 
998:  bancoda.  —  1037a  Ausrufungszeichen  und  1038*  Komma.  — 
1051b  kein  Komma  und  1052"  Komma.  —   1164:  peös  ddel  (edel  MS). 

—  1128  und  1245:  orod.  —  1138:  orede.  —  1146"  Kolon.  —  1199: 
orede.  —  1200:  hvät pu  (cur)  und  1207b  Fragezeichen.  —  1255'':  prong 
niht  ofer  tiht  und  1256  tihte  zu  tilgen;  tiht  zu  tyht  oder  zu  engl. 
tightf  nach  frätoa  Komma.  —  1271''  Komma.  —  1294  :  cenliera 
und  1295  vynsumra  auf  die  masc.  in  v.  1296  ff.  gehend;  Ana- 
koluth.  —  1302:  unhydig.  —  1317:  Mdspel.  —  1339:  viniga  hleö 
(amicorum). 

ELENE.     11:    se  lindhvata  leödgeborga.       -    59:    pät  he  (MS)    so 
daß  er.  —    106:  die  Note  zu  tilgen.  —    171b  Punkt.  —    215:  ßodvege. 

—  279:  medelhegende.  —  293  f.  ge  pcere  snyttro  [swße]  unmslice  vrade 
vidveorpon.  —  320:  gerüm.  —  345:  fore  (adv.  vor  Augen)  scedoode.  — 
352:  *deophycgende.  —  368:  eöv  väs.  --  407":  *pä  pe  snyttro.  —  451": 
[dredmes  brüced].  —  476:  *beorna.  —  495:  vräce.  —  502a:  Komma.  — 
524:  *grimne.  — •  580:  pät  eöv  pät  leds  sceal.  —  610:  cre.v  (=  cearees) 
genidlan.  —  619:  *dgeaf.  -  629:  svd  niöde  so  eifrig.  —  636:  *feala 
siddanford.  —  642:  *ondsvare.  --  647:  ealdgevinn.  —  662:  *andsvare. 
— '  701:  gemdlan.  —  711:  nydcleofan.  ■  ■  721  f.  bloß  purh  [feonda] 
sedru  foldan  getyned.  —  738:  *gevorhtest.  —  754''  kein  Komma.  — 
763:  seeolu.  —  889:  *geador.  -  897:  pe  pä  (quod  tunc)?  —  915b 
Komma  und  925a  Punkt.  925b:  findan  can  (ne  can  MS.)  —  926: 
vid  pau.  —  930:  manpedvum.  —  938:  vttgan  (vigan  MS).  —  957:  hel- 
lesceadan.  —  993:  geferede.  —  998:  dseted  Dietr.  —    1005:  brimnesen. 

—  1075:  cyninges;  die  beiden  Komma  zu  tilgen.  —  1090:  oh  vuldres 
■nenne  (=vynne)?  im  MS  steht  die  Rune  V  (— ven).  —  1118:  ''peä/i  hie 
(nicht  pät).  —  1136''  Kolon  und  1137"  kein  Zeichen.  -  -  116 3*  Komma 
und  1164*  kein  Zeichen.  -  1178:  *säcce.  —  1214"  das  erste  Komma 
zu  tilgen.  —  1225:  *gemeted.  —  1227  ff.  on  Maias  kalendas  im  Monat 
Mai,  nicht  mit  Grimm  den  eisten  Mai;  so  ist  auch  im  Hersfelder 
Necrologium  der  Casseler  Bibliothek,  welches  nicht  die  Tage,  sondern 
jedesmal  summarisch  den  Monat  verzeichnet,  dieser  durch  Kl  bezeich- 


ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN  DICHTER  425 

riet:  schon  die  römischen  Dichter  brauchten  calenda  so.  Nach  Menol. 
83-89  fällt  der  Tag  der  Kreuzfindung  auf  den  3.  Mai  und  der  Som- 
mersanfang eine  Woche  weniger  einen  Tag  später  d.  h.  auf  den  9.  Mai: 
von  diesem  an  zählt  unser  Dichter  6  Tage  rückwärts  und  kommt  so- 
mit für  den  Tag  der  Kreuzfindung  gleichfalls  auf  den  3.  Mai.  —  J234: 
*dägveordunga  (nicht  dorn-).  —  1235:  se  ricesta  (rices  pa  MS).  —  123!-)" 
kein  Zeichen  und  1240"  Semicolon.  —  1246:  *cer  me  Idre.  —  1258  IV.  die 
3  ersten  Runen  C,  Y,  N  scheinen  doch  hier  (wie  in  der  Juliana  alle  Ru- 
nen) bloß  die  Bedeutung  der  Buchstaben  zu  haben  und  jede  für  sieh  den 
Dichter  zu  repräsentieren.  —  1265"  Semicolon  und  1266''  kein  Zeichen ; 
zu  1266''  ist  ald  onmedla  Subject.  —  1277  ist  metrisch  bedenklich.  — 
1292"   Komma. 

REIMLIED.  S.  138  v.  49  lies  pynde  (MS);  vynde  ist  Druck- 
fehler bei  Thorpe.  —  S.  140  f.  v.  15:  rdfvord  adj.  strenuus  verbis; 
29:  svute  adv.  und  das  Komma  nach  svide  statt  nach  svinsade;  40: 
leodode ;  49:  efen  pynde;  57:  trag  und  genäg;  66:  grorn-torn  (?) ; 
74":  *mec. 

LEAS.    16:  särS.  —  35:  thted.  —  36:  rriid  geneähe  inter  vicinos. 

KREUZ.  5:  on  lyft  (MS).  —  21:  *forht  ic  väs.  —  62:  strcelum. 
—  70:  greötende  gode  hvile  (redtende  MS).  —  79:  bealuvara  =  baluvra 
adj,  gen.  pl.  und  nach  79"  kein  Komma.  —  117:  *anforht.  —  125: 
fordvege. 

PSALMEN.  XXVII,  10:  rece  pu  heo  [and  gercßd]svylce  (vgl.  Ps. 
Th.  710).  —  LH,  2:  god-doend;  4:  besegan  von  besam.  —  LIV,  4: 
*y&  mc  und  hedh  adv.  alte,  valde ;  forevomon;  9:  punie  Cpu  me  MS); 
13:  gungan  (gangan  MS)  praet.  pl.  von  geongan.  —  LV,  5:  *vceroh 
georne  (MS),  nicht  gear've;  9:  an  sited;  11:  svyltdeddes.  — ■  LVI,  4: 
of  leon  hvelpum:  redS  (lade!1)  gemdnan  väs  ic  u.  s.  w.  —  LVII,  9: 
spönne  he  sid.  —  LVIII,  4:  *minne  gednryne.  —  LIX,  4:  *becnunge; 
!):  ne  gä  pu  us  on  mägene\üi\.  —  LXI,  4:  vräde  mid  heortan;  10:  rceda 
Pencean.  —  LXII,  5:  nach  gefylled  und  nach  gelynd  Komma.  — 
LXIII,  5:  eft  forveordad;  7:  heora  tungan  (dat.)  teönan  (nom.  pl.)  on 
sittad.  —  LXIV,  14:  eovdesceäpum  und  nach  vulle  kein  Komma.  — 
LXV,  16:  ne  vite  me  pät  vealdend  drihten!  —  LXYII,  8:  *panon 
eorde  (nicht  ponne);  10:  volcen  [ne]  brineged  und ponne  äscaced göd  sun>- 
doryrfe;  18:  and  [väs]  läcgeofa;  22:  nach  Basan  und  nach  drihlen 
Komma;  die  Note  zu  tilgen;  26:  *pät  ys  on;  27:  under /oleum  (d.  i. 
folc-cüni)  ' inter  vaccas  populorum'.  LX\  III,  8:  framde;  I  1 :  vitehrägl 

Büßergewand;  27:  and  me  veän  [ecton].  —  LXIX,  2:  *nach  vcaron  ist 
durch  ein  Versehen  im  Druck  folgende  Verszeile   weggeblieben  ;    and 


426  C  W.  M.  GREIN 

mine  sävle  söhtoit  mid  nlde.  • —  LXX,  4:  *on  geogude  hyht  gledv  ät 
frytnde;  7:  mghvär.  —  LXXI,  3:  *pznum.  —  LXXII,  6:  panon  foed 
becom  fcecne  unriht.  —  L/XXIII,  22:  *feögea&.  —  LXXIV,  1:  *ecne 
drihten;  4:  gtdpan;  7:  mägenandettad.  —  LXX  VI,  12:  vidferedes;  14: 
juinur-rdd-stefn.  —  LXXVII,  14:  die  Ergänzung  [verude]  ist  über- 
flüßig;  20:  *Hi  pä  on;  20:  föddur  gedfe  daß  er  Futter  gäbe,  mit  El- 
lipse von  pät  daß ;  23:  *barn;  27:  gefödrade  'volatilia  penn  ata';  35 : 
"müde;  39:  moldan  (nom.  pl.);  46:  sealde  er  (aristas)  ütan  yfelan  vyrme; 
47:  ucenig  moste  heora  hrorra  lirtm  äplä  gedigean  (i.  e.  namig  heora 
hrdrra  äpla)  keiner  ihrer  üppigen  Apfel  konnte  den  Keif  überstehen ; 
der  lat.  Text  lautet:  ret  occidit  moros  eorum  in  pruina';  49:  äbyligde; 
54:  on  leofre  byrig  and  on  hdligre  (dat.  statt  aec);  58:  *grdfun.  — 
LXXVIII,  2 :  svd  in  äppelbearu  äne  eytan ;  9  :  *neöde  and  äre.  —  LXXX,  9 : 
*god  on  pe.  —  LXXXI,  1 :  godum  on  gemonge  rin  synagoga  deorum'.  — 
LXXXII,  3:  fäeengesvipere;  102:  svd  se  (=  svd  svd.)  —  LXXXV,  7: 
goda  rnon  est  siinilis  tibi  in  diis';  13:  *gesamnincga;  15:  geteöh  hröre 
rneaht.  —  LXXXVIII,  15:  an  idmeä;  21,  Note:  hedne  (altum)  mit 
Dietrich  auf  hörn  zu  beziehen.  —  XCI,  2,  Note:  lies  dsäcge.  — 
XCIII,  9 :  ealdum  (MS)  =  eldiim  hominibus.  —  XCIV,  9 :  */dcen.  — 
XCVIII,  3,  Note :  dr  cyninges  ist  zu  tilgen,  da  dre  schwacher  nom.  sg. 
ist.  —  XCIX ,  1 :  Nu  ge  myele  gefedn  mihtigum  drihtne  eall  peös  eorde 
eine  hyre  and  blisse  (inst.)  gode  bealde  peövie!  'jubilate  deo,  omnis  terra! 
servite  domino  laetitia!'  2:  vielleicht  and  ve  Ms  [veorc]  syndon.  —  C,  4: 
elite.  —  CI,  3:  smece  und  eöcerpannum  cöcas;  11:  hedhscel;  22:  hedhge- 
veorc.  —  CII,  1-5:  in  der  Note  lies  ...gelieost,  geogude  und  gledv 
Ps.  Ben.  —  CHI,  6:  *dhylded;  7:  ryfte;  16:  lies 

Svylce  pu  gefy liest  fägrum  hlcedum 

telgum  treov-västme ;  tydradJ  ealle, 

pä  on  Libanes  u.  s.  w. 
24:  His  is  MS  ist  herzustellen.    —   CIV,  3:  heorte  hygeclasne;  4:  [cid] 
teönan  gehvylee.  —  CV,  14:  svylce;  17:  to  godegylde;  36:  vuldre  geherede. 

—  CVI,  41:  symble  hernned.  —  CVIII,  3:  dcedum  und  teödan  mänige; 
27 s:  and  hi.  —  CXIV,  3:  citfeah.  —  CXV,  8:  nach  dryhten  kein  Punkt 

—  CXVIII ,  2 :  heortum  MS  ist  herzustellen  (vgl.  on  geheortum  hyge 
Fäd.  86);  12:  *gebletsud;  15:  svä  ic  [on]  ]nne;  16:  meteode;  32:  rice; 
36:  *gevitnysse;  42:  *päm pe  me  edvitstafas;  95:  *dsecean;  111:  hedhbliss; 
121:  ehtendum;  136:  vid  gang;  139:  on  bearme  me;  155:  *fyrenfulle. — 
OXIX,  5:  nis  min  cfid  J>är ,  pe.  .  .  (])e  quae,  sc.  cyd).  —  OXXI,  6: 
*lufan.  —  CXXVI,  2:  vinnad  'laborant'.  —  CXXVII,  2:  oretes  (pa- 
rallel zu  gevvines),  —  CXXXI,  8:  eall-hdligra ;  17:  and  gode  edc  his  pä 


ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN  DICHTER.  427 

hdlgan  her  habbad  blisse;  18:  *fägre.  —  C  XXXII,  4:  *äva.  — 
CXXXV,  3:  *Andette  ic;  12:  o/t  eallmihte;  22:  der  Punkt  zu  tilgen; 
23:  od  in  and  zu  ändern  oder  es  ist  selbst  =  and;  die  Note  zu  23 
zu  tilgen.  —  CXXXVI,  8:  pu  eart  Babüone  (dat.)  liiere  ätfästed,  äuge 
and  yfele  u.  s.  w.  —  CXXXVIII,  2:  *foresäve  und  *invit  näs  ähvär: 
13:    *lichatna.  CXXXIX,   2:    hearrue  (MS);    5:    vundnum  räpum; 

9:  seeal.  —  CXL,  9:  häfteneddum;  11:  *päre  gryne.  —  CXLI,  6:  hä- 
leda  vealdend.  —  CXLIII,  11:  *edc;  14:  begdd  ist  nach  Sinn  und  Al- 
literation verdächtig,  aber  auch  das  im  Glossar  I,  99  versuchte  begad 
ist  nicht  ohne  Bedenken.  —  CXLVI,  6:  milde  (acc.  pl.)  mode;  11; 
*nafast  jni  td  manna  magerte  villan;  nach  dem  lat.  Text  'in  viribus  equi 
erwartete  man  to  meara  mägene.  —  CXLIX,  4:  *fägere  drihtne;  8:  *balde- 

PSALM  L  COTTON.  3:  cynost(?);  10:  *creaßig;  23:  *and  Um 
Bezabe;  30:  *vordum  spräc;  58:  svilce;  68:  ville;  77:  elmehtig;  78  kein 
Komma. 

HYMNEN.  III,  10:  ähe/ian;  nach  cenig  Semikolon  und  nach  12b 
Komma;  47:  *ac  ic  }>e  hälsige  nu.  —  IV,  36:  *mmne;  39:  god  cyning; 
71 :  ferdoeg  Lebensweg;  82:  *fore;  88:  nemägpärQ).  —  V,  2  :  s;j  pin 
nu  veorcum  (?).  —  VII,  18:  hedhnama;  47:  *fyrde  fägere  geblissast;  65: 
ülce  gecynd  acc.  von  sealdest  abhängig,  während  dgene  visan  instrumen- 
taler acc.  ist;  80:  [faste]  on  innan;  102:  svä  ve  her  [sylje  for\gifarf.  — 
VIII,  6:  godes  villan  (inst.);  22:  *heofenlic.  —  X,  9:  *sunu.  --  XI,  4: 
mht  modsefan;  6:  vor  avd  Komma;   14,  Note:  vel  treovum  MS  Th. 

METRA.  Einl.  3:  *väs;  5h  Punkt  und  8"  Komma;  6:  älinge.  — 
I,  71:  nach  sefa  kein  Komma;  72:  ege.  ■  V.  34  das  Ausrufungs- 
zeichen zu  tilgen;  35:  <je  orlreöve;  40:  *hine.  —  VII,  31:  nach  vlite 
Komma.  —  VIII,  31:  ymbe  sciphergas  scealeas  ne  herdon;  der  Punkt 
nach  herdon  zu  tilgen.  —  IX,  6:  itnrihthaimed ;  36:  vdhfremmendum. — 
X,  54:  here(?).  XI,  39b  und  42"  Komma,  40a  kein  Zeichen;    69: 

flodes  (foldes  MS).  —  XII,  24:  *tydde.  —  XIII,  36:  *gif;  51:  onädele; 
65:  higad.  —  XVII,  20:  riht-ädelo.  —  XX,  10:  nach  väs  Komma; 
88:  *pcem;  96:  *svelged;  120:  *him;  125:  onriht;  135:  underniäemest ; 
173:  *and;  231:  hvät!  ve  oft...  und  davor  ein  Punkt ;  261:  hau  (?).  — 
XXII,  1:  se  pe  ozfre;  13:  Ms  mode  (dat.);  die  Note  zu  tilgen.  — 
XXVI,  27:  pridredre-ceöl ;  74:  scinläce;  81:  *eaforas;  84:/ie  ]ö]  sceoldon. 
—  XXVII,  15:  gefäde;  24:  *fugl.  —  XXVIII,  11  :  *habbad:  24:  prägeä 
(sg.  pro  pl.);  53:  *]>incg;  69:  unstadolfäste  (?).  --  XXIX,  8:  sunne  ge- 
secan  (sun  ne  gesecan  Rawl.)  und  nach  veg  Komma ;  47 :  softe  adv.  — 
XXXI,  6:  sntcad  und  danach  Komma;  v.  7  ist  nom.  absolutus;  11: 
brüead  (?) 


428  c-  AN     M    GREIN 

GNOMIGA  EXON.  18:  geUgan.  --  23"  Punkt  und  23b  Komma ; 
30*  Komma  und  SO!"  Punkt  —  31:  cerddl.  —  42:  onge,  pon  (ponnef) 
he.  .  .  —  85:  viggS  (=  ruß)  veaxan.  —  101 :  vcere  und  hehlid  (MS)  von 
behltgan.  —  107:  egsan.  —  108-9:  ]>ou  leödon  (MS.)  i.  c.  päm  leödum 
gehört  zusammen  zu  v.  109,  während  108  mit  vtc  schließt;  cyning  vic 
ist  übrigens  noch  verdächtig.  —  155"  Komma  und  155''  Punkt.  — 
164:  *gymed.  —   184:  *longe  neah.  —   195b  Kolon. 

GNOMICA  COTTON.  31 :  flddgratg  (?).  --  44:  gesöccan. 

FADER  LAltCVlDAS.  2:  maga  cystum  eald.  —  53:felageongum. 

PHARAO.  6:  searohäbbendra. 

RUNENLIED.   3.   vielleicht  an/eng  ys  yfel.  -  -  13:  *undervreded. 

—  10:  die  beiden  letzten  Zeilen  zu  vertauschen,  so  daß  hine  auf  brim- 
hengest  geht.  —  21:  langsum  <jej>i~dd.  —  22:  heardingas. 

SALOMO.  18:  entweder  ist  mec  in  den  dat.  nie  zu  ändern,  oder 
/a[re]  ist  bedenklieh.    —    22:    veallad  (MS)  von  veallian.  42h  kein 

Komma.  —  47:  Hesse  sieh  vielleicht  mit  tvel-fyra  oder  tvil-fSjra  etwas 
anlangen?  oder  tvelf  fgra?  —  52:  viaed.  -  107:  forcumad.  —  206: 
*forcumen>   —    230:  *snyttrad,  hafad.  —    233:  '"dura  gehvylc.  249: 

*ded.  —  286  f.  ist  so  zu  ändern: 

ac  him  ou  hand  gmd  heardes  and  hnäsces 

mycles  metes:  him  tö  möse  sceal 

gegangan  u.  s.  w. 
290 :  püsehdgerimes.  —  296:  *ästyred.  —306:  fered.  —  332:  gevundme  (?). 

—  361:  pone  deorcan(J). 

RÄTSEL.  I,  9:  nach  dagode  Kolon;  10:  *renig  veder ;  11:  bogum; 
16:  das  Fragezeichen  nach  Eddvacer  statt  oach  hvelp.  —  II,  7  ff.  nach 
redfige  Fragezeichen,  nach  hfdfwm  Komma,  nach  ver.a  Punkt.  —  III,  8; 
vär§  and  vaege,  J>onne  ic.  . . ;  10a  Kolon.  —  IV,  6:  hvyrft-veges ;  7:  "ac  ic: 
22:  fr  red;  51:  bla.ce  sc.  nubes.  —  IX,  4:  hleößre.  —  X,  3:  mec  [an] 
ongan;  9:  s.  Glossar  I,  349  unter  fr\d.  —  XI,  6:  feorh  crieo.  — 
XII,  31'  kein  Komma  und  411  Komma.  —  XIV,  3:feorg  coico.  —  XV,  Kl: 
behlyded;  16:  :]:vegact.  —  XVI,  24:  gif  se  mit  Thorpe  zu  setzen  statt 
gifre  und  nach  onsittan  Komma.  -  XVIII,  4:  nach  märe  kein  Punkt. 
XXI,  14:  *sceäcan;  29:  geno.  —  XXII,  3:  nach  min  Komma.  — 
XXIII,  4:  ftUhengestas.  —XXIV,  4:  eaügearo.  —  XXVII,  16:  mde 
narre  (<-onj.)  und  nach  dolvite  Ausrufungszeichen;  nach  rncere  kein  Zei- 
chen. —  XXVIII,  13:  strongan  sprcece  und  das  Komma  nach  bütolen 
zu  tilgen.  —  XXX,  2:  hornaa  (i.  e.  Iiornd)  bitveönum  Dietr.  — 
XXXI,  3"  und  4"  Komma.  --  XXXII,  9:  fedegpovn.  --  XXXIII,  10: 
in  viged.         XXXVI,  7:    ämas  (MSj  pl.  c.  sg.  verbi.    Dies  Rätsel  ist 


ZUR  TEXTKRITIK  DER  ANGELSÄCHSISCHEN  DICHTER.  429 

in  abweichender  Form  auch  in  einem  Leidener  Codex  enthalten,  heraus- 
gegeben und  besprochen  von  Dietrich  in  seiner  Schrift  de  Cynevulfi 
poetae  »täte  (Ind.  lect.  Marb.  hib.  18f§).  —  XXXVII,  4:  ehtuvei.e. 
elitun  ve  pr;et.  von  ehtan,  eahtan  aestimare;  9:  der  zweite  Theil  der  Note 
zu  tilgen.  —  XXXVIII,  6:  pam.  —  XL,  8  und  21 ;  vuleferh;   10:  *Ne. 

—  XLI,  41:  vom  (voiin?)  vrddscrafu;  91:  onpunian.  —  XLIII,  10:  an 
an  Unan.  —  XLV,  ]  :  *hongad;  7:  efelang.  —  XL VIII,  10:  pe  he.  — 
L,  10:  ded.  —  LH,  4:  fr  antra.  —  LIV,  10:  oft  hea  (=  heo,  hie)  nyst 
strudon  Diet.  —  LVI,  12:  vulfheafed-treö.  —  LXI,  9:  ofer  meodu- 
[drincende].  —  LXIII,  1:  hingonges.  —  LXV,  3:  *andA.  —  LXVII,  4: 
pes  foldan  bearm.  —  LXIX,  15:  pära  is  Rad  fultum.  —  LXXI,  4: 
fedde  mec  [fägre].  —  LXXII,  2:  heofonvolcn;  21:  wider  brägnlocan 
[bealde  nede].  —  LXXX,  5:  var[nad],  wovon  der  acc.  eordan  abhängt. 
— ■  LXXXI,  6:  neöi  and  nearogräp  und  kein  Zeichen  nach  fela;  9: 
nach  bevät  Komma.  —  LXXXV,  10:  mägas.  —  LXXX  VII,  5b  Komma. 

—  LXXXIX,  S:ßred. 


DIE  UNGLEICHEN  KINDER  ADAMS  UND  EVAS. 


„Adam  und  Eva  hatten  eine  sehr  große  Familie,  die  Zahl  ihrer 
Kinder  belief'  sich  auf  neunhundert.  Da  kam  einstmals  Gott,  sie  zu 
besuchen.  Eva  schämte  sich,  Gott,  einzugestehen,  daß  sie  Mutter  so 
vieler  Kinder  sei;  sie  nahm  ihre  neunhundert  Kinder,  verbarg  fünf- 
hundert derselben  und  zeigte  Gott  nur  die  andern  vierhundert.  Doch 
Gott  in  seiner  Allwissenheit  erkannte1  sogleich  das  Wahre  und  beschloß, 
Eva  dafür  zu  strafen.  Er  befahl  ihr,  auch  die  verborgenen  Kinder 
vorzuführen  und  verhieß  den  vierhundert,  welche  ihm  Eva  gezeigl 
hatte,  daß  ihre  Nachkommen  reich,  wohlhabend  und  glücklich  werden 
sollten;  die  fünfhundert  andern  Kinder  aber,  welche  Eva  verborgen 
hatte,  sollten  die  Eltern  der  armen  und  anglücklichen  Menschen  werden 
Und  so  geschah  es:  die  glücklichen  und  reichen  dieser  Well  stammen 
von  den  vierhundert  Kindern,  welche  Eva  Gotl  freiwillig  vorführte, 
und  die  unglücklichen  und  armen  sind  die  Nachkommen  der  fünf- 
hundert Kinder  Adams  und  Ev.Vs.  welche  vor  Gotl  verborgen  werden 
sollten." 

Aul'  den  diesem  Märchen  zu  Grunde  liegenden  Stoff  machte 
schon  Jacob  Grimm  (Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  [1,257  267) 
aufmerksam.  Er  führl  an,  daß  derselbe  im  16.  Jahrhundert  in  sechs 
verschiedenen  Behandlungen   vorkommt.     Zuerst,   in  Johann   Agricola's 


430  FRANZ  ILWOF,  DTE  UNGLEICHEN  KINDER  ADAMS. 

Sprichwörtern  vom  Jahre  1528;  in  einem  Briefe  Melanchthons  an 
Joannes  a  Weda  —  Johann  IV.  Grafen  von  Wied  —   vom  23.  März 

1539;  in  drei  Gedichten  von  Hans  Sachs:  in  einem  Spiele  vom  23.  Sep- 
tember 1553,  in  einer  Komödie  vom  6.  November  1553,  und  in  einem 
Schwanke  vom  Jahre  1558:  Und  endlich  erzählt  dieses  Märchen  auch 
Georg  Rudolf  Widmann  in  seiner  Umarbeitung  des  Volksbuches  von 
Faust,  welche  1599  zu  Hamburg  erschien.  —  Noch  weiter  zurück 
als  das  bisher  erwähnte  Vorkommen  desselben  reicht  eine  Nachricht 
von  einer  dramatischen  Aufführung  der  ungleichen  Kinder  Adams  und 
Eva's,  welche  zu  Freiburg  im  sächsischen  Erzgebirge  in  den  Jahren 
1509  und  1516  stattfand.  Große  Verwandtschaft  damit  im  Grund- 
gedanken zeigt  auch  Rigsmäl,  in  welchem  Liede  auch  der  Gott  als 
Begründer  des  Ständeunterschiedes  unter  den  Menschen  erscheint. 
So  weit  Jacob  Grimm.  —  Selbst  Goethe  erschien  dieser  Stoff,  wie 
ihn  Hans  Sachs  behandelte,  so  anziehend,  daß  er  in  seinem  reizenden 
Gedichte  „Hans  Sachsens  poetische  Sendung"  auf  denselben  hindeu- 
tete (Koberstein  in  Hoffmann's  von  Fallersleben  und  Oskar  Schade's 
Weimarischem  Jahrbuch,  Hannover  1854,  I,  311). 

Das  oben  erzählte  Märchen  ,  welches  ich  hier  aus  dem  Munde 
einer  Obstverkäuferin  bei  Gelegenheit  des  Begräbnisses  des  einzigen 
Kindes  einer  armen  Frau  hörte,  ist,  verglichen  mit  den  Behandlungen 
desselben  Stoffes  im  16.  Jahrhundert,  in  allen  seinen  Zügen  verallge- 
meinert und  vereinfacht;  die  anziehendsten  und  schönsten  Einzelheiten 
sind  wahrscheinlich  dem  Gedächtnisse  des  Volkes  entschwunden  und 
nur  die  Hauptumrisse  in  Erinnerung  geblieben.  —  Das  Märchen  unter- 
scheidet sich  in  der  bestimmten  Angabe  der  Zahl  der  Kinder  von  den 
übrigen  Fassungen  derselben  Sage;  neunhundert  Kinder  werden  an- 
gegeben ,  denn  neun  ist  ebenso  wie  drei ,  sieben  und  dreizehn  dem 
Volke  eine  bedeutungsvolle  Zahl  (Grimm  Myth.  392 ,  Rechtsalter- 
thümer  215,  Simrock  Myth.  1.  Ausg.  392);  in  dem  Zuge,  daß  sich 
Eva  ihrer  vielen  Kinder  schämt ,  stimmt  das  Märchen  mit  Agricola 
und  Widmann  ,  während  bei  Melanchthon  und  Hans  Sachs  Eva  nur 
ihre  ungewaschenen  und  hässlichen  Kinder  verbirgt ,  um  sich  ihres 
Schmutzes  und  ihrer  Missgestalt  wegen  nicht  vor  Gott  schämen  zu 
mäßen;  und  den  Zug,  daß  Gott  in  seiner  Allwissenheit  auch  von  dem 
Verbergen  der  Kinder  Kunde  hat  und  die  verborgenen  vorzuführen 
befiehlt ,  hat  das  Märchen  nur  mit  Melanchthon  gemein  ,  während  in 
allen  übrigen  Eva  aus  freiem  Entschlüsse  auf  Gottes  Güte  bauend 
ihre  verborgenen  Kinder  vorführt.  Von  einer  Unterscheidung  der 
Kinder  in  hässliche  und  schöno,  welche  Agricola,  Melanchthon,  Hans 


A.  MUSSAFIA,  ZUR  WIENER  MEERFAIIRT.  431 

Sachs  im  Spiele  und  im  Sehwanke  and  Widmann  kennen ,  oder  in 
fromme  und  boshafte,  welche  Hans  Sachs  in  der  Komödie  hat,  weiß 
das  Märchen  nichts. 

So  ist  es,  zwar  mancher  schönen  Einzelheit  beraubt,  dennoch  ein 
nicht  uninteressantes  Denkmal  des  steten  Fortlebens  dieser  sinnigen 
Dichtung  im  Munde  des  Volkes. 

GRÄTZ  iu  Steiermark,  im  März  18G5.  FRANZ  ILWOF. 


ZUR  WIENER  MEERFAHRT. 


Ist  schon  auf  folgendes  hiehergehöriges  Büchlein  hingewiesen 
worden?  Aloysii  Passerini  Brixiani  jureconsulli  historia  lepida  de  quibus- 
dam  ebriis  mercatoribus  latine  scripta  cum  prcefaczuncula  quadam  etc. 
Am  Schlüsse:  Lepidissimam  hanc  historiam  Presbyter  Baptista  Farfengus 
Brixianus  artis  impressoriw  solertissimus  artifex  quam  emendatissime  fa- 
ciundarn  curavit  Brixice  Mccccxcv.  die  xx.  februarii.  Denis  (Supplement 
zu  Maittaire,  S.  395)  beschrieb  ein  Exemplar  der  Wiener  Hofbiblio- 
thek;  Audifiredi,  Panzer,  Hain  wiederholten  seine  Notiz.  Gamba  (Nov. 
ital.  1835,  S.  138)  weist  ein  Exemplar  in  der  Trivulziana  zu  Mailand, 
und  eines  in  der  Marciana  zu  Venedig  nach.  In  Lebers  Catalog  (1839) 
wird  das  Büchlein  mit  der  Bemerkung  verzeichnet:  impress.  vel  script. 
Eomce  1493.  Dies  ist  nun  das  Datum  der  Vorrede,  und  Leber  mag 
das  Colophon  übersehen  haben.  Daß  er  als  den  Titel  A.  /'■  historia 
lepidissima  statt  lepida  angibt,  wird  wohl  ebenfalls  nur  ein  Versehen 
sein;  er  spricht  aber  auch  von  einem  „frontispice,  grave  sur  bois, 
des  plus  singuliers",  welches  sich  weder  im  Wiener  Exemplare,  noch 
in  den  zwei  bei  Gamba  citierten  findet.  Trotzdem  ist  das  Vorhanden- 
sein mehr  als  einer  Ausgabe  höchst  zweifelhaft. 

Brunet  und  Passano  *)  wiederholen  Gamba  mit  einem  Hinweise 
auf  Leber.  Lechi  (tipografia  bresciana,  1854,  S.  54)  fügt  zu  den  zwei 
Exemplaren  italienischer  Bibliotheken  ein  drittes  „fra'  nostri  libri" 
(Privateigenthum  oder  in  der  Quiriniana  zu  Brescia?)  ,  ebenfalls  ohne 
Holzschnitt. 


*)  I  novellier!  italiani  in  prosa  indicati  e  descritti  da  Giambattista  Passano.   Mi- 
lano,  Schiepatti.   1864.  8.  447  S. 


432  R-  BECHSTEIN,  CASPAR  LEWENHAGEN. 

Eine  Ejmilio]  T,[eza]  unterzeichnete  Notiz  in  der  Rivista  italiana 
vom  20.  März  1865  erinnert  wieder  an  das  verschollene  Büchlein, 
ohne  jedoch  auf  das  deutsche  Gedicht  hinzuweisen.  Es  enthält  im 
Ganzen  bloß  drei  Blätter,  wovon  eines  auf  die  Vorrede,  zwei  auf  die 
eigentliche  Erzählung  kommen. 

Passerini  lehnt  sich  seiner  eigenen  Aussage  nach  an  Athen  aus, 
den  ei  nur  rhetorisch  erweitert.  Vielleicht  könnte  ein  Wiederabdruck 
der  sechs  Seiten  manchen  Bibliophilen  freuen. 

A.  MUSSAFIA. 


CASPAR  LEWENHAGEN  1443. 


Für  das  Studium  der  ältesten  Mundarten  ist  es  immer  wichtig, 
die  Abfassungszeit  der  Handschriften  ganz  genau  oder  mindestens  an- 
näherungsweise zu  kennen.  Die  von  Caspar  Lewenhagen  herrührende 
Handschrift  von  Heinrich  und  Kunegunde,  welche  aus  dem  thüringi- 
schen Mühlhausen  stammt,  habe  ich  nach  dem  Ductus  dem  fünfzehnten 
Jahrhundert  zugewiesen  und  zwar  der  ersten  Hälfte.  Diese  Zeitbestim- 
mung ist  wohl  im  Großen  und  Ganzen  richtig,  ich  hätte  die  Hs.  aber 
ungefähr  in  die  der  Mitte  des  Jahrhunderts  zu  liegende  Periode  gesetzt, 
und  die  allererste  Zeit  desselben  ausgeschlossen,  wenn  mir  eine  Notiz 
nicht  entgangen  wäre,  welche  ich  hier  nachtragen  will. 

In  dein  beschreibenden  Verzeichnisse  aller  Mühlhäuser  Hand- 
schriften im  zweiten  Hefte  von  Friedrich  Stephans  neuen  Stoffliefe- 
rungen (Mühlh.  1847)  wird  unter  Nr.  21  (S.  127)  eine  lateinische 
und  deutsche  Sammclhandschrift  angeführt,  in  deren  erster  Abtheilung 
de  spirilu  gwidonis  es  am  Schluße  heißt:  Anno  domini  MCCCCXLHI 
per  yie  Caspar  leioenhägen  bonum  socium.  Für  die  Benutzung  der  Les- 
arten und  der  Capitelüherschriften  in  Heinrich  und  Kunegunde  bietet 
dies  schon  einen  bessern  Anhaltspunkt  als  jene  nilgemeine  Zeitbestim- 
mung der  ersten  Hälfte  des   15.  Jahrhunderts. 

JENA.  R.  BECHSTEIN. 


433 


FIÖLSVINNSMAL. 


Die  dunkeln  Reden  von  Fiölswidr  in  der  älteren  Edda  sind,  so 
viel  mir  bekannt,  noch  nie  so  angefasst  worden,  daß  die  versuchte 
Deutung  des  Ganzen  einen  übereinstimmenden  Sinn  für  die  einzelnen 
Theile  abgegeben  hätte. 

Finn  Magnusen  (Myth.  Lex.  Havnias  1828,  S.  73),  der  seine  An- 
sicht über  dieses  Lied  zuerst  in  der  Schwedischen  Litteratur-Zeitung 
von  1820  in  Nr.  26  ausgesprochen  hat,  ist  der  Ansicht,  Menglada  oder 
Menglöd  sei  die  Erde,  von  Fiölswidr  (dem  winterlichen  Bergsturm) 
so  lange  bewacht,  bis  ihr  Freier,  der  zuerst  als  Windkaldr  (Windkalt) 
auftritt,  sich  ihr  als  Svipdagr  (Tag-  Verlängere]-,  -Beschleuniger). 
Solbiarts  (des  Sonnenglänzenden)  Sohn  nähert,  und  durch  seine  Ver- 
einigung mit  der  Geliebten  das  Wiederaufleben  der  Erde  erzeuge, 
das  er  auch  mit  anderen  Naturerscheinungen  und  altnordischen  heid- 
nischen Gebräuchen  in  Verbindung  zu  bringen  sucht. 

Ernst  Meier  (Deutsche  Volksmärchen,  Stuttg.  1852,  S.  302) 
nimmt  als  wahrscheinlich  an,  daß  in  Fiölsvinnsmäl  und  in  Skirnisför 
ein  und  dasselbe  Thema  behandelt  sei.  F.  Panzer  (Beiträge  zur  deut- 
schen Myth.,  München  1855,  II,  434)  hebt  nur  die  Strophen  34—40 
hervor,  in  welchen  er  mit  Recht  einen  Anklang  an  die  Teufelskanzeln 
erkennt.  P.  Cassel  (Eddische  Studien.  Fiölsvinnsmäl,  Weimar  1856, 
S.  27)  meint,  was  dem  Volke  die  Sagen  und  Märchen  bedeuten  sollten, 
was  es  in  Dornröschen  und  dergleichen  zu  verstehen  glaubte,  was 
in  den  manigfachen  Erzählungen  vom  Glasbeige  als  Lehre  und  Ideal 
vorhanden  sei,  das  sei  in  der  Verschiedenheit  seiner  nordischen  Natur 
und  Einkleidung  der  Gedanke  von  Fiölsvinnsmäl.  „Freilich  in  einer 
Größe  und  Sittlichkeit,  daß  es  uns  Freude  und  Staunen  abnöthigt, 
daß  wir  gern  vermuthen  möchten  ,  es  sei  schon  christliches  Wesen 
darüber  hingeflogen."  Und  Seite  41  sagt  er  weiter:  „Oben  (auf  dem 
Berge)  ist  der  Himmel ,  die  Wohnung  und  das  Haus  der  Wonne. 
Menglöd  die  herrliche  und  reine  Jungfrau ,  das  Symbol  alles  edlen 
Zieles,  nach  dem  die  Völker  streben.  Ihre  Liebe,  der  köstliche  Balsam, 
der  alle  Wunden  heilt.  Denn  auf  Hyjaherg  ist  es  wie  im  Himmel. 
W'er  hinauf  kommt,    hat  aufgehört  zu  leiden."    Von  dieser  Höhe  be- 

GERMAKIA  X.  28 


434  TTTEOPHIL  RÜPP 

trachtet  der  gelehrte  Verfasser  das  rein  heidnische  Lied  ,  ohne  sich 
auf  die  Deutung  des  darin  wirklich  Gesagten  näher  einzulassen  und 
ist  darum,  nach  meinem  Dafürhalten,  in  seinen  sonst  sehr  interessanten 
Mittheilungen,  dem  wirklichen  Inhalt  und  Sinne  der  Fiölsvinnsmäl 
ziemlich  fern  geblieben. 

H.  Lüning  (die  Edda,  Urschrift  u.  s.  w.,  Zürich  1859)  beabsichtigt 
nur,  Streiflichter  in  das  Dunkel  zu  werfen,  auf  die  wir  zum  Theil  bei 
den  betreffenden  Strophen  zurückkommen.  Auch  ihm  scheint  die  Unter- 
welt vorzuschweben,  denn  Seite  506  sagt  er  in  seinen  Anmerkungen 
zu  dem  Text  von  Munch  :  „Die  Burg  gehört  zum  Gebiet  der  Riesen, 
so  gut  wie  die,  welche  Gerda,  die  Tochter  Gymirs,  bewohnt,"  und 
S.  513,  Anm.  40  bemerkt  er  weiter:  „Das  deutet  doch  darauf  hin,  daß 
der  Mythus,  aus  dem  unser  Lied  hervorgegangen  ist,  ursprünglich  ein 
Natur-Mythus  gewesen  ist,  der  ähnlich  wie  Skirnisför,  das  im  Frühling 
und  Sommer  sich  entwickelnde  Erdenleben  zum  Gegenstand  gehabt  hat." 
W.  Schwartz  (Urspr.  der  Myth. ,  Berlin  1860)  erklärt  Menglada,  die 
Heldin  des  Liedes,  für  eine  Wolkengöttin,  Windkaldr  als  den  Sturm- 
gott des  Frühlings,  der  im  Gewitter  sich  der  Wolkengöttin  naht,  und 
meint,  es  liege  darin  dieselbe  Vorstellung  der  Vereinigung  der  himm- 
lischen Wesen,  wie  wir  sie,  in  grobsinnlicher  Weise,  in  der  Verfol- 
gung der  Athene  durch  Hephaestos  kennen.  Die  Sichel ,  die  zwischen 
den  Schwingen  Widofnirs  sitzt,  wäre  nach  Schwartz  der  Regenbogen, 
die  Ruthe  Sinmara's  die  Blitzesruthe,  welche  die  Gewitterhexe  auf- 
bewahrt. Die  Waberlohe  ist  der  Wolkenwall  und  zugleich  das  fesselnde 
Gitter ,  hinter  welchen  die  Jungfrau  sitzt.  Der  goldene  Hahn  wäre 
nach  demselben  „das,  das  Gewitter  beherrschende  und  vor  dem  son- 
stigen Schaden  des  Unwetters  schützende  Thier".  In  seiner  Schrift : 
Sonne,  Mond  und  Sterne,  Berlin  1864,  hält  er  diesen  Standpunkt  fest 
und  erwähnt  Sonne  und  Mond  mit  gleicher  Frühjahrswerbung  und 
Hochzeit,  wie  Menglöd,  Brunhild  u.  a.,  ohne  die  erstere  identisch  mit 
der  Sonne  zu  denken.  Grimm  (D.  M.  1 102),  der  nur  die  Strophen  37—39 
deutet,  hält  Menglöd  (monili  heta,  die  Schmuckfrohe)  für  Freyja,  aut 
Brisinga-men  anspielend,  was  auch  Simrock  vielleicht  veranlasst  hat, 
in  Fiölsvinnsmäl  dasselbe  Thema  wie  in  Skirnisför  behandelt  zu  glauben, 
nämlich  die  Befreiung  der  Erdgöttin  Gerda,  hier  aber  Freyja  (Menglöd), 
aus  der  Haft  des  Frostriesen.  Simrock  gibt  indessen  zu,  daß  nur  von 
einem  Riesensitz,  nirgends  aber  von  einem  Frostriesen ,  die  Rede  sei 
und  nur  der  Name  des  Freiers  Windkaldr,  die  angeführten  kalten  Wege, 
die  Waberlohe,  das  Gitter,  die  Hunde  auf  gleiche  Weise  wie  in  Skir- 
nisför, die  Unterwelt  kennzeichnen.  Doch  findet  er,  daß  die  Strophen 


FIÖLSVINNSMAL.  435 

31 — 36  zu  der  Unterwelt  nicht  passen,  vielmehr  an  die  Sonne  denken 
lassen;  hält  aber  die  Auffassung,  als  ob  es  sich  auch  hier  von  einer 
Erlösung  der  Göttin  der  Fruchtbarkeit  von  dem  Winter  oder  Frost- 
riesen handeln  würde,  fest. 

Die  Annahme,  daß  Menglöd  die  Sonne  bedeute,  scheint  mir  den 
Schlüssel  zu  dem  ganzen  Räthselgewebe  zu  bieten  und  die  Strophen 
36 — 40,  welche  allein  bildlos  den  Gedanken  des  Dichters  als  Glaube 
oder  Tradition  wiedergeben,  sind  die  sichersten  Anhaltspunkte,  um 
aus  dem  Gewitterhimmel  und  der  Unterwelt  heraus,  zu  einer  mit  den 
einzelnen  Theilen  der  Reden    übereinstimmenden  Lösung   zu    kommen. 

Nach  meiner  Anschauung  ist  in  Fiölsvinnsmfd  der  unter  vielen 
Völkern  des  Alterthums  und  bei  den  Deutschen  insbesondere  (Schön- 
werth,  Sagen  aus  der  Oberpfalz  II,  57)  viel  verbreitete  Mythus  von 
einem  bräutlichen  oder  ehelichen  Verhältniss  zwischen  Sonne  und  Mond, 
und  die  hierauf  bezügliche  Heimsuchung  der  Sonne  durch  den  Mond, 
in  absichtlich  dunkeln  Bildern  und  Sprache  wiedergegeben. 

Schon  Caesar  erwähnt  Sonne  und  Mond  als  Gottheiten ,  welche 
die  Germanen  neben  Vulkan  verehrten.  In  der  älteren  Edda  (Völuspa  5) 
heißt  es:  „Die  Sonne  von  Süden,  des  Monds  Gesellin";  in  der  jün- 
geren (Gylfaginning  36)  wird  Sol  unter  den  A sinnen  und  als  Schwester 
des  Mani  (Mond)  aufgeführt.  Im  Merseburger  Lied  erscheint  die  gött- 
liche Sunna  ohne  ihren  Bruder  oder  Gemahl ,  mit  einer  Schwester 
Sindgund  (Begleiterin). 

Olaus  Magnus  führt  ebenfalls  an,  daß  Sonne  und  Mond  göttlich 
verehrt  wurden  u.  s.  w. ,  so  daß  Grimm  (D.  M.  667)  sagen  konnte; 
„Für  das  hohe  Alterthum  darf  das  göttliche  Wesen  der  Gestirne  zu- 
mal der  Sonne  und  des  Mondes  keinem  Zweifel  unterliegen".  Das  Volk 
pflegte  bis  auf  spätere  Zeiten  Frau  Sonne  und  Herr  Mond,  besonders 
aber  im  Neumond,  der  Mond  der  holde  Herr  (Grimm,  I).  M.  672  und 
676)  zu  sagen  und  sich  vor  Beiden  zu  verneigen  (Grimm,  D.  M.  28—29). 
Daß  verschiedene  Götter  auf  Bergen  thronend  gedacht  wurden,  beweisen 
die  Wuotans-  (Guten-j  Berge,  die  Donnersberge,  die  Sonnenberge, 
Osterberge  u.  s.  w. 

So  ist  auch  der  Sitz  der  Menglöd  ein  Berg  (Str.  36)  Hyfjaberg 
genannt,  „Heilung  und  Trost  lange  schon  der  Lahmen  und  Siechen". 
Denken  wir  uns  die  Menglöd  im  Glauben  der  Germanen  als  Sunna 
und  die  heilkundigen  Mädchen  (Str.  37  u.  s.  w.)  vor  ihren  Knieen 
sitzend,  so  haben  wir  eine  nahe  liegende  Erklärung  manch  räthselhafter 
Stelle   unseres  Liedes    und   die  unzweifelhaft   ursprüngliche  Bedeutung 

28* 


436  THEOPHIL  RÜPP 

der  Sonnenbeige,  Sonnenfelsen  und  vielleicht  anch  vieler  Wallfahrts- 
orte ,  die  in  deutschen  Ländern  heute  noch  besucht  werden.  „Solche 
Pleilfelsen  stimmen  vortrefflich,"  sagt  Grimm  (M.  1102),  Strophe  36 
von  Fiölsvinnsmäl  anführend,  „zu  dem  Begriff",  den  man  sich  von  den 
klugen  Frauen  der  Vorzeit  zu  bilden  hat.  Alle  Weissagerinnen,  Parzen 
und  Musen  wurden  auf  Bergen  hausend  gedacht". 

Wenn  daher  Str.  1  der  oben  genannten  Reden  von  einem  Riesen- 
sitzersteigen,  vom  Umwandeln  einer  Waberlohe  Erwähnung  geschieht, 
lässt  sich  das  riesige  durch  die  Großartigkeit  des  Berges ,  durch  die 
Höhe  desselben,  namentlich  aber  durch  seine  felsige  Spitzen  deuten, 
da  ja  die  Felsen  aus  dem  Gebein  des  Riesen  Ymir  entstanden  ge- 
dacht wurden.  Die  Waberlohe  ließe  sich  durch  das  glühende  oder 
brennende  Element,  welches  die  Sonne  umgebend  angenommen  werden 
mußte  (vgl.  Lüning  Edda  Anm.  2),  erklären,  wiewohl,  ohne  wegen 
der  Waberlohe  in  die  Unterwelt  steigen  zu  mäßen,  wir  nach  Grimm 
(Über  das  Verbrennen  der  Leichen)  auch  in  dem  dornigen  Gestrüpp 
eine  solche  finden  könnten.  Der  Fremdling ,  der  sich  später  als  Ge- 
liebter herausstellt,  konnte  als  Mond  in  Str.  2  wohl  auf  feuchten 
Wegen  wandelnd  und  Freundloser  gescholten  werden;  denn  einsam 
wandelt  er  die  Nacht  hindurch,  und  wie  wir  unten  sehen  werden, 
wurde  sein  Besuch  im  Winter  geschehend  gedacht.  Str.  3  und  4  sind 
nur  einleitendes  Zweigespräch  zwischen  dem  Fremdling  und  dem 
Wächter,  der  sich  jetzt  Fiölswidr,  also  Odhin  mit  seinem  Beinamen 
Vielwisser  nennt.  Str.  5  erklärt  der  Fremdling : 

Von  Augenweide  wendet  sich  ungern 

Wer  Liebes  sieht  und  Süßes, 

und  erkennt  die  glühende  Gürtung,  auf  die  er  Str.  11  zurückkommt, 
wo  er  Frieden  finden  möchte.  Str.  6  nennt  der  Fremdling,  von  Fiölswidr 
aufgefordert,  seinen  Stamm  und  Namen.  Windkaldr  (Windkalt)  heiß  ich, 
Warkaldr  (Frühlingskalt)  hieß  mein  Vater,  Fiölskaldr  (Vielkalt)  der 
Großvater. 

Kalt  erscheint  der  Mond  auch  in  der  oben  angeführten  Sage  als 
Ehemann,  weswegen  die  Frau  Sonne  ihn  allein  ziehen  lässt  und,  seiner 
Kälte  wegen .  ist  er  der  Strafort  für  den  Rebendieb.  Er  konnte  auch 
wegen  der  erwähnten  kalten  Zeit  seiner  Brautfahrt  durch  den  Wind 
erkaltet  gedacht  werden.  Es  ist  dies  übrigens  eine  in  der  Edda  auch 
sonst  gebräuchliche  Form.  Hyndlulied  36  heißt  es: 

Dem  Sohne  mehrte  die  Erde  die  Macht 

Windkalte  See  und  sühnendes  Blut. 


FIOLSVINNSMAL.  437 

Die  Namen  des  Vaters  und  Großvaters  sind  wohl  nur  angeführt,  um 
den  Wanderer  als  kalter  Natur  von  Haus  aus  zu  kennzeichnen.  Str.  7 
fragt  er: 

Wer  schaltet  hier  das  Reich  besitzend 
Mit  Gut  und  milder  Gabe? 

worauf  Str.  8  Fiölswidr  antwortet: 

Menglada  heißt  sie,  die  Mutter  zeugte  sie 
Mit  Swafr,  Thorins  Sohne. 
Die  schaltet  hier  das  Reich  besitzend 
Mit  Gut  und  milder  Gabe. 

Wenn  Menglada  oder  Menglöd  nach  Grimm  die  Schmuckfrohe  be- 
deutet, so  kann  dies  auch  von  der  Frigg,  die  den  gleichen  Halsschmuck 
und  ein  besonderes  Schmuckmädchen  Fulla  hat  (vgl.  Cassel  32) ,  aber 
auch  von  der  Sonne  gesagt  werden.  Martianus  Capella  lässt,  wie  ich 
auch  anderwärts  angeführt,  die  Sonne  in  de  nuptiis  Mercurii  et  J lulo- 
logiae  in  einer  Krone,  mit  zwölf  flammenstrahlenden  Steinen  geschmückt 
erscheinen.  Man  sagt  noch  heute:  die  Sonne  schmückt  sich,  wenn  sie 
allmälich  aus  dem  Nebel  heraustritt,  die  Sonne  mit  ihrem  goldenen 
Schein  u.  s.  w.  Ist  aber  Brisinga-men,  wie  Unland  meint  (Thor  100), 
der  Morgen-  und  Abendstern ,  so  wäre  er  ohnehin  der  Schmuck  der 
auf-  und  niedergehenden  Sonne.  Swafr  wird  vibraus  übersetzt  und 
scheint  mit  Odhins  Namen  Swafnir  im  Zusammenhang  zu  stehen. 
Odhin  wäre  also  hier  der  Vater  der  Sonne  unter  dem  Namen  des 
Schwingenden,  wie  in  der  jüngeren  Edda  Mundilföri,  der  Achsen- 
schwinger, als  Vater  des  Monds  und  der  Sonne  angegeben  wird,  was 
sich  somit  gut  mit  meiner  ^.uflassung  verträgt,  während  wieder  bei 
dem  Gedanken  an  eine  zu  erlösende  Göttin  in  der  Unterwelt  das  vibrans 
nicht  anzubringen  ist.  Auch  Thorin  (audax)  steht  als  Beiname  von 
Odhins  Vater,  diesen  als  Kriegsgott  gedacht,  und  auch  mit  Bör  oder 
Bur  (portatore,  su&tentatore),  wie  Odhins  Vater  gewöhnlich  genannt  wird, 
nicht  im  Widerspruch.  Nach  Finn  Magnusen  (Myth.  Lex.  696)  ist 
Thorin  in  Thor  (audacia,  ausus)  zu  suchen.  Vielleicht  haben  die  in  der 
Textausgabe  von  Munch  zusammengezogenen  Namen  Swafrtborin  die 
Bedeutung,  daß  Swafrs  Thor,  also  Odhins  Sohn  Thor,  als  Vater  der 
Menglada  gemeint  ist,  wozu  er  als  Personification  des  Feuers  passen 
würde.  Die  letzte  Hälfte  der  Strophe  ist  mit  einer  Gefangenen  auch 
nicht  vereinbar,  während  Menglada  als  Sonne,  das  Reich  beherrschend 
und  mit  Gut  und  milder  Gabe  schaltend,  gedacht   werden  konnte. 


438  THEOPHIL  ftUPP 

Str.  9   fragt   Windkaldf,    wie  das   Gitter  heiße,    und   Fiölswidr 
antwortet  ihm  Str.  10: 

Thrymgialla  heißt  es,  das  haben  drei 
Söhne  Solblindis  gemacht. 
Die  Fessel  fasst  jeden  Fahrenden, 
Der  es  hinweg  will  haben. 

Thrym  ist  Thnrsenfürst,  Gebieter  der  tosenden  Winterstürme  (Unland 
Thor  101).  Gialla  ist  Schall,  das  Tönen,  Tosen,  Krachen  u.  s.  w.  Da 
der  Besuch,  wie  wir  nachher  sehen  werden,  zur  Zeit  der  Wintersonnen- 
wende geschieht,  so  ist  hier  unter  dem  Gitter  alles  das  gedacht,  was 
in  dieser  Jahreszeit  dem  Wanderer  hindernd  entgegen  treten  kann, 
und  zu  einem  Bilde  zusammen  geflochten.  Das  krachende  Eis,  der 
tobende  Wind,  der  Schnee,  der  die  Bergkuppe  bedeckt,  den  Fahrenden 
ermüdet  und  fasst.  Die  drei  Söhne  Solblindis  (Sonnenblinder,  nämlich 
die  Schneewolke) :  Schnee,  Wind  und  Eis  haben  es  gemacht. 

Str.  11  fragt  Windkaldr,  wie  die  Gürtung  heiße;    Fiölswidr  ant- 
wortet in  Str.   12: 

Gastropnir  heißt  sie,  ich  habe  sie  selber 
Aus  des  Lehmriesen  Glieder  erbaut, 
Und  so  stark  gemacht,  daß  sie  stehen  wird 
So  lange  die  Welt  währt. 

Simrock  meint  (Edda  3.  Aufl.  Erläut.  439),  der  Lehmriese,  dessen 
Glieder  die  Gürtung  bilden,  heiße  nach  der  jüngeren  Edda  (59)  Mö- 
knrkalfi  und  bedeute  den  Erdgrund  selbst,  was  der  Annahme,  daß 
Menglada- sich  in  der  Unterwelt  befinde,  zusagend  sei.  Aber  Grimnis- 
mal  Str.  40  heißt  es: 

Aus   Ymirs  Fleisch  ward  die  *Erde  geschaffen, 
Aus  dem  Schweiße  die  See, 
Aus  dem  Gebein  die  Berge. 

Und  da  hervorgehoben  ist,  daß  die  Gürtung  aus  den  Gliedern,  also 
wohl  zum  Theil  aus  der  härteren  Masse  des  Riesenkörpers  gemacht 
worden  sei,  dürfte  kein  Zweifel  obwalten,  daß  hier  der  Ilauptbestand- 
theil  der  Berge,  die  Felsen,  und  mit  der  Gürtung  selbst  die  felsige 
Bergkuppe  gemeint  wurde.  Der  Name  der  Gürtung,  Gastropnir 
(hospites  conclamans),  lässt  sich,  wie  auch  Simrock  zugibt,  weder  mit 
einem  Gefängniss  in  der  Unterwelt,  noch  mit  einer  Veste  vereinigen, 
welche  Eindringlinge  abhalten  soll.  Wenn  aber  die  felsige  Bergkuppe 
als  Sitz  der  Sonne,    und    eben  deswegen  glühend  gedacht  wurde,    wo, 


FIÖLSVINNSMÄL.  439 

wie  in  Str.  40  u.  (g.  augeführt  ist,  die  Kranken  Heilung  finden  ,  so 
ladet  die  Gürtung  zu   Besuche  ein. 

13.  Windkaldr.  Wie  heißen  die  Hunde,  die  Ungeheuer 
Scheuchen  und  die  Felder  schützen? 

14.  Fiölswidr.  Gifr  heißt  einer  und  Geri  der  andere, 
Weil  du's  zu  wissen  wünschest. 
Eilf  Wachten  müßen  sie  wachen 
Bis  die  Götter  vergehen. 

Gifr  (frech)  ist  dem  Sinne  des  Wortes  nach  Freki.  Freki  und  Geri 
heißen  Odbins  Wölfe.  Sie  sollen  die  Ungeheuer  scheuchen  und  die 
Felder  schützen.  Bekanntlich  ist  die  Sonne  von  dem  W'olf  Sköll  und 
der  Mond  von  dem  Hate  genannt,  auf  ihren  Bahnen  verfolgt.  Hier  auf 
dem  Berge,  wo  ein  Zusammentreffen  Beider  und  ein  Verweilen  gedacht 
wurde,  mußte  Odhin  eine  Gegenwehr  schaffen,  was  durch  seine  eigenen 
Hunde  (Wölfe)  Freki  und  Geri  geschah.  Die  Hunde  hatten  eilf  Wachten 
zu  wachen,  bis  die  Götter  vergehen.  Die  Zahl  eilf  erinnert  an  die 
eilf  Äpfel  der  Idun,  welche  die  Götter  verjüngen.  Sie  altern,  während 
Idun  mit  ihren  Äpfeln  in  der  Gewalt  des  Riesen  Thiassi  ist.  Der  end- 
liche Untergang  der  Götter,  trotz  dieser  Verjüngungsäpfel,  führt  auf 
den  Gedanken ,  daß  die  Wirkung  jedes  einzelnen  Apfels  auf  eine  ge- 
wisse Zeit  beschränkt  gedacht  wurde,  und  so  konnte  ihre  Anzahl  wie 
die  eilf  Wachten,  den  Zeitraum  bis  zur  Götterdämmerung,  in  eilf  Ab- 
schnitte getheilt,  oder,  wie  Cassel  (Fiölsvinnsmäl  37)  und  Lüning 
(Edda  508,  Anm.  13)  meinen,  immer  bedeuten;  wenigstens  scheint 
das  „bis  die  Götter  vergehen"  in  diesem  Sinne  verstanden  worden  zu 
sein  (vgl.  Sigrdrifumal   19). 

15.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr,  was  ich  dich  fragen  will 

Und  zu  wissen  wünsche: 

Ob  einer  der  Menschen  eingehen  möge 

Die  weil  die  wüthigen  schlafen. 

16.  Fiölswidr.    Abwechselnd  zu  schlafen,  war  ihnen  auferlegt, 

Seit  sie  hier  Wächter  wurden : 

Einer  schläft  Tags,  der  andere  Nachts, 

Und  so  mag  Niemand  hinein. 

17.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Gibt  es  keine  Kost,  sie  kirre  zu  machen 
Und  einzugehen,  weil  sie  essen? 


440  THEOPHIL  RUPP 

18.  Fiölswidr.    Zwei  Flügel  siehst  du  an  Widofnirs  Seiten, 

Weil  du's  zu  wissen  wünschest. 

Das  ist  die  Kost,  sie  kirre  zu  machen 

Und  einzugehen,  weil  sie  essen. 

19.  Windkaldr.   Sage  mir,  Fiölswidr  u    s.  w. 

Wie  heißt  der  Baum,  der  die  Zweige  breitet 
Über  alle  Lande? 

20.  Fiölswidr.    Mimameidr  heißt  er,  Menschen  wissen  selten 

Ans  welcher  Wurzel  er  wächst. 

Niemand  erfährt  auch  wie  er  zu  fällen  ist, 

Da  Schwert  noch  Feuer  ihm  schadet. 

21.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Welchen  Nutzen  bringt  der  weltkunde  Baum, 
Da  Feuer  noch  Schwert  ihm  schadet? 

22.  Fiölswidr.    Mit  seinen  Früchten  soll  man  feuern, 

Wenn  Weiber  nicht  wollen  gebären. 

Aus  ihnen  geht  dann,  was  innen  bliebe: 

So  mag  er  Menschen  frommen. 
Str.  15  (siehe  Schluß),  16,  17  sind  bloß  einleitenden  Inhalts  und 
selbstverständlich.  Auf  Str.  18  komme  ich  bei  Str.  30  zurück.  Str.  19, 
20,  21  und  22  sprechen  von  dem  Baum  Mimameidr,  der  seine  Zweige 
über  alle  Lande  ausbreitet,  dessen  Wurzel  unbekannt,  dem  weder 
Schwert  noch  Feuer  schadet  und  mit  dessen  Früchten  man  feuert, 
wenn  Weiber  nicht  gebären  wollen.  Der  Baum  ist  nach  meiner  Auf- 
fassung nicht  die  Weltesche,  wie  gewöhnlich  angenommen  wird,  son- 
dern die  Sonne  selbst.  Die  Zweige,  die  sich  in  alle  Lande  ausbreiten, 
sind  ihre  Strahlen.  Die  Früchte  des  Baumes  wären  sodann  die  bele- 
benden Kräfte,  welche  die  Wärme  der  Sonne  entwickelt.  Weiber,  die 
nicht  gebären  wollen  und  aus  denen  heraus  kommt,  was  in  ihnen  ohne 
die  belebende  Wärme  bleiben  würde,  sind  überhaupt  alle  Thiere  und 
Pflanzen ,  welche  in  dieser  Beziehung  unter  dem  Einfluß  der  Sonnen- 
wärme stehen.  Der  Name  des  Baumes  ist  dieser  Auffassung  nicht  ent- 
gegen,  wenn  er  auch  als  Baum  des  Mimir,  als  Weisheitsbaum  ange- 
nommen wird  (vgl.  Lüning,  Edda  508  Anm.  20);  denn  zur  Sonne 
geht  man,  in  der  Sage,  wenn  man  etwas  wissen  will,  das  Niemand 
weili;  die  Sonne  wird  gefragt,  wo  das  Verlorne  zu  finden  sei,  denn 
ihre  Augen  sehen  überall  hin. 

23.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Wie  heißt  der  Hahn  auf  dem  hohen  Baum, 
I  >i •!•  ganz  von  Golde  glänzt? 


FIÖLSVINNSMÄL.  44] 

24.  Fiolswidr.  Widofnir  heißt  er,  der  im  Winde  leuchtet 
Auf  Mimameidis  Zweigen. 
Beschwerden  schafft  er,  und  schwerlich  raubt 
Dem  Schwarzen  wer  die  Speise  *). 

25.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiolswidr  u.  s.  w. 

Ist  keine  Waffe,  die  Widofnir  möchte 
Zu  Hels  Behausung  senden? 

26.  Fiolswidr.    Haevatein  heißt  der  Zweig,  Loptr  hat  ihn  gebrochen 

Vor  dem  Todtenthor. 

In  eisernem  Schrein  birgt  ihn  Sinmara 

Unter  neun  schweren  Schlössern. 

27.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiolswidr  u.  s.  w. 

Mag  lebend  kehren,  der  nach  ihm  verlangt 
Und  will  die  Ruthe  rauben? 

28.  Fiolswidr.    Lebend  mag  kehren,  der  nach  ihm  verlangt 

Und  will  die  Ruthe  rauben, 

Wenn  das  er  schenkt,  was  Wenige  besitzen, 

Der  Dise  des  leuchtenden  Lehms. 

29.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiolswidr  u.  s.  w. 

Gibt's  einen  Hort,  den  man  haben  mag, 
Der  die  fahle  Vettel  freut? 

30.  Fiolswidr.    Die  blinkende  Sichel  birg  im  Gewand, 

Die  in  Widofnirs  Schwingen  sitzt, 
Gib  sie  Sinmaran,  so  wird  sie  gerne 
Die  blutige  Ruthe  dir  borgen. 

Der  Hahn  Widofnir  (Windolhir,  Windweber),  der  ganz  vom 
Golde  glänzt  und  im  Winde  leuchtet,  sitzt  auf  Mimameidis  Zweigen, 
wie  der  hochrothe  Hahn  Fialar  auf  der  Esche  Yggdrasil.  Mit  seinen 
zwei  Flügeln  sind  die  Hunde  Gifr  und  Geri  kirre  zu  machen.  Mit  dem 
Zweig  oder  der  Ruthe  Häwatein  (dem  treffenden  Zweig),  den  Loptr 
(Loki)  vor  dem  Todtenthor  gebrochen,  ist  der  Hahn  zu  tödten;  die 
Ruthe  aber  wird  von  Sinmara  in  eisernem  Schrein,  unter  neun  Schlös- 
sern verwahrt  gehalten  und  nur  gegen  die  blinkende  Sichel,  die  in 
Widofnirs   Schwingen    sitzt,    augeborgt.     Der  Mahn   Wi'&öfhir    ist    die 


•■')  Cassel,  Fiölsvinusmäl   146  übersetzt: 
Daß  niemals  raube 
Schwarzer  Sinn  die  Speise, 


442  THEOPHIL  RUPP 

personifizierte  Morgendämmerung,  und  sein  Ruf  gibt  die  Töne  wieder, 
welche  die  aufgehende  Sonne  von  sich  hören  lassen  soll  *)  (Grimm 
D.  M.  703,  707).  Die  dem  Aufgang  der  Sonne  vorangehende  Helligkeit 
sind  Widofnirs  Flügel,  welche  die  Wölfe  kirre  macht,  weil  das  Helle 
des  herannahenden  Tages  sie  als  Wächter  beruhigt.  Die  dem  Neumond 
sich  nähernde  Mondsichel,  welche  in  den  ausgebreiteten  Flügeln  (der 
Morgenhelle)  sitzt,  soll  Windkaldr,  also  der  Mond  selbst,  im  Gewand 
(Nebel)  verbergen  und  der  Zauberin  Sinmara  gegen  die  blutige  Ruthe, 
nämlich  gegen  die  ersten  rothen  Strahlen  der  Sonne  geben,  um 
den  Hahn  (die  Morgendämmerung)  damit  zu  Hei  zu  senden  oder 
verschwinden  zu  machen,  was  in  diesem  Stadium  der  Mondsverände- 
rung ,  durch  den  nahen  Übergang  der  Mondsichel  in  den  Neumond 
und  durch  die  Tageshelle,  wirklich  geschieht.  Widofnir  kann  Wind- 
weber genannt  werden ,  weil  in  der  Zeit  des  Übergangs  des  letzten 
Viertels  in  den  Neumond,  in  welcher  das  Ereigniss  statthaben  soll, 
gewöhnlich  Winde  sich  erheben;  auch  ist  der  Hahn  als  Bild  der 
Morgendämmerung,  der  auf  den  Zweigen  Mimameidis  sitzt,  goldglän- 
zend anzunehmen,  während  er  doch  der  Schwarze  heißen  kann,  inso- 
fern er  aus  der  Nacht  hervorzutreten  scheint,  der  Sonne  vorangeht 
und  durch  sein  Beginnen  des  Tages  Beschwerden  schafft,  oder  wie 
man  zu  sagen  pflegt:  des  Tages  Last  und  Hitze  mit  sich  bringt. 

Die  ganze  Erscheinung  geschieht  wie  durch  Zauberschlag.  Dem 
nordischen  Dichter  lag  es  darum  nahe,  das  Geheimnissvolle  und  Wun- 
derbare in  dem  Liede  durch  die  bei  den  Äsen  hochgehaltene  Kunst 
der  Zauberei  zu  steigern,  indem  er  die  Sinmara  einführt,  die  sich  schon 
durch  die  blutige  Ruthe,  die  eiserne  Kiste  mit  neun  Schlössern  als 
Hexe  oder  Zauberin,  als  Dise  des  leuchtenden  Lehms  kennzeichnet. 
Auch  die  alte  Urschel  versprach  ihrem  Erlöser  eine  Ruthe,  mit  der 
er  den  feurigen  Pudel  von  dem  mit  Gold  gefüllten  Troge  treiben  soll. 
(Meier,  E.  Sagen  I,  6.)  Zauberruthen  sind  in  der  Edda  (Skirnisför) 
gewöhnliche  Mittel,  um  Außerordentliches  zu  erreichen.  Loptr  (Loki) 
hat  den  Zweig  gebrochen  vor  dem  Todtenthor.  Hinter  dem  Todtenthor 
scheint  nach  Skirnisför  Str.  35  und  Oegisdrecka  Str.  63  nur  Unreines, 
nur  Schlechtes  oder  Böses  zu  sein.  Wie  wir  später  bei  Str.  34  sehen 
werden,  tritt  Loki  als  Gott  der  Nacht  dem  Gott  des  Tages  Dellingr 
gegenüber  auf.     Vor  dem  Todtenthor  scheint  darum  die  Grenzscheide 


*)  Tönend  wird  für  Geistesohren 
Schon  der  neue  Tag  geboren. 

Göthe,  Faust  II.  Tbl,  I.  Act, 


FIÖLSVINNSM  \|..  443 

des  Lichtreiches,  hinter  dem  Todtenthor  die  des  Nacht-  oder  Todten- 
reiches  zu  sein,  und  insofern  konnten  die  ersten  rothen  Strahlen  der 
Sonne  als  Ruthe,  von  Loptr  vor  dem  Todtenthor  gebrochen,  gedacht 
werden. 

31.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Wie  heißt  der  Saal,  der  umschlungen  ist 
Weise  mit  WT aberlohe? 

32.  Fiölswidr.    Glut  wird  er  genannt,  der  weifend  sich  dreht 

Wie  auf  des  Schwertes  Spitze. 

Von  dem  seligen  Hause  soll  man  immerdar 

Nur  den  Schall  vernehmen. 

Die  Strophen  31 — 36  sind  auch  für  Simrock  (Edda  3.  Aufl.  Erläute- 
rungen 440)  in  dem  Sinne  einer  Erlösung  der  Göttin  der  Fruchtbar- 
keit aus  der  Unterwelt  unerklärlich,  dagegen  bedürfen  sie,  Menglöd 
als  Sonne  angenommen,  keines  Commentars. 

33.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Wer  hat  gebildet,  was  vor  der  Brüstung  ist 
Unter  den  Asensöhnen? 

34.  Fiölswidr.     Uni  und  Iri,  Bari  und  Ori, 

Warr  und  Wegdrasil, 

Dorri  und  Uri,  Dellingr  und  Atwardr, 

Lidskialfr,  Loki. 

Vor  der  Brüstung  u.  s.  w.  Wahrscheinlich  ist  hier  alles,  was  außer 
dem  Sitz  der  Sunna,  also  die  ganze  übrige  Welt  verstanden,  weil 
unter  den  hier  angeführten  Göttern  auch  Dellingr,  der  Vater  des  Tages^ 
und  Loki  der  des  Bösen,  vielleicht  als  Gott  der  Nacht  im  Gegensatz 
zu  Dellingr,  erscheinen,  welche  Beide  unter  den  bekannten  Äsen  ge- 
nannt werden. 

35.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Wie  heißt  der  Berg,  wo  ich  die  Braut, 
Die  wunderschöne,  schaue? 

36.  Fiölswidr.     Ilyfjaberg  heißt  er,  Heilung  und  Trost 

Nun  lange  der  Lahmen  und  Siechen. 

Gesund  ward  jede,  wie  verjährt  war  das  (JJbel, 

Die  den  steilen  erstieg. 

37.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiölswidr  u.  s.  w. 

Wie  heißen  die  Mädchen,  die  vor  Mengladas  Knieen 
Einträchtig  beisammen   sitzen? 


444  THEOPHIL  RUPP 

38.  Fiolswidr  .    Hlif  heißt  Eine,  die  Andere  Hlifthursa, 
Die  Dritte  Dietwarta, 
Biört  und  Blid,  Blidur  und  Frid, 
Eir  und  Oerboda. 

39.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiolswidr  u.  s.  w. 

Schirmen  sie  Alle,  die  ihnen  opfern, 
Wenn  sie  dess  bedürfen? 

40.  Fiöslwidr.    Jeglichen  Sommer,  so  ihnen  geschlachtet 

Wird  an  geweihtem  Orte, 

Welche  Krankheit  überkommt  die  Menschenkinder, 

Jeden  nehmen  sie  aus  Nöthen. 

Die  Strophen  35  —  40  gehören  zu  den  gehaltvollsten,  und  wie  am  Ein- 
gang gesagt  wurde ,  zu  den  wichtigsten  für  das  Verständniss  des 
Liedes  ,  indem  sie  namentlich  auf  die  Bedeutung  der  vielen  Sonnen- 
berge und  Sonnenfelsen  in  Deutschland  ein  unzweideutiges  Licht 
werfen.  Lüning  (Edda  512,  Anm.  35  J  meint  die  Worte  (nach  seiner 
Übertragung)  „auf  dem  ich  weilen  sehe",  nach  Simrocks  Übersetzung, 
„wo  ich  die  Braut  die  wunderschöne  schaue",  bedeute  weiter  nichts 
als  „auf  welchem  weilt".  Für  Menglöd,  als  Sonne  angenommen,  er- 
fordert dieser  Ausspruch  keine  Abänderung,  er  ist  im  Gegentheil  für 
diese  Auflassung  bezeichnend.  Hyfjaberg  deutet  Cassel  (siehe  oben^ 
nach  dem  angelsächsischen  heofm,  Himmel.  Unter  den  angeführten 
Mädchen ,  welche  vor  Mengladas  Knieen  sitzen ,  kommen  Eir  in  der 
jüngeren  Edda  35  in  der  Zahl  der  Asinnen  als  die  beste  der  Ärztinnen 
vor.  Oerboda  wird  37  als  Gymirs  Frau  angeführt.  Hlif  mit  der  Va- 
riation Hlifthursa  heißen  die  schützenden,  schonenden,  Dietwarta 
Volks  Wärterin,  Blid  und  Blidur  ist  variirt  die  Sanfte. 

41.  Windkaldr.  Sage  mir,  Fiolswidr  u.  s.  w. 

Mag  ein  Mann  wohl  in  Mengladas 
Sanften  Armen  schlafen? 

42.  Fiolswidr.     Kein  Mann  mag  in  Mengladas 

Sanften  Armen  schlafen, 

Swipdagr  allein :  die  Sonnenglänzende 

Ist  ihm  verlobt  seit  langem. 

43.  Windkaldr.  Auf  reiß  die  Thüre,  schaff  weiten  Raum, 

Hier  magst  du  Swipdagr  schauen; 
Doch  frage  zuvor,  ob  noch  erfreut 
Mengladen  meine  Minne. 
-Sinirork  iKuut   Swi|.ci;ii;r  Iicsrhlt-unigor  d(\s  Tages    von   at  »vipa-,    und 


FIÖLSVINNSMAL.  445 

meint,  als  solcher  sei  er  das  Frühjahr,  wo  die  Tage  früher  anbrechen. 
Er  glaubt  in  ihm  Freyr  zu  erkennen ,  der  die  Gerda  oder  Freyja  aus 
des  Winters  Gefangenschaft  führt.  Nach  Finn  Magnusen  Myth.  Lex.  471 
würde  Swipdagr  das  Gegentheil  bedeuten.  Er  citiert  hier  (vgl.  oben 
S.  433)  das  altd.  su'ep  ner  bei  Graff  Diutiska  I,  das  er  gleichbedeutend 
mit  Suepdag  und  Svipdagr,  suüp  oder  svip  in  der  Bedeutung  des  lat. 
verlere  (wenden,  entfernen)  auffasst.  Wackernagel  führt  in  seinem 
Wörterbuch  swep,  suUp  als  vanum,  gurges  ausdrückend  an,  was  alles 
mit  dem  im  Englischen  nachklingenden  to  sweep  (kehren,  entfernen, 
beseitigen)  als  zusammen  gehörig  betrachtet  werden  dürfte.  Swipdagr 
wäre  demnach  Verwandter  oder  Verjager  des  Tages.  Er  (als  Mond) 
schien  durch  sein  Auftreten  am  Abend  den  Tag  zu  entfernen,  wie  man 
sich  umgekehrt  den  Tag  von  der  Nacht  geboren  dachte. 

Str.  44,  45,  46  und  47  geben  die  Anmeldung  des  nunmehr  als 
Swipdagr  aufgetretenen  Windkaldr  bei  Menglada,  ihre  Drohung  gegen 
Fiölswidr,  wenn  er  löge,  und  den  Empfang  Swipdagrs,  der  sich  Sol- 
biarts  (des  Sonnenglänzenden)  Sohn  nennt  und  auf  windkalten  Wegen 
hergekommen  zu  sein  angibt. 

48.  Menglada.  Willkommen  seist  du,  mein  Wunsch  erfüllt  sich, 

Den  Gruß  begleite  der  Kuß. 
Unversehenes  Schauen  beseligt  doppelt. 
Wo  rechte  Liebe  verlangt. 

49.  —         Lange  saß  ich  auf  liebem  Berge 

Nach  dir  schauend  Tag  um  Tag; 

Nun  geschieht  was  ich  hoffte,  da  hier  du  bist, 

Süßer  Freund,  in  meinem  Saal. 

50.  Swipdagr.  Sehnlich  Verlangen  hatt'  ich  nach  deiner  Liebe 

Und  du  nach  meiner  Minne. 
Nun  ist  gewiss,  wir  beide  werden 
Mit  einander  ewig  leben. 

So  wäre  der  Freier  endlich  in  den  Besitz  seiner  Geliebten  gekommen, 
nachdem  dieselbe  lange  auf  liebem  Berge  gesessen  und  nach  ihm  Tag 
um  Tag  geschauet. 

Lüning  (Edda  508,  Anm.  15  und  513,  41)  meint,  Windkaldr 
wolle  Str.  15  wissen,  wie  ein  Unberufener  eingehen  könne,  und  Str.  41, 
ob  es  denn  überhaupt  Jemand  gebe,  der  hinein  dürfe,  weil  die  geschil- 
derten Hindernisse  so  gut  wie  unmöglich  zu  überwinden  seien,  und 
Swipdagr  ohne  irgend  eine  von  den  ausgesprochenen  Bedingungen  er- 
füllt zu  haben,  zu  Menglöd  gekommen  sei.    Dies  ist  ohne  Zwoifol  oin 


446  THEOPHIL  RUPP,  FIÖLSVINNSMÄL. 

Irrthum,  denn  die  ganze  Darstellung  winde  dadurch  zu  einer  müßigen 
Komödie.  Windkaldr  mußte  im  Gedanken  des  Dichters  wissen,  wer 
er  sei,  und  konnte  nur  für  sich  erforschen  wollen.  Wenn  die  aufge- 
zählten Schwierigkeiten  für  Windkaldr  oder  Swipdagr  überflüssig  ge- 
wesen wären,  wie  sie  sich  nach  der  Annahme  Lünings  herausstellen 
würden,  warum  hat  der  Dichter  sie  hererzählt?  Die  Schwierigkeiten, 
so  wie  sie  gegeben  sind,  bilden  aber  gerade  das  Charakteristische  der 
Reden.  Um  zu  sagen:  es  kann  Niemand  hinein  als  der  Auserwählte, 
wäre  eine  einzige  unmöglich  ausführbare  Bedingung  anzugeben  genü- 
gend gewesen ,  aber  das  Lied  würde  nicht  Fiölsvinnsmäl  geworden 
sein.  Daß  Swipdagr  auf  einmal  in  Mengladas  Armen  erscheint,  beweist 
nicht,  daß  man  sich  die  gegebenen  Bedingungen  nicht  vorher  erfüllt 
denken  kann  und  muß;  denn  der  Dichter  konnte  in  seinem  Liede  den 
Fremdling  doch  nicht  erst  zur  Hexe,  dann  zum  Hahn  u.  s.  w.  schicken 
und  das  Gesagte  wiedersagen,  um  endlich  zum  nämlichen  Schlüsse 
zu  kommen. 

Zudem  deuten  die  Strophen  41 ,  42 ,  43  schon  auf  ein  Näher- 
gekommensein hin.  Swipdagr  hat  nichts  weiter  mehr  zu  erreichen,  als 
in  Mengladas  Arme  zu  kommen.  Daß  FiÖlswidr  Str.  44  sagt:  „die 
Hunde  freuen  sich ,  das  Haus  erschloß  sich  selbst" ,  beweist  nicht, 
daß  die  Vorbedingungen  nicht  erfüllt  wurden.  WTas  nach  deren  Er- 
füllung geschah,  mußte,  wie  wir  oben  gesehen,  von  selbst  geschehen. 
Nirgends  auch  bietet  die  Annahme,  daß  Menglada  als  Sonne  auf  dem 
Berge  thronend,  der  Freier  als  der  Mond  aufzufassen  sei,  ein  Hinder- 
niss  dar,  das  sich  nicht  auch  auf  Rechnung  der  Ausschmückung  setzen 
ließe.  Auch  der  Name  des  Vaters  unseres  Helden  Solbiart  (Sonnen- 
glänzender) ,  reiht  sich  diesem  Gedanken  an.  Die  kalten  Wege ,  der 
fingierte  Name  Windkaldr  scheinen  mir  die  Handlung  auf  den  Winter 
hinzuweisen,  und  bei  der  hohen  Bedeutung,  welche  die  Wintersonnen- 
wende bei  unsern  Vorfahren  gehabt,  endlich  bei  dem  jetzt  noch  be- 
stehenden Glauben  an  eine  segensreiche  Wirkung  des  Neumonds  auf 
den  Schluß  der  Ehen,  ist  man  wohl  zu  der  Annahme  berechtigt,  daß 
die  in  dem  Liede  dargestellte  Vereinigung,  als  in  der  Zeit  geschehen 
gedacht  wurde ,  in  welcher  die  Mondesvereinigung  (conjundio)  oder 
der  Neumond  mit  der  Wintersonnenwende,  die  als  Verjüngung  der 
Sonne  und  ebenfalls  vielfach  glückbringend  betrachtet  wurde,  ungefähr 
zusammentreffend,  angenommen  werden  konnte. 

REUTLINGEN,  im  Mai  1865.  THEOPHIL  RUPP, 


447 


DIE  LEGENDE  VON  DEN  BEIDEN  TREUEN 
JACOBSBRÜDERN. 


Es  ist,  so  viel  ich  weiß,  bisher  noch  nicht  bemerkt  worden,  daß 
die  Legende  von  den  treuen  Jacobsbrüdern,  welche  Kunz  Kistener  und 
nach  ihm  Pamphilus  Gengenbach  in  deutschen  Gedichten  behandelt 
haben,  auch  der  Gegenstand  französischer  und  italienischer  Dichtungen 
gewesen  ist.  Karl  Gödeke  (Pamphilus  Gengenbach  630)  sagt,  es  habe 
ihm  nicht  gelingen  wollen,  die  Quelle  von  Kistener's  Gedicht  aufzu- 
finden, und  vermuthet  eine  locale  Klostersage,  die  man  in  bairischen 
Quellen  zu  erwarten  hätte ,  da  das  Kloster  Gnadau  bei  Pfaffenhofen 
in  Baiern  liegt. 

Ehe  ich  zu  den  mir  bekannt  gewordenen  französischen  und  ita- 
lienischen Dichtungen  übergehe,  will  ich  für  diejenigen  Leser,  denen 
weder  das  von  Karl  Gödeke  1855  nur  in  100  Exemplaren  heraus- 
gegebene Gedicht  Kunz  Kistener's  selbst,  noch  der  von  ihm  daraus  im 
P.  Gengenbach  S.  630  ff.  gegebene  ausführliche  Auszug  zur  Hand  ist, 
den  Inhalt  des  Gedichts   in  aller  Kürze  angeben. 

In  Baiern  lebt  ein  Graf  Adam  mit  seiner  Frau  zwölf  Jahre  in 
kinderloser  Ehe,  bis  sie  sich  mit  Gebeten  an  den  heiligen  Jacob  wenden 
und  endlich  durch  seine  Fürbitte  die  Frau  guter  Hoffnung  wird.  Der 
Herr  gelobt,  falls  ihm  ein  Knabe  geboren  werde,  denselben,  wenn  er 
herangewachsen  **),  die  Fahrt  nach  Compostella  zum  h.  Jacob  machen 
zu  lassen.  Wirklich  wird  ihm  ein  Knabe  geboren,  der  Jacob  getauft 
wird.  Als  der  zwölf  Jahr  alt  ist,  macht  er  sich  allein  auf  die  Pilger- 
fahrt,  von  seinem  Vater  ermahnt,  unterwegs  nur  einen  treuen  Mann 
zum  Gelahrten  zu  nehmen.  Er  begegnet,  nachdem  er  vier  Wochen 
gereist  ist,  einem  Schwaben  aus  Heierloch,  der  ebenfalls  nach  Com- 
postella will,  und  sie  ziehen  zusammen.  Nach  vier  Wochen  erkrankt 
der  Baier  und  bittet  den  Schwaben,  ihn,  wenn  er  gestorben  sei,  doch 
nach  Compostella  zu  führen.  Der  Schwabe  verspricht  es  und  der  Baier 
stirbt,  worauf  jener  rasch  sich  einen  Ledersack  machen  lässt  und  darin 
den  Leichnam  mit  sich  führt.  Er  setzt  ihm  unterwegs,  wenn  er  Mal- 
zeiten hält,    seine   Speisen  wie  einem   Lebenden   vor  und   legt  ihn  des 


*)  Der  Verfasser  bemerkt,  daß  die  vorstehenden  Artikel  mit  Ausnahme  von  LIT, 
IV  und  V  in  allem  Wesentlichen  ebenso  wie  sie  hier  stehen,    nur  ausführtfoher   Bchon 

im  August  1804  niedergeschrieben  waren. 
**)  v.  124  wurde  er  lehenbere. 


448  REINHOLD  KÖHLER 

Nachts  in  ein  Bett.  In  Compostella  angelangt,  trägt  er  den  Todten 
in  die  Kirche,  und,  wahrend  er  vor  dem  Altar  betet,  wird  der  Leich- 
nam plötzlich  wieder  lebendig.  Sie  treten  nun  die  Rückfahrt  an,  und 
der  Schwabe  begleitet  den  Baiern  in  seine  Heimat  und  wird  dort  wie 
ein  Heiliger  verehrt.  Nach  einiger  Zeit  begibt  er  sich  nach  Schwaben 
zu  seinen  Altern,  wo  er  aber  in  Jahresfrist  vom  Aussatz  befallen  wird. 
Er  legt  ein  graues  Kleid  an  und  zieht  sich  in  die  Einsamkeit  zurück. 
In  einem  Walde  findet  er  einen  Einsiedler,  der  ihm  sagt,  er  solle  nach 
Baiern  gehen,  dort  werde  sein  Freund,  der  sich  unterdessen  vermählt 
habe,  ihn  aufs  beste  empfangen;  durch  das  Blut  des  ebengeborenen 
Knäbleins  desselben  könne  er  von  seinem  Aussatz  befreit  werden.  Der 
Schwabe  zieht  zu  seinem  Freund  und  wird  von  ihm  auf  das  freund- 
schaftlichste aufgenommen.  Eines  Tages  fragt  ihn  der  junge  Graf,  ob 
es  kein  Mittel  gebe,  ihn  zuheilen;  was  es  auch  kosten  möge,  er  wolle 
es  ihm  schaffen.  Da  gesteht  ihm  der  Schwabe,  was  ihm  der  Einsiedler 
gesagt,  setzt  aber  hinzu,  daß  er  die  Anwendung  des  Mittels  nicht  wolle. 
Doch  der  Baier  veranstaltet,  daß  er  einst  mit  seinem  Knäblein  und 
dem  Schwaben  allein  im  Schloß  ist.  Ohne  Wissen  des  Freundes 
schneidet  er  dem  Kinde  die  Kehle  ab  und  ruft  den  Freund,  der  vor 
Schrecken  ohnmächtig  wird,  und  bestreicht  ihn  mit  dem  Blut,  so  daß 
er  ganz  rein  wird.  Hierauf  besteigen  die  Freunde  ihre  Pferde  und 
wollen  für  immer  von  dannen  ziehen,  doch  noch  einmal  muß  der  Baier 
seine  Altern  und  seine  Frau ,  die  im  Wald  an  einem  kühlen  Brunnen 
ein  Maifest  feiern,  sehen.  Er  reitet  dahin  und  spiegelt  ihnen  einen 
Grund  für  seine  plötzliche  Reise  vor.  Während  sie  so  reden,  bringt 
die  Amme  den  Knaben  getragen,  den  Gott  auf  Fürbitte  des  h.  Jacob 
wieder  lebendig  gemacht  hat.  Der  Graf  fällt  vor  Schrecken  und  Freude 
iii  Ohnmacht  und  erzählt  dann  den  Hergang,  den  ein  rother  Streifen 
um  den  Hals  des  Knaben  und  die  Heilung  des  Freundes  bestätigen. 
Gott  und  S.  Jacob  zu  Lob  und  Ehren  wird  ein  Kloster  Gnadau  erbaut. 

Dies  der  Inhalt  des  deutschen  Gedichtes.  Ein  französisches 
Gedicht  'Le  dit  des  trois  pommes'  aus  dem  14.  Jahrhundert*)  erzählt 
die  Legende  folgendermaßen:  Ein  reicher  Mann  hatte  eine  Wallfahrt 
nach  S.  Jacob  gelobt,  wurde  aber  von  Alter  und  Krankheit  überrascht, 
ehe  er  sie  ausgeführt  hatte.  Sein  noch  sehr  junger  Sohn  **)  ist  be- 
reit,   die  Wallfahrt    für   ihn   zu    thun.     Beim  Abschied    gibt    ihm    der 


*)    Le  dit  des  trois  poinmes ,    legende   en  vers  du  XlVe  siecle ,    publice  pour-  la 
premiere  fois  d'apres  le  manuscrit  de  la  bibliotheque  du  roi  par  G.S.  Trebutien.  Paris  1837 
**)  Es  heilst  l'enfant,  li  enfoz.  l'enfattsoii. 


DIE  LEGENDE  VON  DEN  HEIDEN  TREUEN  JACOBSBRÜDERN.        440 

Vater  drei  Apfel  und  sagt  ihm:  cWenn  du  unterwegs  einen  trift'st,  der 
auch  nach  S.  Jacob  will,  so  gib  ihm,  sobald  er  über  Durst  klagt,  einen 
Apfel.     Isst  er  ihn  allein,  so  schütze  Krankheit  vor  und  verlasse  ihn, 
denn   er  würde   dich   doch    nicht   lieben    und   dich   im  Unglück   allein 
lassen.     Ebenso  mache  es  mit  dem  zweiten  und  dritten  Apfel.    Theilt 
einer   den    ihm    gebotenen   Apfel    mit    dir ,     bei    dem     bleibe ;     theilt 
keiner  mit  dir,  so  reise  lieber  allein.    Auch  gehe  in  keine  andere  Her- 
berge als  in  die  meinige'  *) !  Der  Knabe  zieht  aus  und  trifft  nach  ein- 
ander drei  Jacobspilger,    von  denen  er  jedoch  die    beiden  ersten  bald 
wieder  verlässt,   da  jeder  den  dargebotenen  Apfel  allein  gegessen  hat. 
Nur  der  dritte  theilt  den  Apfel  mit  ihm.    Der  Knabe  bittet,  sein  Ge- 
fährte sein  zu  dürfen,    und  jener  verspricht  ihn  zu  beschützen.     Einst 
kommen  sie  in  eine  Stadt  und  kehren  in  die  Herberge  des  Vaters  ein**). 
Als  aber  der  Gefährte  des  Knaben  sieht,   daß  der  Wirth  alt  und  die 
Frau  jung  ist,    erklärt  er,    eingedenk  des  weisen  Salomon,    durchaus 
nicht  hier  bleiben  zu  wollen  und  geht  in  eine  andere  Herberge,  wäh- 
rend der  Knabe  gegen  den  Willen   seines  Vaters  nicht  handeln  will  und 
deshalb    bleibt.     Die  Wirthin,    welche   bemerkt,    daß    der  Knabe  viel 
Geld  hat,  lässt  ihren  Buhlen  kommen,  und  der  Knabe  wird  des  Nachts 
ermordet.    Am  Morgen  will  ihn  sein  Gefährte  abholen,  aber  man  ant- 
wortet ihm,  er  sei  schon  abgereist.    Als  er  aber  erfährt,  daß  noch  nie- 
mand die  Stadt  verlassen  habe,  begibt  er  sich  zum  Richter.   Die  Her- 
berge wird  durchsucht    und  die   Leiche  des  Knaben    in  einer  Cisterne 
gefunden.     Ein  Engel    erscheint    dem  Gefährten    und   befiehlt    ihm   in 
Gottes  Namen,  dem  Knaben  Treue  zu  halten.     Da  lässt  der  Gefährte 
eine  Bahre  machen  und  führt  den  Knaben  mit  sich.     Wenn  er  speist, 
lässt  er  auch  dem  Knaben  sein  Theil  bereiten  und  gibt  es  dann  einem 
Armen.     Nachts  schläft  der  Knabe  bei  ihm***).    So  kommen  sie  nach 
S.  Jacob  und  der  Gefährte,  nimmt  den  todten  Knaben  mit  in  die  Kirche, 
wo  der  Knabe  plötzlich  lebendig  wird.     Sie   kehren  hierauf  heim  und 
der  Getährte  begleitet  den  Knaben  zu  seinem  Vater,  kehrt  aber  später 
in  seine  Heimat  zurück,  nachdem  der  Knabe  zwei  ganz  gleiche  goldene 
Becher  hat  machen  lassen  und  ihm  einen  als  Erinnerungs-  und  \\  ahr- 

*)  Ne  prens  pas  älltre  hostet  au  chcmin  que  le  mieti.   NYas  meint  der  Verfasser  mit 
c  seiner  Herberge'  ? 

**)  Tant  cerchierent  la  ville  qu'en  l'hostel  arriveieut 

Du  pere  au  valeton,  l(5ans  se  herbergiorent. 
***)  Auch  bei  Gengenbach:   'und  leit  in  zu  im  an  das  )>et';    bei  Ki-n-iirr:    Sind  leite 
in  an  ein  schun  bette'. 

GERMANIA  X,  2!) 


450  REINHOLD  KOHLER 

zeichen  *)  geschenkt  hat.  In  seiner  Heimath  wird  der  Gefährte  nach 
einiger  Zeit  so  vom  Aussatz  befallen,  daß  seine  Frau  ihn  aus  dem 
Haus  jagt.  Er  wandert  mit  seinem  Becher,  bis  er  in  die  Stadt  kömint, 
wo  sein  Freund,  der  inzwischen  geheiratet  hat,  wohnt,  und  gerade  ein 
Fest  feiert.  Als  er  vor  der  Thür  des  Freundes  um  ein  Almosen  bittet, 
bringt  man  ihm  Wein ,  den  er  in  seinen  Becher  schüttet.  Ein 
Diener,  der  den  Becher  für  den  seines  Herren  hält,  zeigt  dies  seinem 
Herren  an ,  und  der  erkennt  den  Aussätzigen  und  nimmt  ihn  zärtlich 
bei  sich  auf.  Eines  Nachts  verkündet  eine  Stimme  dem  Aussätzigen, 
daß  er  wieder  gesund  werden  würde,  wenn  er  mit  dem  Blut  der  Kinder 
seines  Freundes  gewaschen  würde.  Als  dann  am  folgenden  Tag  der 
Freund  ihn  beschwürt,  ihm  zu  sagen,  ob  es  denn  irgend  ein  Heilmittel 
gebe,  gesteht  er  ihm  endlich  unter  Thränen  jene  Verkündigung.  Der 
Freund  schneidet  nun,  während  seine  Frau  in  der  Kirche  ist,  seinen 
beiden  Kindern  die  Hälse  ab  und  wäscht  seinen  Gefährten  mit  dem 
Blut,  der  dadurch  sofort  rein  wird;  dann  begeben  sich  beide  in  die 
Kirche  und  beten  dort.  Inzwischen  hat  die  Amme  die  Kinder  in  ihrer 
Kammer  frisch  und  gesund  gefunden.  Als  man  Mittags  den  Herrn 
vermisst,  wird  ein  Diener  in  die  Kirche  geschickt,  der  eins  der  Kinder 
mitnimmt.  Er  ruft  den  auf  den  Knieen  liegenden  betenden  Plerrn  an, 
der  wendet  sich  um  und  —  erblickt  sein  Kind.  Glücklich  kehren  die 
beiden  Freunde  nach  Haus  zurück  und  erzählen  das  Wunder. 

Dies  französische  Gedicht  hat  manche  eigenthümliche  und  merk- 
würdige Züge.  So  gleich  im  Beginn  die  Freundschaftsprobe 
mit  den  drei  Äpfeln,  die  ganz  gleich  in  Konrads  von  Würzburg 
Engelhard  V.  336  ff.  vorkömmt.  Leider  ist  uns  Konrads  Quelle,  welche 
eine  eigenthümliche  Fassung  der  Amicus-  und  Arneliusdichtung  gewesen 
sein  muß,  bis  jetzt  nicht  bekannt.  Dieselbe  oder  eine  ähnliche  muß 
auch  dem  französischen  Dichter  vorgelesen  haben. 

Hervorzuheben  ist  ferner  die  Herberge  mit  dem  alten 
W  i  r  t  h  und  der  jungen  W  i  r  t  h  i  n ,  in  welcher  der  Gefährte, 
eingedenk  des  weisen  Salomon,  nicht  einkehren  will.  In  dem  lateini- 
schen Gedicht  Rudlieb  gibt  ein  König  dem  Rudlieb  unter  andern  auch 
folgende  Lehre : 

Quo  videas,  juvenem  quod  habet  senior  mulierem, 
Hospitium  tribui  tibi  non  poscas  iteranti, 
deren  Richtigkeit  Rudlieb  später  erprobt  (Lat.  Gedichte,  herausg.  von 


*)  Par  ce  hannap  ici,  sachiez  le  vraiement, 
Ferai  vostre  plaisir  et  vo  commandement. 


DIE  LEGENDE  VON  DEN  BEIDEN  TREUEN  JACOBSBRÜDERN.   451 

Grimm  und  Schmeller  S.  155,  vgl.  S.  209  ff.).  Schindler  vergleicht 
damit  in  Haupt's  Zeitschrift  1,  408  ff.  und  417  ff.  eine  Erzählung  der 
Gesta  Romanorum  (cap.  103)  und  ein  cornisches  Märchen  ,  in  denen 
ebenfalls  neben  andern  weisen  Lehren  auch  die  vorkömmt,  nicht  in 
einem  Haus  einzukehren,  wo  der  Herr  alt,  die  Frau  jung  ist.  Aus 
einer  derartigen  Erzählung  von  einer  Reihe  von  Lehren  und  deren 
allmählicher  Erprobung  durch  die  That  muß  dieser  Zug  in  das  fran- 
zösische Gedicht  gekommen  sein.  Die  Lehre  wird  dem  weisen  Salomon 
beigelegt,  wie  so  mancher  Spruch,  der  sich  nicht  in  den  biblischen 
Salomonischen  Büchern  findet,  im  Mittelalter  ihm  zugeschoben  wor- 
den ist  *). 

Endlich  seien  noch  die  beiden  gleichen  Becher  hervor- 
gehoben. Auch  sie  sind  der  Amicus-  und  Ameliussage  entnommen. 
Nach  den  meisten  Fassungen  dieser  Dichtung  schenkt  der  Papst,  der 
den  Amicus  und  Amelius  getauft  hat,  den  beiden  zwei  ganz  gleiche 
Becher  ;  später  wird  der  Aussätzige  Amicus  durch  seinen  Becher  vom 
Amelius  erkannt.  In  einer  altfranzösischen  Prosaerzählung  (Mone  An- 
zeiger 5,  164)  und  in  dem  altfranzösischen  Miracle  de  Nostre-Dame 
d'Amis  et  d'Amille  (Monmerque  et  Fr.  Michel  Theatre  francais  au 
moyen-äge  pag.  249)  besitzt  Amis  zwei  gleiche  Becher  und  schenkt 
einen  derselben  dem  Amile ,  nachdem  dieser  für  ihn  gekämpft  hat, 
ganz  wie  in  unserer  französischen  Legende  der  Jüngling  seinem  Ge- 
fährten beim  Scheiden  einen  solchen  Becher  schenkt. 

So  viel  über  das  altfranzösische  Gedicht. 

Italienisch  findet  sich  die  Legende  dramatisch  behandelt 
in  der  Rappresentazione,  di  uno  miracolo  di  due  pellegrini  che  andarono 
a  S.  Jacopo  di  Galitia ,  von  welcher  Colomb  de  Batincs  (Bibliografia 
delle  antiche  rappresentazioni  italiane,  Firenze  1852,  pag.  35)  zwei  Aus- 
gaben aus  dem  15.  und  mehrere  aus  dem  16.  Jahrhundert  verzeichnet. 
Ihr  Inhalt  ist  der  folgende :  Ein  Römer  Colella  wallfahrtet  nach 
S.  Jacob  in  Galizien  und  begegnet  unterwegs  einem  andern  Jacobs- 
pilger Costantino  aus  Genua.  Beide  schwören,  sich  nicht  zu  verlassen. 
Costantino    trinkt    unterwegs    aus    einer  Quelle    und    stirbt    plötzlich; 


*)  In  einem  catalonischen  Märchen  (Mila  y  Fontanale  <  »hservaciones  sobre  la  poesia 
populär  pag.  ISS,  vgl.  W.  Grimm  in  Haupt's  Zeitschrift  11,  21  l),  vrolchea  im  Ganzen  dem 
Rudlieb  und  dem  corniselien  Märchen  entspricht,  aber  gerade  die  Warnung  vor  dem 
alten  Mann  und  der  jungen  Frau  nicht  enthält,  ist  es  der  wei8e  Salomon,  der  seinem 
Diener  als  Lohn  drei  Lehren  gibt.  —  So  wird  der  Spruch  'In  verliis,  herbis  et  lapidibus 
est.  magna  virtus1  dem  Salomon  beigelegt,  vgl.  meine  Ausgabe  der  Kunst  über  alle  Künste, 
S.  XLII. 

29* 


452  REINTTOLD  KOHLER 

Colella  ladet  den  Todten  auf  seine  Schulter  und  trägt  ihn  weiter. 
Zwei  Strassenräuber 3  deren  Angriff  er  abgewehrt  hat,  veiklagen  ihn 
in  der  nächsten  Stadt  beim  König  als  Mörder;  aber  die  Grundlosig- 
keit ihrer  Anklage  zeigt  sich  bald  ,  indem  sie  ihm  einzeln  gegenüber- 
gestellt werden  und  dabei  sich  widersprechen.  Colella  wird  freigelassen 
und  gelangt  mit  seinem  todten  Gefährten  nach  S.  Jacob,  und  Costan- 
tino  wird  in  der  Kirche  wieder  lebendig.  Als  die  Freunde  auf  ihrer 
Heimreise  wieder  in  jene  Stadt  kommen,  sollen  gerade  die  beiden 
Räuber  gehängt  werden  ,  sie  bitten  aber  um  Gnade  für  sie ,  und  die 
Räuber  versprechen  sich  zu  bekehren.  Nun  reisen  die  Freunde  zu  den 
Ihrigen  zurück.  Nach  einiger  Zeit  wird  Colella,  der  sich  wieder  auf 
die  Pilgerschaft  begeben  hat,  aussätzig  und  sucht  seinen  Freund  Co- 
stantino  auf,  der  ihn  mitleidig  aufnimmt  und  einen  Arzt  um  Iiath 
fragt .  welcher  erklärt ,  daß  der  Aussätzige  nur  durch  unschuldiges 
Blut  (sangue  vergine)  geheilt  werden  könne.  Darauf  tödtet  Costantino 
in  Abwesenheit  seiner  Frau  seine  Söhnchen  und  wäscht  den  Colella 
mit  ihrem  Blut.  Als  nun  Costantino's  Frau  nach  Hause  kommt  und 
in  die  Kammer  geht,  um  ihre  Kinder  zu  wecken,  findet  sie  dieselben 
zur  freudigen  Überraschung  des  Vaters  frisch  und  gesund  mit  zwei 
goldenen  Äpfeln  in  den  Händen  *).  Ein  Engel  beschließt  das  Stück  ::). 
Die  Legende  ist  ferner  in  einem  italienischen  Gedicht  in  Ottaven 
behandelt,  welches  mit  zu  den  italienischen  Volksbüchern  gehört.  Aus 
welcher  Zeit  das  Gedicht  stammt,  weiß  ich  nicht.  Mir  liegt  es  durch 
die  Güte  Professor  E.  Teza's  in  Bologna  in  einer  Ausgabe  vor,  die 
folgenden  Titel  hat :  Esempio  di  due  compagni  che  andorno  a  San  Gia- 
como di  Galizia.  Bologna  1816.  Alla  Colomba.  8.  In  einem  interessanten 
.Aufsatz  über  italienische  Volksdichtung  in  Büsching's  Wöchentlichen 
Nachrichten  (1816),  Band  2,  S.  308,  werden  zwei  andere  ältere  Aus- 
gaben aufgeführt,  nämlich:  Esempio  di  due  compagni  che  andarono  a 
S.  Giacomo  di  Galizia,  operetta  bellissima  del  S.  Francesco  Minozzi, 
Cieco.  Treviso,  Paluello ,  1790.  8.,  und  Esempio  di  due  compagni  Co- 
stantino et  Buona  Fede  che  andarono  a  S.  Giacomo  di  Galizia.  Dove  si 
sentirä  molte  disgrazie  che  gli  successero,  e  mai  si  abbandonarono.  In  Fu- 


*)  Einen  goldenen  Apfel  haben  die  wiederbelebten  Kinder  auch  im  altfranzösischen 
Epos  Amis  et  Arniles  (berausg,  v.  Conrad  Hofmann,  Erlangen  1852)  V.  3191,  und  spielen 
damit.  —  Merkwürdig,  daß  der  blutrothe  Streifen  um  den  Hals  der  wiederbelebten  Kinder, 
der  in  den  meisten  Formen  der  Sage  von  Amicus  und  Amelius  vorkömmt,  in  unserer  Le- 
gende sich  nur  in  dem  deutschen  Gedicht  findet. 

**)  Ich  verdanke  die  Inhaltsangabe  des  italienischen  Dramas  der  Gefälligkeit  des 
Professors  Alessandro  D'Aneona  in  Pisa. 


DIE  LEGENDE  VON  DEN  BEIDEN  TREUEN  JACOBSBRÜDERN.  453 

ligno.  Presso  Feliciano  Campitelli.  o.  J.  8.  A.  D'  Ancona  kennt,  wie  er 
mir  mitgetheilt  hat,  eine  Ausgabe  vom  J.  1805  (Venezia,  Cordella), 
auf  welcher  auch  Fr.  Minozzi ,  cieco,  als  Verfasser  genannt  ist.  Jeden- 
falls muß  es  aber  von  diesem  Gedicht  schon  Ausgaben  vor  1680  ge- 
geben haben,  denn  Francesco  Cionacci  führt  in  der  Einleitung  zu  seiner 
im  Jahre  1680  zu  Florenz  erschienenen  Ausgabe  der  Hirne  sacre  des 
Lorenzo  de'  Medici  als  Gedicht,  welches  denselben  Stoff  wie  die  Rap- 
presentazione  de  due  Pellegrini  di  S.  Jacopo  di  Galizia  episch  behandelt, 
Esempio  di  due  compagni  che  andavano  a  S.  Jacopo  di  Galizia  —  leider 
ohne  genauere  bibliographische  Angabe  —  an  *). 

Der  Inhalt  des  in  den  Hauptsachen  mit  dem  Drama  überein- 
stimmenden Gedichts  ist  der  folgende :  Bonafede,  ein  römischer  Bürger, 
trifft  in  Genua  den  Costantino  aus  Genua,  der  ebenfalls  nach  S.  Jacob 
pilgern  will;  beide  beschließen,  die  Fahrt  zusammen  zu  machen  und 
sich  nicht  zu  verlassen.  In  Folge  eines  Trunkes  aus  einer  kalten  Quelle 
stirbt  Costantino  unterwegs  plötzlich.  Bonafede  legt  die  Leiche  auf 
seine  Schulter  und  zieht  weiter  **).  Eines  Tages  wollen  ihn  zwei 
Strassenräuber  überfallen,  als  gerade  ein  Hauptmann  mit  Wächtern 
naht.  Da  verklagen  die  Strassenräuber  den  Bonafede  als  Mörder.  Der 
Podesta'der  nächsten  Stadt  aber  erkennt  aus  den  Widersprüchen  der 
einzeln  vernommenen  die  Grundlosigkeit  der  Anklage  und  lässt  den 
Bonafede  frei,  der  nun  weiter  zieht.  Als  er  einmal  ermüdet  im  Schatten 
ausruht,  erscheint  ihm  ein  lütter  auf  weißem  Ross,  clor  ihn  ermuthigt. 
Es  war  der  Apostel  S.  Jacob.  Bald  darauf  erreicht  Bonafede  glücklich 
Compostella  und  begibt  sich  mit  seinem  Todten  in  die  Kirche.  Während  er 
für  sich  und  seinen  todten  Freund  betet,  erhebt  sich  dieser  plötzlich 
und  ist  wieder  lebendig.  Als  sie  nachher  auf  der  Rückreise  wieder  in 
jene  Stadt  kommen,  sollen  die  Strassenräuber,  die  den  Bonafede  ver- 
klagt hatten,  gerade  gehängt  werden;  die  Freunde  erzählen  dem  Richter 
das  Wunder  und  bitten  um  Gnade  für  die  Verbrecher.  In  Genua 
trennen  sich  dann  die  Freunde.  Bonafede  geht  zunächst  nach  Rom, 
verlässt  aber  dort  bald  wieder  seine  Frau  und  zieht  aus,  um  alle  hei- 
ligen Stätten  zu  besuchen.  Während  er  nun  herumpilgert,  wird  er 
plötzlich  vom  Aussat/,  befallen  und  begibt  sich  desshalb  nach  Genua 
zu  seinem  Freunde,  der  ihn  zärtlich  aufnimmt  und  in  sein  eigenes 
Bett  trägt. 


*)  Die  Cionaccische  Ausgabe  der  Birne  sacre  des  Lorenzo  liegt  mir  in  dem  Wieder- 
abdruck: Bergamo  ]7ü0,  vor.  Daselbst  stehl  die  betreffende  Stelle  pag.VIII. 

;-:;;:;  Die  Bologneser  Ausgabe  hat  auf  dem  Titel  einen  rohen  Holzschnitt,  einen  Pilger 
darstellend,   der  einen  Leichnam  über  die  Schulter  gelegt  trägl 


454  REINHOLD  KQHLßß 

Fece  venir  piü  medici  eccelenti, 

E  dimandando  quel  che  puossi  fare, 

Gli  disser:  Ci  vuol  sangue  immantinenti, 

Per  altro  modo  non  si  puol  sanare. 

Costantin  disse:  O  Dio,  se  ti  contenti, 

In  tutti  i  modi  lo  vö  liberale! 

E  poi  con  suchi  gli  fece  un  bagno, 

E  lavandolo  fu  guarito  il  suo  compagno. 

Esempio  piglia  ciascun,  che  m'  ascoltato, 
A  non  si  scordare  mai  dei  benefizj. 
Morto  in  viaggio  1'  avea  portato, 
Ma  lui,  che  grato  fn  di  tai  servizj; 
Con  medicamenti  1'  a  liberato 
Della  lepra  e  da  suoi  grau  supplizj, 
E  voi,  Signori,  tenete  la  memoria, 
Che  d'  esser  grati  v'  insegna  1'  istoria. 

Mit  diesen  beiden  Strophen  schließt  das  Gedicht,  in  dem  also 
das  Bad  im  Kinderblut  durch  ein  nicht  klar  bezeichnetes  Bad  (sangue, 
suchi,  medicamenti)  ersetzt  ist,  eine  arge  Entstellung  der  alten  Dichtung. 

Wie  sich  zu  diesem  Gedicht  das  von  Molini  (Operette  bibliogra- 
liehe  S.  175)  angeführte,  ebenfalls  in  Ottaven  verfasste  Gedicht:  Lhj- 
storia  bellissima  di  misser  Costatino  .  da  Signa  e  de  misser  Gf.orgio  da 
Genoua  liuuali  se  acopagnarono  .  in  viaggio  p.  andare  ai  baron  misser 
saa  JaQomo  :  et  delle  gradissime  .  fortune  che  loro  hebeno  de  le  qle  .  furono 
Uberati  per  divin  miraculo  e  del  baroue  misser  san  Jacorno  :  come  legendo. 
intenderiti.  (am  Ende:  Nel  anno  1522.  Di  ottobrio.  4.)  verhält,  kann  ich 
leider  nicht  sagen.  In  den  Florentiner  Bibliotheken  findet  es  sich,  wie 
mir  D'  Ancona  mittheilt,  nicht. 

Endlich  habe  ich  noch  zu  erwähnen,  daß  Giuseppe  Tigri  (Canti 
popolari  toscani,  2d"  edizione,  Firenze  1860,  pag.  LVII)  unter  andern 
in  gewissen  Orten  Toscana's  fast  alljährlich  aufgeführten  Volksschau- 
spielen, die  man  Giostre,  auch  Maggi  nennt,  aufzählt:  Costantino  e 
Buonafede,  ossia  il  Trionfo  deW  arnieizia,  also  unsere  Legende,  und  zwar 
nicht  mit  den  Namen  der  alten  Kappresentazione,  sondern  mit  denen 
des  Gedichts  des  Minozzi.  Vielleicht  erfahren  wir  durch  italienische 
Forscher  mit  der  Zeit  Näheres  über  dieses  toscanische  Schauspiel, 
sowie  über  das  Gedicht  von   1522. 

Dies  sind  die  mir  bekannt  gewordenen  deutschen,  französischen 
und  italienischen  Bearbeitungen   der  Leidende  von   den   beiden  Jacobs- 


DIE  LEGENDE  VON  DEN  BEIDEN  TREUEN  JACOliSBRÜDERN.        455 

pilgern  und  ihrer  wechselseitigen  aufopfernden  Freundschaft.  Wenn 
aber  der  Herausgeber  des  Dit  des  trois  Pommes  im  Vorwort  sagt: 
Le  Dit  des  trois  Pommes  est  wie  des  formes  donnees  au  recit  d'un  miracle 
de  S.  Jacques  de  Compostelle,  fameux  au  moyen-age:  il  a  fourui,  entre 
autres,  le  sujet  oVun  Mystere  frangois  du  ÄIVe  siede,  ainsi  que  d'un 
drame  Italien  du  XV" ,  et,  si  je  ne  me  trompe,  celui  d'un  tableau  de 
P.  Antoine  de  Foligno,  so  bedauere  ich,  daß  er  die  'andern  Formen 
nicht  näher  angegeben  hat.  Was  das  französische  Mysterium  betrifft, 
so  scheint  er  das  in  Monmerque's  und  Fr.  Michel's  Theätre  frangois 
an  moyen-äge  herausgegebene  Mysterium  von  Amis  und  Amille  zu 
meinen,  was  freilich  nur  insofern  hierher  gehört,  als  die  Amicus-  und 
Ameliusdichtung  unserer  Legende,  die  vielleicht  aus  ihr  entstanden  ist, 
sehr  ähnlich  ist.  Auch  Fr.  Michel  a.  a.  O.  pag.  218  zählt  ohne  wei- 
teres das  französische  Gedicht  von  den  drei  Äpfeln  unter  den  Be- 
arbeitungen der  Amicus-  und  Ameliusdichtung  auf.  Das  Bild  des 
P.  Antonius  von  Foligno  scheint  nach  Fr.  Michel's  Mittheilungen 
a.  a.  O.  unsere  Legende  nicht  darzustellen. 

WEIMAR,  April  1865.  REINHOLD  KÖHLER. 


HEIMAT  UND  DICHTER  DES  HELMBRECHT. 


Die  Untersuchungen  über  die  Heimat  des  Helmbrecht,  die  in 
neuerer  Zeit  mehrfach  angestellt  worden  sind ,  haben  bisher  zu  einem 
einheitlichen  Resultat  nicht  geführt.  Ob  zwischen  Höllenstein  und 
Haldenberg  oder  zwischen  Wels  und  dem  Traunberg  Helmbrecht  sein 
prächtiges  Gewand  getragen  habe;  ob  zu  Wanghausen  oder  zu  Leuben- 
bach die  vortreffliche  Quelle  gewesen  sei;  oder  mit  andern  Worten, 
ob  die  in  den  Versen  192  und  897  des  Gedichtes  enthaltenen  Orts- 
angaben der  Ambraser  oder  der  Berliner  Handschrift  den  Vorzug  ver- 
dienen, —  darüber  sind  die  Meinungen  getheilt  geblieben  und  werden 
es  vielleicht  bleiben,  so  sehr  auch  die  neueste  Erörterung  dieser  Frage 
prätendiert,  dieselbe  endgültig  entschieden  zu  haben. 

Das  Ergebniss  dieser  letzten  von  Kein/*),  in  weiterer  Ausfährung 
mehrerer  schon  von  Muffat**)  beigebrachter  Argumente,  angestellten 
Untersuchung  ist  in  Kürze  folgendes:  daß  der  urkundlich  nachgewie- 
sene flelinbrechtshof  (dessen  Name  heute  verloren  ist)  nahe  bei  der 
Stadt  Burudiausen  im  Regierungsbezirk  Oberbaiern  das  Eigenthum  des 


*)  Meier  llelmbreuht  und  seine  Heirnut.   München   L866. 
**)  Morgeablatt  zur  Bayerischen  Zeitung  vom  8.  Qct.  18(J!3. 


456  CAKL  SCHRÖDER 

Meier  Helmbrecht  gewesen  sei,  und  daß  einer  der  Mönche  des  be- 
nachbarten Augustinerklosters  Ranshofen ,  und  zwar  ein  P.  Gärtner, 
den  Helmbrecht  gedichtet  habe.  In  der  That  sind  das  Dorf  Wang- 
hausen und  zwei  Berge  Namens  Höllenstein  und  Adenberg  in  der  Nähe 
des  ehemaligen  Helmbrechtshofes  nachgewiesen. 

Das  scheint  auf  den  ersten  Blick  schlagend,  und  doch  lassen 
sich  gegen  diese  Ergebnisse  nicht  geringe  Bedenken  erheben,  und 
zwar  zunächst  formelle.  Wenn  es  schon  bedenklich  ist,  daß  das  H  in 
dem  Namen  Aldenberg,  Ajdenberg  (so  mundartlich  für  das  amtliche 
Adenberg)  sollte  verloren  gegangen  sein,  so  bleibt  namentlich,  sobald 
Hohenstein  und  Haldenberg  nicht  Dorf-  sondern  Bergnamen  sind,  der 
Vers  „zwischen  Höllenstein  und  Haldenberc"  etwas  verdächtig.  Un- 
zweifelhaft richtiger  wäre  „zwischen  dem  Höllensteine  und  dem  Hal- 
denberge". 

Von  größerem  Gewichte  noch  sind  die  inneren  Gründe,  welche 
gegen  Keinz  sprechen. 

Bei  der  ganzen  Beweisführung  ist  von  jeher  ein  Hauptgewicht 
gelegt  worden  auf  V.  7  und  8: 

ich  wil  iu  sagen,  waz  mir  geschach, 
daz  ich  mit  minen  ougen  sach. 
Gewiss  mit  Unrecht.  So  wenig  wir  in  Neidharts  Gedichten  alles  für 
baare  Wahrheit  zu  nehmen  haben ,  so  wenig  wir  die  gebräuchlichen 
Versicherungen  der  Romanciers  in  Bezug  auf  „diese  höchst  wahrhafte 
Geschichte"  buchstäblich  genau  nehmen  dürfen:  so  wenig  sind  wir 
berechtigt,  in  den  Worten  des  alten  Dichters  etwas  anderes  zu  erblicken 
als  eine  Redensart,  dazu  dienend,  seiner  Erzählung  den  Hörern  gegen- 
über ein  gewisses  persönliches  Interesse  und  den  Schein  größerer 
Glaubwürdigkeit  zu  verleihen.  Wir  werden  nicht  wohlthun,  in  Helm- 
brecht eine  wirkliche  historische  Person  zu  suchen ,  anstatt  in  ihm 
naturgemäß  lediglich  einen  fingierten  Repräsentanten  der  ganzen  ver- 
derbten Jugend  zu  sehen.  Halten  wir  uns  ängstlich  an  die  Versicherung 
des  Dichters,  mit  andern  Worten,  erniedrigen  wir  ihn  zum  bloßen 
Referenten  einer  historischen  Thatsache ,  so  haben  wir  auch  an  die 
factische  Existenz  der  berühmten  Haube  zu  glauben;  so  wäre  schließ- 
lich nicht  etwa  der  Dichter  so  wissenschaftlich  gebildet,  daß  er  vom 
Trojanerkriege,  von  Karl  dem  Großen ,  von  der  Rabenschlacht  Kunde 
hat,  wie  Keinz  will  (S.  71),  sondern  vielmehr  der  respective  Verfer- 
tiger der  Haube,  also  etwa  die  Nonne.  Davon  ganz  abgesehen,  daß 
sich  das  Lob  wissenschaftlicher  Bildung  wohl  nicht  ohne  Mühe  daraus 
ableiten  lässt,    daß  ein  Dichter  des   13.  Jahrhunderts  mit  den  in  aller 


HEIMAT  UND  DICHTER  DES  HELMBRECHT.  457 

Munde  lebenden  Namen  der  verschiedenen  Sagenkreise  vertraut  ist. 
Daß  überhaupt  der  Dichter  ein  Mönch  gewesen  sei,  dafür  sprechen 
weder  die  genaue  Kenntniss  des  höfischen  Lebens,  noch  die  Bekannt- 
schaft mit  der  profanen  Litteratur ,  noch  endlich  die  mehrfachen 
schlüpfrigen  Stellen  des  Gedichtes.  Ein  Mönch,  der  im  Auftrage  seines 
Klosters  das  Gebiet  desselben  durchwandert,  um  die  Bauern  in  der 
Obstbaumzucht  und  Küchengärtnerei  zu  unterrichten  (Keinz  S.  14), 
wird  schwerlich  Grund  haben,  über  schlechte  Aufnahme  zu  klagen 
(v.  849  f.).  Für  einen  Mönch  endlich  wäre  die  Äußerung,  daß  Helm- 
brecht ihn  bei  den  Weibern  würde  ausgestochen  haben  (v.  209  f.), 
herzlich  unpassend. 

Keinz  hält  es  für  einen  Vorzug  seiner  Deutung,  daß  alle  ange- 
gebenen Orte  sich  auf  dem  Räume  einer  Geviertmeile  vereinigt  finden 
(S.  18).  Richtiger  gedacht  ist  das  ein  Nachtheil.  Denn  je  enger  die 
Begrenzung ,  je  kleiner  der  Raum  zwischen  den  verschiedenen  Orten 
ist,  desto  nichtssagender  ist  das  Lob  der  Kleidung  und  des  Brunnens. 
In  beiden  Fällen  mußte  vielmehr  der  Dichter  seinen  Kreis  möglichst 
weit  ziehen  ,  wollte  er  die  Vortrefflichkeit  der  von  ihm  gepriesenen 
Gegenstände  recht  hervorheben. 

Daß  der  ehemalige  Helmbrechtshof  seinen  Namen  von  einem 
Besitzer  Ilelmbrecht  hatte,  ist  zweifellos.  Aber  selbst  wenn  wir  an- 
nehmen wollten,  daß  wir  es  mit  historischen  Persönlichkeiten  zu  tlmn 
haben  —  eine  Annahme,  die  nicht  gerechtfertigt  und  kaum  räthlich 
erscheint,  —  so  ist  unmöglich  zu  erweisen,  daß  gerade  unser  in  Rede 
stehender  Meier  Helmbrecht  der  Eigenthümer  dieses  Helmbrechtshofes 
gewesen  sei,  sobald  einmal  der  Beweis  geführt  ist,  den  Keinz  (S.  70) 
selbst  führt,  daß  der  Name  Helmbrecht  ziemlich  verbreitet  war,  sogar 
nicht  bloß  unter  dein  Bauernstande,  wie  aus  der  angeführten  Bezeich- 
nung  „daz  Helmperhtis  schergampt"    hervorzugehen  scheint. 

Von  den  sonst  beigebrachten  Argumenten  brauchen  wir  kaum 
zu  reden.  Daß  sich  in  der  Mundart  der  von  Keinz  bezeichneten  Ge- 
gend viele  der  im  Helmbrecht  vorkommenden  Wörter  erhalten  haben 
(S.  16),  kann  nicht  im  Geringsten  verwundern,  da  die  Ortschaften  zum 
Gebiet  der  bairisch-österreichischen  Mundart  gehörten,  und  könnte  nur 
in  Betracht  kommen,  wenn  nachgewiesen  winde,  daß' dieselben  nirgend 
anderswo  vorkommen.  Daß  sich  nahe  dem  Helmbrechtshofe  eine  l.ioi/iir, 
also  ein  mit  Kienholz  bewachsener  Bergabhang,  und  daran  ein  schmaler 
Steig  findet,  ist  ganz  unwesentlich,  denn  wo  in  Gebirgsgegenden  findet 
sich  eine  solche  Localität  nicht?  Und  wie  viel  Gehölze  sind  seit  jener 
Zeit   neu    angelegt?    Daß    in  dortiger  Gegend   nach    der  Versicheiung 


458  CARL  SCHRODEB 

eines  Pfarrers  bei  Hochzeiten  die  Brautleute  sich  auf  den  Fuß  zu  treten 
suchen,  um  zu  erkennen,  wer  von  ihnen  das  Regiment  im  Hause  fuhren 
wird  (S.  77),  beweist  gar  nichts.  Das  „üf  den  fuoz  er  ir  trat"  (v.  1534) 
wird  gewiss  besser  als  symbolische  Handlung,  als  Zeichen  der  Besitz- 
ergreifung und  angetretener  Herrschaft  des  Mannes  *)  denn  als  ein 
roher  Unfug  aufgefasst.  Außerdem  fand  ja  auch  Gotelindens  Hochzeit 
nicht  in  derselben  Gegend  statt.  Was  endlich  den  „weißen  Schacher" 
betrifft,  die  Kapelle  nahe  beim  weiland  Helmbrechtshofe,  die  nach 
Keinz  (S.  16)  an  der  Stelle,  wo  Helmbrecht  gehängt  wurde,  von  den 
Verwandten  erbaut  sein  könnte,  so  geben  wir  ihm  zu  bedenken,  daß 
einmal  der  Vater,  der  den  lahmen  und  blinden  Sohn  so  höhnend  von 
sich  forttrieb  ,  schwerlich  dem  Andenken  desselben  eine  Kapelle  ge- 
widmet haben  dürfte,  und  sodann  daß  der  blinde  Helmbrecht  ein  Jahr 
lang  umherstrich  und  auf  dem  Schauplatz  seiner  früheren  Räubereien 
gehängt  wurde. 

Alle  diese  Erwägungen  lassen  die  Keinz'schen  Annahmen  aufs 
Äußerste  zweifelhaft  erscheinen.  Vielmehr  möchte  eher  der  Sachverhalt 
der  sein,  daß  ein  Abschreiber,  der  von  der  Existenz  eines  Helmbrechts- 
hofes Kenntniss  hatte,  diesen  für  den  Schauplatz  der  Erzählung  hielt 
und  nun  die  ursprünglichen  Namen  in  andere  aus  der  näheren  Um- 
gebung desselben,  die  er  ungenau  gab,  verwandelte.  Den  Keinz'schen 
Ausführungen  gegenüber  bleibt  die  von  Pfeiffer  (Forschung  und  Kritik 
S.  1  — 19)  begründete  Annahme,  daß  die  Namen  der  Berliner  Hand- 
schrift den  Vorzug  verdienen  und  daß  also  das  Traungau  der  Schau- 
platz der  Erzählung  sei,  noch  immer  zu  Recht  bestehen. 

Sei  nun  aber  auch  dieser  Schauplatz  wo  er  wolle,  die  Frage  nach 
ihm  tritt  an  Bedeutung  weit  zurück  gegen  die  andere  nach  der  Person 
des  Dichters,  der  ihn  nach  Belieben  hierhin  oder  dorthin  verlegte. 
Über  diesen  fehlen  uns  alle  sicheren  Nachrichten;  wir  sind  in  Bezug 
auf  ihn  lediglich  auf  Vermuthungen  angewiesen,  die  allerdings  nicht 
undeutlich  auf  eine  bestimmte  und  bereits  bekannte  Persönlichkeit  hin- 
weisen. 

Der  Inhalt  des  Helmbrecht  ist  augenscheinlich  der  höfischen 
Dorfpoesie,  oder,  wie  es  allerdings  richtiger  hieße,  der  dörfischen 
Hofpoesie  nahe  verwandt.  "Wie  diese  allein  in  der  Wahl  ihrer  Stoffe 
sich  von  Herkommen  und  einengenden  höfischen  Regeln  emaneipierte, 
um  sich  auf  den  solideren  Boden  des  Volkslebens  und  der  Volkspoesie 


"=)  \Y.  Wackernagel  in  Haupt  Zeitsehr.  2,  550.  Grimm,  Reehtsalterthümer  142. 


HEIMAT  UND  DICHTER  DES  HELMBRECHT.  459 

zu  stellen,  so  ist  der  Dichter  des  Helmbrecht  unter  den  Epikern  der 
Einzige,  der  den  breitspurigen  Abenteuern  der  Helden  von  der  Tafel- 
runde die  viel  dramatischeren  Begebenheiten  in  den  Kreisen  des  eigenen 
Volkes  vorzog;  er  sucht  seinen  Stoff  eben  da,  wo  die  dörfische  Hof- 
poesie sich  vom  höfischen  Formzwange  erholte:  in  den  Gehöften  der 
Bauern;  gegen  denselben  Übermuth,  dieselbe  Prunksucht,  dasselbe 
Streben  seines  Standes  sich  zu  überheben,  gegen  die  ganze  Gorruption 
des  jüngeren  Geschlechtes,  über  der  Neidhart  die  Geißel  seines  Spottes 
schwingt,  richtet  auch  er  die  scharfen  Waffen  seiner  Kritik,  wenngleich 
weniger  im  Tone  leichter  Verspottung,  als  vielmehr  ernsten  männlichen 
Unwillens;  wie  Neidhart,  so  verweilt  auch  unser  Dichter  gern  bei 
der  Schilderung  der  Kleider,  und  den  Neidhart  eigenthümlichen  Ton 
souveräner  Verachtung  des  Hofmannes,  gemischt  mit  dem  leisen  Neide 
des  habelosen  Fahrenden,  finden  wir  auch  bei  ihm  ;  und  wie  Helmbrecht 
den  jungen  Bauern  in  Neidharts  Gedichten  auf's  Haar  gleich  sieht,  so 
finden  wir  in  Gotelinden  ganz  dieselbe  leichtfertige  Sinnlichkeit,  die 
von  jedem  Anschein  höfischen  Wesens  geblendet  und  verführt  wird, 
wie  bei  den  Bauerdirnen,  bei  denen  sich  Neidhart  für  die  Prüderie 
der  höfischen  Damen  schadlos  hielt.  Ja  noch  mehr:  die  enthusiastische 
Erinnerung  an  Neidhart  in  den  Versen  217  ff.  scheint  fast  auf  ein 
persönliches  Verhältniss  beider  Dichter  hinzudeuten.  Jedenfalls  darf 
eine  genauere  Kenntniss  von  Neidharts  Dichtungen  bei  unserm  Dichter 
angenommen  werden.  Ich  wenigstens  kann  mich  der  Empfindung  nicht 
erwehren,  daß  die  Schilderung  von  Helmbrechts  Haube  und  von  dem 
langen  Haare,  welches  sie  bedeckte,  so  wie  von  ihrer  schließlichen 
Zerstörung ,  in  einem  gewissen  Verhältniss  steht  zu  folgenden  Versen 
Neidharts: 

Der  treit  eine  hüben,  die  ist  innerthalp  gesnüeret 

und  sint  uzen  vogclin  mit  siden  uf  genät. 

da  hat  manic  hendel  sine  vinger  zuo  gerüeret 

e  si  si  gezierten;  daz  mich  niemen  liegen  lät. 

er  muoz  dulden  minen  vluocli 

der  ir  ie  gedähte, 

der  die  siden  und  daz  tuoch 

her  .von  Walhen  blähte. 

Habt  ir  niht  geschouwet  sine  gewunden  locke  lange 

die  da  hangent  verre  vür  daz  kinne  hin  ze  tal? 

in  der  hüben  ligent  si  des  nahtes  mit  getwange 

und  sint  in  der  mäze  sam  die  krämesiden  val. 


460  CARL  SCHRÖDER 

von  den  snüeren  ist  ez  reit 

innerthalp  der  hüben, 

vollecliche  hände  breit, 

so  ez  beginnet  strüben. 

Er  wil  ebenhiuzen  sich  ze  werdem  ingesinde 

daz  bi  hoveliuten  ist  gewahsen  unde  gezogen. 

begrifents  in,  si  zerrent  im  die  hüben  also  swinde, 

e  er  wrenet  so  sint  im  diu  vogelin  enpflogen.  (Neidhart  S.  86.) 
Dieser  inhaltlichen  Verwandtschaft  entsprechend  werden  wir  un- 
sern  Dichter  auch  räumlich  in  der  Nähe  der  dörfischen  Hofpoeten 
suchen  dürfen,  also  am  besten  da,  wo  jene  die  hochherzigste,  gast- 
lichste Aufnahme  und  stäte  lebendige  Anregung  gefunden  hatten:  am 
Hofe  Friedrichs  II.  des  Streitbaren  zu  Wien.  Und  in  der  That  be- 
gegnet uns  hier  eine  Persönlichkeit,  die  unserm  Suchen  so  zahlreiche 
Anhaltspunkte  bietet,  daß  wir  kaum  noch  von  Vermuthungen,  sondern 
von  Wahrscheinlichkeit  reden  dürfen.  Und  diese  Persönlichkeit  ist  der 
am  Hofe  des  letzten  Babenbergers  viel  genannte  Bruder  Wernher. 

Die  äußerliche  Gleichheit  des  Namens  kann  bei  dem  häufigen 
Vorkommen  desselben  nicht  als  einzig  stringentes  Beweismittel  ange- 
führt werden,  obgleich  sie  natürlich  eine  starke  Stütze  für  unsere  Ver- 
muthungen abgibt.  Auch  die  Zeitbestimmungen  sprechen  für  uns.  Das 
Gedicht  von  Helmbrecht  wurde  verfässt  nach  Neidharts  Tode  und 
noch  zu  Lebzeiten  Kaiser  Friedrichs  II.  (v.  217.  411),  also  etwa  zwi- 
schen 1234  und  1250,  und  Bruder  Wernher,  der  schon  um  1217  nach- 
zuweisen ist  (MSH.  IV,  516) ,  klagt  noch  20  Jahre  nach  des  letzten 
Babenbergers  Tode  um  diesen  edlen  Fürsten  *).  So  war  er  also  am 
Hofe  zu  Wien  ein  Genosse  des  Kreises  ,  in  dem  Neidhart  eine  so 
hervorragende  Rolle  spielte,  und  muß  naturgemäß  in  vielfältiger  per- 
sönlicher Berührung  mit  diesem  gestanden  haben.  Sehen  wir  uns  denn 
also  die  Persönlichkeit  des  Bruders  Wernher  etwas  genauer  an. 

Wernher  ist  nicht,  wie  sein  Beiname  andeuten  könnte,  ein  Geist- 
licher. Er  selbst  nennt  sich  einen  Laien  (MSH.  II,  231b)  und  seine 
Herkunft  aus  einem  edlen  Geschlechte  deutet  sein  Wappen  in  der 
Manessischen  Handschrift  an  (MSH.  IV,  514).  Vielmehr  heißt  er  wohl 


*)  ich  hän  geklaget  und  klage  ez  an 
wol  zweinzic  jar  ie  baz  unt  baz 

uut  niuoz  ouch  an  min  ende  klagen  den  vürsten   Vriderich.  MSH.  III,   12b. 
Die  so  beginnende  .Strophe  ist  in  Österreich  gedichtet,  wie  der  Schluß  beweist: 
vil  worder  künic  uz  Beheiralant,  wiltu  dich  gegen  vienden  schäm, 
so  hilf  den  biderben  uz  Österriche  uut  habe  üf  mir,   dir  mag  nie  missevarn. 


HEIMAT  UND  DICHTER  DES  HELMBRECHT.  4fi| 

nur  so  als   Wallbruder,    der  durch  das  Kreuz  zu  der  großen  Brüder- 
schaft der  Wallfahrer  gehörte,  eben  nur  als   L'ilger,  nicht  als  Krieger. 
So   stellt   ihn    auch    das  Gemälde    der   Manessischen  Handschrift   dar: 
ein  Pilger,  mit  seinem  Reisebündel  auf  dem  Rücken,  auf  seinen  Stab 
gestützt  u.  s.  w.    (MSH.  IV,  516).     Unser  Dichter  war   ein    fahrender 
Sänger,  ein  gartenmre  *) ;  er  berichtet  von  sich  selbst : 
sint  daz  ich  gedenke,  vil  der  järe 
han  ich  der  lande  vil  durchvarn;     (MSH.  II,  235\) 
er  war  am  Rhein,    in  Nürnberg,    im  gelobten  Lande  und  spricht  von 
einer  Fahrt  nach  Schwaben,    die  er  vorhat   (MSH.  III,  17";  II,  234b; 
2317,  230a).  Ferner  singt  er  das  Lob  eines  Herrn  von  Orte,  sowie  der 
Grafen  von  Osterberg,    von  Hinnenberg   und   von   Hunesburg    (MSH. 
II,  233'';  III,   19a,   15",  14"),    was  wohl  darauf  hinweist,    daß    er   auf 
seinen  Fahrten  ihre  Burgen  besuchte  und  dort  Aufnahme  fand.    Seine 
Heimat  ist  mit  Sicherheit  nicht  nachzuweisen,  doch  dürfte  am  sichersten 
daraus,  daß  ihn  selbst  die  schweren  Wirren,  unter  denen  nach  Fried- 
richs des  Streitbaren  Tode  und  während   des  Interregnums  Osterreich 
erseufzte,    nicht  von  dort   vertrieben  haben**),    der  Schluß    zu   ziehen 
sein,  daß  er  ebendaselbst  zu  Hause  war.    Bei  allen  seinen  Fahrten  ist 
unser  Dichter  arm  geblieben.     Er  klagt  sein  Unglück,    daß    von   dem 
milden  König  Konrad  ihm  keine  Gabe  geworden  ist  (MSH.  II,  233") 
am  Rheine  hat  er  seine  Noth  geklagt   und   um  Abhülfe  derselben  ge- 
worben,   aber  schmale  Gabe   hat  man  ihm  gegeben    (MSH.  III,   17b); 
er  muß  des  Gutes  gar  entbehren  und  der  Mangel  hält  die  Wache  vor 
seinem  Hause  (MSH.  III,  18a,  19*).  Ebenso  ist  es  mit  dem  Dichter  des 
Helmbrecht:    wie  viel  er  auch  im  Lande  umherfährt,    doch   findet    er 
nirgend  eine  Stätte,  wo  er  so  aufgenommen  wäre,  wie  es  Helmbrecht  ge- 
schah (v.  847—50),  und  der  leise  durchklingende  Neid  bei  der  Schilderung 
von  Helmbrechts  Kleidern,   bei  der  Aufzählung  der  Speisen,  die  dem 
Burschen  vorgesetzt  wurden,    weisen   auf  gedrückte  Verhältnisse   hin. 
Der  Dichter  des  Helmbrecht  ist  ein  ernster  Mann  voll  sittlicher  Strenge. 
Er  redet  zu  uns  durch  den  Mund   des   alten  Helmbrecht;    die    weisen 
Lehren  desselben,    daß  die  Überhebung    über  den  eigenen  Stand    und 
das  Ringen   wider    die    von    Gott   gesetzte    Ordnung    vom    Übel    sind, 
daß  der  Bauer  sich  nicht  zum  Gesellen  der  Hollcute  schickt,  daß  aber 
auch  der  Reiche  und  Vornehme  nichts  gilt,  so  er  der  Tugend  entbehrt, 
daß  vielmehr  diese  der  einzige  Werthmesser  des  Menschen  sein  muß, 


*)  Schindler,  bair.  Wb.  2,  68.  Pfeiffer,  Forschung  and  Kritik   18. 

**)  S.  oben  die  Anm.  S.  480. 


462  CARL  SCHRÖDER 

—  alle  diese  kernigen  Auslassungen  sind  die  Anschauungen  des  Dich- 
ters selbst,  seine  eigenen  Empfindungen,  die  ihn  in  Helmbrechts  schreck- 
lichem Schicksale  nur  das  Walten  gerechter  Vergeltung  erblicken  lassen. 
Und  alles  das  ist  auch  genau  die  Anschauung  des  Bruder  Wernher, 
in  eben  derselben  kernigen,  schlichten,  prunklosen,  aber  desto  eindring- 
licheren Sprache  vorgetragen.  In  den  ernstesten  Tönen  klagt  er  über 
den  Verfall  der  Zucht,  und  immer  besonders  unter  der  Jugend ; 

ane  twanc  lät  man  die  jungen  wesen  (MSH.  III,  121") 
singt  er,  und 

nü  hat  ez  sich  verkuret  so  daz  man  die  jungen  tilgende  niht  enlert;  (ebd.) 
ferner: 

hat  swach  geburt  groz  übermuot,  da  kieset  tören  bi  (MSH.  II,  228b), 
Worte,  die  man  als  Motto  vor  den  Helmbrecht  setzen  könnte,  so  sehr 
entsprechen  sie  den  darin  enthaltenen  Lehren,  dem  überall  hervor- 
tretenden Streben  nach  kurzem  sententiösem  und  gnomischem  Ausdruck 
der  Gedanken.  Wer  würde  nicht  glauben,  denselben  Mann  zu  hören, 
wenn  er  vernimmt: 

ein  armer  der  ist  wolgeborn,  der  rehte  vuore  in  tilgenden  hat, 
so  ist  er  ungeslahte  gar,  swie  riche  er  si,  der  schänden  bi  gestät 

(MSH.  II,  232ft) 
und  wiederum : 

mir  geviele  et  michel  baz 

ein  man  der  rehte  taete 

unt  dar  an  blibe  statte. 

wasr  des  geburt  ein  wenig  laz, 

der  behagte  doch  der  weilte  baz 

(lau  von  küniges  fruht  ein   man 

der  tugent  noch  ere  nie  gewan. 

man  hat  des  swachen  mannes  kint 

für  den  edelen  höchgeborn 

der  für  ere  schände  hat  erkorn  (v.  487  ff.). 

Wer  meinte  nicht  die  Ermahnungen  des  biedern  Alten  an  seinen 
Sohn  zu  hören  in  folgenden  Versen: 

ez  warnet  maniger,  daz  er  si 

daz  er  nie  wart  noch  niemer  wirt, 

unt  lebt  doch  in  dem  wäne  also  vil  gar  nach  gouches  siten. 

ern  wil  sich  niender  vüegen  hin, 

dar  er  wol  hurte  und  iedoch  von  allem  rehte  wzere: 


HEIMAT  UND  DICHTER  DES  HELM  BRECHT.  463 

er  wil  sich  zücken  vür,  daz  heize  ich  tören  sin. 

kumt  er  ze  hove,  da  seit  er  sinin  lügelichen  maere.   (MSH.  232H.) 
Und   wie   sehr  klingt  es   in   fast  wörtlicher  Übereinstimmung   wie   ein 
Ausspruch  desselben  Dichters,  wenn  Gotelinde  klagt: 
diu  girheit  ze  helle 
in  daz  abgründe 

vellet  von  der  sünde  (v.  1596  ff.) 
und  wenn  Bruder  Wernher  singt: 
daz  sie  (die  boesen)  zer  helle  müezen  varen  durch  ir  giriclfehen  muot. 

(MSH.  III,  15b). 
Kein  Gleichniss    ist   ferner   unserm  Dichter   so  geläufig,    wie  das  vom 
Blinden,  welches  er  zu  zweien  Malen  genau  ausführt  (MSH.  II,  229", 
231")    und    mit   derselben  Meisterhand    zeichnet,    mit   der  die  Fahrten 
des  blinden  Helmbrecht  uns  dargestellt  sind. 

Doch  genug  der  Anführungen,  die  hinreichend  darthun,  wie  es 
ganz  derselbe  Geist  ist,  der  aus  dem  Helmbrecht  wie  aus  den  Ge- 
dichten des  Bruder  Wernher  zu  uns  redet.  Eine  so  wundersame  Über- 
einstimmung mag  auf  dem  breiten  ausgetretenen  Wege  des  Minnesanges 
und  regelrechten  schulinäßigen  Frauendienstes  nicht  erstaunen,  aber 
daß  wir  auf  dem  schmalen  dornigen  Pfade  ernster,  lehrhafter,  strafen- 
der und  scheltender  Poesie,  der  nur  von  Wenigen  betreten  wurde, 
zwei  Dichtern  von  solcher  Harmonie  des  Gedankens  und  Ausdruckes 
begegnen  sollten,  die  noch  dazu  denselben  Namen  führen,  —  das  er- 
scheint unglaublich. 

Endlich  noch  zwei  weitere  Erwägungen,  die  eben  so  viel  Stützen 
für  unsere  Vermuthungen  sind. 

Zum  Ersten  sind  wir  durchaus  berechtigt,  wenn  nicht  gezwungen, 
noch  nach  andern  Werken   unseres  Dichters   zu    suchen ,    als   die   uns 
unter  seinem  Namen   überliefert   sind;    deren    sind    sehr   wenige,    und 
doch  spricht  Wernher  ausdrücklich  von  der  großen  Menge  seiner  Dich- 
tungen,  die  uns  bei  seiner  langen  dichterischen  Thätigkeit  (12 IT — 66) 
nicht  überraschen  kann.    Er  sagt  nämlich: 
ich  hau  so  vil  gesungen  ie,  daz  maneger  nu  geswüere  wol 
ich  hete  gar  gesungen  uz;  ich  han  noch  ganze  winke!  vol 
der  kunst,  diu  reht  an  singen  zimt,  als  ich  si  bringe  vür,  |  MSH.  II,  229b) 
eine  Stelle,    die  noch  eine  ganz  besondere   Bedeutung  gewinnt,    wenn 
wir  sie  im  Zusammenhange  mit  einer  anderen  betrachten.   \\  o  nämlich 
der  Dichter  von  seinen  vielen  Fahrten  gesprochen  hat,  fahrt  er  fort: 
so  kenne  ich  ouch  der  dorfe  deste  mere, 
ich  kan  ouch  deste  baz  gesagen 
wä  mit  der  man  verliuset  wirde  und  ere.    (MSH.  II,  235B.) 


4ß4  K-   A-   l'-AK'ACK 

Nach  dieser  Stelle  bleibt  kaum  ein  Zweifel  mehr.  Wozu  an  diesem 
Orte  eine  so  ausdrückliche  Erwähnung  der  Kenntniss  der  Dörfer  und 
also  auch  der  ländlichen  Bevölkerung,  wozu  im  Zusammenhange  damit 
der  Hinweis  auf  Sittenschilderungen  und  die  nachdrückliche  Versi- 
cherung, daß  diese  Kenntniss  ihn  zu  derartigen  Schilderungen  befähige, 
wenn  nicht  eine  Anspielung  auf  ganz  concrete  Arbeiten  des  Dichters, 
die  also  ihre  Stoffe  aus  dem  Leben  der  Dörfer  entnommen  haben  mäßen, 
beabsichtigt  war,  vielleicht  eine  Verteidigung  derselben  gegen  erfolgte 
Angriffe,  eine  Zurückweisung  etwaigen  Tadels?  Eine  solche  Beziehung 
liegt  klar  vor:  es  wäre  sinnlos,  eine  Kenntniss  der  Dörfer  besonders 
zu  betonen,  wenn  es  sich  um  höfische  Schilderungen  handelte.  Ja  selbst 
wenn  wir  nun  nach  allen  vorausgegangenen  Erwägungen  in  unserer 
Stelle  eine  directe  Beziehung  auf  den  Helmbrecht  finden,  so  ist  das 
so  wenig  gezwungen,  daß  sich  kaum  gegründete  Einwendungen  werden 
machen  lassen. 

Fassen  wir  nun  zum  Schluß  das  bisher  Gesagte  kurz  zusammen, 
so  ist  zunächst  der  Gewinn  zwar  unbedeutend ,  indem  ein  unumstöß- 
licher urkundlicher  Beweis  nicht  hat  geführt  werden  können.  Allein, 
wie  schon  von  anderer  Seite  bei  ganz  ähnlicher  Gelegenheit  mit  Erfolg 
behauptet  worden  ist,  ist  in  Fragen  wie  die  vorliegende  auch  ein  hoher 
Grad  von  Wahrscheinlichkeit  ein  Gewinn,  und  die  zahlreichen  Anhalts- 
punkte ,  die  wir  für  die  Identität  des  Bruder  Wernher  mit  Wernher 
dem  Gärtner  beigebracht  haben,  dürften  selbst  für  eine  nicht  geringe 
Wahrscheinlichkeit  vollauf  genügen. 

BAGNERES  DE  KIGORRE,  im  August,  18G5.  CARL  SCHRÖDER. 


DEUTSCHE  PREDIGTEN  DES  XII.  JAHRHUN- 
DERTS. 


VON 

K.  A.  BAEACK. 


Im  Anschluß  an  die  Abdrücke  deutscher  Predigten  des  XII.  bis 
XIV.  Jahrhunderts  von  Hoffmann,  Leyser,  Karl  Roth,  Franz  Pfeiffer, 
Mone,  Grieshaber  u.  a.  folgen  hier  einige  Predigten,  welche  die  Donau- 
eschinger  Handschrift  Kr.  290  (s.  die  Hss.  der  fürstlich  Fürstenber- 
gischen  Hofbibliothek  zu  Donaueschingen  von  Dr.  K.  A.  Barack,  1865, 
S.  233)  enthält.  Leider  umfasst  diese,  ein  Bruchstück  von  sechs  auf- 
einander folgenden  Blättern  in  4°.  nur  drei  vollständige,  den  Schluß 
einer   vorausgehenden    und    den  größern  Theil   einer  darauf  folgenden 


DEUTSCHE  PREDIGTEN  DES  XII.  JAHRHUNDERTS.  465 

Predigt.  Für  die  Sprachwissenschaft  dürften  sie  das  gleiche  Interesse 
beanspruchen,  wie  die  bereits  veröffentlichten,  um  so  mehr,  da  sie  in 
Bezug  auf  das  Alter  den  meisten  derselben  vorangehen.  Der  Abdruck 
geschieht  genau  nach  der  Handschrift ,  wenige  Fälle ,  die  besonders 
bemerkt  wurden,  und  soweit  der  Druckapparat  die  Acccntuierung  der 
Handschrift  gestattete,  ausgenommen. 

1 n  vergebe  .  ob  er  mit  ihte  vnfer  deheinen  geleidiget  habe.  Vnfer  herre 
göt  der  dvrh  fvndere  her  in  erde  gerrvcchte  ze  körnen  .  der  vergebe 
im  allez  daz  .  daz  er  ie  getäte  wider  fine  hvlde  .  vnde  gerrüeche  fine 
feie  ze  ledigene  vz  ir  nöten  vnde  vz  ir  wizen  .  vnde  gerrüeche  fie  ze 
beftatene  ze  den  ewigen  gnaden. 

Dominica  .  In  Aduentv  domini. 
Scientes.  quia  hora  est  iam  nos  de  Jonmo  furgere.  Iz  ift  alz  an  daz 
zit.  mine  karissimi.  daz  wir  vnl  gerrehten  vnde  bereiten  Ivln  gegen 
der  heren  vnde  der  heiligen  kümfte  vnferf  herren  des  heiligen  criftes. 
Von  diu  ratet  vnde  meinet  vnl'.  fanetus  paulus;  vnde  fprichet  difiv 
wort,  die  wir  nü  fprachen  .  Scientef .  quia  ltora  est .  Er  Iprach  .  Ir  fvlt 
wizzen  mine  karissimi;  vnde  Ivln  deheinen  zwivel  haben  .  wand  diu 
zit  ift  körnen,  daz  wir  vf  ften  fvln  von  deme  flafe.  Daz  zit  da  von 
s.  paulus  gefprochen  hat;  daz  ift  daz  beherte  vnde  daz  vzgenömen 
zit.  des  ampfangef  der  gebvrte  vnlers  herren  def  heiligen  criftef.  die 
wir  nü  zehant  begen  Ivln  .  Selik  fint  die  .  die  in  mit  triwen  vnde  mit 
warheite.  vnde  mit  der  liüterheit.  der  reinekeit  ir  libes  vnde  ir  herzin 
in  pfahent.  Daz  fint  die  rehten  menifchen  vnde  fint  oveh  die  l'üntare. 
die  nü  üf  l'tent  von  den  tasgelichen  vnde  von  den  havbet  haften  lünten. 
Zu  den  fprichet  diu  heilige  ferift.  Euigilaie  iußi.  et  nolife  peccare.  Ir 
rehten  liüte  .  ir  fvlt  erwachen  .  vnde  fvlt  niht  lünten  .  Min  karissimi. 
die  feiigen  die  wachent  nv  .  mit  ir  arbeiten  mit  vaften.  mit  ir  kirch- 
gengen.  mit  ir  almüfe  .  mit  ir  gebete  .  da  fie  mite  laden  zu  in  den 
heiligen  crift .  mit  ir  zehern  vf  ir  knien  .  vnde  fprechent  difiü  wort. 
Veni  et  libera  n.  d.  n.  Herre  kvme  .  vnde  erledige  vnl  .  von  vnfern 
fünten  .  Wir  fvln  in  oveh  biten  .  alf  in  die  wi Ifagen  da  baten;  daz 
er  in  werlte  körne  .  Sie  rvften .  Veni  domini  et  noli  tardare  r.  f.  p.  t. 
Herre  körn  her  ze  vnf.  vnde  fv"me  dich  niht  vnde  vertilige  die  fvnte. 

lb  die  mi  ff  etat  dinesj   — *)  vnde  Iprach  auer.    Veni  domine  wfitarc 

v.  in  p.  ut  l.  c.  t.  c.  p.  Nü  herre  sprachen  fie  kvme  vnde  gewife 
vns  in  dinem  fride.  daz  wir  vns  müezen  gevrewen  mit  l'aint  dir.  Ift 
daz  alfo  daz. daz  wir  in  nü  ane  rüefen  vnde  laden  in  difera  heiligen 


*)  Ein  Wort  verwischt, 
GERMANIA  X.  30 


466  K-  A-  BARACIC 

zite  fo  ift  er  alfo  garwar  bi  vns  vnde  fprichet.  Ecce  ciffum  quid  uoca- 
ftis  me.  Sehet  wa  ich  bin. den  ir  äne  gerüefen  habet  .  vnde  fprichet 
aver  fa  .  Ecce  ego  itenio  .  et  habitabo  in  medio  tuj  .  wartet  wä  ich  küme; 
vnde  wil  wonen  mit  dir  .  Nv  fvln  wir  ovch  verneinen  mine  karissimi 
daz  heilige  ewangelium'  daz  vnf  fcribet  fanctus  inatheuf  .  der  heilige 
ewangelifta  .  Er  feit  vns  hivte  von  der  kümfte  def  almehtigen  gotis. 
Er  fcribet.  do  vnfer  got  nahete  ze  ierufalem.  vnde  köm  ad  montem 
oliua?ti  .  ze  dem  olperge  .  do  fanter  zwene  fine  iüngern  .  vnde  fprach 
zu  in*)  .  Get  in  daz  kaftel  .  daz  gegen  iü  ift;  da  vindet  ir  eine  efelinne 
gebvnden.  vnde  ir  vo"len  .  Lofet  fie  fprach  er.  vnde  bringet  mir  fie. 
Daz  täten  die  jvngern  vnferf  herren;  fie  brahten  im  die  efelinne  vnde 
füle  .  vnde  leiten  ir  gewant  vf  fie  vnde  hiezen  in  dar  vf  fitzen  .  Do 
er  do  nahete  ze  ierufalem  .  do  kam  daz  lantvolk  vil  nach  allez  gegen 
im.  mit  lobe  vnde  mit  fange  .  Svmeliche  die  wrfen  ir  gewant  an  den 
wek  .  da  er  hin  varen  folte  .  die  andern  brächen  aver  die  grünen  zwier 
abe  den  boümen  .  vnde  ftravten  an  den  wek  .  Div  menege  div  da  vor 
vnde  nach  vür  .  diu  rvfte  vnde  fank  .  Ofannafilio  d.  b.  q.  v.  in  n.  d. 
Lob  vnde  ere  fie  dem  dauid  fün  gefegent  fi  der.  der  da  kommet  jn 
dem  nämen  vnferf  herren  .  Daz  ift  daz  heilige  ewangelium  .  Nv  wir 
verneinen  waz  iz  bezeichene  .  Daz  nähen  daz  vnfer  herre  tet  ze  ieru- 
salem  .  daz  ift  fin  vil  groziü  gute  .  damite  er  fich  wolte  nähen  zu 
den  menifchen  .  Von  diu  fprichet  .  Reuertar  ierufalem  cum  miferieordia. 
Ich  wil  komen  ze  ierufalem  in  miner  barmede  .  Von  div  kom  er  och 
ze  dem  olperge  .  wän  alf  daz  ole  allem  dem  vliezentem  obe  fwebet.| 

2aalfo  vber  trifi'et  (in  erbarmede  vnfers  herren  elliv  dink  .  Die  zwene 
ivnger  die  er  fante  jn  daz  kaftel  .  die  bezeichent  div  **)  mjnne  vnfers 

•  herren  gotis;  vnde  vnfers  nähelten.an  die  niemen  genefen  mak;  daz 
fie  lerten .  vnde  predigoten  .  Sie  brahten  ime  die  efelinne  .  div  da  was 
gebvnden.  vnde  daz  fvle.  wand  got  beidiv  iuden  vnde  beiden  wolte 
behalten;  vnde  heilik  machen  .  Von  div  hiez  er  fie  beidiv  bringen; 
do  er  fprach  .  Ite  in  orbem  uniuerfinn  et  predieate  .  Vart  jn  die  weilt 
fprach  er.  vnde  brediget  .  Swer  fo  gelovbet  vnde  getoilfet  wirt .  der 
ift  behalten;  fwer  def  niene  wirt  .  der  müez  verlornen  werden  .  Die 
jvngere  vnfers  herren  .  leiten  ir  gewant  vf  daz  vihe  .  Daz  bedivtet 
daz  .  fo  fie  den  heiligen  gelovben  lerten  .  vnde  daz  livt  toüften  .  do 
wrden  fie  des  wirdek  .  daz  got  vf  in  rvwete  .  Div  menige  div  daz 
gewant  an  den  wek  ftravte.  daz  wären  die  heiligen  patriarchen.  vnde 
die  heiligen  wiffägen  .  die  da  kvnten  vnfern  herren  .  daz  er  komen 


\)  H$.  rin.       f*)  Es.  ziv. 


DEUTSCHE  PREDIGTEN  DES  XII.  JAHRHUNDERTS.  4ß7 

folte  .  Die  livte  die  cliv  grünen  zwier  abc  den  boümen  brachen  .  daz 
fint  die  heiligen  xij.  apoftoli  .  vnde  die  heiligen  martires.confeffores. 
die  heiligen  bihtigere  .  vnde  die  reinen  megede  die  die  martyr  Uten, 
vnde  die  not  in  (inem  nämen;  vnde  machten  jm  einen  wek  her  zvnf. 
Diu  michel  menege  .  div  da  vor  vnde  nach  vür  .  daz  fint  die  vor 
cristes  gebvrte.  vnde  fit  gelovbtcn;  die  (Vngen  einen  fank  vnde  einen 
lop  .  wand  fie  beide  warden  mit  finer  martyr  geheiliget  .  Nu  mine 
karissimi  .  nv  fvln  oveh  wir  mit  der  heiligen  menige  vnfer  herze 
vnde  vnfer  ftimme  vfheven  gegen  vnferrn  erlofere  .  vnde  fvln  fprechen 
J-medictus  qni  v.  jn  n.  d.  Willekomen  vnde  gefegent  fift  du  .  dv  da 
körnen  bift  jn  dem  namen  dines  vater  .  vnde  hilf  vns  .  daz  wir  dich 
alfo  mvezen  enpfahen  .  jh  diner  menifcheit  .  daz  dv  vns  noch  her  nach 
enpfaheft  jn  diner  magenkrefte  .  Nv  bite  wir  den  heiligen  crilt  .  daz 
er  vns  genadecliche  gerveche  ze  komen  .  Vi  non  jitueniat  nos  in  peecutis 
2b  dormientes .  fed  in  Juis  laudibus  e.ruhantes;  daz  er  vns  icht  jvinde  llafende 
in  den  fvnden  .  vnde  des  gerrveche  ze  verliehen  daz  wir  müezen  vro- 
lichen  wachen  in  finem  lobe  vnde  in  (inem  dienfte  .  vnde  daz  wir 
dar  komen  müezen  da  er  lebet  vnde  richfet.  per  omnia  f.  f.  Ad  po- 
piilum  .  Nv  hevet  iwern  rvf  zem  almehtigen  gote  .  daz  er  iv  helfe  an 
dem  Übe  .  vnde  an  der  feie. 

Dominica  .  ij. 

INgredere  in  petram  homo  et  abjeondere  fojj'ci  Jnimo  afacie  domini  e. 
a  gloria  maieftatis  eius  .  Vns  retet  diu  heiligiü  feripf.  daz  wir  vns  vil 
gnöte  gerrehten  gegen  der  heiligen  kvmfte  vnfers  herren  des  almeh- 
tigen gotis;  die  wir  nü  begen  fvln.  Beati  qui  parati  sunt  oecurrere  Uli. 
Selik  fint  die  die  in  wirdeclichen  vnde  rvchlichen  enpfahent .  Diz  zit 
da  wir  alzan  inne  fin  mine  karissimi  .  daz  fvl  wir  wizzen  .  daz  heizet 
aduentus  domini.  diu  heiligiü  kümpft  vnfers  herren  des  heiligen  criftes; 
vnde  bezeichent  oveh  daz  er  komen  wil  an  dem  jvngeftem  tage  zer- 
teilne  lebendige  vnde  töten  .  Uistrictus  rediens  arbiter  o.  q.  m.  in.  t.  Da 
komet  er  in  finer  magenkrefte  .  vnde  mit  dein  vleifche  daz  er  enphie 
von  vnferer  vrowen  l'ante  Marien  .  vnde  komet  zorniger  vnde  grem- 
licher.  der  nü  femftcr  vnde  diemüter  in  dife  weilt  kom  von  diu  ftet 
da  geferiben  .  Ignis  ante  ip,  p.  et  i.  in  c  i.  eius.  Da/,  iifir  vert  vor  ime 
vnde  verbrennet  alle  fine  vient  .  Sine  viante  fint  jvden  vnde  beiden. 
vnde  die  vblen  cristene  .  die  got  vor  oügen  niht  habent  .  die  vf  in 
niht  ahtent  .  den  div  weilt  lieber  ilt  denne  I in  riebe  .  Den  komet  er 
zorniger  vnde  blüetiger  alfo  div  bveeh  fagent  .  Videbunt  in  quem  Iranj- 
jlxerunt  .  In  gefehent  alle  die. die  in  verwuntet  habent  .  vnde  l'prichet 

30* 


468  K.  A.  BARACK 

aver  diu  fcrift .  In  die  illa  oftendet  uulnera  fua  .  An  deme  tage  fo  zeiget 
er  fine  wnden  .  Ideo  karissimi;  fvln  wir  daz  merken,  daz  alle  die 
die  niht  rehte  lebent;  vnde  im  finer  kumfte  .  l'iner  gebvrte  vnde  fixier 
martir  niht  dankent;  die  fint  alle  im  fchvldik  .  wände  die  not  .  die| 
3"  wenekeit  die  er  leit  .  die  leider  vmbe  allez  menifchen  kvnne  .  Diefe 
ligen  die  aver  nii  im  gedienet  habent  vnde  in  wol  enpfahent  nv  in 
finer  fvezen  zvkvmfte  .  die  enphehet  er  oveh  wol  in  finem  vortlichem 
gerihte  .  er  fprichet  zv  in  .  Venite  b.  p.  M.  körnet  ir  gefegenten  mines 
vaters :  vnde  enphahet  daz  riebe  daz  iü  gegerwet  ift  von  anegenge 
dirre  werlte.  Von  der  nöte.  vnde  von  den  angeften  die  an  dem  ivn- 
o-esten  täo-e  werden  fol  .  mine  vil  lieben  feit  vnf  oveh  luvte  daz  heilige 
ewangelium  .  daz  man  lifet  ze  gotis  dienfte  vnde  fprichet  .  Nam  vir- 
tutes  celorum  moitebuntur  .  Joch  die  engele  .  darn  himele  die  werdent 
beweget  vnde  geleidiget  vmbe  die  angelt  .  die  fie  ane  fehente  werden. 
Er  vorfeit  vns  oveh  vnfer  herre  an  dil'ern  ewängelio  .  daz  michel  zei- 
chen gefchehen  e  des  fün  täges  .  an  der  fvnnen  .  vnde  an  deme  manen. 
an  deme  geftirne  .  vnde  von  deme  doze  des  meris;  vnde  daz  liüte 
beginnen  ze  dorrene  vor  vorhte  .  von  der  bitvnge  der  grozer  miie 
diu  da  kvmftik  ift  aller  der  werlt  .  Div  zeichen  mine  karissimi!  an 
der  fvnnen  .  vnde  an  deme  mänen  ( — *)  habent  sich  ofte  verwandelt. 
Iz  ift  täges  ofte  groze  vinfter  worden  .  Ete  wenne  fint  fie  fwarz 
worden  .  ete  wenne  rot  .  fam  daz  blüt  .  Daz  bezeichent  allez  die  wan- 
delvnge  dirre  werlte  .  Von  div  mine  karissimi.  ift  daz  vns  vor  gefeit, 
vnde  geferiben  .  daz  wir  vns  wandeln  vnde  bekeren  vnfers  vnrehtes. 
wand  wir  fin  alzan  an  dem  ende  .  da  von  S.  paulus  fprach  .  Nosfumus 
in  quos  fines  Jeculortim  denenerunt  ,  Wir  lin  iz  die  .  die  an  daz  ende 

.  der  werlte  komen  fint  .  Des  enften  wir  vns  wol  alzan  von  der  grözen 
ahtfal  .  daz  in  der  heiligen  criftenheit  ift  .  wand  triwe  vnde  warheit 
gar  gelegen  ift.  vnde  ift  vil  gewis  da  von  .  daz  der  antecrist  schiere 
körnen  fol  der  allez  daz  ze  vüeret  .  daz  dir  gütis  vnde  rehtes  ist  .  jn 
dirre  werlte  .   Alfo  da  f'tet  geferiben  .    Ecce  uenit  anticrist  qui  uocatur 

3b  diabolus  et  Jathanas .  qui  feducit  unj  uerfam  orbem.  Wartet  wa  der  anti- 
crist kvmet  .  der  verraten  wil  alle  die  werlt  .  wir  miigenz  dabi  wol 
verften  daz  er  feinere  kome  .  wand  fine  vorboten  richfent  vil  gnöte. 
alfo  daz  heilige  ewangelium  anderlwa  gefprochen  hat .  Et  multi pfeudo 
venient.et  multos  fedneent  .  Iz  koment  vil  trügenere  vnde  betriegent 
vnde  verkerent  vil  manigen  menifchen  .  Die  pfeudo  .  die  falfchere  daz 

_ 

*)   Ein   hiehcr   gehörender  kleiner  Zu^Htz  am  Rande   ist   nur  theibveise  zu  ent- 
ziffern. 


DEUTSCHE  PREDIGTEN  DES  XII.  JAHRHUNDERTS.  469 

fint  vnrehte  lerare .  die  vnrehten  rihtere  .  daz  fint  ovch  fterzere  vnde 
lotere  .  vnd  ander  vnnütze  volk;  diefelbe  niht  gutes  tünt  vnd  irrent 
ander  guter  dinge  .  Nv  wizzen  inine  karissimi;  daz  zit  vnfer  hine- 
verte  vnde  daz  wir  gelten  l'vln  ze  dem  gerrihte  des  almehtigen  gotis; 
da  wir  antwrten  müezen  .  vmbe  allez  daz  wir  ie  getäten  .  fo  fvln 
wir  tun  .  alf  vns  Efayas  der  heilige  propheta  ratet  .  Ingredere  ho.  et 
ab.  f.  h.  a.  f.  d.  et  a.  g.  m.  eins.  Er  fprach  .  Dv  menifche  dv  folt  gen 
in  den  ftein  .  vnde  folt  dich  verbergen  in  der  grübe  der  erden  .  vor 
dem  antlutze  des  almehtigen  gotis!  vnde  vor  den  eren  i'iner  magen- 
krefte  .  Der  ftein  da  man  vns  retet  in  ze  gen  .  daz  ift  der  heilice 
erift  .  da  von  gelcriben  ift  .  Petra  autem  erat  cristus.  In  den  ftein  fvln 
wir  vns  verpergen;  vnde  fvln  vnf  kreftigen  mit  ime .  wan  ane  in  lone 
mege  wir  niht  tun  .  Alf  er  leibe  fprach  .  Sine  me  nichil  pote/tis  facere. 
Tvn  wir  daz  tone  mak  vns  der  leidige  viant  niht  gefchäden  .  Wir 
fvln  vns  ovch  verpergen  in  die  grvben  der  erden  .  Daz  ift  .  penitentiam 
agamus  in  fauilta  et  cinere  .  Wir  l'vln  in  der  grüben  .  der  grozen  riwe 
die  hvlde  gewinnen  des  almehtigen  gotis  .  Des  gerrveche  er  vns  ze  gera- 
tene dvrh  fine  goteliche  gute .  fwenne  er  körne  an  lin  gerihte .  daz  er  vns 
rüeche  ze  ftellene  ze  finer  ze  fewen.  vbi  ipse  gloriatur  in  f.  f.  AMen. 

Dominica  .  iij. 
GAudete  ju  domino  semper  jterum  dico  gaudete  .  dominus  enim  prope 
est  .  In  difen  heiligen  ziten  der  vronen  kvmfte  vnfers  trehtins  .  fo  ratet 
1  vns  |  S.  paulus  der  böte  des  almehtigen  gotis  alfo  wir  hiüte  fingen 
an  dem  vronem  ambete  .  vnd  an  deme  wunneclichem  gotis  dienfte. 
da  mit  wir  die  meffe  äne  heven ;  wie  wir  leben  vnde  tun  fvln  .  Er 
fprichet  .  ir  fvlt  ivch  vrowen  in  vnferm  herren  .  Swer  fich  vrövt  jn 
gote  mine  karissimi  .  der  vrevt  lieh  wol  .  wan  der  vrevt  def .  waz  got 
mit  im  getan  habet .  daz  er  dvrh  in  kom  in  dile  weilt .  vnde  daz  er 
gemartirt  wart  .  daz  er  erftvnt  von  deine  tode  .  vnde  ze  himele  für. 
vnd  ob  er  rehte  leben  wil .  daz  er  im  l'in  riebe  hat  tjeofnet .  So  <re- 
täne  vrevde  mine  lieben  .  da  lieh  der  menifche  fo  vrevt  div  ift  vber 
elliv  vreuden  .  Ideo  fprach  einer  vil  rehte  der  da  fprach  .  Cräridenf 
gaudebo  in  domino  Ilerrc  kod  er  ich  vrewe  mich  diu  vil  verre  .  Die 
fo  getane  vrevde  habent  die  fint  felik  Die  kint  def  leidegen  vientef. 
die  habent  ovch  vrevde.  Die  vrewen  lieh  mit  vmmazigem  ezzen  .  mit 
vbertrvnkenheit  .  mit  tanze  mit  fpile  mit  rovbe  div  diübe  .  mit 
hvre  .  mit  manigem  vmbilde  .  Die  fo  getaner  vrevden  Ipvlgent  .  diene 
habent  mit  gote  niht  zc  tüne  .  wan  die  werdent  geftozen  in  die  tiefe 
der  helle  *)  .   alfo  da  geferiben  ftet  .  Filij  huius  mundi  eicientur  foras 

*)  LI.,,  helfe. 


470  K.  A.  UAKACK 

in  tenebras  txlcrioref  .  ibi  e.  f.  et  f.  d.  Iz  kvt  div  kint  diffes  riebe f 
werden  geworfen  in  die  üzern  vinfternil'fe  da  wirt  weinen  vnde  zane- 
klaffen  .  Mit  den  mine  karissimj ;  haben  wir  niht  ze  tüne  .  Nv  fvln 
wir  verneinen  waz  vnf  mer  ift  geraten  ze  tune  .  Er  fprichet  der  apo- 
stolus  Ir  fvlt  aver  vröwen  .  Die  zw  frovde  die  er  da  meinet  .  daz 
fint  die  zw  frovde  die  wir  haben  an  deme  libe  .  vnd  an  der  feie; 
die  wir  gewinnen  fvln  an  dem  jnngeFtem  tage  .  Da  von  hat  gefproehen 
div  heilige  ferift  .  '  jimn  in  terra  fua  dvplicia  p  off  idebunt;  leticia  sem- 
piterna  erit  eif  .  Den  holden  vnfers  herren  .  den  wirt  in  vrevde  ge- 

4''  zwivaltiget  .  wan  fie  j  gewinnen  vrevde  an  dem  libe  .  vnd  an  der  feie. 
Er  fprichet  mer  .  Dominus  Noster  prope  est  .  Vnfer  herre  küt  er  .  ift 
vil  nahen  allen  mine  karissimj  .  die  (ich  ze  gote  nahent  .  mit  gvtem 
lebene;  mit  gebete  .  mit  wachene  .  mit  vaften  .  mit  kirchgengen  .  mit 
aliuvfe  .  den  daz  muzliche  ift  ze  tun  .  ze  den  naehet  er  oveh  fieh 
vnfer  herre  .  all'  der  herre  david  da  fprichet  .  an  dem  falter  .  Prope  est 
dominus  omnibus  inuocanübus  eum  in  ueritate  .  Vnfer  herre  ift  vil  nahen 
kvt  er  .  allen  den  die  in  anrvfent  mit  warheite  .  Die  rüfent  in  an 
mit  der  warheit  die  daz  meinent  mit  dem  herzen  .  daz  fie  vür  brin- 
gent  mit  dem  mvnde  .  Nv  fvln  wir  oveh  vernemen  mine  karissimi. 
waz  vns  daz  heilige  ewangelium  hiüte  feite  .  von  der  kvmfte  vnfers 
herren  des  heiligen  criftes  .  Iz  fprichet  Do  (ante  Johannes  der  heilige 
tovfere  in  deme  karchcre  lak  .  alf  in  der  kvnik  herodes  drin  warf, 
dvrh  daz  wan  er  in  raffte  vmbe  fin  vnreht  .  vmbe  fin  vberhvr;  wan 
er  faz  oftenliche  mit  fines  brvder  kone  .  vnd  er  in  den  noten  was  jn 
der  vanknvffe  .  vnde  wol  weffe  .  daz  er  den  tot  feinere  kiefen  folte. 
mit  der  martyr  .  Do  fante  er  zwene  fine.  jvngere  vnferm  herren  dem 
heilante  .  wan  er  hete  vernomen  fine  werch  .  finiü  zeichen  die  er  tet. 
vnde  fine  lere  .  vnde  hiez  in  vragen  .  ob  erz  der  were  der  kvmftek 
da  folte  fin  .  Er  weffe  wol  mine  karissimi  .  s.  Johannes  daz  erz  der 
gotis  fvn  waf  .  wan  er  jn  getovfet  hete  .  jn  deme  jordane  .  vnd  in 
den  Hüten  mit  dem  vinger  gezeiget  hete  .  do  er  fprach  .  Ecce  dgnus 
dei  ecce  qui  t.  p.  M.  Wartet  kot  er  .  wji  daz  gotis  lamp  ift  .  daz 
vertilegen  fol  die  fvnde  der  werlte  Er  ne  zwivelte  dar  an  niht  .  er 
ne  were  den  lebentigen  komen  ze  trofte  vnde  ze  gnaden;  von  div 
wolter  oveh  wizzen  .  ob  er  vnfer  herre  wolte  ze  helle  komen  .  vnde 
da  ledigen  fine  holden  .  Alf  er  fprache  .  Ich  bin  vorbote  gewefen  her 
jn  dife  werlt  .  nv  enbint  mir  ob  ich  oveh  din  vorbote  ze  helle  fvl  fin. 

äa  Den  boten  antwrte  vnfer  herre  .  [  Nv  vart  hin  widere  .  kot  er  vnde 
feit  .  iohanni  .  daz  ir  gehört  vnde  gefehen  habt  Die  blinten  die  ge- 
fehent  .  die  toren  die  gehorent  .  die  halzen  die  gent  .  die  mifelfvhtigen 


DEUTSCHE  PREDIGTEN  DES  XII.  JAHRHUNDERTS  .  471 

werdent  gerreineget  .  die  toten  erftent  .  die  dvrftigen  werdcnt  gewifet 
vnde  geleret  .  vnde  fint  die  vil  felik  kot  er  .  die  an  mir  niht  gewir- 
fert werdent  .  Die  rede  enbot  er  im  alfo;  daz  er  da  bi  folte  wizzen 
alle  die  gnade  .  die  er  begie  jn  dirre  werlte  an  den  lebentigen  .  die 
Wolter  ovch  begen  da  ze  helle  an  den  .  die  l'inen  willen  heten  getan. 
Wan  alle  mine  karissimi  .  die  ze  vngnäden  fint  .  die  fint  blint  .  wan 
fie  mvgen  gotis  niht  gefehen  .  Sie  fint  ovch  vngehornt  .  wan  fie  ne 
mügen  daz  himelifchez  gefank  niht  gehören  .  Sie  fint  ovch  halz. 
wände  fie  nimmer  dannen  komen  mügen  .  niwan  mit  den  helfen  des 
almehtigen  gotif  .  Sie  fint  ovch  mifelfvhtik  .  von  den  miflichen  fvnten. 
die  fie  begangen  habent  .  Die  töten  erftent  .  Die  toten  erftvnden; 
do  vnfer  herre  ze  helle  vür  .  vnde  die  fine  dannen  löfte  .  Die  armen 
wrden  gelert.  Daz  waren  die  armen  xij.  apostoli  vnfers  herren  .  Die 
wären  pauperes  fpiritu  .  vnde  waren  ovch  des  gutes  arm  .  die  lerte 
er  vnfer  herre  div  gebot  finef  vaters  alf  er  fprach  .  Omnia  quaecumque 
audiui  a  p.  M.  n.  f.  u-  Allez  daz  ich  hän  vernömen  von  minem  vater 
daz  han  ich  iü  allez  kvnt  getan  .  Vnde  fint  ovch  vil  felik  kot  er. 
die  an  mir  niht  gewirfert  werdent  .  Die  Juden  wrden  an  im  harte 
gewirfert  .  Do  fie  rvften  .  &i  filius  dei  es  defcende  de  cruce  .  Biftü  der 
gotis  fvn  fprachen  fie;  fo  ftik  her  abe  dem  cruce  Wand  er  vnfer  herre 
den  feiigen  wolte' komen  ze  trofte  .  dar  vmbe  enbot  er  im  die  botefchaft. 
daz  fie  im  fie  alfo  feiten  .  alf  er  in  enböten  hete  .  Da  mite  vüren  *) 
die  böten  wider  ze  ir  meifter  .  Do  begvnde  vnfer  herre  zv  der  me- 
nige  reden  von  fancto  iohanne  .  Nach  wiü  köt  er  wart  ir  gevarn  in 
die  wüfte;**)  Daz  ir  gefehet  eine  rore  div  beweget  wirt  von  dem 
5h  winde.  Derne  |  fehet  ir  an  Johanne  niht  .  Wannen  von  diu  rede  köme 
daz  fvln  wizzen  .  mine  karissimi  .  Vnfer  herre  S.  Johannes  dennoch 
do  er  kint  was;  do  hvb  er  lieh  in  die  wfte  .  vnde  lebete  da  hertes 
lebenef .  vnde  keftigete  finen  lip  .  mit  dvrfte  .  mit  hvngere;  vnde  was 
firi  gewete  geflöhten  vz  olbenten  häre  .  Do  fie  vernämen  die  grözen 
heilikeit  .  do  hüben  fie  lieh  fchärhaft  dar  .  daz  fie  befehen  l'in  leben, 
vnde  vernämen  fine  lere  .  Von  diu  vraget  er  fie  vnfer  herre  .  ob  fie 
da  fehen  eine  röre  .  alf  er  fo  fprache  .  Diu  wägente  röre  daz  ift 
iohannef .  niht  .  der  vil  vefte  vnde  der  stete  .  an  linem  gelovben  vnd 
an  finem  heiligen  leben  ift  .  vnd  an  liner  lere  .  Er  vragete  fie  aver 
waz  fie  fvchten  .  Einen  man  der  mit  linden  gewete  gevazzet  were. 
De\'  fvlt  ir  da  niht  lachen  .  wan  die  vindet  man  jn  der  kvnigo  höve. 


*)  Die  Hs.  wiederholt  iVren. 
**)  Hs.  wnste. 


472  K    A-  BABACii 

Vnde  fprach  aver  fa .  Ir  füchet  einen  wiffägen  .  zvvare  köt  er  er  ist 
mer  denne  ein  wiffäge  .  Er  ift  der  .  köt  er  .  von  deme  da  gefcriben 
ift  .  Ecce  cgo  initto  .  angelum  m.  qiä  praiparabit  v.  a.  f.  M.  Ich  wil 
fenden  rainen  engel  vur  min  antlvtze  .  der  i'ol  mir  den  wek  machen. 
Der  engel  vnde  der  böte,  was  vnfer  herre  S.  Johannes;  der  vns  den 
wek  hat  gemächet  .  Nu  fvl  wir  vni"  niht  fvmen;  wir  fvln  ilen  gegen 
der  kümfte  .  vnferf  herren  .  vnde  fvln  in  mit  triwen  vröliche  enphahen; 
daz  ovch  er  vnf  enpfahe  .    VbL  ipse  uiuit  et  r.  deus  per  o.J.  f.  AMen. 

Dominica  iiij\ 
CAnite  tuba  in  fyon;  uocate  gentes  .  annunciate  populis  etdicite.  Ecce 
deus  fal.  n.  ad.  Diz  mine  karissimi  .  ift  der  vierde  fvnnentak  .  da  wir 
inne  begen  die  heiligen   kvmft   vnferf  herren   .  Die  vier  fvnnentage. 
bezeichent  die  vier  werlt  .  die  vor  criftes  gebvrte  wären  .  Div  eine 
werlt  was  von  anegengevonadames  zitenvnzan  den  herren  noe  .  Diu  an- 
der werlt  was  von  des  herren  noe  ziten  .  vnz  an  abraham  .  Diu  dritte  was 
6a  von  abraham  vnz  an  den  herren  dauid.  Diu  [vierde  von  dauid  vnz  an  die 
gebvrt  vnfers  herren  .  In  den  vier  werlten  da  wären  jnne  die  heiligen  pa- 
triarche  Die  heiligen  kvnige  .  die  heiligen  wiffägen  .    Die  alle  predi- 
o-eten.  vnde  kvnten  .  daz  körnen  folte  vnfer  herre  .  zv  den  fprach  div 
götis  ftimme  .  difiv  wort  die  wir  nü  fprachen.  Canite  tuba  et  cetera  .  Irfvlt 
mit  dem  here  hörn  fingen  jn  l'yon  .   Div  herehorn  wären  die  heiligen 
wiffägen    .   dvrh  die  der  heilige  geilt  lank    .   div   grözen    wnder   die 
vnfer  herre  begen  wolte  .  in  dirre  weilte  .  Die  herhorn  .  wären  ovch 
die  heiligen  xij  apoftoli .  die  heiligen  martirere  .  die  heiligen  bihtigere. 
vnfers  herren  .  die  vnf  gefvngen  .  vnde  gekvndet  häbnt  die  himelifchen 
gnade  .  In  was  geböten  daz  fie  ladeten  die  cliet   .   Die  diete  wrden 
alle  gelädet .  do  er  (ante  in  die  heidenfchaft .  daz  fie  die  lerten  vnde 
bekerten  .  Alf  er  fprach  zu  (inen  jvngern  .  Ecce  ego  mitto  v.J.  o.  jnter 
lupos  .  Ich  fente  ivch  köt  er .  alfam  diu  fchaf  vnter  die  wolfe  Ännun- 
cjate  populis .  Er  fprach  .  ir  fvlt  künt  den  Hüten .  Die  Juden  hiezen  e 
mines  trehtins  Hute   wan   er   hete  fie  alfo  an  lieh  genömen  .   daz  er 
michel  wnder  mit  in  begie   .    wände   er   die  Juden  vnde  die  beiden 
zu  der  toufe  ladete  .  vnde  ze  der  criftenheit;  fo  hiez  er  kvnden  .  vnde 
fao-en  .  daz  ir  heilant  körnen  folte  .  Mine  karissimi .  diu  kvmft  vnfers 
herren  diu  ift  in  drin  ente  .  Er  kom  jn  dife  werlt  .  do  er  geborn  wart, 
er  wirt  ovch  geborn  ze  difen  wihen  nahten  den  feiigen  ze  trofte  vnde 
ze  heile  .  Alle  die  fine  gebvrt  begent  mit  der  minne  des  heiligen  geiftes. 
Er  körnt  ovch  an  deme  jvngestem  tage  .  fwenne  die  heiligen  engele 
daz  hörn  blafent  .  Alfo  da  gefcriben  ftet  .  Canet  enim  tuba  et  moituj 


DEUTSCHE  PEEDIGTEN  DES  XII.  JAHRHUNDERTS.  473 

refurgent  .  Swenae  man  daz  hörn  bläfet  fo  erftent  die  toten  .  Mine 
karissimi .  ze  der  ftimme  des  hiraelichen  hörnes  fvln  wir  vnf  gerrehten. 
6h  vnde  fvln  vn  f  ze  der  inauunge  der  heiligen  wiffagen  rihten  .  die  wol  I  we  f  fen 
daz  er  körnen  folte  .  vnde  was  des  vil  vnvrö  .  daz  er  fine  gebvrt  fo 
lank  vf  fchövp;  wän  izen  waf  ir  deheiner  fo  heiliger  .  erne  müefe 
die  vjnfter  büwn .  vnz  daz  er  felbe  körn  .  vnde  fie  dannen  lofte .  Izn 
was  ovch  ir  deheiner  fo  rehter  .  hete  er  des  fivres  niht  .  er  ravefe 
iedoch  dis  vinfter  haben  .  Dvrh  die  grözen  vnvreüden  die  fie  heten. 
fo  ne  finge  wir  niht  Gloria  jn  excelßs  deo  .  an  den  vier  fvnnetägen. 
vnze  wir  iz  vroliche  beginnen  ze  fingene  mit  den  heiligen  engelen 
ze  wihennahten  .  Dvrh  den  vil  michelen  jämer  vnde  not  die  fie  heten. 
fo  ruften  fie  in  an;  daz  er  gnadecliche  körne  .  Alf  moyfes  da  fprach. 
mit  dem  got  felbe  redete  alf  ein  vrivnt  mit  dem  anderm  .  Obfecro 
domine  .köt  er  mitte  quem  mijfurus  es.  uide  afflictionem  populi  tuj  sicut. 
locutus  es.  veni  et  libera  nos  .  Herre  kot  er  .  Ich  bite  dich  fente  vnf. 
den  dv  doch  fenten  wil  .  fich  vnfer  not  an;  vnde  kom  alf  dv  gefpro- 
chen  häft!  vnd  erledige  vns  .  Alf  er  l'prache  .  Herre  genediger  .  daz 
dv  doch  tun  welleft  daz  tu  enzit  .  Veni  per  in  camationem .  köm  vns 
mit  diner  gebvrte  .  et  libera  nof  per  tuam  paffionem  .  vnde  erledige  vns 
mit  diner  marter .  Daz  fprach  ovch  jacob  der  heilige  patriarcha  .  an 
finem  ente  do  er  ze  iener  werlte  zoch  .  Salutare  tuum  expectabo  domine. 
Herre  köt  er.  Ich  wil  dines  heiles  enbiten  .  Alf  er  fprache.  Ich  weiz 
wol  daz  ich  varn  fol  die  allichen  vart .  fo  wil  ich  doch  biten  da  dines 
heiles  .  Der  heilige  kvnik  dauid  .  qui  fuper  fenef  jntellexit .  der  verror 
fprach  von  deme  getougen  vnfers  herren  denne  die  andern  wifen  herren; 
deme  wäf  fo  not  nach  finer  kümfte  .  daz  er  fprach  .  Domine  jncUna 
celos  tuos  et  defceude  .  Herre  neige  den  himel  .  vnde  ftik  her  nider 
Daz  meinte  er  allb  .  Sente  dine  goteheit  her  ze  täl .  daz  fie  die  me- 
nifcheit  an  fich  nemo  .  Der  gvt  efayas  .  def  buech  man  alzan  lil'et. 
der  dvrh  s;ot  gemartirt  wart  .  vnde  mit  einer  hvlziner 


VOLKSSAGEN  AUS  DEM  OBER-WALLIS. 


I. 

Vom  starken  Manne  mit  den  Eisenstangen. 
Eint's  Tages  kam  ein  riesenhafter  Mann  in  das  Thal,  der  in  bei- 
den   Händen    gewaltige  Eisenstangen   trug.    Er   trat    in    die  Mitte    des 
Thaies,  schwang  seine  Stangen  und  wollte  keinen  mehr  hindurchlassun. 
Mit  lauter  Stimme  forderte  er  zum  Kample  heraus.   Da  kam  ein  kleiner 


474  FRANZ  LKIBINU,  VOLKSSÄGEN   AI 's  DKM  OBER-WALLIS. 

Mann  gegen  ihn,  der  nichts  hatte  als  ein  Messer.  Er  lief  dem  Großen 
zwischen  die  Beine,  klammerte  sich  fest  und  brachte  ihn  endlich  zu  Falle. 
Da  stieß  er  ihm  sein  Messer  in  die  Kehle,    also  daß  der  Riese  starb. 

II. 

Vom  verrätherischen  Priester. 

Zur  Zeit  als  die  Walliser  in  großer  Kriegsgefahr  waren,  ließ  der 
Priester  in  einem  Dorfe  ansagen,  daß  Alles,  Männer  und  Weiber  und 
Kinder,  zur  bestimmten  Stunde  in  die  Kirche  kämen.  Sie  giengen  aber 
Alle  dahin,  denn  sie  wussten  nicht,  daß  der  Priester  sie  ihren  Feinden 
verrathen  hatte.  Nur  ein  einzig  Weib  blieb  zu  Hause,  denn  ihr  Kind 
schrie  und  wehrte  sich  und  wollte  nicht  aus  der  Thüre.  Als  sie  es 
aber  nach  langer  Zeit  beruhigt  hatte  und  aus  dem  Fenster  sah,  da 
erblickte  sie  von  ferne  den  Feind,  der  ganz  still  heranzog.  Schnell  eilte 
sie  nach  der  Kirche  und  rief:  „Der  Feind,  der  Feind!"  Da  erkannte 
das  Volk,  daß  es  verrathen  war.  Der  Priester  wollte  entfliehen,  aber 
man  ergriff  und  erschlug  ihn. 

III. 
Vom  riesenhaften  Schwinger. 

Ein  Riese  zog  durch  das  Wallis  und  forderte  jedermann  zum 
Schwingkampfe  heraus.  Er  war  aber  mit  Ketten  gebunden.  So  kam  er 
auch  zum  Bischöfe  von  Sitten.  Dieser  sagte,  er  habe  einen  Pathen, 
der  ihn  zwinge.  Da  sagte  der  Riese:  „So  laß  ihn  kommen."  Der  Pathe 
wohnte  aber  weit  von  Sitten,  deshalb  schickte  der  Bischof  zu  ihm. 
Er  aber  antwortete:  „Ich  habe  keine  Hosen."  Da  ließ  der  Bischot 
wieder  fragen,  wieviel  Zeug  er  denn  brauche.  „Acht  Stepp."  Der  Bi- 
schof schickte  das  Zeug  und  der  Pathe  kam.  Er  rannte  auf  der  Bahn 
mit  dem  Schwinger  zusammen  und  zwar  so  gewaltig,  daß  der  Schwinger 
beim  ersten  Anlauf  todt  blieb.  „Was  willst  du  zum  Lohn?"  fragte  ihn 
der  Bischof.  „„Brot.""  Da  gab  ihm  der  Bischof  einen  Sack  Korn  und 
jener  trug  ihn  auf  seinen  Schultern  nach  Hause. 

IV. 

Von  dem  Priester  und  der  Hexe. 
Ein  altes  Weib  sollte  ein  Hexe  sein.  Um  sie  zu  prüfen,  ließ  der 
Priester  sie  kommen  und  fragte  sie,  wie  man  es  machen  müßte,  damit 
die  Leute  das  Heu  nicht  einfahren  könnten.  Das  Weib  antwortete: 
„Ich  will  es  schon  machen.  Geht  ihr  nur  auf  die  Höhe,  nehmt  einen 
Krug  Wasser,  und  ich  werde  unten  warten  und  werde  donnern  und 
blitzen,  dann  müßt  ihr  gießen.  So  thaten  sie.  Alsbald  überzog  der 
Himmel  sich,  es  fieng  an  zu  regnen,  und  die  Hexe  wurde  ergriffen. 


1    V.  ZINGERLE}  ZO  KUD1U  X.  475 

V. 

Von  der  Zwergin  (Getwergin)  und  der  Hebamme. 
Eine  Walliser  Frau  ward  eines  Nachts  zu  einer  Getwergin  ge- 
rufen, die  in  Kindcsnöthen  war.  Als  sie  der  Gebärenden  geholfen  hatte, 
füllte  man  ihr  zum  Danke  die  Schürze  voll  Kohlen.  Auf  dem  Heim- 
wege ließ  sie  viele  der  Kohlen  rechts  und  links  auf  die  Erde  fallen. 
Da  sagte  das  Zwergweibchen,  welches  sie  zurückführte,  so  oft  wieder 
Kohlen  fielen: 

Je  mehr  du  sahscht, 

Je  minner  du  hascht. 
Daheim  warf  das  Walliser  Weib  die  Kohlen  in  die  Ecke,  aber  als  der 
Tag  anbrach,  erkannte  sie,  daß  es  Gold  war. 

VI. 

Vom  Hirten  und  dem  Getwerge. 
Es  war  einmal  ein  Hirt,  der  hatte  einige  Kühe  an  entlegenem  Ort, 
so  daß  es  ihm  schwer  war,  täglich  dahin  zu  gehen.  Da  kam  ein  Ge- 
twerg  zu  ihm  und  sprach:  „Ich  will  dein  Vieh  besorgen,  damit  du 
nicht  den  weiten  Weg  hast."  Das  nahm  der  Hirt  an  und  blieb  vier- 
zehn Tage  aus.  Als  er  endlich  kam ,  nach  seinem  Vieh  zu  sehen ,  da 
war  es  verdorben.  Da  gieng  der  Hirt  in  die  Scheune  und  fand  da  den 
Getwerg  auf  dem  Heu  liegen.  Er  fragte  ihn,  warum  er  das  Vieh  nicht 
besorgt  habe,  wie  er  versprochen.  Der  Getwerg  antwortete:  „Es  war 
Wind  und  bei  Wind  gehe  ich  nicht  aus."  Da  wurde  der  Hirt  zornig, 
nahm  eine  Hechel  und  fuhr  ihm  über  den  Leib,  indem  er  ausrief; 
„Ich  will  dich  hecheln,    bis  dir  die  Hechel  am  Leibe  hängen  bleibt." 

VII. 

Von  der  Vertreibung  der  Getwerge. 

Die  Walliser  wollten  die  Getwerge  endlich  nicht  mehr  bei  sich 
dulden.  Da  baten  die  Getwerge,  man  möge  sie  doch  lassen,  sie  wollten 
die  Rhone  mit  ßlei  auslegen,  damit  sie  nicht  mehr  austreten  könne. 
Aber  man  nahm  es  nicht  an  und  trieb  sie  aus. 

ELBERFELD.  FRANZ  LEIBJTNG. 


ZU  KUDRUN. 

Ich  habe  in  dieser  Zeitschrift  1,  293  nachgewiesen,  daß  Personen-] 
namen  aus  der  Kudrun  in  Tirol  vorgekommen  sind,  und  VI,  44  die 
Vermuthung  ausgesprochen,  dal.\  der  Name  (  'ampatille  wabrscbeinHeh  vom 
tirolischen    Abschreiber    des    Heldenbuches    anstatt    Matelane    gesetzt 


47Ö  LITTERATUR. 

worden  sei.  Noch  interessanter  als  dies  dürfte  der  Umstand  sein,  daß 
ein  Ortsname  in  Tirol  an  Kudrnn,  das  in  oberdeutscher  Form  Kuntrun, 
Gundrun  lautet,  anklingt.  Aus  handschriftlichen  Aufzeichnungen  des 
Priesters  Joseph  Ladurner  ersah  ich,  daß  der  Weiler  Rabland  früher 
Kuntraun  geheißen  habe;  doch  fehlte  bei  dieser  Angabe  jeder  Beleg. 
Nun  aber  liegt  mir  ein  solcher  im  Tiroler  Urbar  vom  J.  1285  vor. 
Es  heißt  dort:  den  swaichof  ze  Cautraicn  von  dem  röten  burggraven  giltet 
sehzehen  phunt.  aigen.  Da  in  diesem  Schriftstücke  die  langen  Vocale 
meist  aufgelöst  sind,  würde  die  ältere  Form  Cütrün  lauten,  was  dem 
Namen  Kudrun  allerdings  sehr  nahe  steht. 


I.  V.  ZINGERLE. 


LITTERATUR 


ZUR  GESCHICHTE  DER  ISLÄNDISCHEN  LITTERATUR. 

1.  Neu  aufgefundene  Bruchstücke  der  Hauksbök.  Eine  der  werth- 
vollsten  Isländischen  Handschriften  ist  bekanntlich  diejenige,  welche  nach  ihrem 
früheren  Besitzer  und  theilweise  zugleich  Schreiber  den  Namen  der  Hauksbök 
führt.  Ein  Sohn  des  Isländischen  Lögmannes  Erlendur  sterki,  hatte  Herr  Haukur 
in  den  Jahren  1294 — 99  das  gleiche  Amt  auf  der  Insel  bekleidet,  später  die- 
selbe Würde  im  Norwegischen  Borgarpmg,  dann  Gulaping  überkommen,  und  war 
im  Jahre  1334,  wahrscheinlich  in  Bergen,  gestorben.  Über  den  Mann  sowohl 
als  über  seine  mancherlei  Schriften  ist  von  Vielen  gehandelt  worden,  und  füge 
ich  den  von  Möbius  in  seinem  Catalogus  S.  100  gegebenen  Nachweisen  nur  noch 
zwei  spätere  Besprechungen  bei,  nämlich  von  Gudbrandur  Vigfüsson,  in  der 
Vorrede  zu  den  Biskupasögur,  I,  S.  XI — XIX  r(l858),  und  von  Jon  Sjgurdsson, 
in  seinem  Lögsögumannatal  og  Lögmanna  ä  Islandi  (Safn  til  sögu  Islands  og 
islenzkra  bökmcnta,  II,  1860),  S.  4  6 — 4  7.  —  Wir  ersehen  aus  den  Angaben, 
welche  Jon  Sigurdsson  in  der  Antiquarisk  Tidsskrift  1846' — 48,  S.  108 — 16, 
und  Gudbrandur  Vigfüsson,  am  angef.  Ort,  gemacht  haben,  daß  von  der  ur- 
sprünglich einen  Hs.  nunmehr  drei  Stücke  in  der  Arnamagna\ina  aufbewahrt 
werden,  welche,  mit  Nr.  37  1,  Nr.  544  und  Nr.  675  in  4.  bezeichnet,  von 
Arni  Magnüsson  nach  und  nach  aus  verschiedenen  Theilen  der  Insel  zusammen- 
gebracht worden  waren;  daß  diese  drei  Stücke  bereits  zu  seiner  Zeit  keineswegs 
die  ganze  Hs.  umfasst,  vielmehr  damals  schon  sehr  erhebliche  Defecte  gezeigt 
hatten;  daß  endlich  ein  paar  Blätter,  welche  zu  des  Arni  Magnüsson  Zeit  noch 
vorhanden  gewesen  waren,  inzwischen  verschwunden  sind,  ohne  daß  über  deren 
Verbleiben  irgend  welche  Nachricht  zu  finden  gewesen  wäre.  Diese  letzten  Blätter 
sind  es  nun,  welche  man  neuerdings  wieder  auf  Island  entdeckt  zu  haben  glaubt, 
und  über  deren  Entdeckung  ich  auf  Grund^  einiger  in  die  Isländische  Zeitschrift 
pjdddlfur  eingerückter  Angaben  von  Jon  Arnason,  Sigurdur  Gudmundsson  und 
Gudbrandur  Vigfüsson  hier  berichten  will  (vgl.  dazu  16.  Jahrgang  1864,  S.  7 1 
und  143,  und  17.  Jahrgang,  S.  3.  4).  —  Es  hatte  aber  der  verdiente  Lehrer 
der   gelehrten   Schule    zu   Reykjavik,    Dr.    Hallgrfmur   Scheving,     14    Pergament- 


LITTERATUR.  477 

blätter  besessen,  welche  nach  seinem  Tode  (f  31.  December  186l)  von  seinen 
Söhnen  an  eine  Sammlung  Isländischer  Alterthümer  geschenkt  wurde,  die  durch 
den  Bibliothekar  Jon  Arnason  und  den  Maler  Sigurdur  Gudmundsson  neuerdings 
zu  Reykjavik  begründet  worden  ist.  Ob  Dr.  Hallgrimur  selbst,  oder  ob  dessen 
berühmter  College,  Dr.  Sveinbjörn  Egilsson,  welcher  diese  Blätter  bei  der  Aus- 
arbeitung eines  Lexicon  poeticum  antiqiue  lingua?  septentrionalis  benützt  haben 
soll,  über  deren  Beziehungen  zur  Hauksbök  sich  bereits  klar  waren  oder  nicht, 
weiß  ich  nicht  zu  sagen  ;  gewiss  aber  ist ,  daß  ein  dritter  und  jüngerer  Lehrer 
an  derselben  Schule,  Jon  porkelsson,  in  einer  tüchtigen  Abhandlung  „Um  r  og 
ur  1  nictrlagi  orda  og  orctstofna  i  islenzku",  welche  zu  Reykjavik  18  6  3  als  Schul- 
programm ausgegeben  worden  ist ,  gelegentlich  schon  die  Überzeugung  ausge- 
sprochen hatte,  daß  dieselben  einen  Theil  der  Hauksbök  ausgemacht  haben 
möchten ,  welche  Vermuthung  dann  durch  die  vorgenannten  drei  Einsender  im 
pjöctölfur  des  Näheren  ausgeführt  wurde.  In  der  That  scheint  dieselbe  begründet. 
Arni  Magnüsson  selbst  hatte  den  Inhalt  der  Hauksbök ,  soweit  er  sie  über- 
kommen hatte,  in  lateinischer  Sprache  aufgezeichnet,  und  dabei,  nachdem  er 
an  erster  Stelle  die  Landnämabök  und  Kristindömssaga  genannt  hatte,  weiter- 
gefahren: „Geographica  qusedam  et  physica.  Theologica  quaedam  ex  sermonibus 
Augustini.  Varia,  atque  inter  ea  astronömica  quaedam",  worauf  dann  noch  „Theo- 
logica quaedam,  videntur  esse  ür  Adamsbök"  und  andere  Stücke  aufgezählt  werden, 
welche  noch  heutigen  Tages  in  der  Arnamagnseana  vorhanden  sind,  während  jene 
Geographica,  Theologica  und  Varia  derselben  abhanden  gekommen  sind.  In  einem 
Cataloge  ferner,  welchen  Jon  Olafsson  im  Jahre  1731  über  die  Handschriften- 
sammlung anfertigte,  wird  bei  Nr.  544  unter  Andern  angeführt:  „um  marghätt- 
aitar  pjödir,  um  heidindöm,  hvadan  skurdgodablöt  höfust,  um  drauma,  um  Anti- 
kristum,  um  upprisu  dauetra,  um  imbrudaga,  um  regnbogaliti,  um  sölstödur,  og 
solar  upp  -  og  nidurstigningu  (synist  ad  vera  ür  Rimbeglu),  um  borgaskipan  og 
legstadi  heilagra",  u.  s.  w.  Anderentheils  giebt  Sigurdur  Gudnmudssou  über  den 
Inhalt  jener  14  von  Dr.  Hallgrimur  hinterlassenen  Blätter  Folgendes  an:  „i  J>erisu 
broti  er:  1.  um  landaskipun  og  furduverk  ymissra  landa,  og  um  nafnfrssgar  borgir; 
2.  gudfraedislegt;  3.  lysing  ymsra  pjöda  eftr  sem  heita  mega  kynjainenn ;  4.  um 
hvernig  blöt  fyrst  höfust;  5.  um  drauma;  6.  um  einbauga;  7.  um  sölstödur, 
um  uppstigning  solar  og  nidrstignfng ;  8.  um  horgaskipun  og  legstadi  helgra 
nianna  etc.  Her  a  er  sumpart  päd  sama  og  er  1  Rimbeglu  bis.  305,  og  354  en 
sumpart  annact  og  ödruvisi."  Man  sieht,  die  beiderseitigen  Inhaltsangaben  stimmen 
genau  genug  überein,  und  zumal  unter  denen  des  Jon  Olafsson  und  des  Malers 
Sigurdur  ist  die  Übereinstimmung  theilweise  sogar  eine  nahezu  wörtliche.  'Was 
wir  über  die  äußeren  Schicksale  der  Hs.  wissen ,  steht  dem  aus  dem  Inhake 
derselben  zu  ziehenden  Schlüsse  wenigstens  nicht  im  Wege.  Dem  Dr.  Hallgrimur 
waren  seine  Blätter  durch  Erbschaft  zugefallen,  und  zwar  aus  dem  Nachlasse  des 
sera  Stefan  Einarsson  zu  Saudanes  (t  18  47);  woher  sie  diesem  zugegangen  waren, 
weiß  man  nicht,  aber  deren  Aussehen  zeigt,  daß  sie  längere  Zeit  für  sieh  allein 
in  der  Welt  herumgefahren  sein  mäßen.  Anderntheils  ist  klar  ,  daß  die  jetzt 
abgängigen  Blätter  der  Hauksbök  im  Jahre  1731  noch  vorhanden  waren,  und 
somit  nicht,  wie  Gudbrandur  früher  vermuthet  hatte,  in  dem  großen  kopenha- 
gener  Brande  von  17  28  zu  Grunde  gegangen  sein  können.  Bei  der  bekannten 
Sorglosigkeit,  mit  welcher  man  früher  die  handschriftlichen  Schätze  der  Arna- 
magDJeana  zu  behandeln  pflegte,  mag  es  wohl  sein,  daß  auch  diese  Blätter  wie 


478  LITTERATUR 

so  manche  andere  irgend  einem  jungen  Isländer,  der  für  Suhm  arbeitete  oder 
sonst  irgend  welche  Quellenausgabe  in  Arbeit  hatte,  ohne  irgend  welchen  Aus- 
weis hinausgegeben  und  dann  durch  irgend  einen  Zufall  nach  Island  verschleppt 
worden  seien;  kann  sein  daß,  wie  Gudbrandur  annimmt,  Stefan  Björnsson,  der 
Herausgeber  der  Ri'mbegla,  dieselben  nicht  zurückgegeben  hatte,  und  daß  sie  nach 
seinem  Tode  (f  1798)  sich  nach  Island  verirrten;  möglich  auch,  daß,  wie  An- 
dere meinen,  dieselben  von  dem  Herausgeber  der  Vigaglümssaga,  Gudmundur 
Petursson,  dahingebracht  wurden  :  so  wie  so  wäre  die  Lostrennung  der  wenigen 
Blätter  von  der  übrigen  Hs.  und  deren  Rückkehr  nach  Island  leicht  erklärbar. 
Doch  bleibt  mir  immerhin  noch  ein  Zweifel.  Sigurdur  Guctmuhdsson  erklärt, 
es  seien  diese  dieselben  Blätter,  welche  Dr.  Sveinbjörn  in  seinem  Lex.  poet. 
S.  241  (nämlich  s.  v.  gilja)  citiere,  und  welche  auch  in  der  Vorrede  S.  3  4  er- 
wähnt würden;  nun  finde  ich  aber  in  dem  Index  Siglorum,  S.  XXXTV,  die  von 
Dr.  Sveinbjörn  gebrauchte  Abkürzung  „Bl."  oder  „BI.  membr."  also  erklärt: 
„Blöd  (=  folia)  membranea,  varii  argumenti  :  geographici,  historici,  astronomici, 
in  collectione  Arna  -  Magnasana  Nr.  544,  4,  (Antiq.  Russes  II,  426 — 44l).<< 
Danach  sollte  man  meinen,  daß  zu  der  Zeit,  da  jener  Index  siglorum  verfasst 
wurde,  also  nach  dem  Tode  des  Dr.  Sveinbjörn  (f  1852)  und  vor  der  Heraus- 
gabe des  Schlußheftes  seines  Lexicon  (18  60),  die  fraglichen  Blätter  noch  in  der 
Arnamagna?ana  gelegen  hätten;  daß  aber  dabei  irgend  ein  Irrthum  mit  unterläuft, 
wird  noch  klarer,  wenn  man  die  angeführte  Stelle  der  Antiquites  Russes  (18  5  2)  nach- 
schlägt. Hier  wird  nämlich  angegeben,  daß  die  „geographica  qusedam  et  physica", 
welche  Arni  Magnüsson  als  zur  Hauksbök  gehörig  notiert  habe,  in  AM.  5  44  nicht 
mehr  enthalten  seien,  wogegen  in  Nr.  7  65  in  4.  eine  von  Arni  selbst  genom- 
mene Abschrift  vorliege,  aus  welcher  denn  auch  sofort  mehrfache  Auszüge  ge- 
geben werden;  zugleich  wird  aber  an  dieser  Stelle  darauf  aufmerksam  gemacht, 
daß  im  Jahre  1821,  als  Werlauff  seine  Symbola?  ad  geographiam  medii  a?vi  ex 
monumentis  Islandicis  herausgab,  die  Blätter  noch  vorhanden  gewesen  sein  müßten, 
da  auf  S.  5  —  6  dieses  Programmes  der  „Folia  qvredam  argumenti  historico-geo- 
graphici,  diversis  manibus  scripta  in  Codice  Membranaceo  Arna-Magn.  Nr.  5  44  in  4." 
gedacht,  und  Einiges  aus  denselben  mitgetheilt  wird.  Nun  lässt  sich  schwerlich 
annehmen,  daß  sowohl  Werlauff  als  der  Verfasser  des  Index  siglorum  zum  Lex. 
poet.  (meines  Wissens  Gudbrandur  Vigfüsson),  ja  sogar  Dr.  Sveinbjörn  selbst, 
denn  auch  der  von  ihm  selber  verfasste  kürzere  Index  siglorum  enthält  schon 
die  gleiche  Angabe,  einen  nicht  mehr  vorhandenen  Theil  der  Hauksbök  als  noch 
vorhanden ,  und  beziehungsweise  als  von  ihnen  persönlich  benützt  bezeichnet 
haben  sollten;  sollte  aber  etwa  neben  den  verlorenen  und  nun  wieder  aufgefun- 
denen Bruchstücken  der  Hauksbök  noch  ein  anderer  Theil  dieser  Hs.  ebenfalls 
geographisch-historische  Notizen  enthalten  haben,  und  von  Werlauff  noch  benützt, 
von  den  Herausgebern  der  Antiquites  Russes  nicht  mehr  aufgefunden,  dennoch 
von  Dr.  Sveinbjörn  eingesehen  und  von  Gudbrandur  gekannt  sein?  Der  ganze 
Irrthum  würde  sich  solchenfalls  darauf  beschränken,  daß  Siguntur  Gudmundsson 
fälschlich  die  von  Dr.  Sveinbjörn  als  „Bl.u  citierten  Arnamagnasanischen  Blätter 
mit  den  von  Dr.  Hallgrimur  hinterlassenen  identificiert  hätte.  Isländische  Freunde 
werden  den  Zweifel  wohl  zu  lösen  wissen,  und  mögen  hieinit  darum  gebeten  sein. 
Nachtrag.  Der  am  Schluße  des  obigen,  im  April  1.  J.  geschriebenen 
Aufsatzes  ausgesprochene  Wunsch  ist  inzwischen  bereits  theilweise  in  Erfüllung 
gegangen.     Die  Isländische  gelehrte  Gesellschaft    hat   vor    wenigen  Wochen   mit 


LITTERATUR.  479 

ihren  übrigen  diesjährigen  Veröffentlichungen  ein  kleines  Heft  versendet,  welches, 
XXIV  und  5  4  S.  8°.  stark,  den  Titel  trägt:  „Nokkur  blöd  ür  Hauksbök  og 
brot  ür  Gudmundarsögu  gefin  üt  af  Jöni  porkelssyni  a  kostnad  hins  l'shmzka 
bökmentafelags.  Reykjavik.  I  prentsmidju  Islands.  E.  pördarson  ISO  5."  Die 
Vorrede  behandelt  auf  S.  II — XXIII  das  Geschlecht,  den  Lebenslauf  und  die 
Nachkommenschaft  des  Haukur  Erlendsson ,  dann  die  Hauksbök  im  Allge- 
meinen und  die  hier  in  Frage  stehenden  Bruchstücke  insbesondere  ,  endlich  auf 
S.  XXIII — IV  das  beigegebene,  sehr  unbedeutende,  Fragment  der  Gudmundar 
saga;  vom  Textabdruck  fallen  42  S.  auf  die  Hauksbök.  wenig  über  5  Seiten 
auf  die  Gudmundarsaga,  während  Namen-  und  Wortregister  das  Ihrige  füllen. 
Bezüglich  Werlauffs  nimmt  der  Herausgeber,  dessen  saubere  Arbeit  und  verlässige 
Kritik  auch  in  dieser  Publication  wieder  in  erfreulichster  Weise  hervortritt, 
trotz  dessen  entgegenstehender  Angabe  an,  daß  er  das  Original  der  Hauksbök 
nicht  zur  Hand  gehabt  habe;  bezüglich  des  Index  siglormn  des  Dr.  Sveinbjörn 
spricht  er  sich  dagegen  nicht  aus,  doch  wird  auch  dieserhalb  dasselbe  gelten  müßen. 
MÜNCHEN,  den  31.  October. 

2.  Eyrbyggjasäga,  herausgegeben  von  Gudbrandr  Vigfüsson.  Mit  einer 
Karte.  Leipzig,  F.  C.  W.  Vogel,  1864;  LIV  und  146  S.  8. 
Eine  der  wichtigsten  Isländischen  Sagen  wird  unter  obigem  Titel  dem 
Publicum  in  ebenso  trefflicher  Bearbeitung  als  gefälliger  und  handlicher  Ausstat- 
tung geboten.  Auf  Island  seit  dem  Wiederaufleben  der  einheimischen  Cultur  viel- 
fach gebraucht  und  gefeiert,  von  Arngrimur  laercti  bereits  benutzt  (in  seiner  Cry- 
mogsea,  1609),  von  Arni  Magnüsson  hoch  geschätzt  und  auch  von  pormödur 
Torfason  fleißig  zu  Ratke  gezogen ,  von  Bischof  Finnur  Jönsson  aber  zu  den 
besten  einheimischen  Geschichtsquellen  gerechnet,  hatte  die  Eyrbyggja  doch  erst 
im  Jahre  17  87  in  Grimur  Jönsson  Thorkelin  einen  Herausgeber  gefunden.  Bis 
dahin  nur  durch  einzelne  Citate  bei  Isländischen  oder  den  Isländern  nahe  ste- 
henden Verfassern  (wie  etwa  Thomas  Bartholin ,  Suhm ,  Sehöning)  im  Auslinde 
bekannt,  war  die  Quelle  damit  allerdings  auch  diesem  zugänglich  geworden,  wie 
sie  denn  auch  von  Walter  Scott  in  Englischer  (1813)  und  von  Niels  Matthias 
Petersen  in  Dänischer  Sprache  (l  844)  bearbeitet,  und  von  Deutschen,  Norwe- 
gischen, Dänischen  Verfassern  vielfach  benützt  wurde ;  aber  jene  editio  prineeps 
ist  heutzutage  nur  schwer  aufzutreiben,  und  überdies  auch  an  und  für  sich 
durchaus  unzureichend,  indem  die  kritische  Behandlung  ihres  Textes  eine  höchst 
mangelhafte  ist  und  dessen  Abdruck  Überdias  von  den  ärgerlichsten  Druckfehlern 
noch  weiter  entstellt  wird.  In  den  Antiquitates  Apaericanas  (1837)  wurde  freilich 
später  noch  ein  kleineres,  und  in  Grönlands  historiske  Mindesmarker  1.  (1838) 
ein  größeres  Stück  der  Sage  auf  Grund  einer  Verglciehung  der  IIss.  neuerdings 
herausgegeben;  allein  da  beidemale  nur  ein  Stück  der  Sage  gegeben  wurde, 
und  zumal  das  größere  (durch  Finn  Magnüsson)  noch  obendrein  in  weit  unkri- 
tischerer Bearbeitung  als  bei  Thorkelin,  war  auch  damit  dem  Mangel  keineswegs 
abgeholfen.  Etwas  Überflüssiges  hat  also  Freund  Gractbraadjir  mit  seiner  neuen 
Ausgabe  jedenfalls  nicht  gethan ;  sehen  wir  zu,  wie  weit  sich  ans  deren  Anlage 
und  Durchführung  das  Eingangs  ausgesprochene  günstige  l'rthcil  über  dieselbe 
rechtfertigen  lasse. 

Betrachten  wir  zunächst   das   handschriftliche    Material,    auf  welches 
die  Ausgabe  sich  stützt,  und   über  welches   S.  XXIII- XXXII  der  Vorrede  Auf- 


480  LITTERATUR. 

Schluß  ertheilt.  Es  ist  bekannt,  daß  die  Isländischen  Gelehrten  im  Allgemeinen 
die  Papierhss.  gering  zu  achten,  dagegen  Allem,  was  auf  Pergament  geschrieben 
ist,  ihre  ganz  besondere  Aufmerksamkeit  zuzuwenden  pflegen ;  es  lässt  sich  aber 
auch  nicht  verkennen,  daß  dieses  Verfahren,  wenn  zwar  bei  dem  eigenthümlichen 
Gange  der  Isländischen  Literaturgeschichte  leicht  erklärlich,  doch  in  gar  manchen 
Fällen  ein  ganz  und  gar  nicht  gerechtfertigtes  ist.  Die  Isländischen  Membranen 
gehören,  wenigstens  so  weit  die  geschichtliche  Sagenlitteratur  in  Frage  ist,  meist 
dem  Ende  des  13.,  dem  14.  und  dem  15.  Jahrhunderte  an;  nur  wenige  von 
ihnen  reichen  in  das  16.  oder  gar  in  das  17.  Jahrhundert  herein,  während  die 
Papierhss.  erst  gegen  die  Mitte  dieses  letzteren  beginnen,  so  daß  zwischen  diesen 
und  jenen  em  Zeitraum  von  nahezu  anderthalb  Jahrhunderten  in  Mitte  liegt, 
während  deren  das  Abschreiben  der  einheimischen  Geschichtsquellen  völlig  ins 
Stocken  gerathen  war.  unser  Herausgeber,  welcher  sich  schon  früher  in  seinem 
Vorworte  zu  den  ßiskupasögur  I.  (l868),  S.  VII — XI,  über  diese  eigentüm- 
liche Erscheinung  ausgesprochen  hatte,  giebt  auch  hier  wieder,  auf  S.  VIII — X 
seiner  Vorrede,  ein  paar  Andeutungen  zu  deren  Erklärung,  bezüglich  deren  man 
nur  bedauern  kann,  daß  er  sich  nicht  erschöpfender  über  die  Frage  hat  äußern 
mögen.  Er  macht  darauf  aufmerksam,  wie  bereits  im  15.  Jahrhunderte,  nach 
der  Zahl  der  aus  ihm  erhaltenen  Hss.  zu  schließen ,  die  Theiluahrne  an  den 
Islendingasögur  und  Noregskonüngasögur  entschieden  im  Rückgange  begriffen  war, 
während  die  helgra  manna  sögur ,  d.  h.  Legenden,  und  die  riddarasögur,  d.  i. 
Ritterromane  ausländischen  Ursprungs,  die  unbestrittene  Oberhand  erlangt  hatten. 
In  der  ersten  Hälfte  des  IC.  Jahrhunderts  beschäftigte  man  sich  sodann  fast 
nur  einerseits  mit  geistlicher  Liederdichtung,  und  andererseits  mit  den  soge- 
nannten rimur,  d.  h.  mit  gereimten  Paraphrasen,  zumeist  ausländischer  Ritter- 
geschichten. Von  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  an  begann  endlich  die  Refor- 
mation ihren  Einfluß  geltend  zu  machen,  und  jetzt  wandte  man  der  heil.  Schrift, 
der  Deutschen  Theologie  und  dem  Deutschen  Kirchenliede  seine  ausschließliche 
Aufmerksamkeit  zu,  so  daß  für  die  Geschichte  der  eigenen  Heimat  auch  jetzt 
noch  weder  Zeit  noch  Neigung  übrig  blieb.  Erst  mit  dem  Anfange  des  17.  Jahr- 
hunderts begannen  einerseits  der  gelehrte  Propst  Arngn'mur  Jönsson  (f  16  48) 
und  der  nicht  minder  fleißig  schriftstellernde  Bauer  Björn  Jönsson  zu  Skardsä 
(f  1665),  andererseits  die  Bischöfe  Oddur  Einarsson  (l589 — 1630)  und  Brynj- 
ülfur  Sveinsson  zu  Skälholt  (1639  — 167  4),  dann  porläkur  Skülason  zu  Hölar 
(1628 — 1656),  den  einheimischen  älteren  Schriftwerken  wieder  liebevolle  Theil- 
nahme  zu  schenken,  und  von  jetzt  ab  entstanden  denn  auch  Papierabschriften 
derselben  in  großer  Zahl ,  welche  natürlich  sammt  und  sonders  von  den  Mem- 
branen abhängig  sind,  die  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhundert  noch  im  Lande 
zu  finden  waren,  und  lediglich  als  mehr  oder  minder  gute  oder  schlechte  Copien 
jener  Originale  erscheinen.  Es  begreift  sich,  daß  solche  spätere  Abschriften  ohne 
allen  und  jeden  urkundlichen  Werth  sind,  soweit  uns  die  Urschriften  noch  selber 
vorliegen,  von  denen  sie  genommen  sind,  und  dieses  ist  bezüglich  weitaus  der 
meisten  unter  ihnen  glücklicher  Weise  wirklich  der  Fall;  ganz  anders  muß  aber 
die  Sache  begreiflich  in  dem  anderen  Falle  stehen,  wenn  die  Membranen,  deren 
Copien  die  betreffenden  Papierhss.  sind,  inzwischen  verloren  gegangen  sind,  und 
auch  Dergleichen  kam  bei  der  Leichtfertigkeit,  mit  welcher  die  alten  Documente 
im  17.  Jahrhunderte  noch  vielfach  behandelt  wurden,  nur  zu  oft  vor.  Nicht 
wenige  Pergamenthss.   wurden  in  der  angegebenen   Zeit   von  einzelnen  Isländern 


LITTERATÜR.  481 

nach  Schweden  ausgeführt;  andere  wurden  von  Bischof  Brynjülfur  oder  andern 
seiner  Landsleute  an  den  Dänenkönig,  oder  an  vornehme  Herren  in  seiner  Um- 
gebung, oder  auch  an  einzelne  Gelehrte  geschenkt,  bei  denen  etwa  der  Schenker 
etwas  zu  suchen  hatte  (so  an  Ole  Worni,  Peder  Resen  ,  Stephan  Stephanius,  Otto 
Friis,  Georg  Seefeld  u.  dgl.  m.) ;  was  in  den  ersten  Jahren  des  18.  Jahrhunderts 
noch  im  Lande  zu  finden  war,  sammelte  endlich  Arni  Magmisson  ,  welcher  wie 
bekannt  die  Insel  ziemlich  rein  ausplünderte  und  auf  was  er  nur  die  Hand  legen 
konnte,  nach  Kopenhagen  hinüberbrachte.  Nun  sind  zwar  die  nach  Schweden 
gelangten  Hss.  in  den  Bibliotheken  von  Stockholm  und  Uppsala  grüßtentheils 
noch  erhalten,  und  nicht  minder  sind  diejenigen,  welche  B.  Brynjülfur  dem  Kö- 
nige von  Dänemark  verehrte,  in  der  großen  königlichen  Bibliothek  zu  Kopen- 
hagen wohl  aufbewahrt;  wenn  ferner  die  Sammlung  des  Arni  Magmisson  zwar 
allerdings  durch  den  großen  Kopenhagener  Brand  von  17  28  nicht  unerheblichen 
Schaden  erlitt,  so  haben  doch  deren  vielbesprochene  und  oft  beklagte  Verluste, 
wie  sich  hinterher  herausgestellt  hat,  die  altisländische  Litteratur  im  Ganzen 
ziemlich  unberührt  gelassen.  Aber  die  Hss  ,  welche  an  einzelne  Privatleute  des 
Auslandes  gegeben  worden  waren,  wurden  nach  dem  Tode  dieser  ihrer  Besitzer 
meist  zerstreut,  und  nur  theilweise  vermochte  Arni  Magmisson  sie  wieder  in 
seiner  Hand  zusammenzubringen ;  manche  von  ihnen  kamen  ins  Ausland ,  nach 
Paris  z.  B.,  nach  Leiden,  nach  Wolfenbüttel  u.  dgl.  m.,  andere  aber  giengen 
zu  Grunde ,  wie  denn  z.  B.  die  zahlreichen  und  zum  Theile  höchst  werthvollen 
Hss.  des  Resenius,  und  zum  Theile  auch  die  Worms,  in  dem  Brande  von  17  28 
von  den  Flammen  verzehrt  wurden.  In  gleicher  Weise  gieng  auch  so  manche 
auf  Island  selbst  zurückgebliebene  Hs.  noch  vor  der  Zeit  verloren,  da  Arni  mit 
dem  dortigen  Besitzstande  aufräumte,  wie  denn  z.  B.  die  einzige  Membrane  der 
so  überaus  werthvollen  lslendi'ngabök  seit  dem  Jahre  1651  spurlos  verschwunden 
ist,  seit  ungefähr  derselben  Zeit  die  einzige  Originalhs.  der  Hüngurvaka,  dann 
der  Päls  biskups  saga  fehlt,  u.  dgl.  m.,  und  wie  in  diesen  und  so  manchen  wei- 
teren Fällen  die  einzige  Membrane,  welche  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts 
von  dieser  oder  jener  Quelle  noch  zu  finden  war,  abhanden  gekommen  ist,  so 
ist  in  nicht  wenigen  anderen  Fällen  wenigstens  das  Original  für  selbständige 
Textesgestaltungen  zu  Grunde  gegangen ,  wenn  auch  in  anderen  Membranen 
andere,  mehr  oder  minder  abweichende  Recensionen  sich  erhalten  haben  mochten. 
Hier  nun  ist  es,  wo  die  Papierhss.  mit  selbständiger  Bedeutung  auftreten,  die 
Lücken  ergänzend,  welche  im  Bestände  der  Membranen  sich  aufgethan  haben. 
Es  ist  das  Verdienst  so  fleißiger  Abschreiber  wie  Jon  Gizurarson  ä  Nüpi  (f  IG 48), 
sera  Jon  Erlendsson  zu  Vilh'ngaholt  (f  1672),  Arni  Magnüsson  seihst  oder  As- 
geirr  Jönsson ,  welcher  für  ihn  wie  für  pormodur  Torfason  schrieb,  wenn  die 
Verluste,  welche  durch  sorglose  Behandlung  und  sogar  Zerstörung  der  Membranen 
(Verwendung  derselben  zu  Einbänden  z.  B.)  oder  durch  äußere  Unglücksfälle 
nun  einmal  entstanden  sind,  wenigstens  nicht  als  völlig  unersetzlich  betrachtet 
werden  dürfen;  Arni  Magnüsson  aber,  welcher  wegen  seines  rücksichtslosen  Sam- 
melns  und  Fortschaffens  handschriftlicher  Schätze  von  gar  vielen  seiner  Lands- 
leute noch  bis  auf  den  heutigen  Tag  herab  bitter  angefeindet  wird,  kann  ge- 
radezu als  der  Retter  der  altisländischen  Litteratur  yor  dem  kläglichen  Unter- 
gange gepriesen  werden,  welchem  dieselbe  bei  längerer  Verwahrlosung  auf  Island 
selbst  unfehlbar  verfallen  sein  würde.  —  Der  Zustand  der  Hss.  unserer  Eyrbyggja 
ist  vollkommen  geeignet  für  das  eben  Gesagte  als  schlagender  Beleg  zu  dienen, 
CiERMANIA  X,  31 


482  LTTTERATTTR. 

während   die  Art  wie   deren  gegenwärtiger  Herausgeber    dieselben  behandelt  hat, 
in   erfreulichster  Weise    für    dessen    kritische  Befähigung    und  Umsicht,    Zeugniss 
gibt.      In    der    älteren  Zeit    muß    die   Eyrbyggja    zu    den   beliebtesten    unter  den 
Isländischen  Sagen  gehört  haben,   denn   es  waren  von  derselben  noch  im  1  7.  Jahr- 
hunderte   zwar  nicht    16    Membranfragmente    wie    von    der  Njala,     oder   12 — 13 
wie   von   der  Eigla,   aber  doch  volle    5   vorhanden,  welche  Zahl  von  keiner  andern 
außer  den   eben  genannten   beiden  Sagen   überschritten   und  nur  noch  von  zweien, 
der  Laxdsela  nämlich  und   der  Grettla,    erreicht  wird,    während   gar  viele   schon 
damals   nur  noch   in  einer  einzigen   Hs.   erhalten   waren.   Von  jenen  5  Membranen 
gehörten,    und   auch   dies  ist   charakteristisch,    eine   dem   Schlüsse   des    13.,    zwei 
dem    14.   und  ebensoviele   dem    15.   Jahrhunderte   an;     von    dem   Jahre    149  8    an 
aber,   in   welchem   die   letzte   Membrane   geschrieben   wurde,  bis   zum  Jahre   1 6 4 0, 
in  welchem   die  erste   Papierhs.   der  Sage   entstand,   klafft   eine  weite,   öde  Lücke. 
Von   da   ab   häufen   sich    dagegen    die  Abschriften    rasch    wie    bei    keiner  andern 
Sage;     aus   der  Mitte    und    der  zweiten   Hälfte   des    17.   Jahrhunderts   liegen   von 
ihr   ober   20  Papierhss.   vor,   während   es   andere  Sagen   höchstens  nur  bis   auf  die 
halbe   Zahl   bringen.  Von  jenen    5    Membranen   ist   nun   aber  die  eine,   und   zwar 
gerade   die   werthvollsie   und  die   einzig  vollständige,   zu  Grunde  gegangen,   näm- 
lich  die   berühmte   Vatnshyrna,   welche   im  Jahre    1728   mit   den   übrigen    Codices 
Reseniani  verbrannte.  Über  den   anderweitigen  Inhalt  dieser  Hs.,   ihre  ursprüng- 
liche   Beschaffenheit    und    ibre    späteren    Geschicke    hat    sich    unser    Herausgeber 
schon   früher    in    seiner  Ausgabe    der  Bardar  saga   Snfefellsass  ,    Viglundar  saga, 
u.  s.  w.   (Kopenhagen  18ÖO),   S.  IX — XI,  so   wie   in  den  von  ihm   und   Theodor 
Möbius  edierten  Fornsögur    (Leipzig   18G0),    S.  XIV — XVI  und  XXII — XXIII 
ausgesprochen;    hier    mag    nur    bemerkt  werden,    daß   dieselbe   am   Schlüsse   des 
14.  Jahrhunderts,     also    ziemlich    gleichzeitig    mit  der  Flateyjarbök   geschrieben 
wurde,   und  zwar  wie   es  scheint  für  denselben  Jon  Häkonarson  zu  Vi'didalstiinga, 
welcher  auch  diese  letztere   Hs.   hatte  schreiben  lassen.   Von  den    2  3    Papierhss., 
welche  Gudbrandur  aufzählt,  und  unter  welchen   er  nur  die  beiden   in  Stockholm 
und  Uppsala  liegenden   näher  zu  charakterisieren   unterlässt,    sind    volle    10    aus 
dieser  verlorenen  Membrane  geflossen,   welche  eine    durchaus  selbständige  Textes- 
recension    enthalten    hatte     (von  unserem   Herausgeber  als  A   bezeichnet) ;     unter 
ihnen  ist  die  eine  (Aa)  von  Asgeirr  Jönsson  und  theilweise  von  Arni  Magniisson  selbst 
geschrieben,  eine  zweite  (Ab)  von  sera  Ketill  Jörundarson  i  Hvammi  (f  1670),   eine 
dritte  von   dem  schon  genannten  Bauern  Jon  Gizurarson  ä  Nüpi   (Ac),  und  wurden 
diese   drei  Papierhss.   als  Ersatz  für  das  verloren  gegangene   Original,    weil  von 
einander  unabhängig,   sämmtlich  verglichen   und  benützt,   die  sämmtlichen  übrigen 
aber,  weil   nur  von  ihnen  abgeleitete  weitere  Copien,   mit  vollem  Rechte  bei  Seite 
liegen    gelassen.      Neben    dem  Texte  der  Vatnshyrna    steht    sodann    eine    zweite 
Hauptrecension   (B),   welche  von  jenem  theils  durch  geringere  Reinheit  und  Voll- 
ständigkeit,   theils    aber    auch    durch    die    Versetzung    eines    einzelnen    Capitels, 
des  4  8.,     sich  unterscheidet.     Diese  zweite  Recension  ist  durch   drei  Membran- 
fragmente repräsentiert,   unter    welchen   AM.    309   in   4.    (Ba) ,    im  Jahre    1498 
geschrieben,   cap.  1  — 11   init.,   und  cap.  17,  fin.  —  2  9,  med.,   der  Cod.  Guelferb. 
(B°) ,    um   die  Mitte  des    14.  Jahrhunderts  geschrieben,  cap.    20,   med.   bis  zum 
Schlüsse   der  Sage,   endlich   AM.    162,   Fol.   (Bd),    wahrscheinlich  noch  zu  Ende 
des    13.  Jahrhunderts  geschrieben,  cap.  47,   fin.  —  cap.  51,   med.,  und  cap.  57, 
med.   — •  cap.  61    enthält;  allein  auch  hier  müßten  die  Membranen  wieder  nicht 


LITTER  ATTJR.  483 

unerheblich  aus  den  Papierhs.  ergänzt  werden.  Zunächst  schon  insoferne.  als 
unser  Herausgeber  den  Wolfenbüttler  Codex  nicht  selbst  einsehen  konnte,  viel- 
mehr sich  mit  einer  Abschrift  desselben  begnügen  mußte,  welche  in  AM.  450 
in  4.  vorliegt  (einer  zweiten  Abschrift  desselben  Originales,  AM.  161  in  4.. 
erwähnt  S.  XXIV,  während  ihrer  auf  S.  XXV  in  dem  Verzeichnisse  der  Papierhas. 
nicht  mehr  gedacht  wird;  ob  dieselbe  etwa  verloren  gegangen  ist?);  da  diese 
Copie,  im  Jahre  1702,  von  Asgeirr  Jonsson  angefertigt  und  von  Arni  Magmis- 
son  collationiert,  und  überdies  im  Jahre  184  7  durch  Jon  Sigurdsson  nochmals 
einer  sorgfältigen  Vergleichung  unterstellt  wurde,  durfte  sie  in  der  That  als  ein 
hinreichend  verlässiger  Ersatz  für  das  Original  betrachtet  werden.  Sodann  aber. 
und  dies  ist  ungleich  wichtiger,  liegt  in  einer  um  das  Jahr  1640  gefertigten 
Papierhs.,  AM.  44  6  in  4.,  eine  Abschrift  desselben  Cod.  Guelf.  vor,  welche  zu 
einer  Zeit  gemacht  worden  war,  in  welcher  diese  Membrane  noch  ungleich  voll- 
ständiger war  als  sie  jetzt  ist;  der  Anfang  freilich,  bis  in  das  cap.  3  reichend, 
muß  derselben  schon  damals  gefehlt  haben,  und  ist  in  der  Abschrift  aus  der 
sofort  zu  besprechenden  dritten  Recension  (C)  ergänzt ,  der  Überrest  der  Hs. 
aber  folgt  durchaus  dem  Cod.  Guelf. ,  und  gibt  somit  zumal  für  den  Theil  der 
Sage,  für  weichen  sowohl  Ba  als  Bc  uns  verlassen,  nämlich  für  cap.  1 1  init.  — 
cap.  1 7  fin.,  eine  sehr  willkommene  Ergänzung  der  mit  B  bezeichneten  zweiten 
Hauptrecension.  Mit  B'  bezeichnet,  ist  diese  Papierhs.  denn  auch  insoweit  von 
unserem  Herausgeber  als  Ersatz  für  die  fehlenden  Membranen  benützt  worden. 
Endlieh  liegt,  wenn  man  will,  noch  eine  dritte  Textesrecension  (C)  in  einem 
Membranfragmente  aus  dem  15.  Jahrhunderte  (AM.  445b  in  4.)  vor,  über  welches 
sich  der  Herausgeber  ebenfalls  bereits  auf  S.  XVIII  und  XXIII — XXIV  der 
Vorrede  zu  den  Fornsögur  ausgesprochen  hat.  In  der  Mitte  stehend  zwischen 
A  und  B ,  und  offenbar  theils  aus  Hss.  der  ersten ,  theils  der  zweiten  C'lasse 
geflossen ,  folgt  diese  Hs.  in  ihren  ersten  und  letzten  Blättern  dem  Texte  A, 
in  ihren  mittleren  Blättern  dagegen  dem  Texte  B;  besonderen  "Werth  verleiht 
ihr  aber  ein  Zusatz,  welcher  von  den  Kindern  des  Snorri  godi  und  der  Chrono- 
logie seiner  Lebensgeschichte  handelt,  und  der  in  den  beiden  anderen  Recensionen 
fehlt.  In  den  Papierhss.  kommen  übrigens  auch  noch  andere  Mischgestaltungen 
vor,  zum  Theile  durch  Zusätze  veranlasst,  welche  aus  Hss.  der  A-Classe  auf 
den  Rändern  von  Bc  gemacht  worden  waren,  und  in  einer  von  ihnen,  AM.  4  4  5* 
in  4.,  ist  sogar  der  oben  erwähnte  Zusatz  der  dritten  Recension  zu  finden;  nur 
ausnahmsweise  sind  indessen  derartige  spätere  Aufzeichnungen  von  irgend  welchem 
Werthe,  sei  es  nun,  daß  sie,  wie  dies  bezüglich  eben  dieses  Zusatzes  der  Fall 
ist,  einen  einzelnen  Namen  lesen  lassen,  welcher  in  der  entsprechenden  Mem- 
brane bereits  unleserlich  geworden  ist,  oder  daß  sie  zu  der  alten  schriftlichen 
Überlieferung  noch  eine  spätere  im  Volksniunde  umlautende  Sage  nachtragen 
(vgl.  S.  XXVIII  und  S.  XXXII,  Anm.  1  ;  zu  der  ersteren  Stelle  vgL  Jon  Arnason, 
Islenzkar  pjüdsügur  og  aefintyri,  I,  S.  22  7).  —  Unser  Herausgeber  hat  nun, 
wie  billig,  seiner  Ausgabe  die  Recension  A  zu  Grunde  gelegt]  und  ist  dabei, 
wie  dies  allerdings  auch  Thorkelin  bereits  gethan  hatte,  zunächst  der  Abschrift 
Asgeirs  gefolgt,  jedoch  unter  Zuhilfenahme  der  von  Bera  Cetil!  und  Jon  Gizurar- 
son  herrührenden  Copien;  dagegen  hat  er  den  Recensionen  B  und  C  nicht  nur 
zahlreiche  Varianten  und  Emendationen  entnommen,  sondern  auch  die  Eigen- 
thümlichkeiten  des   Textes  B  unter  Mittheilung   zusammenhängende)!  Proben  des- 

31* 


484  LITTERATÜK. 

selben   auf  S.   XXVIH — XXXI  eingebend   erörtert,   und  den  mehrerwähnten  Zu- 
satz  des   Textes   C   anhangsweise  vollständig  abgedruckt. 

Ein  eigentümliches  Verfahren  hat  Gudbrandur  hinsichtlich  der  Ortho- 
graphie eingehalten,  und  durch  eine  Reihe  von  Erörterungen  in  seiner  Vorrede, 
S.  XXXIV  —  LH,  zu  begründen  gesucht;  aber  wenn  zwar  dem  Sprachforscher 
in  diesen  eine  Anzahl  der  werthvollsten  Beiträge  zur  Geschichte  der  altn.  Sprache, 
eine  Fülle  der  feinsten  Bemerkungen  über  deren  allmäliche  Umgestaltung  zunächst 
auf  Island  selbst,  dann  aber  auch  in  den  übrigen  Theilen  ihres  Bereiches  geboten 
wird,  so  möchte  ich  doch  bezweifeln,  ob  damit  der  vom  Herausgeber  einge- 
schlagene Weg  selbst  durchgängig  gerechtfertigt  zu  werden  vermöge.  Das  zwar 
ist  gewiss  zu  billigen,  daß  derselbe  sich  nicht  an  die  Orthographie  des  von  ihm 
zu  Grunde  gelegten  Textes  gehalten  hat,  da  er  nur  aus  neueren  Abschriften  der 
Vatnsbyrna  schöpfen  konnte,  welche  selbst  nicht  überall  die  Schreibweise  ihrer 
Vorlage  genau  wiedergaben  (vgl.  das  auf  S.  XXXVIII  über  Asgeirr  Bemerkte), 
und  da  überdies  sogar  die  Schreibung  dieser  Vorlage  selbst  wie  die  aller  anderen 
aus  dem  Ende  des  14.  Jahrhunderts  stammenden  Hss.  eine  nicht  mehr  völlig 
reine  und  consequente,  auch  aus  anderweitigen  Publicationen,  z.  B.  dem  buch- 
stäblichen Abdrucke  der  Flateyjarbök,  bereits  genügend  bekannte  ist.  Allein, 
dieses  zugegeben,  mußte  denn  doch,  wenn  nicht  geradezu  die  moderne  Isländische 
Orthographie  befolgt  werden  wollte,  entweder  der  Versuch  gemacht  werden, 
die  zur  Zeit  der  Entstehung  der  Eyrbyggja,  also  gegen  die  Mitte  des  13.  Jahr- 
hunderts, auf  Island  übliche  Schreibweise  wieder  herzustellen,  oder  aber  die 
normalisierte  Schreibung  beibehalten  bleiben,  wie  sie  sich  neuerdings  einmal  für 
die  Herausgabe  der  älteren  Denkmäler  festgestellt  hat;  unser  Herausgeber  da- 
gegen ist  einigermaßen  eklektisch  verfahren,  und  folgt  weder  ganz  jener  älteren, 
noch  ganz  dieser  normalisierten  Schreibart,  so  daß  seine  Orthographie  immerhin 
den  Eindruck  einer  gewissen  Willkürlichkeit  macht  und  in  sich  selber  keineswegs 
durchaus  consequent  ist.  Auf  die  Vergleichung  der  übrigen  Germanischen  Sprachen 
sich  stützend,  sucht  er  in  scharfsinnigster  Weise  aus  der  Schreibart  der  Runen- 
inschriften, sowie  aus  genauer  Verfolgung  der  in  den  älteren  Schwedischen,  Dä- 
nischen, Norwegischen  und  Isländischen  Membranen  befolgten  Orthographie,  dann 
auch  aus  seiner  eigenen  Kenntniss  der  heutigen  Aussprache  in  den  verschiedenen 
Theilen  seiner  Isländischen  Heimat  auf  den  ursprünglichen  Zustand  sowohl  als 
die  späteren  Verzweigungen  der  Nordischen  Gesammtsprache  gesicherte  Schlüsse 
zu  ziehen,  und  es  ist  nur  billig,  wenn  er  dabei  deren  Isländischem  Zweige  als 
dem  litterarisch  weitaus  bedeutsamsten,  ja  fast  allein  bedeutsamen,  ganz  vorzugs- 
weise seine  Aufmerksamkeit  zuwendet ;  aber  wenn  man  einerseits  nur  bedauern 
kann,  daß  der  Verfasser  sich  auf  ein  paar  aphoristische  Bemerkungen  beschränkt, 
und  nicht  lieber  gleich  eine  erschöpfende  Darstellung  der  Umwandlungen  gegeben 
hat,  welche  die  Lautverhältnisse  seiner  Muttersprache  in  Schrift  und  Aussprache 
allmälich  erlitten  haben,  so  wird  man  andererseits  auch  nicht  umhin  können,  sich 
die  Frage  aufzuwerfen,  warum  die  Ergebnisse  dieser  sprachgeschichtlichen  Er- 
örterungen so  wenig  gleichmäßig  die  für  den  Text  der  Eyrbyggja  selbst  beliebte 
Orthographie  bestimmt  haben.  Es  ist  vollkommen  in  der  Ordnung,  wenn  der 
Herausgeber  nachweist,  daß  das  anlautende  7ir,  hl,  Im  von  dem  anlautenden  r, 
l,  n  ursprünglich  in  allen  Germanischen  Sprachen,  und  so  auch  noch  in  den 
Skandinavischen  Runendenkmälern  genau  geschieden  werde,  und  daß  diese  Schei- 
dung auf  den  Orkneys   noch   im    1  3.  Jahrhunderte  erhalten,   in  Island  bis  auf  den 


LITTE  RATUR. 


485 


heutigen  Tag  herab  gilt,   während  sie  in  Norwegen   bereits  aus  den  ältesten  Hss. 
verschwunden  ist  und  von  dort  aus  die  gleiche  Schreibweise   auch  wohl  vorüber- 
gehend nach  Island  herüberdrang,   ohne  doch  hier  bleibenden  Eingang  zu  linden  ; 
in  der  Ordnung  auch,   wenn  er  hervorhebt,   daß   das  in  den  übrigen  Germanischen 
Sprachen   erhaltene  v  vor  den  £/-Lauten   (n,   o,   a,   j)   in  der  altnordischen  Sprache 
bereits   vor   der  Besiedelung   Islands   verschwunden   und   erst   später  in   Norwegen 
wieder  aufgenommen   worden   sei,   von   wo   es   dann   auch   wieder  nach  Island   hin- 
übergetragen  worden   sei,   ohne   doch   hier  wieder  festen  Fuß  gewinnen  zu  können, 
dann  den  Vers:    „reictiverk  er  pü  vunnit  hefir",   in  Str.  2  6    der   Sölarljöd  ledig- 
lich  als   ein   Zeugniss   dafür   betrachtet,   daß  dieses   angeblich   von  Siemundur  frdeti 
gedichtete   Lied ,    welches   nach   der  gewöhnlichen   Ansicht    noch    die   deutlichsten 
Spuren   des   Kampfes   christlicher   und   heidnischer   Vorstellungen   zeigen   soll,   erst 
im    14.   Jahrhunderte   entstanden  sein   könne.   In   beiden  Fällen   setzt  der  Heraus- 
geber mit  Recht   die   einheimische   Isländische   Sprech-   und   Schreibweise   der  nur 
vorübergehend    eingedrungenen    Norwegischen    entgegen,    und    beidemale    hat    er 
sowohl   die   Übung   des    13.   Jahrhunderts    als    die   moderne    und    die    derzeit    ge- 
bräuchliche Normalisierung    des   Altisländischen    für    sich ,     wenn   er    der   ersteren 
auch   in   einer   Eyrbyggja    folgt.     Auch    dagegen    ist    Nichts    einzuwenden,     wenn 
anstatt    des  e  und  o    der    älteren  Sprache    in    den  Endungen   -e,   -er,   -ed,   -ein, 
dann   -o,    -or,   -od,   om-   das  jetzt   übliche   i  und   u   geschrieben   wird;     der   Über- 
gang  zu   der   letzteren  Schreibweise   scheint   schon  zu  Anfang  des  1  3.  Jahrhunderts 
begonnen   zu   haben,   und   wenn   zwar   in   den  Hss.   noch   lange  Schwanken   zu  ver- 
spüren  ist,    so   herrscht  doch   in   den   besseren    unter    ihnen    schon   im    genannten 
Jahrhunderte   das   i  und   u  vor,   und   ist   es   nur   auf   fremdländische   Einflüsse    zu- 
rückzuführen,  wenn   seit   der  Reformation   bis   auf  Eggert  Olafsson   herab  (f  17  68) 
das   e,   nicht  auch   das   o,   wieder  das   Übergewicht  erlaugte.    Ebenso   kannte   zwar 
die   älteste   Sprache   auch   im   In-    und   Auslaute    nur  ein  p ,    kein   d,    aber   schon 
im  Anfange    des    1 3.  Jahrhunderts   wurde   der   letztere  Buchslab    den  Angelsachsen 
entlehnt,   und   er   wechselt   fortan   mit   dem    ersteren,   bis   er   sieh   schließlieh   allein 
behauptet;    seit   der   Mitte   des    14.   Jahrhunderts     durch    ein    bloßes    d  verdrängt, 
wird   sodann   das   d   durch  Eggert  Olafsson   wieder   hervorgesucht   und   durch  Rask 
zur   unbestrittenen   Herrschaft  gebracht,    wenn    auch    in    etwas  beschränkterem  Um- 
fange  als   vordem,   mit  vollem  Rechte,   da   die  Aussprache   dasselbe,   von  p  sowohl 
als   von   d  geschieden ,    fortwährend    festgehalten    hatte.      Mit   Recht   wird   ferner 
auch   das  ja,  jö,  jd,  ju,  jd    im   Gegensatze  zu   ia,   iö,   to,    /"',   id    festgehalten;     ob- 
wohl   nämlich   die   erstere   Schreibari     erst   am    Schlüsse    des   vorigen    Jahrhunderts 
aufkam,  hat  doch  bereits  ]>öroddur  rünameistari  (um  1 140)  sammt  seinen  Nachfolgern 
beim    i  wie   beim   u   die   consonantische    Geltung    von    der   vocalisehen    wohl    unter- 
schieden,  und  ergibt  sich  die  entsprechende  Aussprache  des^'o,  fÖ,jd  auch  daraus, 
das   dasselbe   in  Versen   schon   zu   Anfang   des    1  3.  Jahrhunderts    nur   als   eine  ein- 
zige  Silbe   gezählt   wurde.     Endlich    muß   gewiss   auch   der    Gebrauch    der   Accente 
zur   Bezeichnung   der  langen   Vocalc   gebilligt  werden.    Von   pöroddur   eingeführt, 
ist   derselbe   allerdings   im    1 3.  Jahrhundeitc    mit  Ausnahme  einiger  wenigen  Hand- 
schriften   wieder   aufgegeben    worden,    und    die  im   1 4.  Jahrhunderte  aufgekommene 
Bezeichnung  der  langen  Vocale  durch  Verdoppelung    (aa,   uu   u.   dgl.)    blieb   im 
Brauche,    bis  Eggert  Olafsson    wieder    zu    den    Accenten    zurückkehrte     (in    der 
Schrift,    nicht  im  Drucke,    hatte  man  im    17.   und    18.  Jahrhundertc  auch  wohl 
zweier    über    den  Vocal    gesetzter  Punkte    sich    bedient,    also  ä,    ü   u.  s.  w.  ge- 


486  LITTERATUR. 

schrieben);  nur  für  das  lange  e  war  im  15.  Jahrhunderte,  der  Aussprache  fol- 
gend, die  Schreibung  ie  aufgekommen,  für  welche  seit  dem  Jahre  17  70  wieder 
das  einfache  e,  dann  durch  Rask  eingeführt  das  jetzt  übliche  e  eintrat,  während  doch 
4  an  sich  folgerichtiger  wäre  und  auch  von  Gudbrandur  nunmehr  wieder  auf- 
genommen wird.  In  allen  diesen  Fällen  handelt  es  sich  theils  nur  um  graphische 
Verschiedenheiten,  theils  nur  um  die  Notwendigkeit,  bei  schwankender  Über- 
lieferung irgend  eine  bestimmte  Wahl  zu  treffen ,  und  mag  darum  der  vorwie- 
gende Gebrauch  der  besseren  Zeit ,  die  Übereinstimmung  zwischen  Schreibweise 
und  Sprachweise,  ja  sogar  die  Consequenz  und  Gefälligkeit  der  Schreibart  im- 
merhin den  Ausschlag  geben.  Bedenklicher  scheint  mir  aber  die  Behandlung  des 
schwachen  Umlautes  a  zu  ö  (u)  durch  u.  Ganz  richtig  wird  nämlich  ausgeführt, 
daß  derselbe  sowohl  in  Schweden  als  in  Dänemark  niemals  festen  Fuß  gefasst 
habe,  und  auch  in  Norwegen  nur  zu  schwankender  Geltung  gelangt  sei,  während 
er  auf  Island  ungefähr  seit  dem  Beginne  des  11.  Jahrhunderts  auftrete  und 
consequente  Durchführung  erreicht  habe,  und  ausdrücklich  wird  bemerkt,  daß 
dessen  sporadisches  Ausbleiben  in  einzelnen  Hss.  des  13.  und  zumal  14.  Jahr- 
hunderts nur  als  ein  Norwagismus  zu  betrachten  sei;  aber  warum  lässt  dann 
der  Herausgeber  auf  S.  11,  Z.  2  3  die  Form:  a  helgadu  pi'ngi,  auf  S.  2  3,  Z.  7 
die  Form  :  kastadu  stehen,  während  er  doch  das  gleichermaßen  norwagisierende  r 
statt  Ar,  vw  statt  u,  u.  dgl.  tilgt?  Ferner.  Daß  die  Passiv-  und  Reflexivendung 
bis  gegen  das  Jahr  1200  hin  -sk,  von  da  ab  bis  in  das  14.  Jahrhundert  hinein  -2, 
von  der  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  an  -zt  oder  zst,  seit  etwa  dem  Jahre  15  50 
aber  -st  geschrieben  wird,  welche  letztere,  in  älteren  Membranen  nur  ganz  ver- 
einzelt auftretende  Form  jetzt  die  allgemein  übliche  ist,  wird  des  Näheren  aus- 
geführt ;  wenn  unser  Herausgeber  hiernach  die  Schreibweise  -st  beibehält,  so  ist 
klar,  daß  er  damit  der  gegenwärtigen  Schreibung  selbst  da  folgen  zu  sollen  glaubt, 
wo  diese  von  derjenigen  Orthographie  abweicht,  welche  zur  Zeit  der  Entstehung 
derEyrbyggja,  oder  etwas  später  in  der  classischen  Zeit  der  Handschriftenschreibung 
die  geltende  war.  Aber  wie  stimmt  es  hiezu,  wenn  derselbe  andererseits  die 
Endungen  -at,  -it,  -ut  im  Neutrum  des  Artikels  und  des  Particips ,  dann  im 
Supinum  und  in  der  zweiten  Person  des  Plurals  im  Gegensatze  zu  der  heutigen 
Sprech-  und  Schreibweise  -ad,  id,  u&  aufnimmt?  Er  weist  selber  nach,  daß  die 
heutige  Aussprache  schon  dem  12.  und  dem  Anfange  des  13.  Jahrhunderts  ge- 
läufig gewesen  sein  müße,  indem  schon  damals  die  Schreibung  -ap,  ip,  -up  vor- 
kam, und  daß  in  einzelnen  guten  Hss.  das  -ad,  -id ,  -ud  bis  zum  Ende  des 
13.  Jahrhunderts  sich  erhielt,  während  freilich  im  13.,  14.  und  15.  Jahrhundert 
das  -at  u.  s.  w.  üblich  wurde,  wofür  dann  seit  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts 
th  oder  d  eintrat;  warum  soll  nun,  da  trotz  der  wechselnden  Schreibung  die 
Aussprache  fortwährend  die  alte  blieb  und  aus  diesem  Grunde  in  vielen  Hss. 
das  -at,  -at  auch  sogar  in  Fällen  geschrieben  werden  konnte,  in  welchen  das 
-ad,  -ud  unter  allen  Umständen  stehen  mußte  (z.  B.  herat,  höfut,  fögnut),  die 
heutzutage  übliche  und  der  Aussprache  allein  gemäße  Schreibweise  bei  Heraus- 
gabe älterer  Quellen  jener  anderen,  lediglich  conventionellen,  weichen?  Der  Aus- 
sprache folgend  schreibt  der  Herausgeber  hinge r,  ping ,  nicht  tunga  ,  ping ,  wie- 
wohl die  übrigen  Germanischen  Sprachen  den  kurzen  Vocal  zeigen  ;  in  den  En- 
dungen -ang ,  -eng,  -öng  dagegen  behält  er  den  kurzen  Vocal  bei,  obwohl  der 
lange  Vocal  -äng,  -eing,  -aung  schon  von  1300  abgeschrieben  wurde,  und  mit 
Aufnahme  eines  Theiles   des  Westlandes  bis  auf  den  heutigen  Tag  herab  allge- 


LITTERATUR. 


487 


mein  gesprochen  wird.  Das  Wort  ülfüd  soll,  obwohl  von  ülfur  herkommend, 
richtiger  nlbuä  geschrieben  werden,  weil  dasselbe  allgemein  in  der  letzteren  Weise 
ausgesprochen  wird,  als  ein  vereinzelter  Überrest  einer  früheren,  ungleich  weiter 
reichenden  Aussprache  Ib,  rh  anstatt  If,  rf;  andererseits  aber  wird  die  Schreibung 
mjök,  ok,  ek,  mik  u.  dgl.  beibehalten,  obwohl  man  jetzt  allgemein  mjög,  og,  eg, 
mig  zu  schreiben  wie  zu  sprechen  pflegt,  und  solche  Schreibweise  zum  Theil 
schon  seit  dem  ersten  Anfange  des  14.  Jahrhunderts  nachzuweisen  ist,  und  den 
Dativ  Pluralis  mit  dem  Artikel  lässt  der  Herausgeber  mit  -unum  endigen,  wäh- 
rend doch  nicht  nur  allgemein  -onum  gesprochen  wird,  sondern  diese  Aussprache 
auch,  wie  er  selber  andeutet,  auf  die  ältere  Schreibung  o  statt  u  zurückweist. 
Als  eine  Inconsequenz  muß  es  auch  erscheinen,  wenn  der  Herausgeber  sich 
darauf  einlässt,  bezüglich  der  in  der  Sage  zerstreuten  Verse  eine  ungleich  alter- 
tümlichere Orthographie  durchzuführen  als  bezüglich  der  Prosa,  wenn  er  also 
das  alte  *  für  r  (es,  vas,  vesa  u.  dgl.  für  er,  var}  vera),  das  angehängte  k  und  $ 
bei  den  Verba  und  den  Adverbia  oder  Pronomina  (emk ,  leetk ,  fork  für  em  ek, 
last  ek,fur  ek;  dann  pars,  jicirs  für  par  es,  peir  es),  das  -sk  der  Reflexiv-  und 
Passivform  statt  des  -st,  und  das  -mk  statt  -mz  (erumk,  sj'dmk  statt  erumz,  sjämz), 
den  Umlaut  ce  von  6  statt  le,  das  anlautende  gl-  und  gn-  statt  des  bloßen  l-  und  n-, 
im  Widerspruche  mit  der  handschriftlichen  Überlieferung  einstellt.  Es  ist  aller- 
dings richtig,  daß  die  Wiederherstellung  dieser  älteren  Sprachformen,  über  deren 
allmäliches  Abkommen  Gudbrandur  sehr  ansprechende  Nachweise  gibt,  guten- 
theils  durch  das  Metrum  gefordert  wird,  und  daß  es  nicht  wohl  angienge,  die- 
selbe auf  solche  Fälle  zu  beschränken  und  in  den  übrigen  der  normalisierten 
Schreibweise  zu  folgen ;  aber  sollte  dann  nicht  folgerichtig  auch  für  den  prosai- 
schen Theil  der  Sage  die  Orthographie  hergestellt  werden,  wie  sie  zur  Zeit  ihrer 
Aufzeichnung  im  Brauche  gewesen  war?  Ich  möchte  übrigens  diese  und  andere 
orthographische  Fragen  nur  Anderen,  und  zumal  dem  sehr  werthen  Herausgeber 
selbst,  zur  weiteren  Prüfung  ans  Herz  gelegt  wissen,  und  bescheide  mich  gerne, 
in  solchen  Dingen  meinerseits  kein  eigenes  Stimmrecht  zu  besitzen.  Dagegen 
glaube  ich  noch  erwähnen  zu  sollen ,  daß  auch  über  die  wechselnden  Formen 
der  Eigennamen  sehr  interessante  Andeutungen  gegeben  werden ,  unter  welchen 
die  Zurückweisung  der  in  der  Eyrbyggja  selbst  aufgestellten  Etymologie  des 
Namens  pörölfur  hervorgehoben   werden  mag. 

Unser  Herausgeber  hat  aber  auch,  XII — XXIII  seiner  Vorrede,  das  Alter 
der  Eyrbyggja  ins  Auge  gefasst  und  deren  Verhältniss  zu  andern  Sa- 
gen, ferner  ihren  litterarischen  Charakter,  so  wie  das  Maß  von  V  e  r- 
lässigkeit,  welches  dieselbe  beanspruchen  kann,  und  auch  über  diene  Punkte 
mag  hier  noch  Einiges  gesagt  werden.  Hinsichtlich  der  Entstehungszeit  der 
Sage  ist  im  Grunde  wenig  mehr  zu  erheben,  als  was  bereits  von  Peter  Erasmus 
Müller,  in  seiner  Sagabibliothek,  I,  S.  195 — 08,  erhoben  worden  ist.  Schon 
Müller  hat  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  die  Eyrbyggja  vor  der  Unterwerfung 
Islands  unter  den  Norwegischen  König  geschrieben  sein  müße,  weil  sie  das  Be- 
stehen der  aristokratischen  Verfassung  des  Isländischen  Freistaates  voraussetze, 
und  bereits  er  hat  sich  zur  Begründung  dieser  Behauptung  auf  Cap.  4  berufen, 
wo  es  heißt:  „Til  hofsins  skyldu  allir  menn  tolla  gjalda,  ok  vera  skyldir  hof- 
goda  til  allra  ferda ,  sem  rui  eru  Jungmenn  hötYimgjum".  Guctbrandur  nimmt 
daneben  auch  noch  Cap.  10,  wo  es  vom  pörsnessping  heißt:  »peir  fseräa  |>u 
pingit  inn  i  nesit  par  sem  nü  er",    sowie   Cap.    38   in  Bezug,    wo  gesagt  wird: 


488 


LITTEKATUli. 


,,]ki  fserda  landsstjörnarmenn  log  ä  pvi,  ;it  aldri  sictan  skyldi  kona  vera  vigsakar 
a.lili  ne  yngri  karhnadr  en  16  vetra,  ok  belir  )>at  haldizt  jafnan  si'dan", —  das 
Letztere  gewiss  mit  Recht,  da  die  Ausschließung  der  Weiber  von  der  Blutklage, 
wie  sie  dem  Norwegischen  Rechte  fremd  war,  auch  in  der  Järnsuta  und  Jönsbök 
keine  Stelle  mehr  gefunden  hat,  wenn  auch  dem  Erstereu  gegenüber  eingewendet 
werden  mag,  daß  zwar  nicht  die  alte  Dingordnung,  aber  doch  der  Gebrauch  der 
alten  Dingstätten  auch  in  der  königlichen  Zeit  zunächst  fortbestand.  Andererseits 
aber  ist  auch  darauf  Gewicht  zu  legen,  daß  am  Schlüsse  der  Sage  auf  die  münd- 
liche Aussage  der  Gudny  Bödvarsdöttir  Bezug  genommen  wird,  der  Mutter  der 
berühmten  Sturlusynir,  welche  nach  den  Annaleu  im  Jahre  1221  verstarb 
(vgl.  auch  Sturhinga,  IV,  Cap.  3  9);  allerdings  darf  man  hieraus  nicht,  wie  Müller 
durch  den  incorrecten  Text  der  älteren  Ausgabe  verführt  gethan  hat ,  auf  die 
Abfassung  der  Sage  vor  dem  Jahre  1221  schließen,  aber  doch  immerhin  so  viel 
folgern,  daß  dieselbe  nicht  allzulange  nach  diesem  Jahre  entstanden  sein  kann. 
Gudbrandur  sucht  noch  eine  engere  Begrenzung  dadurch  zu  gewinnen,  daß  er 
einerseits  die  Anführung  der  Laxdaela  im  Anfange  des  letzten  Capitels  unserer 
Sa^e  betont,  andererseits  aber  auch  hervorhebt ,  daß  die  erstere  nicht  vor  dem 
dritten  Decennium  des  13.  Jahrhunderts  geschrieben  sein  könne.  Ein  .,Ketill, 
er  äböti  var  at  Helgafelli"  wird  in  deren  Cap.  7  8  als  ein  Sohn  des  Hermundur 
Kodränsson,  ferner  ein  „Sighvatur  prestur"  als  Sohn  des  Brandur  p<3rarinsson, 
„er  setti  statt  at  Hiisafelli",  genannt,  und  zwar  letzterer  mit  dem  Beisatze,  daß 
er  lange  in  Hüsafell  gewohnt  habe ;  von  diesen  beiden  Männern  aber  lässt  sich 
der  erstere  ohne  Zweifel  mit  dem  Priester  Ketill  Hcrmundarson  identifizieren, 
welcher  nach  der  Päls  bps.  s.  Cap.  14  dem  Bischöfe  Päll  Jönsson  bis  an  seinen 
Tod  (1211)  diente,  nach  den  Annalen  im  Jahre  12  17  Abt  zu  Helgafell  wurde, 
und  nach  den  Annalen,  dann  der  Gudrnundar  bps.  s.  Cap.  7  2,  im  Jahre  1220 
starb  *) ,  während  der  zweite  seinem  Stammbaume  nach  ungefähr  derselben  Zeit 
angehört  haben  mag,  übrigens  damals  schon  hochbejahrt  gewesen  sein  muß,  da 
die  Stiftung  der  Kirche  zu  Hüsafell  durch  seinen  Vater  Brandur  nach  dem  im 
Diplomatarium  Islandicum ,  I,  S.  217 — 18,  abgedruckten  Stiftungsbriefe  bereits 
zur  Zeit  des  Bischofs  Kkengur  porsteinsson  ( 1  15  2 — 7  6)  erfolgte.  Auch  gegen 
diese  Beweisführung  wird  sich  nichts  einwenden  lassen  außer  der  entfernten 
Möglichkeit  etwa,  daß  der  Verfasser  unserer  Eyrbyggja  eine  ältere  Rccension 
der  Laxdada  gekannt  und  angeführt  haben  könnte,  als  welche  uns  vorliegt,  und 
daß  in  jener  älteren  Fassung  derselben  jene  beiden  Männer  noch  nicht  in  der 
oben  besprochenen  Weise  genannt  gewesen  sein  könnten ;  gibt  man  aber  die 
Stichhaltigkeit  jener  Folgerung  zu,  so  begränzt  sich  dadurch  die  Entstehungszeit 
der  Sage  auf  die  Jahre  1230  —  62,  also  gerade  auf  die  Zeit,  in  welcher  die 
Isländische  Sagenschreibung  in  ihrer  höchsten  Blüthe  stand.  —  Das  Verhält- 
niss  der  Eyrbyggja  zu  anderen  Sagen  ist  schwieriger  zu  bestimmen. 
In  ihrem   Cap.    6  5    sagt    die    Eyrbyggja    selbst,    daß   Snorri   godi,    mit    welchem 


*)  Bischof  Finnur  Jönsson  gibt  in  seiner  Historia  ecclesiastica'Islsndire,  IV,  S.  67 
das  Jahr  1222,  aber  S.  145  das  Jahr  1230  als  sein  Todesjahr  an;  Ersteres  offenbar  auf 
Grund  irgend  welcher  minder  genauen  Annalenhandschrift,  Letzteres  aber  zufolge  einer 
Verwecshlung  mit  einem  anderen  Abte  Ketill,  welcher  den  Annalen  und  der  Gudmundar  s. 
Cap.  96  zufolge  im  Jahre  1229  starb,  Dämlich  Ketill  Hallsson  von  Münkapverä,  wie  Bischof 
Finnur  S.  42  ebenda  selbst  angibt. 


L1TTERATUK.  4&) 

sie  so  viel  zu  thuu  hat,  auch  in  vielen  anderen  Sagen  eine  Rolle  spiele;  aber 
sie  erwähnt  unter  diesen  neben  der  Laxdada  nur  noch  die  Heidarviga  saga, 
unzweifelhaft  eine  der  ältesten  unter  den  Islondi'ngasögur,  und  außerdem  wird  von 
ihr  nur  noch  einmal,  in  ihrem  Cap.  7,  „Ari  porgilsson  cnn  fnidi"  angeführt. 
Es  hat  gewiss  viele  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  wenn  unser  Herausgeber  an- 
nimmt, daß  der  Verfasser  der  Eyrbyggja  neben  jenen  von  ihm  ausdrücklich 
genannten  Sagen  auch  noch  so  manche  weitere  zur  Hand  gehabt,  und  daß  er 
es  darauf  angelegt  habe,  bezüglich  solcher  Begebenheiten,  die  anderwärts  bereits 
ausführlich  erzählt  waren,  sich  kürzer  zu  fassen,  dagegen  diejenigen  ausführlicher 
zu  besprechen,  bei  welchen  dies  nicht  der  Fall  war.  In  der  That  weist  die  kurze 
Darstellung  einer  Reihe  der  wichtigsten  Begebenheiten  in  Cap.  12  und  lo  un- 
serer Sage  darauf  hin,  daß  deren  Verfasser  die  Gfsla  sagt  SürsBonaf  vor  Augen 
gehabt  habe;  die  kurze  Hindeutung  auf  die  Einsetzung  eines  Viertelsdinges  durch 
pördur  gellir  in  Cap.  10  lässt  wahrscheinlich  erscheinen,  daß  dem  Verfasser  die 
pördar  saga  gellis,  welche  uns  verloren  ist,  aber  in  der  Landnäma,  II.  cap.  16 
angeführt  wird,  noch  vorlag;  die  kurzen,  einem  Auszuge  ähnliehen  Bemerkungen 
des  Cap.  2  4  über  Eirikur  raueti  und  die  Entdeckung  Grönlands  werden  wohl 
der  Ein'ks  saga  rauda  entnommen  sein,  auf  welche  der  Eiriks  pättur  rauda  in 
der  Flateyjarbök,  I,  S.  42  9,  sowie  die  ausführlichere  Olafs  saga  Tryggvasonar, 
C.  220  (F.Mi  S.  II,  S.  214)  Bezug  nimmt,  welche  aber  ebenfalls  für  uns  ver- 
loren ist ;  die  nicht  minder  fragmentarischen  Angaben  über  die  Fahrten  der 
porbrandssynir  nach  Grönland  und  Vfnland  im  Cap.  18  linden  ihre  ausführlichere 
Erläuterung  in  der  porftnns  saga  Karlsefnis,  und  wenn  zwar  diese  letztere  Sage 
in  der  Gestalt,  in  welcher  sie  uns  vorliegt,  jünger  als  die  Eyrbyggjä  sein  muß, 
da  sie  ihre  Geschlechtsregister  bis  auf  den  berühmten  Lögmann  Haukur  Erlends- 
son  (f  1334)  und  die  Äbtissin  Hallbera  zu  Reynistactur  (f  13oO)  herabführt, 
so  mag  doch  immerhin  eine  ältere  Recension  derselben  schon  dem  Verfasser 
jener  Sage  bekannt  gewesen  sein,  wenn  nicht  etwa,  was  ja  auch  möglich  wäre, 
die  vorhin  erwähnte  Eiriks  saga  rauda  als  die  gemeinsame  Vorlage  gedient  haben 
sollte;  endlich  mag  auch  die  flüchtige  Art,  wie  in  Cap.  19  der  Annahme  des 
Christenthums  auf  Island  Erwähnung  geschieht,  mit  unserem  Herausgeber  daher 
erklärt  werden,  daß  der  Sagenschreiber  nicht  wiederholen  wollte,  was  er  in  der 
Kristnisaga  bereits  aufgezeichnet  fand.  Ich  möchte  sogar  annehmen,  daß  in  einigen 
weiteren,  von  unserem  Herausgeber  nicht  erwähnten  Fidlen  ein  ganz  ähnlicher 
Sachverhalt  zu  Grunde  lag.  Im  Cap.  48  z.  B.  wird  gelegentlieh  llallsteinn  gocti 
pdrolfsson  erwähnt,  mit  dem  Beisatze  „er  praelana  ätti"  ;  die  Landnäma,  II,  cap.  23) 
erwähnt  ebenfalls  dieser  seiner  Knechte,  mit  dem  Bemerken,  daß  er  sie  auf  der 
Heerfahrt  in  Schottland  gefangen  und  auf  deu  Svefneyjar  zum  Salzkochen  ver 
wendet  habe.  Berücksichtige  ich  nun,  daß  einerseits  die  Landnäma  in  demselben 
Capitel  noch  eine  weitere  Erzählung  von  llallsteinn  bringt ,  welche  auch  in  die 
jüngere  Bearbeitung  der  Gisla  saga  Sürssonar  Aufnahme  gefunden  hat,  und  in 
Cap.  7  der  porskfirdi'nga  saga  als  allgemein  bekannt  erwähnt,  wird  ,  und  daß 
andererseits  noch  die  heutige  Volkssage  auf  der  Insel  mit  jenen  Sclaven  sich 
beschäftigt  und  f  den  Namen  der  Svefneyjar  mit  ihnen  in  Verbindung  bringt 
(Jon  Arnason,  Islenzkar  pjdctsögur,  II,  S.  85),  so  sehe  ich  nicht  anders,  als 
daß  eine  Sage  existiert  haben  muß,  welche  über  llallsteinn  godj  ausführlicher 
gehandelt,  und  aus  welcher  man  mehrseitig  jene  einzelnen  Notizen  entlehnt  hatte. 
Keinem  Zweifel  kann   ferner   unterliegen,   daß   eine   eigene   Kjallcklinga  saga  exi- 


490  LITTERATUK. 

stierte,  aus  welcher  die  Landuama,  II,  Cap.  19,  ihre  Erzählung  über  die  Kämpfe 
des  Kjallakur  und  seiner  Söhne  mit  Ljötölfur  und  seinen  Söhnen,  uud  wieder 
C.  2  0  ihren  Bericht  über  den  Streit  des  Kjallakur  mit  Gudmundur  heljarskinn 
entlehnt  hat ;  mag  wohl  sein,  daß  auch  der  Verfasser  unserer  Sage  dieselbe  vor 
sich  gehabt,  und  in  seinem  Cap.  9  und  10,  dann  Cap.  17,  benützt  hat.  Wie- 
derum zeigen  die  mancherlei  Notizen,  welche  die  Landnäma,  II,  Cap.  5  und  6, 
dann  die  Gunnlaugs  saga  ormstüngu,  Cap.  5,  über  das  Geschlecht  der  Rauctmel- 
ingar  enthält,  daß  auch  über  sie  eine  eigene  Sage  vorhanden  gewesen  sein  muß, 
und  aus  ihr  könnte  wohl  genommen  sein,  was  in  Cap.  5  6  über  die  Kämpfe  der 
Raudmeh'ngar  mit  dem  Hause  des  Snorri  godi  berichtet  wird  u.  dgl.  m.  Voll- 
ständig einverstanden  bin  ich  aber  mit  den  scharfsinnigen  Auseinandersetzungen 
unseres  Herausgebers  über  dasf  Verhältniss  der  Eyrbyggja  zur  Landnäma.  Wir 
wissen,  daß  Ari  frödi  vor  der  Islendfngabök,  welche  uns  erhalten  ist,  ein  anderes 
Werk  gleichen  Titels  geschrieben  hatte ,  welches  er  dann  auf  den  Rath  der 
Bischöfe  porläkur  Runölfsson  und  Ketill  porsteinsson,  dann  des  Priesters  Saemund- 
ur  frödi,  umarbeitete,  und  wir  wissen  auch,  daß  bei  dieser  Umarbeitung  einer- 
seits die  in  dem  früheren  Werke  enthaltenen  Genealogien,  dann  die  Chronologie 
der  Königsregierungen  weggelassen,  andererseits  aber  auch  manche  Zusätze,  wie 
es  scheint  zumal  auf  die  Verfassungsgeschichte  der  Insel  bezügliche,  gemacht 
wurden ;  während  Ari  selbst  die  ältere  Schrift  als  „Islendingabök"  bezeichnete, 
trägt  die  jüngere,  uns  allein  erhaltene,  nur  den  Titel  eines  „libellus  Islandorum", 
und  gar  manche  Notizen ,  welche  in  der  sonstigen  älteren  Litteratur  auf  ihn 
zurückgeführt  werden  ,  sind  in  diesem  letzteren  nicht  zu  finden.  Jenes  ältere 
und  ausführlichere  Werk  des  Ari  scheint  es  nun  gewesen  zu  sein,  welches  nach 
der  Angabe  der  Hauksbök  (Islendi'ngasögur,  I,  S.  320,  Aum.  12)  die  erste 
Grundlage  der  Landnäma  bildete,  wie  solche  von  Kolskeggur  hinn  vitri,  wie  es 
scheint  zumal  durch  genauere  Aufzeichnungen  über  die  Geschlechter  des  Ost- 
landes (vgl.  Landr.  IV,  Cap.  4,  S.  2  49  und  Cap.  9,  S.  261 — 2)  ergänzt,  und 
später  von  Styrmir  hinn  frödi  und  von  Sturla  pördarson  überarbeitet,  auf  uns 
gekommen  ist,  und  dann  einerseits  von  Herrn  Haukur  selbst,  andererseits  von 
Markus  pördarson  zu  Melar  oder  einem  seiner  Angehörigen  neuerdiugs  umge- 
staltet worden  ist.  Dabei  dürfen  wir  wohl  annehmen,  daß  Ari  selbst  auf  die 
Mittheilung  bloßer  Geschlechtsregister  sich  beschränkt  habe,  und  daß  ex-st  durch 
die  späteren  Überarbeitungen  aus  der  mündlichen  Überlieferung  und  mehr  noch 
aus  inzwischen  aufgezeichneten  Sagen  breitere  Erzählungen  eingeschaltet  worden 
seien;  oft  genug  verräth  die  aphoristische  Kürze  solche  spätere  Einschaltungen, 
anderemale  aber  auch  der  Umstand,  daß  dieselben  in  den  verschiedenen  Recen- 
sionen  der  Quelle  ganz  verschieden  gestaltet  sind,  wie  denn  z.  B.  die  Melabök 
erhebliche  Zusätze  aus  der  Vatnsdaela  entlehnt  hat,  von  welchen  die  übrigen 
Bearbeitungen  nichts  wissen,  wie  ferner  in  dem  Berichte  über  Orlygur  gamli, 
dann  über  Asölfur  alski'kk  die  Hauksbök  und  Melabök  ganz  andere  Zusätze  zei- 
gen als  die  im  engeren  Sinne  sogenannte  Landnäma,  wie  derselbe  Unterschied 
der  verschiedenen  Recensionen  in  dem  Berichte  über  Lön-Einarr  sich  wiederholt 
u.  dgl.  m.  Von  hier  aus  erklärt  es  sich,  daß  zwischen  der  Landnäma  und  unserer 
Eyrbyggja  sich  Beziehungen  von  zweifacher  Art  ergeben  konnten  und  ergeben 
haben.  Auf  der  einen  Seite  citiert  die  letztere,  wie  schon  bemerkt,  einmal  selbst 
den  Ari  frödi,    und    wenn   die    in    Bezug    genommene   Stelle    in    dessen    libellus 


LITTERATUR.  49  [ 

Islandorum  sich  nicht  findet,  so  steht  dieselbe  doch  in  der  Landnäma,  II,  Cap.  15, 
und  mag  aus  dem  größeren  Werke  des  Ari  in  diese  übergegangen  sein;  mit 
vollstem  Rechte  nimmt  Gudbrandur  an,  daß  für  die  Genealogien  der  Eyrbyggja 
noch  in  weiterem  Umfange  jene  Geschlechtsregister  des  Ari  als  Quelle  gedient 
haben,  indem  er  zugleich  hervorhebt,  wie  gelegentlich  einmal  eine  Lücke,  welche 
die  sämmtlichen  Recensionen  unserer  Landnäma  lassen,  aus  der  Eyrbyggja  er- 
gänzt werden  kann,  offenbar  weil  ihrem  Verfasser  noch  eine  lesbare  Handschrift 
vorlag,  während  die  Schreiber  jener  ihr  Original  an  dieser  Stelle  nicht  mehr  zu 
lesen  vermochten:  wie  es  daneben  zu  erklären  sei,  daß  unsere  Sage,  Cap.  2, 
den  pörölfur  Mostrarskegg  mit  unseren  Texten  der  Landnäma  übereinstimmend 
zu  einem  Sohne  des  Örnölfur  fiskreki,  und  nicht  mit  Ari  fnidi  zu  einem  Sohne 
des  porgils  reydarsida  (Njala ,  Cap.  115)  macht,  ohne  dieser  Abweichung  auch 
nur  zu  gedeukeu,  muß  dahingestellt  bleiben.  Auf  der  andern  Seite  haben  aber 
die  späteren  Bearbeitungen  der  Landnäma,  wie  sie  uns  vorliegen,  offenbar  auch 
wieder  aus  der  Eyrbyggja  geschöpft;  in  II,  Cap.  9  z.  B.  hat  einerseits  die  eigent- 
liche Landnäma  und  andererseits  die  Hauksbök  und  Melabök  diese  excerpiert 
letztere  sogar  mit  dem  ausdrücklichen  Beifügen :  „eptir  p vi  sem  segir  i  Eyrbyggja 
sögu",  beide  aber  in  durchaus  selbständiger  Weise.  Ahnliches  kommt  öfter  vor, 
und  lässt  sich  natürlich  nicht  jederzeit  mit  vollkommener  Sicherheit  bestimmen 
ob  im  einzelnen  Falle  der  Text  unserer  Landnäma  oder  der  Eyrbyggja  der  ur- 
sprünglichere sei,  zumal  da  auch  die  Möglichkeit  nicht  ausgeschlossen  ist,  daß 
auch  von  dieser  letzteren  eine  ältere  Recension  uns  verloren  gegangen  sein  könnte; 
eine  derartige  Stelle  mag  um  ihres  besonderen  historischen  Interesses  willen  hier 
noch  näher  besprochen  werden.  Gelegentlich  der  Verlegung  des  pörsnesspfng 
nach  dem  Platze,  an  welchem  dasselbe  später  gehalten  wurde,  sagt  die  Eyr- 
byggja in  'hrem  Cap.  10:  „par  ser  enn  dömhn'ng  pann,  er  menn  vorn  damidir 
1  til  blöts.  I  peim  hri'ng  stendr  pörssteinn,  er  peir  menn  vöru  brotnir  um,  er  til 
blöta  vöru  halVtir,  ok  ser  enn  blödslitinn  ä  steininum"  ;  in  der  Landnäma,  II,  Cap.  1  2, 
lautet  die  Stelle  dagegen:  „par  stendr  enn  pörs  steinn,  er  peir  brutu  pä"  menn 
um,  er  peir  blötudu;  ok  par  bjä  er  sä  dömhn'ngr,  er  menn  skyldu  til  blöts 
dajma"  ;  während  also  die  erstere  Quelle  den  Opferstein  in  die  Mitte  des  Ge- 
richtsringes stellt,  lässt  ihn  die  zweite  außerhalb  desselben,  aber  in  dessen  Nähe 
stehen.  Welche  Lesart  nun  wohl  die  richtige  ist?  Gudbrandur  neigt  sich,  S.  XV, 
der  ersteren  zu;  ich  möchte  umgekehrt  eher  die  zweite  vorziehen,  und  zwar 
aus  folgenden  Gründen.  Ich  habe  seinerzeit  auf  Island  eine  Reihe  älterer  Ding- 
stätten besucht,  nämlich  neben  der  des  Alldinges  die  des  Arnessping  und  pfng- 
Bkälapmg,  des  pl'ngeyjarping,  Vöäluping,  Hegraneaspiog  und  des  Hünavatnaping, 
des  porskafjardarping,  pdrsnesspfng  und  pverärpfng,  endlich  des  Kjalarnesspfng, 
und  bei  allen,  so  weit  nur  überhaupt  deren  Loyalitäten  sich  einigermaßen  con- 
statieren  ließen,  eine  gewisse  Gleichförmigkeit  der  Einrichtungen  gefunden; 
überall  aber,  wo  überhaupt  noch  die  Erinnerung  daran  nicht  erloschen  war, 
zeigte  man  mir  die  Opferstätte  etwas  entfernt  von  dem  Platze,  an  welchem  die 
Gerichte  gehalten  worden  waren.  So  soll  am  Allding  die  lögretta,  und  damit  auch 
das  fünfte  Gericht,  zwischen  der  Flosagja  und  Nikuläsargjä  gehalten  worden 
sein,  während  bei  dem  kleineren  Wasserfalle,  welchen  die  <  »xani  bildet,  die  zum 
Tode  Verurtheilten  durch  einen  Sturz  von  den  Klippen  herab  ins  Wasser  geopfert 
worden  sein  sollen  ;  die  Viertelsgerichte  hatten  ihren  Sitz,  soviel  ich  zu  ersehen 
vermag,  am  linken  Ufer  der  öxarä,   nicht  weit  von  jenem  Wasserfalle,  aber  doch 


492  LITTE1UTUK. 

nicht  unmittelbar  an  demselben*).  Der  dömhringur  des  Arnessping  soll  noch 
auf  der  Insel  in  der  J>jc>rsä  zu  sehen  sein,  auf  welcher  von  Alters  her  das  Ding 
gehalten  worden  war,  und  war  ich  nur  durch  Hochwasser  verhindert,  selber 
hinüberzureiten ;  am  Ufer  des  Flusses  aber  sah  ich  neben  dem  Platze,  wo  vordem 
die  Dingbuden  gestanden  hatten,  den  nach  ihnen  benannten  Budafoss,  und  hart 
an  diesem  soll  bis  in  die  neueste  Zeit  herab  der  bldtsteinn  zu  sehen  gewesen  sein, 
auf  welchen  von  dem  steilen  und  hohen  Flußufer  herab  die  dem  Opfertode 
Bestimmten  gestürzt  worden  seien.  Die  Dingstätte  des  lu'ngeyjar,  mg  liegt  eben- 
falls wieder,  wie  schon  der  Name  andeutet,  auf  einer  Insel  im  Skjälfandafijdt, 
auf  welcher  man  noch  Überreste  genug  von  derselben  sehen  kann  ;  die  Menschen- 
opfer aber  wurden  am  Goctafoss  gebracht,  welcher  eine  gute  Strecke  weiter 
aufwärts  an  demselben  Flusse  liegt,  und  eben  von  jenen  Opfern  den  Namen  des 
Götterwasserfalles  zu  tragen  scheint.  Die  Dingstätte  des  Vödlu])i'ng  wusstc  mir 
Niemand  nachzuweisen,  aber  aus  dem  Namen  selbst  lässt  sich  erkennen,  daß 
dieselbe  am  Ausflusse  der  Eyjafjardara  gelegen  gewesen  sein  muß;  aber  die 
Opfefstätte  scheint  auch  hier  weiter  oben  im  Thale  gelegen  zu  haben,  wenig- 
stens findet  sich  hart  bei  Munkapvera,  wo  der  berühmte  Tempel  des  Freyr  ge- 
standen hatte,  wiederum  ein  Godafoss.  Wiederum  liegt  ziemlich  entfernt  von  der 
Dingstätte  des  porskafjurdarpi'ng  die  alte  Richtstätte  (Kvalakrökur) ;  doch  will 
ich  hierauf  und  auf  ein  ähnliches  Vorkommniss  beim  pingskälapi'ng  kein  ent- 
scheidendes Gewicht  legen,  weil  hier  auch  recht  wohl  Überlieferungen  aus  un- 
gleich späterer  Zeit  in  Frage  sein  können,  wie  denn  z.  B.  am  Kjalarnes  bei  Hof, 
wo  der  große  Tempel  gestanden  hatte,  die  blotkelda  zu  sehen  ist,  deren  schon 
die  Kialnesingasaga,  Cap.  2,  gedenkt,  während  etwas  weiter  östlich  am  Meerbusen, 
hinein,  zwischen  den  Höfen  Mögilsä  und  Möar,  ein  Leidarvöllur  gezeigt  wird, 
welcher  recht  wohl  die,  nicht  mehr  erkennbare,  alte  Dingstätte  bezeichnen  kann, 
und  neben  ihm  eine  Richtstätte  aus  späterer  Zeit  (Gälgi).  Nach  allem  dem  möchte 
ich  annehmen  ,  daß  die  Opferstätte  nach  dem  älteren  Brauche  zwar  nicht  allzu- 
weit entfernt  vom  Geriehtsplatze  sich  befunden  habe,  aber  auch  nicht  unmittelbar 
auf  demselben,  Letzteres  vielleicht  darum,  weil  es  als  ungebührlich  galt,  diesen 
letzteren,  und  sei  es  auch  mit  Opferblut,  zu  beflecken;  die  Lesart  der  Landnama 
wäre  hiernach  als  die  riehtigere  zu  betrachten,  könnte  aber  auch  in  der  Eyr- 
by"-«ia  möglicherweise  früher  gestanden  haben.  Jedenfalls  sind  die  Auseinander- 
setzungen, welche  in  Grönlands  historiske  Mindesmärker,  I,  S.  521  —  28,  über 
die  Localverhältnisse  des  pörsnesspfng  gegeben  werden,  ohne  alle  Glaubwürdigkeit, 
wie  dies  auch  unser  Herausgeber  bereits  ausgesprochen  hat;  vergebens  haben  wir 
Beide  als  wir  im  Sommer  1858  gemeinsam  die  Gegend  besuchten,  nach  dem 
Gi-erichtsringe  und  Opfersteine  uns  umgesehen:  was  man  als  den  letzteren  be- 
zeichnet,   kann    unmöglich  jemals    ein    solcher   gewesen   sein. 

Der  litt  er  arische  Charakter  der  Eyrbyggja  wird  vom  Herausgeber 
ungemein  richtig  «rewürdigt.  Als  Ganzes  betrachtet  ist  dieselbe  hinsichtlich  ihrer 
Composition    keineswegs    auf    eine    besonders   hohe   Stufe    zu   stellen.      Es    wurde 


*)  Zur  Orientierung  mag  etwa  der  Plan  dienen,  welchen  Dasent  dem  ersten  Bande 
geiner  Njäla  beigegeben  hat;  doch  ist  hier  nur  der.'größere  Fall  der  Oxaiä  angegeben, 
nicht  der  kleinere,  walcher  sich  zwischen  jenem  und  dem  porleifshölmur  (Duel  Island, 
bei  Dasent)  befindet. 


LITTERATÜR.  493 

schon  erwähnt,  daß  deren  Verfasser  eine  Reihe  wichtiger  Begebenheiten  nur 
darum  kurz  abgethan  und  sozusagen  nur  im  Vorbeigehen  berührt  zu  haben 
scheint,  weil  er  sie  in  älteren  Sagen  bereits  zur  Geniige  dargestellt  wusste  ; 
umgekehrt  werden  aber  auch  wieder  andere  Vorfälle  auffallend  detailliert  vorge- 
tragen, welche  doch  mit  dem  Hauptgegenstande  der  Erzählung  in  keiner  beson- 
ders engen  Verbindung  stehen,  und  theilweise  scheint  dabei  die  Darstellung 
sogar  eine  von  der  sonstigen  etwas  abweichende  Haltung  zu  zeigen.  Unser  Heraus- 
geber wirft  selber  die  Frage  auf,  ob  nicht  Episoden  wie  die  von  Björn  Breict- 
vi'kfngakappi  (Cap.  29,  40,  47  und  G4),  von  den  Gespenstern  zu  Frödü  (Cap. 
50' — 55),  dann  von  pöroddur  im  Älptaljördur  (Cap.  6  3),  erst  hinterher  der  Sage 
eingefügt  worden  seien,  und  es  lässt  sich  nicht  läugnen,  daß  die  beiden  letzteren 
zumal  in  keiner  Weise  mit  dem  Faden  der  Erzählung  zusammen  hängen ,  wie 
denn  Cap.  5  6  diesen  genau  an  dem  Punkte  wieder  aufnimmt,  wo  ihn  Cap.  4  9 
fallen  gelassen  hatte;  indessen  fehlen  doch  alle  äußeren  Anhaltspunkte  für  eine 
solche  Vermuthung,  und  es  mag  immerhin  möglich  sein,  jene  Auirälligkeiten  der 
Composition  und  Darstellung  auf  einem  anderen  Wege  zu  erklären.  Nicht  von 
künstlerischen ,  sondern  von  historischen  Bedürfnissen  geht  ja  überhaupt  die 
Isländische  Sagenschreibung  aus.  Nüchtern  und  trocken  berichtet  die  lslendi'nga- 
bök  und  die  Landnäma,  die  Kristnisage  und  die  Hüngurvaka,  berichten  die  Lebens- 
beschreibungen der  Bischöfe  porlakur  und  Jon  wie  die  der  Könige  Ülafur  Tryggva- 
son  und  Olafur  helgi  in  ihren  älteren  Recensionen  die  ihren  Verfassern  bekannt 
gewordenen  Überlieferungen;  sehr  allmälich  erst  erhebt  sich  die  Geschichtschrei- 
bung zu  bewussterer  Berücksichtigung  des  formellen  Elementes  neben  dem  ma- 
teriellen, um  dann  hin  und  wieder  sogar  jenes  erstere  ebenso  einseitig  auf  Kosten 
dieses  letzteren  in  den  Vordergrund  treten  zu  lassen.  So  mag  denn  auch  der 
Verfasser  der  Eyrbyggja  ohne  alle  Rücksicht  auf  die  künstlerische  Abrund ung 
und  ebenmäßige  Vertheilung  seines  Stoffes,  ohne  alles  Streben  ferner  nach  durch- 
gängig gleichartiger  Haltung  seiner  Darstellung,  vorzüglich  darauf  sein  Augen- 
merk gerichtet  haben,  möglichst  vollständig  die  ihm  bekannt  gewordenen  Über- 
lieferungen  mitzutheilen,  soweit  solche  nicht  bereits  aus  anderen  allgemein  ver- 
breiteten Sagen  seinem  Publicum  bekannt  waren;  je  nach  dem  Maße  der  ihm 
zu  Gebote  stehenden  Traditionen  mochte  dann  freilich  auch  das  Maß  der  Aus- 
führlichkeit ein  verschiedenes  werden,  mit  welcher  er  die  einzelnen  Theile  seiner 
Erzählung  behandelt,  während  zugleich  die  Rücksicht  auf  das  anderweitig  sehen 
Bekannte  eine  weitere  Ungleichförmigkcit  bedingte,  und  soweit  ihm  etwa  schrift- 
liche Aufzeichnungen  vorlagen,  mochte  auch  wohl  deren  Gestaltung  auf  die  Be- 
schaffenheit seiner  eigenen  Darstellung  bestimmenden  Einfluß  gewinnen  und  deren 
Einheitlichkeit  stören.  Mit  dieser  Unbeholfenheit  in  der  Anlage  des  Ganzen  ist 
die  ungemeine  Schärfe  in  der  Auflassung  und  Wiedergabe  des  Einzelnen  rech! 
wohl  vereinbar,  welche  diese  Sage  vor  so  mancher  anderen  auszeichnet,  Die 
Charakterisierung  der  handelnden  Personen,  und  zwar  der  Hauptpersonen  nicht 
nur  sondern  auch  der  Nebenpersonen,  ist  von  unübertrefflicher  Folgerichtigkeil 
und  Anschaulichkeit;  die  Schilderung  der  in  Betrachl  kommenden  Ortlifchkeiten 
ist  von  jener  prägnanten  Genauigkeit,  wie  sie  die  Vertrautheil  mit  einer  rauhen 
N"atur  und  die  Gewöhnung  des  ReisenB  in  unwegsamem  Lande  erzengt,  und  wie 
man  sie  am  Isländischen  Bauern  wie  an  den  Bewohnern  unserer  Berglande  noch 
heutzutage  zu  bewundern  Gelegenheit  hat;  die  Schilderung  endlich  einzelner 
Begebenheiten,  und  zumal  einzelner  Kampfscenen     isl   kurz,  nervig,  dramatisch 


494  LITTERATÜR. 

bewegt.  Ähnliche  Vorzüge  bei  ähnlichen  Mängeln  zeigen  ja  auch  andere  Sagen, 
die  wir  um  ihres  Inhaltes  willen  zu  den  älteren,  wenig  überarbeiteten  zu  zählen 
haben :  so  zumal  die  Sagen  des  Ostlandes  und  theilweise  auch  des  Nordlandes. 
Der  Vortrag  endlich  der  Sage  ist  schlicht  und  einfach,  ohne  allen  Prunk,  aber 
überall  ihrem  Gegenstande  angemessen:  die  Verse,  welche  hin  und  wieder  ein- 
gestreut sind,  sind  durchaus  acht  und  alt,  nicht  wie  in  so  manchen  anderen 
Sagen,  und  z.  B.  auch  in  der  Näjla ,  erst  späteres  Machwerk,  so  daß  auch  in 
dieser  Beziehung  das  Streben  des  Verfassers  als  lediglich  auf  geschichtliche 
Wahrheit,  nicht  künstlerischen  Schmuck  gerichtet  sich  erweist.  Als  ein  Curiosum 
mag  noch  erwähnt  werden,  daß  die  Sage,  obwohl  in  ihrer  Sprache  eine  der 
reinsten,  doch  nicht  nur  einzelne  Romanische  Worte  einmischt,  wie  dies  bereits 
im  13.  Jahrhunderte  auf  Island  ganz  allgemein  geschah,  sondern  sogar  einmal 
das  Wort  „stollz",  welches  in  dieser  Form  von  unserem  Herausgeber  sowohl 
als  von  Sveinbjörn  Egilsson  nur  noch  an  einer  weiteren  Stelle ,  nämlich  der 
Olafs  saga  helga  in  ihrer  jüngeren  Bearbeitung  (F.  M.  S.  IV,  S.  16  2)  nachge- 
wiesen wird ,  übrigens  auch  noch  in  der  Jjidrfks  saga  af  Bern  vorkommt. 
Wie  mag  das  Deutsche  Wort  in  eine  Isländische  Sage  des  13.  Jahrhunderts 
gekommen  sein?  Doch  wohl  über  Norwegen  durch  die  Hansa;  aber  warum 
dann  in  hochdeutscher  Gestalt?  —  Mit  dem  vorhin  über  Zweck  und  Stand- 
punkt des  Verfassers  der  Eyrbyggja  Bemerkten  hängt  aber  sehr  wesentlich  zu- 
sammen, was  über  deren  geschichtliche  Glaubwürdigkeit  zu  sagen 
ist.  Diese  ist  im  Allgemeinen  durchaus  unangreifbar,  was  natürlich  nicht  aus- 
schließt, daß  in  einzelnen,  zumal  chronologischen  Punkten  auch  wohl  einmal  ein 
Irrthum  mit  untergelaufen  sein  mag,  oder  daß  so  manche  Wunder-  und  Gespenster- 
geschichte in  der  Sage  berichtet  wird ,  welche ,  wenn  auch  allgemein  geglaubt 
und  als  wahr  betrachtet,  doch  in  keiner  Weise  auf  objective  Wahrheit  Anspruch 
erheben  kann.  Daß  der  Verfasser  die  reine  Wahrheit,  und  nur  diese,  mittheilen 
wollte ,  ergibt  sich  schon  aus  der  vorsichtigen  Angabe  von  Abweichungen  in 
der  Überlieferung,  wo  er  solche  vorfand  (z.  B.  Cap.  7  :  segja  sumir,  at  hün  vseri 
ddttir  porsteins  rauds,  en  Ari  porgilsson  eun  frötti  telr  hana  eigi  med  hans 
börnum ;  Cap.  43:  ]>at  er  sumra  manna  sögn,  at  pat  va?ri  gjört  med  rädi  Snorra 
goda:  Cap.  44:  ok  er  pat  sumra  manna  sögn,  at  Snorri  godi  sa?i  pä  Björn, 
er  peir  vöru  upp  i  hälsbriininni ;  Cap.  46:  ok  er  pat  flestra  manna  sögn,  at 
mälin  ka?mi  i  dorn  Vermundar ;  Cap.  63:  pat  er  sumra  manna  sögn,  at  pä  er 
eyjamenn  föru  utan  eptir  firdi  med  skreidarfarma ,  at  pä  ssei  peir  küna  upp  i 
hli'dina),  aus  der  Bezugnahme  auf  die  bestimmte  Überlieferung  selbst  bezüglich 
reiner  Nebensachen  (z.  B.  Cap.  44:  ok  er  svä  frä  sagt,  at  bann  vferi  i  raudum 
kyrtli  u.  s.  w. ,  vgl.  auch  die  schon  erwähnte  Bezugnahme  auf  Aussagen  der 
Gudny  Bödvarsdöttir  in  Cap.  65),  so  wie  zumal  aus  der  genauen  Beachtung 
der  Verschiedenheit  des  Rechts ,  der  Sitte  und  des  Glaubens  der  älteren  Zeit, 
von  welcher  er  berichtet,  und  der  seinigen  (z.  B.  Cap.  4:  til  hofsins  skyldu 
allir  menn  tolla  gjalda,  ok  vera  skyldir  hofgoda  til  alba  fcrda,  sein  nü  eru  ]iing- 
menn  höfdingjum;  Cap.  22:  pviat  pat  vöru  pä  log,  at  stefna  heiman  vigsök, 
svä  at  vegendr  heyrdi ,  edr  at  heimili  peirra,  ok  kvedja  eigi  büa  til  fyrr  en  ä 
Jn'ngi ;  Cap.  26  :  f  penna  tima  vöru  ütikamrar  ä  bajum ;  Cap.  3  4  :  jafnskylt  var  ölluni 
münnum  i  lögum  peirra,  at  fa?ra  dauda  menn  til  graptrar,  sem  nü,  ef  peir  vöru 
kvaddir;  Cap.  39:  pat  var  pä  kaupmanna  sidr,  at  hafa  eigi  matsveina  u.  s.  w.; 
Cap.  43:    pat  var  sidr  Breidvikinga  um  haustum,    at  peir  höfdu  knattleika  um 


LITTER  ATTTR.  495 

vetrnättaskeict  undir  Öxlinni  smlr  Ihi  Knerri,  par  heita  sidan  Leikskälavellir  u.  s.  w., 
dann:  Egill  hafdi  sküfada  sköpvengi,  sem  pä  var  sidr  til,  und:  pat  vdru  log  i 
pann  tfma,  ef  madr  drap  prael  fyrir  manni,  at  sä  madr  äkyldi  f»ra  heim  ]>raels- 
gjöld,  ok  hefja  ferd  sfna  fyrir  liina  prictju  söl  eptir  vfg  praelsins  u.  s.  w. ;  Cap.  52: 
at  Frödä  var  eldaskäli  mikill  ok  lokrekkja  innar  af  eldaskälanum,  sem  pä 
var  sidr;  —  —  par  vöru  gjörvir  mäleldar  hvert  kveld  i  eldaskäla,  sem  sidr 
var  til;  Cap.  54:  petta  pdtti  gödr  fyrirburdr,  pviat  pä  höfdu  menn  pat  fyrir 
satt,  at  pä  vaeri  mönnum  vel  fagnat  at  Ränar,  ef  sjddaudir  menn  vitjudu  erfis  sins; 
Cap.  58:  pörir  hafdi  baft  tygilkm'f  ä  hälsi,  sem  pä  var  ti'tt).  Anderntheils  kann 
auch  nicht  bezweifelt  werden,  daß  der  Verfasser  im  Allgemeinen  wohl  im  Stande 
war,  über  die  Vorgänge,  von  welchen  seine  Erzählung  handelt,  unterrichtet  zu 
sein.  Daß  er  in  dem  Bezirke  heimisch  war,  in  welchem  diese  spielt,  ist  klar; 
nimmt  er  doch   selber    öfter  Bezug  auf  Denkmäler,    die    von    dieser    oder    jener 

Begebenheit  Zeugniss  geben   (z.  B.   Cap.  1 0 :  pä  ser  enn   dömhring  pann, 

ok  ser  enn  blödslitinn  ä  steininum;  Cap.  28  :  Eptir  petta  tüku  peir  at  rydja  götuna, 
ok  er  pat  et  mesta  mannvirki ;  peir  lögdu  ok  gardinn,  sem  enn  ser  merki :  Cap.  3  4  : 
Let  Arnkell  sidan  leggia  gard  um  pveran  höfdann  fyrir  ofan  dysina,  svö  hafan  at 
eigi  komst  yfir  nema  fugl  fljügandi,  ok  ser  enn  pess  merki;  Cap.  37:  Arnkell 
var  lagdr  f  haug  vid  sjöinn  üt  vid  Vadilshöfda,  ok  er  pat  svä  vfdr  haugr  sem 
stakkgardr  mikill) ,  und  lassen  sich  die  von  ihm  erwähnten  Localnamen  noch 
heutigen  Tages  zumeist  mit  Sicherheit  nachweisen,  wie  dies  ein  ebenso  landes- 
kundiger als  in  der  Sagenlitteratur  wohl  bewanderter  Mann ,  Herr  Ami  Thor- 
lacius  zu  Stykkishölmur ,  in  seiner  schönen  Abhandlung  über  die  Ortsnamen  der 
Eyrbyggja  und  Landnäma  im  Bereiche  des  pörsnesspi'ng  unlängst  dargethan  hat 
(Safn  til  sögu  Islands,  II,  S.  27  7 — 9  6).  Wie  sollte  es  da  für  ihn  Schwierigkeiten 
gehabt  haben,  über  die  hervorragenden  Geschlechter  der  Umgegend  so  sichere 
Nachrichten  einzuziehen,  als  nur  überhaupt  zu  seiner  Zeit  noch  eingezogen  werden 
konnten,  während  er  sogar  der  Mutter  der  mächtigsten  Häuptlinge  des  West- 
landes, der  Sturlusöhne,  nahe  genug  stand,  um  auf  deren  mündliche  Aussagen 
sich  beziehen  zu  können?  Und  wie  sollte  es  in  einem  Lande,  dessen  gesanmite 
Verfassung  ganz  darnach  angethan  war,  die  einheimische  Geschichte  mit  den 
Familientraditionen  einiger  weniger  hervorragender  Geschlechter  auf  das  Engste 
zu  verknüpfen,  und  in  welchem  überdies  seit  einem  vollen  Jahrhunderte  bereits 
eine  nationale  Geschichtschreibung  sich  aufgetban  hatte,  an  verlässigen  Über- 
lieferungen über  Vorgänge  gefehlt  haben,  die  zumeist  nur  um  etwa  zwei  Jahr- 
hundertc hinter  der  Entstehungszeit  unserer  Sage  zurücklagen,  und  dabei  einer 
Zeit  angehörten,  welche  für  die  ganze  Entwicklung  des 'Landes  geradezu  die 
wichtigste  gewesen  war? 

Eine  detaillierte  Erörterung  der  einzelnen  Textesstellen,  bezüglich  deren 
etwa  die  vom  Herausgeber  gewählten  Lesarten  irgendwie  angefochten  werden 
könnten,  dürfte  nicht  dieses  Ortes  sein,  und  fehlt  jedenfalls  mir  zu  einer  solchen 
der  Beruf.  Dagegen  mag  noch  erwähnt  werden,  daß  neben  dem  bereits  erwähnten 
Anhange,  welcher  der  Recension  C  entnommen  ist,  noch  ein  weiterer,  der  Ilauks- 
bök  entnommener  mitgetheilt  wird,  welcher  einige  ganz  interessante  Notizen 
über  die  Bildung  von  Mannsnnmen  im  Heidenthume  gcwälirl  :  daß  ferner  eine 
Zeittafel,  eine  prosaische  Auflösung  und  theilweisc  auch  Erklärung  der  in  der 
Sage  vorkommenden  Verse,  ein  Personenregister,  Ortsregister  und  Verzeichnis 
der   Geschlechtsnamen,  so  wie  ein  hübsches  Kärtchen  des  für  die  Sage  besonders 


496  LITTERATUR. 

bedeutsamen  Theiles  von  Westisland  beigegeben  ist ,  wogegen  man  ungern  ge- 
nealogische Tafeln  vermisst,  welche  für  die  Benützung  der  Quelle  zu  historischen 
Zwecken  ein  ungemein  wichtiges  Hülfsmittel  bieten  würden ;  daß  endlich  Pro- 
fessor Mübius  durch  theilweise  Besorgung  der  (sehr  sorgfältigen)  Correctur, 
durch  Verdeutschung  der,  ursprünglich  Isländisch  geschriebenen  Vorrede,  sowie 
durch  einzelne  in  diese  eingeschaltete  eigene  Bemerkungen  um  die  Ausgabe  sich 
verdient  gemacht  hat.  Auch  kann  ich  nicht  von  dem  Werke  scheiden ,  ohne 
noch  einem   letzten   Wunsche  Luft  gemacht  zu  haben. 

Schon  in  der  warm  und  schwungvoll  geschriebenen  Widmung  an  den  ersten 
Kenner  und  Förderer  der  Litteratur,  und  nicht  bloß  der  Litterafur  seiner  Heimat, 
an  Jon  Sigurdsson ,  spricht  Gudbrandur  von  der  Sagenschule  im  Breidifjördur 
als  von  derjenigen,  aus  welcher  die  besten  Isländischen  Sagen  hervorgegangen 
seien,  und  auch  später  wieder  spricht  er  von  jener  Gegend  als  von  der  Stätte, 
an  welcher  die  volksmäßige  Sage  auf  Island  ihre  vorzugsweise  Pflege  gefunden 
habe  (S.  XI),  während  er  zugleich  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  als  diejenige 
Zeit  bezeichnet,  in  welcher  die  Sagenschreibung  daselbst  ihre  höchste  Blüthe 
erreicht  habe  (S.  XIII);  am  Schlüsse  seiner  Vorrede  erklärt  er  eben  jene  Land- 
schaft vollends  für  das  eigentlichste  Sagaland  der  Insel ,  welches  man  in  der 
Geschichte  ihrer  Sagenlitteratur  das  Isländische  Attika  nennen  könnte,  —  er 
erwähnt  des  Ari  frödi,  des  Snorri  Sturluson,  Sturla  pördarson  und  des  Olafur 
hvi'taskdld  als  hervorragender  Häupter  dieser  westisländischen  Sagenschule,  wel- 
cher neben  der  Islendingabdk,  Sturlünga,  Landnäma  und  Heimskri'ngla  auch  die 
Eyrbyggja  und  Laxdada,  die  Eigla  und  die  Grettla  u.  a.  m.  entstammen  sollen, 
—  er  unterscheidet  endlich  von  der  Sagenschule  des  Breidifjördur  noch  eine 
zweite,  welche  im  Nordosten  des  Landes,  in  den  Austfirdir  etwa,  ihren  Sitz  ge- 
habt habe,  und  deren  vornehmste  Erzeugnisse  die  Ljösvetninga  und  die  Drop- 
laugarsonasaga  gewesen  seien;  nicht  minder  alt,  stehe  indessen  diese  letztere 
Schule  jener  ersteren  doch  an  Kunst  der  Darstellung  sowohl  wie  an  Reichthum 
historischen  Wissens  weitaus  nach.  Man  sieht,  Sätze  sind  damit  ausgesprochen, 
welche  aufs  Tiefste  in  die  gesammte  Geschichte  der  Sagenlitteratur  eingreifen, 
Sätze  aber  auch,  welche  der  bisherigen  Lehre  gegenüber  durchaus  neu  und  eigenthüm- 
lich  sind.  Daß  der  alte  Ari  an  der  Spitze  der  Isländischen  Geschichtschreibung  stehe, 
dann  daß  Snorri  die.  Heimskri'ngla,  Sturla  die  Sturlünga  und  die  Häkonar  saga  ganda, 
daß  endlich  Olafur  die  Knytlinga  geschrieben  habe,  hat  man  allerdings  längst  gewusst 
oder  doch  vermutket,  und  auch  darüber  konnte  kein  Zweifel  bestehen,  daß  alle  vier 
Männer  dem  Breidifjördur  und  seiner  nächsten  Umgebung  angehörten  ;  aber  von 
einer  Sagen  schule  im  Breidifjördur  war  bisher  meines  Wissens  nirgends  ge- 
sprochen worden,  und  eben  so  wenig  von  einer  in  bestimmtem  Gegensatze  zu 
einer  solchen  stehenden  zweiten  Schule  im  Ostlande.  Nun  bin  ich  zwar  sicher- 
lich nicht  gemeint,  den  derzeitigen  Stand  unserer  Ansichten  über  die  Isländische. 
Litteniturgescliichle  für  einen  irgendwie  genügenden  zu  halten,  und  ein  flüchtiger 
Blick  auf  die  zahllosen  Missverständnisse,  von  denen  es  in  Dietrichs  Grundriss 
der  all  nordischen  Litteratur  wimmelt,  müßte  allein  schon  hinreichen,  um  jeder 
Anwandlung  einer  derartigen  Selbstberuhigung  ein  Ende  zu  machen;  aber  doch 
schiene  mir  zweckmäßig ,  wenn  die  Ergebnisse  neuer  und  gründlicherer  For- 
schungen gleich  bei  ihrem  ersten  Eintritte  in  die  Welt  etwas  näher  ausgeführt 
und  begründet ,  nicht  bloß  mit  ein  paar  flüchtigen  Worten  angedeutet  werden 
wollten.   Überdies  wollen   sieb  in  mir  auch  sachliche  Bedenken   gegen  die  Stich- 


LITTERATUß.  497 

haltigkeit  der  neuen  Lehre  regen.  Wir  wissen,  daß  bereits  Bischof  Isleifur  zu 
Skälholt  (f  1080),  welcher  zu  Hervorden  in  Westfalen  erzogen  worden  war, 
eine  Reihe  tüchtiger  Schüler  bildete,  unter  welchen  Bischof  Kolur  in  Norwegen 
und  Bischof  Jon  Ogmundarson  ausdrücklich  genannt  werden  ,  während  keinem 
Zweifel  unterliegen  kann,  daß  auch  Isleifs  eigene  Söhne,  Bischof  Gizurr  und 
Teitur  im  Haukadalur,  von  ihm  unterrichtet  wurden.  Wir  wissen  ferner,  daß 
einerseits  eben  dieser  Teitur  wieder  den  Ari  fröcti,  dann  die  Bischöfe  borläkur 
Runölfsson  von  Skälholt  und  Björn  Gilsson  zu  Ilölar  unterrichtete,  und  daß 
andererseits  auch  Bischof  Jon  <  »grnundarson  zu  Hölar,  unterstützt  durch  eine 
Reihe  tüchtiger  Lehrer,  eine  vielbesuchte  Schule  hielt,  an  welcher  nicht  nur  der 
oben  genannte  Björn  Gilsson  ebenfalls  eine  Zeitlang  unterrichtet  wurde,  sondern 
aus  welcher  auch  Bischof  Kkengur  porsteinsson  von  Skälholt,  sowie  die  Lbte 
Vilmuudur  zu  pi'ngeyrar  und  Hreinn  (zu  pihgeyrar  oder  zu  Hitardalur?)  hervor- 
gingen. So  erfahren  wir  auch,  daß  sowohl  jener  Bischof  pörlakur  als  dieser 
Bischof  Ktangur  sich  auch  ihrerseits  wieder  mit  der  Ertheilung  von  Unterricht 
an  jüngere  Männer  befassten,  und  dürfen  wir  hiernach  wohl  annehmen  ,  daß  au 
beiden  Bischofsstühlen  des  Landes  ein  geregelter  Unterricht  von  Anfang  an 
fortwährend  ertheilt  wurde.  Wiederum  wird  angedeutet,  daß  Sa>uiundur  frodi, 
nachdem  er  in  Deutschland  und  Frankreich  selbst  seine  Studien  gemacht  hatte, 
sich  auch  mit  der  Ertheilung  von  Unterricht  befasst  habe  (Jons  saga  helga, 
I,  Cap.  5),  und  jedenfalls  steht  fest,  daß  bei  seinem  Sohne  Eyjülfur  neben 
manchen  anderen  Schülern  auch  der  spätere  Bischof  porläkur  pörhallsson  seine 
Bildung  erhielt,  —  daß  bei  Jon  Loptsson,  einem  Enkel  des  Saemundur,  dessen 
Sohn,  der  spätere  Bischof  Fall,  seine  erste  Erziehung  erhielt,  welche  dann  später 
in  England  vollendet  wurde ,  —  daß  endlich  Snorri  Sturlusou  zu  Oddi  bei 
demselben  Jon  Loptsson  von  seinem  6.  bis  zu  seinem  19.  Jahre  erzogen  wurde; 
wir  dürfen  hiernach  wohl  annehmen,  daß  auch  zu  Oddi  von  Mann  zu  Manu 
fortwährend  für  gedeihliehen  Jugendunterricht  gesorgt  gewesen  sei.  Auch  die 
Klöster,  welche  nach  und  nach  auf  der  Insel  gestiftet  wurden,  waren  von  Anfang 
an  in  gleicher  Richtung  thätig.  In  Jungeyrar  waren  die  Mönche  Oddur  Snorra- 
son  und  Gunnlaugur  Leil'sson,  so  wie  der  Abt  Karl  Jönsson  litterarisch  thätig  ; 
in  pykkvibaer  ertheilte  der  Abt  Brandur  Jönsson,  später  Bischof  von  Ilölar, 
Unterricht  und  werden  unter  seinen  Schülern  die  Bischöfe  Jörundur  porsteinsson 
zu  Ilölar  und  Arni  Jjorläksson  zu  Skälholt,  sowie  Abt  Runölfur  Sigmundarson 
genannt;  der  spätere  Bisehof  von  Hölar,  Läurentius  Kälfsson,  wurde  zuerst  neben 
anderen  Schülern  bei  einem  Verwandten,  sera  pdrarinn  zu  Vellir  im  Svarfadar- 
dalur,  später  in  der  bischöflichen  Schule  zu  Hölar  erzogen,  und  gab  dann  seiner- 
seits wieder  in  den  Klosterschulen  zu  pykkvibaer,  zu  Münkapveiä  und  zu  pi'ng- 
eyrar Unterricht  u.  dgl.  m.  Es  fehlt  uns  hiernach  keineswegs  an  Nachrichten 
über  das  Unterrichtswesen  auf  der  Insel;  aber  nirgends  vermag  ich  eine  Spur 
davon  zu  finden,  daß  am  Brei ttif jöretur  oder  in  den  Austlinlir  ein  besonderer 
Ontralpunkt  für  dasselbe  bestanden  hätte,  ja  ich  möchte  vielmehr  daraus,  «lall 
Snorri  seine  Erziehung  in  Oddi  erhielt  und  daß  die  Geschieht  Schreibung  der 
Mönche  Oddur  sowohl  als  Gunnlaugur  einen  völlig  anderen  Charakter  trägt  als 
die  Werke  des  Ari,  schließen,  daß  es  an  jeder  Continuität  der  litt  er  arischen 
Bildung  (nicht  natürlich  der  historischen  Überlieferung)  in  den  Gegenden  um 
den  Breidiijöntur  gefehlt  habe,  während  mir  für  das  Ostland,  wenn  Leb  etwa 
von   der  bereits  angeführten  Notiz   über  KolskeggUT  frodi   absehe,  jeder  Anhalts« 

GERMANIA  X.  32 


498  MISCELLEN. 

punkt  abgebt,  an  welchen  sieh  die  Annahme  eines  selbständigen  Jitterarischen 
Lebens  und  Wirkens  knüpfen  ließe.  Zugeben  kann  ich  vorläufig  nur ,  daß  im 
Westlande  und  der  ihm  benachbarten,  aber  zum  Nordlande  gehörigen  Hüna- 
vatnssysla  eine  ganz  besondere  Thätigkeit  in  Bezug  auf  die  Sagenschreibung  am 
Ende  des  12.  und  Anfange  des  1  3.  Jahrhunderts  herrschte,  und  daß  eine  Reihe 
von  Sagen ,  welche  auf  das  Nordland  und  zumal  das  Üstland  sich  beziehen, 
zumal  in  materieller  Hinsieht  einen  altertümlicheren  Charakter  zu  zeigen  scheint, 
als  eine  Anzahl  anderer  Sagen,  welche  über  das  Westland  handeln;  allein  dieser 
letztere  Gegensatz  ist  weder  ein  scharfer,  noch  ein  erschöpfender,  da  z.  B.  die 
Hcidarvi'gasaga  oder  Eigla,  auch  die  Eyrbyggja  selbst,  einen  antikeren  Typus 
zeigen ,  und  umgekehrt  die  Vatnsdaela ,  Finnboga  saga ,  der  Brandkrossa  pättur 
u.  dgl.  einen  moderneren,  während  die  vergleichsweise  moderne  Njäla,  Flöamanna- 
saga  u.  s.  w.  ganz  außerhalb  jener  Classificierung  stehen ,  und  ich  möchte  eher 
annehmen,  daß  jene  wirklich  vorhandenen  Verschiedenheiten  daraus  zu  erklären 
seien,  daß  gewisse  Sagen  wiederholt  überarbeitet,  andere  nur  in  ihrer  ursprüng- 
lichen Gestalt  uns  zugekommen  seien.  Wie  dem  auch  sei,  gewiss  ist  der  Wunsch 
gerechtfertigt,  daß  Gudbrandur  sich  entschließen  möge,  seine  vorläufig  nur  an- 
gedeuteten Ansichten  über  die  ersten  Anfänge  und  das  allmähliche  Wachsthum 
der  Sagenschreibung  möglichst  bald  dem  einschlägigen  Publicum  näher  auszu- 
führen  und  quellenmäßig   zu   begründen.  KONRAü  MAURER. 


MISCELLEN. 


Bericht 

über    die    Sitzungen    der    germanistischen    Section     der    XXIV.    Versammlung 
deutscher  Philologen  und  Schulmänner  zu  Heidelberg,  27.  bis  30. September  1865. 

Präsident  der  Section  sollte  nach  der  im  vorigen  Jahre  zu  Hannover  ge- 
troffenen Wahl  llofrath  Dr.  lloltzmann  in  Heidelberg  sein;  da  derselbe  jedoch 
bedauerlichst  erkrankt  war,  so  führten  Dr.  Hieger  aus  Darmstadt  und  Prof.  Dr. 
Creizenach  aus  Frankfurt  a.  M.  das  Präsidium.  Nach  dem  Schlüsse  der  ersten 
allgemeinen  Sitzung  am  2  7.  September  Vormittags  12  Uhr  begrößte  Prof.  Wat- 
tenbach aus  Heidelberg  im  Namen  Iloltzmanns  die  Versammlung,  worauf  Kieger 
und  Creizenach  das  Präsidium  übernahmen.  Zu  Schriftführern  wurden  Dr.  Barack 
aus  Donaueschingen  und  Dr.  Weismann  aus  Frankfurt  a.  M.  erwählt.  Zunächst 
wurde  wieder  die  Einzeichnung  der  Sectionsmitglieder  in  das  Gedenkbuch  und 
die  Zahlung  eines  kleinen  Beitrags  zur  Bestreitung  der  auflaufenden  Kosten  vor- 
genommen. An  diesem  und  den  folgenden  Tagen  trugen  folgende  44  Mitglieder 
ihre  Namen   in    das  Album  ein: 

Barack,  K.  A.,   Fürstenbergischer  Hofbibliothekar  in  Donaueschingen. 
Bartsch,  Karl,  Professor  in  Ptostock. 
Becker,  Th.,   Hofrath   und  Gymnasiallehrer  in  Darmstadt. 
Bergmann,   Prof.,   Dekan   der  litterärischen  Facultät   in   Straß^urg. 


MISCELLEtf.  499 

Crecelius,   Wilhelm,   Oberlehrer  in  Elberfeld. 

Creizenach,   Theodor,   Gymnasiallehrer  in  Frankfurt  a.  M. 

D'AlIeux,    Studienlehrer  in   Hof. 

Dietrich,   Franz,   Professor  in  Marburg. 

Dithmar,    W.,    Gymnasiallehrer   in   Marburg. 

Düntzer,   Heinrich,   Professor  in   Cöln. 

Emmert,   A.,   Studienlehrer   in   Speier. 

Gerhard,   O.,   Gymnasiallehrer   in   Wetzlar. 

IUI  de  br  and,    H.   R.,    Gymnasiallehrer   in    Leipzig. 

Hoffmann   von   Fallersleben,   Professor  in   Corvey. 

Holland,   W.  L.,   Professor  in  Tübingen. 

Holtzmann,   Adolf,  Hofrath  und   Professor  in   Heidelberg. 

Keller,   Adelbert  v.,   Professor  in   Tübingen. 

Köhler,   Rcinhold,   Bibliothekar   in   Weimar. 

Lemcke,   Ludwig,   Professor   in   Marburg. 

Li  ehr  echt,   Felix,   Professor   in   Lüttich. 

Lübben,   August,   Gymnasiallehrer   in   Oldenburg. 

Mannhardt,   Wilhelm,    Privatdocent   in    Berlin,   z.  Z.    in   Danzig. 

Menzel,   Rudolf,   Gymnasiallehrer  in   Dresden. 

Müller,   Wilhelm,   Professor  in   Göttingen. 

Mussafia,   Adolf,   Professor  in   Wien. 

Neff,   Lehramtspraktikant  in    Heidelberg. 

Nu  seh,   A.,   Studienlehrer   in   Diirkheim. 

P  a  b  s  t ,  Professor  in   Bern. 

Petters,   Ignaz,   Gymnasiallehrer  in  Leitmeritz. 

Pfeiffer,   Franz,  Professor  in  Wien. 

Rieger,   Max,   Dr.,   aus   Darmstadt. 

Roth,   Franz,   Stadtarchiv-Secretär  in   Frankfurt  a.  M. 

Ruth,   Emil,   Privatdocent   in   Heidelberg. 

Scheffel,  Joseph  Victor,   Dr.,   aus  Karlsruhe. 

Scherrer,  Joh.,   Dr.,   aus   Heidelberg. 

Schnitzer,   Professor  in   Ellwangen. 

Sieber,  Ludwig,   Gymnasiallehrer  in   Basel. 

Simrock,   Karl,   Professor  in   Bonn. 

Steinthal,   Heinrich,   Professor  in   Berlin. 

Ul  brich,   Hugo,   Lehrer  in   Frankfurt  a.  M. 

Weis  mann,   Heinrich,  Dr.,  aus  Frankfurt  a.  M. 

Werner,   Professor  in   Braunschweig. 

Wisliccnus,   Hugo,   Privatdocent   in   Zürich. 

Wülcker,  Ernst,  aus  Frankfurt  a.  M. 
In  der  Sitzung  am  28.  September  Vormittags  8  Uhr  sprach  zuerst  Dr. 
Mannhardt  über  Gründung  eines  Quellcnschatzcs  der  germanischen  Volksübei  lie- 
ferung. In  der  bisherigen  Art  und  Weise  des  Sammeins  von  Volksüberlieferungcn 
herrsche  keine  feste  Methode,  die  sich  der  philologischen  Kunst  an  die  Seite 
stellen  könne.  Es  mute  eine  Geschichte  der  Überlieferung  hergestellt  werden. 
Das  bisherige  Verfahren  sei  nicht  geeignet,  die  Gründang  einer  exaeten  Wissen- 
schaft ins  Leben  zu  rufen.  Ein  gut  Theil  der  Sammler  waren  Dilettanten,  die 
sich    oft    genug    täuschen  ließen.     Viele   Gebiete    der   Yolksiiberlieicrujig    ^lieben 

32* 


500  MISCKLLKNJ 

unerforscht,  und  dadurch  sind  zahlreiche  Lücken  in  den  Reihen  derselben  ge- 
blieben. Ein  Quellenschatz  der  germanischen  Volksüberlieferung  bilde  eine  not- 
wendige Ergänzung  der  Monumenta  Germanise  historica;  auf  ihn  müße  dieselbe 
Methode  wie  bei  diesen  angewendet  werden.  Also  Monumenta  mythica  germanica 
sei  das  anzustrebende  Ziel;  sie  würden  in  verschiedene  Abtheilungen  zerfallen. 
Doch  lasse  sich  der  Plan  erst  feststellen,  wenn  durch  den  Versuch  an  einer  Ab- 
theilung die  Ausführbarkeit  erwiesen  sei.  Der  Vortragende  verweist  hier  auf  die 
Vorrede  zu  seiner  Götterwelt'  (Berlin  1860),  worin  sich  schon  Andeutungen 
zu  einem  solchen  Plane  finden.  Als  Probe,  um  die  Methode  darzulegen,  habe  er 
die  agrarischen  Sitten  gewählt,  weil  diese  am  leichtesten  zu  sammeln  seien,  da 
sie  am  meisten  in  die  Augen  fallen  5  sie  seien  scharf  begrenzt  und  auch  nicht 
allzu  umfangreich.  Sie  waren  das  erste,  worauf  man  im  18.  Jahrhundert  die 
Aufmerksamkeit  gerichtet;  so  habe  in  ihnen  zuerst  Grupen  das  Vorkommen 
Wodans  erkannt.  Mannhardt  stellte  nun  die  Gesetze  auf,  nach  denen  bei  einem 
wissenschaftlichen  Sammeln  verfahren  werden  müße.  In  zwei  Hauptabtheilungen 
werde  sich  das  Ganze  gliedern,  die  erste  werde  die  Sammlung  selbst  umfassen, 
die  zweite  die  daraus  gezogenen  Resultate.  Der  Stoff  werde  in  geographischer 
Reihenfolge  mitzutheilen  sein,  und  jede  Überlieferung  mit  dem  Namen  des  Ortes 
belegt  werden,  in  welchem  sie  vorkomme.  Die  politischen  wie  physischen  Völker- 
grenzen seien  bei  der  Anordnung  maßgebend.  Für  jede  Landschaft  seien  außer- 
dem die  früheren  Zeugnisse  aus  der  gedruckten  Litteratur  anzuführen.  Beispiele 
erläutern  das  einzuschlagende  Verfahren.  Endlich  verbreitet  sich  der  Vortrag 
über  die  Mittel,  mit  welchen  das  Ziel  erreicht  werden  könne,  und  gab  die  Wege 
an,  welche  Mannhardt  selbst  betreten,  um  seine  sich  schon  auf  die  Zahl  3000 
belaufenden   Berichte  über  agrarische   Sitten   zu   erlangen. 

Professor  Bartsch  erstattete  Bericht  über  die  Thätigkeit  der  Commission 
für  Herausgabe  des  niederdeutschen  Wörterbuches.  „Als  im  vorigen  Jahre  in 
Hannover  durch  Prof.  Pfeiffer  die  Wiederaufnahme  und  Vollendung  des  Kose- 
gartenseben  Wörterbuches  angeregt  *)  und  zu  diesem  Zwecke  eine  Commission, 
bestehend  aus  Prof.  W.  Müller  in  Göttingen,  Prof.  Höfer  in  Greifswald  und 
mir,  erwählt  wurde,  giengen  alle  Anwesenden  von  der  Voraussetzung  aus,  daß 
es-  sich  im  wesentlichen  nur  um  Bearbeitung  und  Herausgabe  vorhandenen  Ma- 
terials handle.  Von  den  Commissionsmitgliedern  war  Prof.  Höfer  nicht  anwesend, 
was  namentlich  deswegen  zu  bedauern,  weil  er  im  Stande  gewesen  wäre,  den 
wirklichen  Sachverbalt  darzulegen.  Zunächst  setzte  ich  mich,  nach  Rücksprache 
mit  W.  Müller,  mit  Höfer  in  Verbindung,  um  durch  ihn  über  die  Beschaffenheit 
des  handschriftlichen  Materials  und  die  erleichterte  Benutzung  desselben  Kunde 
zu  erbalten.  Es  mußte  sich  darum  bandeln,  ob  von  der  Bedingung,  daß  das 
Material  nur  in  Greifswald  selbst  auf  der  Bibliothek  benutzt  werden  dürfe, 
eventuell  Dispens  erlangt  werden  könne.  Was  die  Beschaffenheit  des  Materials 
betrifft,  so  bat  inzwischen  Höfer  in  Pfeiffers  Germania  10,  121 — 125  einen 
ausführlichen  Bericht  darüber  gegeben.  Daraus  geht  nun  hervor,  daß  die  Sache 
nicht  ganz  so  einfach  ist,  wie  man  sie  nach  den  erschienenen  Lieferungen  und 
nach  den  Ankündigungen  des  Verlegers  sich  denken  mußte.  Das  Verhältnis«  bei 
den  erschienenen  Lieferungen  ist,  wie  Höfer  berichtet,  etwa  so,  dnß  das  in  den 


*)  Vgl.  Germania  ft,  488—490. 


MIRCELLErf.  50 1 

handschriftlichen   Sammlungen    vorhandene   Material    nur    den    zehnten   Theil    des 
gedruckten   umfasst.     Die   andern   neun  Zehntel   hat   Kosegarten   erst   wahrend  der 
Ausarbeitung  hinzugefügt.   Sonach   könnte   nur  von  einer  Benutzung  des  immerhin 
sehr  werthvollen   bandschriftlichen  Materials,   keineswegs  aber  von  der  Herausgabe 
eines   im  Wesentlichen   fertigen  Stoffes   die  Rede   sein.   Die  Benutzung  aber  würde, 
wie    Geh.   Rath   Schömann    auf    eine    von    der   Commission    eingereichte    Hingabe 
erwiderte,     in  jeder   Beziehung   erleichtert   werden,     soweit   es   die   Rücksicht  auf 
die   Familie  gestattet.     Ein   einziger   Aufenthalt   während   der   Universitäts-Herbst- 
ferien,   also  etwa  2 — 3  Monate,   würde   hinreichen,    um   das  Material   auszunutzen. 
Unter   diesen  Umständen   ist  die  Hauptsache   und   die   erste  Frage  jetzt  die : 
einen  Gelehrten   zu  finden,   der  nicht   sowohl  die  Herausgabe  des  Kosegartenschen 
Wörterbuches   unternähme,    als   vielmehr,    mit   Hinzuziehung   und   Benutzung   des 
Kosegartenschen  Materials,   ein  niederdeutsches  Wörterbuch  arbeiten  wollte.   Eine 
solche   Persönlichkeit    zu    suchen ,     dieser  Aufgabe    konnte    die    Commission    sich 
nicht  unterziehen.    Wohl  aber  ist  es  möglich,   und  es  wäre  dies  unser  Aller  Wunsch, 
daß ,  durch   den   wiederangeregten   und   aufgenommenen   Gedanken  der  Nothwen- 
digkeit    eines  niederdeutschen    Wörterbuches,    sich   eine    geeignete   Persönlichkeit 
veranlasst   fände,     diesem   wichtigen   Unternehmen    ihre   Kraft   zuzuwenden.     Eine 
Reihe   von  Jahren   würde   es  allerdings  erfordern,   ehe  das  Material   in  gewünschter 
Vollständigkeit   beisammen  wäre.   Wenn  bei  solcher  Lage  der  Dinge  die  Thätigkeit 
der    Commission    zu    keinen    wesentlich    fördernden    Resultaten    geführt    hat    und 
auch   nicht   führen   konnte,   wenn   für   einen  Bearbeiter,   der  sich  bei  anderer  Sach- 
lage gewiss   leicht  gefunden  hätte,   die  Aufgabe  bedeutend   schwieriger  geworden, 
so   gereicht  es   mir   doch   zur   Befriedigung,    hinzufügen   zu   können,   daß  die  Aus- 
führung,  wenn  jemand   das  Werk   unternähme,   auf  die  regste  Theilnahme  rechnen 
dürfte.     Soll  ich  von  dem  niederdeutschen  Lande  reden,    in  welchem    ich    lebe, 
so   glaube   ich   die   Überzeugung   aussprechen   zu   dürfen,    daß   in   Meklenburg   die 
Sache   auf  jede  Weise   unterstüizt  werden   würde,   und   das  Gleiche   kann   von  den 
Regierungen   anderer   niederdeutscher  Länder    erwartet    werden.     Ich    freue    mich 
aber  auch   auf   eine    wissenschaftliche    Unterstützung    hinweisen    zu    können ,    die 
von    Meklenburg    aus    bereits   angeboten    ist.     Herr   Gymnasiallehrer    Dr.   Schiller 
in  Schwerin,   der   den  Freunden  niederdeutscher  Sprache   durch  seine  inhaltsreichen 
(bis    jetzt    drei)     Programme    'Zum   meklenburgischen   Thier-    und   Kräuterbuche 
wohl    bekannt    ist,     besitzt    sehr    schöne    und    reichhaltige    Sammlungen    für    ein 
niederdeutsches  Wörterbuch.   Dieselben   umfassen   einen   nicht  unbedeutenden  Theil 
der   älteren   niederdeutschen   Litteratur,   Chroniken,   Urkunden,    Dichtungen,   geist- 
liche  Werke   etc.   bis   ins    16.   .Jahrhundert   binein ,     außerdem    manches    aus    der 
heutigen   Mundart.   Diese   Sammlungen   will   er  mit  anerkennenswerthem  Eifer   für 
die   Wissenschaft    und    mit  seltener   Uneigennützigkeit    dem   künftigen    Bearbeiter 
des   niederdeutschen  Wörterbuches   zur  Verfügung   stellen,    und  so  besitzen  andere 
Gelehrte    ähnliche   Sammlungen,    welche,   vereinigt   mit   dem   Kosegartenschen    Ma- 
terial,  eine   sehr   schätzenwerthe   Grundlage   bilden   und   die   Arbeit    wesentlich   er- 
leichtern  würden.     Ist   der  rechte   Mann   gefunden,     dann    wird    eine   nach   dieser 
Seite   hin   erlassene  Aufforderung  zur  Unterstützung  sicherlich  nicht  ohne  Wirkung 
bleiben,   und  das   Beispiel,   das   Dr.   Schiller  gegeben,  wird   Nachahmung   finden. 
So   kann   ich    im    Namen    der   Commission    das    uns    gewordene   Mandat    wieder   m 
die   Hände   der   Versammlung   legen,     in   der   Hoffnung,    daß   die   Anregung   doch 
nicht   spurlos   verwehen   wird,   sondern   daß   nach    Darlegung   der  Verhältnisse   nun 


r,02  MISCELLEN. 

ein  deutscher  Gelehrter  mit  deutschem  Fleiße  und  deutscher  Gründlichkeit  daran 
gehe,  den  Sprachschatz  des  niederdeutschen  Gebietes  zu  bearbeiten,  und  dadurch 
unserer  Wissenschaft  einen  bedeutenden  Dienst  erweise,  eine  empfindliche  Lücke 
in  unserm  wissenschaftlichen  Apparate  ausfülle  und  sich  selbst  ein  schönes  blei- 
bendes Denkmal  setze." 

Dr.  Lindenschmit  aus  Mainz  legte  in  Original  und  Abbildung  eine  in  der 
Nähe  von  Augsburg  gefundene,  jetzt  im  Museum  daselbst  befindliche  Fibula 
von  Siber  vor,  wahrscheinlich  dem  6.  oder  7.  Jahrhundert  angehörend,  die  auf 
ihrer  Rückseite  eine  alamannische  Runeninschrift   darbietet. 

Hieran  knüpfte  sich  ein  Vortrag  von  Prof.  Dietrich  über  die  neuesten 
Entdeckungen  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Inschriftenkunde.  Er  sprach  über 
das  Kreuz  von  Ruthwell,  welches  ein  Bruchstück  eines  angelsächsischen,  wahr- 
scheinlich dem  Cynevulf  angehörigen  Gedichtes  enthält,  aus  der  zweiten  Hälfte 
des  8.  Jahrhunderts;  ferner  über  die  Taschberger  Funde,  worunter  eine  bronzene 
Spange,  die  als  Inschrift  ein  Sprichwort  aufweist,  und  ein  Schildbuckel  mit  dem 
Namen  des  Besitzers.  Von  besonderer  Wichtigkeit  seien  einige  in  den  letzten 
Jahren  entdeckte  burgundische  Inschriften.  So  sei  18  60  in  der  Nähe  von  Dijon 
eine  Fibula  gefunden  worden,  ganz  ähnlich  der  Augsburger,  welche  ein  Sprich- 
wort als  Inschrift  enthalte.  Die  Stätte  sei  ein  Schlachtfeld  Chlodwigs  im  Jahre 
500,  mithin  gehöre  die  Inschrift  dem  fünften  Jahrhundert  an.  Die  2  2  goldenen 
Gefässe  des  Banater  Fundes,  jetzt  in  Wien,  gehören  der  zweiten  Hälfte  des 
fünften  Jahrhunderts;  sie  enthalten  Namen  der  Besitzer  oder  der  Verfertiger; 
eine  Abhandlung  über  dieselben  bereite  der  Vortragende  vor.  Hieran  knüpft  er 
ein  Paar  Fragen  nach  verschollenen  Inschriften  ,  so  betreffend  das  gothische 
Schwert  (Dietrichs  von  Bern),  welches  früher  in  Verona  sich  befunden  habe 
und  von  Peringskjold  beschrieben  worden ;  doch  mache  die  Lesung  des  skandi- 
navischen Gelehrten,  die  von  der  Annahme  ausgehe,  die  Inschrift  sei  schwedisch, 
eine  neue  durchaus  nothwendig,  da  in  Folge  jener  Annahme  wahrscheinlich  vieles 
unrichtig  gedeutet  worden.  Ferner  sei  am  4.  Mai  186  5  in  Robenhausen  bei 
Schaffhausen  ein  Basaltkegel  mit  Runen  entdeckt  worden.  Hierüber  vermag  Dr. 
Scheffel  Auskunft  zu  ertheilen,  wonach  das  Ganze  auf  einer  Mystifikation  beruht 
und  in  Nichts  zerfällt.  Zuletzt  weist  Prof.  Dietrich  darauf  hin,  daß  in  diesen 
Funden,  die  sich  von  Jahr  zu  Jabr  mehren,  ein  erfreuliches  Material  zu  einem 
deutschen  Inschriftenwerke  bereits  vorliege,  und  spricht  die  Hoffnung  aus,  daß 
ein  solches  noch  einst  zu  Stande  komme,  damit  nicht  der  von  einem  ausländischen 
Gelehrten  erhobene  Vorwurf  zur  Wahrheit  werde:  die  deutschen  Akademien  för- 
derten Inschriftenwerke  aller  Nationen  und  Sprachen,  nur  um  die  Inschriften 
ihrer  eigenen  Vorzeit  bekümmerten  sie  sich  nicht. 
Die   Sitzung   wurde   um    1 1    Uhr  geschlossen. 

Die  nächste  Sitzung,  Freitag  den  2  9.  September  Vormittags  8  Uhr,  wurde 
durch  den  Vortrag  des  Prof.  Bartsch  über  den  saturnischen  und  altdeutschen 
Vers  eröffnet.  Die  Ähnlichkeit  dieser  beiden  Versarten  sei  schon  oft  von  clas- 
sischen  Philologen  hervorgehoben  worden;  er  beabsichtige  die  Vergleichung  auch 
einmal  vom  germanistischen  Standpunkte  aus  zu  unternehmen.  Der  altrömische 
Vers  weicht  zwar  in  manchen  Punkten  von  der  späteren  römischen  Metrik  ab, 
unterscheidet  sich  aber  dadurch  wesentlich  vom  deutschen ,  daß  das  Quantitäts- 
prineip  im  saturnischen  Verse  eben  so  gut  wie  in  der  späteren  Metrik  den  Accent 
beherrscht,  während  im  Doutschen  der  Accent,  die  Wortbetonung,  das  maßgebende 


MISCELLEtf.  503 

ist,  die  Quantität  nur  eine  untergeordnete  Bedeutung  hat.  Die  Fälle,  in  welchen 
beim  Saturnius  eine  Verletzung  des  Wortaccentes  zu  Gunsten  der  Quantität  statt- 
findet, wurden  besprochen,  und  die  etwaigen  analogen  Fälle  aus  der  deutschen 
Metrik  herbeigezogen,  ebenso  die  Entwickelung  der  romanischen  Metrik  aus  dem 
allmählichen  Verluste  des  Quantitätsgefühls  erläutert.  Sodann  betrachtete  der  Vortrag 
die  Auflösung  der  Arsis ,  die  Reinheit  der  Senkungen  in  Bezug  auf  Kürze  und 
Länge,  so  wie  die  Mehrsilbigkeit  der  Thesis.  Ferner  die  Cäsur  und  die  nicht 
selten  vorkommende  Zerreißung  eines  Wortes  durch  dieselbe,  wobei  wieder  auf 
Ähnliches  in  der  altdeutschen  Rhythmik  hingedeutet  wurde.  Besonders  wurde 
das  Fehlen  der  Senkung  hervorgehüben,  weil  darin  eine  Hauptübereinstimmung 
zwischen  altrömischer  und  altdeutscher  Metrik  sich  findet.  Die  Fälle,  in  welchen 
die  Senkung  im  Saturnius  fehlen  darf,  wurden  einzeln  untersucht.  Hieran  schloß 
sich  die  Betrachtung  des  Auftaktes  und  des  zur  Regel  gewordenen  Fehlens  des- 
selben in  der  zweiten  Vershälfte,  welches  der  Vortragende  aber  nicht  als  das 
ursprüngliche,  sondern  als  eine  jüngere  Entwickelung  betrachtet.  Dann  wurde 
die  Frage  erörtert,  ob  auch  eine  Hebung,  nach  welcher  eine  Senkung  fehlt, 
aufgelöst,  werden  kann.  Der  weibliche  oder  klingende  Ausgang  beider  Vershälften 
wurde  nach  Anleitung  des  deutsehen  Versbaues  gedeutet  und  aus  dem  Wesen 
der  lateinischen  Sprache  erklärt,  aber  auch  nicht  als  das  ursprünglich  allgemein 
geltende  Gesetz  betrachtet.  Am  Schluße  wies  der  Vortragende  auf  verwandte 
Versbildungen  der  Griechen,  auf  den  Hexameter  so  wie  den  indischen  Slnkns. 
die  romanischen  Reimpaare  von  acht  Silben,  und  sprach  seine  Überzeugung  von 
der  Gemeinsamkeit  eines  indogermanischen  epischen  Versmaßes  au«,  dessen  nach 
der  Individualität  der  einzelnen  Völker  verschiedene  Entwickelung  und  Gestaltung 
sich  am   besten   am   altdeutschen    Verse  darthun   lässt. 

Zunächst  ergriff  Prof.  Düntzer  das  WTort,  um  zu  erklären,  daß  er  mit  der 
jetzt  allerdings  herrschenden  Ansicht  vom  Bau  des  saturnischen  Verses  sich  nicht 
in  Einklang  befinde;  er  halte  dieselbe  für  nichts  als  für  einen  geistreichen  Ein- 
fall, den  zuerst  Naeke  und  O.  Müller  hatten.  Die  alten  Grammatiker  wissen 
nichts  von  Auslassung  der  Senkungen  ;  das  Lied  der  arvalischen  Brüder  fuge 
sich  durchaus  nicht  dem  aufgestellten  Gesetze ,  die  Inschrift  auf  Naevius  zeige 
keine  einzige  ausgelassene  Senkung,  und  stamme  doch  noch  aus  einer  Zeit,  wo 
das  Gesetz  des  saturnischen  Versbaues  noch  sehr  wohl  im  Bewusstsein  lebte. 
Die  erhaltenen  Fragmente  des  Livius  und  Naevius  seien  zu  unsicher,  um  als 
Grundlage  benutzt  zu  werden;  aus  ihnen  könne  man  mit  Hinzunahme  der  Aus- 
lassung von  Senkungen  alles  machen.  So  bleiben  die  Inschriften;  aber  sind  denn 
diese  überhaupt  in  Versen  verfasst?  Man  habe  die  darin  vorkommenden  Funkte 
für  Verszeichen  genommen;  aber  dieselben  finden  sich  auch  in  entschieden  pro- 
saischen Inschriften,  sie  bedeuten  nichts  als  starke  Interpunctioncn.  Auch  Böckh 
will  nichts  von  fehlenden  Senkungen  wissen.  Der  saturnisehe  Vers  sei  nicht  aus 
einer   gemeinsamen  Quelle   zu   erklären,   sondern   beruhe   auf  nationaler  Grundlage. 

Prof.  Büchcler  aus  Freiburg  erklärt,  er  sei  mit  dem  Vorredner  durchaus 
nicht  einverstanden;  er  beabsichtige  nicht,  sich  auf  eine  Widerlegung  desselben 
einzulassen,  denn  wer  behaupte,  die  Inschriften,  welche  man  jetzt  allgemein  als  im 
Saturnius  abgefasst  ansehe,  seien  überhaupt  gar  nicht  in  Vcröen  geschrieben, 
mit  dem  lasse  sich  nicht  weiter  disputieren.  Dagegen  befinde  er  sieh  mit  dem 
Vortragenden  in  allen  wesentlichen  Punkten  im  Einklänge;  er  habe  in  einer, 
Prof.  Bartsch  wahrscheinlich    unbekannt   gebliebene!)   Recenslon   der  Mbn^menta 


504  MISCELLKN. 

priscse  latinitatis    (in  Jahn's  Jahrbüchern)   den   Gegenstand   ausführlich    behandelt 
und  ebenfalls   den   altdeutschen  Vers  herangezogen. 

Prof.  Barfesch  will  gegen  das  von  Düntzer  angeführte  Beispiel,  die  Grab- 
schrift des  Naovius,  nur  das  einwenden,  daß  in  ihr  keineswegs  ein  Beweis  gegen 
das  Gesetz  von  den  ausgelassenen  Senkungen  liege.  Auch  hier  zeige  die  deutsche 
Poesie  des  13.  Jahrhunderts  eine  durchaus  analoge  Entwickelung,  indem  im 
Verlaufe  desselben  es  mehr  und  mehr  Brauch  wurde,  die  Senkungen  auszufüllen, 
ja  dieser  Brauch  bei  manchen  Dichtern,  wie  Konrad  von  Würzburg,  beinahe 
zum   strengen  Gesetz  für  lange  epische  Dichtungen   erhoben   erscheint. 

Es  folgte  der  Vortrag  des  Prof.  Bergmann  über  die  Bedeutung  der  Namen 
Germani,  Deutsche  nnd  Hexampaios.  Die  scharte  Trennung  von  Germanen  und 
Kelten  sei  unbegründet ,  es  finden  sich  keine  Spuren  von  Kämpfen  zwischen 
Kelten  und  Germanen,  sondern  beide  lebten  still  und  friedlich  neben  einander: 
daher  wurden  die  Germanen  von  den  in  Belgien  lebenden  keltischen  Völker- 
schaften Brüder  {germani)  genannt,  ein  Name,  welcher  eine  immer  größere  Ver- 
breitung gewann.  Der  Name  Deutsche  kommt  von  tavidi,  Herd,  was  schon  Herodot 
als  ein  bei  den  Skythen  vorkommendes  Wort  erwähnt,  von  der  Wurzel  tu,  aus 
welcher  auch  das  lateinische  fumus  zu  erklären.  Der  Name  der  Familie  wurde 
auf  den  ganzen  Stamm  ausgedehnt.  Damit  hängen  die  Worte  Teut,  thhula,  thiu- 
disks  zusammen.  Was  aber  beweist,  daß  die  Skythen  die  unmittelbaren  Vorfahren 
der  Deutschen  und  Gothen  gewesen?  Worte  und  deren  Übereinstimmung.  Herodot 
nennt  z.  B.  als  skythisch  ££,cc[i7ECiiog ,  das  sei  ein  deutsches  Wort,  der  zweite 
Theil  ist  das  gothische  veihs,  heilig,  davon  veihjan,  heiligen;  das  germanische  v  (iv) 
wurde  im  Griechischen  durch  %  ersetzt;  im  ersten  Theile  liegt  unser  Weg, 
goth.  viffs,  indem  im  Anlaute  v  durch  die  Aspirata  ersetzt  wurde.  —  Eine  De- 
batte knüpfte  sich   an  diesen  Vortrag  nicht  an. 

Prof.  Creizenach  sprach  über  die  ältesten  Spuren  Dante's  in  der  deutschen 
Litteratur.  Er  beabsichtigt  unmittelbare  wie  mittelbare  Einwirkungen  Dante's  auf 
unsere  Litteratur  nachzuweisen.  Jene  da,  wo  in  spätem  Jahrhunderten  des  Mittel- 
alters sich  ein  directer  Einfluß  zeigt,  diese  vom  1 6.  Jahrhundert  an,  wo  Dante's 
Schriften  theilweise  den  Mittelpunkt  eines  heftigen  Streites  werden.  In  Italien 
lassen  sich  Citate  aus  Dante  bereits  seit  13  30  nachweisen;  von  Ausländern,  die 
Dante  kennen  und  nennen,  ist  der  englische  Dichter  John  Gower,  der  Verfasser 
der  Confessio  amantis,  zu  nennen,  sodann  Chaucer,  der  in  den  Canterbury  Tales 
Bekanntschaft  mit  Dante  an  den  Tag  legt.  Das  erste  Lobgedicht  auf  Dante 
rührt  von  einem  französischen  Dichter  des  16.  Jahrhunderts  aus  der  Zeit  Hein- 
richs IL;  die  erste  französische  Übersetzung  erschien  15  96 — 97,  verfasst  von 
Balthasar  Grangier,  eine  spanische  bereits  15  IT)  von  Fernandez  Villegas ,  in 
Burgos  von  einem  deutschen  Drucker,  einem  Basler,  gedruckt.  Was  Deutschland 
betrifft,  so  findet  man  bei  Niclas  von  Wyle ,  der  doch  den  Petrarca  sehr 
gut  kannte,  noch  keinerlei  Spuren  von  Dante.  Zinkgref  erzählt  eine  Anecdote, 
die  von  Dante  auch  erzählt  wird,  aber  ohne  Dante's  Namen;  doch  findet  dieselbe 
sich  bereits  bei  Hans  Sachs  und  zwar  mit  Berufung  auf  Dante.  Des  Dichters 
Buch  de  monttrchia  erfuhr  frühzeitig  Widerlegungen  von  Anhängern  des  Papst- 
thums.  Guilelmus  Occam,  des  Dichters  jüngerer  Zeitgenosse,  der  lange  in  München 
lebte  und  daselbst  134  7  starb,  fixiert  einen  Spruch,  der  beinahe  buchstäblich 
wie  bei  Dante  lautet.  Im  16.  Jahrhundert,  als  das  Buch  de  monarchia  zuerst 
gedruckt  wurde,    erschienen  heftige  Angriffe    dagegen.     Flaccius  Illyricus    stand 


MISCRLLEN.  505 

nicht  an,  Dante  als  den  heftigsten  Gegner  des  Papstthums  zu  bezeichnen. 
Karls  V.  Wahlspruch  plus  ultra  erinnert  an  Dante's  Erzählung  von  Ulysses  an 
den  Säulen  des  Hercules,  ist  aber  vielleicht  aus  Seneca  entlehnt.  Bodmer  und 
Gottsched  kannten  Dante,  doch  war  er  dem  deutschen  Publicum  im  18.  Jahr- 
hundert noch  so  wenig  bekannt ,  daß  Bodmer  für  nötbig  Hielt  zu  sagen ,  man 
solle  sich  unter  der  divina  commedia  nicht  etwa  ein  Lustspiel  vorstellen.  Die 
erste  regelrechte  Übersetzung  einer  Stelle  Dante's  findet  sich  bei  Andreas  Gry- 
phius  in  den  Anmerkungen  zum  sterbenden  Papinianus.  —  Die  Sitzung  wurde 
um    1 1    Uhr   geschlossen. 

In  der  letzten  Sitzung,  die  am  Sonnabend  den  30.  September  von  8 — 11  Uhr 
gehalten  wurde,  ward  eine  neue  Übersetzung  des  fünften  Gesanges  von  Dante's 
Inferno  von  Friedrich  Halm  durch  Prof.  Bartsch  vorgetragen;  dieselbe  behält 
die   strenge   Form   der  Terzine   und   den   weiblichen   Reim   durchgehends   bei. 

Hierauf  gab  Dr.  Barack  interessante  Beiträge  zur  Geschichte  der  Nibe- 
lungenhandschrift C,  welche  wir  unverkürzt  hier  folgen  lassen.  „Was  man  Qber 
das  Schicksal  der  beiden  Nibelungenhandschriften  A  und  C,  die  einst  Jahrhun- 
derte lang  mit  einander  verbunden  waren,  und  besonders  über  die  Wege,  auf 
denen  sie  von  ihrem  ehemaligen  Aufbewahrungsorte  Hohenems,  jene  in  den  Besitz 
der  Münchener  Hof-  unc)  Staatsbibliothek,  diese  in  das  Eigenthum  der  fürst). 
Hofbibliothek  zu  Donaueschingen  übergieng,  weiß,  ist  theils  unrichtig,  theils  un- 
vollständig. Es  dürfte  daher  von  Interesse  und  im  Hinblicke  auf  die  Berühmtheit 
der  fraglichen  Handschrift  hier  erwünscht  sein,  den  richtigen  und  ausführlichen 
Sachverhalt  hierüber  aus  den  hinterlassenen  Papieren  des  verstorbenen  Freiherrn 
Joseph  von  Laßberg  zu  erfahren.  Er  ergibt  sich  zunächst  aus  einem  Schreiben 
Laßbergs  an  den  damaligen  badischen  Legationsrath  von  Büchler  zu  Frankfurt, 
de  dato  „Heiligenberg  S.April  1819",  und  dann  aus  einer  berichtigenden  Bei- 
lage Laßbergs  zu  Albert  Schotts  Geschichte  des  Nibelungenliedes.  Büchler,  zu- 
gleich Geschäftsführer  der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichtskunde  und 
Mitherausgeber  des  Archivs  der  Gesellschaft,  hatte  sich  erkundigt,  was  wohl  im 
Laufe  der  Zeiten  aus  den  im  Schlosse  zu  Hohenems  aufbewahrten,  noch  vom 
St.  Blasianischen  Abt  Gerbert  in  seinen  Reiseaufzeichnungen  erwähnten  deutschen 
Handschriften  geworden  sei.  Laßberg  erwidert  nun  auf  seine  Anfrage  (s.  Archiv 
der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichtskunde  I,  S.  65):  „„Ich  befinde 
mich  im  Stande,  Euer  Hochwohlgeboren  über  die  die  Hohenemser  Sammlung 
betreffenden  Anfragen  sogleich  umständliche,  aber  leider  nicht  sehr  erfreuliche 
Auskunft  zu  geben  :  Des  Namens  und  Stammes  des  edeln  und  einst  durch  Sänger 
und  Helden  so  berühmten  Hauses  von  Ems  lebt  Niemand  mehr.  Vor  wenig 
Jahren  starb  die  letzte  Erbtochter,  welche  an  einen  Grafen  von  Harrach  in 
Mähren  verheirathet  war  und  ebenfalls  eine  einzige  Tochter  hinterließ,  die  als 
Witwe  des  Grafen  Clemens  von  Waldburg  (Zeiler  Linie)  gegenwärtig  auf  ihren 
Gütern  in  Mähren  lebt,  wo  sie  sich  damit  beschäftigt,  in  einem  Belbstgeetifteten 
Philanthropin  arme  Mädchen  zu  erziehen.  Noch  bei  Lebzeiten  der  Mutter,  einer 
herrlichen  hohen  Frau,  enthielt  der  sogenannte  Palas  zu  Hohem  ins  einen  großen 
Reichthum  von  kostbarem,  altem  Geräthe,  Waffen,  Jagdgezeuge,  Gemälden  und 
einer  wohlgefüllten  Bücherkammer  und  besonders  ein  Vestiarium,  mit  Trachten 
des  XIV.  bis  ins  XVII.  Jahrhundert  angefüllt,  welche  Sammhirig  in  Deutschland 
schwerlich  ihres  Gleichen  hatte.  Die  Tochter  entschloß  sich  plötzlich,  die  alten 
Emser  Besitzungen  zu  verlassen  und  alles,  was  einigen  Geldwerth  hatte,  hinweg 
führen  zu  lassen.    Das  Übrige  wurde  aub  hasta  verkauft  uud  leider  nur  in  der 


r,()6  MISCELLEN. 

nächsten  Umgebung  von  Ems   die  Versteigerung  bekannt  gemacht.   So  geschah  es» 
daß  jetzt    der  große   runde   Tisch    von    schwarzem   Marmor,     an    dem    der    alten 
Ritter   und   Sänger   Becherklang   und   Gesang   so   oft   ertönte,    in   den   Garten   des 
Juden    Lazarus   Levi   zu   Hohenems   wanderte,    und   daß   die   Juden    des   Ortes   in 
der  darauffolgenden   Fastnacht    in   den   Kleidern   der  alten   Grafen   und   Gräfinnen 
von    Ems    die    Straßen    durchzogen.     Von    den    durch    die    Gräfin    in    10    Kisten 
hinweggeführten    Handschriften    und    Büchern    kamen    seitdem    3    Stücke    wieder 
zum   Vorschein.     Um   den   Ruhm   vollends   zu   begründen ,    quod  in  patrios  cineres 
minxit,   schenkte   sie  dieselben  (1807)   in  Prag  ihrem  Advocaten,   dem  Doctor  juiis 
Schuster.    Es   waren    l.   ein   Pergamentcodex   des   Nibelungenliedes,   aus  dem  Ende 
des   XII. — XIII.   Jahrhunderts,     also   weitaus   der  älteste    unter    den   bisher    auf- 
gefundenen;    2.    eine   weitere   Pergamenthandschrift   desselben   Gedichtes   aus   dem 
XIII. — XIV.   Jahrhunderte,   und    3.   eine   Handschrift   des    Barlaam   und  Josaphat, 
gedichtet   von   ihrem   Ahnen  Rudolf  von    Ems,   nun   gleichfalls   in  Donaueschingen. 
Wie   zu   vermuthon  ,     waren    auch   Handschriften    lateinischer   Classiker    darunter, 
denn    mich    Wilkens   Aussage    besitzt    die    Berliner   Bibliothek    einen   Sallust    des 
XII.   Jahrhunderts   aus   der   Ilohenemsischen    Bibliothek.    Dr.   Schuster   sandte   die 
beiden   Nibelungenhandschriften   nach   München.     Die   Münchener   zogen,   weil   die 
ältere   beträchtliche   Hiatus   hat,    die  jüngere   vor  und   gaben    Herrn   Schuster   In- 
cunabeln   dafür.   Nr.  1  und  3    verkaufte  Schuster   an   einen  Herrn  Frikart  in  Wien, 
der  sie    während   des    Congresses    für    einen    hohen   Preis    überall  herum    feilbot. 
Einsmals    wurde    über   Tisch    bei   Kaiser   Franz    vom   Liede    der    Nibelungen    ge- 
sprochen.    Die   Kaiserin   Marie   Louise   nahm   sich   desselben   lebhaft  an,    und   da 
jemand   äußerte ,     daß   sich   die   älteste ,    schönste   und  reichste   Handschrift   dieses 
Gedichts    in    Privathänden     zu   Wien    befinde,     auch    die    k.   k.   Büchersammlung 
keine   Handschrift   dieses   Nationalepos   besitze,     ließ   der   Kaiser    den   Frikart  auf 
den  folgenden  Tag  mit  seiner  Handschrift  zu  sich  bescheiden.   Der  Kaiser  fragte  ihn 
nach   dem   Preise   derselben,     und    Frikart    nannte    die    Summe    von    1000   Stück 
Ducaten.   Nun   so   gehen   Sie   zum   Ossolinsky   (Präses   der   k.  k.  Bibliothek),   sagte 
der   Kaiser,   und   lassen   Sie   sich   eine   Anweisung   an   die   Hofkammer  geben.    Als 
Frikart   das   Buch   zu   dem   Grafen   Ossolinsky   brachte,   machte   ihm   dieser   heftige 
Vorwürfe   über   den  hohen  Preis   und   stellte  sich  an,   als  ob  er  noch  etwas  herunter 
markten  wollte ,    worauf   Frikart    erwiderte ,    daß   das    Buch   ja    von  dem  Kaiser 
selbst  gekauft  und  folglich  nicht  mehr  die  Rede  vom  Handeln  sein  könne.  Osso- 
linsky wollte    ihm    hierauf   eine  Anweisung    auf  4  5  00    Gulden    in  W.   Währung, 
in   Papier  geben,    nach  welcher  der  Verkäufer  dem  damaligen   Curse  nach   über 
die   Hälfte  hätte  verlieren  müßen.     Dies  nahm  Frikart  nicht  an    und    berief  sich 
darauf,  daß  er  mit  dem  Kaiser  auf  Ducaten  und  nicht  auf  Papier  gehandelt  habe. 
Ossolinsky  erwiderte,   daß,  so  lange  die  Bibliothek  bestehe,   noch  nie   ein   Buch 
für   solchen  Preis   gekauft   worTlen   sei,   und  wenn   er  es  für  die  angebotene  Summe 
nicht   ablassen   wolle,   so  könne   er   es   wieder   mit  fortnehmen,   was   er   auch   t hat. 
Während   des   Congresses    1814   und    1815    traf  ich,    fährt   Laßberg   weiter,   diese 
Handschrift   überall   an,    bei   dem   Fürsten   von  Lippe-Schaumburg,   bei  der  Fürstin 
von  Isenburg,  bei  Lord  Castlereagh,  bei  Lord  Cathcart.  Ich  vernahm,  daß  Friedrich 
Schlegel   für   seinen    Bruder  darum   unterhandle    (auch   von   der   Hagen   wollte   sie 
durch   Kopitar   kaufen)   und   endlich   durch   einen    Herrn   Eggstein,   ersten  Cnnimis 
in  der  Sehaumburg'schen  Buchhandlung,  daß  er  durch  den  englischen  Lord  Spencer 
Marlborough.    1»  kannten  Bil'UumancH,    beauftragt  sei,    die  Handschrift  für  denselben 


MISCELLEN.  £07 

zu  erwerben.  Dies  war  ein  Donnerschlag  für  mich !  In  einen  englischen  Büeher- 
saal,  über  dessen  Thüre  geschrieben  steht,  was  Dante  von  der  Thüre  der  Hölle 
berichtef,  sollte  der  Codex  kommen !  einem  brittischen  Knocbenvergraber  sollte 
er  zu  Theil  werden,  und  für  Deutschland,  für  unser  Sehwabenland  auf  ewig 
verloren  sein!  Nein,  dachte  ich,  ehe  ich  dies  zugebe,  verkaufe  ich  mein  letztes 
Hemd.  Ich  stellte  Herrn  Eggstein  Himmel  und  Hölle  vor,  und  war  so  glücklich, 
sein  Herz  weich  zu  machen.  Er  versprach  mir  bei  meiner  Abreise  (20.  Juni  1815), 
wenn  der  Handel  zu  Stande  komme,  mir  den  Vorzug  zu  geben,  und  wenn  ich 
ihm  binnen  drei  Wochen  den  ausgehandelten  Preis  sende,  mir  die  Handschrift 
zu  ühermachen.  Es  war  Ende  der  Fastenzeit,  als  Egsrstein  mir  schrieb:  Der 
Handel  ist  richtig,  und  wenn  Sie  mir  binuen  drei  Wochen  250  Speeiesducaten 
fibermachen,  so  ist  die  Handschrift  Ihr  Eigenthum.  Das  war  nun  gut!  Aber  die 
25  0  Ducaten  hatte  ich  nicht,  und  das  war  nicht  gut;  denn  die  Zeit  war  kurz 
und  der  Weg  nach  Wien  ziemlich  weit.  Indessen  steckte  ich  meinen  Brief  ein 
und  gieng  hinab  zur  trefflichsten  der  Fürstinnen  (Elise  zu  Fürstenberg) ,  denn 
es  war  Frühstückens  Zeit.  Nach  einer  Weile  hui)  die  beste  aller  Frauen  an 
und  sagte:  Sie.  haben  etwas,  das  Sie  bekümmert,  was  mag  das  sein?  Wie 
bekannt-,  wurde  der  Erwerb  durch  die  Munificcnz  der  Fürstin  ermöglicht  und 
die  Handschrift  für  Deutschland  gerettet.  Von  Laßberg  kam  die  Handschrift 
mit  der  ganzen  Laßberg'sehen  Bibliothek  in  Folge  Kaufvertrags  vom  2.  November 
18  53,  nachdem  ihm  die  Benützung  der  Sammlung  bis  zu  seinem  Lebensende 
gestattet  worden  war,  nach  dessen  Tode  im  Jahre  1855  iu  die  fürstliche  Hof- 
bibliothek  zu   Donaueschingen." 

Dr.  Lübhen  hielt  einen  Vortrag  über  agrarische  und  territoriale  Benen- 
nungen, d.  h.  die  im  Volke  gebräuchlichen  Namen  für  agrarische  und  territoriale 
Verhältnisse.  So  wird  als  Beispiel  angeführt  hat/en  als  Bezeichnung  eines  Acker- 
landes, einer  Heide,  in  vielen  Zusammensetzungen  vorkommend;  ferner  die  harre, 
hal/wea,  has;/arten,  hamlwide,  hammerich,  heseke  (ein  Garten),  hau  (Wiese)  u.  s.  w. 
Zum  Theil  sind  diese  Benennungen  schwer  zu  erklären;  die  Wörterbücher  lassen 
in  den  meisten  Fällen  im  Stiche.  Einige  Beispiele  werden  zur  Probe  ausführ- 
licher behandelt,  helle ,  hochd.  Halde,  bezeichnet  jedes  abhängige  Stück  Land; 
l'd  (femin.)  Höhe,  hohe  lul,  ahd.  Uta :  der  Unterschied  zwischen  helle  und  Ihf  be- 
steht darin,  daß  dieses  die  Richtung  in  der  Höhe  aufwärts,  jenes  die  Richtung 
abwärts  bezeichnet,  rufe  bezeichnet  einen  Wasserlauf,  kleinen  Bach,  es  heißt 
auch  rie,  rihe,  ru/e,  wie  neben  einander  die  Formen  irede,  ioee,  wege  (ahd.  witu) 
vorkommen,  stro'd,  ahd.  Mruot .  Busch ,  davon  md.  stritten,  strüterie  u.  s.  w.,  auch 
in  der  Form  strn.  als  Simplex  und  in  Compositionen.  h  ( immer  ich ,  nur  in  friesi- 
schen Gegenden  vorkommend,  aus  ham-me.rke,  Heiminark,  heim,  Dorf,  als  Dorf- 
mark, Gemeindewiese.  Endlich  erwähnt  er  dpn  Ausdruck  auf  der  Wand  und 
ähnliche,  wobei  an  want,  paries .  nicht  zu  denken  sei.  —  Prof.  Dietrich  nimmt, 
dies  want  auf  und  erinnert  an  das  northumbrische  wändworp,  Maulwurf,  identisch 
mit   moltnmrf,    wonach    also   wand,    Erde,    Land    bezeichnet. 

Prof.  Pfeiffer  knüpft  an  diesen  Vortrag  einige  allgemeine  Bemerkungen 
über  Flurnamen  an,  denn  das  sei  die  deutsche  Benennung.  Man  müße  vor  allem 
auf  ältere  Quellen  zurückgehen  und  zu  diesem  Zwecke  l'rbarien,  Lagerbficher 
u.  s.  w.  durcharbeiten,  wie  sie.  in  unsern  Archiven  sehr  zahlreich.  Dadurch  klfire 
sich  manches  Entstellte  gegenwärtiger  Benennungen  auf.  In  Salzburg  7.  B.  gebe 
es  jetzt  eine  Kavgasse,  wobei  man  jetzt  an  franz.  <v'uai  «lenke,  es  hieß  aber 
ursprünglich  Ghaigasse,  von  heien,  Indees  nicht  Wörterbücher  allein  mußten  dabei 


50S  M1SCELLEN, 

zu  Rathe  gezogen  werden ,    sondern    es    sei    zur  Erklärung    immer   eine   genaue 
Kenntniss  der  localen   Verhältnisse  nothwendig. 

Prof.  v.  Keller  fügte  hinzu ,  daß  er  durch  die  Vorarbeiten  zu  seinem 
schwäbischen  Wörterbuche  schon  lange  auf  die  Flurnamen  aufmerksam  geworden 
sei.  Würtemberg  habe  für  jeden  Bezirk  ofßcielle  Flurkarten,  aber  die  dort  ver- 
zeichneten Namen  seien  sehr  häufig  ungenügend  und  missverstanden,  daher  die 
archivalischen  Quellen  zu  ihrer  Rectificierung  nothwendig  hinzugezogen  werden 
müßten. 

Dr.  Rieger  spi'aeh  über  Dante's  Minnesang  im  Verhältniss  zu  Vorgängern 
und  Zeitgenossen.  Das  Studium  der  altitalienischen  Lyrik  sei  noch  sehr  vernach- 
lässigt; die  einzigen  Quellen,  welche  vorliegen,  seien  noch  immer  die  Poeti  del 
primo  secolo  und  die  Rime  antiche  Toscane,  und  doch  sei  Ungedrucktes  in  Menge 
vorhanden.  Viele  der  gedruckten  Gedichte  seien  ganz  unverständlich  und  müßten 
erst  durch  Zurückgehen  auf  die  Handschriften  kritisch  bereinigt  werden.  Der 
Vortragende  schildert  nun  den  Charakter  der  altitalienischen  Lyrik ,  die  haupt- 
sächlich von  der  provenzalischen  angeregt,  anfänglich  auch  ganz  ausschließlich 
in  den  Conventionellen  Gleisen  der  Troubadourdichtung  fortgeht.  Mit  Guido 
Guinicelli  beginnt  eine  neue  Epoche,  und  so  fasst  diesen  Dichter  Dante  selbst 
auf.  Ein  neuer  Geist  tritt  an  die  Stelle  des  alten  ;  Guido  zieht  die  Theologie 
in  den  Kreis  der  Liebesideen  herein,  die  Liebe  wird  ihm  ein  Gegenstand  philo- 
sophischer Erörterungen ;  die  Bitten  um  Gnade,  welche  er  an  die  Geliebte  ebenso 
wie  die  früheren  Dichter  richtet,  haben  bei  ihm  nur  noch  eine  formelle  Be- 
deutung. Von  ihm  geht  Dante  aus,  seine  Art  und  Weise  der  Liebesdichtung 
eignet  er  sich  an  und  bildet  sie  weiter  fort:  durch  zahlreiche  Beispiele  wird 
sowohl  diese  Anlehnung  wie  andrerseits  Dante  s  eigenthümliche  Entwickelung 
dargelegt.  Weniger  bedeutend  ist  Dante's  Freund,  Guido  Cavalcanti.  Sehr  begabt 
dagegen  Labo ,  welcher  nach  des  Vortragenden  Ansicht  weit  über  Petrarca  zu 
stellen ,  aber  merkwürdig  unbekannt  sei :  Fauriel  sei  beinahe  der  einzige ,  der 
seinen   Werth   erkannt  habe   und  auf  ihn   hinweise. 

Prof.  Pfeiffer  nimmt  das  Wort,  um  über  die  Schritte  zu  sprechen,  welche 
zunächst  im  Interesse  des  niederdeutschen  Wörterbuches  zu  thun  seien.  Es  sei 
das  Mandat  der  Commission  zu  erneuern ;  dieselbe  solle  zunächst  einen  Bearbeiter 
ausfindig  machen  und  für  eine  Anzahl  von  Mitarbeitern  Sorge  tragen,  auch 
darauf  denken,  wie  die  Unterstützung  der  niederdeutschen  Regierungen  gewonnen 
werden  könnte.  Auf  der  nächstjälmgen  Versammlung  solle  sie  einen  bestimmt 
formulierten  Antrag  in  dieser  Beziehung  stellen.  Diese  Propositionen  wurden 
von  der  Versammlung  angenommen. 

Der  Ort  der  nächsten  Philologenversammlung  ist  Halle ;  zum  Präsidenten 
der  germanistischen  Section  wurde  Prof.  Leo,  zum  Vicepräsidenten  Prof.  Zacher 
in   Halle   erwählt. 

Prof.  Creizenach  beantragt,  Prof.  Holtzmann  die  Theilnahme  der  Versamm- 
lung zu  bezeugen,  daß  er  durch  Krankheit  verhindert  gewesen,  den  Verhand- 
lungen beizuwohnen  und  dieselben  als  Präsident  zu  leiten.  Auf  Antrag  von 
Prof.  Pfeiffer  wurde  dem  Präsidium  der  Dank  der  Section  für  die  Leitung  der 
Verhandlungen  ausgedrückt,  wie  auch  Prof.  von  Keller  den  Secretären  für  ihre 
Mühwaltung  und  Aufopferung  einen  Dank  zu  votieren  beantragte.  Um  1 1  Uhr  wur- 
den die  diesjährigen  Sitzungen  der  germanistisch-romanistischen  Section  geschlossen. 
ROSTOCK,  20.  October  1865.  KARL  BARTSCH. 


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3003 

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